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Freitag, 13. Dezember 2024

Angebissen


 

Einst, o erinnerungsstarke Lesehäschen, verhieß uns Apple allseitige Erneuerung und – in dem legendären Werbespot dazu – einen buchstäblichen Befreiungsschlag: Weg mit den Fesseln, freie Datenbahn für freie Bürger mit freien Gedanken! 40 Jahre ist das jetzt her. Wer wissen will, wie es aktuell um die Company steht, der setze sich zu mir ans Kaminfeuer.

Also: Wie verknüpft man ein AirTag (das ist so ein Findemichknopf) mit seinem Applekonto? Man hält ihn ans iPhone. Und zwar nur an dieses (oder an ein iPad). Wer ein MacBook hat und ein AirTag nutzen will, kauft sich zuvor ein iPhone. Warum das so sein muss, obgleich das AirTag per Bluetooth funktioniert, weiß man bei Apple, aber sie verraten es nicht. Das ist der erste Freiheitsgrad.

Hat man das geschafft, dann will man auf genanntem MacBook schauen, wo das Ding denn nun sei, und loggt sich behufs dessen in sein Applekonto ein. Die Logindaten für das Applekonto stellen eine sensible persönliche Information dar, daher sendet Apple einen sechsstelligen Code an die anderen Applegeräte des Anmeldeversuchers, den man zuerst dort ablesen und dann am MacBook eingeben muss.

Allerdings ist auch das MacBook selbst ein „anderes Applegerät“ und erhält daher den Code. Es poppt also direkt vor der Loginseite, die durch den zweiten Faktor (also den Code) gesichert wird, ein Fenster mit dem Code auf, den man dann auf der Loginseite eintippselt.

Außerdem gibt es ein Kästchen, das man abhaken kann, um sich das Theater in Zukunft in „diesem Browser“ zu ersparen. Ich sag’s gleich: Das Kästchen bewirkt lediglich, dass es bei allen weiteren Versuchen bereits abgehakt ist. Das ist Zweifaktorauthentifizierung bei Apple, auch bekannt als zweiter Freiheitsgrad.

Nun ist man endlich drin und stellt enttäuscht fest: Das AirTag ist nirgends. Im selben Applekonto auf dem iPhone ist es da, auf dem MacBook nicht. Das ist der dritte Freiheitsgrad, an dem auch weitere fünf Versuche nichts ändern.

Schließlich kann man das AirTag auch mit anderen teilen, damit diese ebenfalls nachschauen können, wo das Ding ist.

Allerdings nur, wenn Apple das gut findet. Andernfalls kommt die Meldung, dass der Betreffende „möglicherweise ’Wo ist?‘ nicht verwendet“. Diese Meldung erscheint durchaus auch, wenn der Betreffende „Wo ist?“ sehr wohl verwendet. Aber sicherheitshalber darf man das Tag dann nicht teilen, weil der Betreffende vielleicht nichts davon hätte. Das ist der vierte Freiheitsgrad. Ein engstirniger Android- oder Windowsprogrammierer käme vielleicht auf die Idee, das Teilen zu gestatten und es dann dem User zu überlassen, ob er das Ding mit seinem Gerät orten kann. Aber in der schönen freien Welt von Apple wäre das gemein. So, meine Lieben, sieht es in dem aus, was vor ein paar Jahren wenigstens noch ein goldener Käfig war. Schönes Wochenende!

Freitag, 1. Dezember 2023

Zeit ist Geld

 

Der Router, o technikverliebte Lesehäschen, ist die Superyacht des kleinen Mannes. Oder, damit wir fair bleiben, nicht der Router, sondern jener Router, den du als Repeater (quasi Datenmätresse) einsetzt, weil du ja schon einen Hauptrouter zur Rechten hast, der dich, wann immer du es begehrst, mit drahtloser Bandbreite versorgt, während du die unsterbliche Nummer The Internet is for Porn aus Avenue Q summst, welches Musical vor einer Weile auch in Wien aufgeführt wurde, aber leider auf Deutsch. Ich habe das Gefühl Das Internet ist für Schweinkram fetzt nicht ganz so hart rein.

Wo waren wir? Genau. Du besitzt also einen Router der weitbeschreiten Marke Fritz.Box, der über einen einzigen LAN-Anschluss verfügt. Einerseits brauchst du nämlich einen Router, der einen SIM-Karten-Steckplatz hat, und da sind die mit mehreren LAN-Anschlüssen rar und teuer. Andererseits brauchst du aber LAN-Anschlüsse, weil deine Heizung sonst nicht gehorcht und dein Drucker auf deine Druckwünsche pfeift.

Die Lösung ist ein Repeater mit LAN-Anschlüssen. Nun stellst du fest, dass Fritzboxen Herdentiere sind, indem sie sich mit anderen Fritzboxen gut vertragen, nicht aber mit beispielsweise einem Netgearteil. Ein Fritzboxrouter lässt sich daher plugandplay als Repeater einrichten, wenn du schon einen Fritzboxrouter dein eigen nennst. Das ist eine höchst erfreuliche Nachricht, weil die eigentlichen Fritzboxrepeater sehr teuer sind, während man gebrauchte Fritzboxrouter auf willhaben für ’n Appel und ’n Ei kriegt, wie man so sagt, wenn auch selten in Österreich.

Du machst also eine Radtour, weil du wieder einmal auf die Postleitzahl 1100 hereingefallen bist und dir gedacht hast, dass 1100 ja an 1040 grenzt, nicht bedenkend, dass es zum Beispiel von Miami nach Vancouver ein ganz schön breiter Weg ist, obgleich auch die USA an Kanada grenzen. Favoriten, das merke sich ein jeder, ist groß.

Nun hast du deine Fritzbox heimgetragen, schließt sie an und drückst die entsprechenden Knöpfe, um deinen Router und die Datenmätresse über ihre neuen Positionen zu belehren. Dies kümmert beide einen Dreck.

(Die folgenden vier Stunden inklusive Anrufs bei der wieder einmal nutzlosen Fritzboxhotline sowie Hilferufpostings in einem einschlägigen Forum dürft ihr euch selber ausmalen. Nur so viel: Plug & Play hat oft erstaunlich spezifische Wünsche, wie zum Beispiel „Betriebssystem Version 7 oder neuer“. Aber jetzt funktioniert es, danke der Nachfrage. Und wenn der Menüpunkt, von dem die Hilfreichen im Internet dir erklären, dass du ihn anklicken sollst, bei dir nicht existiert, liegt es eventuell daran, dass – die Wege des Herstellers sind unerforschlich – du möglicherweise auf ein gut verstecktes Icon klicken musst, um die „Expertenansicht“ freizuschalten, weil du dich erst mit der Auffindung dieser Option als Experte qualifizierst.)

Wie also eine Superyacht eine höchst effiziente Maschine zur Vernichtung von Kontostand ist, so ist ein Repeater eine nicht minder effiziente Maschine zur Vernichtung von Freizeit. Und wer vor niemandem damit protzen kann, dass er das Hafenbecken von Monaco blockiert hat, kann immer noch damit angeben, dass er seinen freien Nachmittag mit der Herstellung von Onlinekapazität verjuxt hat.

Schönes Wochenende!

Freitag, 15. September 2023

Sauhaufen

 

Es ist, o überaus reinliche Lesehäschen, an der Zeit, über Sauberkeit zu sprechen. Gerne teilt euer Ergebener seine jüngsten einschlägigen Erfahrungen. Eine Wohnung zu reinigen, die man nicht selbst bewohnt hat, ist ja ein bisschen so, wie wenn sich Spinnen paaren: lehrreich und interessant, aber halt auch widerlich. Sei es, dass dem ein Trauerfall voranging, sei es, dass eine Mietwohnung zurückgegeben wurde, wie dies dem Zweckdichter widerfahren ist. Besonders in letzterem Fall hofft man natürlich, dass die Dahingehenden in Sachen Sauberkeit ähnlich gestrickt sind wie man selber, also ungefähr zwischen 60 und 70 Prozent auf der Skala zwischen „unverheiratete Orks lassen mal fünfe gerade sein“ und „Gexi Tostmann macht sauber, weil Lotte Tobisch zu Besuch kommt“.

Leider ist dies erstaunlich selten der Fall, was vor allem bedeutet, dass die besagten 60–70 Prozent nicht so objektiv festzumachen sind, wie man sich vielleicht einredet.

Wenn die Mietexen aber schon sehr deutlich Richtung orkisches Jungvolk gedriftet sind, also den Übergang von der Sauberkeit zur Saubär-keit (haha) gänzlich vollzogen haben, muss man sich darauf einstellen, eine solche Wohnung „besenrein“ zurückzubekommen. „Besenrein“ ist eine Umschreibung dafür, dass kein Müll herumliegt. Anderslautenden Gerüchten zum Trotz ist es nicht die gesetzliche Mindestanforderung. Diese ist „so, wie man die Wohnung übergeben hat, abzüglich Verwohnung“. Wenn die Wohnung also bei Anmietung in einem Zustand war, dass der morgendliche Sockentest (alle an die Wand schmeißen und die anziehen, die nicht klebenbleiben) versagt, weil alle klebenbleiben, dann hat man es sich selbst zuzuschreiben, wenn das auch bei der Rückgabe der Fall ist. War sie aber sauber, kann man streiten.

Was tut man nun mit einer besenreinen Wohnung? Bis vor Kurzem hätte der Zweckdichter gesagt: „Bei BIPA oder dm aufmunitionieren und losfeudeln“ (Feudel, der: sehr bundesdeutsch für „Putzfetzen“. Bildungsauftrag erfüllt) und sich in guten Tipps über die Reinigungspower von Rasiercreme verloren.

Heute aber habe ich euch eine frohe Botschaft zu verkünden: Es gibt eine Sauberkeit und Action ist ihr Prophet!

Action? Action ist die Diskonterkette, die Tedi Konkurrenz macht, mit dem Unterschied, dass es bei Action mehr brauchbares Zeug gibt, teils sogar von Marken, deren Namen man schon einmal gehört hat. Und Gartenzwerge natürlich, was wäre Action ohne Gartenzwerge. Unser heutiges Thema ist die Putzmittelmarke „Blue Wonder“, die ein seltenes Beispiel für etwas bietet, das tatsächlich so funktioniert wie in einem Fernsehspot der 1980er. Wenn in der Orkhöhle zum Beispiel alle Oberflächen mit einem zarten bräunlichen Schleier überzogen sind, wobei nur das Badezimmer insofern etwas Abwechslung reinbringt, als in dem Schleier stellenweise Härchen kleben, bei denen man lieber nicht darüber spekuliert, aus welchem Follikel sie einst gesprossen sind, dann verzagt nicht, o meine Teuren! Vielmehr sprüht ihr Blue Wonder Super Fettlöser auf die befallenen Stellen und dann rinnt der Schlatz tatsächlich ohne weiteres Zutun herunter. Drüberwischen und weiter geht’s. Denn freilich: Dreck gibt es noch genug. Das ist bei Orks leider so.

Zwei gute Nachrichten zum Schluss: Erstens war euer Ergebener kürzlich bei der Physiotante seines Vertrauens, die ihn bestens behandelt hat. Bezüglich seines Oberarms meinte sie: „Aber Sie trainieren ja.“ Worauf die Antwort nur lauten konnte: „Nein, aber ich putze viel.“ Wenigstens das schaut also dabei heraus.

Zweitens sind von den Exmietern mit Sicherheit keine religiös motivierten Anschläge zu befürchten. Denn bekanntlich kommt die Frömmigkeit gleich nach der Sauberkeit.

Schönes Wochenende!

Freitag, 25. August 2023

Rechtsdrehend

 

Dies, o mit Recht enttäuschte Lesehäschen, ist nicht die Zukunft, die uns einst verheißen wurde. Dass nach Waldsterben und Ozonloch noch viel Schlimmeres gefolgt ist, nicht zuletzt dank einer Lobby, die aus ideologischen Gründen alles dafür getan hat, den Karren gegen die Wand zu fahren (wer ein mieses Wochenende haben will, lese Merchants of Doubt), wissen mittlerweile sogar manche FPÖ-Wähler. Dass es mit den fliegenden Autos und der Kolonie auf dem Mond mau aussieht, wissen alle außer Elon. Dass wir Erfahrungspunkte farmen sollten, um rechtzeitig geile Installateursskills zu erwerben, sodass wir im Bedarfsfall die Reparatur der Wärmepumpe selber craften können, weil wir sonst erfrieren oder beim Kaltduschen einen Herzkasper erleiden, ehe der einzige Fachkundige im Umkreis von 100 Kilometern Zeit für uns hat, ist uns schmerzlich bewusst.

Wie schlimm es aber selbst um Servicebranchen steht, in denen man nicht einmal wissen muss, wie ein 17er-Gabelschlüssel aussieht, geschweige denn, wie man ihn hält, daran müssen wir uns erst gewöhnen. Eventuell auch nicht, wenn die KI endlich einmal anfängt zu liefern, aber auch da sieht es bisher ja eher müde aus, weil, haha, die KI wieder dümmer wird, da ihr Trainingsstoff zunehmend ebenfalls KI-erzeugt ist, sodass die künstliche Doofheit sich potenziert, dass man dabei zuschauen kann.

Zum Beispiel hätte man gerne ordentliches Internet fernab der nächsten Ampel. Was man hat, ist Festnetz-Internet. Man hat sich dafür entschieden, weil „Festnetz“ so solide klingt. Tatsächlich ist das Kabel vielleicht fest, die Verbindung deshalb aber noch lange nicht. Der Kundendienst kann wenig ausrichten, weil sein Vorvorgänger einst vergessen hat, aufzuschreiben, wo das Kabel sich befindet. Ja, im Ernst: Es gibt einen Kasten an der Straße, dann folgen 50 Meter Rätsel, und schließlich ist in der Mauer eine Dose mit wieder einem Kabel drin. Was dazwischen geschicht, weiß niemand.

Man hätte gern das örtliche Drahtlos-Internetz, das über eine Richtfunk-Verbindung hergestellt wird. Das geht leider nicht, weil man zu nahe am Berg ist, der die Richtfunkstation verdeckt. Also nimmt man halt LTE. Hier verbringt man einige lustige Stunden mit dem Setup, weil der Router (von einem deutschen Markenhersteller) nicht nur den Anbieter nicht kennt (der ja auch erst seit 2005 im Geschäft ist), sondern weil auch nirgends in der Anleitung steht, dass man diesfalls Roaming freischalten muss.

Dann hat man endlich eine Verbindung, die aber nur ein Zehntel der verheißenen Bandbreite liefert. Eine SIM-Karte eines anderen Anbieters kommt im selben Netz auf das Zwanzigfache.

Der Kundendienst meint, man könnte schon ein „Technik-Ticket“ eröffnen. Aber man solle doch lieber die SIM-Karte einschicken, zwecks Prüfung. Möglicherweise bekomme man dann „auf Kulanz“ eine neue. Liebes Yesss: Wenn ihr mir eine defekte SIM-Karte verkauft, ich die die dann einschicke und ihr mir dafür eine funktionsfähige liefert, hat das mit Kulanz nichts zu tun.

Also tritt man vom Vertrag zurück und schaut sich anderweitig um. Währenddessen hat der Rasenmäher Rhythmusstörungen, weil das Messer lose sitzt. Man will dieses demontieren, doch dreht sich die Welle mit. Man ruft den Rasenmähermann an. „Ich bin ziemlich sicher, das ist ein Linksgewinde.“

Erstens: Wenn sich die Welle mitdreht, ist es egal, ob links oder rechts.

Zweitens: Es ist ein Rechtsgewinde. Noch nie war der Satz „Was man nicht selber macht, ist nicht gemacht“ so wahr wie heute.

Schönes Wochenende!

Freitag, 19. Mai 2023

KD

Oft, o sprachgewandte Lesehäschen, spricht man ja davon, wie die Zeit so ist, die man gerade durchlebt – dass sie friedlich ist oder schnelllebig, besinnlich oder – hoffentlich nicht – interessant.

Eurem Ergebenen aber scheint, dass das an der Sache vorbeigeht. Weil die Zeit nämlich immer mehrere Dinge ist. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass einerseits alle besorgt sind, ob ihren Job nicht bald die KI übernimmt, weil die digitale Intelligenz sich in schwindelerregendem Tempo weiterentwickelt, wobei vor allem eines immer deutlicher wird: dass wir immer noch eine sehr undeutliche Vorstellung davon haben, was Intelligenz eigentlich sei.

Andererseits persistiert die künstliche Doofheit mit einer Hartnäckigkeit, die angesichts der Fortschritte von ChatGPT (kann zwar noch nicht Matura, aber immerhin Hausaufgaben) tief enttäuscht.

Denn die größte Gefahr droht uns nicht etwa von der Teuerung, vom Krieg oder von der Klimakrise. Sie alle kennen Alternativen: Man kann Kartoffeln anbauen, desertieren oder sich ganz schlicht für den Klimaschutz engagieren.

Die größte Gefahr ist offensichtlich die unsichere Website.

Wenn man einen webfähigen DVD-Player einer namhaften Marke sein Eigen nennt und diesen verwenden will, um via Internet einen Film zu streamen, den die zu Unrecht namhaften Plattformen nicht bieten, was einen darüber grübeln lässt, warum man eigentlich für ein digitales Angebot zahlt, das gegen das DVD-Regal in einer mittleren Filiale der Wiener Städtischen Büchereien aber sowas von abstinkt – dann läuft das so:

Frisch ans Werk, DVD-Player eingeschaltet, Bootsequenz auf dem Niveau eines 386er-Rechners mit Windows 3.11 abgewartet, Browser gestartet, einschlägige Seite angesurft. Euer Ergebener nutzt davon zwei Stück. Die eine hat einen „Weiter“-Button vorgeschaltet, der klickbar ist, sogar im Elendsbrowser meines Android-Beamers. Nicht aber im Panasonic-Browser.

Die andere lässt sich nicht öffnen, denn es handle sich, so der Browser, um eine „unsichere Website“.

No shit, Sherlock.

Das war es dann auch schon. Die „unsichere Website“ ist derart gefährlich, dass es die Entwickler für klüger gehalten haben, dir auf deinem eigenen Gerät in deinem eigenen Wohnzimmer die Möglichkeit zu ihrem Besuch zu versagen. Es könnte sonst werweißwas passieren.

Das findet euer Ergebener zutiefst unbefriedigend: einerseits davor zittern (oder darauf hoffen? Gibt es auch positive Szenarien?) zu müssen, dass die KI den eigenen Job übernimmt, und sich andererseits die Zeit bis dahin nicht einmal mit Bingewatching vertreiben zu können, weil die Urururururururururoma der KI sagt: „Bub, da musst du aufpassen.“ Man sitzt derzeit äratechnisch zwischen den Stühlen. Dann doch lieber gleich Singularität. Schönes Wochenende!


 

Freitag, 17. Februar 2023

Unter Druck

 

Von der Gamification, die Billigfluglinien so attraktiv macht, war hieramts schon die Rede, o fernwehgeplagte Lesehäschen: Man zahlt ja den lächerlichen Preis nicht für den Flug (der dank Zertifikatshandel übrigens CO2-technisch wurscht ist, solange du in Europa bleibt – die Zertifikate sind gekauft und werden garantiert verbraucht, ob du fliegst oder nicht), sondern für das Privileg, sich mit der fiesen Fluglinie zu matchen und zu sehen, ob du es wirklich schaffst, um diesen Preis zu fliegen oder ob du in eine der zahlreichen Fallen tappst wie zum Beispiel jene, den Online-Check-in zu vergessen, was eine Deppensteuer in mehrfacher Höhe des Ticketpreises nach sich zieht.

Übrigens musst du zwar online einchecken, um besagte Deppensteuer zu sparen. Du kannst das aber nur für den Hinflug erledigen, weil dies erst 24 Stunden im Voraus möglich ist. Es sei denn, du klickst den kleinen Schalter, auf dem „Check-in freischalten“ steht. Dann geht es auch für den Rückflug, vorausgesetzt, du wählst bereits deinen Sitzplatz aus, was wiederum von acht Euro aufwärts kostet, während der zufällig zugewiesene ohne Extragebühr benützt werden kann. Du beschließt also, es zu riskieren, dass du in der Ferne einen Drucker findest. Es gibt aber keinen Zurück-Button. Du musst dich wieder ausloggen und von vorn anfangen.

Und so weiter – die Reise mit Billiganbietern ist wie ein schlechtes Textadventure aus den 80ern. You are in a maze of twisty little extra offers, all alike. Man fragt sich, wie das läuft, wenn man sich als Kopilot für einen Flug eintragen will, wofür man ja bekanntlich ebenfalls bezahlen muss. Da es dort schwer möglich ist, einen Platz zufällig anzuweisen, kostet vielleicht das Sitzpolster extra?

Die Ähnlichkeit mit einem Textadventure endet jedenfalls, wenn du dann wirklich so weit bist, deine Bordkarten auszudrucken. Du musst sie ausdrucken, sonst sind sie nicht gültig. (Du könntest auch die App installieren, doch leider lehrt die Erfahrung, dass diese alles andere als harmlos ist, zumal besser abgehangene Leute wie euer Ergebener, also solche, die schon länger Genossen der Zeit sind, auf dem kleinen Bildschirm Fallstricken schwerer ausweichen als auf dem großen.)

Also lädst du das PDF herunter und druckst es. Und hast verloren. Denn ganz egal, wie genau  du liest, ergeben noch einmal an den Start zurückkehrst, gut versteckte Auswahlmöglichkeiten findest und so weiter: Spätestens beim Drucken haben sie dich doch. Denn nicht nur hat die erste Bordkarte einen vollflächig blauen Hintergrund, aus keinem anderen Grund als jenem, dass irgendwer dass nett gefunden hat (die weiteren sind nämlich weiß). Die Bordkarte nimmt auch nur ein Viertel der PDF-Seite ein. Zwei weitere enthalten nützliche Hinweise, die Geld kosten, wenn du sie befolgst. Das vierte Viertel aber ist: eine vollflächige Anzeige für irgendwas anderes von Ryanair. Wie geschickt du dich also auch anstellst, am Ende schenkst du Ryanair deine Druckertinte für ihre Werbung. Guten Flug und schönes Wochenende!

Freitag, 29. April 2022

Es gibt nur ein Gas

 

Als das Internet noch so jung und verwegen war wie wir alle damals (kein Wunder, wir waren unsterblich, bis auf jene Beneidenswerten unter euch, die noch gar nicht geboren waren), schon damals also kursierte online die Geschichte des Mannes, der auszog, um sich selbst ein bisschen zu tasern (wer Hangover nicht gesehen hat: mit einem Elektroschocker zu schocken). Ihr könnt die nicht unwitzigen Details z. B. hier nachlesen, wenn auch unter falscher Flagge, weil dort behauptet wird, das Ganze sei 2017 vorgefallen. Damals durfte die Geschichte wahrscheinlich schon Moped fahren. Spoiler jedenfalls: Es gelingt ohne weiteres, sich selber zu tasern, aber nicht nur ein bisschen. 

Apropos Moped: Diese Woche war im Falter eine Story über die jungen Autobegeisterten Wiens zu lesen. Dort gab ein Benzinfan zu Protokoll, die allermeisten unter ihnen handelten verantwortungsvoll. Er selber nehme zwar bisweilen an Rennen auf öffentlichen Straßen teil, aber mit Verstand und nur nachts, wenn keine Kinder unterwegs seien. „Wir gefährden ja keinen“ , so der Vollidiot. Da musste euer Zweckdichter wieder an die Tasergeschichte denken. Weil man natürlich Rennen auf Straßen fahren kann, wo eventuell plötzlich jemand auftaucht, der keine Ahnung hat, dass hier ein Rennen stattfindet. Aber sicher nicht verantwortungsbewusst, mit Verstand oder ohne jemanden zu gefährden.

In diesem Zusammenhang sei auch festgehalten, was das Zweckdichterbalg im ländlichen Führerscheinkurs gelernt hat: So ein Zeltfest plakatiert ist, muss man im Ortsgebiet damit rechnen, dass Saufköpfe auf der Straße herumtaumeln bzw. -liegen. Euer Ergebener kann dies aus Erfahrung bestätigen, wobei es saisonale Häufungen gibt. Unvergesslich bleibt die Begegnung mit einem Nachbarn eines februarlichen Spätnachmittags vor Jahren. Jenem gelang es noch praktisch fehlerfrei, sich auf dem Gehsteig zu halten. Auf die Frage, ob er denn gerade heimgehe, erwiderte er: „Naa, zum Kinderfasching!“

Fährt man einen solchermaßen Bedienten nieder, dann ist man also, entsprechende Plakate vorausgesetzt, selber schuld, und im Fasching vermutlich auch ohne Plakate.

Für den Großraum Wien gilt wohl analog, dass man jederzeit und überall auf Alkoholleichen eingestellt sein muss.

Und was ist mit dem Feedback der Woche? Nix los, meine Teuren, absolut nix los. Kennt ihr das aber, wenn ihr eurem Kind eine Reisetasche gebt und feststellt, dass es für drei davon Gepäck hergerichtet hat? Ich kenne es nicht. Jedoch darf sich kein Texter ein solcher nennen, ehe er nicht ein Briefing erhalten hat, das für eine Seite Broschüre drei Seiten Inhalt vorsieht. Schönes Wochenende!


Freitag, 22. April 2022

Einsatzmöglichkeit

 

Es kann so einfach sein, o vielgeliebte Lesehäschen, den ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. Manchmal lässt sich dabei sogar das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Wer neulich die nicht genug zu preisende Sendung mit der Maus gesehen hat, weiß, wovon die Rede ist. Dort wurde nämlich ein Offshore-Windrad repariert. Dazu muss man sich klarmachen, dass der Rotor eines solchen Trumms bis zu 170 m Durchmesser haben kann. Entsprechend abgelegen und schwindelerregend sind diese Anlagen.

Wie geht so etwas vor sich? Es besteigt eine Besatzung von drei Mann (nämlich Pilot, Kopilot und Technikerschupfer, dazu gleich mehr) einen recht stattlichen Hubschrauber. Zu ihnen gesellen sich drei Techniker. Der Hubschrauber hebt ab, man fliegt zu dem defekten Windrad, das oben eine Plattform mit Geländer hat. Darüber schwebt der Chopper, der Technikerschupfer hängt einen Techniker nach dem anderen an die Seilwinde und lässt ihn auf die Plattform hinab. Es folgt noch eine große Tasche voller wichtiger Werkzeuge. Dann dreht der Hubschrauber ab und fliegt zurück zu einer Versorgungsinsel.

Die drei Techniker öffnen eine Luke und steigen in die Gondel des Windrads hinunter. Dort melden sie telefonisch die erfolgreiche Absetzung, ehe sie sich im Schein ihrer Stirnlampen erschlauen. Sie stellen fest, dass eine Sicherung defekt ist, und tauschen diese aus. Dann rufen sie telefonisch den Hubschrauber. Dieser schwebt wieder über der Plattform und nimmt zuerst die Werkzeugtasche, dann einen Techniker nach dem anderen auf, wobei der Technikerschupfer selbstverständlich seines verantwortungsvollen Amtes waltet. Sobald alle an Bord sind, fliegen alle wieder zurück an Land.

Unterm Strich waren sechs hochqualifizierte Personen geschätzte zwei Stunden beschäftigt, macht zwölf Mannstunden, dazu mindestens eine Flugstunde, die bei einer Maschine dieser Größe mit ungefähr 2.000 Euro wohlfeil ist (Bildungsauftrag erfüllt). Auf der anderen Seite der Gleichung steht eine gewechselte Sicherung.

Um nun wie verheißen das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden und zugleich eine Menge fossilen Hubschraubertreibstoff zu sparen, fragen wir uns, wie man ähnliche Probleme gelöst hat, als es noch keine Hubschrauber gab. Antwort: Man setzte den Leuchtturmwärter bei seinem Leuchtturm ab und wünschte ihm alles Gute für die nächste Zeit. Was liegt also näher, als in jede Windradgondel einen lockdowngestählten und sozial schwer verträglichen Teenager zu pflanzen? Strom ist ja genug da, man braucht nur noch ein Bett, einen Heizlüfter, einen Vorrat an Tiefkühlpizzen, eventuell eine Playstation und natürlich eine 4G-Verbindung. Eine Waschgelegenheit ist optional. Nach der Anfangsinvestition in die Basiausstattung ließe sich solche Nachwuchskräfte vom Ersparten eines einzigen Hubschraubereinsatzes locker monatelang finanzieren, da bleibt sogar noch ein nices Taschengeld. Das Wechseln einer Sicherung ist selbst diesen jungen Verpeilten ohne Weiteres zuzutrauen. Sie selbst genießen für ein, zwei Wochen die Abwesenheit von ihrem familiären Umfeld, und dieses ebenfalls. Worauf warten wir noch?

Schönes Wochenende!

Freitag, 16. Juli 2021

Abgetreten

 

Die Treuesten unter euch, o nibelungengleiche Lesehäschen, mögen sich noch daran erinnern, wie hieramts einst das Lob des Radfahrens gesungen wurde.  Leider muss euer Ergebener dies nun revidieren. Die pedalbekräftigte Fortbewegung ist stark überschätzt, da können Irregeleitete vom Hollandradhippie über den Rennradpfeil bis zum Fixiehipster ohne Bremsen (mögeihnderblitzniederstrecken) sagen, was sie wollen. Wenn du nämlich eines Morgens vors Haus trittst, um nur rasch zum Post Partner zu radeln, woselbst ein Paket deiner harrt, und ein paar Kleinigkeiten fürs Abendessen fehlen auch, dann stellst du als erstes fest, dass im Hinterrad zu wenig Luft ist. Das Vorderrad hat nicht so wenig Luft wie das hintere, sondern noch weniger. Du begibst dich also in dynamischen Hechtsprüngen in den Keller, um die Luftpumpe zu holen. Dann pumpst du beide Reifen auf. Heißa, nun kann es losgehen! Schon hast du dem treuen alten Renner die kleine Luftmucke verziehen, er trägt dich wie auf den Schwingen des Windes über die nahe Brücke, um dort spontan die Kette abzuwerfen.

Du bremst, steigst ab und stellst fest, dass die Kette vorn und hinten herausgesprungen ist, also zugleich vom Kettenblatt und vom Ritzel. Dies hat den Zweck, dass du dich beim Wiederanbringen nicht etwa halb eindreckst, sondern gleich ganz, denn Radfahrer sind ordentliche Menschen und machen keine halben Sachen. Notdürftig reinigst du dich anschließend mit deinem letzten Papiertaschentuch. An dieser Stelle ist die Frage angebracht, ob es planerisch begabte Menschen gibt, die tatsächlich daran denken, in gleicher Lage zuerst das Taschentuch hervorzukramen und dann erst an der teils rostigen, teils fettigen, jedenfalls aber verdreckten Kette zu hantieren, oder ob alle so sind wie euer Kolumnator, der sich zuerst die Finger gründlich paniert und danach vor dem Problem steht, das Taschentuch aus dem Hosensack zu kriegen, ohne auch noch die Hose zu versauen. Von jenen, die womöglich ein Paar Montagehandschuhe am Fahrrad mitführen, sei geschwiegen.

Nun kann es aber wirklich weitergehen, wobei du daran denken musst, nach der Luftmucke die Kettenmucke zu verzeihen. Wo du schon dabei bist, verzeihst du auch gleich, dass es mit den Schwingen des Windes nicht so weit her ist wie zuvor, weil irgendein Teil rhythmisch am Reifen schleift, aber wurscht, das können wir uns am Wochenende anschauen, wir sind ja gleich da.

Zuvor aber ertönt ein vernehmlicher Knall, und du hast einen platten Hinterreifen. I shit you not, wie der Amerikaner sagt. Eurem Ergebenen waren ja bisher die schleichenden Platten geläufig, bei denen man sich irgendwann fragt, ob das Fahrgefühl immer schon so schwammig war, ehe man draufkommt, was los ist. Dass es aber den Schlauch wirklich mit einem Knall zerreißt, ist neu. Du gehst also den Rest des Weges zu Fuß. Das hat den Vorteil, dass du zum Gabelfrühstück der örtlichen Bauarbeiter zurechtkommst und also an der Feinkost warten musst, bis die Feinkostfachkraft elf verschiedene Wurstsemmeln gebaut hat und dann noch drei Käsesemmeln, und zwei ledige braucht er auch noch. Dann darfst du endlich dreißig Deka Dürre am Stück fürs Erdäpfelgulasch erwerben und begibst dich auf den Heimweg. Auf halber Strecke liest du dein Rad auf und schiebst es.

Deshalb, o meine Teuren, wäre die Sache mit dem Radfahren einmal gründlich zu hinterfragen. Schönes Wochenende!

Freitag, 19. Februar 2021

Mangelware

 

Es geht, meine teuren und sicherlich regelmäßig getesteten Nasenbohrerhäschen, ein Gespenst um in Europa. Natürlich nicht das Gespenst des Kommunismus, da leisten der Herr Innenminister und seine Partei ja vorbildliche Prophylaxe etwa durch die Abschiedung von Kindern. Nein, das Gespenst hat einen Namen, nämlich Willi. Herr Willi ist uns aus dem peinlichen Justizgezerre rund um die sexuellen Beleidigungen bekannt, die Sigi Maurer vor nun schon über zweieinhalb Jahren erreicht haben, und zwar vom Account des sogenannten „Bierwirten“, der versichert, dass er das aber nicht war, sondern der Herr Willi. Der Herr Willi seinerseits sagt, er war es auch nicht, und wie es aussieht, hat Frau Maurer nun endlich die nötige Muße, um die Kapriolen des Koalitionspartners auf sich wirken zu lassen. Die jüngsten Entwicklungen rund um unseren verehrten Herrn Vizekanzler Blümel lassen jedenfalls befürchten, dass der Computer des Bierwirten nicht der einzige war, an dem sich Herr Willi zu schaffen gemacht hat. Sollte doch ein Laptop des bekannt begeisterten Smartphoneusers Blümel auftauchen, dann können wir uns schon denken, wer dort etwaiges belastendes Material hinterlassen hat!

Damit zur Kernfrage des heutigen Tages, nämlich: Was streamen wir heute? Beziehungsweise: Warum streamen wir es nur zu oft nicht? Weil die eine große Streamingplattform, nämlich Netflix, zwar hunderte von selbstproduzierten Serien im Angebot hat, jedoch mit einem Filmangebot protzt, für das sich die Pfarrbücherei von Nenzing genieren würde, wo die DVDs wahrscheinlich in der Nische hinterm Ficus stehen (ich war wohl schon in Nenzing, aber noch nie in der Pfarrbücherei). Die andere hingegen, nämlich Amazon, scheint einen schwunghaften Mikrohandel mit einer dort allzuknappen Ressource zu ermöglichen. Ich stelle mir vor, dass über den Erdball verstreut boshafte Menschen in Souterrainwohnungen vor Rechnern mit teuren Breitbandanschlüssen sitzen und rund um die Uhr Termingeschäfte mit Originaltönen tätigen. Denn Originaltöne sind ganz, ganz schwierig, wie es scheint. Amazon kann es sich einfach nicht leisten, die mir nichts, dir nichts standardmäßig bereitzustellen. Du willst Natural Born Killers sehen? Gerne, solange es auf Deutsch ist. O Amazon, so geht das nicht.

Aber was nutzt das Jammern, es gibt ja schließlich die Klassiker! Endlich einmal in Ruhe Citizen Kane schauen, der ja gerne als bester Film aller Zeiten gehandelt wird! Allerdings nicht auf Netflix. Und Amazon serviert das Meisterwerk in deutscher Synchronfassung. So treibt man gesetzestreue Bürger in die Arme der Filmpiraterie, Herrschaften, denn auf einschlägigen Seiten darf man, Fanfare!, Orson Welles zuhören, wie er Englisch spricht. Aber schon eine Stufe darunter sieht es trübe aus: Wenn dir nach dem Film-Noir-Klassiker The Big Sleep ist, dann hoffst du vergeblich auf die Stimme von Humphrey Bogart und darfst stattdessen Arnold Marquis lauschen, der, wie uns das Internet wissen lässt, einer der meistgebuchten deutschen Synchronsprecher war. Schön für ihn! In diesem Fall nützt es auch nichts, in Nenzing zu wohnen, und selbst die bestsortierten Piratenseiten lassen dich im Stich. Weil du diesen Film in der Originalversion nämlich online überhaupt nirgends findest, wurscht, dass Howard Hawks ein wahres Prachtstück von Regiearbeit abgeliefert hat und William Faulkner (eh nur Nobelpreisträger) das Drehbuch nach einem Roman von Raymond Chandler, eh nur einem der besten Detektivschriftsteller von überhaupt, und eh nur mit Bogey und Lauren Bacall.

Ganz ehrlich: Das ist nicht die Zukunft, die uns einst versprochen wurde. Musst du dich jetzt echt mit schwindligen VPN-Lösungen herumschlagen? Kommt drauf an. Wenn du in Nenzing wohnst, vermutlich ja. In Wien hilft der ganz analoge Gang zur nächstgelegenen Filiale der städtischen Büchereien. Schönes Wochenende!

Freitag, 17. Januar 2020

Umstellungsschwierigkeiten

Ob man als Vizekanzler einen Burger essen soll, weiß ich nicht. Ich kann euch, o angenehm gesättigte Lesehäschen, nur sagen, warum es immer schwieriger wird, bei Burger King zu essen. Burger King war ja, da müssen wir nicht lange diskutieren, immer die Sterne zu Mäckies Tocotronic: irgendwie ähnlich, aber klar besser. Nun hat sich aber BK eine Seite aus dem Mäckiebuch gerissen, die dort bestens aufgehoben war: nämlich den Bestellscreen. Ihr wisst schon: Diese Riesenbildschirme, an denen man wischend und drückend seine Bestellung aufgibt. Die Screens haben den großen Vorteil, dass man nicht mit Menschen reden muss, was nämlich total 1997 ist. Der Mensch, und besonders der junge Mensch, spricht nämlich ungern mit Servicepersonal, ganz besonders, wenn es ums Essen geht. Das bestätigte eine stichprobenartige Umfrage: 100 % des Zweckdichterbalgs reden gern mit Verkaufspersonal über Handtaschen oder Halsketten, aber äußerst ungern mit Servierpersonal, nicht einmal über Torten. Stattdessen tippen sie gerne auf Screens herum.
Deshalb hat der Bestellscreen viel für sich: Er minimiert menschliche Interaktion, und man darf dran rumdrücken, was beim Servicepersonal nicht gern gesehen wird. Außerdem trainiert er die Armmuskulatur. Denn er steht vertikal, und noch anstrengender ist ein Touchscreen nur überkopf zu bedienen. Du hast noch nicht einmal den Extrakäse gewählt, und deine Hand ist schon bleischwer. Wenn du Extraspeck, aber kein Gurkerl willst, hast du schon mehr Kalorien verbrannt, als im Speck drin sind. Es gibt Lokale, die sind so gesund, dass sie niemals solche Screens aufstellen dürften, denn die Kundschaft würde sonst bei der Bestellung eine derartige Energieschuld anhäufen, dass sie nach dem Essen verhungert wäre. Das ist gerade im Zusammenhang mit der Burgersünde ein nicht zu unterschätzender Vorteil.
Problematisch ist jedoch, dass der Screen die Bestellung zwar aufnimmt. Gebaut und übergeben wird dein Burger aber vorerst noch von wetware, also Menschen. Schon zuvor waren der Erbauer und der Auslieferer des Burgers zwei verschiedene Menschen. Nun aber ist die Person, die dir das Ding rüberschiebt, nicht mehr der Mensch, bei dem du es bestellt hast. Einst hatte dieser noch irgendwo im Hinterkopf, dass du kein Gurkerl wolltest, aber extra Speck (oder umgekehrt). Heute verlässt sich der Mensch an der Budel darauf, dass der Mensch hinten in der Küche die Bestellung vom Screen korrekt umgesetzt hat. Leider aber ist der Mensch hinten in der Küche zwar total okay, hat Humor und trinkt auch nur selten über den Durst. Trotzdem hat seine Freundin mit ihm Schluss gemacht, weil sie diesen Starwarsscheiß nicht mehr aushält. Außerdem hat seine Katze Durchfall. Deshalb ist es ihm sowas von, ob du Gurkerln in deinem Burger magst oder nicht. Da stehst du nun. Mit Gurkerl, ohne Speck. Und alles nur, weil du nicht gern mit Servicepersonal sprichst. Ok, Millennial!

Freitag, 8. November 2019

Eine Art smart

Eine von eurem treuen Kolumnator sehr geschätzte Band brachte einst, o vielgeliebte Lesehäschen, eine CD auf den Markt mit dem Titel Modern Life is Rubbish. Man schrieb 1993, und man sieht daran, dass Britpop nicht nur der beste, sondern auch der am weitesten voraus schauende Pop zumindest diesseits von Frank Black ist, weil nie einem Albumtitel mehr Wahrheit innewohnte. Das will einerseits wenig heißen, weil Albumtitel in Form von Aussagesätzen (und also potenziellen Wahrheiten) rar sind, andererseits umso mehr, weil man sich ja erst einmal über so einen Titel drübertrauen muss.  
Das moderne Leben ist also tatsächlich nicht frei von Mülligkeit, was so mancher bejahen müssen wird, der mit einem Teenager seinen Alltag teilt. Denn es macht sich zwar allerorten smartness in Gestalt des sogenannten Internets der Dinge breit, dass es nur so eine Art hat: Wer heutzutage einen Kühlschrank, einen Geschirrspüler oder eine Waschmaschine kauft, muss sich schon aktiv gegen smartness entscheiden, nämlich dagegen, dass die neue Waschmaschine deine Bandbreite anknabbert, während du sie aber weiterhin händisch befüllen und entleeren musst. Dafür kannst du ganz smart per Handy feststellen, ob sie vielleicht gerade läuft, weil sie bereits jemand anderer befüllt und in Gang gesetzt hat (Spoiler Alert: hat keiner gemacht). Dies einerseits.
Andererseits, und ich hoffe, dass ich den hoffentlich gar zahlreichen Nachwuchshäschen jetzt nicht zu nahe trete, aber die Wahrheit ist, wie Ingeborg Bachmann tatsächlich und Michi Spindelegger so ähnlich gesagt hat, dem Menschen zumutbar, also: Andererseits findet in jedem Haushalt mit Teenager eine Gegenbewegung statt, welcher die smartness noch so vieler vernetzter Geräte nicht gewachsen ist. Denn Teenager wissen zwar viel mehr über das Internet als du, aber weniger über die Dinge.
Solange die smarten Internetdinge nämlich nicht selber in den Supermarkt oder zumindest bis zur Wohnungstür gehen können (wenn der Bote klingelt), sind sie wie ein geliebter, aber pflegeabhängiger Verwandter darauf angewiesen, dass Mobilere ihre Wünsche erfüllen und zum Beispiel Geschirr einschlichten, eine Startzeit programmieren oder Milch besorgen.
Teenager sind dafür leider nicht geeignet. In den 80er Jahren war das Bild des armen Stadtkindes verbreitet, dass glaubt, die Milch komme aus dem Supermarkt, weil es nicht weiß, dass sie aus der Kuh kommt. Der durchschnittliche Teenager glaubt, dass Milch im Kühlschrank nachwächst, so wie die antiken Naturforscher einst spekulierten, dass Würmer aus Schlamm entstehen.
Teenager können zwar acht verschiedene Nagellackiertechniken im Schlaf aufsagen, von denen jede komplizierter ist als ein dreigängiges Menü. Trotzdem bleibt ihnen oft der Zusammenhang von Ursache und Wirkung verschlossen: zum Beispiel, dass Wäsche dann in der Waschmaschine landet, wenn sie zuvor den Weg in den Wäschekorb gefunden hat, damit das Waschmaschinenpflegepersonal merkt, dass hier etwas zu waschen sei.
Wenn sich aber die waschbedürftige Kleidung unterm Schreibtisch, hinterm Bett, in der Schultasche oder weißdergeierwo herumwälzt, kapituliert auch die smarteste Waschmaschine. Der Waschmaschinenpfleger hingegen könnte zwar in regelmäßigen Abständen die Wohnung nach Schmutzwäsche absuchen, so wie die Affen einander ja auch lausen, um den sozialen Zusammenhalt zu stärken. Aber irgendwann wird auch der dienstbereiteste Waschmaschinenpfleger smart genug, um vor dem vollen Teenagerkleiderschrank auf die Idee zu kommen, dass das Problem mangelnder Anziehsachen noch nicht so drängend sei, dass man mit der eigenen Wohnung soziale Bindungsspiele spielen müsse.
Schönes Wochenende!