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Freitag, 18. März 2022

Trennungsschmerz

 

Es kommt, o teure Lesehäschen, immer darauf an, mit wem man sich einlässt. So lange ist es gar nicht her, da hattest du – wer erinnert sich noch? – plötzlich einen „Babyelefanten“ vor dir stehen, wenn du auf Sebastian gehört hast. Was natürlich die Frage aufwirft, ob Konstantin ein Babymensch, ein Menschenbaby oder noch etwas anderes ist. So ähnlich ist es, was keinen überraschen wird, bei den Wörtern. Auch für sie macht es einen Unterschied, ob sie brav Abstand halten oder ob Kampfkuscheln angesagt ist. Bei der Groß- und Kleinschreibung weiß man ja, wie wichtig die ist, wobei wir uns mit Schwachheiten wie „der gefangene floh“ nicht aufhalten müssen, denn wenn man anfängt, sich einen Kontext auszumalen, in dem das nicht eh klar ist, wird man nicht fertig damit. Schlagendere Beispiele hat sogar das Englische zu bieten, das ja bekanntlich mit Großbuchstaben nicht so freigebig ist. Wenn dir aber deine Freundin schreibt i helped my uncle jack off a horse, dann wirst du wahrscheinlich inständig hoffen, dass hier außer dem i noch ein Wort fälschlich kleingeschrieben wurde.  

Auch bei der Getrennt- und Zusammenschreibung sollte man wissen, was man anstellt. Dies zeigt das Feedback der Woche. Denn euer Ergebener hatte geschrieben: Wer weiter reicht, erreicht mehr. Zurück kam die Frage: Was reichen wir weiter? Deshalb hier wieder einmal eine serviceorientierte Mitteilung, damit in Zukunft alles paletti läuft.

Also: Verben sind promiskuöse kleine Viecher, die sich bald einmal mit etwas paaren, das ihnen über den Weg läuft. So mit Substantiven (bergsteigen), mit Partikeln (aufgeben, zwischenlagern), mit Adverbien (zusammenschreiben) und so weiter. Da nehmen es die Verben nicht so genau. Manchmal bleibt die Geschichte aber platonisch. Das merkt man daran, dass dabei kein neues Wörtchen entsteht. Denn wenn wir etwas zusammen schreiben, dann sind wir nachher entweder beide stolz auf unser Werk, oder, was wahrscheinlicher ist, nur einer von uns hat etwas geschrieben, aber die Einser fürs gelungene Bioreferat holen wir uns beide ab. Wichtig ist aber: Wir waren zusammen, und wir haben geschrieben. Dabei ist kein „zusammenschreiben“ in die Welt gekommen.

Wenn wir hingegen etwas zusammenschreiben, dann deshalb, weil die neue Verbindung mehr ist als die Summe ihrer Teile. Man kann etwas klein schneiden oder kleinschneiden, am Schluss kommen jedenfalls Zwiebelwürfelchen heraus. Wenn man hingegen etwas großschreibt, dann bringt man wahrscheinlich genau so viele Buchstaben auf einer Seite unter, sie sehen aber anders aus. Deshalb wird hier zusammenschreiben jedenfalls zusammengeschrieben – was es bedeutet, erschließt sich nicht unmittelbar aus der Bedeutung seiner Einzelteile.

Im Feedback der Woche ist es natürlich noch ein bisschen komplizierter zugegangen, indem das Adverb weiter mit der Steigerung des Adjektivs weit verwechselt wurde. Wenn du weiter reichst, hast du längere Arme. Etwas weiterreichen kannst du sogar, wenn du ein längst ausgestorbener Tyrannosaurus rex bist. Ein frisch geschlüpfter T-Rex war übrigens noch ein ganzes Eckhaus kleiner als ein frisch geworfener Elefant, weshalb er in der Pandemie keinen Auftrag hatte. Schönes Wochenende!

 

Freitag, 25. Februar 2022

Besser mehr

 

Die Rechtschreibreform ist nun schon 26 Jahre her, o traditionsbewusste Lesehäschen. Welcher Tag wäre also besser geeignet als der heutige, um sich zu freuen, dass nicht jede doofe Regel diese Jahre überstanden hat!

Die Rechtschreibreform hatte nämlich vor allem den Zweck, den Schülern das Leben leichter zu machen, was schon damals so seltsam anmutete wie heute, indem man mit deutscher Zunge aufgewachsen sein muss, um auf eine solche Idee zu kommen. Die Engländer finden offensichtlich bis heute nichts dabei, dass zum Beispiel die Zeichenfolge „ough“ mindestens vier verschiedene Laute meinen kann, je nachdem, ob man tough, cough, though oder through schreibt.

Im Zuge ihrer Forschung mussten die Reformer feststellen, dass es im Deutschen hin und wieder Wörter gibt, die fatal an Substantive erinnern und also großzuschreiben wären, ohne aber so richtig welche zu sein. Man löste das, indem man sie zu Substantiven erklärte und fortan großschrieb. Ein Opfer dieser Prozedur war das Recht: Einst sprach der Richter Recht, und je nachdem bekam entweder der Kläger oder der Beklagte recht.

Nach der Reform wurde die Sache für beide Seiten einfacher, aber auch unbefriedigender. Nunmehr sprach der Richter immer noch Recht, der Kläger bekam aber auf jeden Fall Recht. Der Beklagte freilich ebenfalls. Denn auch dieses Recht wurde nun großgeschrieben und war also identisch mit dem Richterspruch. Beide bekamen Recht, wobei einer von ihnen durch die Finger schaute. Ob einem oder beiden dabei recht (oder, man mag es sich kaum vorstellen, Recht) geschehen war, weiß freilich nur Gott. Die gute Nachricht: Heute empfiehlt sogar der Duden wieder, dass man recht bekomme, obgleich man weiterhin Recht bekommen darf, wenn man unbedingt will.

Weiters freuen wir uns nach längerer Pause über ein – Tusch! – Feedback der Woche. Denn es begab sich, dass der Texter einen Satz wie diesen verbrach:

Bereits 9 von 10 Elefanten fressen lieber Heu als Gras.

Schon der Anfänger sieht hier zwei Riesenprobleme, über die sich hinwegzuschwindeln versucht wurde, sozusagen zwei elephants in the room:

Man redet zwar von Zahlen (9 und 10), aber es besteht immer die Gefahr, dass der schlampige Leser diese nicht identifiziert. Und der Satz steht ein bisschen gar schlicht da, wie ein Stück Butter, wenn man sich eine Fasanterrine erhofft hatte.

Es wird daher niemand wundernehmen, dass alsbald ein Feedback erfolgte, das beides bereinigte, sodass der Satz nunmehr lautete:

In Zahlen gesprochen sind es bereits 9 von 10 Elefanten, die lieber Heu als Gras fressen.

Wie natürlich fügt sich hier eines zum andern! Der Leser wird schonend darauf vorbereitet, dass gleich Zahlen kommen. Mit einem Beistrich ist die Geschichte wesentlich terrinenhafter, und außerdem ist der Satz um fast zwei Drittel länger geworden, was aus Kundensicht nur ein Vorteil sein kann, weil der Texter ja immer gleich viel kostet, ob er was Kurzes schreibt oder was Langes. Weil man aber, anders als beim Fleischhauer, vom Texter die Frage, ob es ein bisserl mehr sein dürfe, nicht erwarten sollte, bleibt dem kostenbewussten Kunden nichts übrig, als selber unauffällig den Daumen auf die Waage zu legen, damit er auch was für sein Geld kriegt.

Schönes Wochenende!

Freitag, 19. November 2021

Für mindestens 18-Jährige

 

Leider, o teure und zweifellos flächendeckend immunisierte Lesehäschen, kam der Rat eures Ergebenen, wie man die Impfrate durch wohlerwogene Gamification eventuell steigern könnte, zu spät. Man sieht an den aktuellen Ereignissen, dass in der türkisen Volkspartei die christlichen Elemente stärker sind, als man dachte. Heißt es doch im Matthäusevangelium:

Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Hier ist offensichtlich von den immer häufigeren Konflikten die Rede, die Familien in Impfwillige und Ungeimpfte spalten. Indem die Regierung diesen durch eine Informationspolitik Vorschub geleistet hat, die darauf ausging, jede Seite gegenüber der anderen lächerlich zu machen, hat sie also nicht mehr als gut christlich gehandelt. Dass die Kluft im Land nur noch durch einen Lockdown zu schließen ist – was soll’s. Ist nicht der erste, wird nicht der letzte sein.

Die nächste Frage ist nun, wie diese gesellschaftliche Realität sich im Deutschen abbilden lässt. Denn wenn der Genderstern recht ist, so kann es nur billig sein, auch sprachlich das Trennende über das Verbindende zu stellen. Deshalb: Weg mit dem Bindestrich! War er einst eine willkommene Prothese für Leute, die ihren Lesern nicht zutrauten, mehrsilbige Wörter zu verarbeiten, sodass aus der Marketingkonferenz im Handumdrehen eine mundgerechtere Marketing-Konferenz wurde, so ist er nun ein lästiges Überbleibsel aus einer Zeit, als man noch dachte, es sei wünschenswert, Dinge zusammenzubringen. Wer wagt es, endlich zu trennen, was auseinandergehört?

Antwort: Ein lang geschätzter Kunde eures vielgeprüften Zweckdichters. Dort gibt es weiterhin Wörter mit Bindestrichen und Produktnamen ohne solche, weil es halt viel cooler ist, einen Business Schraubenzieher zu ergreifen als einen Business-Schraubenzieher. Nichts ist aufgeräumter als die Leere, und horror vacui sowieso total 1975, als man noch alles mit Blumenmustern anräumen zu müssen glaubte. Heute dagegegen: skandinavische Schlichtheit. Doch wie wir wissen, gibt es nicht nur Rule 34: There’s porn of it. Es gibt auch too much of a good thing, beziehungsweise in diesem Fall too wenig of a thing, das notwendig wäre. Bei eigenen Produktnamen darf sich ja jeder aussuchen, ob er die mit Bindestrich, Doppelpunkt oder Heftpflaster schreibt. Wenn aber ein Whiskyhersteller seinen „12jährigen“ Stoff anpreist, ist das schon falsch, weil Buchstaben und Zahlen nicht so einfach zusammenpassen, das ist wie Lego und Fischertechnik, da brauchst du einen Bindestrichadapter.  Spricht er gar vom „12 jährigen“, dann stellen sich zart die Haare auf. Wollte er uns nicht mitteilen, die Plörre sei zwölf Jahre alt? Warum dürfen die 12 und die Jahre dann nichts miteinander zu tun haben? Auch eine „ph neutrale“ Seife ist eine orthographische Sauerei, da nützen alle Tenside nichts, das wird nicht mehr sauber. Beziehungsweise eben schon: Die Wörtervereinigung ist so jugendfrei, dass sie praktisch gar nicht stattfindet. Wenn zwei Wörter sich schon so fest liebhaben, dass sie ein neues machen, darf man das auch ruhig sehen. Deshalb, o meine Teuren, her mit dem Bindestrich, damit die Wörter sich wieder zusammenferkeln können, als gäbe es kein Morgen, dafür ph-neutral, 70-jährig und Cr6-frei.

Schönen Lockdown und schönes Wochenende!

 

Freitag, 18. Dezember 2020

Angst vor Fliegen

 

Mein lieben Lesehäschen, der Teufel liegt im Detail. Das gilt besonders dann, wenn man (jaja, Pandemie!) nichts besseres zu tun hat, als sich mit der korrekten Aussaat von Beistrichen (für die nördlichen Häschen: Kommata) zu befassen. Der Beistrich ist ja der Fliegenschiss unter den Satzzeichen, woher der bekannte satanische Ehrentitel Herr der Fliegen rührt. Wie ein Fliegenschiss an der ansonsten klaren Fensterscheibe zieht auch der unrichtig gesetzte Beistrich betretene Blicke auf sich, ist aber noch schlimmer als jener: Glänzt der Fliegenschiss durch Abwesenheit, so ist alles paletti, während der Beistrich ebenso schmerzlich fehlen kann, wie er, wenn überflüssig, stört. Wie man es also macht, kann es falsch sein, woraus man immerhin ersieht, dass die Sprache lebendig ist, weil es im Leben nicht anders ist.

Obzwar alle Beistriche grundsätzlich gleich wichtig sind, gibt es natürlich welche, die gleicher wichtiger sind, weil sie an exponierter Stelle stehen, also zum Beispiel am Anfang und Ende einer WhatsApp, die wahrscheinlich jemand über 40 verfasst hat, weil kein Schwein unter 40 auf die Idee käme, auf WhatsApp Begrüßungs- und Abschiedsfloskeln zu verwenden.

Da kommt es jetzt auf die Fliegenschisse an.

 

Liebe Lesehäschen,

dass am Anfang ein Beistrich steht, am Ende aber nicht, hat sich wohl schon herumgesprochen.

Mit herzlichem Gruße

dein Zweckdichter

 

Wie man sieht, wird eine Anrede mit Beistrich abgetrennt (also ihr, „Liebe Lesehäschen“), während „Mit herzlichem Gruße“ keine Anrede ist und daher auch keinen Beistrich abkriegt.

Weil aber der Teufel vom Fliegenherumkommandieren nicht müde wird, schläft er nicht. Das Ende der fliegenverdreckten Fahnenstange ist daher noch nicht erreicht. Denn auch ein Ausruf kann eine Begrüßung sein, wenn du deines alten Kumpels Sebastians ansichtig wirst und fröhlich krähst: Hallo Sebastian! Oder du krähst stattdessen Hallo, Sebastian! Denn die einschlägige Regel hält fest, dass man Ausrufe hervorheben darf, aber nicht muss. Du kannst also schreiben:

Ach, wie weh tut mir der Mangel an evidenzbasiertem Handeln.

Aber auch:

Ach lasst mich doch in Ruhe mit euren Verschärfungen.

Der Beistrich hängt nur davon ab, aus welcher Tiefenzone deines Herzens sich dir ein ach entringt.

Freilich gibt es auch Ausrufe, die von Haus aus keinen Beistrich vertragen:

O Sebastian, gehe in dich und lerne Zahlen korrekt zu interpretieren.

Hier passt kein Beistrich hinters O und kein Fliegenschiss auf die fragliche Kompetenz, weil weder im einen noch im anderen Fall genügend Raum für das eine oder andere vorhanden ist.

Solltest du, kontaktfreudiges Häschen, nun etwas zu formulieren haben, das mit Hallo beginnt, wie hältst du es dann mit dem Beistrich?

Mein Rat: je nachdem.

Ein Hallo, Sebastian, ist gar beistrichreich, hier empfehle ich Mäßigung: Der Beistrich nach Sebi genügt. Ist Sebastian aber schwer von Begriff, sodass du dich erneut an ihn wendest, mit einem immer noch fröhlichen Hallo nochmals, Sebastian, dann ist hier ein Beistrich nicht verkehrt, damit man gleich weiß, dass es um ein nochmaliges Hallo geht und nicht um einen erneuten Sebastian, wäre ja noch schöner. Ja, so ist das mit den Fliegenschissen.

Schönes Wochenende!

Freitag, 23. Oktober 2020

Wie ist mir?


Dass es kompliziert ist, meine lieben und o so aufmerksamen Lesehäschen, haben wir hieramts nicht nur schon des Öfteren konstatieren müssen, wir sind damit auch schon beim Thema.

Manche Themen werden ja, wie Sauerkraut oder Gulasch, beim Aufwärmen noch besser. So hoffentlich auch dieses, denn vom Prädikativ war schon einmal die Rede, wenn es auch, das kann man nicht anders sagen, damals eine Scheißkolumne war.

Was war noch schnell ein Prädikativ? Da gibt es verschiedene. Heute greifen wir wahllos die obligatorischen Prädikative heraus. Denn es gibt bekanntlich Verben, die für sich allein kein vollständiges Prädikat bilden können. Du kannst schmollen, nachdenken, kochen oder unterrichten, und bei alldem genügt sich das Verb als Prädikat selbst. Wenn du hingegen bist, bleibst, nennst oder dich erweist, dann muss zum Verb noch etwas hinzutreten – wobei es bisweilen von der Bedeutung abhängt, ob ein Verb ein Prädikativ braucht. Ein rein existenziell gemeintes sein braucht keines. Ansonsten musst du schon dazusagen, ob du angefressen, gesund oder im Rückstand bist. Wenn alle anderen gehen, du aber noch bleibst (also: deinen Ort nicht veränderst) ist das vollrohr in Ordnung. Wenn es aber um deine Verfassung geht, verrate uns, ob du jung, Jungfrau oder verfressen bleibst.

Verben, die ein Prädikativ gastfreundlich im Satz aufnehmen, nennt man auch (Bildungsauftrag!) Kopulaverben (hihi). Dazu gehören neben den schon erwähnten auch Wörter wie scheinen, dünken, klingen, gelten und ähnliche. So weit, so geil.

Nun erlebt man aber noch allerlei anderes. Vielleicht hat ein fleißiges Häschen schon einmal Holz klein gehackt, seinen Teller leer gegessen (damit das Wetter schön wird), sich glatt rasiert oder sich ein anderes Häschen schön getrunken. Sind das vielleicht auch Prädikative?

Nein, nein und nochmals nein, empört sich da der i-Tüpferl-Puderant in residence. Denn nach einem ordentlichen, rotbackigen Prädikativ kann man auch ordentlich fragen. Wie bist du, wie bleibst du, wie scheint es dir, wie nennst du dich? Das geht wunderbar. Doch bei solchen dahergelaufenen Möchtegerns, die sich das Prädikativmäntelchen umhängen wie der Trump den Mund-Nasen-Schutz, funktioniert das nicht. Wie habe ich den Teller gegessen? – Leer. Das ist offensichtlich Blödsinn, weil wie eine Eigenschaft erfragt (die auch die Eigenschaft eines Vorgangs sein kann!), leer essen hingegen einen Vorgang umschreibt.

Man erkennt daran, dass auch in der Orthographie nichts Besseres nachkommt. Einst nämlich hat man sich ein Häschen niemals schön getrunken, sondern stets schöngetrunken, die Politik nicht schlecht geredet, sondern schlechtgeredet und einem Qanon-Gläubigen die Ohren nicht lang gezogen, sondern langgezogen. Denn welche Wortart haben wir zur Hand, wenn wir sagen wollen, dass etwas geschieht? Genau, das gute alte Verb. Deshalb machte die Rechtschreibung einst aus einem Verb, das mit Hilfe eines Adjektives einen ganz bestimmten Vorgang beschrieb, ein neues Verb, sodass die Schnecken, die ganz viel zu fressen pflegten, den Garten kahlfraßen.

Im aktuellen Duden darf man beides. Man kann langziehen oder lang ziehen (was etwas anderes ist), man darf leeressen oder leer essen (was etwas anderes wäre, wenn es möglich wäre) und so weiter. Natürlich „empfiehlt“ der Duden jeweils die Getrenntschreibung, weil sie zwar doofer, aber einfacher ist. Nur bei einem solchen Wort kennt er keinen Pardon. Deshalb Frage an die Redaktion: Warum darf man etwas ruhig klein hacken, muss es aber jedenfalls kleinschreiben? Na, Duden, Oida, was ist da los?

Schönes Wochenende!



Freitag, 21. März 2014

Was zu den Essen


Mehrfach wurde die Frage an euren Kolumnator herangetragen, wie das mit den Essen sei. Den doppelten und den scharfen Essen nämlich. Gerne greife ich diese Frage auf, denn dabei kann man nichts falsch machen, bleibt ganz von selbst sachlich und fängt nicht an zu geifern, wenn man zum Beispiel an das gestrige Telefonat mit dem Kunden denkt oder an das heute empfangene Feedback vom andern Kunden.

Fangen wir damit lieber gar nicht erst an, sonst wird das eine Kolumne voller #*$%&$$%$§§%. Schwer lesbar, und es nutzt ja doch nichts. Manche scheitern an Krieg und Frieden, andere an Subjekt-Prädikat-Objekt. Letztere sind im Marketing gut aufgehoben, weil "Keep it simple, stupid." Als stupider Simpel hat man genug damit zu tun, Briefings zu schreiben, um die eigene Geistesblöße notdürftig zu bedecken, und kann sich nicht mit der Frage abgeben, warum der Texter im Mailing gern vollständige Sätze stehen hätte anstatt ein Geschwurbel, das aussieht, als hätte ein Orang-Utan einen Erpresserbrief zusammengepickt.

Also, die Esse sind die große Ausnahme, der eine löbliche Punkt, wo die Rechtschreibreform tatsächlich mehr Klarheit gebracht hat. Früher, so erinnern sich die Lesehäschen in meiner Altersklasse, lautete die Regel wie folgt:

Nach kurzem Vokal kam ss (Masse, hassen, lassen, essen).

nach langem Vokal kam ß (Straße, Maße, weiße).

Am Wortende aber stand immer ß: Faß, Haß, Gelaß.

Dieses blieb erhalten, auch wenn das End-ß ins Wortinnere rutscht, z.B. in einer Zusammensetzung: Paßfoto, Kußmund.

Heute gelten nur noch die ersten beiden Regeln, d.h. man schreibt ss, wenn der Vokal kurz ist, auch am Wortende: Fass, Hass, aber weiterhin Maß. Nach langen Vokalen bleibt sowieso das ß. Ach ja, Diphthonge (ei, au usw.) gelten immer als lang!

Der Vollständigkeit halber auch noch die Erinnerung, wie das mit dem dass und das ist:

Lässt sich das das(s) sinnvoll durch "dieses" oder "welches" ersetzen, dann schreibt man das. Wenn das nicht möglich ist: dass.

Ich hoffe, damit gedient zu haben.  Woraus ich mich heute abend ansaufe, weiß ich schon: aus Verzweiflung.

Freitag, 13. Dezember 2013

Groß- und Kleinschreibung


Auf Wunsch einer mir besonders teuren Leserin (also, ihr seid mir ja alle besonders teuer, schon weil ich so wenige von euch habe) widmen wir uns heute dem Thema der Groß- und Kleinschreibung. Eilige lesen nur die Kurzfassung:
"Wer zu faul ist, in E-Mails Wörter groß zu schreiben, die groß geschrieben gehören, der frisst auch kleine Kinder, hat wahrscheinlich einen kleinen Penis (gilt auch für Frauen) und ist überhaupt ein kleinkarierter Kleingeist von der Sorte, die als erste an der Wand stehen, wenn eine Revolution kommt, und sei es nur eine kleine."
So.
Die Langfassung ist, leider und natürlich, komplizierter. Seit ungefähr 350 Jahren gibt es im Deutschen das, was wir als Groß-/Kleinschreibung kennen: Große Eigennamen und Satzanfänge, große Substantive und substantivierte Wörter, und so weiter. Kleinschreibung (bis hin zur völligen Kleinschreibung ganz ohne Großbuchstaben) blieb fortan Künstlern vorbehalten. Christian Ide Hintze schrieb klein, Ernst Jandl kam oft gut ohne Versalien aus, Stefan George desgleichen.
 So weit, so gut, so analog. Dann bekam plötzlich jeder von uns eine Tastatur vor den Latz geknallt, und alsbald erwies sich wieder, was eh schon altbekannt war: Die Menschen sind schon recht, nur die Leut' sind ein G'sindel. Immer seltener fanden Schreibende den Weg zur Shift-Taste, E-Mails versanken in einem brei aus kleinbuchstaben, durch den sich der empfänger mühsam durchessen musste wie der arme kerl im märchen.
Ist es das wirklich wert? Ersparen wir uns mit der Kleinschreiberei so viel Mühe, dass es dafür steht, dem ebenfalls geplagten Nebenmenschen die Lektüre dieses Minuskelmorastes aufzuhalsen? Ich erspare es mir, hier die gut abgehangenen Beispiele anzuführen, von wegen dem „gefangenen floh“ und „die spinnen“ und so weiter. Genügt es doch zu sagen, dass die deutsche Großschreibung das Lesen und damit das Leben leichter macht.
Deshalb ganz klar: Nein, die Kleinschreibung ist es NICHT wert. Gepflegte Groß-/Kleinschreibung ist eine höchst schätzbare Form der Höflichkeit, sie schmeidigt die Kommunikation, ja, ich stehe nicht an zu sagen: Sie zeugt von Herzensbildung. Strecken wir (als zehnfingrige Tippsler) den kleinen Finger im richtigen Moment, bemühen wir (als Adler-Suchsystematiker) den freien Zeigefinger, und nicken wir so unserem Nächsten freundlich zu, im stummen Einverständnis, dass wir einander als Menschen wertschätzen. Hurra!

Und wer jetzt in die andere Richtung kippt und ein ALL-CAPS-SCHREIHALS wird, der kommt gleich ohne Umweg in die Wurst.