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Freitag, 29. November 2024

Saugen

 

Manchmal, o reinliche Lesehäschen, gewöhnt man sich Dinge nur schwer ab, und nicht nur das Rauchen. Einst hatten viele von uns einen Nachzieh-Staubsauger. Wenn man beim Saugen auf etwas für das Gerät Unverdauliches oder zu Kostbares stieß (etwas größere Kartonfutzeln, Legosteine etc.), hob man sie während des Saugens auf und hatte nach einer Weile bisweilen eine schon recht volle Hand, je nachdem, was vor dem Aufräumen so alles stattgefunden hatte. Was man definitiv nicht tat, war: den Staubsauger abzuschalten. Man hätte ihn ja extra mit dem Saugschlauchlasso herbeiziehen und dann erst mit einem atomkraftwerkstauglichen Schalter außer Betrieb setzen müssen.

Euer Ergebener muss feststellen, dass er dies heute noch genauso macht, obgleich er mittlerweile einen akkubetriebenen Hightechsauger nutzt, zu dessen Abschaltung man nur den Finger vom Abzug nehmen müsste, weil Saugen hier quasi als Dauerfeuer funktioniert. Nimm das, Staubkorn! Brrrrtttt!

Damit sind wir bei der Verkehrsberuhigung, und damit, o urbane Lesehäschen, ist es so eine Sache. Nämlich so eine Sache, wie wenn du eine Schutzfolie aufs Handy klebst. Natürlich gelingt es dir fast, bis auf die eine kleine Luftblase. Und natürlich kannst du die Luftblase wegdrücken. Aber nicht so wie einen Anruf, sondern nur ein bisschen weiter. Mit Autos ist es anscheinend leider auch so. Wer sich das live anschauen will, macht einen Abstecher in den vierten Bezirk, holt sich vielleicht einen höchst empfehlenswerten Pistazienkrapfen von den 15 süßen Minuten, der mit der lästigen Dubaischokolade übrigens nichts zu tun hat, und vertieft sich in die Situation. Nämlich musste man bis vor Kurzem, wenn man von der Favoritenstraße zur Prinz-Eugen-Straße fahren wollte, den einen oder anderen Haken schlagen, weil alle Querstraßen irgendwo eine Einbahnstrecke in die Gegenrichtung aufwiesen. Viele dieser Haken endeten in der Belvederegasse, wo man immerhin sicher sein konnte, irgendwann in die Prinz-Eugen-Straße einbiegen zu können, weil sich dort eine Lichtzeichenanlage aka Ampel befindet.

Inzwischen wurde die Argentinierstraße aufwendig zu einer Fahrradstraße ausgebaut (wobei die Bepflanzung einen deutlich weniger spektakulären Eindruck vermittelt als in der einst dargebotenen Visualisierung), weshalb diverse Einbahnregelungen geändert wurden. Nunmehro können Autofahrer schnurgerade durch die Theresianumgasse zischen, allerdings nur bis zum bösen Erwachen, weil es am Ende nämlich keine Ampel gibt und die Prinz-Eugen-Straße je nach Tageszeit ein langer, ruhiger Fluss ist. Der Rückstau ist zeitweise beachtlich, man kann also von einem durchschlagenden Erfolg dieser Verkehrsbelebungsmaßnahme sprechen.

Offen bleibt aber die Frage, wo die zuständigen Planer ihren Finger hatten, als ihnen das geglückt ist. Wahrscheinlich am Staubsauger.

Schönes Wochenende!

Freitag, 5. Juli 2024

Physik


Schrödingers Katze ist euch, o naturwissenschaftlich ausgeschlafene Lesehäschen, natürlich bestens vertraut: Die Katze befindet sich in der Kiste und ist weder tot noch lebendig, bis man hineinschaut.

Verwandt sind ihr, wie uns ein Meme lehrt, Schrödingers Migranten, die uns Autochthonen die Jobs wegnehmen und dabei fett Sozialleistungen fürs Nichtstun kassieren. Dazu passen Schrödingers Kassenärzte, die euer Ergebener kürzlich entdeckt hat, nämlich in einem Falter-Artikel zur medizinischen Versorgung. Dort hieß es: „Ein Kassenarzt hat zehn bis 20 Patienten pro Stunde, ein Wahlarzt vier bis fünf.“

Man liest es und denkt sich: Jaja, die Kassenärzte müssen schon schauen, dass sie auf ihren Schnitt kommen, bei dem bisschen, dass die Kasse zahlt.

Naja. Mal abgesehen davon, dass dem Artikel zufolge Kassenärzte im Schnitt über 50 % mehr verdienen als Wahlärzte, sollten wir kurz in uns gehen und uns folgende Frage stellen:

Wann haben wir zuletzt das Wartezimmer eines Kassenarztes betreten, dort zehn (oder gar 20) bereits Wartende vorgefunden und uns gedacht: Super, in einer Stunde bin ich dran?

Das ist also Schrödingers Kassenarzt: Er fertigt Patienten im Fünfminutentakt ab, aber nur, solange man selbst nicht hingeht. Dann widmet er sich einem jeden Leidenden mindestens viermal so lang.

Ja, auch dem Zweckdichter ist klar, dass Kassenärzte ihre Patientenscharen nicht aus Geldgier rasch behandeln, sondern weil sie halt müssen. Und dass zu den mindestens zehn Patienten pro Stunde auch jene gehören, die sich von der Sprechstundenhilfe ein Rezept holen oder dieses per E-Mail anfordern und auf die Karte gebucht bekommen.

Damit kommen wir zu Schrödingers Gast. Mit ihm bekommst du es zu tun, wenn du den Fehler machst, in einem Lokal essen zu wollen, dessen Erzeugnisse sich besonders gut zum Mitnehmen eignen. Schrödingers Gast ist nicht zugegen, bis du hungrig wirst. Du betrittst die, sagen wir, Burritoschmiede und freust dich, dass nur zwei Esser in spe vor dir warten, dass ihnen köstliche Flade mit was drin werde.

Nach einer Weile kommst du aber ins Grübeln: Wie kann es sein, dass drei Burritofachkräfte ständig Burritos bauen, während die beiden Hungrigen vor dir immer noch warten? Das liegt an Schrödingers Gästen, die zu faul sind, um das Haus zu verlassen, und sich ihre Labung deshalb liefern lassen. Sie kommen alle vor dir dran. Denn du warst doof genug, extra herzukommen, während ihnen klar ist, dass Google-Rezensionen lieb sind, dass aber Bestellwillige wahrscheinlich gleich die Bewertungen auf Foodora oder was immer gerade der Lieferdienst du jour ist, checken. Das wissen auch die Lokalbetreiber, deshalb musst du warten. Der Lieferdienst, und damit kommen wir zum Schluss, wird jedenfalls einer sein, der eine Flotte von Elektromopeds betreibt, deren jedes die Aufschrift Ich bin ein Fahrrad trägt. Nein, bist du nicht. Sonst hättest du Pedale. Du bist so sehr ein Fahrrad, wie dünne Zucchinistreifen Nudeln sind. Schönes Wochenende!

Freitag, 22. März 2024

Untertänig

 

Wir haben es hieramts ja schon hin und wieder gesagt, o devote Lesehäschen: So richtig Staatsbürger ist man erst, wenn man hin und wieder spürt, wer hier die Obrigkeit und wer die Untrigkeit ist. Früher genügte dafür das Bedürfnis nach einem neuen Pass, schon wurde man mit etwas Glück stundenlang von gelangweilten Pragmatisierten (Internet gab es damals ja noch nicht) getögelt.

Heute ist der Amtsschimmel nicht mehr ganz so leicht zu finden, aber ich kann euch beruhigen: Er lebt noch. Wer sich davon überzeugen will, hat am besten noch keinen Führerschein. Um nämlich zur Fahrprüfung antreten zu dürfen, muss man ein ärztliches Gesundheitszeugnis vorlegen, das einem jeder praktische Arzt ausstellt. Man gibt es bei der Fahrschule ab und basta.

Natürlich gilt das nur, wenn bei der Untersuchung nichts Bedenkliches herauskommt, wie zum Beispiel, dass dein Hör- oder Sehvermögen kaum vorhanden ist, dass du gewohnheitsmäßig lustige Drogen einwirfst (hier ist wieder einmal Zeit, an den schönen Reim zu erinnern: LSD und andere Drogen / wirken stark halluzinogen.) oder aber: dass du in letzter Zeit beim Neurologen warst und dort etwas verschrieben bekommen hast. In diesem Fall schickt dich der Arzt heim und leitet die Chose an die Behörde weiter. Von jener erhältst du nach ungefähr einem Monat (wer braucht heutzutage schon einen Führerschein) eine Ladung zum Amtsarzt. Dort trittst du ein, grüßt schön und legst deinen Patientenbrief vom Neurologen vor.

Die Amtsärztin erklärt dir, dass das ein schöner Patientenbrief sei, aber leider nicht ausreichend. Der Neurologe muss ausdrücklich bestätigen, dass nichts gegen das Lenken eines Kraftfahrzeugs spricht. Besorge dir das schriftlich, bring es vorbei und basta.

Gesagt, getan. Der Arzt schreibt dir den Zettel gerne, du gehst wieder zum Verkehrsamt und gibst den Zettel ab. Heute ist allerdings nicht die Amtsärztin von gestern da, sondern ein anderer. Er wirkt so, als finde er den Weg zur Hausapotheke auch im Dunkeln ohne Tasten und als würde es ihm guttun, dort bald einmal eine Leckerei zu holen. Kurz: Er scheint qualifiziert. Dieser erklärt dir, dass auf dem Zettel viel mehr stehen müsse, dass so ein Befund „oft mehrere Seiten“ lang sei (wow! Was es alles gibt!) und dass du ja eine Zuweisung mit einschlägigen Details mitbekommen habest.

Du verneinst dies, worauf er erwidert: „Ich gebe Ihnen eine Zuweisung mit.“ Du fragst dich, warum man sich eigentlich ein Medizinstudium antut, wenn man dann in einem hässlichen Kämmerlein im Verkehrsamt endet. Dann fällt dir aber ein, was der Neurologe über Amtsärzte gesagt hat, und du kennst die Antwort. Du wendest dich erneut an deinen Arzt, der dir alsbald einen Befund schreibt, der sich gewaschen hat.

Was dann geschieht? Die Zukunft wird es weisen.

Schönes Wochenende!

Freitag, 1. Dezember 2023

Zeit ist Geld

 

Der Router, o technikverliebte Lesehäschen, ist die Superyacht des kleinen Mannes. Oder, damit wir fair bleiben, nicht der Router, sondern jener Router, den du als Repeater (quasi Datenmätresse) einsetzt, weil du ja schon einen Hauptrouter zur Rechten hast, der dich, wann immer du es begehrst, mit drahtloser Bandbreite versorgt, während du die unsterbliche Nummer The Internet is for Porn aus Avenue Q summst, welches Musical vor einer Weile auch in Wien aufgeführt wurde, aber leider auf Deutsch. Ich habe das Gefühl Das Internet ist für Schweinkram fetzt nicht ganz so hart rein.

Wo waren wir? Genau. Du besitzt also einen Router der weitbeschreiten Marke Fritz.Box, der über einen einzigen LAN-Anschluss verfügt. Einerseits brauchst du nämlich einen Router, der einen SIM-Karten-Steckplatz hat, und da sind die mit mehreren LAN-Anschlüssen rar und teuer. Andererseits brauchst du aber LAN-Anschlüsse, weil deine Heizung sonst nicht gehorcht und dein Drucker auf deine Druckwünsche pfeift.

Die Lösung ist ein Repeater mit LAN-Anschlüssen. Nun stellst du fest, dass Fritzboxen Herdentiere sind, indem sie sich mit anderen Fritzboxen gut vertragen, nicht aber mit beispielsweise einem Netgearteil. Ein Fritzboxrouter lässt sich daher plugandplay als Repeater einrichten, wenn du schon einen Fritzboxrouter dein eigen nennst. Das ist eine höchst erfreuliche Nachricht, weil die eigentlichen Fritzboxrepeater sehr teuer sind, während man gebrauchte Fritzboxrouter auf willhaben für ’n Appel und ’n Ei kriegt, wie man so sagt, wenn auch selten in Österreich.

Du machst also eine Radtour, weil du wieder einmal auf die Postleitzahl 1100 hereingefallen bist und dir gedacht hast, dass 1100 ja an 1040 grenzt, nicht bedenkend, dass es zum Beispiel von Miami nach Vancouver ein ganz schön breiter Weg ist, obgleich auch die USA an Kanada grenzen. Favoriten, das merke sich ein jeder, ist groß.

Nun hast du deine Fritzbox heimgetragen, schließt sie an und drückst die entsprechenden Knöpfe, um deinen Router und die Datenmätresse über ihre neuen Positionen zu belehren. Dies kümmert beide einen Dreck.

(Die folgenden vier Stunden inklusive Anrufs bei der wieder einmal nutzlosen Fritzboxhotline sowie Hilferufpostings in einem einschlägigen Forum dürft ihr euch selber ausmalen. Nur so viel: Plug & Play hat oft erstaunlich spezifische Wünsche, wie zum Beispiel „Betriebssystem Version 7 oder neuer“. Aber jetzt funktioniert es, danke der Nachfrage. Und wenn der Menüpunkt, von dem die Hilfreichen im Internet dir erklären, dass du ihn anklicken sollst, bei dir nicht existiert, liegt es eventuell daran, dass – die Wege des Herstellers sind unerforschlich – du möglicherweise auf ein gut verstecktes Icon klicken musst, um die „Expertenansicht“ freizuschalten, weil du dich erst mit der Auffindung dieser Option als Experte qualifizierst.)

Wie also eine Superyacht eine höchst effiziente Maschine zur Vernichtung von Kontostand ist, so ist ein Repeater eine nicht minder effiziente Maschine zur Vernichtung von Freizeit. Und wer vor niemandem damit protzen kann, dass er das Hafenbecken von Monaco blockiert hat, kann immer noch damit angeben, dass er seinen freien Nachmittag mit der Herstellung von Onlinekapazität verjuxt hat.

Schönes Wochenende!

Freitag, 8. September 2023

Die neue Rechte

 

Man macht sich, o geheimnisumwitterte Lesehäschen, ja gerne ein bisschen rätselhaft. Wenn die andern nicht alles von dir wissen, weckt das eventuell die Neugier, und wer weiß, was sich daraus entwickeln könnte? Deshalb läuten gewiefte Großstädter, die „neue Leute kennenlernen wollen“, zwecks Bekanntschaft mit der Nachbarin nicht etwa um eine Tasse Zucker an, sondern huschen zu sonderbaren Zeiten mit Hoodie und etwas Schwerem unterm Arm über den Hof.

Andere bescheiden sich mit einem kleineren Geheimnis, nämlich der Antwort auf die Frage: „Wohin gehst du?“ oder genauer „Wohin fährst du?“

Früher gab es nämlich zweierlei Radfahrer. Die einen gaben kein Handzeichen, weil sie halt ein Leben auf Messer Schneide führten und alles recht war, was das Adrenalin förderte. Links, rechts oder geradeaus – die Autofahrer sahen ja dann eh, wohin man fuhr.

Die anderen gaben Handzeichen, und wie! Mit durchgestrecktem Arm, parallel zu den Schultern weggereckt. Kleine Variationen waren in der Fingerhaltung möglich: Zeige- und Mittelfinger gestreckt, Rest geballt hieß: „Biege ab, schwöre!“ Zeige- und Mittelfinger bedeuteten: „Versuche abzubiegen, wünsch mir Glück.“ Und Handzeichen mit manu cornuta war natürlich Metal-Abbiegen.

Inzwischen ist das anders. Deutlich sichtbare Handzeichen geben nur noch Großmütter auf Hollandrädern mit tiefem Durchstieg sowie euer Ergebener, also Leute, die sich ans Leben gewöhnt haben und ungern davon lassen würden. Alle andern geben strenggenommen kein Handzeichen, sondern nur noch eine Handandeutung: Der Arm zeigt am Körper liegend nach unten, nur der Zeigefinger weist die angepeilte Richtung. Natürlich ist ein Finger nicht so ein Hingucker wie ein ganzer Arm (sonst sähen die Filme vom Reichtsparteitagsgelände anders aus), was ja wohl auch dem Doofsten klar ist.

Was also soll der Blödsinn? Der Zweckdichter kann sich das nur damit erklären, dass Richtungen in Österreich immer schon heikel waren. Einst war es sonnenklar, dass die Umfragewerte der FPÖ vor dem Wahlsonntag nur die halbe Wahrheit sagten, weil viele nicht zugeben wollten, wo sie ihr Kreuzchen zu machen gedachten. Mittlerweile ist das anders, wie auch die AfD zeigt, und es ist sich niemand mehr zu blöd, dem nächstbesten Marktforscher auf die Nase zu binden, dass man einer Witzfigurenpartie seine Stimme gibt, die zum Beispiel in Salzburg den Emissionshunderter auf der Autobahn abschafft, weil er wirkt: I shit you not. Die Luftgütewerte haben sich infolge der Geschwindigkeitsbeschränkung verbessert, also wird diese nun aufgehoben.

Weil man aber halt, wie gesagt, doch nicht ganz ohne Geheimnis sein will, ob aus erotischen oder sonstigen Erwägungen, werden Rechts-Links-Entscheidungen zumindest auf dem Fahrradstreifen in obskurantistisches Zwielicht gehüllt. Wenn das mal nicht ins Auge geht.

Schönes Wochenende!

Freitag, 16. Juli 2021

Abgetreten

 

Die Treuesten unter euch, o nibelungengleiche Lesehäschen, mögen sich noch daran erinnern, wie hieramts einst das Lob des Radfahrens gesungen wurde.  Leider muss euer Ergebener dies nun revidieren. Die pedalbekräftigte Fortbewegung ist stark überschätzt, da können Irregeleitete vom Hollandradhippie über den Rennradpfeil bis zum Fixiehipster ohne Bremsen (mögeihnderblitzniederstrecken) sagen, was sie wollen. Wenn du nämlich eines Morgens vors Haus trittst, um nur rasch zum Post Partner zu radeln, woselbst ein Paket deiner harrt, und ein paar Kleinigkeiten fürs Abendessen fehlen auch, dann stellst du als erstes fest, dass im Hinterrad zu wenig Luft ist. Das Vorderrad hat nicht so wenig Luft wie das hintere, sondern noch weniger. Du begibst dich also in dynamischen Hechtsprüngen in den Keller, um die Luftpumpe zu holen. Dann pumpst du beide Reifen auf. Heißa, nun kann es losgehen! Schon hast du dem treuen alten Renner die kleine Luftmucke verziehen, er trägt dich wie auf den Schwingen des Windes über die nahe Brücke, um dort spontan die Kette abzuwerfen.

Du bremst, steigst ab und stellst fest, dass die Kette vorn und hinten herausgesprungen ist, also zugleich vom Kettenblatt und vom Ritzel. Dies hat den Zweck, dass du dich beim Wiederanbringen nicht etwa halb eindreckst, sondern gleich ganz, denn Radfahrer sind ordentliche Menschen und machen keine halben Sachen. Notdürftig reinigst du dich anschließend mit deinem letzten Papiertaschentuch. An dieser Stelle ist die Frage angebracht, ob es planerisch begabte Menschen gibt, die tatsächlich daran denken, in gleicher Lage zuerst das Taschentuch hervorzukramen und dann erst an der teils rostigen, teils fettigen, jedenfalls aber verdreckten Kette zu hantieren, oder ob alle so sind wie euer Kolumnator, der sich zuerst die Finger gründlich paniert und danach vor dem Problem steht, das Taschentuch aus dem Hosensack zu kriegen, ohne auch noch die Hose zu versauen. Von jenen, die womöglich ein Paar Montagehandschuhe am Fahrrad mitführen, sei geschwiegen.

Nun kann es aber wirklich weitergehen, wobei du daran denken musst, nach der Luftmucke die Kettenmucke zu verzeihen. Wo du schon dabei bist, verzeihst du auch gleich, dass es mit den Schwingen des Windes nicht so weit her ist wie zuvor, weil irgendein Teil rhythmisch am Reifen schleift, aber wurscht, das können wir uns am Wochenende anschauen, wir sind ja gleich da.

Zuvor aber ertönt ein vernehmlicher Knall, und du hast einen platten Hinterreifen. I shit you not, wie der Amerikaner sagt. Eurem Ergebenen waren ja bisher die schleichenden Platten geläufig, bei denen man sich irgendwann fragt, ob das Fahrgefühl immer schon so schwammig war, ehe man draufkommt, was los ist. Dass es aber den Schlauch wirklich mit einem Knall zerreißt, ist neu. Du gehst also den Rest des Weges zu Fuß. Das hat den Vorteil, dass du zum Gabelfrühstück der örtlichen Bauarbeiter zurechtkommst und also an der Feinkost warten musst, bis die Feinkostfachkraft elf verschiedene Wurstsemmeln gebaut hat und dann noch drei Käsesemmeln, und zwei ledige braucht er auch noch. Dann darfst du endlich dreißig Deka Dürre am Stück fürs Erdäpfelgulasch erwerben und begibst dich auf den Heimweg. Auf halber Strecke liest du dein Rad auf und schiebst es.

Deshalb, o meine Teuren, wäre die Sache mit dem Radfahren einmal gründlich zu hinterfragen. Schönes Wochenende!

Freitag, 11. September 2020

Ist es er oder sie?

 

Ist mir, meine lieben Lesehäschen, eine persönliche Frage gestattet? Nämlich, ähem: Ist das bei den Häschen auch so wie bei den Karnickeln? Also, das mit der Herstellung kleiner Abbilder von sich selbst? Oder gehen die Häschen es ruhig an und freuen sich, wenn dann endlich ein einziger kleiner Hase hoppelt, gleich welchen Geschlechts? Beziehungsweise, wie man früher auf dem Land sagte: Ah, ein Mädchen? Na Hauptsache, es ist gesund.

Seither ist viel Wasser nicht nur die Donau, sondern auch z. B. den Colorado oder Sacramento hinuntergeflossen, und die Frage, was es denn ist, wird einerseits gendertechnisch ausgeglichener, aber offensichtlich auch angespannter gesehen. Deshalb gibt es – jeder Anlass ist recht! – die sogenannten Gender Reveal Parties, wo stolze künftige Eltern in festlichem Rahmen bekanntgeben, was beim Ultraschall herausgekommen ist. Gerne werden dabei rosa oder blaue Feuerwerkskörper – je nachdem – gezündet, was erstens doch ziemlich vorgestrig wirkt und zweites einen sehr ansehnlichen Waldbrand nahe Los Angeles ausgelöst hat. Das ist schade, zeigt aber nur, was eh klar war: dass die Gender Reveal Party nicht so recht zu Ende gedacht ist. Denn es kann sich ja bestenfalls um eine Sex Reveal Party handeln, insofern, als die primären Geschlechtsmerkmale – da haben wir die letzten 20 Jahre aufgepasst –keinen Rückschluss auf das Gender des kommenden Erdenbürgers beziehungsweise natürlich der kommenden Erdenbürg*er_in zulassen, und wenn alles gut geht, sieht die Endung eines genderistisch uneindeutigen Substantivs bald so aus wie die Sprechblasen im Asterix, wenn Majestix sich wieder einmal furchtbar ärgern muss.

Doch nicht nur die kleinen Kinder, selbst Unbelebtes bereitet einschlägige Schwierigkeiten.

Denn das Fahrrad ist zwar sächlichen Geschlechts. Aber wer irgendwann einmal in einem mehr oder weniger kapitalistischen Land war, der weiß: Man kauft kein Fahrrad. Man kauft zum Beispiel (in den finsteren 1970er- und -80er-Jahren) ein Puch Clubman, (besser: Puch Clubperson) oder, nicht viel löblicher, ein Puch Bergmeister (hier fehlt natürlich der Asterixfluch am Schluss). Heute sieht es auf den ersten Blick gendermaingestreamter aus, wenn man etwa zum „KTM Cross Line“ greift. So weit, so gut, aber halt: Daneben steht fast das gleiche Rad, mit allerdings nach hinten abfallendem Oberrohr, a.k.a. „tiefer Durchstieg“, und es heißt: Cross Line Lady.

Das geht natürlich nicht. Wenn die standardmäßige Modellbezeichnung das männlich besetzte Fahrad bezeichnet, ohne dass die Modellbezeichnung dies eigens ausdrückt, während aber die Fahrrädin ein Frauenetikett umgehängt bekommt, ist das ja ebenso untragbar, wie wenn sich Frauen umgekehrt von grammatisch männlichen Formen „mitgemeint“ fühlen sollen.

Sensiblerweise darf entweder keines der beiden Fahrradgeschlechter ein genderbesetztes Epithet bekommen – dann heißt zum Beispiel das eine „Cross Line Apfel“ und das andere „Cross Line Birne“ (unzulässig wären hingegen „Cross Line Melanzani“ und „Cross Line Pfirsich“ – Facebook-User wissen bereits, dass die entsprechenden Emojis geeignet sind, die zarten Gefühle der Facebook-Zensoren zu verletzen).

Oder aber beide bekommen gleichwertige Epitheta. Als Minimalversion gut vorstellbar wären etwa „Cross Line XX“ und „Cross Line XY“, weil wir ja wissen, wie die Krankheit heißt, bei der man nicht aufhören kann zu masturbieren: Y-Chromosom.

Da es aber gerade im Fahrradsektor nicht um eine pink tax geht (den Mehrpreis eines rosaroten Damenbeinrasierers gegenüber einem technisch identischen Herrengesichtsrasierer), sondern um greifbare Unterschiede wie das häufigere Tragen eines Rocks, ist es hier angezeigt, unmissverständlich zu werden, also etwa mit „Cross Line Hoden“ und „Cross Line Eierstock“.

Nur so als Vorschlag.

Schönes Wochenende!

Freitag, 27. März 2015

Zu Ehren von Det.Lt. Roger Murtaugh


Kürzlich hatten wir an dieser Stelle das Thema „Altern“. Nun haben einige von uns die Lebensphase der eigenen Unsterblichkeit bereits hinter sich gelassen und wissen, dass Altern nicht unbedingt schlecht ist. Jungern wäre ja jetzt auch nicht so der Burner, siehe Benjamin Button. Altern ist außerdem unausweichlich (bzw. ist die einzige realistische Alternative erst recht kein Burner), sodass es doppelt gut ist, dass es nicht unbedingt schlecht ist. Man sammelt Erfahrungen, lustige Sachen, Bücher und vielleicht irgendwann sogar richtig brauchbare Snowboard-Skills. Das alles braucht Zeit, und dabei wird man älter. Total o.k., wenn ihr mich fragt.

Allerdings, da gibt es nichts zu beschönigen, hat Altern noch ein zweites Gesicht. Mit zunehmendem Alter begegnen einem immer wieder mal Dinge, die man erst einmal derpacken muss. Da rede ich jetzt nicht davon, dass die Handys heute so viele Funktionen haben, oder dass sich mir der Reiz von Foursquare nie erschlossen hat oder dass die Musik so laut ist. Obwohl, ist sie manchmal, aber bitte. Wer’s mag.

Nein, heute rede ich von einem Phänomen, dass mir in früheren Zeiten fremd war: Weniger-ist-mehr-Service, d. h. frohgemut und wiederholt Lokale besuchen, in denen man mehr dafür bezahlt, dass man objektiv weniger geboten kriegt. Zum Beispiel gibt es einen Laden (ich nenne keine Namen, aber wenn man im Anzengruber keinen Platz findet und eine entspannte Rechts-Links-Kombination durchschlendert, ist man nach höchstens zehn Minuten dort, selbst wenn die Gelenke nicht mehr so mitmachen), wo urbane junge Menschen, die immer einen Finger am Puls der City haben, zwischen Fahrrädern an ihrer Diplomarbeit schreiben. Wenn sie ihr Tagwerk beendet finden, bestellen sie ein Bier. Der hipstberbärtige Servierkörper bringt darauf alsbald eine Flasche Bier der gewählten Sorte und stellt diese unaufgefordert auf den Tisch. Irgendwann ist es dann Zeit für den Heimweg. Vorher merkt man, dass die Flasche Bier vier Euro zwanzig kostet, ohne Trinkgeld. Und ohne Glas.

Man verstehe mich nicht falsch: Ich trinke umstandslos Bier aus Flaschen. Ich habe sogar schon Bier aus Dosen getrunken, ungelogen wahr! Wie oft schon habe ich mir ein Bräustangerl aus dem Kühlschrank geschnappt, abgekapselt und dann zisch ohne Umwege. Gelegentlich habe ich mir so eine Rüge von der Gattin eingefangen, obwohl außer uns keiner da war. Wir waren nämlich zu Hause. 

In einem Lokal aber, zumal in einem Lokal mit Tischen und Sitzgelegenheiten, zumal in einem Lokal mit Tischen, Sitzgelegenheiten und Servierpersonal, zumal in einem Lokal mit Tischen, Sitzgelegenheiten, Servierpersonal und Flaschenbier im Gegenwert einer Bruttostunde Arbeit in meinem ersten Ferienjob – in einem solchen Lokal fühle ich mich verarscht, wenn ich ein Glas nicht einmal dankend ablehnen kann. Ob dieses Gefühl des Verarschtwerdens geriatrisch bedingt ist, will ich nicht beurteilen. Aber künftig trinke ich nach Möglichkeit wieder im Anzengruber.

Freitag, 9. Mai 2014

Warum Radfahren eh doof ist


So, meine Lieben. Vor einigen Wochen habe ich hieramts zum In-die-Arbeit-Radeln geladen. Nur eine einzige Tapfere hat sich gefunden, die dem Folge zu leisten bereit war. Einerseits enttäuschend, andererseits vollrohr verständlich. Denn jeder Radfahrer (und jede Radfahrerin) stellt bald fest, dass er der einzige weit und breit ist. Alles andere, was sich zu Rad tummelt, mag zwar für den Unbedarften oder selbstgefährdend optimistisch Eingestellten auf den ersten Blick wie ein Radfahrer wirken, gelegentlich sogar noch auf den zweiten oder dritten.

Es handelt sich aber stets um eine zweirädrige Monstrosität, und das ist auch kein Wunder. Die Peripatetiker um Aristoteles philosophierten im Gehen, um dabei mehr über die Welt und ihre Verfasstheit als Menschen zu erfahren. Klar, dass die Beräderung mit einer Entmenschung einhergeht, seien die Räder selbst am Automobil, am Fahrrad oder wo auch immer angebracht. Wo es um Radfahrer geht, ist der Normalfall daher immer schon die Ausnahme, weil nur du selbst normal bist.

Ist es nun Zeit zu verzweifeln? Nein. Denn auch hier hat der Wahnsinn Methode. Es gilt, den Ungeheuerlichkeiten, mit denen man Radweg oder Fahrbahn zu teilen gezwungen ist, ins Auge zu sehen und zu erkennen, mit welcher Art von Scheusal man es zu tun hat. Erkenne deinen Feind, und du weißt, wie du seiner Herr werden kannst! Hier die erste Folge meines kleinen Führers in die Welt der Anderen. 

Der böse Kobold

Er treibt jeglichen Unfug und bringt damit Fußgänger wie Autofahrer nicht nur gegen sich selbst auf, sondern auch gegen andere Radfahrer, die überhaupt nichts dafür können. Wenn du zum Beispiel einen siehst, der neben dem Radweg auf der Fahrbahn gegen die Einbahnrichtung fährt, und zwar freihändig, weil er seine Hände zum SMSen braucht: Dann hast du gerade einen kapitalen Bösen Kobold erspäht und weißt jetzt, warum du noch übernächste Woche angepöbelt wirst, wenn du korrekt bei Grün rechts abbiegst. Gegen den Kobold ist kein Kraut diesseits der Strafbarkeit gewachsen. Wenn du ihm einen Knüppel zwischen die Speichen wirfst, ist dir aber zumindest mein Verständnis sicher. Auch kostet ein Auftragsmord laut Frank Stronach nur zwei Kilo. Legen wir zusammen? 

Der Ampelzombie

Sein Fleisch ist lebendig, alle Gliedmaßen sind noch an ihm dran, doch er teilt ein wichtiges Charakteristikum mit dem Zombie: Dieser bewegt sich zwar (abgesehen vom neueren "schnellen Zombie") nur langsam schlurfend fort. Doch ist er dabei nicht etwa genauso schnell wie ein rennender Mensch, sondern sogar um das entscheidende Alzerl schneller. Philosophisch Gebildete mögen sich hier an das Schildkrötenparadoxon des Zenon von Elea erinnert fühlen: Achill kann im vollen Lauf die vorankriechende Schildkröte nicht einholen, weil er in jeder Sekunde z.B. die Distanz halbiert und sich damit dem Reptil (ja, Schildkröten sind Reptilien!) asymptotisch nähert, ohne aber jemals an ihr vorbeizuziehen.

Der Ampelzombie geht umgekehrt vor. Während man an einer roten Ampel wartet, schiebt sich der Ampelzombie im Zeitlupentempo vorbei. Dabei ist die Seite egal. Schiebt er sich rechts vorbei, dann überquert er die Kreuzung wahrscheinlich bei Rot. Nach Grünwerden der Ampel wird man alsbald auf ihn auflaufen, ihn aber nicht überholen können, weil Autoverkehr. Schiebt er sich links vorbei, dann wartet er, bis die Ampel grün wird, um sich dann im Zeitlupentempo in Bewegung zu setzen. Man könnte ihn bei Gelb rechts überholen, doch dann wäre er im Recht, wenn er einen beschimpft.

Um den Ampelzombie auszutricksen, kann man, wenn möglich, bei Rot losfahren – das kann aber ins Geld gehen. Sonst hilft nichts, außer vielleicht um wenige Autos beten. 

Fortsetzung folgt, falls gewünscht

Freitag, 11. April 2014

Fahrt mehr Räder!


Ich würde mich gern in Mannerschnitten aufwiegen lassen. Auch eine Ballonfahrt hätte ich gern, zur Not sogar ein Wellness-Wochenende. Einen Zalando-Gutschein kann man immer brauchen. 

Wir unterbrechen die Kolumne für die Gender-Klausel: Sollte im Folgenden jeweils nur eine Genderform dargereicht werden, so dürfen sich alle anderen Genders jeweils mitgemeint fühlen. Schönen Gruß an Frau Silvia Stoller, akademische Philosophin, die fürs gendergerechte Formulieren den Unterstrich vorschlägt.

Bloß: Ich will dafür nichts bezahlen. Ich will es gewinnen: Bei "Wien radelt zur Arbeit". Und hier kommt ihr ins Spiel. Denn bei dem Bewerb kann man nur im Team teilnehmen, d.h. ich brauche eine bis drei Mitstreiterinnen, die im kommenden Monat Mai wonnig-willig in die Agentur (und wieder heim) radeln. Ich darf also hiermit herzlich einladen, sich in diese Win-Win-und-vielleicht-noch-mehr-Win-Situation hineinzukuscheln.

Warum so viele Wins? Ganz einfach: 

Radfahren macht schlau. 

Wir wachsen mit den Herausforderungen, nicht nur als Spezies, sondern auch als Individuen. Radfahren in Wien schleudert uns täglich neue Challenges entgegen, erstaunlich viele davon in Gestalt anderer Radfahrerinnen (dazu nächste Woche mehr). Dieses ständige Training hält beweglich, erzieht zum Optimismus und lässt so manche Schwierigkeit im Arbeitsalltag vergleichsweise nebbich erscheinen.

Radfahren macht schön. 

Wer sich morgens den Wind um die Nase wehen lässt, kommt besser an: durchbluteter, gestraffter, aufgeweckter. Ich selbst bin vom regelmäßigen Radfahren so unwiderstehlich geworden, dass ich einen dicken Stecken unterm Schreibtisch liegen habe, um mich der Zudringlichkeiten erwehren zu können, denen ich hier täglich ausgesetzt bin. 

Radfahren macht reich. 

Der versierten Radfahrerin fällt es leicht, einem vielversprechenden Jungerben wie zufällig vor den Bentley zu stürzen, sich von ihm wiederbeleben, entschädigen und alsbald heiraten zu lassen. Mit einem Auto geht das nicht, zu Fuß wirkt man oft ungraziös und verschreckt den angepeilten Nachwuchskapitalisten. Für alle, die aus dem Millionärsfischerinnenalter heraus sind, sind auch die Sinneseindrücke bereichernd, die U-Bahn oder Auto einfach nicht bieten können. Und nein, wir reden nicht vom Duft des Flieders, da bleiben wir realistisch. Aber Fiaker-Ammoniak hat auch was Erfrischendes. 

Und gewinnen können wir außerdem! 

Alsdann: Wer ist dabei? Weitere Informationen findet ihr hier.