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Freitag, 27. Januar 2023

Grau in grau

Fremdwörter, o klassisch gebildete Lesehäschen sind bekanntlich Glückssache, und wer sich noch nie infisziert hat, werfe den ersten Stein.

Noch mehr Glück braucht man freilich mitunter, um nicht nur das richtige Fremdwort zu erwischen, sondern ihm auch das korrekte Geschlecht zuzuschreiben. Anders als Menschen können die meisten Wörter (also: Hauptwörter, bei den andern ist es wurscht) ihr gender nämlich nicht nach Belieben wechseln. Nur wenige haben zwei oder gar gleich alle drei grammatischen Geschlechter in der Tasche wie James Bond seine Pässe. Der/die/das bekannteste Beispiel ist wohl Joghurt, dessen Geschlecht in der Jugend eures Ergebenen bisweilen für Diskussionen sorgte (es waren Zeiten vor dem Smartphone). Tatsächlich darf man der/die/das Joghurt sagen, wie man lustig ist. Früher war, wie hieramts vor längerem bemerkt, auch Dschungel so fluid, aber mittlerweile hat die Dudenredaktion eingesehen, dass „die Dschungel“ wahrscheinlich der Scherz eines Praktikanten war, dem niemand auf die Finger geschaut hatte, und „das Dschungel“ geht jetzt auch nicht so recht ölig runter.

Aber wir waren bei den Fremdwörtern. Euer Zweckdichter hätte bis vor Kurzem beliebige Summen darauf verwettet, dass man z. B. als niederösterreichischer Landeshauptmann ein Protegé hat. Tatsächlich hat man einen Protegé, auch wenn es sich um die Hanni handelt. Auf Risotto wäre ich ebenso reingefallen, denn du lässt dir den Risotto schmecken, besonders, wenn es sich um die unschlagbare Umami-Bombe mit Thunfisch und ordentlich Grana handelt, nicht etwa das Risotto.

Beides ist leicht damit erklärt, dass weder das Französische noch das Italienische ein grammatisches Neutrum kennen, sodass Joghurt dort wohl nicht nur genau zwei Drehrichtungen, sondern auch genau zwei Geschlechter hat.

Damit zum Feedback der Woche. Es verdient unter den Feedbäcken einen Ehrenplatz, weil man als Gebrauchstextproduzent nur höchst selten so klar erfährt,  was die eigenen Erzeugnisse für den zahlenden Kunden wert sind. Das Feedback fand sich auf der linken Hälfte einer Doppelseite, die rechts mehr Text enthielt als links, und lautete „bitte mehr Text“. Nicht etwa „hier bitte noch folgende Info“ oder etwas in der Art. Gewünscht war tatsächlich nichts als eine Steigerung des Grauwerts auf der Seite.

Man bekommt Lust, sich einen Anzug anmessen zu lassen, nur damit man bei der zweiten Anprobe testen kann, wie der Schneider dreinschaut, wenn man aufs linke Hosenbein deutet und sagt „bitte mehr Stoff“. Schönes Wochenende!


 

Freitag, 10. Juni 2022

Ordnung

 

Es ist, meine teuren, aber nicht sonderlich leistungswilligen Lesehäschen, erst Anfang Juni! Niemand, tatsächlich niemand hat auf die Frage nach der korrekten Bezeichnung für, nunja, Ausübende des Zimmereiberufs, denen man mit Zimmermann oder Zimmerfrau auf den Schlips oder ein genderneutrales Accessoire stiege, auch nur eine depperte Antwort geliefert.

Notenkonferenz ist bitte erst übernächste Woche, Herrschaften, bis dahin erwarte ich mir gefälligst Mitarbeit! Die richtige Antwort lautet natürlich Zimmerperson, was den Vorteil hat, dass sich damit nicht nur die herkömmlichen Zimmerleute gemeint zu fühlen haben, die etwa mit einem Latthammer oder einem Kronenbohrer etwas anzufangen wissen, sondern, nehmt alles nur in allem, auch jene Zimmermädchen, -buben und sonstigen Zimmermenschen, deren Wirkungsgebiet nicht die Errichtung, sondern die Erhaltung einer ordentlichen Räumlichkeit ist. Wenn das keine Effizienzsteigerung ist, dann weiß ich auch nicht.

Ganz anders sieht es leider im Bereich der Musik-Apps aus. Angenommen, du hast einen guten Freund, der dir einst, als wir noch auf Dinosauriern zum Konsum geritten sind, nicht etwa eine Mix-CD gebrannt hat, sondern eine Serie von fünf Stück mit ungefähr 90 Nummern drauf. Er hat viel Zeit und Liebe darauf verwendet, und du willst das wertvolle Kompilat nicht mit den Selbstgebrannten untergehen lassen. Also rippst du die Dinger, man hat ja als alter Sack ein CD-Laufwerk parat.

Jetzt kommt der wichtige Teil: das Zeug so aufzubereiten, dass eine handelsübliche Musik-App die Stücke in der richtigen Reihenfolge abspielt, denn Shuffle wäre hier so wie Ketchup zum Schnitzel oder in Montana Steaksauce zum Steak (in Montana ist das anscheinend voll das No-Go). Man denkt sich zunächst, die App könnte die Reihenfolge des Rippens einhalten, irgendwie geht das aber nicht. Das Internet rät dir daher, am Anfang jedes Dateinamens eine hinreichend vielstellige Nummer einzufügen und die Stücke nach Namen zu ordnen.

Gesagt, getan. Natürlich dauert das, aber es hat ja auch gedauert , die CDs zu rippen sowie Interpret und Titel jeder Nummer zu ergänzen, da kommt es darauf auch nicht mehr an.

Nun hast du die Playlist auf dem Handy, ordnest sie nach Namen und drückst Play. Es ertönt als erstes Abgesang von Gustav, was nett ist, aber erst ungefähr an 70. Stelle kommen sollte. Nach einigem Herumprobieren stellst du fest, dass die App nicht imstande ist, die Lieder nach den Dateinamen zu ordnen. Wenn sie auch behauptet, das zu tun, so ordnet sie stattdessen doch trotzdem hartnäckig nach Titeln. Da war der Tipp aus dem Internet vielleicht doch nicht so gut. Es könnte natürlich auch an der doofen vorinstallierten App liegen. Schließlich gibt es noch ungefähr 5.000 andere Musik-Apps.

Machen wir es kurz: Anscheinend gibt es keine einzige App, die sich dazu bewegen lässt, die tatsächlichen Dateinamen als Ordnungsprinzip zu nutzen. Auch bei 90 Stücken auf der Playlist muss man sie manuell in die gewünschte Reihenfolge bringen.

Irgendwie musste euer Ergebener bei dieser Entdeckung an ein kürzlich erfolgtes Feedback denken: Zu abstrakt abgeholt!

Da kann man nur auf ein schönes Wochenende hoffen.

Freitag, 25. März 2022

Die richtige Art, Perlen zu kombinieren

 

An dieser Stelle, o teure Lesehäschen, gedachte euch euer Ergebener ein wunderhübsches Feedback zu präsentieren. Doch kann man nicht immer, wie man gern wollte, eingedenk der Weisheit, dass ein Kluger, den du auf einen Fehler hinweist, sich bei dir bedanken wird, während ein anderer vielleicht anders reagiert. Deshalb lassen wir das mit dem Feedback lieber und kuscheln uns zur Märchenstunde zusammen. 

Es war nämlich einmal ein armer Perlentaucher, der lebte am Meer. Allmorgendlich erhob er sich vor Tau und Tag von seinem harten Lager, nahm ein karges Frühstück zu sich, wenn er eines hatte, und sprang dann von den Klippen, um zu den Austern hinabzutauchen, freilich nicht ohne sich zuvor dick mit Vaseline einzucremen, das ist sonst nicht gut für die Haut.

Den lieben langen Tag tauchte er hinab und wieder auf, brach die scharfkantigen Austern los und holte sich gar manche tiefe Schramme dabei. Selten genug wurde er mit einer brauchbaren Perle belohnt. Die sammelte er in einem Beutelchen voller Hoffnung.

So ging manches Jahr ins Land, und der arme Perlentaucher wurde nicht reicher dabei. Doch gab er nicht auf, und eines Abends war es so weit: Er hatte genügend Perlen beisammen, um daraus eine ansehnliche Kette zu fertigen. Also setzte er sich hin, nahm die längst vorbereitete Schnur zur Hand und fädelte die Perlen eine nach der anderen auf. Wenn man drüber nachdenkt, war es ein bisschen so, wie wenn einer etwas schreibt und einen Satz nach dem anderen zu Papier bringt. Doch das nur nebenbei.

Schneller als gedacht (so richtig Übung hatte er ja nicht in so etwas, mangels Perlen) war die Perlenschnur vollendet. Er ließ sie durch seine Finger gleiten, betrachtete sie stolz, legte sie sich sogar für einen Augenblick selber um den Hals – nein, das war nichts.

Nun machte er sich auf in die nächste Stadt, um den Ertrag langer Arbeit zu Geld zu machen. Er betrat das Geschäft des einzigen Juweliers, der ihn zunächst misstrauisch ansah, sich aber beruhigte, als er erfuhr, dass der abgerissene Kerl etwas zu verkaufen wünschte. Der Juwelier ließ sich die Perlenkette zeigen, deren Perlen immer noch aufgefädelt waren wie geordnete Sätze in einem Text. Dann rümpfte er ein bisschen die Nase und sprach: „Die wirken aber sehr aneinandergereiht.“

Ja, so war die Geschichte von dem armen Perlentaucher, die absolut nichts mit einem kürzlich stattgehabten Feedback zu tun hat, in dem übrigens auch keineswegs behauptet wurde, die Wendung, Dinge, mit denen sei umgangssprachlich.

Schönes Wochenende!

Freitag, 18. März 2022

Trennungsschmerz

 

Es kommt, o teure Lesehäschen, immer darauf an, mit wem man sich einlässt. So lange ist es gar nicht her, da hattest du – wer erinnert sich noch? – plötzlich einen „Babyelefanten“ vor dir stehen, wenn du auf Sebastian gehört hast. Was natürlich die Frage aufwirft, ob Konstantin ein Babymensch, ein Menschenbaby oder noch etwas anderes ist. So ähnlich ist es, was keinen überraschen wird, bei den Wörtern. Auch für sie macht es einen Unterschied, ob sie brav Abstand halten oder ob Kampfkuscheln angesagt ist. Bei der Groß- und Kleinschreibung weiß man ja, wie wichtig die ist, wobei wir uns mit Schwachheiten wie „der gefangene floh“ nicht aufhalten müssen, denn wenn man anfängt, sich einen Kontext auszumalen, in dem das nicht eh klar ist, wird man nicht fertig damit. Schlagendere Beispiele hat sogar das Englische zu bieten, das ja bekanntlich mit Großbuchstaben nicht so freigebig ist. Wenn dir aber deine Freundin schreibt i helped my uncle jack off a horse, dann wirst du wahrscheinlich inständig hoffen, dass hier außer dem i noch ein Wort fälschlich kleingeschrieben wurde.  

Auch bei der Getrennt- und Zusammenschreibung sollte man wissen, was man anstellt. Dies zeigt das Feedback der Woche. Denn euer Ergebener hatte geschrieben: Wer weiter reicht, erreicht mehr. Zurück kam die Frage: Was reichen wir weiter? Deshalb hier wieder einmal eine serviceorientierte Mitteilung, damit in Zukunft alles paletti läuft.

Also: Verben sind promiskuöse kleine Viecher, die sich bald einmal mit etwas paaren, das ihnen über den Weg läuft. So mit Substantiven (bergsteigen), mit Partikeln (aufgeben, zwischenlagern), mit Adverbien (zusammenschreiben) und so weiter. Da nehmen es die Verben nicht so genau. Manchmal bleibt die Geschichte aber platonisch. Das merkt man daran, dass dabei kein neues Wörtchen entsteht. Denn wenn wir etwas zusammen schreiben, dann sind wir nachher entweder beide stolz auf unser Werk, oder, was wahrscheinlicher ist, nur einer von uns hat etwas geschrieben, aber die Einser fürs gelungene Bioreferat holen wir uns beide ab. Wichtig ist aber: Wir waren zusammen, und wir haben geschrieben. Dabei ist kein „zusammenschreiben“ in die Welt gekommen.

Wenn wir hingegen etwas zusammenschreiben, dann deshalb, weil die neue Verbindung mehr ist als die Summe ihrer Teile. Man kann etwas klein schneiden oder kleinschneiden, am Schluss kommen jedenfalls Zwiebelwürfelchen heraus. Wenn man hingegen etwas großschreibt, dann bringt man wahrscheinlich genau so viele Buchstaben auf einer Seite unter, sie sehen aber anders aus. Deshalb wird hier zusammenschreiben jedenfalls zusammengeschrieben – was es bedeutet, erschließt sich nicht unmittelbar aus der Bedeutung seiner Einzelteile.

Im Feedback der Woche ist es natürlich noch ein bisschen komplizierter zugegangen, indem das Adverb weiter mit der Steigerung des Adjektivs weit verwechselt wurde. Wenn du weiter reichst, hast du längere Arme. Etwas weiterreichen kannst du sogar, wenn du ein längst ausgestorbener Tyrannosaurus rex bist. Ein frisch geschlüpfter T-Rex war übrigens noch ein ganzes Eckhaus kleiner als ein frisch geworfener Elefant, weshalb er in der Pandemie keinen Auftrag hatte. Schönes Wochenende!

 

Freitag, 11. März 2022

Was zu feiern


 

Zappen ist, o bildungsbeflissene Lesehäschen, ja  meistens Zeitverschwendung. Bisweilen aber (vorausgesetzt, das Zweckdichterbalg hat nichts mitzureden, denn dann ist Zappen keine Überraschungstüte, sondern nur ein Umweg zu Home & Garden TV), bisweilen also kommt einem etwas unter, was man ohne Zappen nicht erfahren hätte. Nämlich gibt es seit Jahrzehnten praxistaugliche Kunstherzen. Die werden Leuten eingesetzt, um die Wartezeit auf ein Spenderherz zu überbrücken. Blöd ist, und jetzt kommt die Frucht des Zappens, wenn man eine Frau ist. Denn die Herzerzeuger nehmen als Standardpatienten einen Mann von ungefähr einsachtzig und ungefähr 85 Kilogramm an. Wenn man schmaler gepickt ist, hat so ein Kunstherz eventuell im Brustkorb keinen Platz und es bleibt einem nur der Notausgang aus dem Leben. Erst jetzt kommen kompaktere Modelle auf den Markt. Einem alten, weißen Bosnigl wie eurem Ergebenen drängt sich hier natürlich die Frage auf, wie die Gendertheorie dazu steht, für die das biologische Geschlecht ja lediglich ein Konstrukt ist, und ob Judith Butler, wenn sie, was Gott verhüten möge, in die Lage käme, aus Platzmangel dem Tod ins Auge zu sehen, sich halt einen geräumigeren Thorax herbeiperformieren würde.

Wie wir alten Dekonstruktivisten wissen, geht es bei solchen Dingen um die sogenannte Performativität des Sprechens. Das Sprechen selbst bringt gleichsam den Sprecher hervor, wenn es oft genug geschieht. Oder so ähnlich, das Interessante am Dekonstruktivismus ist ja, dass er immer eine Frage mehr zu stellen vermag, als man Antworten findet. Es sei denn, man ist Judith Butler, dann hat man irgendwann in Dekonstruktivismus gewonnen. Davon zu unterscheiden ist die Performanz. Sie zeigt sich in Äußerungen, die Realität schaffen. Wenn dir der Richter zum Beispiel fünf Jahre aufbrummt, ist das eine performante Äußerung, weil du dann einsitzen gehst.

Weniger dramatisch, und damit sind wir endlich bei den Feedbacks der Woche, geht es zu, wenn sich jemand etwas ausdenkt. Erstens gibt es nämlich einen neuen Feiertag: Euer Zweckdichter entbrach sich kürzlich eines Satzes, in dem das Wort „Weihnachtsgrüße“ vorkam. Dieses verwandelte sich im Dienstweg des Feedbacks in ein viel besseres Wort, die Unternehmensgrüße. An welchem Tag wir Unternehmen feiern, bleibt noch zu klären, ebenso wie die Frage, ob wir einander frohe, fröhliche, besinnliche oder einfach schöne Unternehmen wünschen werden. Hauptsache frei!

Das zweite Meisterfeedback betrifft die Frage, wie man Kunden lockt. Antwort: Man preist die Vorteile dessen an, was man zu bieten hat. Am besten übersichtlich aufgelistet, wenn es mehrere sind. In einer solchen Liste fehlte dem Feedbackspender ein Wort, das er denn auch hineinurgierte: das Wort Einschränkung. Das leuchtet ein, denn wer von uns hätte sich nicht schon beim Überfliegen diverser Angebote gedacht: „Oha, hier kann ich mir eine Einschränkung holen! Wo unterschreibe ich?“ Jaja, so sind die Menschen. Schönes Wochenende!

Freitag, 4. März 2022

Ordentlich

 

Soll man, o bisweilen schon fast unheimlich ordnungsliebende Lesehäschen, überhaupt aufräumen?

Die Meinungen gehen dazu bekanntlich auseinander, wobei die San-Andreas-Verwerfung ebenso bekanntlich zwischen eher Teenagern und eher alten Säcken verläuft. Die einen sind der Ansicht, dass Aufräumen vergebene Liebesmüh’ sei, weil man die Sachen ja sowieso irgendwann wieder braucht. Deshalb kann man sich die Arbeit sparen, sie in Schränke und Laden zu schlichten. Stattdessen lässt man sie einfach griffbereit fürs nächste Mal liegen und hat zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Diesem Argument kann man sich schwer verschließen, vorausgesetzt, es sind ausreichend Quadratmeter vorhanden, um alles auszustreuen. Wenn die Hügelbildung einsetzt, zieht das Griffbereitschaftsargument natürlich nicht mehr.

Doch vorausgesetzt, dass jedes Glumpert seine horizontale Fläche findet und dazwischen noch Pfade freibleiben, die einen auch zu seltener benützten Besitztümern führen (Nudelmaschine, Frackweste, Osterlammbackform – diese Sachen), zahlt sich das Aufräumen aus?

Natürlich nicht. Man tut es nur für die Nachwelt, also die undankbare Brut, die zu faul ist, um auch nur das geringste bisschen Ordnung zu halten, doch eines Tages wird das alles dir gehören. Man tut es, um vor den Erben damit anzugeben, dass man nicht nur so viel Glumpert angehäuft hat, sondern auch noch die nötige Muße besaß, es zu kategorisieren.

Wer also vor der Entscheidung für oder gegen das Aufräumen steht, der muss nur die eingangs gestellte Frage beantworten, ob es genügend Fläche hat, um alles nebeneinander auszubreiten. Die Steinzeitmenschen haben nie aufgeräumt, weil für ein paar Faustkeile überall Platz ist und weil neben Jagen, Sammeln und ein bisschen Höhlenmalerei nach Feierabend auch gar keine Zeit mehr dafür blieb. Vielleicht sollten wir das Genießerprinzip der Aufräumguruette Marie Kondo („macht es mich glücklich?“) überwinden und, so wie in der Ernährung schon längst, den Paleo-Zugang neu zu entdecken: „Ist dafür Platz?“ Denn es gibt entweder zu viel Glumpert oder eine zu kleine Höhle, niemals aber die Notwendigkeit, aufzuräumen.

Und was ist mit dem Feedback der Woche? Na klar gibt es eines: Euer Ergebener verbrach ungefähr die Worte: Die Gebissbox hilft Ihnen, Fleisch- und Gemüseprothesen getrennt zu halten. Abholbereit sind Ihre Gebisse rund um die Uhr. So bleiben Sie jederzeit flexibel.

Man sieht sogleich, wo es hier hakt: Der Leser muss drei Sätze hintereinander aufnehmen, kauen, schlucken und verdauen. Außerdem brauchen wir mehr Ballaststoffe in Gestalt von Substantiven. Die Lösung kann nur lauten:

Die Gebissbox hilft Ihnen, Fleisch- und Gemüseprothesen getrennt zu halten und ermöglich Ihnen eine flexible, diskrete Abholung Ihrer Gebisse rund um die Uhr.

Man sieht also: Auch beim Texten kann man sich viel Arbeit sparen, wenn man einfach alles auf den Boden kippt. Wer etwas braucht, wird es schon aufklauben. Schönes Wochenende!

 

Freitag, 25. Februar 2022

Besser mehr

 

Die Rechtschreibreform ist nun schon 26 Jahre her, o traditionsbewusste Lesehäschen. Welcher Tag wäre also besser geeignet als der heutige, um sich zu freuen, dass nicht jede doofe Regel diese Jahre überstanden hat!

Die Rechtschreibreform hatte nämlich vor allem den Zweck, den Schülern das Leben leichter zu machen, was schon damals so seltsam anmutete wie heute, indem man mit deutscher Zunge aufgewachsen sein muss, um auf eine solche Idee zu kommen. Die Engländer finden offensichtlich bis heute nichts dabei, dass zum Beispiel die Zeichenfolge „ough“ mindestens vier verschiedene Laute meinen kann, je nachdem, ob man tough, cough, though oder through schreibt.

Im Zuge ihrer Forschung mussten die Reformer feststellen, dass es im Deutschen hin und wieder Wörter gibt, die fatal an Substantive erinnern und also großzuschreiben wären, ohne aber so richtig welche zu sein. Man löste das, indem man sie zu Substantiven erklärte und fortan großschrieb. Ein Opfer dieser Prozedur war das Recht: Einst sprach der Richter Recht, und je nachdem bekam entweder der Kläger oder der Beklagte recht.

Nach der Reform wurde die Sache für beide Seiten einfacher, aber auch unbefriedigender. Nunmehr sprach der Richter immer noch Recht, der Kläger bekam aber auf jeden Fall Recht. Der Beklagte freilich ebenfalls. Denn auch dieses Recht wurde nun großgeschrieben und war also identisch mit dem Richterspruch. Beide bekamen Recht, wobei einer von ihnen durch die Finger schaute. Ob einem oder beiden dabei recht (oder, man mag es sich kaum vorstellen, Recht) geschehen war, weiß freilich nur Gott. Die gute Nachricht: Heute empfiehlt sogar der Duden wieder, dass man recht bekomme, obgleich man weiterhin Recht bekommen darf, wenn man unbedingt will.

Weiters freuen wir uns nach längerer Pause über ein – Tusch! – Feedback der Woche. Denn es begab sich, dass der Texter einen Satz wie diesen verbrach:

Bereits 9 von 10 Elefanten fressen lieber Heu als Gras.

Schon der Anfänger sieht hier zwei Riesenprobleme, über die sich hinwegzuschwindeln versucht wurde, sozusagen zwei elephants in the room:

Man redet zwar von Zahlen (9 und 10), aber es besteht immer die Gefahr, dass der schlampige Leser diese nicht identifiziert. Und der Satz steht ein bisschen gar schlicht da, wie ein Stück Butter, wenn man sich eine Fasanterrine erhofft hatte.

Es wird daher niemand wundernehmen, dass alsbald ein Feedback erfolgte, das beides bereinigte, sodass der Satz nunmehr lautete:

In Zahlen gesprochen sind es bereits 9 von 10 Elefanten, die lieber Heu als Gras fressen.

Wie natürlich fügt sich hier eines zum andern! Der Leser wird schonend darauf vorbereitet, dass gleich Zahlen kommen. Mit einem Beistrich ist die Geschichte wesentlich terrinenhafter, und außerdem ist der Satz um fast zwei Drittel länger geworden, was aus Kundensicht nur ein Vorteil sein kann, weil der Texter ja immer gleich viel kostet, ob er was Kurzes schreibt oder was Langes. Weil man aber, anders als beim Fleischhauer, vom Texter die Frage, ob es ein bisserl mehr sein dürfe, nicht erwarten sollte, bleibt dem kostenbewussten Kunden nichts übrig, als selber unauffällig den Daumen auf die Waage zu legen, damit er auch was für sein Geld kriegt.

Schönes Wochenende!

Freitag, 15. Oktober 2021

Das Lesen ist ein langer, ruhiger Fluss

 

Es ist so weit, o teure Lesehäschen: Die Genderisation frisst ihre Kinder. Einerseits werden immer noch gerne die Mitglieder zu Mitglieder*innen korrigiert, woraus man vielleicht schließen sollte, dass die Genderisation ihre Kinder*innen frisst, weil einfach jedes -er sein Sternchen braucht. Andererseits kommen die ersten Klagen. Es ist ja hieramts seit Jahren bekannt, dass es mit Satzzeichen so eine Sache ist. Besonders der Gedankenstrich und der Doppelpunkt brennen vielen in den Augen, denn was ein ordentlicher Text ist, bei dem soll man nimmer innehalten und etwa gar einen Gedanken fassen wollen, man soll nur immer weitersausen. Der Doppelpunkt ist solchen Geistern, was die Verbotspyramide auf den Rolltreppen der Wiener Linien: Zwischen den Rolltreppen befindet sich eine nur allzu verlockende Rutsche. Damit die Kinder*innen nicht auf blöde Ideen kommen und dann einen haftungsverdächtigen Sprungrekord aufstellen, sind diese Eben-doch-nicht-Rutschen mit faustgroßen Pyramiden bewehrt. Deshalb ist es in den U-Bahn-Stationen Essig mit der großen Rutschsause. Das wirkt zwar spaßhemmend, hat aber den Vorteil, dass man dort kaum je Menschen mit eingeschränktem Urteilsvermögen und gebrochenen Knochen herumliegen sieht.

So ähnlich ist es auch mit den Doppelpunkten und Gedankenstrichen. Manchmal hat es durchaus etwas für sich, wenn der vielzitierte Lesefluss nicht in einem überregulierten Betonbett dahinschießt, sondern auch einmal einen Mäanderhaken schlagen darf. Leider regiert in so manchem Marketingstübchen aber noch der Geist der Wildbachverbauung in den 70er-Jahren (damals bekannt als „die Wildbach“), als jedes noch so kleine Rinnsal mit reichlich glatten Steinen eingehegt wurde, auf dass es rascher zu Tale schieße.

Nun stellt sich in besagten Stübchen die Schwierigkeit, dass man zwar Satzzeichen blöd finden darf, aber Gendersternchen nun einmal sein müssen, umsomehr, wenn man als Unternehmen die Installation von Sternchentoiletten hartnäckig verweigert. Irgendwo muss man schließlich zeigen, dass man weiß, was die Stunde geschlagen hat, und wie schon einmal angemerkt: Ein Sternchen ist deutlich preisgünstiger als eine Installateurspartiestunde. Wenn dann in drei Zeilen ein Sternchen, ein Strichelchen und ein Doppelpünktchen zusammenfinden, ist es laut Feedback Zeit wofür?

Genau: fürs Optimieren.

Aus dem Marketingstübchen nebenan wurden zeitgleich Zweifel angemeldet angesichts der Behauptung, dass „ein Unternehmen seine Stärken“ inszeniere. Natürlich nicht hinsichtlich der Stärken. Vielmehr stellte sich die Frage, ob es sich um seine oder ihre Stärken handle. Letzteres erforderte freilich die Erfindung der Unternehmenin oder vielmehr des*der Unternehmen*in, der*die seine*ihre Stärken nach Gusto ins Rampenlicht stellt.

Oder lieber doch nicht, weil das grammatische Genus halt ist, wie es ist und man einem Neutrum keine Keimdrüsen andichten muss.

An die Kund*innenkarteninhaber*innen hingegen, einen selten graziösen Tausendfüßler von einem Wort, sollten wir uns hingegen vorerst gewöhnen. Schönes Wochenende!

Freitag, 17. September 2021

Heimlichkeiten

 

Bevor wir, o bereiste Lesehäschen, die versprochenen Feedbacke (Feedbäcker?) kritisch beschnuppern, müssen wir uns der Frage stellen, ob Tschechien in Europa angekommen ist. Wer nämlich vorigen Donnerstag von Tabor nach Linz fahren wollte, konnte sich natürlich einfach ins Auto setzen. Aber kann das Auto in unseren Zeiten immer die Antwort sein? Natürlich nicht. Man nimmt also den Zug. Dabei hat man die Wahl zwischen der Website der ÖBB und jener der CD (also der tschechischen Staatsbahn). Die CD bot erfreulicherweise mehrere Direktverbindungen, die ÖBB leider nicht. Die aufgelegte Lösung für Optimisten wäre es natürlich gewesen, Tickets bei CD zu kaufen. Realisten schauten bei den ÖBB ins Kleingedruckte und erfuhren, dass die fraglichen Züge erst eine Woche später wieder verkehren sollten.

Wir wissen daher, dass Tschechien sehr wohl zu Europa gehört, jedoch nicht in unserem Multiversum. Deshalb Vorsicht bei der Reisebuchung!

Nun vorwärts an die Feedbackfront. Zum Beispiel hatte euer Ergebener mitzuteilen, dass ein SMS drei Komma fünfunddreißig Cent kostet, ein Monat aber drei Euro und fünfzig Cent. Kundenseitig tat sich die Frage auf, warum einmal „Komma“ und einmal „und“ gesagt wurde, obgleich „und“ als schöner empfunden wurde.

Antwort: Weil es in unserem Währungssystem nichts Kleineres als den Cent gibt, danke der Nachfrage.

Manchmal schauen Kunden auch ganz genau hin. Der gelieferte Satz lautete ungefähr: Das Kuvert eignet sich für den Versand von Ausweisen und der zugehörigen Unterlagen. Der Kunde warf die Frage auf, ob es denn nicht heißen müsse: … für den Versand von Ausweisen und den zugehörigen Unterlagen.

Tatsächlich, warum nicht? Nun denn: Weil der Versand standardmäßig mit dem Genitiv abgeht – der Versand der Ware, der Versand meines Gepäcks und so weiter. Wenn aber das Versandgut kein Attribut oder Artikelwort dabei hat, wird es schwierig. Denn das Deutsche kennt für Substantive keinen reinen Genitiv. Schickt dir dein Opa zum Beispiel selbstgeimkerten Honig, dann ist das der Versand köstlichen Honigs. Der „Versand Honigs“ ohne köstlichen geht sich aber nicht aus. Deshalb polstert man den Honig für den Versand mit einem „von“, damit grammatisch nichts zu Bruch geht. Schickt dein Opa, weil er nett ist, aber außerdem noch zwei selbstgedrechselte Honiquirle mit, dann brauchen die, weil unzerbrechlich, kein von-Polster. Das „von“ kann sich ganz auf den Honig konzentrieren, der Genitiv der Quirle ist mit Hilfe seines Attributs klar: Versand von Honig und gedrechselter Quirle. Andernfalls hast du nämlich den „Versand von den gedrechselten Quirlen“ vor dir, und da hilft aller Honig nichts.

Was haben wir noch? Eine Seelenverwandtschaft zum ZDF. Bekanntlich wurden dort Bären gegendert, unter denen sich laut Berichterstattung viele „Veganer:innen“ finden, damit sich die nichtbinären Ursiden nicht auf den Schlips getreten fühlen. So auch bei uns. Euer Zweckdichter lud die werten Leser*innen ein, für Ihre Favoriten zu stimmen. Als Ersatz für „Favoriten“ wünschte man sich darauf „ein anderes genderneutrales Wort“. Abgesehen davon, dass hier ein Beistrich fehlt, denn wenn „Favoriten“ genderneutral wäre, wäre ja schon alles in trockenen Tüchern – abgesehen davon also handelte es sich bei den zu kürenden Favoriten um Flugblätter, über deren geheimes Leben man hiermit spekulieren darf. Tja. Schönes Wochenende!

 

 

Freitag, 24. Januar 2020

Erziehung


Schaut euch, o zarte und wohlschmeckende Lesehäschen, sorgfältig um, ehe ihr den Bau verlasst! Denn wie man hört, kehren die Wölfe zurück. Damit sind nicht nur Konflikte zwischen Wolf und Mensch vorprogrammiert (während Konflikte zwischen Schaf und Wolf in der Regel nur von kurzer Dauer sind), sondern auch zwischen Mensch und Mensch, und da reden wir nicht nur von den einen, die der Ansicht sind, dass der Wolf seine Chance bereits versemmelt hat und wir ihm jetzt nicht wieder die Rutsche ins Leben legen müssen, wäre er halt kein Wolf geworden, und den anderen, die finden, dass man die Wölfe jedenfalls willkommen zurück heißen soll, wenn schon die Fluginsekten den Abgang machen.
Wir reden hier auch von den Wolfskindern. Denn wenn der Wolf im Wald herumstreift, findet er früher oder später ein hilfloses Menschenkindlein, das er (bzw. die Wölfin) nicht etwa gleich aufjausnet, weil der Wolf dem Menschen niemals so Wolf sein kann wie der Mensch. Sondern sie zieht es liebevoll auf. Das Wolfskind lernt dann alles, was es können muss: das Zusammenkuscheln im Winter, die Einordnung ins Rudelgefüge und, tja, auch die Häschenjagd, so ist die Natur. Leider besteht immer die Gefahr, dass so ein Wolfskind in eine kasparhausereske Geschichte gerät, seine geliebte Pelzfamilie verlassen und sich in der Menschenwelt zurechtfinden muss. Dort ist das Wolfskind meist gezwungen, neue Ernährungsoptionen zu erschließen, abseits der schlichten Abfolge von „erst töten, dann essen“. Daher sucht es sich einen Job. Doch ihr wisst ja, wie das ist: Man kann das Wolfskind aus dem Wald holen, aber nicht den Wald aus dem Wolfskind.
Nur so ist es zu erklären, dass euer Ergebener kürzlich zum Beispiel dieses Feedback erhielt, und zwar auf die Wendung „Genießen Sie jede Menge Vorteile“: Genießen tut man ein Essen oder einen Urlaub.
Welcher Abgrund tut sich hier zwischen den scheinbar so harmlosen Worten auf! Welche Sehnsucht nach dem Rudel spricht hier aus einer Seele, die niemals die Gesellschaft eines anderen Menschen genossen hat und dem der Lebensgenuss selbst im Munde zu Galle geworden ist, seit jene Seele den geliebten Wald verlassen musste, wo das Gesetz des Eckzahns regiert! Häschen aufessen oder Urlaub bei den Wölfen im Wald – andere Genüsse sind nicht vorstellbar. Sehr traurig ist das, und unser Mitleid und Verständnis sollte diesem bedauernswerten Geschöpf gewiss sein. Wobei es sich mit Gleichgesinnten austauschen könnte, denn wie schon angedeutet: Die Wolfskinder sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Etwa auch jenes, das einen Geburtstagsgruß an treue Kunden zu verantworten hatte. Dieser war in Gestalt einer (freilich nur gedruckten, nicht gebackenen) Torte zu versenden. Die zuständige Gestaltungsabteilung plazierte die Torte auf einer Tortenspitze, wie es ja bei uns Menschen häufig vorzukommen pflegt. Das Wolfskind aber vermeldete, es sei eine Holzplatte vorzuziehen. Es schickte auch gleich ein Bild einer solchen Platte mit: Eine Scheibe von einem Baumstamm war der gewünschte Tortenträger, mit Rinde und allem Drum und Dran. Es berührt einen auf ganz eigene Art, wenn man sich vorstellt, wie die treusorgende Wolfsmutter dem Beinahe-Menschen und Noch-nicht-ganz-Wolf in ihrer Obhut doch auch einen schönen Geburtstag bereiten wollte, indem sie die zartesten Stücke der frischen Beute auf einem (wohl von Holzfällern zurückgelassenen) Baumstumpf anrichtete, und dann ein gefühlvolles Happy Birthday heulte, wobei man nur hoffen kann, dass die Beute kein Holzfäller war. Dass solche Erinnerungen sich aufs Lebhafteste einprägen und ein Leben lang die Geburtstagserwartungen formen, ist nur verständlich. Schönes Wochenende!

Freitag, 6. Dezember 2019

Unzensiert

Geschmäcker und Watschen, sagt man, seien verschieden. Euer Kolumnator ist in Watschenfragen keine Koryphäe, dafür ist mein Erfahrungsschatz aktiv wie hoffentlich auch weiterhin passiv zu gering. Da brauchte man schon ein größeres Ohrfeigensample, um sich in dieser Sache kompetent wichtig machen zu können! A propos: Der Zweckdichterbalg konnte kürzlich mit einem Satz aufwarten, den ihr, o verständnisvolle Lesehäschen, jedesmal zielsicher anwenden könnt, wenn ihr bloß höflichkeitshalber nach dem Befinden eines höchstens flüchtig bekannten Gegenübers gefragt und darauf sofort ein zwanzigminütiges Best of seines an beeindruckenden Leistungen nicht armen Lebens präsentiert bekommen habt. In solchen Situationen, wo man versehentlich einen nur zu vollen Ballon losgelassen hat, ohne vorher das Loch zu verknoten, sodass er einem nun aufs Peinlichste die Ohren volltrötet, sage man: Wenn du Bestätigung brauchst, such dir bitte jemand anderen. Hart, aber gerecht und zweifellos wirksam.

Hart ist auch – na was? Genau: Das Feedback. Nicht immer gerecht, aber dafür umso härter. Weil das Feedbackbeet ein Frühbeet ist, gedeihen hier auch in der frischeren Jahreszeit Blüten, die es an fleischig-wuchernder Geschlechtsteilhaftigkeit ohne weiteres mit jeder noch so überzüchteten Orchidee aufnehmen können. Zum Beispiel schrieb euer Ergebener in einem anscheinend unbeholfenen Versuch, den Empfänger zu beglückwünschen:

„Das Wichtigste zum Tage: Happy Birthday!“

Der Unbedarfte könnte (so wie euer Kolumnator) der Ansicht sein, wenn man einem Geburtstagskind erklärt, an seinem Geburtstag sei eben die Tatsache dieses Geburtstages das Wichtigste, dann gehe das schon in Richtung einer gewissen emotionalen – wie soll man sagen: Also, dass der Verfasser dieser Botschaft sich einer gewissen festlichen Grundstimmung im Zweifelsfall nicht unbedingt aktiv verschließen würde, so vong 1 Partyanlass her.

Doch weit gefehlt: Der Headline fehlt es an jeglicher Emotionalität und sie klingt wie eine klassische "News-Headline", was am Thema vorbei ist, da die Emotionalität bei diesem Mailing im Vordergrund steht. Die Headline soll den Kunden außerdem neugierig machen und das Thema "Geburtstag, Feiern, Feste, Geschenk, Gratulation" in einer passenden Art und Weise aufgreifen. Bitte um 2-3 Alternativvorschläge.

Bäm!

Und übrigens, was das Happy Birthday! betrifft: „Bitte eine passende Headline auf deutsch“ [sic!].

Dir, o Feedbacktreibende, kann geholfen werden. Ist ja watscheneinfach.

Schönes Wochenende!

Freitag, 4. Oktober 2019

Schleimig

Wir haben uns, o vielgeliebte Lesehäschen, ja schon des Öfteren damit befasst, ob etwas „umgangssprachlich“ sei. Doch gibt es immer noch etwas Neues zu lernen, und ich will nicht anstehen, euch eure ohnehin zartrosa strahlenden Schnäuzelchen noch ein bisschen mehr zu polieren, auf dass ihr damit essen könnet, wie auch der Schnabel gewachsen ist. Je nun.
Wir fangen mit einer Rätselfrage an. Wie lautete der folgende Satz, ehe er optimiert, bereinigt und überhaupt salonfähig hergerichtet wurde?
Die ideale Ergänzung zu Ihrem knusprigen Schnitzel ist ein weißer Spritzer.
Auf den ersten Blick könnte man glauben, das hänge von der politischen Ausrichtung ab ab. Die FPÖ-Kernzielgruppe konsumiert vielleicht zum Schnitzel lieber drei Bier, der Grüne statt dem Schnitzel einen Grünkernbratling, aber dafür zwei Spritzer, und so weiter. Aber da habt ihr leider nicht aufgepasst: Der Satz, so wie er dasteht, ist schon der Gute. Wir suchen die mangelhafte Urversion. Wartet nur, gleich wird es euch wie Schuppen von den Augen fallen!
Nämlich hieß der Satz, ehe er kunden- (und ja, auch: kundiger-!) -seits optimiert wurde:
Die ideale Ergänzung zum knusprigen Schnitzel ist ein weißer Spritzer.
Diese Fassung ist aber, so ward euer Ergebener beschieden, „zu umgangssprachlich“. Man muss für solche Erhellungen dankbar sein. Nur zu oft werden ja Texte aus unerfindlichen Gründen geändert. Wie erfrischend ist es doch, wenn der unerfindliche Grund so klar benannt wird! Gleich tun sich neue Möglichkeiten sprachlicher Nuancierung auf. So ist nun klar, dass man von einem Bierzelteinpeitscher vor der Wahlrede des Kandidaten zum Lachen gebracht wird, sodass einem vor lauter Schenkelklopfen der Humpen aus der Hand rutscht und man dann mit einem verdächtigen Fleck im Schritt herumhocken muss.
Der feinsinnige Doyen des Kabarettismus hingegen bringt einen natürlich nicht so ordinär zum Lachen, sondern mit gehobenem Humor zu Ihrem Lachen oder wahrscheinlich zu Ihrem Schmunzeln. Auch passt zum Wurstsemmerl ein Cola, während wir Ihnen zu Ihrem Gruß aus der Küche gern ein Proseccerl kredenzen.
Gerne bestätige ich auch, was sich hoffentlich das eine oder andere Lesehäschen schon gefragt hat: Ja, diese Perle ist auf derselben Austernbank gediehen, von der wir schon gelernt haben,
dass das Wort „vorbereitet“ langweilig ist,
dass das Wort „Geschäftskollegen“ existiert
und dass man „einen Bonus einlösen“ kann.
Noch lieber bestätige ich, dass ich den Vergleich mit der Austernbank nicht zufällig gewählt habe. Denn euer Zweckdichter weilte einst im Orient, genauer gesagt, in Taiwan. Dort ließ es sich ein befreundeter Einheimischer nicht nehmen, ihm eine örtliche Spezialität zwecks Verkostung vorzusetzen, nämlich das unter Kennern gefürchtete Austernomelett. Gefürchtet ist es nicht etwa geschmackshalber (da kann man nicht meckern), sondern ob seiner Konsistenz, weil man nämlich beim Essen nie weiß, ob das Schleimige jetzt Auster oder Ei ist. So kann es einem auch mit Feedback wie dem eben Besprochenen gehen, indem man sich fragt, ob eher eine kognitive oder eher eine charakterliche Schwachstelle dafür verantwortlich war. Schönes Wochenende!

Freitag, 19. Juli 2019

Vergangenheiten

O teure und klassisch gebildete Lesehäschen, euer ergebener Kolumnator beschäftigt sich derzeit mit der Vermittlung lateinischen Grundwissens. Die Gründe dafür würden zu weit führen, genügen muss einstweilen ein lateinisches Sprichwort: Duo si faciunt idem, non est idem. Auf gut Deutsch: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.
Wie betrüblich wahr das ist, merkst du zum Beispiel daran, dass dir schon nach der achten Hochschaubahnfahrt schlecht wird, während es dein Kind erst nach der fünfundzwanzigsten reckt. Früher war halt alles besser, auch das eigene Gleichgewichtsorgan!
Dass die Sprache feinere Unterschiede zwischen scheinbar gleichen Formulierungen kennt als deine Mudda zwischen Schwammtuchmarken, versteht sich von selbst. Höchst erfreulich, dass auch Kunden ein Ohr dafür haben, wie der Zweckdichter kürzlich erfahren durfte. Beinahe wäre ein Werbemittel in Druck gegangen, in dem zu lesen stand: Sie überzeugen zum richtigen Zeitpunkt mit dem passenden Angebot. Dem scharfen Auge auf Kundenseite ist es zu verdanken, dass dieser Fauxpas der Zielgruppe erspart blieb, in deren Sprachzentrum sich nun stattdessen eine weit geschmeidigere Formulierung schlängelt: Sie überzeugen mit dem passenden Angebot zum richtigen Zeitpunkt.
Schwein gehabt! Noch besser wäre vielleicht gewesen: Sie überzeugen mit dem richtigen Angebot zum passenden Zeitpunkt. Aber über Geschmäcker soll man ja nicht streiten, deshalb genug vom Feedback und her mit einer noch weit geschmäcklerischeren Frage.
Es begaben sich nämlich folgende beiden Wendungen:
Eine Idee entsteht, ohne dass ein Briefing hat stattfinden müssen.
und
Eine Idee entsteht, ohne dass ein Briefing stattgefunden haben muss.
Ist das nun das Gleiche oder nicht? In beiden Fällen ist ein Umstand formuliert, auf dessen Vorhandensein es nicht ankommt. In beiden Fällen drückt die Zeitenfolge (Präsens im Hauptsatz, Perfekt im Modalsatz) aus, dass das Eintreten jenes Umstandes vorgelagert ist. Und doch sind sie verschieden: hat stattfinden müssen lässt alles in der Vergangenheit stattfinden, weil hat müssen das Perfekt von müssen ist, mit stattfinden als vom Modalverb abhängigem Infinitiv.
Im zweiten Fall hingegen liegt in der Gegenwart eine Notwendigkeit vor (freilich verneint): etwas muss, nämlich stattgefunden haben. Damit ist hier klarer ausgedrückt, dass eine Handlung in der Vergangenheit Auswirkungen in der Gegenwart hat (oder eben nicht), und darum geht es ja in diesem Satz.
So zeigt sich wieder, dass die Sprache für gar manche Eventualität eine unvermutete Feinheit bereithält. Wolltest du zum Beispiel etwas über ein erhaltenes Feedback sagen, so könntest du dich für die erste Version entscheiden:
Änderungen werden eingekippt, ohne dass eine Reflexion hat stattfinden müssen. Darin spiegelte sich aufs Angemessenste, dass die Änderungen sich zwar auf dein aktuelles Befinden auswirken, dass es aufs Nachdenken zuvor jedoch keineswegs ankommt.
Schönes Wochenende!

Freitag, 10. Mai 2019

Bonjour Fadesse

Zwar wird alles immer schlimmer (Klimaerwärmungfemizidstephanpetzner), doch erinnern brave Bildungshäschen sich an ihren Hölderlin: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Dies gilt bisweilen sogar für Feedback, das ja aus der Runde gesellschaftsfähiger Textsorten ausgeschert ist, um gemeinsam mit YouToube-Kommentaren und den Ausreden von Harald Vilimsky eine gewaltbereite pressure group zu gründen. Umso überraschender, dass auch Feedback sich zum Guten wandeln kann! So ward eurem Zweckdichter kürzlich beschieden, dass der Endkonsument ein bestimmtes Service nutzen könne, um digital erhaltene Informationen nicht einfach einzusehen. Nein, er könne sie „rückwirkend“ einsehen.
Nun ja. Irgendwie – nein, auch irgendwie nicht. Wenn du, o kulturbeflissenes Flauscheknäuel, wieder einmal Faust II vornimmst, weil der Sonntagnachmittag sonst verschwendet wäre, dann liest du die Worte des Meisters ja nicht „rückwirkend“, nur weil er sie geschrieben hat, ehe du sie lesen konntest. Denn im rückwirkend steckt die Wirkung. Zwar wissen wir längst, dass der Leser das literarische Werk mitkreiert, insofern jede Leseerfahrung einzigartig ist, sodass bei hundert Lektüren von Faust II hundert verschiedene Faust-II-Fassungen in den Köpfen der Lesehäschen entstehen. Der Text, soweit er gerade nicht gelesen wird, bleibt davon jedoch erstens unbehelligt. Und zweitens ist damit nicht bewiesen, dass auch bei der Lektüre deiner Handyrechnung ein einzigartiges Werk entsteht. Euer Ergebener fühlte sich bei diesem dazureklamierten rückwirkend an den alten Schmäh erinnert, man solle den Brief an die Tante langsam schreiben, denn sie könne nicht so schnell lesen. Doch siehe!, die Argumente wurden gehört, verstanden und berücksichtigt. Kundin und Kunde dürfen nun einfach lesen, ohne befürchten zu müssen, dass sich ihre Rechnung wie Schrödingers Katze verhält und sich unter Beobachtung verändert.
Leider ist auf solche Glücksfälle kein Verlass. Zum Beispiel kann euer Lieblingsreißerschreiberling (ein Wort mit zehn Vokalen, und alle sind i oder e – nicht schlecht, oder?) euch erzählen:
Bebend tastete sich Sabine weiter ins Dunkel vor. Von links –wirklich von links?  - glaubte sie ein schlürfendes Geräusch zu hören. Durch die Risse in ihrer Bluse kroch Eiseskälte. Auch wenn die Schritte ihres Angreifers vorerst verklungen waren, war sie jederzeit darauf vorbereitet, ihm plötzlich wieder gegenüberzustehen.
Saufad, oder? Ein Ausbund ein Langeweile. Der Tod des Vergil ist dagegen ein echter pageturner. Woran das liegt? Aufgepasst: bekanntlich gibt es einige bewährte Regeln, an die zu halten sich lohnt, will man einen geglückten Text verfassen. Journalisten meiden seit Generationen das Wort „beim“, damit der gefürchtete Beimbruch ihnen nicht die Reportage verdirbt. Das Passiv wirkt distanziert und umständlich. Verneinungen verarbeitet der Leser erst im Nachhinein. Und noch eine Regel gibt es, im Gegensatz zu vielen kenne ich sie dank Feedback und gedenke sie künftig peinlichst zu beachten:
Das Wort „vorbereitet“ ist langweilig.
Daraus lernt man außerdem, dass der Urheber, die Urheberin dieser Weisheit deutlich nach 1975 geboren ist. Andernfalls hätte sie noch den keineswegs faden, sondern weitum gefürchteten Satz aus der Sendung Wer bastelt mit? im Ohr: „Ich habe da schon was vorbereitet.“
In diesem Sinne: auf ein spannendes Wochenende!