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Freitag, 5. Juli 2024

Physik


Schrödingers Katze ist euch, o naturwissenschaftlich ausgeschlafene Lesehäschen, natürlich bestens vertraut: Die Katze befindet sich in der Kiste und ist weder tot noch lebendig, bis man hineinschaut.

Verwandt sind ihr, wie uns ein Meme lehrt, Schrödingers Migranten, die uns Autochthonen die Jobs wegnehmen und dabei fett Sozialleistungen fürs Nichtstun kassieren. Dazu passen Schrödingers Kassenärzte, die euer Ergebener kürzlich entdeckt hat, nämlich in einem Falter-Artikel zur medizinischen Versorgung. Dort hieß es: „Ein Kassenarzt hat zehn bis 20 Patienten pro Stunde, ein Wahlarzt vier bis fünf.“

Man liest es und denkt sich: Jaja, die Kassenärzte müssen schon schauen, dass sie auf ihren Schnitt kommen, bei dem bisschen, dass die Kasse zahlt.

Naja. Mal abgesehen davon, dass dem Artikel zufolge Kassenärzte im Schnitt über 50 % mehr verdienen als Wahlärzte, sollten wir kurz in uns gehen und uns folgende Frage stellen:

Wann haben wir zuletzt das Wartezimmer eines Kassenarztes betreten, dort zehn (oder gar 20) bereits Wartende vorgefunden und uns gedacht: Super, in einer Stunde bin ich dran?

Das ist also Schrödingers Kassenarzt: Er fertigt Patienten im Fünfminutentakt ab, aber nur, solange man selbst nicht hingeht. Dann widmet er sich einem jeden Leidenden mindestens viermal so lang.

Ja, auch dem Zweckdichter ist klar, dass Kassenärzte ihre Patientenscharen nicht aus Geldgier rasch behandeln, sondern weil sie halt müssen. Und dass zu den mindestens zehn Patienten pro Stunde auch jene gehören, die sich von der Sprechstundenhilfe ein Rezept holen oder dieses per E-Mail anfordern und auf die Karte gebucht bekommen.

Damit kommen wir zu Schrödingers Gast. Mit ihm bekommst du es zu tun, wenn du den Fehler machst, in einem Lokal essen zu wollen, dessen Erzeugnisse sich besonders gut zum Mitnehmen eignen. Schrödingers Gast ist nicht zugegen, bis du hungrig wirst. Du betrittst die, sagen wir, Burritoschmiede und freust dich, dass nur zwei Esser in spe vor dir warten, dass ihnen köstliche Flade mit was drin werde.

Nach einer Weile kommst du aber ins Grübeln: Wie kann es sein, dass drei Burritofachkräfte ständig Burritos bauen, während die beiden Hungrigen vor dir immer noch warten? Das liegt an Schrödingers Gästen, die zu faul sind, um das Haus zu verlassen, und sich ihre Labung deshalb liefern lassen. Sie kommen alle vor dir dran. Denn du warst doof genug, extra herzukommen, während ihnen klar ist, dass Google-Rezensionen lieb sind, dass aber Bestellwillige wahrscheinlich gleich die Bewertungen auf Foodora oder was immer gerade der Lieferdienst du jour ist, checken. Das wissen auch die Lokalbetreiber, deshalb musst du warten. Der Lieferdienst, und damit kommen wir zum Schluss, wird jedenfalls einer sein, der eine Flotte von Elektromopeds betreibt, deren jedes die Aufschrift Ich bin ein Fahrrad trägt. Nein, bist du nicht. Sonst hättest du Pedale. Du bist so sehr ein Fahrrad, wie dünne Zucchinistreifen Nudeln sind. Schönes Wochenende!

Freitag, 23. Februar 2024

Feindliche Tierwelt

 

Im Standard, o rechenstarke Lesehäschen, war heute zu lesen, britische Behörden hätten die „größte Kokainlieferung aller Zeiten“ beschlagnahmt. Der Text brachte dann die fällige Korrektur: Es war die größte Lieferung, „die je in Großbritannien beschlagnahmt wurde“. Wie groß die nicht beschlagnahmten sind, weiß man natürlich nicht. Mit dem Kokain ist es halt so wie mit den Wölfen: Dass von 1950 bis 2020 in Europa nur 20 Angriffe von Wölfen auf Menschen nachgewiesen sind (die Tollwutfälle nicht mitgerechnet), könnte auch daran liegen, dass Wölfe im Zweifelsfall keine Spuren hinterlassen, sondern eventuell (Filmtipp) nach dem Prinzip Bones and All operieren.

Fraglich ist auch, warum so viele Filme sich an Haiangriffen auf Menschen abarbeiten, dass man ohne weiteres ein ganzes Wochenende Schwanzflossenaction bingen könnte, ohne an ein Ende zu kommen, während Wölfe mit sehr seltenen Ausnahmen höchstens eine Nebenrolle spielen. The Grey hatte zwar Liam Neeson, war aber jetzt trotzdem nicht der Burner im Vergleich zu Deep Blue Sea, dem Lieblingshaifilm eures Ergebenen. Es kann wohl kaum daran liegen, dass Haiangriffe gut zehnmal so häufig sind wie Wolfsangriffe (und immer noch dreimal so häufig, wenn man die tollwütigen Wölfe mitzählt, was aber gegenüber den Haien unfair wäre, die ja keine Tollwut bekommen können). Schließlich gibt es einerseits eine ganze Menge Filme, in denen Aliens uns Böses wollen, die noch seltener in offiziellen Statistiken auftauchen als Wölfe, andererseits aber keinen einzigen, in dessen Mittelpunkt eine Killerkuh steht (euer Ergebener freut sich natürlich über sachdienliche Häschentipps, denn seit Ticks, einem Meilenstein des Billighorrors, der sich um melonengroße Zecken drehte, scheint alles möglich). Und das, obwohl Kühe allein in den USA jährlich über 20 Menschenleben auf dem Gewissen haben, wobei sie nicht einmal bewaffnet sind, wozu in den USA schon ein bewusster Entschluss gehört. In Österreich schaffen Kühe im Schnitt nur alle fünf Jahre einen Menschen, woraus erhellt, dass unsere Kühe deutlich friedfertiger sind als die amerikanischen.

Bevor jetzt jemand mit roten Tüchern daherkommt: Mehr als die Hälfte der Problemrinder sind Kühe, nicht Stiere, was freilich auch damit zu tun haben könnte, dass Stiere oft jünger sind, wenn sie auf dem Teller landen, und daher weniger Gelegenheit haben, jemanden auf die Hörner zu nehmen. Dass Rinder mit Y-Chromosom nicht „männliche Kühe“ heißen und „weibliche Kühe“ doppelt moppelt, haben wir ja schon vor Corona geklärt, also praktisch gestern, weil die Pandemie uns ja einen gesamtgesellschaftlichen Filmriss verpasst hat, leider mit dem entsprechenden Kater seither, aber ohne lustigen Rausch davor. Vielleicht bescheren uns ja die ganz banalen Masern das nächste ungute Erwachen, wenn wir uns blöd genug anstellen. Zumindest, wenn es nach der FPÖ-„Gesundheitssprecherin“ geht. Schönes Wochenende!  

Freitag, 20. Januar 2023

Plagiate

Vieles, o vielgeliebte Lesehäschen, ist dieser Tage nicht so erfreulich, wie es sein könnte. Da haben wir an erster Stelle das Wetter, das anstatt auf Mitte Jänner auf Ende Februar (bestenfalls) steht, was für die Zukunft nichts Gutes hoffen lässt. An zweiter Stelle kommt das übliche Korruptionsrauschen, diesfalls gebührenfinanziert im ORF-Landesstudio Niederösterreich. Und dann kommt aber schon der lästige Überraschungsaufsteiger des Jahres, der sogenannte Plagiatsjäger Stefan Weber, der mit dem Drahdiwaberl-Häuptling seligen Angedenkens außer dem Namen leider nichts gemein hat.

Der Herr Dozent Dr. Weber hat sich diesen seinen Namen damit gemacht, dass er in akademischen Abschlussarbeiten diverser politischer Persönlichkeiten geklaute Abschnitte gefunden hat. Dagegen ist ja auch nichts einzuwenden. Man muss nicht einmal selbst jahrelang über einer solchen Arbeit gesessen sein und daran die größtmögliche Sorgfalt verwendet haben, um zu finden, dass es zum Beispiel dem Herrn Spörl recht geschehen ist, als öffentlich wurde, dass er weder Jude noch promoviert ist, oder auch der Frau Aschbacher, deren beide Arbeiten offensichtlich dem Standard der Knödelakademie entsprechen, mehr aber auch nicht, die aber ihrem Titel kein Kn.ak. nachstellte.

Doch anscheinend geht dem Jäger das Wild aus, sodass er mittlerweile auch zu einem Schaf nicht nein sagt, wenn es dunkel ist und man sich schon einmal irren kann. Der neueste Vorwurf richtet sich gegen den Mathematiker Niki Popper. Dieser habe in seinen – natürlich mathematischen – Abschlussarbeiten aus 2001 und 2015 Texte nicht etwa über Mathe, sondern über die menschliche Atmung von woanders übernommen, ohne das korrekt zu kennzeichnen. Der gelernte Kommunikationswissenschaftler Weber hat den Mathematiker Popper deshalb bei dessen Alma mater, der TU Wien, angezeigt, die ein Verfahren eingeleitet hat.

Nun muss man sich fragen, ob der Herr Weber so deppert ist oder sich so deppert stellt. Es ist nämlich so: Es gibt immer schon Studienfächer, die eh Forschung sind. Chemie, Mathe, Physik und sowas. Und dann gibt es welche, die ständig beweisen müssen, dass sie Forschung sind: Germanistik zum Beispiel, oder Kommunikationswissenschaft. Die letzteren haben, weil die eigene Wissenschaftlichkeit prekär ist, längst sehr genau darauf geachtet, gewissenhaft zu zitieren. Das wird dem Nachwuchs in Proseminaren eingetrichtert und in jeglichen schriftlichen Arbeiten bewertet beziehungsweise korrigiert.

In den ersteren Fächern war das hingegen ziemlich wurscht. Noch nach 2000 erntete man in Österreichs naturwissenschaftlichen Fakultäten verblüffte Blicke ob des Ansinnens, nicht nur eine Literaturliste beizugeben, sondern so richtige Quellenangabe zu machen, mit Seitenzahl und allem. Man hatte ja schließlich Experimente und so, wen interessierte da, woher genau man das hatte, was eh schon bekannt war?

Der Herr Weber darf daher all jenen die Hand geben, die die Werke Goethes zu wenig divers finden oder sich vom Zauberberg hart getriggert fühlen, weil dort so viel geraucht wird. Damals war das mit der Diversität halt anders als heute, um 1900 und noch viele, viele Jahrzehnte lang wurde gepofelt, bistdudeppert, und Naturwissenschaftler hatten es nicht so mit dem Zitieren. Diesen Sachverhalt heute auszugraben sagt mehr darüber, wie gern Herr Weber in den Medien vorkommt, als darüber, wie redlich Herr Popper seinen Forschungen nachgeht. Schönes Wochenende!


 

Freitag, 16. Dezember 2022

Zahltag

 

Wir haben, o meine betuchten Lesehäschen, vor drei Wochen etwas ungebührlich unter den Tisch fallen lassen: Am 25. November war Katharinentag und damit Tag der Abrechnung. In verschiedenen Regionen hatten sich nämlich einst verschiedene Tage eingeschliffen, zu denen es üblich war, Dienstverträge auslaufen zu lassen, neue abzuschließen und auch Schulden zu begleichen. Wo euer Ergebener herstammt, war dies der Katharinentag. Nicht etwa, weil die heilige Katharina besonders viel mit Rechnungswesen am Hut gehabt hätte, obwohl da was dran ist: Sie soll nämlich eine Philosophin gewesen sein, die dem Heidenkaiser Maxentius und seinen besten Denkern die Überlegenheit des Christentums so überzeugend vordenken konnte, dass er sich keinen Rat mehr wusste, als sie einkerkern und hinrichten zu lassen. Jetzt aber Fun fact: Laut Wikipedia hat es eine solche Katharina nie gegeben. Ihre Legende basiert vermutlich auf dem Schicksal der nicht nur Philosophin, sondern auch Mathematikerin (daher also das Rechnungswesen) Hypatia von Alexandria, die von einem christlichen Mob getötet und zerstückelt wurde.

Wie auch immer: Am Katharinentag wurde deshalb abgerechnet, weil es der Tag einer örtlichen Kirchenpatronin war, sodass man sich bei den entsprechenden Festlichkeiten begegnete und abwickeln konnte, was abzuwickeln war. Dass das unterschiedlich erfreulich war, je nachdem, auf welcher Seite des Schuldenzaunes man stand, hat Franz Michael Felder poetisch verewigt:

 

Tag des Schreckens und der Trauer

dessen mancher arme Bauer

nur gedenkt mit Schreck und Schauer.

 

Und so weiter, denn:

Wehe, die Banknoten schwinden

und in Sackes tiefsten Gründen

ist kein Silber mehr zu finden.

 

Und dabei heizte der Mann nicht einmal mit Gas!

Auch euer Ergebener hat inzwischen den einschlägigen Brief seines Stromversorgers erhalten und findet sich also mit einer gut 80-prozentigen Tariferhöhung ab, aber was will man machen. Nur im Dunkeln und Kalten zu sitzen ist auf Dauer schon eine Daseinsform, aber nur für fiktive christliche Märtyrerinnen. Dabei hilft die hieramts in letzter Zeit schon gewürdigte Kranken- sorry, Gesundheitskasse auch nicht weiter. Die weigert sich standhaft, eine therapeutische Leistung mitzufinanzieren, obgleich sie nachweislich Erfolge bringt, weil sie „nicht von medizinischem Personal erbracht wird“. Also, wenn ich mit einer halbzerkauten Dattel in der Luftröhre blau anlaufend daliege, ist es mir wahrscheinlich wurscht, ob ein Dr. med. oder der nächstbeste Callcentermitarbeiter mir die rettende Kugelschreiberhülse in den Hals rammt, Hauptsache Sauerstoff. Aber wenn man, wie die Österreichische Gesundheitskasse, schon geschaffen wurde, um Milliarden zu sparen, und stattdessen hunderte Millionen gekostet hat, muss man sich wohl nach der Decke strecken. Schönes Wochenende!


Freitag, 7. Januar 2022

Nicht so schlimm

 

Das Gute an Neujahrsvorsätzen, o prinzipientreue Lesehäschen, ist, dass spätestens ab Mitte Februar so oder so kein Hahn mehr danach kräht. Wirst du schwach, weißt du dich in möglicherweise guter, jedenfalls aber zahlreicher Gesellschaft. In der Vorsätzeszene sind die zu Neujahr so etwas wie Mathe in der Schule: Es gehört geradezu zum guten Ton, sie nicht auf die Reihe zu kriegen. Brrr, Mathe war ich auch total schlecht, ja, hihi, gell? Euer Ergebener fand Mathe, ehrlich gesagt, ganz okay und war zwar offensichtlich nicht für eine Mathematikerkarriere prädestiniert, aber für eine vorzeigbare schriftliche Matura hat es gereicht.

Früher, so scheint es mir, musste man skifahren können, um in Österreich was zu werden. Am Lift, auf der Hütte oder zumindest beim Fachsimpeln kam man sich näher. Da aber die Klimakrise den Wintersport allmählich in immer lichtere Höhen treibt, behilft man sich mit mathematischer Ahnungslosigkeit, um eine gemeinsame Basis mit Wildfremden zu finden. Wahrscheinlich liegt es daran, dass hierzulande das Vertrauen in die Wissenschaft besonders gering ist. Umgekehrt wird niemand, der mit beiden Erfahrung hat, bestreiten wollen, dass die Qualitätssicherung im Bereich der Skischulen immer schon weit besser funktioniert hat als in der Schule ohne Ski, was auch einleuchtet, weil man nur erstere den Fremden verkaufen kann.

Doch wir schwiffen ab, zurück zu den Neujahrsvorsätzen. Da mit einer erfolgreichen Einhaltung, wie gesagt, nicht zu rechnen, ja von dieser sogar abzuraten ist, weil man andernfalls gesellschaftliche Ächtung riskiert, gilt es sie sorgfältig zu wählen, so wie die berüchtigten Abschussideen, für die sich der Kunde bekanntlich besonders gern entscheidet. Da man sich mit schlechten Abschussideen den Ruf beschädigt, liefere man stattdessen zu teure. Ähnliches gilt für die Neujahrsvorsätze: Es wäre schade, die so ersprießliche Raucherentwöhnung oder den vermehrten Sport Anfang Jänner zu verheizen, da wird sowieso nix daraus. Viel gescheiter, man nimmt sich ein Beispiel an der Werbung und fasst Neujahrsvorsätze, deren Einhaltung zwar ein hohes Maß an Disziplin erfordert, die aber eigentlich wurscht sind. Geeignet sind zum Beispiel:

Endlich Auf der Suche nach der verlorenen Zeit lesen.

Endlich den Dachboden beziehungsweise den Keller aufräumen (keinesfalls beide im selben Jahr, das kauft euch niemand ab).

Endlich das Pensionskonto prüfen.

Et cetera.

Wem gar nichts einfallen will, woran man scheitern könnte, um sich von anderen schwachen Seelen angenehm verstanden zu fühlen, der nehme sich vor, endlich Mathe zu lernen.

Schönes Wochenende!

Freitag, 10. Dezember 2021

Der Felber lallt selber

 

Erstens einmal, o teure Lesehäschen, gilt es einen guten Rat des Zweckdichterbalgs zu beherzigen: Wer ein langes Gedicht auswendig lernt, lernt dabei auch etwas über sich selber. Vor allem darüber, wie man am klügsten vorgeht, um sich Neues anzueignen. Außerdem tut es nicht weh, sich die Bürgschaft, das Lied von der Glocke oder Poes Raben ins Langzeitgedächtnis zu räumen. Nebenbei gelingt damit ein Gesprächseinstieg mindestens so shmoov wie mit Themen vom Kaliber Wetter (bis Anfang 2020) respektive Corona (seit Anfang 2020). Bonus: Man redet nicht über Corona.

Des weiteren soll man nicht nur Gedichte auswendig lernen, sondern auch sorgfältig rechnen. So hat Altkanzler Kurz einst nicht damit gerechnet, dass man ihm einmal draufkommen würde, weshalb der unschuldige Konstantin nun als Vorwand dafür dienen muss, dass Papa sich aus der Politik zurückzieht. Weiterhinvizekanzler Kogler seinerseits rechnet mit extrem vielen deutschen Nachbarn, wenn er im ZEIT-Interview erklärt, dass Österreich sieben Milliarden Euro für den Klimaschutz ausgibt, was so viel sei, wie wenn Deutschland 500 Milliarden ausgibt. Leider hat er nicht dazugesagt, was er als Vergleichsgröße herangezogen hat, denn eine halbe Milliarde Einwohner hat Deutschland jedenfalls nicht.

Dies einerseits.

Andererseits ist Rechnen stark überbewertet, wie das Beispiel von Christian Felber zeigt. Der Gute war hieramts schon vor Jahren zu Gast, weil er in einem Interview erklärte, dass schöne Männer ein gutes Verhältnis zu ihren Füßen hätten und dass der Kommerzfußball zu stark vom Ergebnis dominiert sei (vermutlich im Unterschied zur Liebesbäckerei, zur Neigungsgruppe Fahrradbau oder der Ich-tanz-dir-einen-Haarschnitt-WG, wo jeweils eher wurscht ist, was dabei herauskommt, Hauptsache, alle haben einander dabei lieb).

Dieser Felber selber hat vor einem Weilchen die 30 Gründe veröffentlicht, deretwegen er sich nicht impfen lässt. Ich spare mir den Link und gebe euch stattdessen das Executive Summary. Spoiler: Die sogenannten 30 Gründe sind in Wahrheit nur drei, nämlich erstens: Felber ist schlecht im Lesen (hierher gehören Gründe wie „ich ernähre mich gesund und tanze viel imWald“, denn wenn er lesen könnte, wüsste er mittlerweile, dass eine robuste Konstitution nicht vor einer Ansteckung und schon gar nicht vor einem schweren Verlauf oder long Covid schützt).

Zweitens: Felber ist schlecht im Rechnen, weshalb er ungefähr jede Statistik fehldeutet, die ihm unterkommt. Dass er zum Beispiel auf das hier schon besprochene Simpsons-Paradoxon hereinfällt, ist quasi ein Ghörtsich für einen wie ihn.

Drittens: Felber bleibt er selber. Als Grund für seine Impfverweigerung führt er deshalb auch an, dass mehr an Medikamenten gegen Covid geforscht gehört. Anders gesagt: „Ich kaufe mir kein Fahrrad, weil Trittroller effizienter sein könnten.“ Und natürlich, das ist ganz wichtig: Er lässt sich nicht impfen, weil die Pharmakonzerne an den Impfstoffen Geld verdienen. Ein gestandener „Gemeinwohl-Ökonom“ nutzt und konsumiert ja nur Leistungen und Produkte, die von den Urhebern und Herstellern um Gottes Lohn bereitgestellt werden. Christian Felber selbst nimmt für einen Vortrag 2.000 Euro, wenn er sie bekommt – „lassen Sie uns gerne sprechen, was möglich ist“, heißt es auf seiner Website. Da ich stark bezweifle, dass dieser Satz im Wittgensteinschen Sinne gemeint ist und noch stärker befürchte, dass er besagen soll: „Gerne bespreche ich mit Ihnen, welches Honorar Sie sich leisten können“ – deshalb also würde ich persönlich keinen Vortrag von jemandem buchen, der offensichtlich nicht nur im Lesen und Rechnen, sondern auch im Schreiben und Sprechen noch Luft nach oben hat.

Schönes Wochenende!

 


Freitag, 3. September 2021

Wahrscheinlich

 

Es werden, o teure Lesehäschen, dieser Tage wieder allerlei Zahlen gewälzt und zum Beispiel spekuliert, ob die Impfungen vielleicht doch nicht so wirksam sind, weil Israel. Da unter den Blinden nicht nur der Einäugige König ist, sondern derjenige immer noch als Hofrat durchgehen kann, der nicht extra dicke Fäustlinge anzieht, um sich zur Speisekammer zu tasten, will sich euer mathematisch weitestgehend supernackter (wie man einst im BZÖ gesagt hätte) Zweckdichter unterwinden, dies und jenes aus der Statistik zu begrabbeln.

Bekannt ist ja das Monty-Hall-Problem, aus dem wir alle lernen, dass Wahrscheinlichkeit nicht immer intuitiv zu begreifen ist (zumindest die unter uns, die zu dickköpfig sind, um jenes schon daran zu erkennen, dass wir nicht längst alle als Millionäre aus dem Casino spaziert sind): Du nimmst an einer Gameshow teil und schaffst es bis in die Endrunde, wo der Moderator (der namensgebende Monty Hall) dir drei Türen weist. Hinter zweien befindet sich je eine Ziege, hinter der dritten etwas Geileres (in der Originalversion ein Cadillac, aber wer will heute schon einen Cadillac). Du entscheidest dich für eine Tür, die vorerst noch geschlossen bleibt. Nun öffnet Monty eine der anderen beiden Türen. Eine Ziege meckert dich neugierig an. Monty fragt, ob du bei deiner Wahl bleibst oder zur noch verbleibenden Türe wechseln willst. Sollst du bleiben, sollst du wechseln oder ist es wurscht?

Die Intuition sagt dir, dass hinter deiner Tür immer noch das ist, was vorher dahinter war, unabhängig davon, ob irgendwelche Fernsehfuzzis irgendwelche anderen Türen öffnen oder nicht. Also denkst du dir, wozu wechseln, spielt eh keine größere Rolle als eine Stimme gegen Kurz beim ÖVP-Parteitag.

Die Wahrscheinlichkeitsrechnung weiß es aber besser. Denn die Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten hängt von den verfügbaren Informationen ab, was zum Beispiel unser verehrter Ex-Vizekanzler bestätigen kann, der einst auf Ibiza wahrscheinlich weniger staatsgefährdenden Müll von sich gegeben hätte, hätte ihn jemand Glaubwürdigerer als Gudenus darüber informiert, dass echte Oligarchinnen saubere Zehennägel haben.

Deshalb schaut die Wahrscheinlichkeitsrechnung genau darauf, dass keine Wahrscheinlichkeitspartikel verloren gehen: Wenn man alle Wahrscheinlichkeiten zusammenzählt, muss irgendwo mit Sicherheit der Cadillac sein (oder was auch immer du begehrst).

In der Show von Monty Hall ist es nun so: Am Anfang wartet hinter jeder Tür dasselbe, nämlich die Wahrscheinlichkeiten für ein Drittel von einem Cadillac (oder, damit es um etwas geht, ein Drittel von einem 68er Camaro SS oder einer automatischen Breguet mit Repetierwerk) und zwei Drittel von einer Ziege. Auch hinter der Tür, die du auf gut Glück aussuchst.

Wenn Monty dir die Tür mit der Ziege zeigt, geschieht hinter deiner Tür tatsächlich nichts, da hat die Intuition schon recht: Dort sind immer noch ein Drittel vom Camaro und zwei Drittel von einer Ziege. Aus der offenen Tür spaziert aber eine ganze Ziege und fängt an, deine Taschen nach Fressbarem zu durchsuchen (Obacht, Ziegen sind da nicht immer wählerisch). Du weißt nun also nicht nur, wo zwei Drittel von einer Ziege sind, vor dir stehen auch weitere drei Drittel, aber nicht der geringste Camaro. Woraus sich logisch ergibt, dass die übrigen zwei Drittel des Camaro (oder der Breguet, gemeinsam mit dem letzten Ziegendrittel) nur hinter der dritten Tür sein können. Deshalb sollst du auf jeden Fall die Tür wechseln, es sei denn, du findest Ziegen richtig toll.

Nächste Woche: Mehr sonderbare Statistik, yay!

Schönes Wochenende!

Freitag, 21. Mai 2021

Nein doch

 

Endlich, liebe Lesehäschen, müssen wir der Klarheit nicht mehr ermangeln. zur-sache.at, der ÖVP-Blog, der sich journalistisch findet (jaja, Selbstbild und Fremdbild), hört endlich auf, uns nicht über sprachliche Sachverhalte aufzuklären. Anlass ist die Frage, ob der Bundeskurze die Gelegenheit nicht ausgelassen hat, dem Ibiza-Untersuchungsausschuss nicht die Wahrheit zu sagen, und zwar auf die Frage zu Thomas Schmid und der ÖBAG-Bestellung: „Haben Sie mit ihm nie darüber gesprochen, dass er das werden könnte?“ Kurz erwiderte: „Nein, es war allgemein bekannt, dass ihn das grundsätzlich interessiert …“.

Dem profil-Journalisten Gernot Bauer fiel daran auf, dass der Wunderkanzler eine verneinte Frage verneint und damit „genau genommen“ den Frageinhalt bejaht hat: Nein, ich habe nicht nie mit ihm darüber gesprochen, also: Ja, ich habe mit ihm darüber gesprochen.

Darüber war Profiblogger Sebastian Winter natürlich in seiner „Analyse“ nicht traurig und eröffnet gleich mit der Behauptung, Bauer sei der Ansicht, dass der Bundeskanzler tatsächlich ausdrücken wollte, er habe mit Schmid über die Postenvergabe gesprochen. Angesichts dessen, dass Bauer die Sache als „Funfact“ präsentiert, ist das zumindest mutig.

Selbst der WKStA – darüber freut sich Herr Winter natürlich noch mehr – ist die Sache aufgefallen. Sie merkt an, dass „im allgemeinen Sprachgebrauch“ eine verneinte Frage nicht mit „Nein“ abgelehnt wird sondern mit „Doch“. Nicht unnniedlich ist nun, was bei zur-sache.at als rhetorischer Kniff durchgeht: Die WKStA versuche „auf den allgemeinen Sprachgebrauch, also die Umgangssprache, zu verweisen“. Na geh, Sebastian Winter, das kannst du aber nicht schlechter! Einfach zu behaupten, allgemeiner Sprachgebrauch und Umgangssprache seien ident, das ist doch etwas billig. Im allgemeinen Sprachgebrauch spricht man einen Bundeskanzler als „Herr Kanzler“ an, das ist nicht dasselbe, als würde man Oida zu ihm sagen.

Es ist aber eh wurscht. Worauf es ankommt: Sprachliche Logik ist nicht nicht nicht (ja, wir können sogar Dreifachverneinung!) dasselbe wie formale Logik. Eurem Ergebenen wurde in diesem Schuljahr mitgeteilt: Nur weil das Unterrichtsministerium erlassen hat, dass im ersten Semester eine Schularbeit durchgeführt werden darf, wenn bis 6. Dezember noch keine stattgefunden hat, lässt sich daraus nicht schließen, dass keine zweite Schularbeit mehr stattfinden darf, wenn bereits eine stattgefunden hat. (Spoiler: Natürlich ließ sich das sehr wohl schließen, weil man sogar im Unterrichtsministerium gerissen genug ist, für einen Erlass nicht die Formallogik heranzuziehen. Aber man muss gerade in „herausfordernden Zeiten“ – wer mir das ins Gesicht sagt, kriegt den großen „Mut-kann-man-nicht-kaufen-Orden“ in Form meines Handabdrucks auf die linke Wange – also, gerade in Zeiten wie diesen muss man auch den Mathematikprofessoren ihren Spaß lassen.)

Herr Winter mag sich diebisch darüber freuen, dass der Kanzler formal vielleicht doch nicht gelogen hat. Man muss dem Kanzler aber dafür erstens unterstellen, dass er zu doof ist, um zu wissen, wie man ausdrückt, dass der Inhalt einer verneinten Frage nicht zutrifft. Nämlich: „Lieber Thomas, hast du nie deinen Chatverlauf gelöscht?“ Erhoffte Antwort wäre: „Doch, Sebastian, keine Sorge, ich habe ihn gelöscht.“ Leider-Antwort: „Nein, Sebastian, das hab ich leider vergessen. Bald sieht Österreich meine Dick-Pic-Sammlung.“ Antwort, auf die nur Sebastian Winter kommen kann: „Nein, Sebastian, natürlich habe ich ihn gelöscht.“

Zweitens wäre ich gerne dabei, wenn Winter, Kurz und Schmid im Auto unterwegs sind und von der Polizei aufgehalten werden: „Wissen Sie nicht, wie schnell Sie gefahren sind?“ Wenn darauf einer von den dreien nicht vergeblich die Eier sucht, mit Nein zu antworten, kriegt er einen Schlecker von mir.

Schönes Wochenende!

Freitag, 30. April 2021

Rechenbeispiel

 

Ihr kennt das bestimmt, o teure Lesehäschen: Man findet sich irgendwo ein, dort sollte jemand auftauchen, der weiß, wo es langgeht, und stell dir vor, keiner geht hin. In der Grammatik sieht das dann zum Beispiel so aus:

Eingerichtet wurde der Blog von PR-Muftis und kann somit als Täuschungsmanöver betrachtet werden.

Irgendwas stimmt da nicht. Das kann im zweiten Satzteil steht herum wie bestellt und nicht abgeholt. Glatt aufgehen würde etwa diese sprachliche Gleichung:

Der Blog wurde von PR-Muftis eingerichtet und kann somit als Täuschungsmanöver betrachtet werden.

Oder auch diese:

Eingerichtet wurde der Blog von PR-Muftis, somit kann er als Täuschungsmanöver betrachtet werden.

Was ist geschehen? Wenn zwei Hauptsätze aneinandergereiht sind, die sich ein Subjekt (nämlich den Blog) teilen, so wie – Bildungsauftrag! – die Graien der griechischen Mythologie, die zu dritt mit nur einem Auge und einem Zahn auskommen müssen, dann gilt es dieses Subjekt entweder voranzustellen. Oder es geht sich halt nicht aus, dann muss man ein zweites Subjekt (hier „er“) herbeirufen.

Wenn aber die Prädikate (eingerichtet wurde und kann) vorneweg marschieren, ohne dass im zweiten Glied ein Subjekt mithampelt, dann kann man das, in den unsterblichen Worten meines geliebten Lukas, schon machen, aber es sieht dann halt kacke aus.

Im ÖVP-Blog geschieht nicht selten Ähnliches, weil man als soigniertes Chefsubjekt halt nicht überall sein kann und die beiden Schacklprädikate einen Schmarren hinschreiben, so schnell kannst du gar nicht schauen.

Heute lernen wir nämlich den schönen und leider unübersetzbaren Ausdruck to bury the lede. Er bedeutet, dass ein (obacht, jetzt folgt ein schönes Beispiel für eine Formulierung, die uns das Gendersternchen erspart) journalistisches Nackerbatzerl das Wichtigste an einem Artikel (eben: the lede) irgendwo im Inneren versteckt und sich bis dahin in weniger interessanten Details verliert.

Sebastian Winter (das ist der kongeniale Kollege von Peter Stöckl bei zur-sache.at) liefert dafür ein Beispiel in seinem „Artikel“ über zusätzliche Impfdosen, die Österreich zuteil werden sollen. Stolz verkündet er, dass „für Mai von diesen zusätzlichen Dosen rund 410.000 erwartet“ werden. Im Gesundheitsministerium, so führt er aus, schließt man daraus, „dass im Mai zwischen 400.000 und 500.000 Impfdosen in Österreich erwartet sind“.

Man würde nun zumindest ein empörtes Gicksen erwarten ob der Tatsache, dass die Regierung ursprünglich anscheinend überhaupt keine Impfdosen für Mai erwartet hatte (da ja die gesamte erwartete Menge in den zusätzlichen Dosen aufgeht), aber irgendwie ist das an Herrn Winter vorbeigegangen. Ein noch empörteres Gicksen wäre fällig ob der Tatsache, dass in der letzten Aprilwoche mehr Impfdosen eintrudeln als laut Herrn Winter im ganzen Mai, aber das ist dann irgendwie auch schon wurscht.

Man darf raten, welches Organ sich die beiden Nachwuchspolitiker teilen, und man darf ein bisschen Mitleid mit ihrem Chef haben, aber nur ein bisschen. Denn wir sehen daran, dass man erstens in den Grundrechnungsarten genauso schwach sein kann wie in Grammatik und trotzdem noch einen ÖVP-Blog schreiben, und dass man zweitens, wenn man sich darauf einlässt, solche journalistischen Inselbegabungen leiten zu wollen, bekommt, was man verdient.

Schönes Wochenende!


Freitag, 13. November 2020

Endlich frei

 

O teure Lesehäschen, es kommt tatsächlich Besseres nach. Denn wir ächzen zwar unter Trumpzuckungen, Pandemie und Klimakrise.  Doch was (so im alten jüdischen Witz) tut Gott? Er schickt uns in die Freizeitgesellschaft, die der Generation eures Kolumnators schon versprochen wird, seit wir „Lohnsteuer“ buchstabieren können.

Aber der Reihe nach. Es ist ja nicht nur die Sprache schon kompliziert genug, auch Mathe ist voll schwierig. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch, so unser alter Rechenkönig Friedrich Hölderlin. Deshalb hat Gott uns Rechenprotze geschickt, damit sie uns das mit den Zahlen abnehmen. Manche von ihnen sind besonders fleißig und können beim Institut für Höhere Studien anheuern.

Dieses IHS hat nun ausgerechnet, dass die Freizeitgesellschaft bald vollrohr reinhauen wird. Die Botschaft ist ein Musterbeispiel dafür, was burying the lede bedeutet: dass der spannendste Teil einer Nachricht irgendwo im Fließtext versteckt ist. Im Artikel zum Thema geht es augenscheinlich um was Todlangweiliges, das keinen Menschen hinterm Ofen hervorholt, nämlich die Frage, ob die Schulen den Präsenzbetrieb aufrechterhalten sollen. Mirdochwurscht, Hauptsache, die Möbelhäuser bleiben offen!

Also wie jetzt? Die Checkerbunnys beim IHS haben den volkswirtschaftlichen Schaden eines Schullockdown (oder heißt es eines Schullockdowns? Antwort: Je tiefer das fremde Wort schon im deutschen Sprachgebrauch verwurzelt ist, desto eher gilt der deutsche Genitiv. Wer die Freuden des Lockdowns schon nicht mehr wegdenken kann, der hängt das -s an. Wer des Lockdown schon übersatt ist, lässt -s bleiben.)

– also, im IHS hat man ausgerechnet, wieviel ein Schullockdown kostet. Denn nach einer Schulkarriere mit einem Monat Homeschooling ist eine Schülerin (Schüler sowieso, die checken von Haus aus weniger) so viel schlechter ausgebildet, dass sie später pro Jahr 150 Euro weniger verdient, als wenn sie die ganze Zeit Präsenzunterricht genossen hätte (also um etwa zehn Euro pro Monat, zwischen einem Drittel und einem Fünftel der Pensionserhöhung für 2020. Nur so zur Einordnung.)

Daraus errechnet das IHS einen „Verlust von über zwei Milliarden Euro (0,5 Prozent des BIPs) oder mehr pro Schullockdownmonat“.

Das muss man sich mal vorstellen! Also: In Österreich gibt es gut eine Million Schülerinnen und Schüler. Damit sie einen Verlust von zwei Milliarden erleiden, muss jeder von ihnen um 2.000 Euro umfallen.

Und jetzt der coole Teil an dieser ganzen Rechnerei: Wenn wir 2.000 Euro durch die 150 Euro pro Jahr dividieren, zeigt sich, dass die kleinen Faulbären nicht etwa hackeln werden, bis die Schwarte kracht. Sie dürfen es nach knapp vierzehn Berufsjahren gut sein lassen. Denn bei mehr als 14 Jahren müsste auch der Verlust mehr als zwei Milliarden ausmachen.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, meine leistungswilligen, doch im Grunde lebensbejahenden Häschen. Aber wenn ich mich entscheiden müsste zwischen zehn Euro mehr pro Monat und zwanzig Jahren weniger Erwerbstätigkeit – mein Grübeln wollte enden.

Das mit den „0,5 Prozent des BIPs“ nehmen wir dafür in Kauf, zumal das BIP jährlich anfällt, sich der Verlust aber, wie eben dargetan, auf vierzehn Jahre verteilt.

Die andere Möglichkeit ist, dass auch das IHS mit, ach nehmen wir mal vierzig, Berufsjahren rechnet. Wenn wir diese mit den 150 Euro Verlust multiplizieren, kommt – richtig! – 6.000 heraus. Dividieren wir die zwei Milliarden durch die 6.000 Euro Verlust, dann zeigt sich: Nur ein Drittel der Schüler erleiden durch den Lockdown Schaden. Fazit: Wie man es auch betrachtet, es ist alles nicht so schlimm. Schönes Wochenende!

Freitag, 16. Februar 2018

Gemischter Satz

Vor einer Weile, meine lieben Lesehäschen, habe ich zufällig einen Artikel über automatisch generierte Nachrichtenartikel gelesen. Ich vermute, dass es davon schon mehr gibt, als man auf den ersten Blick glauben sollte. So übernahm Der Standard kürzlich die Agenturmeldung von einem Zugsunglück in den USA, wobei der Zug mit umgerechnet rund 96 Stundenkilometern unterwegs gewesen sei. Sofort ersteht vor unserem geistigen Auge das Bild einer Nachrichtenagenturmitarbeiterin, wie sie die Parameter für das Übersetzungsprogramm angibt und dabei festlegt, dass Maßeinheiten automatisch ins metrische System umzurechnen seien. Nur ergibt es natürlich nicht den geringsten Sinn, bei physikalischen Größen eigens anzugeben, dass hier etwas „umgerechnet“ wurde. Es sei denn, man wollte seine Leser gratis weiterbilden, indem man ihnen mitteilt, wieviele Stundenmeilen „rund“ 96 km/h entsprechen. Nur fehlte die Angabe der Geschwindigkeit in Stundenmeilen, weil das Übersetzungsprogramm ja nur umrechnet, aber nicht umformuliert, weshalb auch das völlig sinnlose „rund“ stehenblieb.
Anlass zur Hoffnung gibt uns die Tatsache, dass die Stelle in der Onlinefassung tatsächlich korrigiert wurde: Hier ist immerhin von einer Geschwindigkeit von fast 60 Meilen in der Stunde (etwa 96 Stundenkilometer) die Rede. Das „etwa“ bei einer Angabe, die auf ein Prozent genau daherkommt, irritiert aber immer noch.
Beim Ausmisten (der Zweckdichterhund bekommt seinen eigenen Schreibtisch, daher sind Umräumarbeiten unerlässlich) ist mir ein Zubehörkabel für Kopfhörer untergekommen, in der originalen Kunststoffbox. Diese trägt die Aufschrift For shipping only. Remove before use. Ach, was gäbe ich darum, den Menschen, der diesen Hinweis benötigt, eine Banane essen zu sehen! Ich stelle mir das ungefähr so vor wie Fig. B oder D in der schönen Tischmanieren-Illustration von Loriot (bitte selber googlen, hier gibt’s nur in ganz seltenen Ausnahmefällen Bilder). Hingegen will ich den Betreffenden keinesfalls beobachten müssen, wie er ein Kondom verwendet.
Zu denken gibt mir auch der nach 22 Uhr allgegenwärtige Werbespot einer Partnervermittlungsagentur der lebensbejahenden Art, die sich mit einer achtzigprozentigen „Flirt-Erfolgsrate“ nun ja, brüstet. Was genau ist ein „Flirt-Erfolg“? Etwas sagt mir, dass damit nicht ein duftender Handschuh gemeint ist, den die Angebetete vom Balkon flattern lässt, nachdem ihr Beau eine Serenade dargebracht hat.
Etwas anderes sagt mir, dass die achtzig Prozent frei erfunden sind, weil niemand so bescheuert ist, Fragen eines Online-Flirtvermittlers zum Verlauf eines Abends zu zweit (oder zu mehreren) zu beantworten. Zumindest hoffe ich das, denn man hegt ja gern Hoffnung für die Menschheit. Mit dem Alter wird dieser Drang immer stärker, auch wenn die Basis der Hoffnung an Substanz einzubüßen scheint. Das liegt an Menschen wie Herrn Karl Mahringer, der, qualifiziert durch seine Erfahrungen in Export-Import-Geschäften mit Afghanistan, über dasselbe einen Länderbericht verfasst hat. Dieser dient als Grundlage für nicht wenige Abschiebungen afghanischer Asylwerber, weil Herr Mahringer geschrieben hat, dass es in Afghanistan eh nicht sooo arg ist. Nun hat ein Plagiatsjäger festgestellt, dass es um die wissenschaftliche Qualität des Berichts traurig steht. Gegen diesen Vorwurf verteidigt sich Herr Mahringer nicht etwa mit einem Nachweis des Gegenteils, dass er sehr wohl wissenschaftlich vorgegangen sei, sondern mit dem Hinweis, er habe eh geschrieben, dass er das nicht getan hat. Ich wäre gern dabei gewesen, als die Verantwortlichen im Innenministerium besprochen haben, wie sie mit diesem Hinweis umgehen sollen. Aber noch lieber würde ich das mit der Banane sehen. Schöne Woche!

Freitag, 27. Januar 2017

Vorlaufzeit

Habe ich, o teure Lesehäsinnen und -häschen, schon einmal erwähnt, dass das mit der Erziehung eine schwierige Sache ist? Beziehungsweise: Eh, aber.
Nämlich ist man bemüht, seinen Spross frühzeitig auf die Qualitätsschiene zu steuern, damit die o! so knapp bemessene Lebenszeit umso freudvoller genützt werde. Was quassle ich da? Ganz einfach: Es ist eh okay, sich ab und zu Dosenravioli oder einen Käsekrainerhotdog in die wohlgestalte Figur zu pressen. Man sollte das aber als den derben Genuss nehmen, der es ist, und entsprechend würdigen. Damit das gelinge, muss man wissen und geschmeckt haben, dass es auch Carpaccio gibt, Räucherforelle, selbstgemachte Gnocchi oder selbst eingekochtes Chutney.
Man ist also bestrebt, das Kind mit kulturellen Hervorbringungen zu eichen, die von der Zeit schon erfolgreich auf die Probe gestellt worden sind. Man stopft den Nachwuchs mit hochwertigem Zeug voll, damit er die Qualität der nachrückenden Neuware beurteilen kann. Wer die Goonies oder Zurück in die Zukunft oder auch Der Clou kennt, wird über Harry Potter und der Stein der Weisen vielleicht, nein: hoffentlich anders denken als jemand, die mit einer Diät aus Disneyfilmen der letzten sechs Jahre noch nicht groß, aber größer geworden ist. Das Problem ist, dass ganz von selbst ein Zielkonflikt entsteht. Denn es gibt immer mehr von den Dingern. Von den kulturellen Meilensteinen, meine ich.
Daher muss man sich irgendwann fragen, ob es genug ist. Hat der Nachwuchs jetzt schon ausreichend Lindgren, Hitchcock, Falco intus, um bei Thomas Brezina oder Seiler & Speer nicht begeistert auszurasten? Oder hat es vielleicht in den 40ern noch viel tollere Filme gegeben, die unsereins nur nicht auf dem Radar hat, weil das Sonntagnachmittagsfernsehen halt eher erst nach 1950 eingesetzt hat? Oder in den 1930ern? Gar den 1920ern? Mit Musik und Büchern ist es natürlich noch schlimmer, denn die wurden glaubich schon 1830 erfunden, oder so. Man könnte ein ganzes Leben damit verbringen, sich anhand der Klassiker auf die jüngsten eventuellen Großtaten in Literatur und Film vorzubereiten, ohne jemals bis zu diesen vorzustoßen. Das wäre blöd, denn es könnte einem ja doch was entgehen, der Erfahrung zum Trotz, dass früher alles besser war. Es verkompliziert die Sache, dass man ja nicht weiß, wieviel Zeit einem noch bleibt. Mir zum Beispiel gibt die Statistik Austria noch knapp 34 Jahre. Doch dieser Wert wird mit der Zeit steigen. Hätte ich von den 34 Jahren bereits 30 hinter mir (und wäre also 30 Jahre älter), dann gestünde mir die Zahlentafel nicht noch vier Jahre zu, sondern elf. Wer bereits bewiesen hat, dass er länger lebt, bei dem ist zu erwarten, dass er nicht so bald damit aufhört. Wäre ich 40 Jahre älter, dann blieben mir noch fünf, und wäre ich schon 99, dann hätte ich statistisch immer noch zwei Jahre vor mir. Aber natürlich kann einem jederzeit ein statistisch unerheblicher Dachziegel auf den Kopf fallen, und dann ist die ganze schöne Planung perdu. Da hilft nur eines: Vertraue darauf, dass du ein langlebiges Kind hast, und weide dich an seinem Gemotschker, weil es sich schon wieder mit dir unverlierbare Kulturschätze reinpfeifen muss, anstatt sich bei Bibi und Tina wegzukudern.

Freitag, 18. Dezember 2015

Locker bleiben

Wir haben es, geschätzte Lesehäschen, bald geschafft. Der eine oder andere Punsch noch, oder das eine oder andere Abschlusskonzert, je nach Lebensphase und Gusto. Noch eine Korrekturphase vielleicht, eine Bonus-Idee oder ein letztes Layout. Und dann auf zur Gans, zum Karpfen oder zu den tofuidenten Kalbsbratwürsteln, je nach nach Gusto und geographischer Anlage.
Und doch ärgert man sich vielleicht vorher noch über irgendeinen pitzeligen Menschen. Einen Korinthenkacker wie mich, mit dem man nicht vernünftig reden kann.
Denn, und damit habe ich schon häufig für Unwillen gesorgt, ohne es zu wollen, wir Tüpflescheißer hauen immer auf die Kleinen hin. Wenn uns jemand Gründe für eine Meinung präsentiert, dann suchen wir uns verlässlich den schwächsten aus, um ihn niederzumachen. Das ist sehr ungerecht gegenüber Menschen, die reihenweise vortreffliche Argumente haben, aber irgendwie nicht dazu gekommen sind, das eine nicht so vortreffliche auszusortieren. Sie hätten Besseres verdient als Besserwisser wie mich.
Da war z. B. am Montag die NYT-Beilage des Standard, die sich der „einsamsten Generation“ widmete: Den ca. 150 Millionen junger Chinesen, die infolge der Ein-Kind-Politik als Einzelkinder aufgewachsen sind.
Viele von ihnen werden einsam bleiben, da es infolge geschlechtsspezifischer Abtreibungen einen Überhang von etwa 30 Millionen Männern gibt. Sie sind um ihre Lage sicher nicht zu beneiden. Doch eine Aktivistin erklärte sinngemäß, es sei eine Frechheit, dem Schicksal dieser Junggesellen so viel Raum zu widmen, denn dahinter stünden ja 30 Millionen abgetriebene Mädchen.
Und leider, meine Lesehäschen, denke ich dabei nicht sofort an das bedauernswerte Schicksal dieser Heerscharen, die in einer stark familienorientierten Gesellschaft als Einzelkinder aufwachsen mussten. Ich denke auch nicht daran, wie es den ewigen Junggesellen wohl gehen wird, oder was einst die Mütter empfunden haben, als sie sich zur Abtreibung eines weiblichen Fötus entschlossen, um die Chance auf einen Sohn zu wahren. Als erstes, so ein Mensch bin ich zu meinem Leidwesen, frage ich mich: Waren es nicht nur 15 Millionen? Ich bin mir nicht sicher, weil man die Chronologie ja nicht außer Acht lassen darf (oder?).
Erstaunlich daran ist, dass es Menschen gibt, die noch pedantischer sind, aber auf weniger unsympathische Weise. Wir hatten hieramts kürzlich für einen Kunden Antwortkarten zu gestalten und zu produzieren. Auf der einen Seite ein Bild mit Headline, auf der andern Zeug zum Ausfüllen, fertig. Antwortkarten eben.
Das dazugehörige Konzept sieht dementsprechend eine Vorderseite mit Bild vor, auf der Rückseite Zeug zum Ausfüllen.
Als nun das Layout schon ziemlich weit gediehen ist und die Kundin dieses wieder einmal betrachtet, stellt sie fest, dass die Seiten vertauscht sind. Es müsste doch logischerweise die Seite zum Ausfüllen die Vorderseite sein, und die mit dem Bild die Rückseite. Weil auf einer Antwortkarte das Ausfüllen ja das Wichtigste ist. Sie ersucht uns, diesen Umstand zu berücksichtigen, damit dann am Ende alles passt.
In diesem Sinne: Entspannte Feiertage euch allen!