Posts mit dem Label Ukrainekrieg werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Ukrainekrieg werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 10. März 2023

Verteidigung

 

Heute, o sonst so friedfertige Lesehäschen, geht es zur Sache. Jetzt gibt es eine Abreibung, was aufs Maul, hinter die Löffel, auf die Glocke und wo sonst noch Platz ist beziehungsweise ein Hieb hinpasst wie Arsch auf Eimer, nämlich wie die Faust aufs Auge, also ganz hervorragend. Freilich nur in Notwehr, wir wollen ja niemanden angreifen. Allein zur Verteidigung erheben wir die Hand! Denn diese ist eine reine Defensivwaffe. Oder? Ehrlich gesagt: So genau vermag euer Ergebener das nicht zu sagen. Ob man jetzt eine Watschen kassiert, weil man zuvor aus heiterem Himmel jemandem die Unterhose zu den Schulterblättern gehievt hat, oder ob man einen Schwinger kassiert, weil man jemandem aus heiterem Himmel eine Watschen überreicht hat – eine Watschen ist eine Watschen, da beißt die Maus keinen Faden ab.

Anscheinend ist euer Zweckdichter diesbezüglich etwas unterbelichtet. Denn allerlei Auskenner äußern einschlägige Sorgen. Zuletzt übernahm Isolde Charim im Falter die habermassche Anschauung, dass die Lieferungen des Westens an die Ukraine „von defensiven zu offensiven Waffentypen“ anwüchsen. Ich muss gestehen, dass ich da auf der Leitung stehe. Wie hält man die beiden Sorten auseinander? Ja klar, ein Raketenabwehrsystem ist defensiv. Deshalb heißt es ja auch „Abwehr“. Genauso wie ein Stecken ein Hiebabwehrsystem ist, weil ich mit ihm (entsprechendes Training vorausgesetzt) gegen mich geführte Hiebe parieren kann. Die Sache ist halt: Diese zu parierenden Hiebe führt mein Angreifer ebenfalls mit einem Stecken. Der dann wohl eine Offensivwaffe ist. Wenn ich nun irgendwo einmarschiere und die Angegriffenen Raketen auf mich abschießen, verteidige ich mich dann mit meinem Raketenabwehrsystem, oder ist es Teil meines Angriffsarsenals? Und wenn umgekehrt wer bei mir mit Panzern einmarschiert und ich meinerseits Panzer auffahren lasse, was sind das dann für welche?

Mir ist die Unterscheidung, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, so klar wie jene zwischen Blumen und Unkraut. Unkraut ist, was dir nicht taugt. Vielleicht finden es aber die Raupen extrem köstlich, ziehen sich dann eine Runde zurück, und hastdunichtgesehn, schon erfreut dich ein Schmetterling. Des einen Unkraut ist des andern Feldfrucht.

Es gibt freilich einen einfachen Ausweg, um ein für allemal zu klären, welche Waffen der Verteidigung dienen und welche nicht. Die mittelalterlichen Mönche halfen sich über die zahlreichen Fasttage hinweg, indem sie zum Beispiel den Biber ob seines schuppigen Schwanzes zum Fisch erklärten, sodass ein bisschen Abwechslung in den Speiseplan kam. Nichts liegt näher, als ein schlichtes Unterscheidungskriterium einzuführen: Wenn der Westen es der Ukraine liefert, ist es defensiv. Und schon können alle wieder ruhig schlafen, die Waffenlieferungen als „Kriegstreiberei“ sehen, wobei es in deren Reihen von Kulturschaffenden nur so wimmelt, während Leute, die aus einschlägiger Expertise ihren Lebensunterhalt ziehen, als zum Beispiel Militärs oder Konfliktforscher, hier konsequent mit Abwesenheit glänzen. Schönes Wochenende!

 

Freitag, 24. Februar 2023

Visionen

 

Lesen, und wer wüsste das besser als ihr, o vielgeliebte Lesehäschen, bildet bekanntlich. Freilich bildet es bisweilen die Meinung, dass man es sich sparen hätte können, den Blödsinn zu lesen. So wurde in der ZEIT ein Alexander Kluge befragt, wie man aus dem Ukrainekrieg herauskommen könne. Man wandte sich an einen Berufenen, denn der Gute ist anscheinend „Filmemacher, Fernsehproduzent, Schriftsteller, Drehbuchautor, bildender Künstler, Philosoph und Rechtsanwalt“. Allerdings fehlen hier mindestens noch „Komponist, Architekt und Hebamme“.

Und siehe: Er hat nicht nur eine Meinung, er hat Visionen. Nämlich: „Die Lieferung von Baumaterial für den Wiederaufbau der zerstörten Ukraine könnte die Einbildungskraft für die Zeit nach dem Krieg entzünden.“ 

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht. Aber wenn ich ein Ukrainer wäre, und die deutsche Bundesregierung (oder auch die österreichische) stellt mir eine Palette Ziegel vor die Tür, während ich auf Telegram mitverfolgen kann, wie der russische Vorstoß in meine Richtung so läuft, dann würde das zweifellos meine Einbildungskraft entzünden, aber möglicherweise weniger in Richtung des von Kluge imaginierten gemeinsamen Wiederaufbaus als hinsichtlich dessen, was ich mit den Verantwortlichen gern anstellen würde.

Doch Kluge ist auch Realist: „Dass Panzerlieferungen helfen, den Krieg zu beenden, glaube ich nicht.“ Wie wahr. Wem es darum zu tun ist, der sollte Panzer natürlich nicht an die Ukraine liefern, sondern an Russland. Kluge reiht sich damit bei jenen Geistesgrößen vom Schlage Peter Weibels und Alice Schwarzers ein, die schon im vergangenen Jahr in einem offenen Brief dazu aufforderten, den Krieg raschest zu beenden, und diesen Appell nicht etwa an Putin richteten, sondern an Scholz.  

 A propos Geistesgrößen: Sophie Passmann hat sich, ebenfalls in der ZEIT, darüber Gedanken gemacht, wie unfair die Welt zu Madonna und zu Frauen im Allgemeinen ist. Denn:

Ausnahmslos jede Frau, die eine Karriere in der Öffentlichkeit hat, ist mit der Tatsache konfrontiert, dass ein Teil des Wertes ihrer Persona mit ihrem Aussehen zu tun hat. Das klingt gewaltvoll, als würde man einen Teil seines inneren Wertes ohnehin kompromittieren müssen, wenn man sich als Frau der Öffentlichkeit stellt.

Nun habe ich keine Ahnung, wie Frau Passmann aussieht. Ich weiß aber, dass sie zu einem nicht geringen Teil vom Schreiben lebt. Deshalb muss ich leider feststellen, dass sie einen Teil ihres inneren Wertes „kompromittiert“ hat, weil sie die Wendung „würde man müssen“ anstatt eines schlichten „müsste man“ in die Öffenlichkeit gestellt hat, von „gewaltvoll“ ganz zu schweigen. Tja, schade. Es wäre so einfach gewesen.

Schönes Wochenende!