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Freitag, 6. September 2024

Guter Rat


Man hört überhaupt nichts mehr vom Jugendkult, o junggebliebene Lesehäschen. Vor ein paar Jahren war allen klar, dass man mit spätestens 40 die verbleibende Lebensenergie darein investieren musste, weiterhin wie 38 daherzukommen, wenn man nicht von Väterchen Zeit abgehängt werden wollte. Brrr! Da hätte man sich gleich einen Blouson und heftpflasterfarbene Schnürschuhe – bequeme breite Passform – kaufen können. 

Seit der Pandemie will aber keiner mehr jung sein, weil die Jungen alle arm sind. Keine Kindheit, keine Jugend, keine sozialen Kontakte, hat alles das Virus aufgefressen. Trotzdem gibt es Bereiche, in denen die Kinder immer noch das Kommando haben. Zum Beispiel die Werbung: Wenige andere Branchen legen es einer im Schnitt derart jungen Gruppierung in die Hände, wie ein nicht zu unterschätzender Teil der Welt um uns herum aussieht. Euer Ergebener kennt den Altersschnitt der anderen Fuzzis nicht, aber ich behaupte jetzt einfach mal: Das Gros der beworbenen Produkte und Dienstleistungen ist für diejenigen, die die Werbung dafür gestalten, weder leistbar noch interessant. Klar wird die Kommunikation von Rheinmetall auch von Kommunikationsprofis gestaltet und nicht von Panzerkommandeuren oder Beschaffungsämter. Es brauchen aber mehr Panzerkommandeure ein Shampoo als Friseure einen Panzer.

Doch wer zieht gerade ernstlich den Abschluss einer Lebensversicherung, einen Bankwechsel  oder den Erwerb eines E-Autos für 60-, 70.000 Euro in Betracht? Wahrscheinlich nur selten die 28-jährigen Juniordesigner, die sich mit dem entsprechenden Plakat oder Banner abplagen. Kein Wunder, dass sich viele irgendwann von der Werbung abwenden, in der oft irrigen Hoffnung, anderswo eher in die BMW-Zielgruppe aufzusteigen.

Klüger, zumindest für die Ausführenden, ist das in der Beratungsbranche geregelt. Zumindest, wenn man einem Freund eures Zweckdichters glauben darf, der den größeren Teil der beschriebenen Laufbahn schon hinter sich hat:
Man fängt bei einer Beratungsfirma als hoffnungsfroher Jungspund an. Dann verbringt man einige Jahre damit, älteren und erfahreneren Menschen zu erklären, wie sie ihre Arbeit besser machen sollen. Anschließend steht man am Scheideweg: Entweder bringt man es zum Partner der betreffenden Beratungsagentur. Oder man wechselt auf Kundenseite, da man ja nun die nötige Berufserfahrung gesammelt hat, um eine Beratungsagentur zu engagieren, die einem dann erklärt, wie man seine Arbeit machen soll. Das ist von großem Vorteil, weil man ja selber bis dahin nur Beratungserfahrung gesammelt hat.

Schönes Wochenende!

Freitag, 5. Juli 2024

Physik


Schrödingers Katze ist euch, o naturwissenschaftlich ausgeschlafene Lesehäschen, natürlich bestens vertraut: Die Katze befindet sich in der Kiste und ist weder tot noch lebendig, bis man hineinschaut.

Verwandt sind ihr, wie uns ein Meme lehrt, Schrödingers Migranten, die uns Autochthonen die Jobs wegnehmen und dabei fett Sozialleistungen fürs Nichtstun kassieren. Dazu passen Schrödingers Kassenärzte, die euer Ergebener kürzlich entdeckt hat, nämlich in einem Falter-Artikel zur medizinischen Versorgung. Dort hieß es: „Ein Kassenarzt hat zehn bis 20 Patienten pro Stunde, ein Wahlarzt vier bis fünf.“

Man liest es und denkt sich: Jaja, die Kassenärzte müssen schon schauen, dass sie auf ihren Schnitt kommen, bei dem bisschen, dass die Kasse zahlt.

Naja. Mal abgesehen davon, dass dem Artikel zufolge Kassenärzte im Schnitt über 50 % mehr verdienen als Wahlärzte, sollten wir kurz in uns gehen und uns folgende Frage stellen:

Wann haben wir zuletzt das Wartezimmer eines Kassenarztes betreten, dort zehn (oder gar 20) bereits Wartende vorgefunden und uns gedacht: Super, in einer Stunde bin ich dran?

Das ist also Schrödingers Kassenarzt: Er fertigt Patienten im Fünfminutentakt ab, aber nur, solange man selbst nicht hingeht. Dann widmet er sich einem jeden Leidenden mindestens viermal so lang.

Ja, auch dem Zweckdichter ist klar, dass Kassenärzte ihre Patientenscharen nicht aus Geldgier rasch behandeln, sondern weil sie halt müssen. Und dass zu den mindestens zehn Patienten pro Stunde auch jene gehören, die sich von der Sprechstundenhilfe ein Rezept holen oder dieses per E-Mail anfordern und auf die Karte gebucht bekommen.

Damit kommen wir zu Schrödingers Gast. Mit ihm bekommst du es zu tun, wenn du den Fehler machst, in einem Lokal essen zu wollen, dessen Erzeugnisse sich besonders gut zum Mitnehmen eignen. Schrödingers Gast ist nicht zugegen, bis du hungrig wirst. Du betrittst die, sagen wir, Burritoschmiede und freust dich, dass nur zwei Esser in spe vor dir warten, dass ihnen köstliche Flade mit was drin werde.

Nach einer Weile kommst du aber ins Grübeln: Wie kann es sein, dass drei Burritofachkräfte ständig Burritos bauen, während die beiden Hungrigen vor dir immer noch warten? Das liegt an Schrödingers Gästen, die zu faul sind, um das Haus zu verlassen, und sich ihre Labung deshalb liefern lassen. Sie kommen alle vor dir dran. Denn du warst doof genug, extra herzukommen, während ihnen klar ist, dass Google-Rezensionen lieb sind, dass aber Bestellwillige wahrscheinlich gleich die Bewertungen auf Foodora oder was immer gerade der Lieferdienst du jour ist, checken. Das wissen auch die Lokalbetreiber, deshalb musst du warten. Der Lieferdienst, und damit kommen wir zum Schluss, wird jedenfalls einer sein, der eine Flotte von Elektromopeds betreibt, deren jedes die Aufschrift Ich bin ein Fahrrad trägt. Nein, bist du nicht. Sonst hättest du Pedale. Du bist so sehr ein Fahrrad, wie dünne Zucchinistreifen Nudeln sind. Schönes Wochenende!

Freitag, 27. Januar 2023

Grau in grau

Fremdwörter, o klassisch gebildete Lesehäschen sind bekanntlich Glückssache, und wer sich noch nie infisziert hat, werfe den ersten Stein.

Noch mehr Glück braucht man freilich mitunter, um nicht nur das richtige Fremdwort zu erwischen, sondern ihm auch das korrekte Geschlecht zuzuschreiben. Anders als Menschen können die meisten Wörter (also: Hauptwörter, bei den andern ist es wurscht) ihr gender nämlich nicht nach Belieben wechseln. Nur wenige haben zwei oder gar gleich alle drei grammatischen Geschlechter in der Tasche wie James Bond seine Pässe. Der/die/das bekannteste Beispiel ist wohl Joghurt, dessen Geschlecht in der Jugend eures Ergebenen bisweilen für Diskussionen sorgte (es waren Zeiten vor dem Smartphone). Tatsächlich darf man der/die/das Joghurt sagen, wie man lustig ist. Früher war, wie hieramts vor längerem bemerkt, auch Dschungel so fluid, aber mittlerweile hat die Dudenredaktion eingesehen, dass „die Dschungel“ wahrscheinlich der Scherz eines Praktikanten war, dem niemand auf die Finger geschaut hatte, und „das Dschungel“ geht jetzt auch nicht so recht ölig runter.

Aber wir waren bei den Fremdwörtern. Euer Zweckdichter hätte bis vor Kurzem beliebige Summen darauf verwettet, dass man z. B. als niederösterreichischer Landeshauptmann ein Protegé hat. Tatsächlich hat man einen Protegé, auch wenn es sich um die Hanni handelt. Auf Risotto wäre ich ebenso reingefallen, denn du lässt dir den Risotto schmecken, besonders, wenn es sich um die unschlagbare Umami-Bombe mit Thunfisch und ordentlich Grana handelt, nicht etwa das Risotto.

Beides ist leicht damit erklärt, dass weder das Französische noch das Italienische ein grammatisches Neutrum kennen, sodass Joghurt dort wohl nicht nur genau zwei Drehrichtungen, sondern auch genau zwei Geschlechter hat.

Damit zum Feedback der Woche. Es verdient unter den Feedbäcken einen Ehrenplatz, weil man als Gebrauchstextproduzent nur höchst selten so klar erfährt,  was die eigenen Erzeugnisse für den zahlenden Kunden wert sind. Das Feedback fand sich auf der linken Hälfte einer Doppelseite, die rechts mehr Text enthielt als links, und lautete „bitte mehr Text“. Nicht etwa „hier bitte noch folgende Info“ oder etwas in der Art. Gewünscht war tatsächlich nichts als eine Steigerung des Grauwerts auf der Seite.

Man bekommt Lust, sich einen Anzug anmessen zu lassen, nur damit man bei der zweiten Anprobe testen kann, wie der Schneider dreinschaut, wenn man aufs linke Hosenbein deutet und sagt „bitte mehr Stoff“. Schönes Wochenende!


 

Donnerstag, 19. Mai 2022

Unbetreut

 

Einst, o teure Lesehäschen, gab es Kundenbetreuer sowie natürlich Kundenbetreuerinnen (außer in MS Word, dessen Rechtschreibprüfung bis weit in die aughts, die bei uns unter „Nullerjahre“ laufen, zwar den Verkäufer, nicht aber die Verkäuferin gelten lassen wollte). Wer eventuell bereit war, einem Unternehmen Geld rüberzuschieben, aber dafür vorher ordentlich Beratung abgreifen wollte, der wusste, an wen er sich zu wenden hatte. Um beiderlei Beratungspersonal gerecht zu werden, behalf man sich bald mit dem Binnen-I, sodass uns KundenbetreuerInnen gegenübersaßen.

Dann aber kam die genderistische Vielfalt, die sich unter einem Sternchen subsumieren lässt, wobei euer Ergebener, alter, weißer Sack, der er nun einmal ist, bis heute auf den Anblick dreier Toilettentüren nebeneinander wartet, eine mit Maxerl gekennzeichnet, eine mit Maxine, eine mit *.

Also kamen die Kundenbetreuer*innen in die Welt, aber nur beinahe, denn auch den Unbedarftesten war klar, dass hier im eigenen Unternehmen mit einem geschmeidigeren Maß gemessen wurde als bei der präsumtiven Kundschaft, weil es natürlich keine Kundenbetreuer*innen geben kann, sondern allerhöchstens Kund*innenbetreuer*innen.

Hier zeigte sich wiederum selbst den Unbedarftesten eine Schwäche des Sternchens, sodass sie nicht umhin konnten zu bemängeln, dass dieses sogenannte Wort dem Lesefluss nicht förderlich sei.

No shit, Sherlock.

Deshalb gab es nun statt den Kund*innenbetreuer*innen zweierlei: Erstens die Regel, dass es in einem Wort nur ein Gendersternchen geben dürfe. Und zweitens der Mangel an einer Bezeichnung für Leute, die entsprechende Stellen bekleiden.

Man hätte sich vielleicht für „Kundschaftsbetreuer*innen“ entscheiden können, dies wurde möglicherweise für zu altmodisch befunden. Weit stromlinienförmiger ist, was uns stattdessen blühte, nämlich die Vertriebsbetreuer*innen. Damit war die Sache zur allseitigen Zufriedenheit gelöst, und der Preis war gewiss nicht zu hoch: Dass nämlich nicht länger Kunden betreut werden, sondern der Vertrieb sich selbst betreut, während Kunden, Kundinnen und natürlich auch Kund*innen sich brausen gehen können.

Abschließend darf ich an die versammelte Schwarmintelligenz die Frage richten, wie heute die korrekte Bezeichnung für jemanden lautet, der*die den Beruf des einstigen Zimmermanns ausübt. Schönes Wochenende!

Freitag, 18. März 2022

Trennungsschmerz

 

Es kommt, o teure Lesehäschen, immer darauf an, mit wem man sich einlässt. So lange ist es gar nicht her, da hattest du – wer erinnert sich noch? – plötzlich einen „Babyelefanten“ vor dir stehen, wenn du auf Sebastian gehört hast. Was natürlich die Frage aufwirft, ob Konstantin ein Babymensch, ein Menschenbaby oder noch etwas anderes ist. So ähnlich ist es, was keinen überraschen wird, bei den Wörtern. Auch für sie macht es einen Unterschied, ob sie brav Abstand halten oder ob Kampfkuscheln angesagt ist. Bei der Groß- und Kleinschreibung weiß man ja, wie wichtig die ist, wobei wir uns mit Schwachheiten wie „der gefangene floh“ nicht aufhalten müssen, denn wenn man anfängt, sich einen Kontext auszumalen, in dem das nicht eh klar ist, wird man nicht fertig damit. Schlagendere Beispiele hat sogar das Englische zu bieten, das ja bekanntlich mit Großbuchstaben nicht so freigebig ist. Wenn dir aber deine Freundin schreibt i helped my uncle jack off a horse, dann wirst du wahrscheinlich inständig hoffen, dass hier außer dem i noch ein Wort fälschlich kleingeschrieben wurde.  

Auch bei der Getrennt- und Zusammenschreibung sollte man wissen, was man anstellt. Dies zeigt das Feedback der Woche. Denn euer Ergebener hatte geschrieben: Wer weiter reicht, erreicht mehr. Zurück kam die Frage: Was reichen wir weiter? Deshalb hier wieder einmal eine serviceorientierte Mitteilung, damit in Zukunft alles paletti läuft.

Also: Verben sind promiskuöse kleine Viecher, die sich bald einmal mit etwas paaren, das ihnen über den Weg läuft. So mit Substantiven (bergsteigen), mit Partikeln (aufgeben, zwischenlagern), mit Adverbien (zusammenschreiben) und so weiter. Da nehmen es die Verben nicht so genau. Manchmal bleibt die Geschichte aber platonisch. Das merkt man daran, dass dabei kein neues Wörtchen entsteht. Denn wenn wir etwas zusammen schreiben, dann sind wir nachher entweder beide stolz auf unser Werk, oder, was wahrscheinlicher ist, nur einer von uns hat etwas geschrieben, aber die Einser fürs gelungene Bioreferat holen wir uns beide ab. Wichtig ist aber: Wir waren zusammen, und wir haben geschrieben. Dabei ist kein „zusammenschreiben“ in die Welt gekommen.

Wenn wir hingegen etwas zusammenschreiben, dann deshalb, weil die neue Verbindung mehr ist als die Summe ihrer Teile. Man kann etwas klein schneiden oder kleinschneiden, am Schluss kommen jedenfalls Zwiebelwürfelchen heraus. Wenn man hingegen etwas großschreibt, dann bringt man wahrscheinlich genau so viele Buchstaben auf einer Seite unter, sie sehen aber anders aus. Deshalb wird hier zusammenschreiben jedenfalls zusammengeschrieben – was es bedeutet, erschließt sich nicht unmittelbar aus der Bedeutung seiner Einzelteile.

Im Feedback der Woche ist es natürlich noch ein bisschen komplizierter zugegangen, indem das Adverb weiter mit der Steigerung des Adjektivs weit verwechselt wurde. Wenn du weiter reichst, hast du längere Arme. Etwas weiterreichen kannst du sogar, wenn du ein längst ausgestorbener Tyrannosaurus rex bist. Ein frisch geschlüpfter T-Rex war übrigens noch ein ganzes Eckhaus kleiner als ein frisch geworfener Elefant, weshalb er in der Pandemie keinen Auftrag hatte. Schönes Wochenende!

 

Freitag, 11. März 2022

Was zu feiern


 

Zappen ist, o bildungsbeflissene Lesehäschen, ja  meistens Zeitverschwendung. Bisweilen aber (vorausgesetzt, das Zweckdichterbalg hat nichts mitzureden, denn dann ist Zappen keine Überraschungstüte, sondern nur ein Umweg zu Home & Garden TV), bisweilen also kommt einem etwas unter, was man ohne Zappen nicht erfahren hätte. Nämlich gibt es seit Jahrzehnten praxistaugliche Kunstherzen. Die werden Leuten eingesetzt, um die Wartezeit auf ein Spenderherz zu überbrücken. Blöd ist, und jetzt kommt die Frucht des Zappens, wenn man eine Frau ist. Denn die Herzerzeuger nehmen als Standardpatienten einen Mann von ungefähr einsachtzig und ungefähr 85 Kilogramm an. Wenn man schmaler gepickt ist, hat so ein Kunstherz eventuell im Brustkorb keinen Platz und es bleibt einem nur der Notausgang aus dem Leben. Erst jetzt kommen kompaktere Modelle auf den Markt. Einem alten, weißen Bosnigl wie eurem Ergebenen drängt sich hier natürlich die Frage auf, wie die Gendertheorie dazu steht, für die das biologische Geschlecht ja lediglich ein Konstrukt ist, und ob Judith Butler, wenn sie, was Gott verhüten möge, in die Lage käme, aus Platzmangel dem Tod ins Auge zu sehen, sich halt einen geräumigeren Thorax herbeiperformieren würde.

Wie wir alten Dekonstruktivisten wissen, geht es bei solchen Dingen um die sogenannte Performativität des Sprechens. Das Sprechen selbst bringt gleichsam den Sprecher hervor, wenn es oft genug geschieht. Oder so ähnlich, das Interessante am Dekonstruktivismus ist ja, dass er immer eine Frage mehr zu stellen vermag, als man Antworten findet. Es sei denn, man ist Judith Butler, dann hat man irgendwann in Dekonstruktivismus gewonnen. Davon zu unterscheiden ist die Performanz. Sie zeigt sich in Äußerungen, die Realität schaffen. Wenn dir der Richter zum Beispiel fünf Jahre aufbrummt, ist das eine performante Äußerung, weil du dann einsitzen gehst.

Weniger dramatisch, und damit sind wir endlich bei den Feedbacks der Woche, geht es zu, wenn sich jemand etwas ausdenkt. Erstens gibt es nämlich einen neuen Feiertag: Euer Zweckdichter entbrach sich kürzlich eines Satzes, in dem das Wort „Weihnachtsgrüße“ vorkam. Dieses verwandelte sich im Dienstweg des Feedbacks in ein viel besseres Wort, die Unternehmensgrüße. An welchem Tag wir Unternehmen feiern, bleibt noch zu klären, ebenso wie die Frage, ob wir einander frohe, fröhliche, besinnliche oder einfach schöne Unternehmen wünschen werden. Hauptsache frei!

Das zweite Meisterfeedback betrifft die Frage, wie man Kunden lockt. Antwort: Man preist die Vorteile dessen an, was man zu bieten hat. Am besten übersichtlich aufgelistet, wenn es mehrere sind. In einer solchen Liste fehlte dem Feedbackspender ein Wort, das er denn auch hineinurgierte: das Wort Einschränkung. Das leuchtet ein, denn wer von uns hätte sich nicht schon beim Überfliegen diverser Angebote gedacht: „Oha, hier kann ich mir eine Einschränkung holen! Wo unterschreibe ich?“ Jaja, so sind die Menschen. Schönes Wochenende!

Freitag, 4. März 2022

Ordentlich

 

Soll man, o bisweilen schon fast unheimlich ordnungsliebende Lesehäschen, überhaupt aufräumen?

Die Meinungen gehen dazu bekanntlich auseinander, wobei die San-Andreas-Verwerfung ebenso bekanntlich zwischen eher Teenagern und eher alten Säcken verläuft. Die einen sind der Ansicht, dass Aufräumen vergebene Liebesmüh’ sei, weil man die Sachen ja sowieso irgendwann wieder braucht. Deshalb kann man sich die Arbeit sparen, sie in Schränke und Laden zu schlichten. Stattdessen lässt man sie einfach griffbereit fürs nächste Mal liegen und hat zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Diesem Argument kann man sich schwer verschließen, vorausgesetzt, es sind ausreichend Quadratmeter vorhanden, um alles auszustreuen. Wenn die Hügelbildung einsetzt, zieht das Griffbereitschaftsargument natürlich nicht mehr.

Doch vorausgesetzt, dass jedes Glumpert seine horizontale Fläche findet und dazwischen noch Pfade freibleiben, die einen auch zu seltener benützten Besitztümern führen (Nudelmaschine, Frackweste, Osterlammbackform – diese Sachen), zahlt sich das Aufräumen aus?

Natürlich nicht. Man tut es nur für die Nachwelt, also die undankbare Brut, die zu faul ist, um auch nur das geringste bisschen Ordnung zu halten, doch eines Tages wird das alles dir gehören. Man tut es, um vor den Erben damit anzugeben, dass man nicht nur so viel Glumpert angehäuft hat, sondern auch noch die nötige Muße besaß, es zu kategorisieren.

Wer also vor der Entscheidung für oder gegen das Aufräumen steht, der muss nur die eingangs gestellte Frage beantworten, ob es genügend Fläche hat, um alles nebeneinander auszubreiten. Die Steinzeitmenschen haben nie aufgeräumt, weil für ein paar Faustkeile überall Platz ist und weil neben Jagen, Sammeln und ein bisschen Höhlenmalerei nach Feierabend auch gar keine Zeit mehr dafür blieb. Vielleicht sollten wir das Genießerprinzip der Aufräumguruette Marie Kondo („macht es mich glücklich?“) überwinden und, so wie in der Ernährung schon längst, den Paleo-Zugang neu zu entdecken: „Ist dafür Platz?“ Denn es gibt entweder zu viel Glumpert oder eine zu kleine Höhle, niemals aber die Notwendigkeit, aufzuräumen.

Und was ist mit dem Feedback der Woche? Na klar gibt es eines: Euer Ergebener verbrach ungefähr die Worte: Die Gebissbox hilft Ihnen, Fleisch- und Gemüseprothesen getrennt zu halten. Abholbereit sind Ihre Gebisse rund um die Uhr. So bleiben Sie jederzeit flexibel.

Man sieht sogleich, wo es hier hakt: Der Leser muss drei Sätze hintereinander aufnehmen, kauen, schlucken und verdauen. Außerdem brauchen wir mehr Ballaststoffe in Gestalt von Substantiven. Die Lösung kann nur lauten:

Die Gebissbox hilft Ihnen, Fleisch- und Gemüseprothesen getrennt zu halten und ermöglich Ihnen eine flexible, diskrete Abholung Ihrer Gebisse rund um die Uhr.

Man sieht also: Auch beim Texten kann man sich viel Arbeit sparen, wenn man einfach alles auf den Boden kippt. Wer etwas braucht, wird es schon aufklauben. Schönes Wochenende!

 

Freitag, 25. Februar 2022

Besser mehr

 

Die Rechtschreibreform ist nun schon 26 Jahre her, o traditionsbewusste Lesehäschen. Welcher Tag wäre also besser geeignet als der heutige, um sich zu freuen, dass nicht jede doofe Regel diese Jahre überstanden hat!

Die Rechtschreibreform hatte nämlich vor allem den Zweck, den Schülern das Leben leichter zu machen, was schon damals so seltsam anmutete wie heute, indem man mit deutscher Zunge aufgewachsen sein muss, um auf eine solche Idee zu kommen. Die Engländer finden offensichtlich bis heute nichts dabei, dass zum Beispiel die Zeichenfolge „ough“ mindestens vier verschiedene Laute meinen kann, je nachdem, ob man tough, cough, though oder through schreibt.

Im Zuge ihrer Forschung mussten die Reformer feststellen, dass es im Deutschen hin und wieder Wörter gibt, die fatal an Substantive erinnern und also großzuschreiben wären, ohne aber so richtig welche zu sein. Man löste das, indem man sie zu Substantiven erklärte und fortan großschrieb. Ein Opfer dieser Prozedur war das Recht: Einst sprach der Richter Recht, und je nachdem bekam entweder der Kläger oder der Beklagte recht.

Nach der Reform wurde die Sache für beide Seiten einfacher, aber auch unbefriedigender. Nunmehr sprach der Richter immer noch Recht, der Kläger bekam aber auf jeden Fall Recht. Der Beklagte freilich ebenfalls. Denn auch dieses Recht wurde nun großgeschrieben und war also identisch mit dem Richterspruch. Beide bekamen Recht, wobei einer von ihnen durch die Finger schaute. Ob einem oder beiden dabei recht (oder, man mag es sich kaum vorstellen, Recht) geschehen war, weiß freilich nur Gott. Die gute Nachricht: Heute empfiehlt sogar der Duden wieder, dass man recht bekomme, obgleich man weiterhin Recht bekommen darf, wenn man unbedingt will.

Weiters freuen wir uns nach längerer Pause über ein – Tusch! – Feedback der Woche. Denn es begab sich, dass der Texter einen Satz wie diesen verbrach:

Bereits 9 von 10 Elefanten fressen lieber Heu als Gras.

Schon der Anfänger sieht hier zwei Riesenprobleme, über die sich hinwegzuschwindeln versucht wurde, sozusagen zwei elephants in the room:

Man redet zwar von Zahlen (9 und 10), aber es besteht immer die Gefahr, dass der schlampige Leser diese nicht identifiziert. Und der Satz steht ein bisschen gar schlicht da, wie ein Stück Butter, wenn man sich eine Fasanterrine erhofft hatte.

Es wird daher niemand wundernehmen, dass alsbald ein Feedback erfolgte, das beides bereinigte, sodass der Satz nunmehr lautete:

In Zahlen gesprochen sind es bereits 9 von 10 Elefanten, die lieber Heu als Gras fressen.

Wie natürlich fügt sich hier eines zum andern! Der Leser wird schonend darauf vorbereitet, dass gleich Zahlen kommen. Mit einem Beistrich ist die Geschichte wesentlich terrinenhafter, und außerdem ist der Satz um fast zwei Drittel länger geworden, was aus Kundensicht nur ein Vorteil sein kann, weil der Texter ja immer gleich viel kostet, ob er was Kurzes schreibt oder was Langes. Weil man aber, anders als beim Fleischhauer, vom Texter die Frage, ob es ein bisserl mehr sein dürfe, nicht erwarten sollte, bleibt dem kostenbewussten Kunden nichts übrig, als selber unauffällig den Daumen auf die Waage zu legen, damit er auch was für sein Geld kriegt.

Schönes Wochenende!

Freitag, 7. Januar 2022

Nicht so schlimm

 

Das Gute an Neujahrsvorsätzen, o prinzipientreue Lesehäschen, ist, dass spätestens ab Mitte Februar so oder so kein Hahn mehr danach kräht. Wirst du schwach, weißt du dich in möglicherweise guter, jedenfalls aber zahlreicher Gesellschaft. In der Vorsätzeszene sind die zu Neujahr so etwas wie Mathe in der Schule: Es gehört geradezu zum guten Ton, sie nicht auf die Reihe zu kriegen. Brrr, Mathe war ich auch total schlecht, ja, hihi, gell? Euer Ergebener fand Mathe, ehrlich gesagt, ganz okay und war zwar offensichtlich nicht für eine Mathematikerkarriere prädestiniert, aber für eine vorzeigbare schriftliche Matura hat es gereicht.

Früher, so scheint es mir, musste man skifahren können, um in Österreich was zu werden. Am Lift, auf der Hütte oder zumindest beim Fachsimpeln kam man sich näher. Da aber die Klimakrise den Wintersport allmählich in immer lichtere Höhen treibt, behilft man sich mit mathematischer Ahnungslosigkeit, um eine gemeinsame Basis mit Wildfremden zu finden. Wahrscheinlich liegt es daran, dass hierzulande das Vertrauen in die Wissenschaft besonders gering ist. Umgekehrt wird niemand, der mit beiden Erfahrung hat, bestreiten wollen, dass die Qualitätssicherung im Bereich der Skischulen immer schon weit besser funktioniert hat als in der Schule ohne Ski, was auch einleuchtet, weil man nur erstere den Fremden verkaufen kann.

Doch wir schwiffen ab, zurück zu den Neujahrsvorsätzen. Da mit einer erfolgreichen Einhaltung, wie gesagt, nicht zu rechnen, ja von dieser sogar abzuraten ist, weil man andernfalls gesellschaftliche Ächtung riskiert, gilt es sie sorgfältig zu wählen, so wie die berüchtigten Abschussideen, für die sich der Kunde bekanntlich besonders gern entscheidet. Da man sich mit schlechten Abschussideen den Ruf beschädigt, liefere man stattdessen zu teure. Ähnliches gilt für die Neujahrsvorsätze: Es wäre schade, die so ersprießliche Raucherentwöhnung oder den vermehrten Sport Anfang Jänner zu verheizen, da wird sowieso nix daraus. Viel gescheiter, man nimmt sich ein Beispiel an der Werbung und fasst Neujahrsvorsätze, deren Einhaltung zwar ein hohes Maß an Disziplin erfordert, die aber eigentlich wurscht sind. Geeignet sind zum Beispiel:

Endlich Auf der Suche nach der verlorenen Zeit lesen.

Endlich den Dachboden beziehungsweise den Keller aufräumen (keinesfalls beide im selben Jahr, das kauft euch niemand ab).

Endlich das Pensionskonto prüfen.

Et cetera.

Wem gar nichts einfallen will, woran man scheitern könnte, um sich von anderen schwachen Seelen angenehm verstanden zu fühlen, der nehme sich vor, endlich Mathe zu lernen.

Schönes Wochenende!

Freitag, 15. Oktober 2021

Das Lesen ist ein langer, ruhiger Fluss

 

Es ist so weit, o teure Lesehäschen: Die Genderisation frisst ihre Kinder. Einerseits werden immer noch gerne die Mitglieder zu Mitglieder*innen korrigiert, woraus man vielleicht schließen sollte, dass die Genderisation ihre Kinder*innen frisst, weil einfach jedes -er sein Sternchen braucht. Andererseits kommen die ersten Klagen. Es ist ja hieramts seit Jahren bekannt, dass es mit Satzzeichen so eine Sache ist. Besonders der Gedankenstrich und der Doppelpunkt brennen vielen in den Augen, denn was ein ordentlicher Text ist, bei dem soll man nimmer innehalten und etwa gar einen Gedanken fassen wollen, man soll nur immer weitersausen. Der Doppelpunkt ist solchen Geistern, was die Verbotspyramide auf den Rolltreppen der Wiener Linien: Zwischen den Rolltreppen befindet sich eine nur allzu verlockende Rutsche. Damit die Kinder*innen nicht auf blöde Ideen kommen und dann einen haftungsverdächtigen Sprungrekord aufstellen, sind diese Eben-doch-nicht-Rutschen mit faustgroßen Pyramiden bewehrt. Deshalb ist es in den U-Bahn-Stationen Essig mit der großen Rutschsause. Das wirkt zwar spaßhemmend, hat aber den Vorteil, dass man dort kaum je Menschen mit eingeschränktem Urteilsvermögen und gebrochenen Knochen herumliegen sieht.

So ähnlich ist es auch mit den Doppelpunkten und Gedankenstrichen. Manchmal hat es durchaus etwas für sich, wenn der vielzitierte Lesefluss nicht in einem überregulierten Betonbett dahinschießt, sondern auch einmal einen Mäanderhaken schlagen darf. Leider regiert in so manchem Marketingstübchen aber noch der Geist der Wildbachverbauung in den 70er-Jahren (damals bekannt als „die Wildbach“), als jedes noch so kleine Rinnsal mit reichlich glatten Steinen eingehegt wurde, auf dass es rascher zu Tale schieße.

Nun stellt sich in besagten Stübchen die Schwierigkeit, dass man zwar Satzzeichen blöd finden darf, aber Gendersternchen nun einmal sein müssen, umsomehr, wenn man als Unternehmen die Installation von Sternchentoiletten hartnäckig verweigert. Irgendwo muss man schließlich zeigen, dass man weiß, was die Stunde geschlagen hat, und wie schon einmal angemerkt: Ein Sternchen ist deutlich preisgünstiger als eine Installateurspartiestunde. Wenn dann in drei Zeilen ein Sternchen, ein Strichelchen und ein Doppelpünktchen zusammenfinden, ist es laut Feedback Zeit wofür?

Genau: fürs Optimieren.

Aus dem Marketingstübchen nebenan wurden zeitgleich Zweifel angemeldet angesichts der Behauptung, dass „ein Unternehmen seine Stärken“ inszeniere. Natürlich nicht hinsichtlich der Stärken. Vielmehr stellte sich die Frage, ob es sich um seine oder ihre Stärken handle. Letzteres erforderte freilich die Erfindung der Unternehmenin oder vielmehr des*der Unternehmen*in, der*die seine*ihre Stärken nach Gusto ins Rampenlicht stellt.

Oder lieber doch nicht, weil das grammatische Genus halt ist, wie es ist und man einem Neutrum keine Keimdrüsen andichten muss.

An die Kund*innenkarteninhaber*innen hingegen, einen selten graziösen Tausendfüßler von einem Wort, sollten wir uns hingegen vorerst gewöhnen. Schönes Wochenende!

Freitag, 17. September 2021

Heimlichkeiten

 

Bevor wir, o bereiste Lesehäschen, die versprochenen Feedbacke (Feedbäcker?) kritisch beschnuppern, müssen wir uns der Frage stellen, ob Tschechien in Europa angekommen ist. Wer nämlich vorigen Donnerstag von Tabor nach Linz fahren wollte, konnte sich natürlich einfach ins Auto setzen. Aber kann das Auto in unseren Zeiten immer die Antwort sein? Natürlich nicht. Man nimmt also den Zug. Dabei hat man die Wahl zwischen der Website der ÖBB und jener der CD (also der tschechischen Staatsbahn). Die CD bot erfreulicherweise mehrere Direktverbindungen, die ÖBB leider nicht. Die aufgelegte Lösung für Optimisten wäre es natürlich gewesen, Tickets bei CD zu kaufen. Realisten schauten bei den ÖBB ins Kleingedruckte und erfuhren, dass die fraglichen Züge erst eine Woche später wieder verkehren sollten.

Wir wissen daher, dass Tschechien sehr wohl zu Europa gehört, jedoch nicht in unserem Multiversum. Deshalb Vorsicht bei der Reisebuchung!

Nun vorwärts an die Feedbackfront. Zum Beispiel hatte euer Ergebener mitzuteilen, dass ein SMS drei Komma fünfunddreißig Cent kostet, ein Monat aber drei Euro und fünfzig Cent. Kundenseitig tat sich die Frage auf, warum einmal „Komma“ und einmal „und“ gesagt wurde, obgleich „und“ als schöner empfunden wurde.

Antwort: Weil es in unserem Währungssystem nichts Kleineres als den Cent gibt, danke der Nachfrage.

Manchmal schauen Kunden auch ganz genau hin. Der gelieferte Satz lautete ungefähr: Das Kuvert eignet sich für den Versand von Ausweisen und der zugehörigen Unterlagen. Der Kunde warf die Frage auf, ob es denn nicht heißen müsse: … für den Versand von Ausweisen und den zugehörigen Unterlagen.

Tatsächlich, warum nicht? Nun denn: Weil der Versand standardmäßig mit dem Genitiv abgeht – der Versand der Ware, der Versand meines Gepäcks und so weiter. Wenn aber das Versandgut kein Attribut oder Artikelwort dabei hat, wird es schwierig. Denn das Deutsche kennt für Substantive keinen reinen Genitiv. Schickt dir dein Opa zum Beispiel selbstgeimkerten Honig, dann ist das der Versand köstlichen Honigs. Der „Versand Honigs“ ohne köstlichen geht sich aber nicht aus. Deshalb polstert man den Honig für den Versand mit einem „von“, damit grammatisch nichts zu Bruch geht. Schickt dein Opa, weil er nett ist, aber außerdem noch zwei selbstgedrechselte Honiquirle mit, dann brauchen die, weil unzerbrechlich, kein von-Polster. Das „von“ kann sich ganz auf den Honig konzentrieren, der Genitiv der Quirle ist mit Hilfe seines Attributs klar: Versand von Honig und gedrechselter Quirle. Andernfalls hast du nämlich den „Versand von den gedrechselten Quirlen“ vor dir, und da hilft aller Honig nichts.

Was haben wir noch? Eine Seelenverwandtschaft zum ZDF. Bekanntlich wurden dort Bären gegendert, unter denen sich laut Berichterstattung viele „Veganer:innen“ finden, damit sich die nichtbinären Ursiden nicht auf den Schlips getreten fühlen. So auch bei uns. Euer Zweckdichter lud die werten Leser*innen ein, für Ihre Favoriten zu stimmen. Als Ersatz für „Favoriten“ wünschte man sich darauf „ein anderes genderneutrales Wort“. Abgesehen davon, dass hier ein Beistrich fehlt, denn wenn „Favoriten“ genderneutral wäre, wäre ja schon alles in trockenen Tüchern – abgesehen davon also handelte es sich bei den zu kürenden Favoriten um Flugblätter, über deren geheimes Leben man hiermit spekulieren darf. Tja. Schönes Wochenende!

 

 

Freitag, 5. Februar 2021

Fünfsternegendern

 

Eigentlich, o teure Häschen aller 57 Facebookgenders, wäre ja heute der kleine Unterschied zwischen reflexiven und reziproken Pronomina dran gewesen. In Zeiten wie diesen muss man sich aber an Onkel Faßmann ein Beispiel nehmen und auf sich rasch ändernde Umstände flexibel reagieren. Deshalb nun zu einem anderen kleinen Unterschied. Die nächsten Wochen werden entscheidend sein, nämlich in der Frage, wie man heutzutage einen Brief korrekt beginnt, dessen Empfänger*innen (ja, heute gendern wir mal) einem nicht näher bekannt sind – ob es sich also um Onkel, Tanten oder ein noch zu findendes Nomen zur Bezeichnung von Leuten handelt, die mit deinen Eltern die Eltern gemein haben, ohne deine Eltern zu sein.

Bisher schrieb man hier „Sehr geehrte Damen und Herren“, aber das geht natürlich nicht mehr, weil Leute, die weder das eine noch das andere sind, sich mit Recht ausgeschlossen fühlen würden. Der Lösungsvorschlag, den euer Ergebener auf dem Tisch liegen hat, lautet Sehr geehrte Damen*Herren!

Um ihn richtig einschätzen zu können, hilft ein Blick in die Geschichte.  Es hat sich nämlich eine Bekannte eures Ergebenen vor einer Weile in der Schweiz aus Gründen, die hier zu weit führen würden, zahlreiche Frauenskelette genauer angeschaut. Die meisten hatten keine Zähne, denn, so stellte sich auf Nachfrage heraus: Noch im späten 19. Jahrhundert war in manchen Schweizer Regionen eine besondere Form der Mitgift verbreitet. Der Brautvater ließ seiner Tochter alle Zähne ziehen, damit der Bräutigam sicher sein konnte, dass auf ihn keine unvermuteten Zahnarztkosten mehr zukamen. So viel zum „schönsten Tag im Leben einer Frau“.

Ähnliches, scheint mir, ist bei den Damen*Herren geschehen. Denn so ein Gendersternchen ist zwar in vieler Hinsicht unbefriedigend, jedoch besser als nix, bevor man in im Binären verharrt. Wie es angezeigt ist, einen kranken Zahn zu reißen (zumindest, wenn man mit dem zahnmedizinischen Stand des 19. Jahrhunderts leben muss), so kann auch ein Gendersternchen eine einfache Lösung sein, wenn es klarzustellen gilt, dass zum Beispiel Empfänger*innen nicht nur solche sind, die sich als Frau oder Mann wohlfühlen. (Empfangende ist da einfach nicht dasselbe, weil du auch die Empfängerin eines Briefes sein kannst, ohne dass sich in deinem Inneren gerade das Spermium den Weg zur Eizelle bahnt.)

Nur dass das Gendersternchen mitunter nützlich ist, heißt aber nicht, dass es alles besser macht, ebensowenig wie die Totalextraktion eines gesunden Gebisses der erste Schritt ins Eheglück sein muss.

Denn in der Empfänger*in oder der Kund*in und meinetwegen auch der Geburtshelfer*in lenkt das Sternchen den Blick darauf, dass die binäre Genus-Struktur des Deutschen der Realität nicht gerecht wird. Das Sternchen füllt die Leerstelle, für die es zuvor Bewusstsein geweckt hat, auch wenn man es leider zwar wahrnehmen, aber nicht aussprechen kann.

In den Damen*Herren füllt es aber eine Leerstelle, die zuvor jeder gesehen hat, nämlich die beiden Leerzeichen mit einem und dazwischen. Nun ist die Sprache nicht nur ein Werkzeug, sie ist auch ein Wesen. Wenn du diesem Wesen ein neues Gen-Sternchen einpflanzst, dann entsteht eine Sprach-Chimäre. Denn wer Leerzeichen eliminiert, provoziert Verbindungen, und ich setze einen Preis in Form einer Leberkässemmel und eines handwarmen Dosenbiers auf den Kopf aus, in dem beim Anblick dieses Schriftbilds nicht sofort der Damenherr entsteht. Mit dieser Chimäre aber fühlt sich, fürchte ich, niemand mehr gemeint, außer vielleicht jene Personen im Dienstleistungsbereich zum Beispiel Thailands, die daraus eine Profession gemacht haben.

Beherzigen wir deshalb jene Vorschläge, die das gute Internet für uns bereit hält, und schreiben wir stattdessen Hallo! oder Guten Tag! oder gerne auch: Schönes Wochenende!

Freitag, 14. September 2018

Fallobst vom Feedbackbaum

Mit Feedback ist es wie mit dem Wetter: Es gibt solches und solches, aber wie immer es auch ausfällt: Ein Feedback ist immer noch besser als gar keines. Dessen gedenke regelmäßig, dann hast du mehr vom Leben. Besonders in diesem Feedbackherbst, der ein sehr guter Feedbackherbst ist, in demselben Sinne, wie es ein sehr gutes Bettwanzenjahr ist, wenn man in seinem Bett viele Bettwanzen findet.
Zum Beispiel hatte euer Zweckdichter neulich damit zu tun, einen Lesetext aufzutrennen und aus dem gewonnen Informationsfaden einen Hörtext zu stricken. In dem Lesetext aber hieß es „Sie sehen klar“. Die Verantwortliche hatte im Vorfeld nicht viel zu bemerken, doch eines war ihr wichtig: Dieser Satz habe in der Hörfassung nichts verloren, denn die sehe man schließlich nicht.
Eine solche Leistung ist nicht alltäglich. Die betreffende Leistungsträgerin trete bitte vor den Vorhang. Tusch! Ich überreiche hiermit die große goldene Metapher am Bande. Dafür hat sie sich einen Applaus verdient!
Die zartbesaiteten Rechenhäschen unter der Leserschaft mögen sich nun abwenden oder zumindest ihr Riechsalzfläschchen aus dem Pompadour kramen, man weiß ja nie. Nämlich erhielt der Kolumnator eine „Formel“, die in einer Informationsschrift untergebracht werden sollte. Sie sah ungefähr so aus:
PSemmel + PWurst
Es dauerte eine Woche, bis den Verantwortlichen dämmerte, das dies nicht so funktionierte, wie man es von einer Formel erwartet, nämlich, dass man dank der Formel aus vorhandenen Informationen eine neue gewinnt, beleuchtet vom milden Schein des =-Zeichens.
Mittlerweile ist aus der Formel tatsächlich eine geworden. Sie lautet natürlich:
PWurstsemmel = PSemmel + PWurst
Auch damit war es noch nicht genug. Alle Nicht-Werbehäschen lernen jetzt etwas Nutzloses, nämlich, dass eine Mutation nicht unbedingt etwas mit verrutschten Genen zu tun haben muss. Vielmehr können Mutationen auch etwas ganz Banales sein, nämlich unterschiedliche Versionen derselben Broschüre oder desselben Briefs für unterschiedliche Zielgruppen oder Produkte. In einem solchen Zusammenhang erhielt euer Ergebener dieses nützliche Aviso: Bitte beachten, dass es sich um eine Mutation handelt. In den anderen Mutationen gibt es etliche Änderungen. Danke, Captain Obvious! Nach all den Jahren wurde es auch Zeit, dass jemand schlüssig erklärt, was eine Mutation ist.
Weil heute Bonusfreitag ist, setzen wir noch einen drauf. Eurem Zweckdichter unterlief diese Formulierung: „Dann haben Sie mit dem erfahrensten Bergführer der Alpen den richtigen Partner gefunden.“ Denkste! Denn es handelt sich um einen Werbebrief, weshalb die Rückmeldung nur allzu richtig lautete: „Wir sind ja noch nicht Partner.“ Über das Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung sowie die Frage, ob man ein Angebot gefunden haben kann, schon bevor man davon Gebrauch macht, schreibt bitte jedes von euch Aufsatzhäschen bis nächste Woche 250 Wörter. Schönes Wochenende!

Freitag, 7. September 2018

Erntezeit

Die dümmsten Bauern, so sagte man, als das Wünschen noch geholfen hat, ernten die dicksten Kartoffeln. Mittlerweile haben wir im Agrarbereich große Fortschritte gemacht, sodass auch kognitiv ausgeschlafene Landwirte mit ansehnlichen Erträgen rechnen dürfen. Ob das für den Einzelnen ein Vorteil ist, bleibe dahingestellt, denn der Dumme, das wissen wir alle, kriegt’s ja nicht mit.
Weiterhin in Kraft bleibt hingegen die betrübliche Wahrheit, dass den doofsten Textern die dicksten Feedbäcke entgegenlachen. Das liegt daran, dass Kundinnen und Kunden schlecht auf Düngung reagieren. Da kann man sich nur dumm anstellen und das Beste hoffen.
Damit ist auch bewiesen, dass euer treuer Kolumnator nicht das schärfste Messer in der Lade, nicht die hellste Birne am Luster, nicht die klarste Scheibe in der Duschkabinenabteilung ist. Weil der Herbst (hoffentlich) naht, bitte ich zum Erntehilfseinsatz: Es folgt eine kleine Blütenlese der Feedbackwoche. Ob hier große Stiefel gefischt, mächtige Böcke geschossen oder einfach Dummbrote gebacken wurden, das möge die Nachwelt entscheiden.
Zum Beispiel schrieb ich nichtsahnend keineswegs so (man will ja niemanden vor den Kopf stoßen), aber völlig strukturanalog:
Sie schätzen die verlässliche Versorgung mit Honig, Ihnen mundet aber auch eine Semmel mit Erdbeermarmelade. Können Sie dabei sparen und gleichzeitig zu einem gelungenen Frühstück beitragen?
Das Verdikt von Kundenseite lautete: „Ich finde zwei Fragen etwas viel.“ Es fragt sich nun, wo die zweite Frage sich versteckt. Die Antwort kann nur lauten: Die Feedbackurheberin wollte mit eurem Zweckdichter ein rekursives Sprachspiel anfangen. Die zweite Frage kann wohl nur die Frage danach sein, was die zweite Frage sei.
Man darf davon ausgehen, dass die Dame in der Mittagspause nicht lange suchen muss, um kongeniale Gesprächspartner zu finden. Denn eine Zeile für ein anderes Produkt desselben Unternehmens lautete ebenfalls nicht so, aber entsprechend:
Saugkraft 3000 – da ist Saugkraft selbstverständlich.
Wie hieramts schon mehrfach festgestellt, identifiziert man einen echten Werbekunden am zuverlässigsten dadurch, dass er das Stilmittel der Wiederholung stets als Fehler anstreicht. So auch hier: „Bitte Überschrift überarbeiten, damit keine Wortwiederholung entsteht“, scholl es aus dem Textwald zurück. Netterweise bekam euer Kolumnator ein Beispiel ohne Wortwiederholung mitgeliefert: Saugkraft 3000 bringt das Saugkraftwunder in Ihr Heim. Warum denn nicht gleich! kann man da nur ausrufen.
Wesentlich interessanter ist die Rüge, die mir von anderswo zuteil wurde: „Stolz kann man nicht ernten“ ward mir beschieden, gefolgt vom gefürchteten Doppelsmiley. Dieses ist Archäologinnen und Archäologen mit Hang zum Paranormalen aus der Sorte Inschriften vertraut, die man in Gewitternächten an den Mauern dunkler Kammern entziffert, in denen Skelette bestattet sind, bei denen man nur rätseln kann, wie das Ding lebendig ausgesehen hat. Das Doppelsmiley bedeutet soviel als Dein Arsch gehört mir.
Aber kann man Stolz wirklich nicht ernten? Ich bin unsicher. Immerhin kann man außer Kartoffeln auch Misstrauen ernten, Beifall, Zustimmung oder betretenes Schweigen. Warum also nicht Stolz? Darüber macht euch bitte ein paar Gedanken. Das Schuljahr ist noch lang, und das kommt alles zur Prüfung. Schönes Wochenende!


Freitag, 22. Juni 2018

Die Lösung für eh alles

O teure Häschen, jubilate! Das ist lateinisch und heißt: Frohlocket, ihr Flauschigen, denn euer Zweckdichter hat es geschafft. Ich teile mit, dass ich es zum Gottkaiser auf Lebenszeit gebracht habe, mit nachmaliger Darbringung hochwertiger Opfergaben in einer noch festzulegenden Form. Ich teile weiters mit, dass der Weltfrieden heute Nachmittag beginnt, dass Donald Trump mit sofortiger Wirkung zu meinem persönlichen Krawattenbügler und Schleppenträger befördert wird und dass das mit den 72 Jungfrauen für Selbstmordattentäter Blödsinn ist. Abschließend teile ich mit, dass ein Gottkaiser oft seine Ruhe braucht und dass die Klopapierrolle IMMER mit dem losen Ende auf der wandabgewandten, userzugewandten Seite im Halter anzubringen ist.
Ja, das alles teile ich mit, und weder ihr könnt etwas dagegen machen (nicht, dass ich euch unterstellte, ihr wolltet widersprechen) noch Donald, Kim oder sonstwer. Woher ich das weiß? Aus dem Feedback der ... Woche? Nein, des Jahres, was sage ich, des Jahrhunderts! Es lautet schlicht:
Einer Mitteilung kann man nicht widersprechen.
Das wusste ich bisher nicht, aber es scheint mir ungeheuer praktisch. Wenn man das schon unter Grasser gewusst hätte, hätten wir uns viel Geld sparen können!
Der kleine Haken an der Sache ist natürlich, dass es Blödsinn ist. Klar kann man einer Mitteilung widersprechen, genauso wie einer Aussage, einer Behauptung, einer Anschuldigung oder dir selber, wenn du nämlich zu der Sorte Häschen gehörst, die sich gelegentlich Behauptungen, Aussagen oder ähnlich Schlüpfriges auskommen lassen. Aussagen können einander sogar widersprechen, wenn gar niemand dabei ist und die beiden Aussagen miteinander noch ganz andere Sachen machen könnten, wären sie weniger streitsüchtig und deutlich lüsterner.
Richtig ist nur, dass es tatsächlich Dinge gibt, denen man nicht widersprechen kann. Anklagen zum Beispiel, Gesetzen (es sei denn, zwei Gesetze sind zueinander widersprüchlich, dann widersprechen sie einander) oder Preisänderungen. Denn solche Dinge schaffen Fakten: Nach einer Anklage ist jemand angeklagt. Auch wenn er damit nicht einverstanden ist. Ein Gesetz zieht eine Grenze zwischen Erlaubtem und Verbotenem. Ähnlich ist es mit Preisänderungen: Nach einer Preisänderung ist der Preis höher, dem kann man nicht widersprechen.
Man kann eine Preisänderung anfechten, man kann dagegen Einspruch erheben, man kann sie sogar rückgängig machen, wenn man ein ganz, ganz lieber Onkel ist. Aber widersprechen – das geht leider nicht. Wenn der Kaufmann sagt Die Leberkässemmel kostet jetzt vierfünfzig, dann hat es keinen Zweck, dass du darauf Nein erwiderst. Sie kostet trotzdem vierfünfzig. Du kannst natürlich motzen Diesen Preis finde ich nicht gerechtfertigt, oder Dann gehe ich lieber zum Schachtelwirten, aber dann hast du nicht widersprochen, sondern eine anderslautende Meinung geäußert, was etwas Ähnliches ist, aber nicht dasselbe.
Wollt ihr noch raten, was als Korrektur nach der Belehrung Einer Mitteilung kann man nicht widersprechen folgte? Genau: ... können Sie dieser Preisänderung widersprechen. Leider.
Aber trotzdem schönes Wochenende!