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Freitag, 15. September 2023

Sauhaufen

 

Es ist, o überaus reinliche Lesehäschen, an der Zeit, über Sauberkeit zu sprechen. Gerne teilt euer Ergebener seine jüngsten einschlägigen Erfahrungen. Eine Wohnung zu reinigen, die man nicht selbst bewohnt hat, ist ja ein bisschen so, wie wenn sich Spinnen paaren: lehrreich und interessant, aber halt auch widerlich. Sei es, dass dem ein Trauerfall voranging, sei es, dass eine Mietwohnung zurückgegeben wurde, wie dies dem Zweckdichter widerfahren ist. Besonders in letzterem Fall hofft man natürlich, dass die Dahingehenden in Sachen Sauberkeit ähnlich gestrickt sind wie man selber, also ungefähr zwischen 60 und 70 Prozent auf der Skala zwischen „unverheiratete Orks lassen mal fünfe gerade sein“ und „Gexi Tostmann macht sauber, weil Lotte Tobisch zu Besuch kommt“.

Leider ist dies erstaunlich selten der Fall, was vor allem bedeutet, dass die besagten 60–70 Prozent nicht so objektiv festzumachen sind, wie man sich vielleicht einredet.

Wenn die Mietexen aber schon sehr deutlich Richtung orkisches Jungvolk gedriftet sind, also den Übergang von der Sauberkeit zur Saubär-keit (haha) gänzlich vollzogen haben, muss man sich darauf einstellen, eine solche Wohnung „besenrein“ zurückzubekommen. „Besenrein“ ist eine Umschreibung dafür, dass kein Müll herumliegt. Anderslautenden Gerüchten zum Trotz ist es nicht die gesetzliche Mindestanforderung. Diese ist „so, wie man die Wohnung übergeben hat, abzüglich Verwohnung“. Wenn die Wohnung also bei Anmietung in einem Zustand war, dass der morgendliche Sockentest (alle an die Wand schmeißen und die anziehen, die nicht klebenbleiben) versagt, weil alle klebenbleiben, dann hat man es sich selbst zuzuschreiben, wenn das auch bei der Rückgabe der Fall ist. War sie aber sauber, kann man streiten.

Was tut man nun mit einer besenreinen Wohnung? Bis vor Kurzem hätte der Zweckdichter gesagt: „Bei BIPA oder dm aufmunitionieren und losfeudeln“ (Feudel, der: sehr bundesdeutsch für „Putzfetzen“. Bildungsauftrag erfüllt) und sich in guten Tipps über die Reinigungspower von Rasiercreme verloren.

Heute aber habe ich euch eine frohe Botschaft zu verkünden: Es gibt eine Sauberkeit und Action ist ihr Prophet!

Action? Action ist die Diskonterkette, die Tedi Konkurrenz macht, mit dem Unterschied, dass es bei Action mehr brauchbares Zeug gibt, teils sogar von Marken, deren Namen man schon einmal gehört hat. Und Gartenzwerge natürlich, was wäre Action ohne Gartenzwerge. Unser heutiges Thema ist die Putzmittelmarke „Blue Wonder“, die ein seltenes Beispiel für etwas bietet, das tatsächlich so funktioniert wie in einem Fernsehspot der 1980er. Wenn in der Orkhöhle zum Beispiel alle Oberflächen mit einem zarten bräunlichen Schleier überzogen sind, wobei nur das Badezimmer insofern etwas Abwechslung reinbringt, als in dem Schleier stellenweise Härchen kleben, bei denen man lieber nicht darüber spekuliert, aus welchem Follikel sie einst gesprossen sind, dann verzagt nicht, o meine Teuren! Vielmehr sprüht ihr Blue Wonder Super Fettlöser auf die befallenen Stellen und dann rinnt der Schlatz tatsächlich ohne weiteres Zutun herunter. Drüberwischen und weiter geht’s. Denn freilich: Dreck gibt es noch genug. Das ist bei Orks leider so.

Zwei gute Nachrichten zum Schluss: Erstens war euer Ergebener kürzlich bei der Physiotante seines Vertrauens, die ihn bestens behandelt hat. Bezüglich seines Oberarms meinte sie: „Aber Sie trainieren ja.“ Worauf die Antwort nur lauten konnte: „Nein, aber ich putze viel.“ Wenigstens das schaut also dabei heraus.

Zweitens sind von den Exmietern mit Sicherheit keine religiös motivierten Anschläge zu befürchten. Denn bekanntlich kommt die Frömmigkeit gleich nach der Sauberkeit.

Schönes Wochenende!

Freitag, 1. September 2023

Heiligenrevival

Wie, o algorithmusvife Lesehäschen, kommt Facebook darauf, dass euer Ergebener zu den „Die-Hard Chicago Bulls Fans“ gehören könnte? Ich weiß nicht mal, ob die Bulls Baseball oder Football spielen. Wahrscheinlich Football. 

Sieh einer an. Basketball. 

Wie auch immer: Das einstige soziale Netzwerk ist mittlerweile so vollständig zu einer grenzdebilen Werbekrake degeneriert, dass man sich ernstlich fragen muss, ob der Link zu dieser Kolumne dort noch etwas verloren hat. Es ist ja nicht so, als hätte der Zweckdichter keine ausbeutungsfähigen Interessen, zu denen man ihm konsumerleichternde Links vorschlagen könnte. Aber mit Major League Basketball hat er ungefähr so viel am Hut wie Excelprogrammierung auf Wettkampfniveau (gibt’s auch). 

Damit zum Katholizismus. Hat da jemand behauptet, dieser sei auf dem absteigenden Ast, beziehungsweise habe er, wie man in erdigeren Gegenden zu sagen pflegte, „a magers Tütte“ (eine magere Zitze), sei also jenem bedauernswerten Ferkel vergleichbar, dass im Gegensatz zu seinen Geschwistern einfach nicht gedeihen will, weil seine angestammte Milchquelle nicht ausreichend sprudelt?

Euer Ergebener hätte sich dazu hinreißen lassen, doch anscheinend schlägt das Pendel nun in die andere Richtung aus: Auf salzburg24.at wurde kürzlich über die Hochwasser berichtet. Im Text kam das Wort „Feuerwehr“ einmal vor“, „Feuerwehrleute“ überhaupt nicht, „Floriani“ hingegen gleich fünfmal. Gemeint waren damit eben die Feuerwehrler. Es hieß nicht etwa „Florianijünger“, was früher ein Ausdruck von Leuten war, die in der Volksschule verinnerlicht hatten, dass Wiederholungen schlecht und dass es daher klüger sei, ein gutes und ein doofes Wort je einmal anstatt das gute zweimal zu verwenden. Sondern einfach „Floriani“, weil die Feuerwehrleute jetzt gleich selber heilig sind. In Bälde werden wir also nicht mehr von Anglern lesen, sondern von Petri, nicht von Zahnärzten, sondern von Apolloni, und nicht mehr von Politikern, sondern von Thomassen oder Johannen, weil (Bildungsauftrag!) Thomas Morus und Jeanne d’Arc beide zu deren Schutz bereitstehen. Das wird sehr schön, zumindest, bis jemand draufkommt, dass nicht jede Religion mit Heiligen gesegnet ist. Wir werden dann so etwas wie das Gendersternäquivalent zum Heiligenschein brauchen. A propos Gender: Hier haben wir ja in den letzten Jahren schon einige Fortschritte gemacht. Doch wer nicht hier nicht auf halbem Wege stehenbleiben will, darf auch versteckte Maskulina nicht ungeschoren davonkommen lassen, hätte ich jetzt beinahe geschrieben, also: darf nicht übersehen, wo sich ein Maskulinum vor einem Suffix versteckt. . In einer bunten Gesellschaft, wo alle nach ihrer jeweiligen Fasson selig werden dürfen, ist es gewiss nicht mehr statthaft, etwa mit jemandem Freundschaft zu schließen, sondern höchstens Freund*innenschaft. Glücklicherweise brauchen wir uns daher auch keine Sorgen mehr um die Entwicklung der Wirtschaft zu machen, sondern schauen stattdessen entspannt, was mit der Wirt*nnenschaft wird. Das hängt natürlich auch davon ab, ob die Unternehmen reichlich Kund*innenschaft haben. Und so weiter. Schönes Wochenende!


Freitag, 16. Dezember 2022

Zahltag

 

Wir haben, o meine betuchten Lesehäschen, vor drei Wochen etwas ungebührlich unter den Tisch fallen lassen: Am 25. November war Katharinentag und damit Tag der Abrechnung. In verschiedenen Regionen hatten sich nämlich einst verschiedene Tage eingeschliffen, zu denen es üblich war, Dienstverträge auslaufen zu lassen, neue abzuschließen und auch Schulden zu begleichen. Wo euer Ergebener herstammt, war dies der Katharinentag. Nicht etwa, weil die heilige Katharina besonders viel mit Rechnungswesen am Hut gehabt hätte, obwohl da was dran ist: Sie soll nämlich eine Philosophin gewesen sein, die dem Heidenkaiser Maxentius und seinen besten Denkern die Überlegenheit des Christentums so überzeugend vordenken konnte, dass er sich keinen Rat mehr wusste, als sie einkerkern und hinrichten zu lassen. Jetzt aber Fun fact: Laut Wikipedia hat es eine solche Katharina nie gegeben. Ihre Legende basiert vermutlich auf dem Schicksal der nicht nur Philosophin, sondern auch Mathematikerin (daher also das Rechnungswesen) Hypatia von Alexandria, die von einem christlichen Mob getötet und zerstückelt wurde.

Wie auch immer: Am Katharinentag wurde deshalb abgerechnet, weil es der Tag einer örtlichen Kirchenpatronin war, sodass man sich bei den entsprechenden Festlichkeiten begegnete und abwickeln konnte, was abzuwickeln war. Dass das unterschiedlich erfreulich war, je nachdem, auf welcher Seite des Schuldenzaunes man stand, hat Franz Michael Felder poetisch verewigt:

 

Tag des Schreckens und der Trauer

dessen mancher arme Bauer

nur gedenkt mit Schreck und Schauer.

 

Und so weiter, denn:

Wehe, die Banknoten schwinden

und in Sackes tiefsten Gründen

ist kein Silber mehr zu finden.

 

Und dabei heizte der Mann nicht einmal mit Gas!

Auch euer Ergebener hat inzwischen den einschlägigen Brief seines Stromversorgers erhalten und findet sich also mit einer gut 80-prozentigen Tariferhöhung ab, aber was will man machen. Nur im Dunkeln und Kalten zu sitzen ist auf Dauer schon eine Daseinsform, aber nur für fiktive christliche Märtyrerinnen. Dabei hilft die hieramts in letzter Zeit schon gewürdigte Kranken- sorry, Gesundheitskasse auch nicht weiter. Die weigert sich standhaft, eine therapeutische Leistung mitzufinanzieren, obgleich sie nachweislich Erfolge bringt, weil sie „nicht von medizinischem Personal erbracht wird“. Also, wenn ich mit einer halbzerkauten Dattel in der Luftröhre blau anlaufend daliege, ist es mir wahrscheinlich wurscht, ob ein Dr. med. oder der nächstbeste Callcentermitarbeiter mir die rettende Kugelschreiberhülse in den Hals rammt, Hauptsache Sauerstoff. Aber wenn man, wie die Österreichische Gesundheitskasse, schon geschaffen wurde, um Milliarden zu sparen, und stattdessen hunderte Millionen gekostet hat, muss man sich wohl nach der Decke strecken. Schönes Wochenende!


Freitag, 21. Oktober 2022

Kopf ab

 

Kürzlich, o eigenverantwortliche Lesehäschen, geriet euer Ergebener unvermutet in eine Diskussion über die Abtreibung, welches Thema dank Trumps höchstrichterlicher Hinterlassenschaft wieder gar unerquicklich aufgepoppt ist. Hierzulande gilt ja seit bald 50 Jahren die sogenannte Fristenlösung, die einen Schwangerschaftsabbruch in den ersten drei Monaten straffrei stellt.

Das ist natürlich erfreulich im Sinne der Selbstbestimmung der betroffenen Frauen (sofern das überkommene binäre Konstrukt der „Frau“ in einer zeitgemäßen Diskussion überhaupt noch eine Rolle spielen darf, vielleicht sprechen wir besser von „gebärfähigen Menschen“?). Ins Grübeln kommt man aber, wenn man erfährt, dass sich in Österreich pro Jahr zwischen 12 und 20 von 1.000 „Frauen“ zu dem Eingriff entschließen, was 20.000 bis fast 40.000 Abtreibungen jährlich ergibt. Das scheinen mir angesichts der flächendeckenden Verfügbarkeit bewährter Verhütungsmittel nicht wenige zu sein. Ich weiß ja nicht, wie ihr dazu steht, aber der Zweckdichter hofft, dass Föten aus dramatischeren Gründen dran glauben müssen als „wir waren 16 und irgendwie doof“. In Deutschland, das, ohne ins Detail gehen zu wollen, in vieler Hinsicht ähnlich zivilisiert ist, sind es mit 5,6 auf 1.000 Frauen nicht einmal halb so viele, wie es in Österreich (wo keine Statistik geführt wird) mindestens sind, und es wäre vermessen, daraus zu schließen, dass die Deutschen höchstens halb so oft Sex haben. 

Nun ist so eine Abtreibung wahrscheinlich immer eine traurige Angelegenheit und ebenso wahrscheinlich viel zu oft eine, deren Klärung an der Frau hängen bleibt (beziehungsweise, damit sich niemand auf das Phallussymbol getreten fühlt, dem gebärfähigen Teil jener Menschenkombination, die gemeinsam einen Dritten hervorgebracht hat). Wie lässt sich einerseits mehr deutscher Ernst in die Überlegung bringen und andererseits der samenproduzierende Teil der Erzeugerschaft stärker in die Entscheidungsfindung einbinden? Da es, darum brauchen wir nicht herumzureden, um Leben und Tod geht, ist vielleicht dies der Ort für radikale Gedanken, womit folgender Vorschlag zu erörtern wäre:

Erstens bleiben natürlich Abtreibungen bei unmündigen Müttern, nach Vergewaltigungen und bei schwangerschaftsbedingten medizinischen Komplikationen sowieso außer Diskussion.

Zweitens aber muss in allen anderen Fällen, in denen die Schwangere sich (zweifellos schweren Herzens) für einen Abbruch entscheidet, alles Menschenmögliche unternommen werden, des Vaters (bleiben wir bei diesem handlichen, wenn auch unzeitgemäßen Begriff) habhaft zu werden. Wenn man sich seiner Person versichert hat, darf die Mutter (was soll’s) ihre Entscheidung bestätigen oder, gerne in Absprache mit ihm, revidieren. Zieht sie die Abtreibung durch, dann wird er hingerichtet. 

Nur in Ausnahmefällen, wenn es wirklich unmöglich scheint, den Vater aufzutreiben, ist eine Abtreibung ohne Hinrichtung (oder einen der oben erwähnten Ausnahmegründe) statthaft.

Damit stiege die Wahrscheinlichkeit, dass selbst überdurchschnittlich bescheuerte Hodenträger es sich zweimal überlegen, bevor sie „eh aufpassen“; die Geschwängerten müssten nicht alleine klarkommen (und zwar idealerweise schon, bevor es soweit ist); und der Ernst der Lage wäre allen klar.

Ich will nicht ausschließen, dass diese Lösung übers Ziel hinausschießt. Wem fällt was Besseres ein? Schönes Wochenende!

Freitag, 26. August 2022

Selber schuld

 

Nun denn, ihr kultur- und herrschaftsgeschichtlich ausgeschlafenen Lesehäschen, wie ist das mit der versprochenen kulturellen Aneignung oder vielmehr, da man auch nicht mehr „innere Kündigung“ sagt, sondern quiet quitting, der cultural appropriation? Diese bedeutet: Angenommen, Menschen deiner Hautfarbe, deines Glaubens oder dessen, was die Nazis deine Rasse genannt hätten, haben irgendwann Menschen anderer Hautfarbe, anderen Glaubens oder anderer Rasse unterdrückt, diskriminiert oder halt irgendwie in großem Stil benachteiligt. (Falls du ein alter, weißer Sack bist wie dein Ergebener, dann weißt du jetzt eh, was die Stunde geschlagen hat.)

Und weiter angenommen, diese Menschen tun oder benutzen etwas, das in weiterem Sinne zur Kultur gehört und das du lässig findest. Das kann ein Musikstil sein, ein typisches Kleidungsstück, eine Frisur oder sonst was.

In diesem Fall ist das Lässige für dich verboten. Denn jene anderen haben sich den Genuss des Lässigen (Dreadlocks oder Sari tragen, rappen, sich mit Federn schmücken) durch die Qual verdient, die sie seitens der dir Ähnlichen erleiden mussten. Du aber nicht, deshalb darfst du eben nicht Dreadlocks tragen oder mit Froschgiftpfeilen jagen. Und bevor du fragst: Ja, das gilt auch dann, wenn die sieben Generationen vor dir lauter Osttiroler Bergbauer waren und du der Erste in gerader Linie bist, der überhaupt einmal jemanden einer anderen Ethnie zu Gesicht bekommen hat.

Was daran alles seltsam ist, liegt auf der Hand. Erstens gibt es keine wertschätzende Aneignung mehr, sondern nur eine diebische. Dass Eminem oder Smudo gut rappen können, ist nicht etwa erfreulich für Freunde des gehobenen Sprechgesangs gleich welcher Hautfarbe, sondern jedenfalls ein Schlag ins Gesicht jener Schwarzen, deren ohnmächtige Wut sich im Rap Luft zu machen suchte.

Zweitens scheint eine Abstufung der Aneignungen mitgedacht zu sein, die keinen Sinn ergibt. All die weißen Dreadlockträger, die wegen ihrer Dreadlocks gecancelt wurden, ob derer sich irgendwer „nicht gut“ fühlte – hätten die wirklich ohne Filzrollen auftreten und Reggae spielen dürfen? Man sollte meinen, der Reggae (und jetzt bitte keine Abschweifungen in die komplizierte Geschichte karibischer Musik) gehörte ebensowenig den Weißbroten wie die Dreads, oder?

Drittens, und darüber freut sich Papst Franziskus, findet im Kampfbegriff der cultural appropriation eine christliche Lehre wieder ins Rampenlicht. Denn für jene Woken, die so gut darin sind, sich nicht gut zu fühlen, spielt es keine Rolle, ob Thomas D. schon einmal Schwarze diskriminiert hat. Es genügt, dass er weiß ist, und wenn er sich das ordnungsgemäß vor Augen führt, dann lässt er das Rappen ganz von selber bleiben. Das nennt man White Consciousness: Wenn man allzumal feste dran denkt, wie privilegiert man kraft seiner Hautfarbe und seines Geburtsortes ist, dann hat man ein derart schlechtes Gewissen, dass cultural appropriation und so weiter.

Manche erinnern sich aber gemeinsam mit eurem Zweckdichter, wie Franziskus das nennt: Erbsünde heißt, dass wir alle sowieso ein bisschen ein schlechtes Gewissen haben müssen, weil Adam und Eva damals vom Baum der Erkenntnis genascht haben. Ist doch nett, dass die aufgeweckten Linken zwar in der Fünften Reli abgewählt, aber in Ethik dann so gut aufgepasst haben, dass sie die Erbsünde ganz von selber neu erfunden haben. Schönes Wochenende!

Freitag, 29. Mai 2020

Mit Maß, ohne Ziel

Man kann, o bildungsbeflissene Lesehäschen, in gelockerten Zeiten nicht nur locker ein Bierchen trinken (vielleicht nicht gerade im Anzi, denn so, wie es dort dieser Tage zugeht, fehlt nur ein Superspreader, um die Schleifmühlgasse ins nächste Kitzloch zu verwandeln), nein, man kann auch wieder einmal was dazulernen. Heute widmen wir uns, und ich weiß auch nicht, warum ich dabei an unsere Bundesregierung denken muss, der Hybris. Wer im Gegensatz zu eurem Ergebenen klug genug war, nicht Altgriechisch zu wählen, dem sei auf die Sprünge geholfen: Die Hybris ist die Vermessenheit, infolge derer der Mensch sich gegen die Götter auflehnt. Um den jungen Menschen vor Vermessenheit zu bewahren, wurde das Textbeispiel erfunden. Angeblich soll es eine Brücke zwischen Lebenswirklichkeit und zu übenden Rechenoperationen schlagen, tatsächlich aber dient es der Vertiefung transzendentaler Sachverhalte.
In der Volksschule ist das noch einfach: Du hast eine Torte, die Mama schneidet sie in zwölf Stücke, von deinen fünf geladenen Gästen dürfen zwei keine Torte essen, weil Nüsse drin sind, wieviele Stücke bleiben übrig? Schon hat der kleine Fresssack gelernt, dass Völlerei der Planung bedarf.
Auch in der Oberstufe ergeben sich Textbeispiele wie von selbst: Ein Mathematiker sitzt im Lockdown und langweilt sich. Weil er nichts richtig Mathematisches forschen will, rechnet er im Kopf die Maturaaufgaben von vor zwanzig Jahren nach: Einer Kugel wird ein Würfel eingeschrieben, diesem wieder eine Kugel, und so ad inf. Berechne das Volumen … und so weiter.
Am interessantesten ist es aber dazwischen, mit Aufgaben wie dieser: „Ein Händler gewährt auf einen Fernseher 8 % Rabatt. Dieser beträgt 55 Euro. Wie hoch war der ursprüngliche Preis?“ Das hat offensichtlich nicht das Geringste mit der Preisauszeichnung im Mediamarkt zu tun, wo man mit solchen Rätseln garantiert keinen Riss machen könnte, aber sehr viel mit der elementaren Ungewissheit, in die uns die Frage stürzt, ob wir jetzt ein gutes Geschäft gemacht haben. Wir werden es nie erfahren. Uns bleibt nur die Entsprechung von 8 % und 55 Euro. Aber was kriegt man heutzutage schon für 55 Euro?
Vollends deutlich wird der wahre Zweck an Textbeispielen wie diesem: „Eine Säule mit quadratischer Grundfläche soll verfliest werden. Gegeben sind die Höhe der Säule und das Volumen. Berechne, wie viele Fliesen benötigt werden.“
In der Geschichte des Heimwerkertums war niemand jemals mit einem solchen Problem konfrontiert. Wie auch? Du misst ja nicht die Höhe, stemmst dann die Säule heraus, legst sie ins Wasserbad, bestimmst anhand des gestiegenen Wasserspiegels das Volumen und berechnest dann die Dicke.
Sinn ergibt dieses Textbeispiel erst, wenn wir es als Gleichnis im biblischen Sinne lesen:
In deinem Häschenbau steht eine solche Säule. Wie es in Coronazeiten schon so geht, denkst du dir, Fliesen wären eine gute Idee. Du misst die Höhe und schickst dich an, den Zollstock anzulegen, um die Dicke zu messen. Doch das wäre – na? Genau! Das wäre vermessen! Die Natur und auch die aus ihr entstandene Säule ist nicht dafür da, dass du dich messtechnisch an ihr zu schaffen machst. Um deiner Hybris einen Riegel vorzuschieben, erscheint vor dir eine menschenähnliche, aber von innen golden leuchtende Gestalt, die möglicherweise Flügel hat. Mit donnernder Stimme spricht sie also zu dir: Halt ein, vermessener Vermessender! Das Volumen der Säule beträgt 192 Kubikdezimeter. Die Höhe ist dir bereits bekannt. Berechne die Dicke und daraus die Oberfläche. Nun gehe hin und miss fortan nicht mehr.
Soviel zum tieferen Sinn von Textbeispielen. Schönes Wochenende!


Freitag, 28. Juni 2019

Ora et labora

Wir haben es ja hieramts schon des Öfteren festgestellt, meine teuren Flauschehäschen: Es ist alles so kompliziert. Nur wenige Dinge sind einfach, zum Beispiel der Glaube. Entweder man glaubt, oder man glaubt nicht. Es sei denn, man folgt dem Beispiel Pascals, der bekanntlich erklärte, an Gott zu glauben sei immer die bessere Option: Wenn es Gott doch nicht gibt, hat man nichts dabei verloren. Solche Herangehensweisen scheinen unter kühl denkenden Physikern verbreitet, wird doch von Niels Bohr berichtet, er habe ein Hufeisen über der Tür aufgehängt. Von seinem Kollegen Pauli darauf angesprochen, soll er erklärt haben, das Hufeisen wirke ja auch, wenn man nicht daran glaube. Über die tiefe Kluft zwischen dem pascalschen Glauben auf Verdacht und dem Bohrschen Götzendienst wollen wir uns lieber nicht auslassen!
Vielmehr sind wir bei Sebastian Kurz, der nach eigenem Bekunden in die bekannte Betveranstaltung geraten ist wie H.C. Strache in jene lustige Wirtshausrunde: Der Ex-Vizekanzler saß ja nur zufällig an einem Tisch mit den amtsbekannten Identitären. So hatte auch Kurz nur gehört, in der Stadthalle seien gerade ein paar Leute. Man muss das verstehen: Er bekleidet derzeit kein Amt, kann mangels eines solchen nicht in seinen erlernten Beruf zurückkehren, und einen Wahlkampf mögen andere führen – tu felix Sebastian loquere, o glücklicher Sebastian, rede mit den Leuten. Deshalb üben Menschenansammlungen eine unwiderstehliche Anziehung auf Jung-Wasti aus. Da kann es einem schon passieren, dass man auf die Stadthallenbühne stolpert, um Hallo zu sagen, und plötzlich ist man der Gegenstand eines Massengebets. Wer konnte das ahnen!
Euer Ergebener fand ja die Sache recht halbherzig. Das Gebet für den Kanzler dauerte gerade einmal eine Minute. Wo ich herkomme, ist für Gebetsinhalte, die der Rede wert sind, mindestens ein Rosenkranz fällig. Für alle, die das jetzt nicht gleich parat haben: Ein Rosenkranz dauert locker seine zwanzig Minuten. Da steht man auch nicht im Kreise Gleichgesinnter und reckt einmal kurz die Arme, sondern man kniet – in der Hardcoreversion der Maiandacht – und das Murmeln der betenden Schar wird nur sporadisch von einem Poltern unterbrochen, wenn der Gebetseifer einer Beteiligten sich als größer erweist als die Leistungskraft des Kreislaufs, sodass die Betreffende umkippt. Da muss man sich nicht aufregen, das wird wieder.  
Weiters stellt sich natürlich die Frage, inwiefern dem Altjungkanzler damit ein Vorteil für den Wahlkampf zuteil wurde (natürlich nur für den Fall, dass er sich überhaupt entschließt, jemals in diesen einzusteigen, man weiß es ja nicht). Ohne mich theologisch aufpudeln zu wollen, scheint mir doch die Gebetsmeinung der Teilnehmer dafür nicht unerheblich: War denen auch allen klar, wofür sie beten? Es ist ja schön, dass sie ihm „riesige Weisheit“ und „große Führung“ wünschen, aber was ist darunter zu verstehen, woher soll sie dem Kurz werden? Hier kommt es sehr auf Adressaten, Empfänger und Profiteure eines Gebets an. In dieser Hinsicht ist die track record innig Glaubender leider nicht allzu ermutigend. So richtete kürzlich eine fundamentalchristliche Organisation eine Petition an Netflix: Man möge doch die religiös anstößige Serie Good Omens vom Netz nehmen. Bei Netflix hätte man diesem Wunsch sicher gerne entsprochen, ist doch Good Omens eine Amazon-Serie.
Es ist sehr schade, dass auf die christliche Zielsicherheit so wenig Verlass ist. Wie schön wäre es, wenn wir nun mit der Gewissheit in den Sommer gehen könnten, dass uns im Herbst ein Altneujungkanzler wird, der dank so vieler Fürbitten weise und gut wie kein anderer ist. So aber bleibt uns nur Pascal: Nutzt’s nix, schadt‘s nix. In diesem Sinne: Danke fürs Mitbeten und schönes Wochenende!

Freitag, 20. Juli 2018

Gottesbeweis

Glauben ist natürlich eine Glaubensfrage. Entweder man tut es oder eben nicht. Ich muss euch aber sagen: Falls ihr die Sache mit Hiob immer heftigst angezweifelt habt, habe ich wichtige Neuigkeiten für euch. Nämlich hatte euer Zweckdichter Handwerkertroubles, und es war alles viel schlimmer als vermutet. Anfänglich sah es danach aus, als habe man es mit einer unglücklichen Paarung von Naivität (aufseiten des Handwerkers) und egoistischer Bosheit (aufseiten der auftragserteilenden Nachbarin) zu tun, mit dem Zwischenergebnis eines Schutthaufens in der Dusche eures Ergebenen.
Es zeigt sich aber, dass der betroffene (nicht betreffende, sondern wirklich und bemitleidenswert betroffene) Handwerker nicht irgendwer ist, sondern der wiedergeborene Hiob. Für die nicht so bibelfesten Häschen: Einst wetteten Gott und der Teufel darum, ob letzterer den frommen Hiob so zu quälen vermöchte, dass er sich vom ersteren abwandte. Wie es Hiob dabei erging, kann man sich vorstellen. So auch der Handwerker: Erst riss er die Baustelle an. Dann brach sein Kompagnon durch die Decke. Dann kriegte er darob vom Zweckdichter den Kopf gewaschen, und natürlich auch von der Zweckdichtersfrau. Dann musste er sich einerseits darum kümmern, den angerichteten Schaden zu beheben, andererseits den Verpflichtungen gegenüber der Nachbarin (im Folgenden „Hexe“) nachzukommen, die das ganze Elend mit einer Lüge („Im unteren Stock wohnt eh niemand, Sie kräftig gebauter Installateur, Sie. Greifen Sie ruhig zu Ihrem Fäustel, wählen Sie den größten Meißel, und dann draufgedroschen, was der Bizeps hergibt. Es wird sich niemand daran stören! Hach, was ein Muskelspiel!“) ausgelöst hatte. Dabei standen ihm nicht nur unterschätzte Trocknungszeiten im Weg, sondern auch sein Hiobsstatus. Wenn ein geplagter Mann gegen fünf Uhr morgens von der Baustelle heimkommt, um einige Stunden zu ruhen, dann rechnet er nicht damit, dass seine Frau sich gegen acht ein Nutellabrot zu bereiten anschickt, wobei ihr aber das Nutellaglas vom Oberschrank auf den Teller knallt, und zwar dergestalt, dass eine der resultierenden Scherben ihr den Unterarm so knapp an der Pulsader spaltet, dass alles vollgesaut ist und man lieber gleich ins Unfallkrankenhaus fährt. Dazwischen berichtete der Arme eurem Zweckdichter, der das nie zu erfahren begehrt hatte, dass er den Auftrag nur angenommen hatte, um mit seinen Söhnen (Zwillinge, je 4) ans Meer fahren zu können, was aber nun zweifelhaft schien, denn würde die Hexe trotz (wenn auch von ihr selbst verschuldeter) Verzögerung zahlen? Jaja, so ist das, wenn man nicht gewusst hat, dass man eine tragische Bibelfigur ist.
Nächstes Mal: Ob man Attributsätze von ihrem Objekt trennen darf. Garantiert ohne Blutvergießen!

Freitag, 2. Dezember 2016

Tarnkappe

Verehrte Lesehäschen, gerne stelle ich mir vor, wie ihr euch allfreitäglich die BamF reinpfeift, andächtig, frisch gewaschen, und überhaupt so, wie gut euch schuf: mit nichts als eurem Lesehäschenfell an. Denn Lesehäschen sind reinen Herzens, da darf man ruhig das Fell sehen und sich nichts dabei denken.
Dass das nicht so sein muss, wissen wir. Gern wird in letzter Zeit über verhüllte Frauen diskutiert, und da reden wir nicht vom Kopftuch, sondern von der Tschador-Niqab-Kombi, für deren Trägerinnen ein Freund vor vielen Jahren den ebenso bild- wie boshaften Ausdruck „Barbapapas“ geprägt hat. Das ist nicht nur leichter zu merken als die Unterschiede zwischen Hidschab, Tschador, Niqab und Burka. Es gibt uns auch einen Hinweis auf die semantische Schlüpfrigkeit, die sich eine anwesende, aber unsichtbare Person anverwandelt, aber davon später. Denn die verhüllte Frau ist ja nicht nur verhüllt, wenn sie dir auf der Straße begegnet, sondern auch, wenn du sie zum Beispiel interviewst, mit ihr eine Proseminararbeit schreibst oder über das korrekte Ankreuzeln bei der Wahl des Bundespräsidenten diskutierst. Nur diskutierst du nicht mit ihr, sondern mit einer sprechenden Stoffbahn. Ohne Mimik und mit wenig Körpersprache.
Katholiken meines Jahrgangs erinnern sich an die Beichtstühle von einst, mit dem Sichtschutz zwischen Beichtkind und –vater. Keiner sollte das Gesicht des andern so genau sehen. Das Gespräch mit einem verhüllten Menschen stelle ich mir genauso vor, nur halt einseitig: für dich ein Telefonat, für die Verhüllte ein Gespräch zu Angesicht (aber eben nicht von).
Natürlich hat dieser unfaire Vorteil den Nachteil, dass er dem Gegenüber von vornherein klar ist und man es daher möglichst vermeiden wird, sich mit verhüllten Menschen auf eine Diskussion einzulassen, in der es um etwas geht. Wenn es aber einmal so weit ist, dann verleiht so eine Tarnkappe bestimmt Superkräfte. Kampfrhetorik ist nur so stark, wie der Kampfrhetor seinen Gegner lesen kann. Kurz gesagt: Hätte van der Bellen sich vor jenen Diskussionen, an die wir so ungern zurückdenken, rechtzeitig eine Burka übergestülpt, dann hätte Nobsi bestimmt dumm aus der Wäsche geschaut.
Merkwürdig scheint mir auch die Logik der Verhüllung: Die Vollverschleierung, darüber sind sich alle einig, ist ein Mittel der Unterdrückung. Zwar dient sie vordergründig dazu, die Frau vor der unkontrollierbaren Sexualität der Männer zu schützen (die die Frau, mit deren unverborgenen Reizen konfrontiert, umstandslos bespringen würden). Damit geht aber natürlich einher, dass die Frau aus der Öffentlichkeit entfernt wird, die den Männern damit allein bleibt. Die Verhüllung ist also politisch, doch ebenso politisch kann, mit umgekehrtem Vorzeichen, die Enthüllung sein: Während die islamische (oder, wenn man Fachleuten glauben darf, unislamische) Verhüllung dem Schutz der Frau vor dem hemmungslosen Mann dienen soll, befreite frau (hier einmal unverzichtbar!) sich in den 70ern vom BH und entsorgte damit auch gleich ihren Objektcharakter als Lustziel des Mannes, der ein Stimulans vertragen konnte, um sexuell in die Gänge zu kommen, har-har. Ob frau sich die Burka über- oder den BH wegwirft – in beiden Fällen wird dem Begehren des Hodenkartells getrotzt. Politik, scheint mir, ist echt kompliziert, und Kleidung auch. Sogar Burkas sind komplizierter als vermutet. Wusstet ihr, dass es Burkas nicht nur in Ist-dieses-Kleid-weiß-und-gold-oder-schwarz-und-Blau gibt, sondern auch in Gelb, Grün und Weißdergeier? Guckt ihr auf Amazon, kriegt ihr Bescheid.