Posts mit dem Label Überwachung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Überwachung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 13. Dezember 2024

Angebissen


 

Einst, o erinnerungsstarke Lesehäschen, verhieß uns Apple allseitige Erneuerung und – in dem legendären Werbespot dazu – einen buchstäblichen Befreiungsschlag: Weg mit den Fesseln, freie Datenbahn für freie Bürger mit freien Gedanken! 40 Jahre ist das jetzt her. Wer wissen will, wie es aktuell um die Company steht, der setze sich zu mir ans Kaminfeuer.

Also: Wie verknüpft man ein AirTag (das ist so ein Findemichknopf) mit seinem Applekonto? Man hält ihn ans iPhone. Und zwar nur an dieses (oder an ein iPad). Wer ein MacBook hat und ein AirTag nutzen will, kauft sich zuvor ein iPhone. Warum das so sein muss, obgleich das AirTag per Bluetooth funktioniert, weiß man bei Apple, aber sie verraten es nicht. Das ist der erste Freiheitsgrad.

Hat man das geschafft, dann will man auf genanntem MacBook schauen, wo das Ding denn nun sei, und loggt sich behufs dessen in sein Applekonto ein. Die Logindaten für das Applekonto stellen eine sensible persönliche Information dar, daher sendet Apple einen sechsstelligen Code an die anderen Applegeräte des Anmeldeversuchers, den man zuerst dort ablesen und dann am MacBook eingeben muss.

Allerdings ist auch das MacBook selbst ein „anderes Applegerät“ und erhält daher den Code. Es poppt also direkt vor der Loginseite, die durch den zweiten Faktor (also den Code) gesichert wird, ein Fenster mit dem Code auf, den man dann auf der Loginseite eintippselt.

Außerdem gibt es ein Kästchen, das man abhaken kann, um sich das Theater in Zukunft in „diesem Browser“ zu ersparen. Ich sag’s gleich: Das Kästchen bewirkt lediglich, dass es bei allen weiteren Versuchen bereits abgehakt ist. Das ist Zweifaktorauthentifizierung bei Apple, auch bekannt als zweiter Freiheitsgrad.

Nun ist man endlich drin und stellt enttäuscht fest: Das AirTag ist nirgends. Im selben Applekonto auf dem iPhone ist es da, auf dem MacBook nicht. Das ist der dritte Freiheitsgrad, an dem auch weitere fünf Versuche nichts ändern.

Schließlich kann man das AirTag auch mit anderen teilen, damit diese ebenfalls nachschauen können, wo das Ding ist.

Allerdings nur, wenn Apple das gut findet. Andernfalls kommt die Meldung, dass der Betreffende „möglicherweise ’Wo ist?‘ nicht verwendet“. Diese Meldung erscheint durchaus auch, wenn der Betreffende „Wo ist?“ sehr wohl verwendet. Aber sicherheitshalber darf man das Tag dann nicht teilen, weil der Betreffende vielleicht nichts davon hätte. Das ist der vierte Freiheitsgrad. Ein engstirniger Android- oder Windowsprogrammierer käme vielleicht auf die Idee, das Teilen zu gestatten und es dann dem User zu überlassen, ob er das Ding mit seinem Gerät orten kann. Aber in der schönen freien Welt von Apple wäre das gemein. So, meine Lieben, sieht es in dem aus, was vor ein paar Jahren wenigstens noch ein goldener Käfig war. Schönes Wochenende!

Freitag, 8. April 2016

Konjunktiv und Politik

Lesehäschen, -rammler und selbstverständlich mitgemeinte Häschengenders, wieder einmal zeigt sich, dass das Leben der Grammatik hinterherhechelt. Denn mit einer ordentlichen Consecutio temporum und einer Beherrschung des Unterschieds zwischen Indikativ und Konjunktiv hätten wir weniger moralischen Stress mit Maßnahmen zur Problemlösung.
Hä?
Geduld, meine Lieben. Es geht um die Frage, wo bzw. wann genau man ansetzen soll, um einem Missstand (ja, das schreibt man jetzt leider so. Für alle Ästhetiker: Mißstand. Gern geschehen.) abzuhelfen. Die Kommentatorinnen und Kommentatoren, deren Meinung man vorzugsweise auf Facebook teilhaftig wird, wissen: Wir müssen bei den Ursachen ansetzen.
Und schon ist das Unglück geschehen, ob es um die Flüchtlingskrise geht, um Leseschwäche bei Volksschulabgängern, um mangelnde Akzeptanz der arbeitsrechtlichen Wahlmöglichkeiten für Väter, um sexistische Übergriffe oder um Terroranschläge.
Denn natürlich ist es ein Blödsinn, dass wir, wenn wir akut mit einer Problematik zu kämpfen haben, jetzt bei den Ursachen ansetzen müssen. Wir HÄTTEN bei den Ursachen ansetzen müssen, vorige Woche oder letztes Jahr oder vor zehn Jahren. JETZT müssen wir leider erst einmal die Symptome angehen. Ich befand mich einmal in einem Haus, das sich anschickte, vom Hochwasser durchfeuchtet zu werden. Die Ursache war vielleicht die Klimaerwärmung, vielleicht ungeeignete oder mangelnde Verbauungsmaßnahmen, oder gar ein Flügelschlag, der einem Schmetterling in Feuerland zur Unzeit ausgekommen war. Bis deren Bekämpfung in die Gänge gekommen wäre, hätten sich im Keller schon die Forellen Grüß Gott gesagt. Ähnlich ist es mit sexuellen Übergriffen: Wie kürzlich geschrieben, gehören deren Ursachen auf jeden Fall bekämpft. Aber wenn du eine Hand am Hintern spürst, solltest du außerdem einen Plan B für jetzt gleich haben (also das geeignete Äquivalent zu ein, zwei Wasserpumpen, um die dreckige Plörre wieder ins Freie befördern).
Doch wir reflektierten, liberalen, sozial verständnisvollen Abendländer haben uns eine Grammatikschwäche wachsen lassen, dank derer wir weder einsehen, was wir gestern hätten tun sollen noch, was wir jetzt tun müssten. Wir wissen dafür immer ganz genau, was wir morgen, ja morgen tun werden: das Übel an der Wurzel packen! Aber bestimmt!
Beziehungsweise werden wir es packen lassen, oder auch nicht. Nach den Anschlägen in Brüssel legte man von der eigenen staatsbürgerlichen Wachheit Zeugnis ab, wenn man anprangerte, dass die Staaten nun die Gelegenheit nutzen, sich weitere Überwachungsbefugnisse zu sichern, wo sie doch besser daran täten – na was? Genau: die Ursachen des Terrorismus zu bekämpfen. Nun bin ich sicher der letzte, der einer ins Kraut schießenden Überwachungsstaatlichkeit das Wort reden wollte. Ich erlaube mir aber die Frage: Was wir Besonnenen denn jetzt und hier von den Staaten erwarten, die wir uns ja auch leisten, um Terroranschläge hintanzuhalten? Und ich schicke gleich eine haltlose Behauptung nach: Wer dem Staat dessen mangelnde Beschäftigung mit den Ursachen vorhält, der weiß wohl genauer, dass er der Obrigkeit keine weiteren Überwachungsmöglichkeiten zubilligt, als, wie die Bekämpfung des Übels an der Wurzel auszusehen habe.
Deshalb ein Vorschlag zur Güte: Einigen wir uns darauf, dass Erste Hilfe und die Reform des Gesundheitswesens zwei verschiedene Projekte sind und dass der soeben Verunfallte von ersterer mehr profitiert als von letzterer, selbst wenn wir einen Malus dafür veranschlagen, dass die Anschauungen darüber, was eine geeignete ersthelferliche Maßnahme ist, sich mit der Zeit ändern.
Man reicht heute kein Riechsalz mehr, aber das beweist weniger gegen das Riechsalz als gegen das Korsett. Freilich HÄTTE man sich einst eher vom Korsett verabschieden sollen. Die Geschichte zeigt aber, dass das leider eine Weile gedauert und bis dahin die eine oder andere Besinnungslose immerhin vom Riechsalz profitiert hat.
Davon, dass mein Ansinnen unreflektierter, wenn nicht sogar populistischer Aktionismus ist, bin ich leicht zu überzeugen: Der nächste Besonnene, der vom Brandgeruch aufwacht, rufe nicht die Feuerwehr, sondern reiche eine Petition zur Bauordnung ein. Wenn er in seine leergeräumte Wohnung heimkehrt, spende er flächendeckend an gemeinnützige Organisationen, um der Kriminalität ihren Nährboden zu entziehen, anstatt sich an die Polizei zu wenden.
Bis das geschieht, üben wir alle noch einmal den Konjunktiv II: Ich hätte früher anfangen sollen, mir einen Bart wachsen zu lassen. Dann stünde mir jetzt eine Hecke im Gesicht, und ich könnte mit den anderen Hipstern Filzpappenpoker darum spielen, wer im Standard-Forum als nächstes die Bekämpfung der Ursachen wovon auch immer einfordern darf.

Freitag, 16. Januar 2015

Von wegen gläsern


Meine hochgeschätzten und mir sehr teuren Lesehäschen, gibt es irgendwas, was die Welt noch nicht über euch weiß oder mit ein paar fragwürdigen Abfragen herausfinden könnte?

Natürlich nicht. Haben wir doch alle schon alle Informationen über uns beim Smartphone-Betriebssystemanbieter unserer Wahl gegen Komfort eingetauscht, 1-Click-Bestellung aktiviert, auf Facebook gepostet und mit Kreditkarte bezahlt. Und wenn alles nichts hilft, können Wissbegierige immer noch in unserem Mist stierln, dann bleibt nichts mehr verborgen. Im Jahr 2015 ist Privatsphäre eine kuschelige Illusion. Zwar darf ich hoffen, in der Masse unterzugehen. Aber nicht, weil es über mich nichts zu wissen gäbe, sondern weil es keinen interessiert. Das Thrillermäßigste, was bei der Überwachung herausschaut, ist gezielte Bannerwerbung. Trotzdem ist uns allen klar: Nichts, was wir tun, bleibt verborgen. Alles hat Konsequenzen. 

Alles, bis auf eines.

Wenn der Trottel vor dir sein Geld im Bankomaten vergessen hat und du es dir vor dem sehenden Auge der Überwachungskamera einnähst, passiert gar nichts.

Der in Rede stehende Trottel war natürlich ich, letzten Samstag mittags in der Raiffeisen. Und als ich elf Minuten später wieder dort war, war die Kohle natürlich weg. Am Dienstag bin ich dann auf Anraten meiner Bank zur Polizei marschiert (50 Euro Haben und Nichthaben sind schließlich 100 Euro, dann noch die Mehrwertsteuer sind 120, 13. und 14. sind 144, dann hast du vielleicht noch ein bisschen Glück im Casino, da reden wir gleich von fünf, sechshundert Euro). Dort hat mich ein netter Polizist begrüßt. Anfangs war ich etwas irritiert, denn er trug Dienstpullover mit einem T-Shirt darunter, und ich bin mit den maßgeschneiderten Uniformen samt Hemd und Krawatte aufgewachsen, die den besser Abgehangenen unter uns z. B. aus dem Förster vom Silberwald vertraut sind.

Der Nette hat mir dann erklärt, dass er selbstverständlich gerne bereit sei, meine Anzeige aufzunehmen, und dass dabei nichts herausschauen werde. Denn die Staatsanwaltschaft, so der Ordnungshüter, lasse sich in solchen Fällen auf nichts ein, wenn es um weniger als einen Tausender geht. Nicht einmal dann, wenn auf dem Überwachungsvideo jemand zu sehen ist, den die Polizei schon beim Vornamen kennt (keine Übertreibung).

Die gute Nachricht lautet also: So arg ist das mit den Überwachungsvideos nicht. Solange man sich auf Schadenssummen unter EUR 1.000,- beschränkt, steht nicht mal irgendjemand auf, um sich das Video anzuschauen. Merkt euch das wohl, denn diese Erkenntnis habe ich euch mit einem Fünfziger erkauft.