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Freitag, 15. September 2023

Sauhaufen

 

Es ist, o überaus reinliche Lesehäschen, an der Zeit, über Sauberkeit zu sprechen. Gerne teilt euer Ergebener seine jüngsten einschlägigen Erfahrungen. Eine Wohnung zu reinigen, die man nicht selbst bewohnt hat, ist ja ein bisschen so, wie wenn sich Spinnen paaren: lehrreich und interessant, aber halt auch widerlich. Sei es, dass dem ein Trauerfall voranging, sei es, dass eine Mietwohnung zurückgegeben wurde, wie dies dem Zweckdichter widerfahren ist. Besonders in letzterem Fall hofft man natürlich, dass die Dahingehenden in Sachen Sauberkeit ähnlich gestrickt sind wie man selber, also ungefähr zwischen 60 und 70 Prozent auf der Skala zwischen „unverheiratete Orks lassen mal fünfe gerade sein“ und „Gexi Tostmann macht sauber, weil Lotte Tobisch zu Besuch kommt“.

Leider ist dies erstaunlich selten der Fall, was vor allem bedeutet, dass die besagten 60–70 Prozent nicht so objektiv festzumachen sind, wie man sich vielleicht einredet.

Wenn die Mietexen aber schon sehr deutlich Richtung orkisches Jungvolk gedriftet sind, also den Übergang von der Sauberkeit zur Saubär-keit (haha) gänzlich vollzogen haben, muss man sich darauf einstellen, eine solche Wohnung „besenrein“ zurückzubekommen. „Besenrein“ ist eine Umschreibung dafür, dass kein Müll herumliegt. Anderslautenden Gerüchten zum Trotz ist es nicht die gesetzliche Mindestanforderung. Diese ist „so, wie man die Wohnung übergeben hat, abzüglich Verwohnung“. Wenn die Wohnung also bei Anmietung in einem Zustand war, dass der morgendliche Sockentest (alle an die Wand schmeißen und die anziehen, die nicht klebenbleiben) versagt, weil alle klebenbleiben, dann hat man es sich selbst zuzuschreiben, wenn das auch bei der Rückgabe der Fall ist. War sie aber sauber, kann man streiten.

Was tut man nun mit einer besenreinen Wohnung? Bis vor Kurzem hätte der Zweckdichter gesagt: „Bei BIPA oder dm aufmunitionieren und losfeudeln“ (Feudel, der: sehr bundesdeutsch für „Putzfetzen“. Bildungsauftrag erfüllt) und sich in guten Tipps über die Reinigungspower von Rasiercreme verloren.

Heute aber habe ich euch eine frohe Botschaft zu verkünden: Es gibt eine Sauberkeit und Action ist ihr Prophet!

Action? Action ist die Diskonterkette, die Tedi Konkurrenz macht, mit dem Unterschied, dass es bei Action mehr brauchbares Zeug gibt, teils sogar von Marken, deren Namen man schon einmal gehört hat. Und Gartenzwerge natürlich, was wäre Action ohne Gartenzwerge. Unser heutiges Thema ist die Putzmittelmarke „Blue Wonder“, die ein seltenes Beispiel für etwas bietet, das tatsächlich so funktioniert wie in einem Fernsehspot der 1980er. Wenn in der Orkhöhle zum Beispiel alle Oberflächen mit einem zarten bräunlichen Schleier überzogen sind, wobei nur das Badezimmer insofern etwas Abwechslung reinbringt, als in dem Schleier stellenweise Härchen kleben, bei denen man lieber nicht darüber spekuliert, aus welchem Follikel sie einst gesprossen sind, dann verzagt nicht, o meine Teuren! Vielmehr sprüht ihr Blue Wonder Super Fettlöser auf die befallenen Stellen und dann rinnt der Schlatz tatsächlich ohne weiteres Zutun herunter. Drüberwischen und weiter geht’s. Denn freilich: Dreck gibt es noch genug. Das ist bei Orks leider so.

Zwei gute Nachrichten zum Schluss: Erstens war euer Ergebener kürzlich bei der Physiotante seines Vertrauens, die ihn bestens behandelt hat. Bezüglich seines Oberarms meinte sie: „Aber Sie trainieren ja.“ Worauf die Antwort nur lauten konnte: „Nein, aber ich putze viel.“ Wenigstens das schaut also dabei heraus.

Zweitens sind von den Exmietern mit Sicherheit keine religiös motivierten Anschläge zu befürchten. Denn bekanntlich kommt die Frömmigkeit gleich nach der Sauberkeit.

Schönes Wochenende!

Freitag, 18. August 2023

Es ist, wie es ist

 

Die Caritas, o mildtätige Lesehäschen, sucht aktuell per Plakatkampagne eine*n „Pressesprecher*in für Armutsbetroffene“. Das ist erstens ein löbliches Unterfangen und erinnert zweitens an die hieramts am 13. März 2020 (hach, da war doch noch irgendwas!) behandelte Frage, warum man von manchen Fährnissen „betroffen“ ist und von anderen nicht. Schon damals stieß uns auf, dass man dieser Tage zwar nicht arm ist, sondern allenfalls armutsbetroffen, jedoch niemals reichtumsbetroffen, sondern reich. Das mutet inzwischen noch unfairer an. Die „Betroffenheit“ will ja vermutlich sagen, dass die Armen nichts dafür können, während die Reichen selber schuld sind. 

Euer Ergebener hat den Eindruck, dass die Sprachregler in Sachen Betroffenheit sich damit als Opfer des einen oder anderen Trickbetrugs empfehlen. Denn die Antwort auf die Frage, wie gestandene Geschäftsleute auf solche Schlingel hereinfallen können, liegt laut David Maurer, der vor bald 100 Jahren das entsprechende Buch (The Big Con, Empfehlung, Bildungsauftrag erfüllt) geschrieben hat, oft darin, dass sich erfolgreiche Menschen einen zu großen Anteil an ihrem Erfolg zuschreiben. Weil sie meist an die Richtigen geraten sind, halten sie sich für Menschenkenner, während wir weniger Erfolgreichen wissen, dass zum Erfolg auch Glück gehört. Man muss hinzufügen: ebenso, wie zum Armwerden Pech gehört. Dass einer reich ist, beweist keineswegs, dass er irgendwas draufhat, sondern nur, dass er mehr Kohle hat als unsereins. Wer also den den Armen die Betroffenheit zugesteht, während er sie den Reichen versagt, behauptet damit, dass Letzere mehr Einfluss auf ihr Schicksal hätten als Erstere. Tatsächlich ist der durchschnittliche G’stopfte ebenso jungferngeburtlich vom Reichtum betroffen wie der durchschnittliche Notleidende von der Armut. (Von der Erbengeneration haben wir da noch gar nicht angefangen. Mark Mateschitz hat nichts dazu beigetragen, dass sein Vater mit Gummibärchenplörre Milliarden gescheffelt hat. Frau Engelhorn, die bekanntlich sehr dafür ist, Erbinnen wie sie kräftig zu besteuern, hat sich nicht ausgesucht, dass ihr Ururgroßvater BASF mitbegründet hat und ihr Großvater bei Boehringer wichtig war.) Man möchte fast sagen: Irgendwie sind alle von allem betroffen, weil niemand komplett dafür verantwortlich zu machen ist, wie es ihm geht. Könnte man sich also das „-betroffen“ gleich schenken? Das möge die Nachwelt entscheiden.

Weil wir schon dabei sind: Kann mir jemand den Unterschied zwischen einem Zustand, einer Betroffenheit und einer Opferrolle erklären?

Aktuell scheint es nämlich so zu sein:

Attribute, die genetisch bedingt sind oder zumindest sein könnten (Hautfarbe, sexuelle Orientierung, aber auch Übergewicht oder Deppertsein) sind einfach. Man ist weiß, trans, bodypositiv und so weiter.

Von Dingen, für die „die Gesellschaft“ verantwortlich zu machen ist (Armut, geringer Bildungsstand), ist man betroffen, vorzugsweise dann, wenn das entsprechende Fährnis als unerfreulich gilt (siehe Reichtum).

So weit, so gut.

Wenn ein Unwetter dein Haus abtransportiert oder die Hitze deine Ernte vernichtet, bist du ein Opfer (ein Unwetteropfer, ein Opfer der Klimakatstrophe, whatever).

Seltsamerweise bist du aber ein Unfallopfer oder ein Diskriminierungsopfer, wenn dich einer über den Haufen fährt oder unterbuttert, weil er seinerseits deppert ist. Ist es nicht seltsam, dass wir die gleiche Rolle übernehmen sollen, wenn uns der Blitz trifft wie wenn uns ein Nazidepp prügelt? Mir scheint das ungerecht gegenüber den Blitzen. Schönes Wochenende!

Freitag, 11. März 2022

Was zu feiern


 

Zappen ist, o bildungsbeflissene Lesehäschen, ja  meistens Zeitverschwendung. Bisweilen aber (vorausgesetzt, das Zweckdichterbalg hat nichts mitzureden, denn dann ist Zappen keine Überraschungstüte, sondern nur ein Umweg zu Home & Garden TV), bisweilen also kommt einem etwas unter, was man ohne Zappen nicht erfahren hätte. Nämlich gibt es seit Jahrzehnten praxistaugliche Kunstherzen. Die werden Leuten eingesetzt, um die Wartezeit auf ein Spenderherz zu überbrücken. Blöd ist, und jetzt kommt die Frucht des Zappens, wenn man eine Frau ist. Denn die Herzerzeuger nehmen als Standardpatienten einen Mann von ungefähr einsachtzig und ungefähr 85 Kilogramm an. Wenn man schmaler gepickt ist, hat so ein Kunstherz eventuell im Brustkorb keinen Platz und es bleibt einem nur der Notausgang aus dem Leben. Erst jetzt kommen kompaktere Modelle auf den Markt. Einem alten, weißen Bosnigl wie eurem Ergebenen drängt sich hier natürlich die Frage auf, wie die Gendertheorie dazu steht, für die das biologische Geschlecht ja lediglich ein Konstrukt ist, und ob Judith Butler, wenn sie, was Gott verhüten möge, in die Lage käme, aus Platzmangel dem Tod ins Auge zu sehen, sich halt einen geräumigeren Thorax herbeiperformieren würde.

Wie wir alten Dekonstruktivisten wissen, geht es bei solchen Dingen um die sogenannte Performativität des Sprechens. Das Sprechen selbst bringt gleichsam den Sprecher hervor, wenn es oft genug geschieht. Oder so ähnlich, das Interessante am Dekonstruktivismus ist ja, dass er immer eine Frage mehr zu stellen vermag, als man Antworten findet. Es sei denn, man ist Judith Butler, dann hat man irgendwann in Dekonstruktivismus gewonnen. Davon zu unterscheiden ist die Performanz. Sie zeigt sich in Äußerungen, die Realität schaffen. Wenn dir der Richter zum Beispiel fünf Jahre aufbrummt, ist das eine performante Äußerung, weil du dann einsitzen gehst.

Weniger dramatisch, und damit sind wir endlich bei den Feedbacks der Woche, geht es zu, wenn sich jemand etwas ausdenkt. Erstens gibt es nämlich einen neuen Feiertag: Euer Zweckdichter entbrach sich kürzlich eines Satzes, in dem das Wort „Weihnachtsgrüße“ vorkam. Dieses verwandelte sich im Dienstweg des Feedbacks in ein viel besseres Wort, die Unternehmensgrüße. An welchem Tag wir Unternehmen feiern, bleibt noch zu klären, ebenso wie die Frage, ob wir einander frohe, fröhliche, besinnliche oder einfach schöne Unternehmen wünschen werden. Hauptsache frei!

Das zweite Meisterfeedback betrifft die Frage, wie man Kunden lockt. Antwort: Man preist die Vorteile dessen an, was man zu bieten hat. Am besten übersichtlich aufgelistet, wenn es mehrere sind. In einer solchen Liste fehlte dem Feedbackspender ein Wort, das er denn auch hineinurgierte: das Wort Einschränkung. Das leuchtet ein, denn wer von uns hätte sich nicht schon beim Überfliegen diverser Angebote gedacht: „Oha, hier kann ich mir eine Einschränkung holen! Wo unterschreibe ich?“ Jaja, so sind die Menschen. Schönes Wochenende!

Freitag, 7. Januar 2022

Nicht so schlimm

 

Das Gute an Neujahrsvorsätzen, o prinzipientreue Lesehäschen, ist, dass spätestens ab Mitte Februar so oder so kein Hahn mehr danach kräht. Wirst du schwach, weißt du dich in möglicherweise guter, jedenfalls aber zahlreicher Gesellschaft. In der Vorsätzeszene sind die zu Neujahr so etwas wie Mathe in der Schule: Es gehört geradezu zum guten Ton, sie nicht auf die Reihe zu kriegen. Brrr, Mathe war ich auch total schlecht, ja, hihi, gell? Euer Ergebener fand Mathe, ehrlich gesagt, ganz okay und war zwar offensichtlich nicht für eine Mathematikerkarriere prädestiniert, aber für eine vorzeigbare schriftliche Matura hat es gereicht.

Früher, so scheint es mir, musste man skifahren können, um in Österreich was zu werden. Am Lift, auf der Hütte oder zumindest beim Fachsimpeln kam man sich näher. Da aber die Klimakrise den Wintersport allmählich in immer lichtere Höhen treibt, behilft man sich mit mathematischer Ahnungslosigkeit, um eine gemeinsame Basis mit Wildfremden zu finden. Wahrscheinlich liegt es daran, dass hierzulande das Vertrauen in die Wissenschaft besonders gering ist. Umgekehrt wird niemand, der mit beiden Erfahrung hat, bestreiten wollen, dass die Qualitätssicherung im Bereich der Skischulen immer schon weit besser funktioniert hat als in der Schule ohne Ski, was auch einleuchtet, weil man nur erstere den Fremden verkaufen kann.

Doch wir schwiffen ab, zurück zu den Neujahrsvorsätzen. Da mit einer erfolgreichen Einhaltung, wie gesagt, nicht zu rechnen, ja von dieser sogar abzuraten ist, weil man andernfalls gesellschaftliche Ächtung riskiert, gilt es sie sorgfältig zu wählen, so wie die berüchtigten Abschussideen, für die sich der Kunde bekanntlich besonders gern entscheidet. Da man sich mit schlechten Abschussideen den Ruf beschädigt, liefere man stattdessen zu teure. Ähnliches gilt für die Neujahrsvorsätze: Es wäre schade, die so ersprießliche Raucherentwöhnung oder den vermehrten Sport Anfang Jänner zu verheizen, da wird sowieso nix daraus. Viel gescheiter, man nimmt sich ein Beispiel an der Werbung und fasst Neujahrsvorsätze, deren Einhaltung zwar ein hohes Maß an Disziplin erfordert, die aber eigentlich wurscht sind. Geeignet sind zum Beispiel:

Endlich Auf der Suche nach der verlorenen Zeit lesen.

Endlich den Dachboden beziehungsweise den Keller aufräumen (keinesfalls beide im selben Jahr, das kauft euch niemand ab).

Endlich das Pensionskonto prüfen.

Et cetera.

Wem gar nichts einfallen will, woran man scheitern könnte, um sich von anderen schwachen Seelen angenehm verstanden zu fühlen, der nehme sich vor, endlich Mathe zu lernen.

Schönes Wochenende!

Freitag, 9. Oktober 2020

Reimtest

 

Der Wiener Wahlkampf, das können wir, o vielgeliebte Lesehäschen, frei nach Josef Hader festhalten, warat jetzt do. (Für kabarettistisch Unterversorgte: In Hader muss weg lässt sich ebendieser gründlich darüber aus, wie idiotisch der Satz I warat jetzt do ist, indem er konjunktivisch in der Schwebe zu lassen versucht, was offensichtlich der Fall ist, und dieses Offensichtliche auch noch ausspricht.)

Im Falle des Wahlkampfs hat der Konjunktiv seine Berechtigung, weil bei Besichtigung der Plakatbotschaften Zweifel keimen, ob der Wahlkampf tatsächlich der Fall ist. Denn wie einst hieramts festgehalten:Man merkt den Wahlkampf an der doofen Formulierung „Stopp dem“. Selbst Dominik Nepp hat die Chance vergeigt, mit diesem Klassiker bei der verlässlich ansehnlichen Zielgruppe der Grammatikschwachen jeden Alters zu punkten. Womit wir beim Thema sind, das uns ja alle beschäftigt, nämlich: ob Dominik Nepp unsere Stimmen verdient. Da man sich auf Wahlversprechen bekanntlich nicht verlassen kann, schicken wir die FPÖ in den Reimtest für Unentschlossene. Als Prüfstein der Wählbarkeit diene uns der Klassiker unter Nepps Wahlplakaten. Kann es im Vergleich zu den Großtaten der Partei aus Zeiten, als sie noch groß war, überzeugen?

Das fragliche Werk zeigt links leider verhüllte Frauen mit der Beischrift Wiener Islam, rechts einen leider unverhüllten Nepp. Dieser deutet in die ungefähre Richtung des Stephansdoms. Mit der Bildmontage wurde offenbar der Billigstbieter beauftragt. Anscheinend weist Nepp gar nicht zum Dom hin, sondern auf etwas, das weiter weg, aber leider nicht mehr zu sehen ist, etwa seinen Heimatplaneten.

Diese Vermutung bestärkt die Headline, denn dort, wo Nepp hinzeigt, sei Unser Daham. Dass er den Stephansdom meint, ist unwahrscheinlich, weil fast zwei Drittel der Wiener Einwohnerschaft nicht katholisch sind und die katholische Kirche in Wien einen jährlichen Schwund von etwa 1,7 % zu verzeichnen hat.

Doch genug der Spekulation über Nepps wahre Abkunft. Connaisseure der politischen Lyrik erkennen hier natürlich ein Kickl-Zitat, von dem die Steilvorlage Daham statt Islam ja stammt.

Wie schlägt sich die Nepp-Line im Vergleich?

Im Reimabgang bleibt der männliche Reim (Achtung, Bildungsauftrag: Ein männlicher Reim endet mit der betonten Silbe. Ein weiblicher Reim hat zwei reimende Endsilben, von denen die vorletzte betont ist.) erhalten, weil es ja um den Islaaaam geht. In puncto Versmaß schlägt sich Nepp auf den ersten Blick tapfer, indem er zwei viersilbige Verse bringt, in denen jeweils die erste und vierte Silbe betont ist. Geht sich sauber aus, gibt’s nix zu meckern.

Kickl ließ da fünfe gerade sein. Denn bei ihm hat der erste Vers zwei Silben, der zweite aber drei. Ein handwerklicher Schnitzer? Mitnichten. Hier zeigt sich, wer dichtet und wer bloß reimt. Wo Nepp hofft, dass braves Abzählen genügt, um etwas Brauchbares zu erzeugen (wie man ja auch nicht ohne Meterstab auskommt, wenn man sich einen Kasten bauen will), weiß Kick um den Unterschied zwischen selbstgezimmerten Kellerregalen und selbstgeschmiedeten Reimen: Im letzteren Fall gewinnt, wer wagt. Gerade die zusätzliche Silbe im zweiten Vers gibt dem (unappetitlichen) Gedanken Zeit und Raum, Anlauf zu nehmen und mit Schwung die Distanz ins Hirn des potenziellen Wählers überspringen.

Wo Kickl ästhetisch-poetisch übermächtigte, konstatiert Nepp bloß. Er hat zwar mitbekommen, dass die FPÖ irgendwie das Ausländerthema bespielen sollte, scheitert aber an der Aufgabe, sich darauf einen Reim zu machen, was angesichts seines Nachnamens nur umsomehr verwundern kann.

Schönen Wahlsonntag!

Freitag, 10. Juli 2020

Gerne, aber

O allzu seltene, aber daher umso geschätztere Lesehäschen, lest ihr eure BamF eigentlich gerne?

Wenn ja, so ist das erfreulich und erfreulich eindeutig: Es ist euch angenehm, die BamF zu lesen, also tut ihr es gern. Vielleicht gibt es anderes, das euch noch mehr Vergnügen bereitet (hoffentlich!), dann tut ihr das lieber, weil gern bekanntlich keine Steigerungsformen bildet und sich deshalb den Komparativ und Superlativ von lieb ausborgt, die nützen sich ja nicht ab, da darf man großzügig sein.

Dieser Tage erfährt gern (samt gerne, das, so der Duden, in Süddeutschland und Österreich lieber genommen wird) eine Erweiterung ins Zwischenmenschliche. Denn solange dir jemand erklärt, dass du dir das gerne anschauen kannst oder dass wir uns gerne zusammensetzen können, ist ja klar wie Klärchen, was gerne hier tut. Es sagt: Mir ist es lieb, wenn du dir das anschaust oder wenn wir uns zusammensetzen (etwa zu der Frage, warum kein Bier mehr im Kühlschrank ist).



Auch wenn du das liest: Gebt mir gerne Bescheid – dann geht die Sache noch ungefähr auf. Mir ist es lieb, wenn ihr mir Bescheid gebt (zum Beispiel in der Frage, wann wieder Bier im Kühlschrank ist).

Wenn dir aber ein verbindlicher Mensch mitteilt, dass du im Anhang gerne die Fotos findest, (nämlich die Beweisfotos von der Wildkamera, auf denen man sieht, wie ein Waschbär sich die Sechzehnerbleche aus dem Kühlschrank krallt, wofür man ihm dankbar sein darf, weil dann endlich Platz für zum Beispiel Innviertler oder Wurmhöringer ist), dann darf man ins Grübeln kommen. Findest du sie wirklich gerne? Vielleicht, aber das sollte dir überlassen bleiben.

Oder hat der Absender sie gerne geschickt? Wohl möglich, aber das steht nicht da. Das kommt davon, wenn man gleichzeitig schreibt und sich mit Waschbären um Bierdosen balgt.



Vollends sonderbar wird die Geschichte, wenn gerne sich amöbenartig von seinem Satzzusammenhang abspaltet, sodass nur noch ein freundliches Geräusch bleibt, der Übersichtlichkeit halber in Klammern: (gerne im Anhang). Hier ist vollends wurscht, wem etwas lieb ist und wem nicht (vielleicht dem Anhang?). „Gerne“ ist zur feschen Schwester des Arschlochsmileys geworden. Das Arschlochsmiley ist das Smiley, das hinter unangemessenen Forderungen steht, zum Zeichen, dass man nichts dagegen machen kann und dass ein deppertes Smiley das Beste ist, was man in diesem Zusammenhang erwarten kann. Werbehäschen kennen es auch aus diesemVideo.

Pluspunkt für gerne aus der Sicht alter Sprachsäcke: Dein Gegenüber hat sich die Mühe gemacht, ein echtes Wort hinzuschreiben.

Minuspunkt aus der Sicht alter Sprachsäcke: Gerne ist zu einem Emoji geworden. Wäre es kein E-Mail, sondern eine handschriftliche Notiz, dann wären die i-Punkte in einer solchen Nachricht Herzchen und Blümchen. Nice, aber ihr wisst ja, wer nice ist.

Nächste Woche lest ihr hier gerne was über – puh, keine Ahnung. Vielleicht Halle Berry? Wäre mal was anderes. Schönes Wochenende!

Freitag, 24. Januar 2020

Erziehung


Schaut euch, o zarte und wohlschmeckende Lesehäschen, sorgfältig um, ehe ihr den Bau verlasst! Denn wie man hört, kehren die Wölfe zurück. Damit sind nicht nur Konflikte zwischen Wolf und Mensch vorprogrammiert (während Konflikte zwischen Schaf und Wolf in der Regel nur von kurzer Dauer sind), sondern auch zwischen Mensch und Mensch, und da reden wir nicht nur von den einen, die der Ansicht sind, dass der Wolf seine Chance bereits versemmelt hat und wir ihm jetzt nicht wieder die Rutsche ins Leben legen müssen, wäre er halt kein Wolf geworden, und den anderen, die finden, dass man die Wölfe jedenfalls willkommen zurück heißen soll, wenn schon die Fluginsekten den Abgang machen.
Wir reden hier auch von den Wolfskindern. Denn wenn der Wolf im Wald herumstreift, findet er früher oder später ein hilfloses Menschenkindlein, das er (bzw. die Wölfin) nicht etwa gleich aufjausnet, weil der Wolf dem Menschen niemals so Wolf sein kann wie der Mensch. Sondern sie zieht es liebevoll auf. Das Wolfskind lernt dann alles, was es können muss: das Zusammenkuscheln im Winter, die Einordnung ins Rudelgefüge und, tja, auch die Häschenjagd, so ist die Natur. Leider besteht immer die Gefahr, dass so ein Wolfskind in eine kasparhausereske Geschichte gerät, seine geliebte Pelzfamilie verlassen und sich in der Menschenwelt zurechtfinden muss. Dort ist das Wolfskind meist gezwungen, neue Ernährungsoptionen zu erschließen, abseits der schlichten Abfolge von „erst töten, dann essen“. Daher sucht es sich einen Job. Doch ihr wisst ja, wie das ist: Man kann das Wolfskind aus dem Wald holen, aber nicht den Wald aus dem Wolfskind.
Nur so ist es zu erklären, dass euer Ergebener kürzlich zum Beispiel dieses Feedback erhielt, und zwar auf die Wendung „Genießen Sie jede Menge Vorteile“: Genießen tut man ein Essen oder einen Urlaub.
Welcher Abgrund tut sich hier zwischen den scheinbar so harmlosen Worten auf! Welche Sehnsucht nach dem Rudel spricht hier aus einer Seele, die niemals die Gesellschaft eines anderen Menschen genossen hat und dem der Lebensgenuss selbst im Munde zu Galle geworden ist, seit jene Seele den geliebten Wald verlassen musste, wo das Gesetz des Eckzahns regiert! Häschen aufessen oder Urlaub bei den Wölfen im Wald – andere Genüsse sind nicht vorstellbar. Sehr traurig ist das, und unser Mitleid und Verständnis sollte diesem bedauernswerten Geschöpf gewiss sein. Wobei es sich mit Gleichgesinnten austauschen könnte, denn wie schon angedeutet: Die Wolfskinder sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Etwa auch jenes, das einen Geburtstagsgruß an treue Kunden zu verantworten hatte. Dieser war in Gestalt einer (freilich nur gedruckten, nicht gebackenen) Torte zu versenden. Die zuständige Gestaltungsabteilung plazierte die Torte auf einer Tortenspitze, wie es ja bei uns Menschen häufig vorzukommen pflegt. Das Wolfskind aber vermeldete, es sei eine Holzplatte vorzuziehen. Es schickte auch gleich ein Bild einer solchen Platte mit: Eine Scheibe von einem Baumstamm war der gewünschte Tortenträger, mit Rinde und allem Drum und Dran. Es berührt einen auf ganz eigene Art, wenn man sich vorstellt, wie die treusorgende Wolfsmutter dem Beinahe-Menschen und Noch-nicht-ganz-Wolf in ihrer Obhut doch auch einen schönen Geburtstag bereiten wollte, indem sie die zartesten Stücke der frischen Beute auf einem (wohl von Holzfällern zurückgelassenen) Baumstumpf anrichtete, und dann ein gefühlvolles Happy Birthday heulte, wobei man nur hoffen kann, dass die Beute kein Holzfäller war. Dass solche Erinnerungen sich aufs Lebhafteste einprägen und ein Leben lang die Geburtstagserwartungen formen, ist nur verständlich. Schönes Wochenende!

Freitag, 10. Januar 2020

Selber schuld

Willkommen im neuen Jahr, o nur geringfügig gealterte, im Übrigen aber bestens erhaltene und rundum knackige Lesehäschen! Im neuen Jahr stellt sich die Frage, wie man Jugendlichen vor Augen führen kann, dass sie keinen Blödsinn machen sollen. Euer Kolumnator hat nämlich gelernt, dass es heutzutage nicht mehr statthaft ist, dies mittels der zu befürchtenden Konsequenzen zu tun.
Was schreibt er da? Gemach, die Aufklärung folgt sofort: Auf Bahnhöfen geschehen bisweilen Unfälle, und manchmal sind die Opfer junge Menschen. Diese laufen über den Bahndamm, weil sie verpennt haben und noch den Zug erwischen wollen, um zur Matheschularbeit zurechtzukommen. Oder sie stellen sich auf die Brücke und schiffen auf die Oberleitung, weil der Kevin „feig!“ gesagt hat, und was dann passiert, mag man sich gar nicht ausmalen, glaube ich. Die meisten jedenfalls nicht, hoffe ich.
Kurz: Auf Bahnhöfen soll man vorsichtig sein, auch im Interesse der ÖBB, denn wenn so ein Jungspund unter den Waggon gerät, sind die Möchtegernreisenden drei Stationen weiter ob der resultierenden Verspätung ja auf die ÖBB angefressen und nicht auf den verstümmelten Jungspund. Deshalb ließen sich die ÖBB eine entsprechende Kampagne basteln, die sich das Abschreckungsprinzip zu eigen machte: Man sah junge Menschen, die mittels der Magie von Photoshop mit bleibenden Schäden ausgestattet wurden und daher zum Beispiel im Rollstuhl saßen oder eine Beinprothese trugen. Die Botschaft war klar: Nicht über den Bahndamm laufen, sonst könntest du verstümmelt werden.
Zahlreiche Behindertenorganisationen, allen voran eine namens „Selbstbestimmt Leben Initiative Österreich“, fanden das fürchterlich unsensibel, weil die Kampagne „bestehende Vorurteile ausnützt und verstärkt“. Das Vorurteil besteht darin, dass Behinderte „als Opfer eines Fehlverhaltens dargestellt“ werden. Dabei stößt den Betreffenden nicht nur sauer auf, dass man auch auf den Rollstuhl angewiesen sein kann, ohne den entsprechenden Unfall verschuldet, ja sogar ohne einen solchen erlitten zu haben, was nur eine Verwechslung von Feststellung und allgemeinem Wahrheitsanspruch wäre. Vielmehr bemängelt die SLIÖ auch, dass die Kampagne nicht zeige, „wie mit Unfällen umgegangen und gelebt werden kann“.
Das verstehe ich nicht. Wenn jemand einen Unfall hat und deshalb nicht mehr gehen kann, dann zeigt der Rollstuhl doch, wie man mit diesem Unfall umgeht und mit den Folgen lebt? Natürlich zeigt er nicht, dass man als Rollstuhlfahrer ein voll cooles Leben führen kann mit allem Drum und Dran. Aber die Presseaussendung, die die SLIÖ rausballert, wenn die ÖBB Jugendliche vor Leichtsinn warnt, indem sie ihnen zeigt, wie lässig man es als Rollstuhlfahrer hat – die Presseaussendung würde ich gerne lesen!
Die ÖBB haben die Kampagne übrigens zurückgezogen und durch eine ersetzt, an der bisher niemand Anstoß genommen hat.
Wir lernen daraus, dass Rollstuhlfahrer und Prothesenträger sich einer wesentlich leistungsfähigeren Lobby erfreuen als als Raucher. Denn man kann zwar auch einerseits an Folgen des Rauchens leiden und trotzdem selbstbestimmt und erfüllt leben. Und man kann andererseits auch impotent werden, früh sterben, Lungenkrebs kriegen oder ein kränkliches Kind gebären, ohne jemals geraucht zu haben. Aber trotzdem ist es gesellschaftlich akzeptabel, impotente Lungenkrebskranke auf jedem Tschickpackerl damit zu konfrontieren, dass sie wahrscheinlich selber schuld sind. Es ist aber nicht akzeptabel, depperte Pubertierende damit zu konfrontieren, dass sie möglicherweise im Rollstuhl landen, wenn sie über die Bahngleise hopsen. Also Vorsicht mit dem, was ihr sagt, und schönes Wochenende!

Freitag, 6. Dezember 2019

Unzensiert

Geschmäcker und Watschen, sagt man, seien verschieden. Euer Kolumnator ist in Watschenfragen keine Koryphäe, dafür ist mein Erfahrungsschatz aktiv wie hoffentlich auch weiterhin passiv zu gering. Da brauchte man schon ein größeres Ohrfeigensample, um sich in dieser Sache kompetent wichtig machen zu können! A propos: Der Zweckdichterbalg konnte kürzlich mit einem Satz aufwarten, den ihr, o verständnisvolle Lesehäschen, jedesmal zielsicher anwenden könnt, wenn ihr bloß höflichkeitshalber nach dem Befinden eines höchstens flüchtig bekannten Gegenübers gefragt und darauf sofort ein zwanzigminütiges Best of seines an beeindruckenden Leistungen nicht armen Lebens präsentiert bekommen habt. In solchen Situationen, wo man versehentlich einen nur zu vollen Ballon losgelassen hat, ohne vorher das Loch zu verknoten, sodass er einem nun aufs Peinlichste die Ohren volltrötet, sage man: Wenn du Bestätigung brauchst, such dir bitte jemand anderen. Hart, aber gerecht und zweifellos wirksam.

Hart ist auch – na was? Genau: Das Feedback. Nicht immer gerecht, aber dafür umso härter. Weil das Feedbackbeet ein Frühbeet ist, gedeihen hier auch in der frischeren Jahreszeit Blüten, die es an fleischig-wuchernder Geschlechtsteilhaftigkeit ohne weiteres mit jeder noch so überzüchteten Orchidee aufnehmen können. Zum Beispiel schrieb euer Ergebener in einem anscheinend unbeholfenen Versuch, den Empfänger zu beglückwünschen:

„Das Wichtigste zum Tage: Happy Birthday!“

Der Unbedarfte könnte (so wie euer Kolumnator) der Ansicht sein, wenn man einem Geburtstagskind erklärt, an seinem Geburtstag sei eben die Tatsache dieses Geburtstages das Wichtigste, dann gehe das schon in Richtung einer gewissen emotionalen – wie soll man sagen: Also, dass der Verfasser dieser Botschaft sich einer gewissen festlichen Grundstimmung im Zweifelsfall nicht unbedingt aktiv verschließen würde, so vong 1 Partyanlass her.

Doch weit gefehlt: Der Headline fehlt es an jeglicher Emotionalität und sie klingt wie eine klassische "News-Headline", was am Thema vorbei ist, da die Emotionalität bei diesem Mailing im Vordergrund steht. Die Headline soll den Kunden außerdem neugierig machen und das Thema "Geburtstag, Feiern, Feste, Geschenk, Gratulation" in einer passenden Art und Weise aufgreifen. Bitte um 2-3 Alternativvorschläge.

Bäm!

Und übrigens, was das Happy Birthday! betrifft: „Bitte eine passende Headline auf deutsch“ [sic!].

Dir, o Feedbacktreibende, kann geholfen werden. Ist ja watscheneinfach.

Schönes Wochenende!

Freitag, 26. Juli 2019

Guter Rat

Sauregurkenzeit ist! Mögen Häschen saure Gurken? Oder ist das auch bei Häschen Geschmackssache? Von Hunden ist ja bekannt, dass bei ihnen die Geschmäcker verschieden sind – ein Leckerli, für das dir Bello vor Begeisterung beinahe die Hand gleich mit abbeißt, lockt Waldi nicht hinter dem Ofen hervor. Weil aber saure Gurken zur Kühlung beitragen, öffnen wir angesichts der Hitze das kolumnatorische Glasl. Wie serviceorientiert die Bildung am Freitag ist, merkt ihr daran, dass es lauter handverlesene Tippgurken für ein besseres Leben sind. Wir fangen an mit einem Tipp für Betreiber öffentlicher Verkehrsmittel.
Gut ist, wenn ihr Tickets zum Selberausdrucken für zwei Personen in Gestalt zweier Tickets versendet.
Schlecht ist, wenn ihr ein Ticket für zwei Personen versendet, denn vielleicht wollen die zwei nicht beieinander sitzen oder nicht einmal mit demselben Zug fahren!
Idiotisch ist, wenn ihr nur ein Ticket für zwei verschickt, das nicht gegen zwei Tickets getauscht werden kann, und dies damit begründet, man gehe halt bei einer Buchung von zwei Tickets davon aus, dass zwei gemeinsam fahren. Es waren nämlich nicht zwei Tickets, sondern drei, und das dritte kam – ebenfalls ungefragt – als separates Ticket. Es war jenes für den Hund, und ich freue mich sehr, dass die ÖBB sich zwar nicht vorstellen kann, dass zwei Verwandte eines Menschen an einem Tag in verschiedenen Zügen fahren, sehr wohl aber, dass der Hund auf eigene Faust reist.
Ein Tipp für alle, die ihren Gebrauchtwagen privat verkaufen wollen, besonders, wenn ihr dafür einen fünfstelligen Preis zu erlösen hofft: Schlecht ist, wenn ihr bei der Probefahrt auf dem Rücksitz mitfahrt und die prospektiven Käufer durch sämtliche 30er-begrenzten Nebenstraßen lotst, damit sie nicht etwa in Versuchung kommen, in die Dritte zu schalten. Idiotisch ist, wenn ihr in jeder zweiten Ablage eine Ersatzwindel bereitliegen lasst, denn in der 30er-Zone macht sich garantiert keiner an. Gut ist, dass die Windeln noch frisch waren.
Wer ein Schriftstück zu gestalten hat, der meide die leere Gliederung. Man freut sich zwar bei Windeln, dass sie leer sind, aber bei wenig anderen Dingen. Der gesunde Menschenverstand sagt, dass man keine Gliederungsebene einziehen soll, wenn es auf dieser Ebene nichts zu gliedern gibt. Wo nur eines ist, muss man es nicht in eines und nichts aufteilen. Wer schon einmal eine Abschlussarbeit verfasst hat, weiß, wovon die Rede ist: Unterhalb von 2.2 kommt nur dann 2.2.1, wenn es auch 2.2.2 gibt. Gut ist daher, dass man mit Aufzählungspunkten für mehr Übersichtlichkeit sorgt. Idiotisch ist, dass man einem einsamen kleinen Thema, mit dem in der großen Pause keiner auch nur pfitschigogerln will, einen Aufzählungspunkt aufsetzt, nur weil links und rechts davon die coolen Themencliquen abhängen, die immer hinterm Fahrradstall rauchen und mit ihren blanken Aufzählungspunkten einen auf Bling-bling machen. Da soll man bitte sehr das einsame kleine Thema in Ruhe lassen, das wird auf der Uni alles ganz anders, dort findest du sicher auch Freunde.
Gut ist auch, wenn man der Werbeagentur ein Briefing gibt, damit sie weiß, was sie machen soll. Wenn du bei Zalando bestellst, ist das für die bei Zalando auch viel einfacher, wenn du ihnen sagst, welche Schuhe sie einpacken sollen. Schlecht ist hingegen, wenn man unter der Überschrift „Briefing“ nur die anvisierten Zielgruppen auflistet. Wenn du an Zalando schreibst „bitte was, wo ich im Winter anziehen kann“, kommen die total ins Grübeln.
Sehr, sehr gut ist es schließlich, wenn dein wording besser wird anstatt schlimmer. Den Texter freut es, wenn er nicht mehr schreiben muss „Kaufen Sie das Produkt Mausefalle“ sondern einfach „Kaufen Sie Mausefallen“. Die Tätigkeit Texten ist ja so schon schwer genug, gerade weil es jeder kann. Mit diesem tiefsinnigen Satz endet der dieswöchige Lesestoff Bildung am Freitag.

Freitag, 10. Mai 2019

Bonjour Fadesse

Zwar wird alles immer schlimmer (Klimaerwärmungfemizidstephanpetzner), doch erinnern brave Bildungshäschen sich an ihren Hölderlin: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Dies gilt bisweilen sogar für Feedback, das ja aus der Runde gesellschaftsfähiger Textsorten ausgeschert ist, um gemeinsam mit YouToube-Kommentaren und den Ausreden von Harald Vilimsky eine gewaltbereite pressure group zu gründen. Umso überraschender, dass auch Feedback sich zum Guten wandeln kann! So ward eurem Zweckdichter kürzlich beschieden, dass der Endkonsument ein bestimmtes Service nutzen könne, um digital erhaltene Informationen nicht einfach einzusehen. Nein, er könne sie „rückwirkend“ einsehen.
Nun ja. Irgendwie – nein, auch irgendwie nicht. Wenn du, o kulturbeflissenes Flauscheknäuel, wieder einmal Faust II vornimmst, weil der Sonntagnachmittag sonst verschwendet wäre, dann liest du die Worte des Meisters ja nicht „rückwirkend“, nur weil er sie geschrieben hat, ehe du sie lesen konntest. Denn im rückwirkend steckt die Wirkung. Zwar wissen wir längst, dass der Leser das literarische Werk mitkreiert, insofern jede Leseerfahrung einzigartig ist, sodass bei hundert Lektüren von Faust II hundert verschiedene Faust-II-Fassungen in den Köpfen der Lesehäschen entstehen. Der Text, soweit er gerade nicht gelesen wird, bleibt davon jedoch erstens unbehelligt. Und zweitens ist damit nicht bewiesen, dass auch bei der Lektüre deiner Handyrechnung ein einzigartiges Werk entsteht. Euer Ergebener fühlte sich bei diesem dazureklamierten rückwirkend an den alten Schmäh erinnert, man solle den Brief an die Tante langsam schreiben, denn sie könne nicht so schnell lesen. Doch siehe!, die Argumente wurden gehört, verstanden und berücksichtigt. Kundin und Kunde dürfen nun einfach lesen, ohne befürchten zu müssen, dass sich ihre Rechnung wie Schrödingers Katze verhält und sich unter Beobachtung verändert.
Leider ist auf solche Glücksfälle kein Verlass. Zum Beispiel kann euer Lieblingsreißerschreiberling (ein Wort mit zehn Vokalen, und alle sind i oder e – nicht schlecht, oder?) euch erzählen:
Bebend tastete sich Sabine weiter ins Dunkel vor. Von links –wirklich von links?  - glaubte sie ein schlürfendes Geräusch zu hören. Durch die Risse in ihrer Bluse kroch Eiseskälte. Auch wenn die Schritte ihres Angreifers vorerst verklungen waren, war sie jederzeit darauf vorbereitet, ihm plötzlich wieder gegenüberzustehen.
Saufad, oder? Ein Ausbund ein Langeweile. Der Tod des Vergil ist dagegen ein echter pageturner. Woran das liegt? Aufgepasst: bekanntlich gibt es einige bewährte Regeln, an die zu halten sich lohnt, will man einen geglückten Text verfassen. Journalisten meiden seit Generationen das Wort „beim“, damit der gefürchtete Beimbruch ihnen nicht die Reportage verdirbt. Das Passiv wirkt distanziert und umständlich. Verneinungen verarbeitet der Leser erst im Nachhinein. Und noch eine Regel gibt es, im Gegensatz zu vielen kenne ich sie dank Feedback und gedenke sie künftig peinlichst zu beachten:
Das Wort „vorbereitet“ ist langweilig.
Daraus lernt man außerdem, dass der Urheber, die Urheberin dieser Weisheit deutlich nach 1975 geboren ist. Andernfalls hätte sie noch den keineswegs faden, sondern weitum gefürchteten Satz aus der Sendung Wer bastelt mit? im Ohr: „Ich habe da schon was vorbereitet.“
In diesem Sinne: auf ein spannendes Wochenende!


Freitag, 14. September 2018

Fallobst vom Feedbackbaum

Mit Feedback ist es wie mit dem Wetter: Es gibt solches und solches, aber wie immer es auch ausfällt: Ein Feedback ist immer noch besser als gar keines. Dessen gedenke regelmäßig, dann hast du mehr vom Leben. Besonders in diesem Feedbackherbst, der ein sehr guter Feedbackherbst ist, in demselben Sinne, wie es ein sehr gutes Bettwanzenjahr ist, wenn man in seinem Bett viele Bettwanzen findet.
Zum Beispiel hatte euer Zweckdichter neulich damit zu tun, einen Lesetext aufzutrennen und aus dem gewonnen Informationsfaden einen Hörtext zu stricken. In dem Lesetext aber hieß es „Sie sehen klar“. Die Verantwortliche hatte im Vorfeld nicht viel zu bemerken, doch eines war ihr wichtig: Dieser Satz habe in der Hörfassung nichts verloren, denn die sehe man schließlich nicht.
Eine solche Leistung ist nicht alltäglich. Die betreffende Leistungsträgerin trete bitte vor den Vorhang. Tusch! Ich überreiche hiermit die große goldene Metapher am Bande. Dafür hat sie sich einen Applaus verdient!
Die zartbesaiteten Rechenhäschen unter der Leserschaft mögen sich nun abwenden oder zumindest ihr Riechsalzfläschchen aus dem Pompadour kramen, man weiß ja nie. Nämlich erhielt der Kolumnator eine „Formel“, die in einer Informationsschrift untergebracht werden sollte. Sie sah ungefähr so aus:
PSemmel + PWurst
Es dauerte eine Woche, bis den Verantwortlichen dämmerte, das dies nicht so funktionierte, wie man es von einer Formel erwartet, nämlich, dass man dank der Formel aus vorhandenen Informationen eine neue gewinnt, beleuchtet vom milden Schein des =-Zeichens.
Mittlerweile ist aus der Formel tatsächlich eine geworden. Sie lautet natürlich:
PWurstsemmel = PSemmel + PWurst
Auch damit war es noch nicht genug. Alle Nicht-Werbehäschen lernen jetzt etwas Nutzloses, nämlich, dass eine Mutation nicht unbedingt etwas mit verrutschten Genen zu tun haben muss. Vielmehr können Mutationen auch etwas ganz Banales sein, nämlich unterschiedliche Versionen derselben Broschüre oder desselben Briefs für unterschiedliche Zielgruppen oder Produkte. In einem solchen Zusammenhang erhielt euer Ergebener dieses nützliche Aviso: Bitte beachten, dass es sich um eine Mutation handelt. In den anderen Mutationen gibt es etliche Änderungen. Danke, Captain Obvious! Nach all den Jahren wurde es auch Zeit, dass jemand schlüssig erklärt, was eine Mutation ist.
Weil heute Bonusfreitag ist, setzen wir noch einen drauf. Eurem Zweckdichter unterlief diese Formulierung: „Dann haben Sie mit dem erfahrensten Bergführer der Alpen den richtigen Partner gefunden.“ Denkste! Denn es handelt sich um einen Werbebrief, weshalb die Rückmeldung nur allzu richtig lautete: „Wir sind ja noch nicht Partner.“ Über das Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung sowie die Frage, ob man ein Angebot gefunden haben kann, schon bevor man davon Gebrauch macht, schreibt bitte jedes von euch Aufsatzhäschen bis nächste Woche 250 Wörter. Schönes Wochenende!

Freitag, 7. September 2018

Erntezeit

Die dümmsten Bauern, so sagte man, als das Wünschen noch geholfen hat, ernten die dicksten Kartoffeln. Mittlerweile haben wir im Agrarbereich große Fortschritte gemacht, sodass auch kognitiv ausgeschlafene Landwirte mit ansehnlichen Erträgen rechnen dürfen. Ob das für den Einzelnen ein Vorteil ist, bleibe dahingestellt, denn der Dumme, das wissen wir alle, kriegt’s ja nicht mit.
Weiterhin in Kraft bleibt hingegen die betrübliche Wahrheit, dass den doofsten Textern die dicksten Feedbäcke entgegenlachen. Das liegt daran, dass Kundinnen und Kunden schlecht auf Düngung reagieren. Da kann man sich nur dumm anstellen und das Beste hoffen.
Damit ist auch bewiesen, dass euer treuer Kolumnator nicht das schärfste Messer in der Lade, nicht die hellste Birne am Luster, nicht die klarste Scheibe in der Duschkabinenabteilung ist. Weil der Herbst (hoffentlich) naht, bitte ich zum Erntehilfseinsatz: Es folgt eine kleine Blütenlese der Feedbackwoche. Ob hier große Stiefel gefischt, mächtige Böcke geschossen oder einfach Dummbrote gebacken wurden, das möge die Nachwelt entscheiden.
Zum Beispiel schrieb ich nichtsahnend keineswegs so (man will ja niemanden vor den Kopf stoßen), aber völlig strukturanalog:
Sie schätzen die verlässliche Versorgung mit Honig, Ihnen mundet aber auch eine Semmel mit Erdbeermarmelade. Können Sie dabei sparen und gleichzeitig zu einem gelungenen Frühstück beitragen?
Das Verdikt von Kundenseite lautete: „Ich finde zwei Fragen etwas viel.“ Es fragt sich nun, wo die zweite Frage sich versteckt. Die Antwort kann nur lauten: Die Feedbackurheberin wollte mit eurem Zweckdichter ein rekursives Sprachspiel anfangen. Die zweite Frage kann wohl nur die Frage danach sein, was die zweite Frage sei.
Man darf davon ausgehen, dass die Dame in der Mittagspause nicht lange suchen muss, um kongeniale Gesprächspartner zu finden. Denn eine Zeile für ein anderes Produkt desselben Unternehmens lautete ebenfalls nicht so, aber entsprechend:
Saugkraft 3000 – da ist Saugkraft selbstverständlich.
Wie hieramts schon mehrfach festgestellt, identifiziert man einen echten Werbekunden am zuverlässigsten dadurch, dass er das Stilmittel der Wiederholung stets als Fehler anstreicht. So auch hier: „Bitte Überschrift überarbeiten, damit keine Wortwiederholung entsteht“, scholl es aus dem Textwald zurück. Netterweise bekam euer Kolumnator ein Beispiel ohne Wortwiederholung mitgeliefert: Saugkraft 3000 bringt das Saugkraftwunder in Ihr Heim. Warum denn nicht gleich! kann man da nur ausrufen.
Wesentlich interessanter ist die Rüge, die mir von anderswo zuteil wurde: „Stolz kann man nicht ernten“ ward mir beschieden, gefolgt vom gefürchteten Doppelsmiley. Dieses ist Archäologinnen und Archäologen mit Hang zum Paranormalen aus der Sorte Inschriften vertraut, die man in Gewitternächten an den Mauern dunkler Kammern entziffert, in denen Skelette bestattet sind, bei denen man nur rätseln kann, wie das Ding lebendig ausgesehen hat. Das Doppelsmiley bedeutet soviel als Dein Arsch gehört mir.
Aber kann man Stolz wirklich nicht ernten? Ich bin unsicher. Immerhin kann man außer Kartoffeln auch Misstrauen ernten, Beifall, Zustimmung oder betretenes Schweigen. Warum also nicht Stolz? Darüber macht euch bitte ein paar Gedanken. Das Schuljahr ist noch lang, und das kommt alles zur Prüfung. Schönes Wochenende!


Freitag, 22. Juni 2018

Die Lösung für eh alles

O teure Häschen, jubilate! Das ist lateinisch und heißt: Frohlocket, ihr Flauschigen, denn euer Zweckdichter hat es geschafft. Ich teile mit, dass ich es zum Gottkaiser auf Lebenszeit gebracht habe, mit nachmaliger Darbringung hochwertiger Opfergaben in einer noch festzulegenden Form. Ich teile weiters mit, dass der Weltfrieden heute Nachmittag beginnt, dass Donald Trump mit sofortiger Wirkung zu meinem persönlichen Krawattenbügler und Schleppenträger befördert wird und dass das mit den 72 Jungfrauen für Selbstmordattentäter Blödsinn ist. Abschließend teile ich mit, dass ein Gottkaiser oft seine Ruhe braucht und dass die Klopapierrolle IMMER mit dem losen Ende auf der wandabgewandten, userzugewandten Seite im Halter anzubringen ist.
Ja, das alles teile ich mit, und weder ihr könnt etwas dagegen machen (nicht, dass ich euch unterstellte, ihr wolltet widersprechen) noch Donald, Kim oder sonstwer. Woher ich das weiß? Aus dem Feedback der ... Woche? Nein, des Jahres, was sage ich, des Jahrhunderts! Es lautet schlicht:
Einer Mitteilung kann man nicht widersprechen.
Das wusste ich bisher nicht, aber es scheint mir ungeheuer praktisch. Wenn man das schon unter Grasser gewusst hätte, hätten wir uns viel Geld sparen können!
Der kleine Haken an der Sache ist natürlich, dass es Blödsinn ist. Klar kann man einer Mitteilung widersprechen, genauso wie einer Aussage, einer Behauptung, einer Anschuldigung oder dir selber, wenn du nämlich zu der Sorte Häschen gehörst, die sich gelegentlich Behauptungen, Aussagen oder ähnlich Schlüpfriges auskommen lassen. Aussagen können einander sogar widersprechen, wenn gar niemand dabei ist und die beiden Aussagen miteinander noch ganz andere Sachen machen könnten, wären sie weniger streitsüchtig und deutlich lüsterner.
Richtig ist nur, dass es tatsächlich Dinge gibt, denen man nicht widersprechen kann. Anklagen zum Beispiel, Gesetzen (es sei denn, zwei Gesetze sind zueinander widersprüchlich, dann widersprechen sie einander) oder Preisänderungen. Denn solche Dinge schaffen Fakten: Nach einer Anklage ist jemand angeklagt. Auch wenn er damit nicht einverstanden ist. Ein Gesetz zieht eine Grenze zwischen Erlaubtem und Verbotenem. Ähnlich ist es mit Preisänderungen: Nach einer Preisänderung ist der Preis höher, dem kann man nicht widersprechen.
Man kann eine Preisänderung anfechten, man kann dagegen Einspruch erheben, man kann sie sogar rückgängig machen, wenn man ein ganz, ganz lieber Onkel ist. Aber widersprechen – das geht leider nicht. Wenn der Kaufmann sagt Die Leberkässemmel kostet jetzt vierfünfzig, dann hat es keinen Zweck, dass du darauf Nein erwiderst. Sie kostet trotzdem vierfünfzig. Du kannst natürlich motzen Diesen Preis finde ich nicht gerechtfertigt, oder Dann gehe ich lieber zum Schachtelwirten, aber dann hast du nicht widersprochen, sondern eine anderslautende Meinung geäußert, was etwas Ähnliches ist, aber nicht dasselbe.
Wollt ihr noch raten, was als Korrektur nach der Belehrung Einer Mitteilung kann man nicht widersprechen folgte? Genau: ... können Sie dieser Preisänderung widersprechen. Leider.
Aber trotzdem schönes Wochenende!