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Freitag, 24. Februar 2023

Visionen

 

Lesen, und wer wüsste das besser als ihr, o vielgeliebte Lesehäschen, bildet bekanntlich. Freilich bildet es bisweilen die Meinung, dass man es sich sparen hätte können, den Blödsinn zu lesen. So wurde in der ZEIT ein Alexander Kluge befragt, wie man aus dem Ukrainekrieg herauskommen könne. Man wandte sich an einen Berufenen, denn der Gute ist anscheinend „Filmemacher, Fernsehproduzent, Schriftsteller, Drehbuchautor, bildender Künstler, Philosoph und Rechtsanwalt“. Allerdings fehlen hier mindestens noch „Komponist, Architekt und Hebamme“.

Und siehe: Er hat nicht nur eine Meinung, er hat Visionen. Nämlich: „Die Lieferung von Baumaterial für den Wiederaufbau der zerstörten Ukraine könnte die Einbildungskraft für die Zeit nach dem Krieg entzünden.“ 

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht. Aber wenn ich ein Ukrainer wäre, und die deutsche Bundesregierung (oder auch die österreichische) stellt mir eine Palette Ziegel vor die Tür, während ich auf Telegram mitverfolgen kann, wie der russische Vorstoß in meine Richtung so läuft, dann würde das zweifellos meine Einbildungskraft entzünden, aber möglicherweise weniger in Richtung des von Kluge imaginierten gemeinsamen Wiederaufbaus als hinsichtlich dessen, was ich mit den Verantwortlichen gern anstellen würde.

Doch Kluge ist auch Realist: „Dass Panzerlieferungen helfen, den Krieg zu beenden, glaube ich nicht.“ Wie wahr. Wem es darum zu tun ist, der sollte Panzer natürlich nicht an die Ukraine liefern, sondern an Russland. Kluge reiht sich damit bei jenen Geistesgrößen vom Schlage Peter Weibels und Alice Schwarzers ein, die schon im vergangenen Jahr in einem offenen Brief dazu aufforderten, den Krieg raschest zu beenden, und diesen Appell nicht etwa an Putin richteten, sondern an Scholz.  

 A propos Geistesgrößen: Sophie Passmann hat sich, ebenfalls in der ZEIT, darüber Gedanken gemacht, wie unfair die Welt zu Madonna und zu Frauen im Allgemeinen ist. Denn:

Ausnahmslos jede Frau, die eine Karriere in der Öffentlichkeit hat, ist mit der Tatsache konfrontiert, dass ein Teil des Wertes ihrer Persona mit ihrem Aussehen zu tun hat. Das klingt gewaltvoll, als würde man einen Teil seines inneren Wertes ohnehin kompromittieren müssen, wenn man sich als Frau der Öffentlichkeit stellt.

Nun habe ich keine Ahnung, wie Frau Passmann aussieht. Ich weiß aber, dass sie zu einem nicht geringen Teil vom Schreiben lebt. Deshalb muss ich leider feststellen, dass sie einen Teil ihres inneren Wertes „kompromittiert“ hat, weil sie die Wendung „würde man müssen“ anstatt eines schlichten „müsste man“ in die Öffenlichkeit gestellt hat, von „gewaltvoll“ ganz zu schweigen. Tja, schade. Es wäre so einfach gewesen.

Schönes Wochenende!

Freitag, 27. August 2021

Ganz indirekt

 

O vielgeliebte Lesehäschen, der Sommer geht in Pause, wobei man sich regional uneinig ist, ob Kaisers Geburtstag (18. August) oder Maria Empfängnis (15. August) den Abschied einleitet. Weiters ist die Frage, ob eine indirekte Frage im Konjunktiv zu formulieren ist respektive sei.

Da haben wir schon den Salat. Stellst du die Frage direkt, dann ist alles klar wie Klärchen. „Kommst du mit zum Essen?“ „Schläfst du noch?“ „Bist du okay, Frank?“ Das fragt sich selbstverständlich im Indikativ, weil du ja wissen willst, was der Fall ist. 

Ebenso eindeutig liegt der Fall, wenn du mir erklärst, was Sebastian gefragt hat: „Sebastian fragt, ob Afghanistan eh ein sicheres Land sei.“ Hier brauchen wir den Konjunktiv (vorzugsweise Konjunktiv I), weil Sebastians ursprüngliche Frage in indirekter Rede wiedergegeben ist, und die indirekte Rede erkennt man am Konjunktiv, da beißt die  Maus keinen Faden ab.

Doch gibt es allzumal Fallstricke, warum nicht auch hier. Mir will nämlich scheinen, dass manche Fragen nur so tun, als seien sie indirekt. Wie etwa diese:

„Ich frage mich, ob man indirekte Fragen wirklich immer im Konjunktiv formulieren –“  tja. Muss oder müsse?

Formal liegt eine indirekte Frage vor, also schreiben wir müsse. Wie aber lautet die direkte Frage, die sich irgendwann verpuppt hat, auf dass aus dem Kokon später eine wunderschöne indirekte Frage schlüpfe? Bin ich wirklich irgendwann schlaflos gelegen und habe mich gefragt: „Muss man indirekte Fragen wirklich immer im Konjunktiv formulieren?“, um später von diesem Erlebnis zu berichten? Natürlich nicht, doch das wäre auch wurscht. Denn landesüblich sagt man ja nicht nur „ich habe mich gefragt, ob …“ sondern durchaus auch „ich frage mich, ob“.

Wenn ich mich jetzt frage, ob, dann referiere ich keine Frage, die ich mir irgendwann gestellt habe. Sondern ich berichte live aus meinem Gehirn – so fad kann live sein – was dort gerade abgeht. Man kann sich daher, finde ich, den Konjunktiv in diesem Fall getrost sparen. Wenn Robert Seeger erzählt, was am Ganslernhang los ist, japst er ja auch nicht: „Ich sehe aus unserer Kommentatorenkabine, dass Michael Matt sich gerade die Startnummer zurechtzupfe“, sondern dass jener sie zurechtzupft.

In Wahrheit ist die Sache natürlich komplizierter, weil standardsprachlich der Konjunktiv dran ist, wenn ich referiere, was ich gehört, jedoch der Indikativ, wenn ich referiere, was ich gesehen habe. Dies nicht etwa, weil die Sprache den Ohren weniger vertraute als den Augen, sondern weil man Gehörtes aus zweiter Hand empfängt: Ich habe gehört, du seist dem Alkohol verfallen, ich habe aber gesehen, dass du nur Wasser trinkst. Habe ich hingegen optisch wahrgenommen, dass du angeblich säufst, dann steht auch hier der Konjunktiv: Unsere Mutter schreibt mir, du trinkest gern einen über den Durst.

Im Falle von Mario Matt darf man aber dem eigenen Augenschein trauen, sodass selbst ein Sprachkünstler von Seegers Rang nicht auf die Idee käme, zurechtzupfe zu sagen.

Deshalb, o scharfsinnige Lesehäschen, gibt es zumindest einen Fall, in dem eine scheinbar indirekte Frage keinen Konjunktiv braucht. Schönes Wochenende!

Freitag, 26. Februar 2021

Alles offen

 

Man soll, o teure Lesehäschen, den Leuten gut zuhören, dann erfährt man etwas über sie. Weil es aber aufgrund seiner rhetorischen Inselbegabung sehr anstrengend ist, dem Herrn Bundeskanzler zuzuhören, kann man stattdessen „Zur Sache“ lesen, was, wie männiglich bekannt, der nagelneue offizielle Blog des ÖVP-Parlamentsklubs ist und nach Aussage seines Chefredakteurs zur Versachlichung der politischen Debatte beitragen soll. Der Herr Chefredakteur hat einstweilen nur einen einzigen Schackl unter sich, den 23-jährigen Peter Stöckl, der sich mit seinen „Erfahrungen aus (Vorzugsstimmen-)Wahlkämpfen, politischen Kampagnen und der jungen Volkspartei“ optimal für sachlichen Journalismus qualifiziert hat. Das beweist zum Beispiel sein Artikel um die Frage, wann die Wirten wieder aufsperren dürfen. Der Titel ist wundervoll, denn er lautet: Öffnung ist fix. Offen ist wann.

Die graziöse Doppelung von „Öffnung“ und „offen“ lässt eine freundliche Fata morgana vor uns erstehen von einem überschäumenden Krügel, an dem die Luftfeuchtigkeit gar verheißungsvoll kondensiert. Möglicherweise auch eine weniger freundliche, die sich von diesen Sätzen an das englische Sprichwort erinnert fühlt, dass Meinungen wie Arschlöcher sind: Jeder hat eins, weshalb zumindest die Körperöffnung fix ist, auch wenn die Öffnung der Gastronomie vorerst ebenso, nun ja, offen bleiben muss wie möglicherweise das einschlägige Organ bei ÖVP-Mitarbeitern, die sich gehalten sehen, die Diskussion zu versachlichen.

Wenn man wieder zu sich kommt und überlegt, was da eigentlich drinsteht, stellt man leider fest, dass nur eines fix ist, nämlich, dass noch nix fix ist. Möglicherweise handelt es sich auch um den Dialog zwischen übertrieben optimistischem Gastronomiefunktionär: „Öffnung ist fix!“, dem der Möchtegerngast freudig erwidert: „Offen ist wann?“, worauf der Funktionär keine Antwort weiß. (Am Tag nach der Veröffentlichung dürfte sich der Chef den Artikel angeschaut haben, weshalb die Headline nun anders lautet, was kein Wunder, aber doch bedauerlich ist.) 

Wer weiterliest, stellt fest: Wo Peter Stöckl hinschreibt, wächst kein Gras mehr. So weiß er zu berichten, warum es im Dezember gescheiter war, die Lokale geschlossen zu halten: „Damalige Berechnungen […] ergaben, dass sich privat weniger Menschen anstecken würden, als wenn man die Lokale geöffnet hätte.“ Anscheinend hat man nicht nur die Lokale, sondern auch die Privatwohnungen geschlossen, da im Hinblick auf beide der Konjunktiv zu stehen kommt. Pass auf, Peter, so wird ein Schuh draus: „… dass sich privat weniger Menschen ansteckten, als wenn man die Lokale geöffnet hätte.“ Gleich darauf zeigt Herr Stöckl, dass er den Finger am Puls der Zeit hat, denn er apportiert nicht etwa bloß „aktuelle Berechnungen“, nein, er hat „die aktuellsten Berechnungen“ parat. Das ist sogar dem Chefredakteur durchgerutscht, der noch nicht behirnt hat, dass, wenn gestern etwas aktuell war und heute etwas Neues dazukommt, das Aktuelle von gestern es heute nicht mehr ist, weshalb aktuell sich ebenso sinnvoll steigern lässt wie schwanger.

Aus dem letzten Absatz erfahren wir endlich, warum zwar die Öffnung fix ist, aber nichts, was dazu beitragen könnte: Schwierig machen die Berechnungen die derzeit wieder leicht steigenden Zahlen. Man muss nicht Mathematik studiert haben, um verständnisvoll zu nicken: Das Rechnen könnte so einfach sein, wenn die lästigen Zahlen nicht wären! Dass es auf die Entwicklungen der nächsten Tage an[kommt], wie Nachwuchshoffnung Stöckl abschließend bemerkt, wird ihm hoffentlich keine Scherereien mit Onkel Anschober eintragen, der ja alles gepachtet hat, was irgendwie darauf schließen lässt, dass „die nächsten /hier Zeitspanne eintragen/ entscheidend sein“ werden.

Also, ihr zwei von Zur Sache, viel Glück! Das hat ja super angefangen, wir schauen sicher wieder vorbei. Schönes Wochenende!

Freitag, 30. August 2019

Wer's braucht

Keine Sorge, teure Häschen: Trotz der Hitze schläft euer Kolumnator gut. Kürzlich träumte mir, eine Doyenne der Schauspielkunst habe Frau Rendi-Wagner „verblödet“ geheißen, weil ihr das Misstrauensvotum gegen Herrn Kurz unterlaufen ist. Dazu kann ich nur sagen, dass man nicht zu rasch mit Vorurteilen bei der Hand sein soll. Wie pflegte doch ein lieber Freund zu sagen? Es gibt keine vertrottelten Greise, die waren alle als Junge schon deppert.
Soviel dazu.
Wie die Chancen von Frau Rendi-Wagner stehen, ist eine Frage, die mancher sich kaum zu stellen wagt, und genau das ist das Seltsame. Die Frau ist gebildet, sie kann reden, sie wirkt ehrlich, sie ist herzeigbar, sie ist kompetent – was zum Geier ist da eigentlich das Problem?
Eine mir bestens bekannte Person hat dazu eine betrübliche Theorie aus dem zwischenmenschlichen Bereich: Wenn jemand mit 40 noch (oder wieder) zu haben ist, so jene Person, hat das oft einen Grund. Vielleicht liegt es also nicht an Rendi-Wagner, sondern an der SPÖ. Denn Rendi-Wagner ist vieles, aber sie ist kein Porsche und auch keine halb so alte Freundin. Es liegt nicht an dir, Pamela, es liegt an mir, der Midlife-SPÖ!
Eines muss man allerdings der Guten ankreiden: Sie hat schon mehrfach behauptet, „es brauche“ irgendwas. Leider ist „es braucht“ die All-time-Lieblingsfloskel fast aller Politiker. Nämlich aller, die in die Politik gegangen sind, weil sie es wichtig fanden, dass etwas bewirkt werde, und dazu etwas beitragen wollten, im Gegensatz zu jenen, die selber etwas bewirken wollen. „Es braucht“ sucht nach einer Rechtfertigung dafür, dass der Betreffende etwas richtig findet. Denn wer braucht, wenn es braucht? Genau: keiner, weil es hier nichts ist als ein Ersatzsubjekt, ein grammatischer Platzhalter, der nur dasteht, damit das Prädikat eine Ansprache hat. „Es braucht“ ist die Jogginghose der politischen Richtungsfindung. Wer eine Jogginghose trägt, wusste Karl L., der hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Wer „es braucht“ sagt, weiß nicht, wem er die Kontrolle über seine Politik zuschieben soll: anscheinend dem es, das irgendwo da draußen sitzt, blind, taub, aber reich an Bedürfnissen. Ich für mein Teil hätte es gern konkreter. Und weil wir gerade dabeisind: Wie lautet der Konjunktiv II von es braucht? Genau: es brauchte (und nicht: „es bräuchte“). Weil warum? Weil der Konjunktiv von der Mitvergangenheit (a.ka. Präteritum) gebildet wird und genauso aussieht wie jene. Der Konjunktiv II von er bemerkte lautet also er bemerkte, der von er brauchte heißt er brauchte. Warum sagen wir trotzdem so oft ich bräuchte? Weil der Konjunktiv von stark gebeugten Verben sich oft durch einen Umlaut vom Indikativ unterscheidet. Sie lag, vielleicht läge er lieber. Ob er wirklich log oder ob ihm nur nachgesagt wurde, er löge – wer weiß.
Erfreuliche Wahrheitsliebe hat jedenfalls unser liebster Wahlkampfverweigerer Sebi Kurz bewiesen. Denn zu der Frage, ob es angebracht sei, dass Kickl lieber die Drahtzieher des Ibiza-Videos dingfest machen will als ein schlechtes Gewissen zu haben, weil seine Parteifreunde offensichtlich völlig frei von einem solchen sind, zu dieser Frage also sprach Kurz in seinem überaus staatstragenden Interview, nachdem die Reisswolf-Affäre (ja, mit Doppel-s, ist ein Firmenname!) bekannt geworden war: Da hatte ich schon das Gefühl, dass da die mangelnde Sensibilität für den richtigen Umgang fehlt. Das muss eine herbe Enttäuschung gewesen sein, also rein menschlich, wo er doch von seinem Innenminister gewöhnt war, dass dieser mangelnde Sensibilität immer nur dort zeigte, wo sie dem Kanzler eh nicht fehlte, also zum Beispiel im Umgang mit Menschen, die garantiert schlechter dran sind als die beiden K-Kumpane.
Schönes Wochenende!

Freitag, 22. Juli 2016

Nackt und wahr

Ich weiß, ich weiß, ihr seid ganz heiß. Heiß auf die News aus der Tschickstummelszene, die Konzerne und Regierungen vor euch geheimhalten wollen. Keine Angst, in Kürze geht es weiter mit eurem Lieblingsthema. Wer hätte gedacht, dass Tschickstummel so spannend sein können! Heute haben wir aber etwas anderes zu klären. Es geht um Wendy, laut derstandard.at „Aktionskünstlerin und Stripperin“. Zwischen ihren beiden Tätigkeitsfeldern hat sie glücklich die Direttissima gefunden, eine schnurgerade Linie, die zum Beispiel entlang dem Donaukanal oder durch den Volksgarten führt und auf der sie, so dürfen wir uns das zumindest vorstellen, entlangmarschiert, wie Gott sie geschaffen hat, nämlich nackt, aber ohne Gewinnstreben, denn letzteres macht den Unterschied, ob Wendy ihren Stripperinnenhut (und nur diesen) oder den einer Aktionskünstlerin trägt. Sie teste, so wird berichtet, auf diese Weise „die Geduld und Reaktionen der Wiener“. (Hierin versteckt sich übrigens ein kleines Zeugma, einst eines unserer Lieblingsthemen in dieser Kolumne, bevor der Tschickstummel kam. Wer es findet, kriegt einen Tschickstummel.) „Wirklich schlechte Erfahrungen hätte sie noch nie damit gemacht“, heißt es im wieder einmal zu forsch gesetzten Konjunktiv II statt I weiter, mit der Begründung: „achtet sie ja auch immer schön brav auf kleine Kinder und Burkas“. Selbst wenn wir die Burka als pars pro toto für ihre Trägerin gelten lassen, schwelen in mir Zweifel daran, dass kleine Kinder sich in vergleichbarer Weise von einer nackten Blondine belästigt fühlen könnten wie Musliminnen bestimmter strenger Glaubensvariationen. Die Frage, was die Tante denn da macht, richtet sich gewiss eher an die Mama als an Allah.
Doch darum geht es nicht. Viel wichtiger ist das ja, zu dem wir in Wien ja eine engere Beziehung unterhalten als die Leute anderswo. Denn in weiten Teilen des deutschen Sprachraums kennt man zwar nur eine Verneinung („nein“), aber zwei Bejahungen, nämlich einmal die zustimmende: Machen wir uns nackig? – Ja! und die widersprechende: Kannst du mir nicht mit dem BH helfen? – Doch! In Wien gibt es nur eine, nämlich ja, im Widerspruchsfalle verstärkt durch ein o: Du hast jetzt nicht hergeschaut, oder? – O ja!
Deshalb ist uns das ja hier so teuer, dass wir nicht davon lassen können. Selbst nicht in Fällen wie dem vorliegenden, in dem etwas Merkwürdiges geschehen ist. Denn man würde wohl sagen: Schlechte Erfahrungen habe ich nie gemacht. Ich achte ja immer auf Burkas.
Schließt sich aber der zweite Teil als Nebensatz an, dann klappt es mit dem ja nicht mehr, sondern: Schlechte Erfahrungen habe ich nie gemacht, achte ich DOCH immer auf Burkas. Was ist das Merkwürdige? Die Wortarten haben miteinander Unfug getrieben, wie Gott sie schuf, und die Autorin hat sich nicht mehr ausgekannt. Denn ja bleibt immer Partikel. Doch hingegen ist als bejahende Antwort auf eine negative Frage zwar ebenfalls ein Partikel. Dieses doch ist aber nicht dasselbe wie das Adverb doch, das wir hier gebraucht hätten und das einen begründenden Adverbialsatz anzeigt. So hat vor lauter Hitze auch die Sprache sich freigemacht, und man sieht Dinge, die man nicht unbedingt sehen wollte. Wie bei den Leuten halt.
Zum Abschied noch eine weitere Zeitungsperle: Der Kauf von LinkedIn könnte zur Offensive werden, die nach hinten losgeht. Die Sphären der Metaphern passen eh zusammen, aber irgendwie will es doch nicht so recht.

Freitag, 8. April 2016

Konjunktiv und Politik

Lesehäschen, -rammler und selbstverständlich mitgemeinte Häschengenders, wieder einmal zeigt sich, dass das Leben der Grammatik hinterherhechelt. Denn mit einer ordentlichen Consecutio temporum und einer Beherrschung des Unterschieds zwischen Indikativ und Konjunktiv hätten wir weniger moralischen Stress mit Maßnahmen zur Problemlösung.
Hä?
Geduld, meine Lieben. Es geht um die Frage, wo bzw. wann genau man ansetzen soll, um einem Missstand (ja, das schreibt man jetzt leider so. Für alle Ästhetiker: Mißstand. Gern geschehen.) abzuhelfen. Die Kommentatorinnen und Kommentatoren, deren Meinung man vorzugsweise auf Facebook teilhaftig wird, wissen: Wir müssen bei den Ursachen ansetzen.
Und schon ist das Unglück geschehen, ob es um die Flüchtlingskrise geht, um Leseschwäche bei Volksschulabgängern, um mangelnde Akzeptanz der arbeitsrechtlichen Wahlmöglichkeiten für Väter, um sexistische Übergriffe oder um Terroranschläge.
Denn natürlich ist es ein Blödsinn, dass wir, wenn wir akut mit einer Problematik zu kämpfen haben, jetzt bei den Ursachen ansetzen müssen. Wir HÄTTEN bei den Ursachen ansetzen müssen, vorige Woche oder letztes Jahr oder vor zehn Jahren. JETZT müssen wir leider erst einmal die Symptome angehen. Ich befand mich einmal in einem Haus, das sich anschickte, vom Hochwasser durchfeuchtet zu werden. Die Ursache war vielleicht die Klimaerwärmung, vielleicht ungeeignete oder mangelnde Verbauungsmaßnahmen, oder gar ein Flügelschlag, der einem Schmetterling in Feuerland zur Unzeit ausgekommen war. Bis deren Bekämpfung in die Gänge gekommen wäre, hätten sich im Keller schon die Forellen Grüß Gott gesagt. Ähnlich ist es mit sexuellen Übergriffen: Wie kürzlich geschrieben, gehören deren Ursachen auf jeden Fall bekämpft. Aber wenn du eine Hand am Hintern spürst, solltest du außerdem einen Plan B für jetzt gleich haben (also das geeignete Äquivalent zu ein, zwei Wasserpumpen, um die dreckige Plörre wieder ins Freie befördern).
Doch wir reflektierten, liberalen, sozial verständnisvollen Abendländer haben uns eine Grammatikschwäche wachsen lassen, dank derer wir weder einsehen, was wir gestern hätten tun sollen noch, was wir jetzt tun müssten. Wir wissen dafür immer ganz genau, was wir morgen, ja morgen tun werden: das Übel an der Wurzel packen! Aber bestimmt!
Beziehungsweise werden wir es packen lassen, oder auch nicht. Nach den Anschlägen in Brüssel legte man von der eigenen staatsbürgerlichen Wachheit Zeugnis ab, wenn man anprangerte, dass die Staaten nun die Gelegenheit nutzen, sich weitere Überwachungsbefugnisse zu sichern, wo sie doch besser daran täten – na was? Genau: die Ursachen des Terrorismus zu bekämpfen. Nun bin ich sicher der letzte, der einer ins Kraut schießenden Überwachungsstaatlichkeit das Wort reden wollte. Ich erlaube mir aber die Frage: Was wir Besonnenen denn jetzt und hier von den Staaten erwarten, die wir uns ja auch leisten, um Terroranschläge hintanzuhalten? Und ich schicke gleich eine haltlose Behauptung nach: Wer dem Staat dessen mangelnde Beschäftigung mit den Ursachen vorhält, der weiß wohl genauer, dass er der Obrigkeit keine weiteren Überwachungsmöglichkeiten zubilligt, als, wie die Bekämpfung des Übels an der Wurzel auszusehen habe.
Deshalb ein Vorschlag zur Güte: Einigen wir uns darauf, dass Erste Hilfe und die Reform des Gesundheitswesens zwei verschiedene Projekte sind und dass der soeben Verunfallte von ersterer mehr profitiert als von letzterer, selbst wenn wir einen Malus dafür veranschlagen, dass die Anschauungen darüber, was eine geeignete ersthelferliche Maßnahme ist, sich mit der Zeit ändern.
Man reicht heute kein Riechsalz mehr, aber das beweist weniger gegen das Riechsalz als gegen das Korsett. Freilich HÄTTE man sich einst eher vom Korsett verabschieden sollen. Die Geschichte zeigt aber, dass das leider eine Weile gedauert und bis dahin die eine oder andere Besinnungslose immerhin vom Riechsalz profitiert hat.
Davon, dass mein Ansinnen unreflektierter, wenn nicht sogar populistischer Aktionismus ist, bin ich leicht zu überzeugen: Der nächste Besonnene, der vom Brandgeruch aufwacht, rufe nicht die Feuerwehr, sondern reiche eine Petition zur Bauordnung ein. Wenn er in seine leergeräumte Wohnung heimkehrt, spende er flächendeckend an gemeinnützige Organisationen, um der Kriminalität ihren Nährboden zu entziehen, anstatt sich an die Polizei zu wenden.
Bis das geschieht, üben wir alle noch einmal den Konjunktiv II: Ich hätte früher anfangen sollen, mir einen Bart wachsen zu lassen. Dann stünde mir jetzt eine Hecke im Gesicht, und ich könnte mit den anderen Hipstern Filzpappenpoker darum spielen, wer im Standard-Forum als nächstes die Bekämpfung der Ursachen wovon auch immer einfordern darf.

Freitag, 1. April 2016

Der unsichtbare Dritte


Die Stilistik, liebe schier unwiderstehlichen Lesehäschen, kennt den Begriff der „uneigentlichen Rede“: Wörter tragen nicht die Bedeutung in sich, die außen draufsteht, sondern eine, die ihnen erst im rhetorischen Zusammenhang zuwächst. Unser hochverehrter Herr Kulturminister Josef Ostermayer hat sich in einem kürzlich gewährten Interview um die Kultur, speziell die Sprachkultur, verdient gemacht, indem er dem Begriff eine neue, umso überzeugendere Bedeutung faktisch-performativ eingeschrieben hat. Denn wer das Interview liest, fragt sich nachher, wer zum Geier hier eigentlich geredet hat?

Kurzer historischer Exkurs für die ganz kleinen Lesehäschen: Josef Ostermayer ist ein gelernter Jurist, der sich alsbald auf Wohnrecht spezialisiert und es nach sieben Jahren bei der Mietervereinigung zum Chef des Wiener Wohnfonds gebracht hat. Danach ist er im Sog Werner Faymanns Minister für Kultur und noch so allerlei geworden. Seine erste Amtshandlung bestand darin, Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann zu schassen, weil der als ausgewiesener künstlerischer Leiter in der Buchhaltung nicht hinreichend genau hingeschaut hatte. Nichts profiliert einen frischgebackenen Kulturminister mit solidem Background in Wohnrecht so rasch wie die Trophäe eines kapitalen Burgtheaterdirektors. Das unterstelle ich jetzt einfach mal, weil ich bezweifle, dass die Demontage des Hartmanns und die sonstigen Umstellungen substanziell etwas gebracht haben. Inwiefern zum Beispiel die Streichung der Kartenpreisermäßigung für Kinder Österreich kulturell viarehaut, das soll mir der hochverehrte Herr Bundesminister tiefempfunden vortanzen. Davon zu schweigen, dass die wunderbaren Familienstücke sich in den aktuellen Burg-Spielplänen rar machen wie brauchbarer Aufschnitt beim Merkur.

Nun aber zum Interview. Ostermayer verlautbart gleich im dritten Satz sein Programm: Er wolle zu dem immer noch laufenden Verfahren „nicht Stellung nehmen.“ Klar, dass dann doch Stellung genommen wird, aber von wem? Eine Frage später heißt es: „Die Annahme, dass irgendwelche Unterlagen nicht herausgegeben worden wären, würde ich in Kenntnis der handelnden Personen zurückweisen.“ Durch diese Konjunktive muss man erst einmal durchsteigen, damit einem klar wird: Anscheinend kennt er die handelnden Personen nicht. Aber wer redet dann von ihnen? Und wer weist zurück?

Weiter geht’s: „Wo Verjährungsfristen eintreten könnten, wurden entsprechende Schritte gesetzt und von Wirtschaftsprüfern ein Verjährungsverzicht eingefordert. Wo dieser nicht abgegeben wurde, haben wir eine Feststellungsklage abgegeben.“ Hier gibt es zwei, vielleicht drei handelnde Personen: uns, den/die Urheber der Schritte, und eventuell die Wirtschaftsprüfer, je nachdem, ob diese die Fordernden waren oder die Adressaten der Forderung. Der wichtigste Akteur, der die Schritte gesetzt hat, bleibt auf jeden Fall im Dunkeln. Wen deckt Ostermayer hier?

Aufklärung bleibt aus: „Wenn es von Wirtschaftsprüfern über lange Zeit uneingeschränkte Bestätigungsvermerke gab, auch das Kontrollsystem betreffend, kann man der Holding oder den Aufsichtsräten schwer vorwerfen, sie hätten genauer hinschauen müssen.“ Gab es jetzt oder gab es nicht? Wenn es gab und man nicht vorwerfen will, wozu gibt es dann die genannten Instanzen? Vor allem aber: Wer ist man? Offenbar ein Abwartender im Hintergrund. Die Zukunft bleibt ungewiss, nicht zuletzt für Ostermayers Leibprojekt, das Haus der Geschichte: „Für heuer haben wir Vorsorge getroffen.“ Sagte der Minister Ende März.

Alle, die schon einmal Cyrano de Bergerac gelesen oder den Film gesehen haben, dürfte bei diesem Interview ein Gefühl des Déjà-vu beschlichen haben. Es ist, als hätte der Standard Christian de Neuvillette interviewt. Nun hoffen wir auf ein baldiges Gespräch mit Cyrano, der Neuvillette/Ostermayer eingesagt hat. Wer weiß, wessen Ohrs er sich noch sicher sein darf!

Freitag, 29. November 2013

Schön wär’s



Texter, bleib bei deinen Sätzen, rufe ich mir heute selber zu. Beziehungsweise: Riefe ich mir zu, wenn ich dazu imstande wäre. Damit sind wir beim Thema. Es geht um den Konjunktiv, genauer gesagt, die Konjunktive. Denn gäbe es nur einen, wäre die Sache einfach. Es gibt aber bekanntlich mehrere, und da fangen die Schwierigkeiten an. Man schlage eine beliebige Zeitung auf, und trinke bei jedem nicht regelkonformen Konjunktiv einen Schnaps. Bis du die Möpse auf Seite 7 zu Gesicht kriegst, bist du schon fett wie die russische Erde. Ein Beispiel aus dem gestrigen Standard: "Das Unternehmen würde es bedauern, 'dass es durch Mitarbeiter zu Falschmeldungen gekommen ist.'"
Wie jetzt? Entweder gab es Falschmeldungen, und das Unternehmen bedauert dies, dann muss es heißen: "Das Unternehmen bedauere, dass es ...". Der Konjunktiv "bedauere" drückt aus, dass das Bedauern nicht vom Redakteur stammt, sondern ein Zitat ist.
Oder es gab keine Falschmeldungen: "Das Unternehmen würde es bedauern, wenn es durch Mitarbeiter zu Falschmeldungen gekommen wäre." Hier drückt "würde bedauern" den irrealen Charakter aus, die Hypothese. Der Journalist wollte sich wohl auf die sichere Seite schlagen, hat aber die Sache nur furchtbar kompliziert gemacht: Er hat sich über den Konjunktiv I (bedauere) nicht drübergetraut und sich deshalb in den Konjunktiv II geflüchtet. Dieser, also "bedauerte", sieht aber aus wie der Indikativ, weshalb er noch ein "würde" anflicken musste, um ihn kenntlich zu machen. W
Warum sind Zeitungen dafür so anfällig? Weil das Problem eben besonders gern im Zusammenhang mit indirekten Zitaten auftaucht. Neu ist es nicht – ich hatte kürzlich Gelegenheit, die Kinder von Bullerbü wieder einmal zu lesen (also: vorzulesen). Zumindest der deutsche Übersetzer hat bei fast jedem Konjunktiv den Absprung knapp verpasst, indem er meist den Konjunktiv II setzt, wo der Konjunktiv I die normgerechte Wahl gewesen wäre.  (Für interessierte Einsteiger: Den Konjunktiv I bilden wir von der Gegenwartsform, z.B. "stehen – stehe", "sagen – sage"; den Konjunktiv II von der Mitvergangenheit: "ging – ginge", "sagen – sagte".)
Doch wie ist das nun wirklich mit dem Konjunktiv? Wer zum Schmied geht anstatt zum Schmiedl, findet bei Karl Kraus ein Beispiel aus Schillers Wallenstein:

"Mir meldet er aus Linz, er läge krank,
doch hab' ich sichre Nachricht, daß er sich
zu Frauenberg versteckt beim Grafen Gallas."

Im "läge" ist erstens ein Zitat ausgedrückt (als Paraphrase von "er hat mir gesagt, dass er liegt"), zweitens der Zweifel daran. Würde ich ihm glauben, dann schriebe ich: "er liege krank". Dieser Konjunktiv I ersetzt einfach den dass-Satz im Indikativ. Der Konjunktiv II "läge" teilt den Zweifel mit. Dieser ist berechtigt, denn ich habe gehört, dass er sich "versteckt". Stünde hier "dass er sich verstecke" (also: ein dass-Satz, in dem auch noch ein Konjunktiv steckt), dann wäre auch dieses angezweifelt, und ich müsste ihn anderswo suchen.
Kurz: Im indirekten Zitat ohne dass-Satz drückt der Konjunktiv I Glauben ans Gesagte aus, der Konjunktiv II Misstrauen am Gesagten. Im dass-Satz kommt das Misstrauen schon mit dem Konjunktiv I, weil zur reinen Wiedergabe der Indikativ genügte.
Ausgenommen sind natürlich Fälle, in denen der Konjunktiv I genauso aussieht wie der Indikativ – "er sagte, dass sie gehen müssen". Hier wäre "müssten" angebracht.
Beim nächsten Mal bohren wir die Bedingungssätze (unter Freunden: Konditionalsätze) an und schauen, was da unter der Kruste wurlt. Oder auch nicht. Ganz wie ihr wollt. Schaut euch den Carponizer an. Schönes Wochenende!