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Freitag, 16. August 2024

Frommer Wunsch

 

Ich möchte euch, o lakonische Lesehäschen, etwas mitteilen. Achtung also: Gleich kommt die Information, was ich euch gern mitteilen würde. Danach rutscht ihr dann zweifellos ungeduldig auf der Stuhlkante herum, bis ich es euch endlich mitteile. So läuft das nämlich, wenn kommunikativ alles seine Ordnung hat.

Mitteilen möchte ich euch, dass solche Sätze komplett für die Fisch’ sind. Ganz besonders mit dem unnedigen Konjunktiv „möchte“. Zur Erinnerung für alle, die vergessen haben, dass „möchte“ von „mögen“ kommt: „möchte“ kommt von „mögen“. Daher gibt es auch keinen Indikativ (a.k.a. Nennform) „möchten“, sondern nur den Plural „wir/sie möchten“.

Neulich erblickte euer Ergebener nämlich einen Zettel an einer Ladentür: „Wir möchten Sie darüber informieren, dass …“ (der Laden im Sommer eine Weile geschlossen bleibt). Jungs/Mädels/Sternchen: Macht das doch einfach! Frisch von der Leber weg! Sagt einfach „Liebe Kunden und Kundinnen“ (Sternderei nach Belieben), „im Sommer haben wir von dann bis dann zu.“ Ende der Geschichte, alle wissen Bescheid, bis auf den Dude, der eine so geniale Geschäftsidee hatte, dass er nebenbei auch ein „UPS Access Point“ wurde, aber zu doof war, dem UPS-Boten vor Urlaubsantritt noch herumliegende Pakete mitzugeben: Abholung bis spätestens 15. August. Laden hat aber bis 16. zu. Zweckdichterbalg not amused.

Schon mit „wir wollen Sie informieren“ wird es eigenartig. Eh schön, dass du mir sagst,  dass du mir etwas sagen willst. Warum nicht einfach sagen? „Wir möchten Sie informieren“ lappt aber vollends ins Absurde, weil eben Konjunktiv. Wir würden das urigstens gerne mit euch bereden, verehrungswürdige Kund*innen, aber

wir haben ein Gelübde abgelegt

das Wetter ist nicht danach

die Sterne stehen ungünstig

wir haben Halsweh

egal.

Jedenfalls liegt ein Umstand vor, der es uns zwar gestattet, Ihnen mitzuteilen, was wir gern täten (nämlich Ihnen etwas mitteilen). Aber wirklich mitteilen können wir es Ihnen nicht. Aber warte: Jetzt wissen Sie es ja doch. Was ein Glück.

Für alle, die nicht wissen, was sie mir schenken sollen: Schenkt mir nichts. Schenkt euch diese Mätzchen. Und verwendet „möchte“ nur, wenn ihr euch echt nicht sicher seid.

Schönes Wochenende!


Freitag, 19. Juli 2024

Wie wenn

 

Metaphern sind das Salz der Sprache, nicht wahr, o rhetorisch gewandte Lesehäschen? Eine geglückte Metapher ist wie ein frisch geschlüpfter Käfer, an dem alle Gliedmaßen dran sind, wie ein perfekter Schwung auf dem Snowboard oder ein Schnitzel, dessen Bröselhemd sich sanft vom Fleische löst.

Andere sind freilich eher so, wie wenn man beim Billa an der Kasse mit der ecard zu zahlen versucht. Denn es kommt bei den Metaphern wie im Leben auch darauf an, den richtigen Abtand zu halten. Wenn eine Metapher zu nah an der Wahrheit ist, wird es zwar nicht so unangenehm, wie wenn dein Chatverlauf plötzlich öffentliches Interesse auf sich zieht. Aber  es könnte besser laufen.

Das gute Beispiel zur schlechten Metapher lieferte diese Woche der Falter in einer Geschichte über die gewaltbereiten jungen Syrer und Tschetschenen, die sich inzwischen bei Gelegenheit nicht nur in die Goschen hauen, sondern auch stechen (wenn nicht gar schießen). Folgerichtig stand zu lesen:

Hier munitionieren sich Jugendliche mit Messern und möglicherweise mit Schusswaffen auf.

Leider nein. Das Interessante an der Munition ist, dass sie irgendwann aufgebraucht ist. Sonst müsste man sie ja nicht bevorraten. Mit Messern würde man sich also höchstens aufmunitionieren, wenn es sich um Wurfmesser handelt. Und dass die Schusswaffen etwas anderes sind als die Munition, versteht sich.

Anders läge die Sache, wenn man sich mit Schwedenbomben oder Tintenpatronen aufmunitionierte. Da stimmt die begriffliche Sphäre, und beide sind weg, wenn man sie benützt hat. Doch sich mit einem Messer aufzumunitionieren ist ein bisschen so, als holte man sich Hühner ins Bett, um mit ihnen aufzustehen.

A propos Schusswaffen: Bekanntlich wurde auf Herrn Trump geschossen, und zwar glücklicherweise daneben. Aller Voraussicht nach dürfte ihm das zusätzliche Wählerstimmen bringen. Das ist insofern bemerkenswert, als er schon in seinem ersten Wahlkampf erklärt hat, er könnte in aller Öffentlichkeit auf jemanden schießen, ohne deshalb Stimmen einzubüßen. Offenbar verbessert jeglicher Schusswaffengebrauch Trumps Chancen, ob er schießt oder das Ziel ist. Dieses Ungleichgewicht könnte Biden höchstens wettmachen, indem er selbst auf Trump schösse. Nicht umsonst wurde höchstgerichtlich festgestellt, dass der Präsident für alles, was er in seiner Eigenschaft als Präsident tut, Immunität genießt. Schönes Wochenende!

Freitag, 12. Juli 2024

Feldoberwebel

 

Mit der Wortbildung ist es ja so eine Sache. Wenn sich zum Beispiel zwei Hauptwörter ganz, ganz liebhaben, kann aus dem Rasen und dem Mäher ein Rasenmäher entstehen, wobei das hintere Wort sagt, was abgeht, und das vordere, wo oder warum. Der Bürgermeister erklärt den Bürgern meisterhaft, wo es langgeht, der Club, in dem sich Gleichgesinnte zusammenfinden, ist der Swingerclub, und so weiter. Klappt wie von selbst, und zwar umso leichter, als sich Substantive nicht nur miteinander, sondern auch mit anderen Wortsorten verstehen. So ist der Zucker mit mehr Gelb drin der Gelbzucker, der Nächsthöhere vom Inspektor ist der Oberinspektor, und wenn du vom Rasenmäher genug hast, holst du dir ein Verb und einen Mähroboter. Gewiss geht das auch euch sprachgewandten Lesehäschen wie von selbst von der Hand. Man darf sich nur nicht zu viele Gedanken darüber machen.

Leider gibt es aber das Internet, und damit kommen wir zu Regel 35. Regel 34 ist ja allseits bekannt: If it exists, there is porn of it. Wie man hört, ist diese Regel so wahr, dass sich so manche Kindheit nicht mehr im selben warmen Licht der Verklärung präsentieren will, seit jemand leichtfertig einen einschlägigen Link geklickt hat.

Regel 35 ist nicht so gefährlich, sie sagt uns: Für alles gibt es jemanden, der sich zu viele Gedanken darüber macht. So stellte jemand die Frage, ob es statt „Oberpostinspektor“ nicht vielmehr korrekterweise „Postoberinspektor“ heißen müsste.

Einmal davon abgesehen, dass es heute weder in Deutschland noch in Österreich tatsächlich „Oberpostinspektor“ heißt, schob er auch gleich noch die tragische Anekdote von einem Postinspektor der Nazizeit nach, der ob seiner Beförderung hartnäckig herummotzte, kein Oberpostinspektor, sondern ein Postoberinspektor sein zu wollen, weil es keine „Oberpost“ gebe, wofür er alsbald an die Ostfront weiterbefördert wurde.

Naja.

Auf den ersten Blick könnte man beinahe in Versuchung geraten, dem Betreffenden in sein Kaninchenloch hinabzufolgen. Schließlich mutet es sinnvoller an, einen „Oberinspektor“ durch das Voranstellen der Post genauer zu definieren, als sich einen Bindestrich an der richtigen Stelle vorstellen zu müssen, weil ja das „ober“ tatsächlich zum Inspektor gehört.

Jedoch: That way madness lies. Wer so anfängt, muss in Ermangelung eines Unterstaats auch Staatsuntersekretäre ernennen. Und wer so anfängt und in Deutschland wohnt, wird sogar dem Bürgerobermeister nicht ausweichen können, weil unsere nördlichen Nachbarn bekanntlich keine Bezirksvorsteher kennen und deshalb jemanden brauchen, der noch wichtiger ist als ein Bürgermeister. Lediglich den Hinterradantrieb dürften wir behalten, weil es hier tatsächlich wichtiger ist, welche Räder angetrieben werden als dass überhaupt Räder Drehmoment zugeteilt bekommen.

Deshalb: Augen auf beim Logikeinsatz. Wer zu scharf nachdenkt, kann sich dran schneiden. Schönes Wochenende!

Freitag, 28. Juni 2024

Blabla

Nun zu etwas ganz anderem, o trashverliebte Lesehäschen. Nämlich zum Technobabble. So heißt das, wenn in Science Fiction der glatter gestrickten Sorte alles Mögliche, das vage mit Technik zu tun hat, einen Namen bekommt, der ein bisschen wichtiger klingt. In Star Wars zum Beispiel existieren keine Schraubenschlüssel, sondern ausschließlich „Hydroschlüssel“. Prinzipiell bekommen Leute in solchen Werken nie eine SMS, eine Nachricht oder eine Message, sondern immer eine transmission, selbst wenn die Mama den Buben wissen lässt, dass sie eh bald heimkommt. Die Fluxkompensatoren des Doc Brown sind längst Legende, ohne dass jemals geklärt werden hätte können, welcher Flux da kompensiert wird und warum. Unverzichtbar sind hingegen die Trägheitsdämpfer des Raumschiffs Enterprise, die (in Ermangelung jeglicher Sicherheitsgurte) dafür sorgen, dass die Leute nicht ständig herumgeschleudert werden, wenn wieder einmal die Romulaner aufmüpfig werden. So weit, so okay, doch so mancher Autor schießt übers Ziel hinaus, wenn es gilt, Laserstimmung zu verbreiten. Euer Ergebener hat sich nämlich nach Konsumation des recht erfreulich zweiten Teils von Dune hinreißen lassen, House Atreides zu lesen. Nicht etwa, weil es im Bücherregal schon vorhanden gewesen wäre und schon gar nicht, nachdem der Zweckdichter dafür Geld hingelegt hat. Vielmehr hat ein anderer Hausbewohner es beim Postkasten abgelegt, unter „brauch ich nicht mehr, aber vielleicht jemand anderer“. Wir halten ungefähr auf halber Strecke, und ich darf euch mitteilen: Solltet ihr das Ding auch irgendwo finden, lasst es liegen. Ein langatmiges und streckenweise geradezu infantiles Geschreibsel, das sich im von Frank Herbert geschaffenen, durchaus interessanten Universum breitmacht und die Vorgeschichte der bekannten Saga erzählen will, die offenbar erst durch ein Ausmaß von Verblödung möglich wurde, die in Lichtjahren gar nicht zu messen ist. Ins Bild fügen sich Sätze wie dieser, die die Autoren (es hat nämlich zweier bedurft, um den Stil von EvaReisinger in Science Fiction zu übersetzen) sich abgerungen haben.

He breakfasted on dehydrated fruits and dry cakes the Fremen women had baked in thermal ovens. Die schreiberische Hilflosigkeit zeigt sich schon an den “dehydrated fruits“, die auch in 12.000 Jahren mit Sicherheit „dried fruits“ sein werden, was sich aber nicht ausgeht, weil es ja unbedingt „dry cakes“ sein müssen und das blöd aussähe. Aber spätestens bei den „thermal ovens“ sind dieselben aus. Wie bitteschön sieht denn ein nicht-thermaler Ofen aus? Ist das dann ein Kühlschrank? Ein Küchenkasten? Ein Fahrrad? Man weiß es nicht.

Mein Rat: Lieber Furiosa schauen als Dune lesen. Geht schneller und macht wesentlich mehr Freude. Auch sind zwar in den letzten neun Jahren zwei Mad-Max-Filme erschienen, die beide alles ungespitzt in den Boden rammen, was sonst gerne dystopische Action wäre, doch ist die letzte Romanfassung in diesem Franchise fast 40 Jahre her. Und das ist gut so. Schönes Wochenende!


Freitag, 31. Mai 2024

So sagt man

Die Erde, o landverbundene Lesehäschen, dürstet, und daher ist es sehr erfreulich, dass es kräftig regnet beziehungsweise waschelt, gießt, schüttet, seicht oder wie man halt sagen will. Die Schusterbuben bleiben einstweilen noch in den Wolken, aber wer weiß.

Wobei: Im Englischen regnet es bekanntlich niemals Schusterbuben, sondern cats and dogs, und wir haben wieder einmal ein sprachliches Leitfossil unserer Zeit markiert, nämlich wobei im Sinne von „übrigens“ oder „allerdings“.

Früher tat „wobei“ nämlich nur zwei Dinge: Es leitete einen Fragesatz ein, wenn man zum Beispiel wissen wollte: „Wobei sollte den kleinen Finger wegspreizen – beim Kaffetrinken oder nur beim Champagner?“ Eine damals in sozial aufstrebenden Kreisen durchaus häufige Frage, jaja, so war das.

Ach ja, wobei. Es konnte auch eine Relativkonstruktion tragen, die als Hauptsatz mit „dabei“ begonnen hätte: „Dabei stieß er mit seinem kleinen Finger an die Herzogin von Trübswachl.“

Im Relativsatz eben: „Indem er vom Champagner nippte, spreizte er seinen kleinen Finger auf die ordinärste Weise ab, wobei er die Herzogin von Trübswachl stupste.“

Inzwischen haben sich die Verhältnisse geändert, und „wobei“ leidet nichts mehr ein als die Tatsache, dass jetzt etwas kommt, das dem Sprecher gerade eingefallen ist. Man sagt also: „Neulich am Würstelstand ist mir die Käsekrainer hinuntergefallen. Wobei, war eh nicht gut.“ Was hier genau vorgeht, ist unklar. Duden findet die Sache ugs. Möglicherweise will man sich damit schmücken, einen Nebensatz in die gesprochene Sprache einbauen zu können, ist dann aber doch zu faul dazu. Für diese Hypothese spricht, dass manche das sogar schreiben und danach gern einen Beistrich setzen anstatt des eigentlich aufgelegten Doppelpunkts.

Soviel dazu.

Eine weitere Merkwürdigkeit, bei der ein Nebensatz gut aufgehoben wäre, findet sich in Sätzen wie diesem: Dazu kommt der fehlende Druck vonseiten der Geschäftsführung.

Wie jetzt? Fehlt der Druck oder kommt er? Natürlich ist es möglich, dass Fehlendes kommt: Endlich kam der fehlende Reisegenosse, der sich in der Bahnhofsrestauration mit der Herzogin von Trübswachl verplaudert hatte, wobei in ihrem Gespräch die schlechten Umgangsformen der heutigen Jugend eine zentrale Rolle spielten.

Hier aber kann der Druck nicht kommen, weil er eben fehlt. Das Partizip Präsens drückt halt aus, dass etwas gerade der Fall ist. Wenn es also, wie im Beispiel, darum geht, dass etwas fehlt und dass dieses Fehlen Probleme verursacht, kann das Fehlende nicht gleichzeitig kommen. Was kommt, ist anstatt des Drucks der Umstand seines Fehlens, was sich ohne weiteres etwa so sagen ließe: Dazu kommt, dass die Geschäftsführung zu wenig Druck aufbaut. Wobei, wer schaut schon so genau hin. Schönes Wochenende!


 

Freitag, 29. September 2023

Strohmänner töten

 

Erstens, o gesetzestreue Lesehäschen, fällt den Leuten immer wieder ein neuer Schwachsinn ein, mit dem sie ihren Nebenmenschen auf den Senkel gehen können. Euer Ergebener schlägt sich gerade mit einem Webshopbetreiber herum, bei dem er ein Ersatzteil bestellt hatte, das dann doch nicht benötigt wurde. Der Webshopbetreiber erklärte, für Bestellungen unter 50 Euro sei keine Rücknahme möglich, und verwies auf eine allerdings vage formulierte Website, auf der eine „Bagatellgrenze“ tatsächlich genannt wurde. Die Auskunft der Arbeiterkammer, dass das trotzdem Blödsinn sei, ignorierte er. Man wird sehen, wie das weitergeht.

Einstweilen kann man, wenn einem der Sinn danach steht, im Roman Männer töten (voll doppeldeutig!) von Eva Reisinger nach geschossenen Böcken suchen. Ich habe so eine Ahnung, dass man dabei fündig wird, und das nicht nur, weil sie hieramts schon das ein- oder anderemal zu Gästin war und dabei allerlei sprachlichen und (form follows function) inhaltlichen Unfug feilgeboten hat.

Sie hat anlässlich der Romanveröffentlichung auch Interviews gegeben, zum Beispiel dem Standard. Anscheinend werden in dem Buch etliche Männer recht blutrünstig umgebracht, und angeblich gibt es Leute, die doof genug sind, das zu kritisieren (Zitate solcher liefert die Autorin leider nicht), worauf sie empört erwidert: „Man sollte bedenken, wie Frauen in der Literatur seit Jahrhunderten ermordet werden. […] Bei Mord an Frauen scheint die Darstellung in Ordnung zu sein, aber sobald es um Männer geht …“.

Vor der Leistung, einen Roman zu schreiben, in dem Leute umgebracht werden, ohne offenbar jemals einen anderen gelesen zu haben, in dem das ebenfalls geschieht, kann man nur ehrfürchtig den Hut ziehen. Hand hoch, wer schon mehr als einen Krimi gelesen hat und sich nicht erinnern kann, dass darin mindestens ein Mann aufs Unschönste abgemurkst worden wäre. Jetzt bitte alle an Ferris Buellers Wirtschaftsunterricht denken: „Anyone? Anyone?“ Dachte ich mir. Zu behaupten, dass in der bisherigen Literatur (auch schon vor Agatha Christie) Männer nicht routinemäßig gewaltsam über den Jordan geschickt worden seien – auf die Idee, diesen Strohmann aufzustellen, muss man erst einmal kommen.

Danach wird eine Szene beschrieben, in der Frauen mit Bierkisten auf dem Dorfplatz sitzen, während die Schulkinder vorbeigehen. Ein Mädchen winkt seiner Mutter zu. Diese Spiegelung des Patriarchats sei interessant, wird im Interview angedeutet.

Liebe Lesehäschen, euer Zweckdichter stammt vom Land. Vielleicht läuft es dort, wo Frau Reisinger herkommt, ja anders. Aber nach meiner Erfahrung ist es generell eher unüblich, dass Leute gleich welchen Genders mit Bierkisten auf dem Dorfplatz sitzen. Wenn man dieser Szene einen genderistischen Spiegel vorhält, ist darin nichts zu sehen.

Dann fällt noch der schöne Satz: „Ich wollte damit zeigen: Sobald Männer verschwinden, beginnen alle nachzuforschen. Aber wenn Frauen im Schnitt jede zweite Woche ermordet werden, ist es kein Skandal.“ Da gibt es so ein Sprichwort, irgendwas mit Obst. Ich komme gerade nicht drauf, aber dass zwischen „nachforschen“ und „skandalisieren“ ein Unterschied besteht, auch wenn die Reisinger ihn leugnet, das weiß ich gerade noch.

Sagen wir so: Wenn ich das Geld für das blöde Ersatzteil wiederbekommen habe, lese ich vielleicht das Buch. Bis dahin lass ich mir das Interview genügen. Schönes Wochenende!


Freitag, 30. Juni 2023

Mehrzahl

Deutsch, o grammatikfeste Lesehäschen, ist schwierig. Klar gibt es schwierigere Sprachen. Eine einstige Kollegin eures Ergebenen lachte nur abfällig, wenn jemand mit „deutsche Sprache, schwere Sprache“ daherkam, denn sie war mit dem Polnischen vertraut. Auch vom Arabischen hört man, dass es nicht ohne sein soll.

Das tut der Tatsache aber keinen Abbruch, dass auch das Deutsche den einen oder anderen Fallstrick zu bieten hat. Zum Beispiel ist es mit der Pluralbildung nicht so easy-cheesy-lemon-squeezy wie zum Beispiel im Englischen, wo man ein s dranhängt und der Käse ist gegessen beziehungsweise, wie man auf Schwäbisch sagt, der Kittel geflickt, wobei im Schwäbischen jegliches äußere Oberbekleidungsstück ein Kittel sein kann, auch dein Armanisakko. 

Im Deutschen ist es mal so, mal so. Der Plural von Streik zum Beispiel ist Streiks, was eventuell damit zu tun haben könnte, dass es aus dem Englischen stammt. Der Plural von Streit ist aber, und hier sehe ich die ZEIT scharf an, deshalb nicht einfach analog Streits, weil Streit eben nichts Englisches hat, sondern Streite. Ist aber eh wurscht, weil man Streite so oft braucht wie Milche (heißt wirklich so). Man behilft sich stattdessen mit Streitigkeiten, Streitereien, Meinungsverschiedenheiten oder eventuell sogar Prügeleien.

Leider ist zumindest Duden mit sich uneins, wie der Plural fremder oder zumindest fremdartiger Wörter zu handhaben sei. Über den Streik, der sein englisches -s behalten darf, haben wir bereits gesprochen. Seltsamerweise besteht Duden aber darauf, dass der Plural von Motto nicht etwa Motti laute, obgleich das Motto eins-a italienisch ist, sondern Mottos. Beim Cappuccino und Espresso lässt Duden beides zu, ebenso wie beim Salto. Wenn du allerdings „zwei Espressos“ bestellst, bekommst du hoffentlich, was du verdienst, nämlich zwei Starbucks-Spezialitäten zu je 4,79. Da soll sich noch einer auskennen. Und warum haben wir zwei Computer, die Engländer aber two computers?

Über die Stiefel und Brezeln müssen wir uns hoffentlich nicht auslassen, das ist ja der Deppenapostroph des gewieften Pluralbildners. Im Zuge der Recherche für diese Kolumne hat euer Ergebener übrigens eine Runde gegooglet – für euch ist mir kein Aufwand zu hoch! – und dabei eine Seite gefunden, die Aufschluss über „komplizierte Plurale“ verhieß. Misstrauen weckte der Satzanfang „Hinzukommen Nomen, die …“, und die folgende Tabelle enttäuschte denn auch nicht: Die Mehrzahl von Bonus und Globus, so die Seite, laute jeweils (ohne Alternativen) Bonusse und Globusse, jene von Lexikon allen Ernstes Lexiken. Angesichts dessen würde ich mir von „leemeta-übersetzungen.de“ eher nichts über Sprachen weismachen lassen, die ich nicht selber beherrsche. Denn ehrlich: Klar stehen diese Formen im Duden. Mit ihrer Verwendung ist es allerdings so wie mit weißen Socken in Trekkingsandalen. Es gibt kein Gesetz dagegen, aber es sieht halt schon richtig kacke aus. Schöne Wochenenden!


 

Freitag, 10. Dezember 2021

Der Felber lallt selber

 

Erstens einmal, o teure Lesehäschen, gilt es einen guten Rat des Zweckdichterbalgs zu beherzigen: Wer ein langes Gedicht auswendig lernt, lernt dabei auch etwas über sich selber. Vor allem darüber, wie man am klügsten vorgeht, um sich Neues anzueignen. Außerdem tut es nicht weh, sich die Bürgschaft, das Lied von der Glocke oder Poes Raben ins Langzeitgedächtnis zu räumen. Nebenbei gelingt damit ein Gesprächseinstieg mindestens so shmoov wie mit Themen vom Kaliber Wetter (bis Anfang 2020) respektive Corona (seit Anfang 2020). Bonus: Man redet nicht über Corona.

Des weiteren soll man nicht nur Gedichte auswendig lernen, sondern auch sorgfältig rechnen. So hat Altkanzler Kurz einst nicht damit gerechnet, dass man ihm einmal draufkommen würde, weshalb der unschuldige Konstantin nun als Vorwand dafür dienen muss, dass Papa sich aus der Politik zurückzieht. Weiterhinvizekanzler Kogler seinerseits rechnet mit extrem vielen deutschen Nachbarn, wenn er im ZEIT-Interview erklärt, dass Österreich sieben Milliarden Euro für den Klimaschutz ausgibt, was so viel sei, wie wenn Deutschland 500 Milliarden ausgibt. Leider hat er nicht dazugesagt, was er als Vergleichsgröße herangezogen hat, denn eine halbe Milliarde Einwohner hat Deutschland jedenfalls nicht.

Dies einerseits.

Andererseits ist Rechnen stark überbewertet, wie das Beispiel von Christian Felber zeigt. Der Gute war hieramts schon vor Jahren zu Gast, weil er in einem Interview erklärte, dass schöne Männer ein gutes Verhältnis zu ihren Füßen hätten und dass der Kommerzfußball zu stark vom Ergebnis dominiert sei (vermutlich im Unterschied zur Liebesbäckerei, zur Neigungsgruppe Fahrradbau oder der Ich-tanz-dir-einen-Haarschnitt-WG, wo jeweils eher wurscht ist, was dabei herauskommt, Hauptsache, alle haben einander dabei lieb).

Dieser Felber selber hat vor einem Weilchen die 30 Gründe veröffentlicht, deretwegen er sich nicht impfen lässt. Ich spare mir den Link und gebe euch stattdessen das Executive Summary. Spoiler: Die sogenannten 30 Gründe sind in Wahrheit nur drei, nämlich erstens: Felber ist schlecht im Lesen (hierher gehören Gründe wie „ich ernähre mich gesund und tanze viel imWald“, denn wenn er lesen könnte, wüsste er mittlerweile, dass eine robuste Konstitution nicht vor einer Ansteckung und schon gar nicht vor einem schweren Verlauf oder long Covid schützt).

Zweitens: Felber ist schlecht im Rechnen, weshalb er ungefähr jede Statistik fehldeutet, die ihm unterkommt. Dass er zum Beispiel auf das hier schon besprochene Simpsons-Paradoxon hereinfällt, ist quasi ein Ghörtsich für einen wie ihn.

Drittens: Felber bleibt er selber. Als Grund für seine Impfverweigerung führt er deshalb auch an, dass mehr an Medikamenten gegen Covid geforscht gehört. Anders gesagt: „Ich kaufe mir kein Fahrrad, weil Trittroller effizienter sein könnten.“ Und natürlich, das ist ganz wichtig: Er lässt sich nicht impfen, weil die Pharmakonzerne an den Impfstoffen Geld verdienen. Ein gestandener „Gemeinwohl-Ökonom“ nutzt und konsumiert ja nur Leistungen und Produkte, die von den Urhebern und Herstellern um Gottes Lohn bereitgestellt werden. Christian Felber selbst nimmt für einen Vortrag 2.000 Euro, wenn er sie bekommt – „lassen Sie uns gerne sprechen, was möglich ist“, heißt es auf seiner Website. Da ich stark bezweifle, dass dieser Satz im Wittgensteinschen Sinne gemeint ist und noch stärker befürchte, dass er besagen soll: „Gerne bespreche ich mit Ihnen, welches Honorar Sie sich leisten können“ – deshalb also würde ich persönlich keinen Vortrag von jemandem buchen, der offensichtlich nicht nur im Lesen und Rechnen, sondern auch im Schreiben und Sprechen noch Luft nach oben hat.

Schönes Wochenende!

 


Freitag, 17. September 2021

Heimlichkeiten

 

Bevor wir, o bereiste Lesehäschen, die versprochenen Feedbacke (Feedbäcker?) kritisch beschnuppern, müssen wir uns der Frage stellen, ob Tschechien in Europa angekommen ist. Wer nämlich vorigen Donnerstag von Tabor nach Linz fahren wollte, konnte sich natürlich einfach ins Auto setzen. Aber kann das Auto in unseren Zeiten immer die Antwort sein? Natürlich nicht. Man nimmt also den Zug. Dabei hat man die Wahl zwischen der Website der ÖBB und jener der CD (also der tschechischen Staatsbahn). Die CD bot erfreulicherweise mehrere Direktverbindungen, die ÖBB leider nicht. Die aufgelegte Lösung für Optimisten wäre es natürlich gewesen, Tickets bei CD zu kaufen. Realisten schauten bei den ÖBB ins Kleingedruckte und erfuhren, dass die fraglichen Züge erst eine Woche später wieder verkehren sollten.

Wir wissen daher, dass Tschechien sehr wohl zu Europa gehört, jedoch nicht in unserem Multiversum. Deshalb Vorsicht bei der Reisebuchung!

Nun vorwärts an die Feedbackfront. Zum Beispiel hatte euer Ergebener mitzuteilen, dass ein SMS drei Komma fünfunddreißig Cent kostet, ein Monat aber drei Euro und fünfzig Cent. Kundenseitig tat sich die Frage auf, warum einmal „Komma“ und einmal „und“ gesagt wurde, obgleich „und“ als schöner empfunden wurde.

Antwort: Weil es in unserem Währungssystem nichts Kleineres als den Cent gibt, danke der Nachfrage.

Manchmal schauen Kunden auch ganz genau hin. Der gelieferte Satz lautete ungefähr: Das Kuvert eignet sich für den Versand von Ausweisen und der zugehörigen Unterlagen. Der Kunde warf die Frage auf, ob es denn nicht heißen müsse: … für den Versand von Ausweisen und den zugehörigen Unterlagen.

Tatsächlich, warum nicht? Nun denn: Weil der Versand standardmäßig mit dem Genitiv abgeht – der Versand der Ware, der Versand meines Gepäcks und so weiter. Wenn aber das Versandgut kein Attribut oder Artikelwort dabei hat, wird es schwierig. Denn das Deutsche kennt für Substantive keinen reinen Genitiv. Schickt dir dein Opa zum Beispiel selbstgeimkerten Honig, dann ist das der Versand köstlichen Honigs. Der „Versand Honigs“ ohne köstlichen geht sich aber nicht aus. Deshalb polstert man den Honig für den Versand mit einem „von“, damit grammatisch nichts zu Bruch geht. Schickt dein Opa, weil er nett ist, aber außerdem noch zwei selbstgedrechselte Honiquirle mit, dann brauchen die, weil unzerbrechlich, kein von-Polster. Das „von“ kann sich ganz auf den Honig konzentrieren, der Genitiv der Quirle ist mit Hilfe seines Attributs klar: Versand von Honig und gedrechselter Quirle. Andernfalls hast du nämlich den „Versand von den gedrechselten Quirlen“ vor dir, und da hilft aller Honig nichts.

Was haben wir noch? Eine Seelenverwandtschaft zum ZDF. Bekanntlich wurden dort Bären gegendert, unter denen sich laut Berichterstattung viele „Veganer:innen“ finden, damit sich die nichtbinären Ursiden nicht auf den Schlips getreten fühlen. So auch bei uns. Euer Zweckdichter lud die werten Leser*innen ein, für Ihre Favoriten zu stimmen. Als Ersatz für „Favoriten“ wünschte man sich darauf „ein anderes genderneutrales Wort“. Abgesehen davon, dass hier ein Beistrich fehlt, denn wenn „Favoriten“ genderneutral wäre, wäre ja schon alles in trockenen Tüchern – abgesehen davon also handelte es sich bei den zu kürenden Favoriten um Flugblätter, über deren geheimes Leben man hiermit spekulieren darf. Tja. Schönes Wochenende!

 

 

Freitag, 23. Juli 2021

Sprechmuskeln


Habt ihr das mit dieser „Pandemie“ schon mitbekommen, o vielgeliebte Lesehäschen? Ja echt, das gibt es, und das läuft jetzt schon eineinviertel Jahre!

Spaß beiseite, euer Ergebener hat dazu eine Frage.

Nämlich gibt es Oberösterreich, und es hat eine eigene Ärztekammer, denn nichts leisten wir uns so gern wie den Föderalismus. Die Ärztekammer hat einen Präsidenten, den Herrn Niedermoser. Der hat Anfang Juni erklärt, dass die sogenannte 3G-Regel, derzufolge man geimpft, getestet oder gewesen sein muss, um dies und das und noch etwas zu dürfen, eigentlich nicht so richtig super ist. Weil die Geimpften und Genesenen (falls die Impfung respektive Genesung noch halbwegs in Rückblickweite ist) ja schon so ziemlich richtig geschützt sind. Während, um jeden Hiasl zu zitieren, der in den letzten zwölf Monaten einem Mikrofon zu nahe gekommen ist, „der Test nur eine Momentaufnahme“ darstellt.

Deshalb hat der Herr Niedermoser erklärt, es sollten sich möglichst viele impfen lassen, auf dass es bald nur noch Geimpfte und Genesene gebe und man sich die 3G-Krücke für die lediglich Getesteten erspare.

Der Gesundheitsminister sagt nun aber, dass Getestete und Geimpfte in Discothequen abhotten dürfen sollen, Genesene aber nicht.

Weiß jemand, warum? Ist eine Momentaufnahme nun immer noch besser als T-Zellen? Findet der Gesundheitsminister einfach Zeltfeste lässiger als schummrige Spelunken?

Fragen über Fragen.

Klar ist hingegen, dass die bedauernswerten Organisatoren der Spiele in Tokio etwas richtig machen. Kennt ihr schon die überaus liebevollen Animationen, die einem Sportart für Sportart zeigen, auf welche Muskelgruppen und Bewegungsabläufe es jeweils ankommt? Wer hinschaut, kann nicht mehr wegschauen und beschließt sofort, absolut jeden Bewerb so live mitzuverfolgen, wie es nur irgend möglich ist. Wenn man erst begriffen hat, worauf es ankommt, wird sogar Gewichtheben oder Volleyball zum Thriller, selbst für Menschen, die mit Volleyball bis auf schmerzhafte Mittelfingerverstauchungen absolut nichts verbanden.

Wer sich davon nicht locken lässt, kann natürlich auch wieder einmal schauen, was zur-sache.at so schreibt. Auch schön, denn dort findet man zum Beispiel ein Zitat von Andreas „Die Peitsche“ Hanger, worin er viel Mitleid mit Herrn Blümel hat, weil „sich die Hausdurchsuchung als umsonst herausgestellt hat“. Das ist erstens wunderbar, zweitens deshalb, weil hier gar nichts anderes stehen kann als „umsonst“. Die Hausdurchsuchung konnte sich ja nicht als unbegründet herausstellen (da ein Verdacht bestand), noch als zwecklos (weil sie immerhin den Finanzminister entlastet hat), noch als ergebnislos – denn herausstellen kann sich nur eine Eigenschaft, die etwas entweder immer schon besessen hat, so wie sich herausstellt, dass Lord Vader Lukes Vater ist, oder eine Eigenschaft, die man irrtümlich nicht vorhanden glaubte. So ergeht es gar manchem hupfdohlenaffinen Genesenen, dessen durchgemachte Infektion sich nun als umsonst herausstellt, wenn der Türsteher ihm rät, stattdessen ein Zeltfest zu besuchen. Die Hausdurchsuchung hingegen war ergebnisoffen, sodass sich die Ergebnislosigkeit später erweisen, aber nicht herausstellen konnte. Mithin ist dem Herrn Hanger ein Satz geglückt, der so krumm ist, dass er schon wieder gerade ist, was wahrscheinlich das Beste ist, was sich für einen hangerschen Satz hoffen lässt. Denn welche Muskelgruppen jener beim Sprechen belastet, wollen wir nun doch nicht so genau wissen.

Schönes Wochenende!

Freitag, 30. April 2021

Rechenbeispiel

 

Ihr kennt das bestimmt, o teure Lesehäschen: Man findet sich irgendwo ein, dort sollte jemand auftauchen, der weiß, wo es langgeht, und stell dir vor, keiner geht hin. In der Grammatik sieht das dann zum Beispiel so aus:

Eingerichtet wurde der Blog von PR-Muftis und kann somit als Täuschungsmanöver betrachtet werden.

Irgendwas stimmt da nicht. Das kann im zweiten Satzteil steht herum wie bestellt und nicht abgeholt. Glatt aufgehen würde etwa diese sprachliche Gleichung:

Der Blog wurde von PR-Muftis eingerichtet und kann somit als Täuschungsmanöver betrachtet werden.

Oder auch diese:

Eingerichtet wurde der Blog von PR-Muftis, somit kann er als Täuschungsmanöver betrachtet werden.

Was ist geschehen? Wenn zwei Hauptsätze aneinandergereiht sind, die sich ein Subjekt (nämlich den Blog) teilen, so wie – Bildungsauftrag! – die Graien der griechischen Mythologie, die zu dritt mit nur einem Auge und einem Zahn auskommen müssen, dann gilt es dieses Subjekt entweder voranzustellen. Oder es geht sich halt nicht aus, dann muss man ein zweites Subjekt (hier „er“) herbeirufen.

Wenn aber die Prädikate (eingerichtet wurde und kann) vorneweg marschieren, ohne dass im zweiten Glied ein Subjekt mithampelt, dann kann man das, in den unsterblichen Worten meines geliebten Lukas, schon machen, aber es sieht dann halt kacke aus.

Im ÖVP-Blog geschieht nicht selten Ähnliches, weil man als soigniertes Chefsubjekt halt nicht überall sein kann und die beiden Schacklprädikate einen Schmarren hinschreiben, so schnell kannst du gar nicht schauen.

Heute lernen wir nämlich den schönen und leider unübersetzbaren Ausdruck to bury the lede. Er bedeutet, dass ein (obacht, jetzt folgt ein schönes Beispiel für eine Formulierung, die uns das Gendersternchen erspart) journalistisches Nackerbatzerl das Wichtigste an einem Artikel (eben: the lede) irgendwo im Inneren versteckt und sich bis dahin in weniger interessanten Details verliert.

Sebastian Winter (das ist der kongeniale Kollege von Peter Stöckl bei zur-sache.at) liefert dafür ein Beispiel in seinem „Artikel“ über zusätzliche Impfdosen, die Österreich zuteil werden sollen. Stolz verkündet er, dass „für Mai von diesen zusätzlichen Dosen rund 410.000 erwartet“ werden. Im Gesundheitsministerium, so führt er aus, schließt man daraus, „dass im Mai zwischen 400.000 und 500.000 Impfdosen in Österreich erwartet sind“.

Man würde nun zumindest ein empörtes Gicksen erwarten ob der Tatsache, dass die Regierung ursprünglich anscheinend überhaupt keine Impfdosen für Mai erwartet hatte (da ja die gesamte erwartete Menge in den zusätzlichen Dosen aufgeht), aber irgendwie ist das an Herrn Winter vorbeigegangen. Ein noch empörteres Gicksen wäre fällig ob der Tatsache, dass in der letzten Aprilwoche mehr Impfdosen eintrudeln als laut Herrn Winter im ganzen Mai, aber das ist dann irgendwie auch schon wurscht.

Man darf raten, welches Organ sich die beiden Nachwuchspolitiker teilen, und man darf ein bisschen Mitleid mit ihrem Chef haben, aber nur ein bisschen. Denn wir sehen daran, dass man erstens in den Grundrechnungsarten genauso schwach sein kann wie in Grammatik und trotzdem noch einen ÖVP-Blog schreiben, und dass man zweitens, wenn man sich darauf einlässt, solche journalistischen Inselbegabungen leiten zu wollen, bekommt, was man verdient.

Schönes Wochenende!


Freitag, 23. April 2021

Untypisch

 

Wie, o teure und medial stets auf dem Quivive befindliche Lesehäschen, geht es denn zur-sache.at, dem sogenannten Blog, den sich die ÖVP angeblich wachsen hat lassen, um „die Diskussion zu versachlichen“, was in der Praxis darauf hinausläuft, dass ÖVP-Politiker Beiträge von zur-sache.at teilen, damit bei Unbedarften der Eindruck entstehe, ein journalistisches Medium habe etwas Positives über das Gebaren der türkisen Reichshälfte zu sagen?

Antwort: den Umständen entsprechend. Weshalb der Chef dieser Veranstaltung, Claus Reitan, sich als erfahrener Journalist den Schmarren antut, ist ein Geheimnis, das hoffentlich nur er selber kennt, denn wenn es jemand von der ÖVP weiß, dann ist das auch schon die Antwort darauf, warum er mitspielt.

Dass seine beiden Schackln hoffen, hier parteiintern zu punkten, ehe sie 25 werden, liegt auf der Hand. Unterwindet man  sich tatsächlich der Lektüre ihrer Beiträge, stellt man – wenig überraschend – fest, dass ihre Pöstchen offenbar nach dem Prinzip „schreiben kann eh jeder“ besetzt wurden. Wer hier ein Kopfgeld auf gerade Sätze aussetzt, muss ebensowenig die Verarmung fürchten, wie jemandem, der sich bei jeder von einer gesellschaftlichen Vision getragenen Aussage des Kanzlers einen Schnaps genehmigt, der Weg in die Trunksucht vorgeizeichnet ist.

Sucht man hingegen die geschossenen Böcke auf, so findet man sich in einem, wie der Engländer sagt, target-rich environment wieder. Man muss sich schon fragen, auf das Niveau welcher Zielgruppe man sich begibt, wenn davon die Rede ist, dass bei uns höhere COVID-Unterstützungen ausgezahlt werden „als wie in Deutschland“. (Antwort: 23-jährige Möchtegern-Politkarrieristen, denen bei so mancher Klassensprecherwahl noch übler mitgespielt wurde als bei der Deutschschularbeit.) Auch der fast vergessene Babyelefant trabt noch durch die Sätze, wenn etwa von einem „pro Kopf Schlüssel“ die Rede ist, in dem jedes Wort vom anderen brav Abstand hält, weil der „Redakteur“ gefürchtet hat, durch die naheliegende Koppelung mit Bindestrichen eine Infektionskette zu provozieren.

Unlustig wird es, wenn dem wahrhaftigen Journalisten Florian Klenk unterstellt wird, er habe Angehörige von Personen, die vor dem Ibiza-Ausschuss befragt werden, in sozialen Medien persönlich beleidigt, was zwar ein Blödsinn ist, womit sich aber der „Redakteur“ die Rutsche legt, um wiederum Klenk als „Kollegen“ zu beleidigen. Dieser Peter Stöckl ist jemand, der kraft seiner journalistischen Expertise nichts dabei findet, Sätze wie diesen zu schreiben: „FMA-Vorstand Helmut Ettl wird in Commerzialbank-Skandal als Beschuldigter geführt.“ Wir haben zwar in den vergangenen Monaten allerlei Erstaunliches über die österreichische Justiz gehört. Dass sie aber neben Instituten wie dem Zivil- und dem Strafprozess auch den „Skandal“ kennt und dass man in einem solchen „als Beschuldigter geführt“ werden kann – um das zu lernen, haben wir die versachlichende Kraft von „Zur Sache“ gebraucht, welches Organ man nur dankbar darauf hinweisen kann, dass „im“ Commerzialbank-Skandal sich noch graziöser läse als „in“.

Leider sind nicht alle Beiträge von „Zur Sache“ namentlich gezeichnet. Nur zu gerne wüsste man, wem wir die Aufklärung verdanken, was das Ziel des „Girls’ Day des Bundes“ ist: dass nämlich Mädchen „in Ministerien und anderen Institutionen Einblicke in für sie untypische Berufsfelder […] bekommen.“ Gut zu wissen, dass der offizielle Blog der Neuen ÖVP ein Ministerium als untypisches Berufsumfeld für Mädchen sieht. Schönes Wochenende!

Freitag, 26. Februar 2021

Alles offen

 

Man soll, o teure Lesehäschen, den Leuten gut zuhören, dann erfährt man etwas über sie. Weil es aber aufgrund seiner rhetorischen Inselbegabung sehr anstrengend ist, dem Herrn Bundeskanzler zuzuhören, kann man stattdessen „Zur Sache“ lesen, was, wie männiglich bekannt, der nagelneue offizielle Blog des ÖVP-Parlamentsklubs ist und nach Aussage seines Chefredakteurs zur Versachlichung der politischen Debatte beitragen soll. Der Herr Chefredakteur hat einstweilen nur einen einzigen Schackl unter sich, den 23-jährigen Peter Stöckl, der sich mit seinen „Erfahrungen aus (Vorzugsstimmen-)Wahlkämpfen, politischen Kampagnen und der jungen Volkspartei“ optimal für sachlichen Journalismus qualifiziert hat. Das beweist zum Beispiel sein Artikel um die Frage, wann die Wirten wieder aufsperren dürfen. Der Titel ist wundervoll, denn er lautet: Öffnung ist fix. Offen ist wann.

Die graziöse Doppelung von „Öffnung“ und „offen“ lässt eine freundliche Fata morgana vor uns erstehen von einem überschäumenden Krügel, an dem die Luftfeuchtigkeit gar verheißungsvoll kondensiert. Möglicherweise auch eine weniger freundliche, die sich von diesen Sätzen an das englische Sprichwort erinnert fühlt, dass Meinungen wie Arschlöcher sind: Jeder hat eins, weshalb zumindest die Körperöffnung fix ist, auch wenn die Öffnung der Gastronomie vorerst ebenso, nun ja, offen bleiben muss wie möglicherweise das einschlägige Organ bei ÖVP-Mitarbeitern, die sich gehalten sehen, die Diskussion zu versachlichen.

Wenn man wieder zu sich kommt und überlegt, was da eigentlich drinsteht, stellt man leider fest, dass nur eines fix ist, nämlich, dass noch nix fix ist. Möglicherweise handelt es sich auch um den Dialog zwischen übertrieben optimistischem Gastronomiefunktionär: „Öffnung ist fix!“, dem der Möchtegerngast freudig erwidert: „Offen ist wann?“, worauf der Funktionär keine Antwort weiß. (Am Tag nach der Veröffentlichung dürfte sich der Chef den Artikel angeschaut haben, weshalb die Headline nun anders lautet, was kein Wunder, aber doch bedauerlich ist.) 

Wer weiterliest, stellt fest: Wo Peter Stöckl hinschreibt, wächst kein Gras mehr. So weiß er zu berichten, warum es im Dezember gescheiter war, die Lokale geschlossen zu halten: „Damalige Berechnungen […] ergaben, dass sich privat weniger Menschen anstecken würden, als wenn man die Lokale geöffnet hätte.“ Anscheinend hat man nicht nur die Lokale, sondern auch die Privatwohnungen geschlossen, da im Hinblick auf beide der Konjunktiv zu stehen kommt. Pass auf, Peter, so wird ein Schuh draus: „… dass sich privat weniger Menschen ansteckten, als wenn man die Lokale geöffnet hätte.“ Gleich darauf zeigt Herr Stöckl, dass er den Finger am Puls der Zeit hat, denn er apportiert nicht etwa bloß „aktuelle Berechnungen“, nein, er hat „die aktuellsten Berechnungen“ parat. Das ist sogar dem Chefredakteur durchgerutscht, der noch nicht behirnt hat, dass, wenn gestern etwas aktuell war und heute etwas Neues dazukommt, das Aktuelle von gestern es heute nicht mehr ist, weshalb aktuell sich ebenso sinnvoll steigern lässt wie schwanger.

Aus dem letzten Absatz erfahren wir endlich, warum zwar die Öffnung fix ist, aber nichts, was dazu beitragen könnte: Schwierig machen die Berechnungen die derzeit wieder leicht steigenden Zahlen. Man muss nicht Mathematik studiert haben, um verständnisvoll zu nicken: Das Rechnen könnte so einfach sein, wenn die lästigen Zahlen nicht wären! Dass es auf die Entwicklungen der nächsten Tage an[kommt], wie Nachwuchshoffnung Stöckl abschließend bemerkt, wird ihm hoffentlich keine Scherereien mit Onkel Anschober eintragen, der ja alles gepachtet hat, was irgendwie darauf schließen lässt, dass „die nächsten /hier Zeitspanne eintragen/ entscheidend sein“ werden.

Also, ihr zwei von Zur Sache, viel Glück! Das hat ja super angefangen, wir schauen sicher wieder vorbei. Schönes Wochenende!

Freitag, 8. Januar 2021

Daran denken

 

Willkommen, o frischgewaschene Häschen, im neuen Jahr! Umsomehr, als man mit Fug behaupten darf: So viel neues Jahr war noch nie! Denn es bemisst sich ja die Neuheit danach, wie froh man darüber ist, dass man das alte Graffelwerk endlich zum ASZ bringen kann (für Stadtbewohner: Altstoffsammelzentrum, in vielen kleineren Siedlungen ein Hotspot des gesellschaftlichen Lebens, denn wo kein NahVERsorger mehr gedeiht, gibt es oft immer noch eine ENTsorgungsmöglichkeit für all den Schrott, den man sich übers Internet bestellt). Und wer würde 2020 nicht gerne auf die Müllhalde der Geschichte kippen!

Besser wird es nicht zuletzt deshalb, und da lässt euer Kolumnator jetzt ungeniert den alten Sack raushängen, weil wir nicht etwa viele Missliebigkeiten des alten Jahres nicht mehr erinnern werden, sondern weil wir uns an gedachte Missliebigkeiten nicht mehr erinnern werden.

Wie war das?

Je nun, es gab eine Zeit, an die sich die allermeisten noch erinnern, in der erinnern ein reflexives Verb war. Man erinnerte sich an die alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat. Man erinnerte sich an die eigene Schulzeit, die sich nur in digitalen Details vom Bildungsalltag des eigenen Nachwuchses unterschied. Und man erinnerte sich daran, wie es war, als erinnern noch nicht transitiv war.

Jetzt geht es nicht ohne Einschub, weil es nämlich immer schon ein zweites erinnern gab, nämlich das transitive erinnern: Ich erinnere dich daran, vom Bäcker glutenfreie Semmeln mitzubringen. Hier ist dich ein Objekt im vierten Fall (wen oder was erinnere ich?), und wenn ein Verb ein Objekt im vierten Fall hat, nennt man es transitiv, hihi. Vielleicht erinnert ihr auch einander daran, die Mathehausübung rechtzeitig voneinander abzuschreiben. Dann ist einander das Objekt im vierten Fall. Ein solches transitives Erinnern geht nur mit Personen. Zwar kann das Handy mich daran erinnern, den Müll rauszubringen, aber nicht umgekehrt.

Mittlerweile ist uns aber ein drittes erinnern zugewachsen, das ebenfalls transitiv zu sein scheint. Wer es in Aktion sehen will, muss bis zum Anfang des Universums zurückreisen, nämlich zum Anfang des Marvel Cinematic Universe. Denn im ersten Avengers-Film diskutieren die göttlichen Hallodribrüder Thor und Loki nicht etwa, woran sie sich erinnern, sondern was sie erinnern. Als Zuschauer denkt man sich, dass das ein sprachliches Mitbringsel aus Asgard sein könnte, wo die Eisriesen vielleicht schon dies und jenes zerdroschen haben, warum also nicht auch die eine oder andere sprachliche Feinheit. Man lernt dann, dass es in Norddeutschland gang und gäbe ist, etwas zu erinnern. Man fragt sich als Nächstes, warum die Synchronisationsverantwortlichen eine Avengers-Fassung für Nordlichter erstellt haben und ob es auch eine in Standarddeutsch gibt. Bis einem einfällt, dass ja nicht nur Norddeutsche etwas erinnern, sondern auch Engländer samsing rimembern, sodass man enttäuscht zur Kenntnis nimmt, dass wir es also mit einem nicht mit einem sympathischen Fischkoppismus, sondern mit einem doofbanalen Anglizismus zu tun haben, der einstweilen noch weit eher Sinn macht als ergibt.

Und weil wir uns 2021 erinnern werden, wie es im Lockdown war, anstatt den Lockdown zu erinnern, deshalb wird 2021 so prächtig.

Schönes Wochenende!

Freitag, 25. September 2020

Entschuldigung

 

Dass alles nicht so einfach ist, meine lieben Lesehäschen, ist ja nichts Neues, und dass gerade FPÖler und solche, die es nur noch gewesen sein wollen, mit der deutschen Sprache bisweilen Schwierigkeiten haben, ebensowenig. Dass wiederum Herr Blümel und Herr Nepp ein und denselben rhetorischen Trick bemühen, wird auch niemanden wundern: Der eine will Wien „wieder“ nach vorne bringen, der andere will Wien „zurückholen“, wobei natürlich weder der eine erklärt, inwiefern Wien hinten noch der andere, inwiefern es weg ist. Auf diesem Schmähniveau könnte man beide fragen, ob sie aufgehört haben, sich vor dem Frühstück schon Obstler zu stessen, worauf es ja auch nur richtige Antworten gibt! Immerhin sind die beiden auf Volksschulniveau sprachlich firm, während H.C. Strache gelegentlich ins Straucheln (also: Stracheln) kommt. Kürzlich sonderte er in einem Interview einen schönen Satz ab, den sich aber wirklich jeder von uns hinter die Häschenlöffel schreiben sollte, nämlich:

Man muss sich selbst verzeihen können.

Das zeugt von erfreulicher Fähigkeit zum Mitdenken. Denn wenn Strache sich nicht zuerst selbst verzeiht, wer soll ihm dann darin nachfolgen? Strache setzt anscheinend darauf, dass ihm die Leute schon verzeihen werden, wenn er nur selbst mit gutem Beispiel vorangeht und auch einmal fünfe gerade sein lässt, nachdem sein alter Haberer Heinz-Christian in der Fettn einmal einen Blödsinn gemacht hat.

Allerdings zeigte sich, dass der Journalist für seine Überschrift das Strache-Original unzulässig berichtigt hatte. Tatsächlich hatte Strache nämlich geäußert: Man muss sich selbst für Fehler verzeihen können. Wer Augen hat zu lesen, der lese – er wird in diesem scheinbar so schlichten Ratschlag jene tiefe Verunsicherung finden, die gemeinhin mit Zukunftsangst und/oder Drogenentzug in Verbindung gebracht wird. Denn man verzeiht sich (oder einander) ja nicht für einen Fehler, ebensowenig wie man sich von der Partei für die Miete der Villa in dort-wo-man-eh-nicht-wohnt-weil-man-sonst-in-Wien-nicht-zur-Wahl-antreten-darf zahlen lässt. Man lässt sich die Miete zahlen, man verzeiht sich den Fehler, und basta.

Dass Strache hier ein für hineingerutscht ist wie eine Oligarchin in eine ibizenkische (ja, echt!) Finca oder wie ihm dort so manches herausgerutscht ist, ist ein Zeichen dafür, dass er etwas vergessen hat. Nämlich, sich für das zu entschuldigen, was er der besagten Oligarchin in der besagten Finca so alles anvertraut hat und was mit „Ausverkauf der Republik“ bestens zusammengefasst ist.

O Hazeh, gehe in dich und höre! Ganz, ganz oft, lieber Hazeh, wird jemandem erst verziehen, nachdem er um diese Verzeihung gebeten hat. Beziehungsweise: Man muss sich selbst für Fehler entschuldigen, weil das nämlich niemand anderer tun wird, schon gar nicht der Gudenus.

Vielleicht fängst du damit an und wir schauen dann, ob es funktioniert.

Schönes Wochenende!