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Freitag, 19. Juli 2024

Wie wenn

 

Metaphern sind das Salz der Sprache, nicht wahr, o rhetorisch gewandte Lesehäschen? Eine geglückte Metapher ist wie ein frisch geschlüpfter Käfer, an dem alle Gliedmaßen dran sind, wie ein perfekter Schwung auf dem Snowboard oder ein Schnitzel, dessen Bröselhemd sich sanft vom Fleische löst.

Andere sind freilich eher so, wie wenn man beim Billa an der Kasse mit der ecard zu zahlen versucht. Denn es kommt bei den Metaphern wie im Leben auch darauf an, den richtigen Abtand zu halten. Wenn eine Metapher zu nah an der Wahrheit ist, wird es zwar nicht so unangenehm, wie wenn dein Chatverlauf plötzlich öffentliches Interesse auf sich zieht. Aber  es könnte besser laufen.

Das gute Beispiel zur schlechten Metapher lieferte diese Woche der Falter in einer Geschichte über die gewaltbereiten jungen Syrer und Tschetschenen, die sich inzwischen bei Gelegenheit nicht nur in die Goschen hauen, sondern auch stechen (wenn nicht gar schießen). Folgerichtig stand zu lesen:

Hier munitionieren sich Jugendliche mit Messern und möglicherweise mit Schusswaffen auf.

Leider nein. Das Interessante an der Munition ist, dass sie irgendwann aufgebraucht ist. Sonst müsste man sie ja nicht bevorraten. Mit Messern würde man sich also höchstens aufmunitionieren, wenn es sich um Wurfmesser handelt. Und dass die Schusswaffen etwas anderes sind als die Munition, versteht sich.

Anders läge die Sache, wenn man sich mit Schwedenbomben oder Tintenpatronen aufmunitionierte. Da stimmt die begriffliche Sphäre, und beide sind weg, wenn man sie benützt hat. Doch sich mit einem Messer aufzumunitionieren ist ein bisschen so, als holte man sich Hühner ins Bett, um mit ihnen aufzustehen.

A propos Schusswaffen: Bekanntlich wurde auf Herrn Trump geschossen, und zwar glücklicherweise daneben. Aller Voraussicht nach dürfte ihm das zusätzliche Wählerstimmen bringen. Das ist insofern bemerkenswert, als er schon in seinem ersten Wahlkampf erklärt hat, er könnte in aller Öffentlichkeit auf jemanden schießen, ohne deshalb Stimmen einzubüßen. Offenbar verbessert jeglicher Schusswaffengebrauch Trumps Chancen, ob er schießt oder das Ziel ist. Dieses Ungleichgewicht könnte Biden höchstens wettmachen, indem er selbst auf Trump schösse. Nicht umsonst wurde höchstgerichtlich festgestellt, dass der Präsident für alles, was er in seiner Eigenschaft als Präsident tut, Immunität genießt. Schönes Wochenende!

Freitag, 12. März 2021

Deutschstunde 4

 

Die Schule, meine lieben und hochgebildeten Lesehäschen, ist ja viel besser als ihr Ruf. So haben sich nicht wenige, um ein Zentnerwort des Bundeskanzlers anzubringen, „Kulturverliebte“ echauffieren zu müssen geglaubt, als klar wurde, dass man für die aktuelle Deutschmatura  den Unterschied zwischen einer Erörterung und einer Meinungsrede kennen muss, sich aber aber jenen zwischen Faust und Mephisto, Thomas und Heinrich Mann (oder, wir sind schließlich in Österreich, Doderer und Drach) wurscht sein lassen kann.

Das ist richtig, hat aber seine Richtigkeit, weil alle, denen das ein Bedürfnis ist, ihren Trakl auch noch in der Pension buchstabieren können, während man sich im Erwerbsleben plötzlich der Notwendigkeit ausgesetzt sehen kann, eine der nunmehr so wichtigen Textsorten erneut zu beackern. Wer gäbe ein besseres Beispiel dafür ab als unser geliebter Kanzler selbst? Hat er doch einen Brief an die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft geschrieben und dabei seine für die Matura erworbenen Kompetenzen gut brauchen können. Denn offenbar hat Sebastian immer gut aufgepasst und konnte deshalb noch Jahre später abrufen, wie man laut Leitfaden im Deutschbuch für die achte Schulstufe eine Erörterung schreibt. Sein Brief passt jedenfalls perfekt dazu. (Dank gilt an dieser Stelle dem Zweckdichterbalg für die zeitweilige Überlassung von Deutschstunde 4.)

Nämlich beginne man mit einer Einleitung, die höchstens vier Sätze umfassen soll. Hier wecke man das Interesse durch Bezugnahme auf ein aktuelles Ereignis. Der Kanzler hat das perfekt umgesetzt und weckt Interesse durch die mittlerweile zu Recht berühmt gewordene Formulierung von den fehlerhaften Fakten, ehe er weisungsgemäß zum Hauptteil überleitet mit der Behauptung, dass er „gerne klarstellen würde“. Warum er das im Konjunktiv würde, weiß nur er selbst, aber so kleinlich muss man ja nicht sein.

Nun rät das Deutschbuch, man solle zuerst die abgelehnte Seite darstellen, mit deren Argumenten in absteigender Reihenfolge der Beweiskraft. Sieh an: Es kommen nacheinander der Termin mit Novomatic, während Kurz live im Fernsehen war; dann noch ein Termin mit Novomatic, den aber eine andere Kurzperson hatte, und schließlich der Hinweis, dass die übrigen Termine „im größeren Kreis“ stattgefunden hätten.

Als nächstes soll der Schüler den eigenen Standpunkt mit Argumenten in aufsteigender Reihenfolge der Beweiskraft darstellen. Sebastian weiß, was er zu tun hat: Dass der Rechnungshof 2017 und 2018 keine Spenden von Novomatic an die ÖVP gefunden hat, genügt zum Einstieg. Schwerer wiegt nach Ansicht des Kanzlers, dass er „täglich mehrere Stunden beschäftigt“ ist (ohne „damit“), Medienanfragen zu beantworten.

Am allerschlimmsten aber, deshalb bringt Kurz es als drittes Argument, ist natürlich der „Reputationsschaden für die Bundesregierung und damit für die gesamte Republik Österreich“.

Es ist möglicherweise nicht jedem gegeben, die Regierung so umstandslos mit der Republik zu identifizieren, wenn aber ein Kurz den Sonnenkönig in sich spürt (l’etat c’est moi), dann wollen wir ihm den Spaß einstweilen gönnen, zumal er recht brav nicht nur den Aufbau der einzelnen Aufsatzteile, sondern auch die „Formulierungshilfe Erörterung“ studiert hat. „Weise darauf hin“, „erlaube mir beizulegen“, „habe daher die Hoffnung“ – das ist alles sehr schön umgesetzt. Am allerbesten, weil für eine gelungene Viertklässler-Erörterung am wichtigsten, ist natürlich das wohlgesetzte „ich bin der Meinung“, nämlich, dass man sich als Kanzler nicht in eine Ermittlung einmischen solle, es sei denn, es ist opportun, weil der eigene Pressesprecher ein derartiger Tachinierer ist, dass man selber vor lauter Medienanfragen gar nicht mehr zum Regieren kommt, sodass man wohl oder übel einen offenen Brief an eine Justizbehörde schreiben muss, damit die dort merken, wie sehr man sich nicht in ihre Ermittlungen einmischt.

Schönes Wochenende!

Freitag, 7. September 2018

Erntezeit

Die dümmsten Bauern, so sagte man, als das Wünschen noch geholfen hat, ernten die dicksten Kartoffeln. Mittlerweile haben wir im Agrarbereich große Fortschritte gemacht, sodass auch kognitiv ausgeschlafene Landwirte mit ansehnlichen Erträgen rechnen dürfen. Ob das für den Einzelnen ein Vorteil ist, bleibe dahingestellt, denn der Dumme, das wissen wir alle, kriegt’s ja nicht mit.
Weiterhin in Kraft bleibt hingegen die betrübliche Wahrheit, dass den doofsten Textern die dicksten Feedbäcke entgegenlachen. Das liegt daran, dass Kundinnen und Kunden schlecht auf Düngung reagieren. Da kann man sich nur dumm anstellen und das Beste hoffen.
Damit ist auch bewiesen, dass euer treuer Kolumnator nicht das schärfste Messer in der Lade, nicht die hellste Birne am Luster, nicht die klarste Scheibe in der Duschkabinenabteilung ist. Weil der Herbst (hoffentlich) naht, bitte ich zum Erntehilfseinsatz: Es folgt eine kleine Blütenlese der Feedbackwoche. Ob hier große Stiefel gefischt, mächtige Böcke geschossen oder einfach Dummbrote gebacken wurden, das möge die Nachwelt entscheiden.
Zum Beispiel schrieb ich nichtsahnend keineswegs so (man will ja niemanden vor den Kopf stoßen), aber völlig strukturanalog:
Sie schätzen die verlässliche Versorgung mit Honig, Ihnen mundet aber auch eine Semmel mit Erdbeermarmelade. Können Sie dabei sparen und gleichzeitig zu einem gelungenen Frühstück beitragen?
Das Verdikt von Kundenseite lautete: „Ich finde zwei Fragen etwas viel.“ Es fragt sich nun, wo die zweite Frage sich versteckt. Die Antwort kann nur lauten: Die Feedbackurheberin wollte mit eurem Zweckdichter ein rekursives Sprachspiel anfangen. Die zweite Frage kann wohl nur die Frage danach sein, was die zweite Frage sei.
Man darf davon ausgehen, dass die Dame in der Mittagspause nicht lange suchen muss, um kongeniale Gesprächspartner zu finden. Denn eine Zeile für ein anderes Produkt desselben Unternehmens lautete ebenfalls nicht so, aber entsprechend:
Saugkraft 3000 – da ist Saugkraft selbstverständlich.
Wie hieramts schon mehrfach festgestellt, identifiziert man einen echten Werbekunden am zuverlässigsten dadurch, dass er das Stilmittel der Wiederholung stets als Fehler anstreicht. So auch hier: „Bitte Überschrift überarbeiten, damit keine Wortwiederholung entsteht“, scholl es aus dem Textwald zurück. Netterweise bekam euer Kolumnator ein Beispiel ohne Wortwiederholung mitgeliefert: Saugkraft 3000 bringt das Saugkraftwunder in Ihr Heim. Warum denn nicht gleich! kann man da nur ausrufen.
Wesentlich interessanter ist die Rüge, die mir von anderswo zuteil wurde: „Stolz kann man nicht ernten“ ward mir beschieden, gefolgt vom gefürchteten Doppelsmiley. Dieses ist Archäologinnen und Archäologen mit Hang zum Paranormalen aus der Sorte Inschriften vertraut, die man in Gewitternächten an den Mauern dunkler Kammern entziffert, in denen Skelette bestattet sind, bei denen man nur rätseln kann, wie das Ding lebendig ausgesehen hat. Das Doppelsmiley bedeutet soviel als Dein Arsch gehört mir.
Aber kann man Stolz wirklich nicht ernten? Ich bin unsicher. Immerhin kann man außer Kartoffeln auch Misstrauen ernten, Beifall, Zustimmung oder betretenes Schweigen. Warum also nicht Stolz? Darüber macht euch bitte ein paar Gedanken. Das Schuljahr ist noch lang, und das kommt alles zur Prüfung. Schönes Wochenende!


Freitag, 19. Dezember 2014

Teutsche Alexandriner


Die Christnacht ist schon nah, fast näher als uns recht ist.

Hast du schon alles da, die Lieben zu erfreuen?

Wenn dir noch etwas fehlt: probier’s mit etwas Neuem.

Schreib ihnen ein Gedicht – ein gutes nur, kein schlechtes!

Wie fang ich das nur an? hör ich dich jetzo sudern.

Lies einfach bis zum Schluss, dann werma was z’sammpudern.                       

Zum Anfang such ein Wort, das weckt die Emotion,

lenkt uns hinein ins Thema: Die Jahresend-Saison.

Danach schreib etwas Liebes, mach allen warm ums Herz.

Drück auf die Tränendrüse, mit Engerln und mit Schnee.

Jetzt hast du sie soweit: Reim’ einfach Herz auf Schmerz.

Wenn alles haltlos schluchzt, hast du es bald geschafft.

Sag schnell noch was von Liebe, vom Eise auf dem See.

Nun ist dein Opus fertig, die Frucht von Fleiß und Kraft.

Freitag, 3. Oktober 2014

Semantik für Melancholiker


So meine Lieben, bitte Ruhe, wir haben ein volles Programm. Erstens als Nachtrag zur letztwöchigen Kolumne eine hübsche Syllepsis, geliefert vom gestrigen Standard: „Zum Start der Messe wird eine eigene Games-Beilage in der Tageszeitung erscheinen und unter den Besuchern verteilt.“ 

Na, haben alle die Syllepsis entdeckt?

Genau: Das „wird“ wird hier über Gebühr beaufschlagt. Mit „erscheinen“ bildet es das Futur, mit „verteilt“ gleichzeitig das Passiv, jedoch im Präsens. Das klappt so nicht. Korrekt müsste die Formulierung entweder lauten „erscheint ... und wird verteilt“ oder aber „wird erscheinen ... und verteilt werden“. 

Zweitens bedarf ein Satz aus dem Briefing eines hoffentlich baldigen Kunden der näheren Betrachtung – etliche kennen ihn schon:

Gemeint ist kein Motto im Sinne eines Promotion-Slogans, sondern ein Motto im Sinne einer deskriptiv verbalisierten „Gedanklichkeit“.

Die scheinbar so unschuldige Erläuterung erweist sich bei näherem Hinsehen als sehr betrüblich, weil aus ihr ein tiefes Misstrauen gegenüber unserem Tun spricht. Ist hier doch ein Gegensatz konstatiert zwischen einem „Promotion-Slogan“ und einer „deskriptiv verbalisierten ‚Gedanklichkeit’“. Sollte ein Promo-Slogan nicht vielmehr genau das leisten? Verständlich ausdrücken, worum es geht, wie die Promo gemeint ist? Beinah noch bedenklicher sind die Anführungszeichen, in denen sich Zweifel daran zu malen scheint, dass eine Promo Gedanken enthalten kann.

Ich glaube, dass die Verfasserin* dieses Satzes von der Werbung einmal tief enttäuscht worden ist und dieses Trauma noch nicht hinreichend verarbeitet hat. Wie gesagt, sehr betrüblich. 

Drittens schließlich begrüßen wir mit einem höflichen Applaus unsere neue Rubrik, für die ich recht herzlich um eure Einsendungen bitte. Gesucht ist 

DAS FEEDBACK DER WOCHE! 

Ich eröffne mit der Frage:

„Eisbär ist doch keine Jahreszeitenbezeichnung oder doch?“

Erhalten habe ich diese beistricharme Reaktion auf die Wendung „von Eisbär bis Hochsommer“.

Nun ist es schon bemerkenswert, dass jemand diese Synekdoché** nicht aufzulösen vermag, besonders, wenn die Jemandin sich einen Hochschulabschluss umgehängt hat. Es drängt sich wieder einmal die Frage auf, ob man es hier mit genuiner Dummheit, mit schlecht verhohlener Bosheit oder doch mit Wald-und-Wiesen-Betriebsblindheit zu tun hat. Das schnippisch nachgesetzte „oder doch“ lässt mich auf Bosheit tippen. Genauso gut könnte sich ein Immobilien-Brand-Manager beklagen, dass „die eigenen vier Wände“ keine geeignete Bezeichnung für eine Eigentumswohnung seien, weil eine Wohnung ja Böden, Decken, Installationen und überhaupt mehr als vier Wände hat.

Zum Feedback der Woche wird der Satz aber erst durch zwei von obgedachter Kundin mitgelieferte Gegenvorschläge:

„Von eiskalt bis Hochsommer“ und „Von bitterkalt bis Hochsommer“.

Jaja, wie wir in der Volksschule schon gesungen haben: 

Es war eine Mutter, die hatte vier Kinder:

den Frühling, den Sommer, den Herbst und bitterkalt. 

Das toppt ihr jetzt mal schön!

*Genderklausel bitte in der BamF vom 11. April nachlesen.

**Die Synekdoché ist jene Redefigur, die einen Begriff durch einen anderen, thematisch verwandten ersetzt. Der bekannteste Spezialfall ist wahrscheinlich das pars pro toto, d.h. es vertritt, wie im Beispiel von den vier Wänden, ein Teil das Ganze.

Freitag, 26. September 2014

Doppelbelastung


Erstens gebe ich jetzt eine Runde nicht etwa aus, denn Wies’n war gestern. Nein, ich gebe eine Runde an, weil ich so super bin. Hat mir doch ein überaus schätzbarer und teurer Freund eine Belegstelle aus einem kürzlich erschienenen germanistischen Werk geschickt, worin meine Dissertation zitiert wird, und zwar mit dem unzweideutig positiven Epithet „lesenswert“. Jawoll, meine Damen und Herren, lesenswert seit 15 Jahren, euer Zweckdichter.

Alsdann, liebe Lesehäschen, bleibt dran, lest weiter und erfahrt, was es heute hier zu erfahren gibt. Als Nächstes klaue ich schamlos, aber anders als Spindelegger und Khol mit Quellenangabe. Ich klaue von Oliver Voß. Dieser ist nicht zu verwechseln mit dem doppelt be-essten Oliver Voss, früher Kreativboss bei JvM und heute sein eigener Chef.

Unser heutiger Gaststar Oliver Voß ist ebenfalls an der Alster tätig, jedoch als maßgeblicher Lektor der ZEIT und damit Gottvater der deutschsprachigen Richtigkeit. In dieser Eigenschaft verfasst er seit einigen Monaten die uneingeschränkt empfehlenswerte Kolumne „Fehlerlesen“ (siehe Link unten), um darin interessante sprachliche Problemstellungen darzulegen. In der jüngsten Ausgabe von „Fehlerlesen“ streift er ein Thema, das immer wieder für kurze, mehr oder weniger fruchtbringende Diskussionen gut ist: die Syllepsis.

„Bitte lauter und in verständlichen Worten“, tönt es aus den hinteren Reihen, und weil „dienstbereit“ mein zweiter Vorname ist, klaue ich sofort ein Beispiel von Voß und serviere es euch: „Das waren Menschen, die uns ablehnend gegenüberstanden, ja hassten.“ Das klappt so nicht, weil man dem Dativ gegenübersteht, aber den Akkusativ hasst. „Uns“ steht hier gleichzeitig in beiden Fällen, und das ist mehr Last, als drei Buchstaben tragen können, weshalb wir sie einfach verdoppeln: „Das waren Menschen, die uns freundlich gegenüberstanden, ja uns verehrten.“ Fertig ist die Gartenlaube: Man darf solche Wörtchen beim zweiten Mal nur weglassen, wenn sie im selben Fall stehen wie beim ersten Mal.

Karl Kraus subsumiert so etwas unter „Zeugma“, während i-Tüpferlreiter das Zeugma von der Syllepsis, unterscheiden, für die sich Kraus von einem Leserbriefschreiber ein korruptes Schiller-Zitat als Beispiel unterschieben hat lassen.

Aber der Reihe nach: Das Beispiel von Voß stellt eine Syllepsis dar. Denn „uns“ bezieht sich auf „gegenüberstanden“ und „hassten“, müsste dazu aber jeweils in unterschiedlichen Fällen stehen. Ähnlich liegt der Fall bei Kraus mit dem ihm von einem Leser zugesandten Titel von Friedrich Schillers Antrittsvorlesung:

Was ist und zu welchem Ende studieren wir Universalgeschichte? 

Die Universalgeschichte steht hier gleichzeitig im Nominativ („sie ist“) und im Akkusativ („wir studieren sie“). Kraus tut damit Schiller ausnahmsweise unrecht, denn der Titel lautet tatsächlich: „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ Hier hat sich Schiller das erste „man“ (was heißt man) legitimerweise gespart, und die Universalgeschichte steht eindeutig im Akkusativ.

Soviel zur Syllepsis. Und was ist nun ein Zeugma? Das, was Texter manchmal in die Copy zu schmuggeln versuchen, meist aber erfolglos. Ein Prädikat bezieht sich grammatisch korrekt auf mehrere Objekte, die aber semantisch auf unterschiedlichen Ebenen stehen: „Er nahm den Hut und sich das Leben“; „ich heiße Hase und euch willkommen“. Einen ähnlich gelagerten Fall findet ihr am Start dieser Kolumne, wo „eine Runde“ zuerst wörtlich für eine Runde Getränke steht, dann aber adverbiell im Sinne von „vorübergehend“.

Fragen? Immer her damit.


Freitag, 18. Oktober 2013

Stilmittel


Alle reden über frühkindliche Förderung, Lesefähigkeit und Frank Stronach (abgesehen von denen, die gerade von Monika Lindner reden). Abseits der Mainstream-Bildungsdebatte harren aber knackige kleine Rätsel seit ewigen Zeiten ihrer Lösung.
Zum Beispiel: Warum haben alle Kunden gefehlt, als in der Schule das Stilmittel der Wiederholung durchgenommen wurde? Man kann es mit Wiederholungen versuchen, versuchen und wieder versuchen: Jeder Kunde, der sein Salz wert ist, wird das Vorige rot anstreichen und wahrscheinlich auch gleich korrigieren zu "Man kann es immer wieder mit Wiederholungen versuchen". Denn es haben zwar in der Mittelschule alle beim Thema "Wiederholung" gefehlt, in der Volksschule waren aber alle da und erinnern sich, dass Wiederholungen blöd sind.
Gibt es auch Stilmittel, mit denen Kunden etwas anzufangen wissen? Oh ja: die rhetorische Frage. Da war das Kopfwehhalswehbauchwehschluckweh bei allen wieder gut. Außerdem wird sie in der Volksschule normalerweise nicht behandelt, da gibt es also keine Unklarheiten. Hat sie noch einen Vorteil? Ja, man erkennt sie ganz leicht am Fragezeichen. Deshalb mögen viele Kunden die rhetorische Frage so sehr, dass sie eine einbauen, wo gar keine ist? Einfach ein Fragezeichen, und schon wird der Satz rhetorisch wertvoll. Geil, hm? Bloß schade, dass wir in der Textersonderschule gelernt haben, rhetorische Fragen seien mit Vorsicht zu genießen, weil: "Herr Mustermann, ist Ihnen maximale Vielfalt beim Fernsehprogramm wichtig?" – "Nein".

Das war's für heute, danke fürs Zuhören. In der nächsten Folge haben wir Dr. Jochen Sommer zu Gast, der Leserfragen beantworten wird wie: Kann ich von Tautologien schwanger werden?