Posts mit dem Label Literatur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Literatur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 6. Dezember 2024

Newsflash


Dass wir immer mehr von allem brauchen, o konsumbewusste Lesehäschen, ist ja kein Geheimnis. Mehr Wohnraum, mehr Fleisch, mehr Airbags und mehr Verständnis von unserer Umgebung dafür, dass wir all dessen bedürfen.

Wovon wir aber ganz besonders viel verschleißen, ist Vergangenheit. Euer ergebener Graukopf weigert sich zu glauben, es sei nur seinem Alter geschuldet, dass er es kurios findet, wenn Dinge nach zehn Jahren schon zum ersten Revival anstehen. Früher war nicht alles besser, aber die Reifezeit bis zur Nostalgie war länger. Ein Hauch der eigenen Verwesung weht einen an, wenn man feststellen muss, dass ein Trend wieder da ist, während dessen erster Inkarnation man schon Vater war.

Journalistische Bequemlichkeit verstärkt diesen Effekt noch. Denn wenn man früher nicht wusste, was schreiben, dann verbreitete man sich über die interessanten Interessen der „jungen Leute“ oder suchte etwas länger nicht Benutztes aus der Lade mit den Fotos von Nessie.

Heute schaut man sich stattdessen ein paar Folgen einer Serie von vor zehn, fünfzehn Jahren an und erklärt dann dem interessierten Publikum, dass die „echt schlecht gealtert“ sei. Das liegt dem Journalisten zufolge niemals daran, dass das Erzähltempo quälend zäh ist oder dass die Tricks lächerlich sind, sondern immer daran, dass die Serie nicht die heutigen Standards von politischer Korrektheit erfüllt, die der Journalist für angemessen hält.

Deshalb an dieser Stelle ein Geständnis und eine Erklärung: Euer Ergebener erzählt manchmal im vertrauten Kreis Witze, die er in größerer Runde nicht zum Besten geben würde. Weil er unter bestimmten Umständen sicher sein kann, dass die Zuhörer ihn gut genug kennen, um zwischen einer Unkorrektheit des Witzes und der prinzipiellen Korrektheit des Erzählers zu unterscheiden. Denn der Zweckdichter traut seinen Freunden diese Klugheit der Trennschärfe zu. Wer sich hingegen beschwert, dass „How I Met Your Mother“ nicht so geschrieben ist, wie ein zur Selbstzensur neigender Autor heute eine Comedyserie schreiben würde, kann sich auch darüber aufregen, dass Clawdia Chauchat im Zauberberg eine doch sehr passive Rolle im Vergleich zu den herummännernden Philosophen kriegt oder dass Penelope nur daheim an ihrem Teppich frickelt, während Odysseus all die coolen Abenteuer erlebt. Denn, liebe Glossanten: Heute ist nicht gestern. Gestern war manches anders. Wissen wir, sind keine News. Schönes Wochenende!

 

 

Freitag, 28. Juni 2024

Blabla

Nun zu etwas ganz anderem, o trashverliebte Lesehäschen. Nämlich zum Technobabble. So heißt das, wenn in Science Fiction der glatter gestrickten Sorte alles Mögliche, das vage mit Technik zu tun hat, einen Namen bekommt, der ein bisschen wichtiger klingt. In Star Wars zum Beispiel existieren keine Schraubenschlüssel, sondern ausschließlich „Hydroschlüssel“. Prinzipiell bekommen Leute in solchen Werken nie eine SMS, eine Nachricht oder eine Message, sondern immer eine transmission, selbst wenn die Mama den Buben wissen lässt, dass sie eh bald heimkommt. Die Fluxkompensatoren des Doc Brown sind längst Legende, ohne dass jemals geklärt werden hätte können, welcher Flux da kompensiert wird und warum. Unverzichtbar sind hingegen die Trägheitsdämpfer des Raumschiffs Enterprise, die (in Ermangelung jeglicher Sicherheitsgurte) dafür sorgen, dass die Leute nicht ständig herumgeschleudert werden, wenn wieder einmal die Romulaner aufmüpfig werden. So weit, so okay, doch so mancher Autor schießt übers Ziel hinaus, wenn es gilt, Laserstimmung zu verbreiten. Euer Ergebener hat sich nämlich nach Konsumation des recht erfreulich zweiten Teils von Dune hinreißen lassen, House Atreides zu lesen. Nicht etwa, weil es im Bücherregal schon vorhanden gewesen wäre und schon gar nicht, nachdem der Zweckdichter dafür Geld hingelegt hat. Vielmehr hat ein anderer Hausbewohner es beim Postkasten abgelegt, unter „brauch ich nicht mehr, aber vielleicht jemand anderer“. Wir halten ungefähr auf halber Strecke, und ich darf euch mitteilen: Solltet ihr das Ding auch irgendwo finden, lasst es liegen. Ein langatmiges und streckenweise geradezu infantiles Geschreibsel, das sich im von Frank Herbert geschaffenen, durchaus interessanten Universum breitmacht und die Vorgeschichte der bekannten Saga erzählen will, die offenbar erst durch ein Ausmaß von Verblödung möglich wurde, die in Lichtjahren gar nicht zu messen ist. Ins Bild fügen sich Sätze wie dieser, die die Autoren (es hat nämlich zweier bedurft, um den Stil von EvaReisinger in Science Fiction zu übersetzen) sich abgerungen haben.

He breakfasted on dehydrated fruits and dry cakes the Fremen women had baked in thermal ovens. Die schreiberische Hilflosigkeit zeigt sich schon an den “dehydrated fruits“, die auch in 12.000 Jahren mit Sicherheit „dried fruits“ sein werden, was sich aber nicht ausgeht, weil es ja unbedingt „dry cakes“ sein müssen und das blöd aussähe. Aber spätestens bei den „thermal ovens“ sind dieselben aus. Wie bitteschön sieht denn ein nicht-thermaler Ofen aus? Ist das dann ein Kühlschrank? Ein Küchenkasten? Ein Fahrrad? Man weiß es nicht.

Mein Rat: Lieber Furiosa schauen als Dune lesen. Geht schneller und macht wesentlich mehr Freude. Auch sind zwar in den letzten neun Jahren zwei Mad-Max-Filme erschienen, die beide alles ungespitzt in den Boden rammen, was sonst gerne dystopische Action wäre, doch ist die letzte Romanfassung in diesem Franchise fast 40 Jahre her. Und das ist gut so. Schönes Wochenende!


Freitag, 3. Mai 2024

Unterricht

Was „objektiv“ heißt, konnten wir ja dank dem Linzer Khevenhüller-Gymnasium bereits klären, o wissenschaftlich interessierte Lesehäschen: Wenn man nicht "ich" sagt, ist es objektiv.

Das liegt daran, dass wir so kompetent sind. Fragt sich nur, was Kompetenz eigentlich ist. Da hilft ein scharfer Blick auf die diversen Webseiten des Bildungsministeriums.

Früher, als das Wünschen auch schon für die Katz war, gab es nämlich den Deutschunterricht. Heute heißt das „Unterrichtssprache“, womit immerhin geklärt ist, dass die Schüler einst über die Beschaffenheit des Deutschen unterrichtet wurden, während heute die Sprache halt, tja, west?

Der Lehrplan für die Unterrichtssprache ist, wie alle Lehrpläne heutzutage, „kompetenzorientiert“. Man darf sich fragen, worauf die früheren Lehrpläne orientiert waren, wenn nicht auf Kompetenzen, aber man darf sich auch fragen, ob es nicht gescheiter ist, sich die Frage zu sparen.

Zu den Kompetenzen, die das – natürlich seinerseits kompetente – Lehrpersonal zu vermitteln allzeit bestrebt sein möge, zählt die Kenntnis der deutschsprachigen, insbesondere österreichischen Literatur „anhand ausgewählter Beispiele“.

Die Frage ist nur, wer die Beispiele auswählt. Das Unterrichtsministerium hält sich bedeckt. Ich täte desgleichen, denn wer heutzutage einen Kanon erstellt, hat offensichtlich mit seiner Karriere abgeschlossen. Das liegt daran, dass Auswahl leider immer auch Abwahl bedingt. Der Witz an einem Lesekanon ist es, dass man nicht alles lesen muss, sondern nur den Kanon. Da nicht nur alle Autoren, die es in den Kanon schaffen, eine Identität besitzen, sondern auch alle, die außen vor bleiben, und weil keine Identität der anderen gleicht, ist jeder Kanon nur ein Puppenstadium, dem alsbald ein Shitstormschmetterling entschlüpft, dessen Flügelschlag den Urheber aus dem Berufsbild fegt. Denn es ändern sich halt die Verhältnisse. War es in noch gut erinnerlicher Zeit progressiv, sich in einer öffentlichen Position als schwul zu outen, so gibt es heutzutage bekanntlich niemand Privilegierteren als einen Cis-Mann, egal auf wen er steht, so rückständig kann das Dorf gar nicht sein, dass der so hart diskriminiert wird wie eine Transperson in Favoriten, nee du.

Deshalb ist es verständlich, dass das Unterrichtsministerium keinen Literaturkanon herausgibt, sondern es den Lehrern überlässt, geeignete Beispiele auszuwählen. Diese sichern sich shitstormtechnisch ab, in dem sie entweder großes Gewicht auf Werke legen, die man gut als progressiv schubladisieren kann, oder – vorzugsweise – indem sie bereits pragmatisiert sind, sodass es ihnen wurscht sein kann.

Glücklicherweise sind die Kompetenzsterne, nach denen das Unterrichtsschiff steuern soll, optional, weil nämlich zu Schularbeiten und natürlich auch zur Matura immer auch Themenpakete gewählt werden können, die frei von jedem Literaturbezug sind. Womit wir auch geklärt haben, warum es „Unterrichtssprache“ heißt und nicht „Sprachunterricht“. Wäre ja noch schöner, wenn man in diesem Fach gezwungen wäre, sich mit den Hervorbringungen von Leuten auseinanderzusetzen, die davon zu leben versuchen.

Schönes Wochenende!

 



 

Freitag, 29. September 2023

Strohmänner töten

 

Erstens, o gesetzestreue Lesehäschen, fällt den Leuten immer wieder ein neuer Schwachsinn ein, mit dem sie ihren Nebenmenschen auf den Senkel gehen können. Euer Ergebener schlägt sich gerade mit einem Webshopbetreiber herum, bei dem er ein Ersatzteil bestellt hatte, das dann doch nicht benötigt wurde. Der Webshopbetreiber erklärte, für Bestellungen unter 50 Euro sei keine Rücknahme möglich, und verwies auf eine allerdings vage formulierte Website, auf der eine „Bagatellgrenze“ tatsächlich genannt wurde. Die Auskunft der Arbeiterkammer, dass das trotzdem Blödsinn sei, ignorierte er. Man wird sehen, wie das weitergeht.

Einstweilen kann man, wenn einem der Sinn danach steht, im Roman Männer töten (voll doppeldeutig!) von Eva Reisinger nach geschossenen Böcken suchen. Ich habe so eine Ahnung, dass man dabei fündig wird, und das nicht nur, weil sie hieramts schon das ein- oder anderemal zu Gästin war und dabei allerlei sprachlichen und (form follows function) inhaltlichen Unfug feilgeboten hat.

Sie hat anlässlich der Romanveröffentlichung auch Interviews gegeben, zum Beispiel dem Standard. Anscheinend werden in dem Buch etliche Männer recht blutrünstig umgebracht, und angeblich gibt es Leute, die doof genug sind, das zu kritisieren (Zitate solcher liefert die Autorin leider nicht), worauf sie empört erwidert: „Man sollte bedenken, wie Frauen in der Literatur seit Jahrhunderten ermordet werden. […] Bei Mord an Frauen scheint die Darstellung in Ordnung zu sein, aber sobald es um Männer geht …“.

Vor der Leistung, einen Roman zu schreiben, in dem Leute umgebracht werden, ohne offenbar jemals einen anderen gelesen zu haben, in dem das ebenfalls geschieht, kann man nur ehrfürchtig den Hut ziehen. Hand hoch, wer schon mehr als einen Krimi gelesen hat und sich nicht erinnern kann, dass darin mindestens ein Mann aufs Unschönste abgemurkst worden wäre. Jetzt bitte alle an Ferris Buellers Wirtschaftsunterricht denken: „Anyone? Anyone?“ Dachte ich mir. Zu behaupten, dass in der bisherigen Literatur (auch schon vor Agatha Christie) Männer nicht routinemäßig gewaltsam über den Jordan geschickt worden seien – auf die Idee, diesen Strohmann aufzustellen, muss man erst einmal kommen.

Danach wird eine Szene beschrieben, in der Frauen mit Bierkisten auf dem Dorfplatz sitzen, während die Schulkinder vorbeigehen. Ein Mädchen winkt seiner Mutter zu. Diese Spiegelung des Patriarchats sei interessant, wird im Interview angedeutet.

Liebe Lesehäschen, euer Zweckdichter stammt vom Land. Vielleicht läuft es dort, wo Frau Reisinger herkommt, ja anders. Aber nach meiner Erfahrung ist es generell eher unüblich, dass Leute gleich welchen Genders mit Bierkisten auf dem Dorfplatz sitzen. Wenn man dieser Szene einen genderistischen Spiegel vorhält, ist darin nichts zu sehen.

Dann fällt noch der schöne Satz: „Ich wollte damit zeigen: Sobald Männer verschwinden, beginnen alle nachzuforschen. Aber wenn Frauen im Schnitt jede zweite Woche ermordet werden, ist es kein Skandal.“ Da gibt es so ein Sprichwort, irgendwas mit Obst. Ich komme gerade nicht drauf, aber dass zwischen „nachforschen“ und „skandalisieren“ ein Unterschied besteht, auch wenn die Reisinger ihn leugnet, das weiß ich gerade noch.

Sagen wir so: Wenn ich das Geld für das blöde Ersatzteil wiederbekommen habe, lese ich vielleicht das Buch. Bis dahin lass ich mir das Interview genügen. Schönes Wochenende!


Freitag, 14. April 2023

Erinnerung

 

Nemo manet sua forma, keinem bleibt seine Gestalt, hat schon Ovid gewusst, wie ihr, o klassisch gebildete Lesehäschen, natürlich im kleinen Finger habt. Zumindest habt ihr damals ohne Zweifel euren Ransmayr gelesen. Wie ist Die letzte Welt eigentlich gealtert in den letzten 30 Jahren? Ist das immer noch gut? Euer Ergebener fragt deshalb, weil er vor einem Weilchen Eternal Sunshine of the Spotless Mind gesehen hat, ein 2004 hochgelobtes Wie-wirklich-ist-die-Wirklichkeit-Vehikel mit All-Star-Cast und einem Buch von Charlie Kaufman, einem der wenigen Drehbuchstars in der Geschichte des Films. Leider muss ich berichten, dass man sich das heute sparen kann. Was einst innovativ und überraschend war und uns einlud, die Liebe neu zu denken, ist heute ein langatmiges Machwerk, das nicht aufhören kann, seine eh nette Grundidee immer noch einmal am Publikum vorbeizutreiben.

Weil euer Ergebener Die letzte Welt in den späten 1980ern sehr geschätzt hat, hat er aber Hemmungen, nachzuschauen, ob sich das Buch ähnlich schlecht gehalten hat. Man darf ja durchaus auch nette Erinnerungen behalten, ohne immer wieder zu prüfen, ob sie eh noch stimmen. Wer „Was war da?“, den diesbezüglichen Artikel in der Zeit, noch nicht gelesen hat und die Bezahlschranke nicht scheut, schaue hinein. Auf das Gedächtnis ist offenbar noch weit weniger Verlass, als wir eh schon vermutet hatten. Vielleicht müssen wir die Aussagen von Sebastian „Ich habe dazu keine Wahrnehmung“ Kurz und Konsorten vor dem Ausschuss ganz neu bewerten.

Was hingegen ganz sicher so war, ist das mit dem Schifahren. Früher, so ungefähr bis in die 1990er, musste man in Österreich Schi fahren können. Also, man durfte natürlich auch andernfalls dableiben. Aber man wurde dann gefragt, wie es denn dazu gekommen sei, ob man es überhaupt schon einmal probiert habe, was man denn im Winter stattdessen mache und so weiter. Kurz: Nicht Schi zu fahren war damals so wie heute, wenn jemand nichts trinkt.

Beim Schifahren gab es im Gegensatz zum Trinken allerdings noch eine Zwischenstufe, das Langlaufen. Langlaufen war okay, so lange man es als Ergänzung zum Alpinen machte. Langlaufen allein war (zumindest unterhalb des Weltcupniveaus) so, als ließe man es am Freitagabend mit Clausthaler so richtig krachen.

Heute dagegen ist Schifahren knapp überm Golfspielen. Gibt noch Leute, die das machen, aber manche stehen ja auch auf Squash. Getrunken wird freilich immer noch. Wochenende!

 

Freitag, 16. Dezember 2022

Zahltag

 

Wir haben, o meine betuchten Lesehäschen, vor drei Wochen etwas ungebührlich unter den Tisch fallen lassen: Am 25. November war Katharinentag und damit Tag der Abrechnung. In verschiedenen Regionen hatten sich nämlich einst verschiedene Tage eingeschliffen, zu denen es üblich war, Dienstverträge auslaufen zu lassen, neue abzuschließen und auch Schulden zu begleichen. Wo euer Ergebener herstammt, war dies der Katharinentag. Nicht etwa, weil die heilige Katharina besonders viel mit Rechnungswesen am Hut gehabt hätte, obwohl da was dran ist: Sie soll nämlich eine Philosophin gewesen sein, die dem Heidenkaiser Maxentius und seinen besten Denkern die Überlegenheit des Christentums so überzeugend vordenken konnte, dass er sich keinen Rat mehr wusste, als sie einkerkern und hinrichten zu lassen. Jetzt aber Fun fact: Laut Wikipedia hat es eine solche Katharina nie gegeben. Ihre Legende basiert vermutlich auf dem Schicksal der nicht nur Philosophin, sondern auch Mathematikerin (daher also das Rechnungswesen) Hypatia von Alexandria, die von einem christlichen Mob getötet und zerstückelt wurde.

Wie auch immer: Am Katharinentag wurde deshalb abgerechnet, weil es der Tag einer örtlichen Kirchenpatronin war, sodass man sich bei den entsprechenden Festlichkeiten begegnete und abwickeln konnte, was abzuwickeln war. Dass das unterschiedlich erfreulich war, je nachdem, auf welcher Seite des Schuldenzaunes man stand, hat Franz Michael Felder poetisch verewigt:

 

Tag des Schreckens und der Trauer

dessen mancher arme Bauer

nur gedenkt mit Schreck und Schauer.

 

Und so weiter, denn:

Wehe, die Banknoten schwinden

und in Sackes tiefsten Gründen

ist kein Silber mehr zu finden.

 

Und dabei heizte der Mann nicht einmal mit Gas!

Auch euer Ergebener hat inzwischen den einschlägigen Brief seines Stromversorgers erhalten und findet sich also mit einer gut 80-prozentigen Tariferhöhung ab, aber was will man machen. Nur im Dunkeln und Kalten zu sitzen ist auf Dauer schon eine Daseinsform, aber nur für fiktive christliche Märtyrerinnen. Dabei hilft die hieramts in letzter Zeit schon gewürdigte Kranken- sorry, Gesundheitskasse auch nicht weiter. Die weigert sich standhaft, eine therapeutische Leistung mitzufinanzieren, obgleich sie nachweislich Erfolge bringt, weil sie „nicht von medizinischem Personal erbracht wird“. Also, wenn ich mit einer halbzerkauten Dattel in der Luftröhre blau anlaufend daliege, ist es mir wahrscheinlich wurscht, ob ein Dr. med. oder der nächstbeste Callcentermitarbeiter mir die rettende Kugelschreiberhülse in den Hals rammt, Hauptsache Sauerstoff. Aber wenn man, wie die Österreichische Gesundheitskasse, schon geschaffen wurde, um Milliarden zu sparen, und stattdessen hunderte Millionen gekostet hat, muss man sich wohl nach der Decke strecken. Schönes Wochenende!


Freitag, 2. Dezember 2022

Ganz anders

 

Heute, o überaus ordnungsliebende und gedächtnisstarke Lesehäschen, meldet sich euer Ergebener mit einem Anliegen in eigener Sache. Hat jemand mein Buch gesehen? Hier zeigt sich schon, wer liest und wer nur lesen kann. Den Ersteren ist klar, dass ich mehr als ein Buch besitze und dass „mein Buch“ jenes meint, das ich gerade lese. Beziehungsweise lesen würde, wenn ich es denn fände. Es klingt nämlich ganz nett, einen Zweitwohnsitz nutzen zu können, und ist es auch großteils. Jedoch geht damit viel Suchen einher, weil das Gewürz, das Küchengerät, das Werkzeug, das man gerade nötig brauchte, oder eben das Buch du jour am jeweils anderen Ort herumliegt, und zwar immer. Man kann sich darüber ärgern, man kann sich damit abfinden, oder man entscheidet sich für die einzig erfolgversprechende Lösung, indem man möglichst viel Glumpert doppelt kauft. Danke, willhaben! Bei Büchern ist das freilich nicht so prickelnd, wer will schon eine doppelte Bibliothek ansammeln.

Im Anlassfall ist die Sache besonders heikel, weil es sich um einen Teil einer Werkausgabe handelt, vier Bände im Schuber, und wenn da einer fehlt, wirkt das so charmant wie ein ausgeschlagener Vorderzahn.

Deshalb, ihr Teuren, falls euch Band 4 der ziemlich neuen Zsolnay-Werkausgabe von Mechtilde Lichnowsky unterkommt: Das ist eventuell meiner.

Natürlich könnt ihr das Buch, ehe ihr es mir wiederbringt, lesen. Ihr solltet sogar, denn bei etlichen Werken der Frau Lichnowsky läuft es einem kalt über den Rücken bei der Erkenntnis, dass jemand so großartig schreiben und dennoch so gründlich in Vergessenheit geraten kann. Lest An der Leine, lest Der Gärtner in der Wüste und lest ganz besonders Kindheit. Noch nie ist dem Zweckdichter etwas begegnet, das so selbstverständlich und unprätentiös daherkommt und sich dann beim näheren Hinschauen als nie Dagewesenes entpuppt. Hier warten Sprachbilder, die niemand zuvor gefunden hat, in einer fein gesponnenen und zugleich so kompromisslos entschlossenen Prosa, dass man nur immer weiterlesen will, sogar und gerade, wenn man erfährt, wie hundsgemein man nach heutigen Maßstäben als kleines adliges Mädchen im späten 19. Jahrhundert erzogen worden ist und wie selbstverständlich man doch zu einem Menschen aufwachsen konnte.

Das schönste Kompliment für Kindheit hat der nicht genug zu preisende Herr Z. gefunden, was niemanden verwundern wird, der ihn kennt. Darauf angesprochen, was er davon halte, erwiderte er, er gehe „wie auf Zehenspitzen“ durch den Text. Genauso ist es, meine Teuren: Man fürchtet geradezu, durch den Akt der Lektüre etwas in Unordnung zu bringen. In Hemingways Death in the Afternoon, seinem großen machismo-Gesang, gibt es irgendwo eine ziemlich schwülstige Stelle über einen Stierkämpfer, der so großartig ist, dass ihn zu töten ebenso verbrecherisch wäre wie die Federn am Halse eines Falken zu zerzausen, wenn man sie nie wieder in die Ordnung bringen könnte. So wie die Falkenfedern ist Lichnowskys Schreiben. Leset und werdet ein kleines bisschen glücklicher. Danach bringt mir bitte das Buch vorbei. Schönes Wochenende!


Freitag, 15. April 2022

Wie gesagt

 

Vieles, o teure Lesehäschen, verliert sich im Dunkel der Geschichte, und manchmal ist dabei, wie man sagt, wo euer Ergebener herstammt, der Schaden schnell geschätzt. So gibt es heute gewiss Briten, die von Glück sagen können, dass sich niemand mehr erinnert, welcher hohe nautische Amtsträger für die Wendung drunk as a sea lord verantwortlich ist, weil man sonst den Ururopa in einem nicht mehr ganz so erfreulichen Lichte sähe. Hierzulande darf man sich vergleichsweise unschuldig fragen, wie fett ein Radierer oder die russische Erde eigentlich wirklich sind. Dass der Spar am Sonntag zu ist und als Vergleichsgröße für jemanden in ähnlicher Verfassung dienen kann, versteht sich von selbst.

Weniger klar ist die Klarheit der Kloßbrühe oder der dicken Tinte, aber es dürfte nicht lohnen, dem nachzutauchen. Viel lieber wüsste man, wer jener Friedrich war, dem (und dem Arsch) sich völlig Nutzloses widmet. Wer sehr gespannt ist, ist dieses „wie ein Pfitschipfeil“, aber was ist eigentlich ein Pfitschipfeil? Das Internet belehrt uns, dass dieses Wort eine Doppelung aus dem Pfeil und einem nicht mehr gebräuchlichen Wort für denselben (nämlich vitzer) sei, was als Erklärung der Redewendung für die Fisch’ ist, weil ja stets der Bogen und nicht der Pfeil gespannt wird. Dass die Axt im Walde kein Vorbild für die feine englische Art sein kann, liegt wiederum auf der Hand. Manches verwittert im Laufe der Zeit, sodass heute kaum mehr jemand „rangeht wie Blücher“, was wohl damit zu tun hat, dass sich kein Mensch mehr an die Waffentaten des Feldmarschalls Blücher erinnert. Höchstens bei Karl-May-Lesern klingelt es, wenn sie hören, einer sei „wie Zieten aus dem Busch“ gekommen, nämlich zur allgemeinen Überraschung, und selbst jene werden nicht mehr parat haben, dass Hans Joachim von Zieten als Kavalleriegeneral der preußischen Könige ein allseits bekannter Feldherr des 18. Jahrhunderts war.

Besonders gern wüsste euer Zweckdichter, wo die vielzitierten Hempels residieren, unter deren Sofa es aussieht, also, frage nicht! Dass jemand lügt „wie gedruckt“, überrascht in Zeiten von fake news gewiss niemanden mehr. Möglicherweise tut der Betreffende dies frech wie Oskar, von dem leider nichts bekannt ist, als dass er halt ein Frechdachs war, schade. Eine erfreuliche Ausnahme in puncto Ursprungsforschung stellt anscheinend der liebe Scholli dar, der, so zumindest Wikipedia, auf den Studenten Ferdinand Joly zurückgehen soll, der 1783 von der Universität Salzburg verwiesen wurde. Die Auskunft, inwiefern das etwas mit mein lieber Scholli zu tun haben könnte, bleibt die beliebte Online-Enzyklopädie leider schuldig.

Man sieht also, dass vergleichende Redewendungen dazu neigen, ihre Genese in Nebel zu hüllen. Wir sind daher gespannt, ob sich in 20, 50 oder 100 Jahren noch jemand erinnert wird, woher der treffende Ausdruck fett wie ein Personenschützer stammt.

Frohe Ostern!

 

Freitag, 6. August 2021

Echt jetzt

 

Meine lieben unterhaltungshungrigen Lesehäschen, die Zeiten werden immer besser. Dies beweist das Amazon Inclusion Playbook, eine Handreichung des Medienriesen für Film- und TV-Schaffende, die jenen unter anderem nahebringt, wie man als Herstellers eines Films oder einer Serie “the best people for the job” kriegt. Unter “Inclusive Casting” heißt es dort, man möge zunächst festzustellen, für welche Rollen Gender, Rasse, Ethnie, Religion, sexuelle Orientierung u.a. festgelegt sind. Demgegenüber gibt es Rollen, die „allen Genders, Ethnie, Fähigkeitsstufen“ etc. offenstehen. Was wohl heißen soll, dass dass die erstgenannten Rollen eben nicht allen offenstehen, sondern bestimmte Voraussetzungen für Gender, Rasse, Ethnie, Religion, sexuelle Orientierung, körperliche Beeinträchtigung und so weiter der Schauspieler mitbringen. Das spielende Personal ist nun mit diesen Parametern in Einklang zu bringen, sodass wir als Zuschauer sicher sein können, dass uns kein X für ein U und keine Wald-und-Wiesen-Hete für ganz was anderes vorgemacht wird.

Das ist höchst erfreulich weil uns dank dieser Richtlinien künftig Peinlichkeiten wie Elephant Man, My Left Foot, Accused, Philadelphia, Forrest Gump oder Rain Man  – um nur eine zufällige Auswahl unangenehmer Machwerke zu nennen – erspart bleiben, die wir uns in weniger erleuchteten Zeiten einbrocken konnten, obgleich John Hurt nicht an Elephantiasis leidet, Daniel-Day Lewis nicht gelähmt ist, Jodie Foster nicht hetero, Tom Hanks nicht schwul und genauso wenig Autist wie Dustin Hoffman. Von Kinkerlitzchen wie Neil Patrick Harris, der, obwohl schwul, einen Hetero, und Eric Stonestreet, der, obwohl Hetero, einen Schwulen spielt, wollen wir gar nicht reden. Gut, dass wir das hinter uns haben!

Die schlechte Nachricht ist, dass wir anscheinend auf halbem Wege stehen bleiben, nämlich bei der Schauspielerei. War es hier schon peinlich genug, immer wieder Menschen dabei zuzusehen, wie sie vorgaben, etwas zu sein, das sie nicht waren, so sind wir wohl auf einem kulturellen Auge blind, wenn wir anderen Kunstschaffenden weiterhin alles durchgehen lassen. Zwar bestehen wir nun darauf, dass zum Beispiel nur Transpersonen die Geschichte von Transpersonen erzählen dürfen (worüber bekanntlich Halle Berry voriges Jahr im Wege des Shitstorms belehrt wurde). Doch was ist mit jenen Heerscharen gewissenloser Schreiberlinge, die auf zigtausenden Seiten Geschichten ausbreiten, die nicht die ihren sind? Selbst heute noch mangelt es nicht an Menschen, die zum Beispiel über Inuit schreiben, ohne welche zu sein, über Serienkiller, ohne das entsprechende Gen zu besitzen, und so weiter. So geht das nicht!

Das Ideal der Literatur muss vielmehr Karl Ove Knausgård sein, der bekanntlich ausschließlich über sich und sein Leben schreibt. Mordgeschichten wollen wir in Zukunft nur noch von ausgewiesenen Mördern erzählt bekommen, Geschichten politischer Unterdrückung ausschließlich von Unterdrückten und Unterdrückern, et cetera. Man ist schließlich, da hilft alles nix, nur mit sich selber identisch, und wer sich künftig erfrecht, die von Amazon so löblich postulierte Einheit des Künstlers mit seinem Werk aufbrechen zu wollen, der wird schon sehen, was er davon hat.

Und selbst das wird irgendwann noch zu wenig sein, weil ein Bild bekanntlich mehr sagt als tausend Worte und daher „eine Geschichte erzählt“. Wer in der Kunstgeschichte nachschaut, wo jemand eine andere als seine eigene Geschichte zu Markte trägt, findet sich in einem target-rich environment wieder. Da darf man nicht zimperlich sein und vielmehr ganz oben anfangen, damit Stümpereien wie die Mona Lisa oder Las Meniñas endlich als jene unappetitlichen Schmieragen alter weißer Männer agnosziert werden, die sie immer schon waren. Die Zukunft wird endlich authentisch. Schönes Wochenende!

Freitag, 5. März 2021

Schweigen

 

Kann man, o teure Lesehäschen, nur über Dinge sprechen? Oder auch über Wörter? Bisher dachte euer germanistisch vorbelasteter Kolumnator sogar über Wörter sprechen zu müssen. Wir lernen jedoch, dass man dabei, wenn es blöd hergeht, seinen Job verlieren kann. So erging es, wie ihr woken Häschen bestimmt schon wisst, einem Redakteur der New York Times namens Donald McNeil, der mit einer Schülergruppe auf Bildungsreise in Peru unterwegs war. Es ergab sich ein Gespräch mit einer Schülerin über ein Video eines Buben, der darin das Wort „Nigger“ verwendete. Natürlich ist das ein schiaches Wort, mindestens so schiach wie „Judensau“ oder „Funzn“ oder ganz viele andere Wörter. Ich vertraue jedoch darauf, dass euch klar ist: Euer Zweckdichter sieht a priori keinen Unterschied zwischen Menschen, ungeachtet ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder ihres Geschlechts, behält sich aber freilich das Recht vor, einen jeden nach näherer Untersuchung als Arschloch zu klassifizieren. If it walks like a duck …

Jedenfalls erkundigte sich Herr McNeil in gedachtem Gespräch näher, wie denn der Knabe das Wort „Nigger“ verwendet habe. Damit war die Sache gegessen, denn nach einigen Umwegen verlangten 150 seiner geschätzten Kollegen von ihm öffentlich eine Entschuldigung, weil das Wort „Nigger“ immer schon eine Beleidigung sei und man es daher keinesfalls auch nur zitieren dürfe.

Einmal ehrlich, o teure Häschen: Ist es für so etwas nicht ein bisschen spät? Hätten wir noch die Ursprache Adams, in der jedes Ding genauso hieß, wie es ihm frommte, dann wäre da vielleicht was dran. Doch seit der babylonischen Sprachverwirrung müssen, nein: dürfen wir mit einer Kluft zwischen Zeichen und Bezeichnetem leben. (Wer sich zu diesem Thema gepflegt unterhalten lassen will, der lese Embassytown vom nicht genug zu preisenden China Mieville.)

Die Karte, Herrschaften, ist nicht das Territorium, das Wort ist kein Übergriff und die Waffe kein Mord! Man braucht keinen Derrida gelesen zu haben, um zu wissen, dass je nach den Umständen Arzttochter eine geringere, aber auch eine schwerere Beleidigung sein kann als Nigger, sonst wäre das sogenannte N-word privilege (das Recht, jemand einen Nigger zu heißen, ohne dass man deshalb seine langjährige Arbeitsstelle aufgeben muss) nicht denkbar.

Dass jede Nennung und jede Darstellung von etwas Unerwünschtem automatisch Zustimmung bedeute, das kannte man bisher eher von den Bewertungen der katholischen Filmkommission der 1970er Jahre als von einem Leitmedium des Abendlandes.

Denn leider ist es so: Der Rassismus geht nicht weg, wenn man Leute zur Kündigung mobbt, die ein rassistisch konnotiertes Wort nicht etwa in rassistischer Absicht verwendet, sondern es nur zitiert haben. Um ihn zu bekämpfen, ist es wahrscheinlich nützlich, möglichst viel über ihn zu erfahren. Ob Sprechverbote der geeignete Weg dafür sind, bleibe dahingestellt. Ich frage mich aber schon, was einer der 150 als Nächstes tut, wenn er zum Beispiel gottbehüte eine Krebsdiagnose kriegt. Sucht er sich dann einen Onkologen, der die Proben nicht unters Mikroskop, sondern in den Schrank legt, in der Hoffnung, dass das Übel dann verschwindet?

Wahrscheinlich nicht. Denken wir also daran, dass man nicht nur sprechen kann, sondern sich auch mit Sprache befassen (es sei denn, man ist einer von jenen in Embassytown). Schönes Wochenende!

Freitag, 2. Oktober 2020

Kleiner Unterschied

 

Es gibt, o kompetente Lesehäschen, immer was Neues. Also: Immer was Neues, worum man sich kümmern sollte. Zum Beispiel soll es vorkommen, dass der Häschennachwuchs in der Häschenschule in eine WhatsApp-Gruppe gerät, in welche die Jungrammler Dreckszeug hineinposten, das man so oder so interpretieren kann. Vielleicht ist der humoristische Mehrwert von Scherzen, die unter das Verbotsgesetz fallen, tatsächlich immens. Vielleicht ist es auch ein jugendliches Experiment, bei dem eruiert werden soll, wieviel Scheiß man bauen muss, bis Erwachsene sich wie Erwachsene verhalten.

So oder so steht besagter Erwachsener vor der Frage, wie man das eigene Häschen angemessen unterstützt, ohne ihm ungebührlich auf die Nerven zu gehen, was ja im Umgang mit Teenagern stets das ist, was dem Trekkie die Hauptdirektive (die es verbietet, sich in die Entwicklung anderer Spezies einzumischen, womit sich zeigt, dass wir Science-Fiction-Nerds mehr über Kinderaufzucht gelernt haben, als man glauben möchte, auch wenn böse Zungen behaupten, dass der Erwerb ebendieser Kompetenzen unsere Chancen mindere, sie jemals anwenden zu können).

Dies auch vor dem Hintergrund der aktuellen Lektüre eures Ergebenen, nämlich The Girls von Emma Cline. Keine Ahnung, ob die Frau das Niveau hält, aber das Ding fängt auf jeden Fall großartig an. Nämlich berichtet die Ich-Erzählerin von einer Mädchenkindheit in einer faden kalifornischen Gegend der 1960er-Jahre, in der sie gewaltig viel Zeit damit verbringt, Schönheits-, Pflege- und Stylingtipps aus Zeitschriften umzusetzen. Später gerät sie auf der sogenannten Ranch in sehr schlechte Gesellschaft, und wir lesen die wunderbaren Sätze:

I wondered later why there were so many more women than men on the ranch. All that time I had spent readying myself, the articles that taught me life was really just a waiting room until someone noticed you – the boys had spent that time becoming themselves.

Hand aufs Herz, wer sicher ist, dass wir, nämlich wir Gesellschaft im ausgehenden ersten Viertel des einundzwanzigstens Jahrhunderts, dass wir also diesen Unterschied im Heranwachsen der Geschlechter völlig hinter uns gelassen haben. Liegt es an eurem Ergebenen, oder sind wir immer noch eher geneigt, Buben ein Freispiel zuzugestehen, weil es halt ein blödes Alter ist, während Mädchen aber schon echt komisch sind und sich auch einmal zusammmennehmen könnten? Ich hoffe, ich täusche mich. Aber ich habe wirklich den Verdacht, dass wir eher Mädchen eher zumuten, jederzeit Person zu sein, während wir es Buben zugestehen, sich zwischendurch eine Runde höchst unansehnlich zu verpuppen, in der Hoffnung, dass irgendwann ein stattlicher Käfer schlüpfen wird.

Die Schwierigkeit liegt natürlich darin, dass man durchs Deppertsein schon in jungen Jahren (und in Alter-weißer-Mann-Jahren sowieso) Prestige ansammelt, sodass Buben, die konsequenzfrei Blödsinn machen, schon dadurch einen Schritt voraus sind.

Was also tun, ohne aufs Kontraproduktivste in jugendliche Sozialdynamik hineinzufunken? Euer Kolumnator dankt für sachdienliche Hinweise.

Zum Beweis, dass es auch Gelegenheiten gibt, wo man ruhig fünfe gerade sein lassen kann, diene der heutige Wikipedia-Fund: Als der Doo-Wop-Song Rama Lama Ding Dong 1958 veröffentlicht wurde, geschah dies irrtümlich unter dem Titel Lama Rama Ding Dong, was vielleicht der Grund für das einstweilige Ausbleiben des Erfolgs, vielleicht aber auch völlig wurscht war. Schönes Wochenende!

Freitag, 27. Juli 2018

Endlich getrennt

Heute, o hoffentlich besonnte Lesehäschen, verkosten wir ein Schmankerl aus der grammatischen Abteilung des Internets. Denn Ferien hin oder her, geredet wird immer. Die Frage ist nur: Wird geredet, wie dir der Schnabel wuchs? Wird schön gesprochen? Oder hast du gar einen schön gewachsenen Schnabel, dem ohnehin nur Perlen sprachlicher Wohlgestalt entquellen? Ich wünsche es dir, seltenes Schnabelhäschen. Aber wir schweifen ab. Das Internet also. Unendliche Weiten. Von Unfug. Und Weisheit. Daher natürlich auch unendliche Schwierigkeiten, das eine vom anderen zu unterscheiden. Ihr wisst ja, dass euer ergebener Kolumnator sich gelegentlich in Foren herumtreibt, wo Leute sprachliche Probleme mit ihrem Senf verfeinern. Manchmal kriegt man dabei was auf die Ohren, manchmal darf man selber einen Satz Hörwerkzeuge rubbeln. Hauptsache, es bleibt interessant.
Nun ging es um einen Satz wie diesen:
Von seinem Freund, der ein stadtbekanntes Schandmaul war, hatte ich die absurde Geschichte gehört, die ihm die Schamesröte ins Gesicht trieb.
Nach einigem Hin und Her darum, welches die Satzglieder seien und welches die Nebensätze, schob ein Schlaumeier noch eine Korrektur nach. Der Satz habe zu lauten:
Von seinem Freund, der ein stadtbekanntes Schandmaul war, hatte ich die absurde Geschichte, die ihm die Schamesröte ins Gesicht trieb, gehört. Der zweite Teil des Prädikats, eben gehört, müsse, so der Schlaumeier, am Ende stehen.
Warum? Wo doch das Prädikat direkt bei seinem Subjekt einen schlanken Fuß macht?
Der Schlaumeier erklärte, Satzglieder dürften nicht getrennt werden. Und die absurde Geschichte, die ihm die Schamesröte ins Gesicht trieb sei ein Objektsatz, zu erfragen mit „Wen oder was hatte ich gehört?“ Weil es sich dabei um ein Objekt handle, dürfe das Prädikat nicht mitten hinein geschoben und gedachtes Objekt in zwei Teile gespalten werden.
Wir sind uns hoffentlich einig, dass das ein fester Schmarren ist, sonst sucht euch bitte einen anderen Kolumnator. Schon deshalb, weil nach dieser fischelnden Regel von den folgenden Sätzen nur einer korrekt wäre:
Ich lese ein Buch, das mich interessiert.
Ich habe ein Buch gelesen, das mich interessiert.
Welcher? Der erste. Denn im zweiten Fall hat sich gelesen in das Objekt ein Buch, das mich interessiert gedrängt.
Ebenso hier:
Ich werde ein Buch lesen.
Ich werde ein Buch lesen, das mich interessiert.
Offensichtlich hatte der Schlaumeier einen Blödsinn verzapft, zumal jeder ordentliche Schriftsteller, ob Eichendorff, Goethe, Rilke oder Thomas Mann, ebensolche Sätze zuhauf hinterlassen hat. Das ist auch gut so. Aber wo im Gemäuer tut sich die Ritze auf, in die man sein logisches Messer zwängen kann?
Antwort: die absurde Geschichte, die ihm die Schamesröte ins Gesicht trieb ist gar kein Objektsatz.
Ein Objektsatz wäre zum Beispiel dieser dass-Satz: Ich kann nicht glauben, dass jemand solchen Unfug ins Internet schreibt. Hier ist der ganze Nebensatz mit „Wen oder was kann ich nicht glauben?“ zu erfragen.
Im ersten Beispiel hingegen ist das Objekt die Geschichte: „Wen oder was hatte ich gehört?“ „Die Geschichte.“ Zu dieser gehört ein Attributsatz (die ihm die Schamesröte ins Gesicht trieb), zu erfragen mit „was für eine Geschichte?“ Und Attributsätze haben im Gegensatz zu Attributen die Eigenheit, sich so leicht von ihrem Satzglied zu trennen wie der Schwanz von einer Eidechse. Gottseidank.
Schönes Wochenende!

Freitag, 14. Juli 2017

Bürsten

Ihr wisst, o teure Häschen, dass euch hieramts stets Rat wird, wenn die Not am größten ist. Aus gegebenem Anlass drängt sich heute die Frage aufs Tapet: Wie man es mit der Körperpflege in der Öffentlichkeit halten soll?  Erfreulicherweise hat mir die Beste von Österreichs bestsortiertem Flohmarkt ein Benimmbuch aus den 50er Jahren mitgebracht, dass so betulich daherkommt, als wären es die 1850er und nicht die 1950er. Aber dazu vielleicht ein andermal mehr, denn bedauerlicherweise habe ich nicht nachgeprüft, was der unglaublich redselige Autor („wie ich einmal ein Empfehlungsschreiben an einen Minister bekommen habe, das sofort eine Freundschaft zerstört hat“) über hygienische Verrichtungen zu sagen hat, bei denen man zuschauen kann.
Ich jedenfalls bin kürzlich U-Bahn gefahren (nein, es war die U3, nicht die U6), und tat, was man so tut, wenn man nichts Besseres zu tun hat, nämlich Zeitung lesen. Neben mir saß eine Frau, die drückte ein Weilchen an ihrem Handy herum. Dass sie noch jung war, sieht man daran, dass sie ohne Schwierigkeiten an ihrem Handy herumdrückte, obwohl sie auch in der U-Bahn ihre sehr dunkle Sonnenbrille trug. Schließlich war sie mit Herumdrücken durch, griff in ihre Handtasche, brachte das entsprechende Werkzeug zum Vorschein und hub an, sich die Haare (dunkel, halblang) zu bürsten. Natürlich dachte ich mir sofort, was sich in solchem Falle jeder denkt, nämlich Oida! Weil ich aber ein KS (konservativer Scheißer) bin, dachte ich mir als Nächstes: Gehört sich das?
So etwas will reiflich erwogen sein. Mit einem vorschnellen Urteil macht man sich ungebührlich wichtig. Denn wir sind ja nur zufällige Weggefährten zwischen Landstraße und Gasometer, und wir könnten ja auch einfach weiter Zeitung lesen oder selber am Handy herumdrücken, anstatt der Tante beim Bürsten zuzuschauen. Doch am andern Ende der Nahrungskette warten Kolleginnen oder Sexualpartner, denen die dunkelhaarige Tante, mit ungebürsteten Haaren entgegentreten müsste, nur damit wildfremde U-Bahn-Mitbenützer nichts über ihr Ghörtsich zu meckern haben. Auch haben wir ein Beispiel öffentlichen Haarbürstens aus der besten, ja allerbesten Gesellschaft, nämlich jener, die so exklusiv ist, dass ihr überhaupt niemand angehört, zumindest niemand Realer: Ist doch die Loreley berühmt für nichts anderes als Singen und Bürsten. (Habt ihr übrigens gewusst, dass Brentano die Loreley vollrohr erfunden hat? Ich nicht. Ich habe Heine das mit dem Märchen aus uralten Zeiten abgekauft und erst jetzt erfahren, dass besagtes Märchen gerade mal 23 Jahre alt war, als Heine seinen berühmten Vers geschrieben hat.)
Aber zurück zum Thema. Soll man nun, oder eher nicht? Ist man die Loreley, dann natürlich ja, selbstverständlich, sowieso! Und wenn nicht?
Generell gilt ja die Benimmregel, dass man coram publico keine Verrichtungen vornimmt, nach denen man etwas hinterlässt. In die Ecke pinkeln, aus dem Fenster erbrechen, Nasenbohren, Nägel schneiden – all das erledigt der Mensch von Welt unter Ausschluss der Öffentlichkeit, während es gerade noch zulässig ist, sich an unverfänglichen Stellen zu kratzen. Die Frage ist mithin, ob es der sonnenbebrillten Tante lediglich um die Verschönerung des Haarbildes (so heißt das glaubich in Fachkreisen) zu tun war (war da nicht was mit 100 Bürstenstrichen?), oder aber um die Beseitigung abgestorbenen Haarmaterials, welches sich gegebenenfalls in der Bürste verfangen hätte, wobei aber nicht ausgeschlossen hätte werden können, dass sich gedachtes Haarmaterial, und sei es auch nur teilweise, selbständig und im U-Bahnwagen breit macht. Dann also natürlich: nein, kein Gebürste, bitte morgen den Wecker früher stellen, dann geht sich das alles aus. Danke.

Freitag, 30. Juni 2017

Over there

Heute probieren wir einmal diese Nummerierungs-Chose aus. So manche effiziente Kolumnatrice, so mancher zielstrebige Kolumnator hat seinen Werken einen beinahe völlig überzeugenden Anstrich von Schlüssigkeit verliehen, nur indem sie hie und da aufeinanderfolgende Ziffern eingestreut haben.
Los geht’s! England, meine teuren Reading-Rabbits, war mir immer höchst sympathisch, aus mehreren Gründen.
Erstens: Winston Churchill. Grantig schauen, Whisky trinken, Hitler besiegen und außerdem einen Literaturnobelpreis abräumen – in seinem kleinen Finger wohnt mehr awesomeness als ein Sterblicher bewundern kann.
Zweitens: The full English. Ein Tag, der mit einem englischen Frühstück beginnt, hat schon so hervorragend begonnen, dass er nicht mehr ganz mies werden kann, egal wie weit es bergab geht.
Drittens: Wertschätzung für weltliche Errungenschaften. Weil bei uns im Westen die Tradition gleich neben der Kirche wohnt, befinden sich die ehrenwertesten Flecken meist in derselben. Doch kann man sich im Stephansdom die Augen ausgucken, ohne dass man ein prunkvolles Denkmal für Ernst Mach oder Erwin Schrödinger entdecken wird. In Westminster Abbey hingegen stolpert man alle naselang über Memorabilia für Forscher vom Kaliber eines Newton oder Faraday.
Viertens: Charlotte Brontë. ’nuff said.

Umso betrüblicher ist es, dass es mit dem Empire bergab zu gehen scheint. Zu dieser Meinung hat mich ein verlängertes Wochenende in London geleitet. Mehr braucht ein vernünftiger Mensch nicht, um sich ein fundiertes Urteil über ein traditionsreiches Gemeinwesen zu bilden.
Erstens: Auch in England wird es (Herr Trump, hören Sie eh zu? Falls nicht: Türme Koran IS POTUS) mitunter warm, also genau genommen: zu warm. Zu warm fürs Sightseeing, aber normalerweise nicht zu warm fürs Ubahnfahren, außer die in Rede stehende Ubahn ist die o wie traditionsreiche tube, in welcher bei schwülem Wetter Verhältnisse herrschen wie am unteren Ende des Maurerdekolletés eines übergewichtigen Barabers bei vierzig Krügel im Schatten, aber ohne Schatten noch Krügel. Kurz: So eine tube journey vermittelt bei entsprechender Witterung einen schönen Eindruck davon, wie sich öffentlicher Personennahverkehr in Schwellenländern anfühlt.
Zweitens: London ist zu voll. Das erregt meine Besorgnis, denn Touristen hat es dort eher wenige: knapp 32 Millionen pro Jahr. Das sind nur vier Touris für jeden Londoner. Auf jeden Hallstätter kommen pro Jahr fünfzehn – nicht fünfzehn Touristen, sondern fünfzehn Busse. Trotzdem wurlt es an der Themse wie in Tokio.
Drittens: Es gibt trotzdem Hoffnung für England. Solange man gratis ins British Museum darf und das Bitter angenehm kohlensäurearm serviert wird, ist nicht alles verloren. Cheers!