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Freitag, 19. April 2024

Unschuldig

 

Eine euch natürlich bestens bekannte englische Wendung, o polyglotte Lesehäschen, behauptet, es gebe guilty pleasures, also Genüsse, die weniger unschuldig sind als andere. So weit, so gut, doch damit sind nicht etwa Vergnügungen gemeint, in deren Verlauf andere gegen ihren Willen zu schaden kommen. Es bedeutet bloß, dass sich hier jemand unter seinem Niveau verlustiert. Das scheint dem Zweckdichter sonderbar. Zum Beispiel kocht er gern und oft, und zwar nicht nur, weil er gern und oft in Gesellschaft isst und die Gesellschaft dazu eher bereit ist, wenn man ihr etwas halbwegs Genießbares hinstellt. Nein, Kochen macht einfach Spaß, weil man dabei (zumindest, wenn man weiß, was gut für einen ist), nichts anderes tut, genauso wie beim Snowboarden oder beim Rasieren mit dem Messer (auch dies, wenn man weiß, was gut für einen ist). Welches Leben zum Multitasking beim Kochen führt, zeigt die Schlusssequenz von Good Fellas, in der Henry Hill noch für die erweiterte Familie Polpetti kocht, während die FBI-Hubschrauber schon über im kreisen und er nebenbei seine Waffensammlung entsorgt. Lieber nicht.

Doch wir schwiffen ab. Neben seiner Schwäche fürs Kochen hat euer Ergebener auch eine

für Chips mit Ketchup sowie für Dosenravioli. Erstere gehen immer, letztere zumindest alle paar Monate. Das Zweckdichterbalg wiederum schätzt gute Filme und liebt außerdem Reality auf RTL (das N steht bekanntlich für Niveau).

Soll man sich deshalb ein schlechtes Gewissen machen?

Gewiss nicht. Woher wüsste man, was das eigene Niveau ist, wenn man es nicht hin und wieder von unten betrachtete? Vor langer Zeit war euer Kolumnator mit einer ausgewiesenen Hardcore-Cineastin im Kino und sah dort einen Schwarzweiß-Klassiker. Keine Ahnung mehr, was es war, wahrscheinlich ein Film noir wie Billy Wilders Double Indemnity oder etwas in der Art. Die Cineastin sah sich außerstande, das Meisterwerk zu genießen, weil sie, wie sie nachher erklärte, infolge häufigen und ausschließlichen Konsums avantgardistischer Streifen (so sagte man früher zu Filmen, wenn man cool war) mit herkömmlichen Erzählmustern nichts mehr anfangen konnte, ja geradezu ratlos davor stand.

Damit es nicht so weit kommt, sind hin und wieder Dosenravioli fällig. Dies ist vermutlich auch die Funktion populistischer Parteien im Ökosystem der Politik: Man muss verkosten, wie Politik schmeckt, die größtenteils aus Konservierungsmitteln, hochverarbeitetem Getreide, naturidentischen Aromastoffen, diversen E-s, Fett und Zucker besteht (Emulgator: Herbert Kickl), um schätzen zu lernen, dass es Besseres gibt. Es ist lauter schlechtes Zeug drin, damit man woanders das Gute wieder findet (was freilich nicht immer leicht ist).

Ach ja, von letzter Woche bin ich noch schuldig, warum das Revival des Faxgeräts fällig ist: Ich kenne eine Firma mit über 100 Mitarbeitern, die einen solchen Apparat zu genau einem Zweck noch in Betrieb haben: um vormittags in der nahen Metzgerei die Wurstsemmeln für die Jause (für Vorarlberger: Z’Nünar) zu bestellen.

Schönes Wochenende!


Freitag, 30. Juni 2023

Mehrzahl

Deutsch, o grammatikfeste Lesehäschen, ist schwierig. Klar gibt es schwierigere Sprachen. Eine einstige Kollegin eures Ergebenen lachte nur abfällig, wenn jemand mit „deutsche Sprache, schwere Sprache“ daherkam, denn sie war mit dem Polnischen vertraut. Auch vom Arabischen hört man, dass es nicht ohne sein soll.

Das tut der Tatsache aber keinen Abbruch, dass auch das Deutsche den einen oder anderen Fallstrick zu bieten hat. Zum Beispiel ist es mit der Pluralbildung nicht so easy-cheesy-lemon-squeezy wie zum Beispiel im Englischen, wo man ein s dranhängt und der Käse ist gegessen beziehungsweise, wie man auf Schwäbisch sagt, der Kittel geflickt, wobei im Schwäbischen jegliches äußere Oberbekleidungsstück ein Kittel sein kann, auch dein Armanisakko. 

Im Deutschen ist es mal so, mal so. Der Plural von Streik zum Beispiel ist Streiks, was eventuell damit zu tun haben könnte, dass es aus dem Englischen stammt. Der Plural von Streit ist aber, und hier sehe ich die ZEIT scharf an, deshalb nicht einfach analog Streits, weil Streit eben nichts Englisches hat, sondern Streite. Ist aber eh wurscht, weil man Streite so oft braucht wie Milche (heißt wirklich so). Man behilft sich stattdessen mit Streitigkeiten, Streitereien, Meinungsverschiedenheiten oder eventuell sogar Prügeleien.

Leider ist zumindest Duden mit sich uneins, wie der Plural fremder oder zumindest fremdartiger Wörter zu handhaben sei. Über den Streik, der sein englisches -s behalten darf, haben wir bereits gesprochen. Seltsamerweise besteht Duden aber darauf, dass der Plural von Motto nicht etwa Motti laute, obgleich das Motto eins-a italienisch ist, sondern Mottos. Beim Cappuccino und Espresso lässt Duden beides zu, ebenso wie beim Salto. Wenn du allerdings „zwei Espressos“ bestellst, bekommst du hoffentlich, was du verdienst, nämlich zwei Starbucks-Spezialitäten zu je 4,79. Da soll sich noch einer auskennen. Und warum haben wir zwei Computer, die Engländer aber two computers?

Über die Stiefel und Brezeln müssen wir uns hoffentlich nicht auslassen, das ist ja der Deppenapostroph des gewieften Pluralbildners. Im Zuge der Recherche für diese Kolumne hat euer Ergebener übrigens eine Runde gegooglet – für euch ist mir kein Aufwand zu hoch! – und dabei eine Seite gefunden, die Aufschluss über „komplizierte Plurale“ verhieß. Misstrauen weckte der Satzanfang „Hinzukommen Nomen, die …“, und die folgende Tabelle enttäuschte denn auch nicht: Die Mehrzahl von Bonus und Globus, so die Seite, laute jeweils (ohne Alternativen) Bonusse und Globusse, jene von Lexikon allen Ernstes Lexiken. Angesichts dessen würde ich mir von „leemeta-übersetzungen.de“ eher nichts über Sprachen weismachen lassen, die ich nicht selber beherrsche. Denn ehrlich: Klar stehen diese Formen im Duden. Mit ihrer Verwendung ist es allerdings so wie mit weißen Socken in Trekkingsandalen. Es gibt kein Gesetz dagegen, aber es sieht halt schon richtig kacke aus. Schöne Wochenenden!


 

Freitag, 26. Mai 2023

Orientierung

 

Euer Ergebener kommt ja langsam in ein Alter, wo man äußerlich als rüstiger Sechziger durchgeht, wenn die Betrachter es nicht besser wissen, und kriegt deshalb nicht mehr alles so 1:1 mit. Aber angeblich hat in einer größeren Partei eine sogenannte Richtungsentscheidung stattgefunden. Als Österreicher fragt man sich natürlich sofort: für welche Richtung? Eine, auße, owe, umme beziehungsweise, um meinen angestammten Ton anzuschlagen: i-e, usse, abe, umme, vielleicht auch uar? Denn Richtungen sind ja immer relativ, wie diese Woche auch aus dem Falter hervorging, der im Rahmen einer Reportage über Russen im Pauschalurlaub auf Sri Lanka zu berichten wusste, was dort das Zimmer mit seitlichem Meerblick kostet. Eurem Ergebenen war das bisher kein Begriff, doch das Internet lehrt uns, dass „seitlicher Meerblick“ in Sachen Blickangebot das Zweitbeste ist, nach „Meerblick“ ohne nähere Angaben, aber natürlich weit vor gar keinem Meerblick. Man sieht solchenfalls das Meer nicht, wenn man auf dem Bett flackt. Wuchtet man aber seinen urlaubenden Hintern auf die Terrasse beziehungsweise je nach baulicher Ausstattung den Balkon, dann ist rechts oder links das Meer klar ersichtlich. Ob es auch statthaft ist, „seitlichen Meerblick“ zu verkaufen, wenn man dafür mangels Terrasse (oder Balkon) den Kopf aus dem Fenster stecken muss, entzieht sich meiner Kenntnis.

Was nun die SPÖ betrifft, so scheint es mir für die Zukunft der Partei zwar interessant, ob es jetzt eher nach links (angeblich Babler) oder rechts (angeblich Dosko) gehen soll. Doch spielen diese Richtungen, wie schon angedeutet, für die Orientierung vom Bregenzerwald aus keine Rolle. Es scheint eurem Zweckdichter, als sei für die Partei wie auch in jenem idyllischen Landstrich weit erheblicher, ob es hinein oder hinaus, hinauf oder hinunter gehen soll. Wenn man das einmal geklärt hat, kann man sich immer noch zwischen links und rechts entscheiden.

Der Vollständigkeit halber hier die ungefähren Himmelsrichtungen vom bereits erwähnten Bregenzerwald aus: Man fährt, begibt man sich nach Bregenz oder Dornbirn, nicht etwa „in die Stadt“, sondern „ans Land hinaus“ (was aus Wiener Perspektive keineswegs verwundert). Auch nach Deutschland geht es „hinaus“, in die Schweiz hingegen „hinüber“, welche Bewegung bekanntlich ganz Vorarlberg einst missglückt ist. Nach Tirol fährt man „hinein“, nach Wien „hinunter“. Nördliche Länder liegen tendenziell oben, nach Süden fährt man eher nicht, und der Kontinent wird generell nicht verlassen. Da kann der Meerblick so geradeaus sein, wie er will. Schönes Wochenende!

Freitag, 12. Februar 2021

Wir belehren sich einander

 

Einst, meine teuren und sicherlich regelmäßig getesteten Nasenbohrerhäschen, machte sich der Restösterreicher unangemessen lustig über die dialektalen Eigenheiten Tirols. Wie unschuldig und zugleich fehlgeleitet wirken diese Witzchen („Wie heißt Banane auf Tirolerisch?“) heute! Wissen wir doch, dass die Aussprache blunzn bis unerheblich ist, während Nuancen der grammatischen Feinwürzung den Unterschied machen können, der eben in Tirol dieser Tage zu oft auf der Strecke bleibt.

Damit sind wir endlich beim schon letzte Woche verheißenen Unterschied zwischen reflexiven und reziproken Pronomina, der heute mehr auf den Nägeln brennt denn je.

Weil warum? Abwarten! Beim Reflexivpronomen handelt es sich um ebendieses, wie hoffentlich allgemein bekannt. Wenn du dich wäschst, ist dich ein Reflexivpronomen. Die Dinger heißen so, weil man sie auch braucht, wenn man sich im Spiegel betrachtet und der Spiegel bekanntlich reflektiert. Fakt! Natürlich auch, wenn ich mich in zwei Spiegeln betrachte, bei dem Versuch, mir selber die Haare am Hinterkopf in ansehnliche Form zu bringen, weil ich den Doc-Brown-Look satt habe, was natürlich für den Hugo ist, weil man es erstens nicht hinkriegt und weil es zweitens ja reicht, der Kamera beim Zoom-Meeting nicht den Rücken zu kehren. Ich prophezeie allein schon aus der normativen Kraft des Faktischen ein großes Revival der Vokuhilamatte!

Das Reziprokpronomen hingegen spiegelt nicht nur, es spielt über die Bande. Denn ich kann mich berühren, du kannst dich berühren. Doch wenn wir uns berühren, wer berührt dann wen? Für diese erotisch entscheidende Frage hält die Grammatik zum Glück eine Antwort bereit: Wenn wir uns berühren, gibt es höchstens Zoomsex. Berühren wir hingegen einander, dann bringt das Reziprokpronomen endlich frischen Pfeffer ins Gefühlsleben.

Duden lässt uns wissen, dass die Verwendung von einander eventuell gestelzt wirken kann, wenn der Satz auch mit dem stattdessen heute gern genommenen Reflexivpronomen unmissverständlich ist. So sei es vollrohr okay, wenn wir mitteilen, dass zwei sich in einer Bar kennengelernt haben, ehe sie zu gegenseitigen Berührungen schritten, anstatt einander, während es ratsam ist, klarzustellen, ob wir wenig später unehrlich zu uns oder zueinander waren. Soll sein. Dass wir sich einander treffen, kommt jedenfalls nur östlich von St. Pölten vor.

Und was ist mit Tirol? Je nun. Das Reziprokpronomen ist nicht nur in Fragen der zwischenmenschlichen Beglückung wichtig, sondern auch im Krankheitsfall. Denn man sagt wohl, man habe sich angesteckt. Tatsächlich hast du dich aber niemals allein angesteckt. So ein Virus entsteht ja nicht durch Urzeugung in dir, wenn dein Immunsystem gerade jemand Begehrenswertem nachspechtelt und deshalb unkonzentriert ist. Vielmehr trägt jemand es dir zu, und dann hast du es: Wir stecken stets einander an. Im Lichte der jüngsten Entwicklungen scheint es aber, dass in der tirolerischen Umgangssprache das Reziprokpronomen aufs Bedauerlichste vernachlässigt wird, sodass man dort – Sprache formt Wahrnehmung! – zu der irrigen Überzeugung gelangen konnte, es stecke ein jeder sich an, während die Ansteckung zueinander im Seuchengeschehen höchstens eine Nebenrolle spiele. Bei allen Reisewarnungen und sonstigem Pipapo sei deshalb der Bundesregierung und hier natürlich Herrn Faßmann nahegelegt, das heilige Land mit ein, zwei Paletten deutscher Grammatik-Standardwerke aufzumunitionieren. Nutzt’s nix, schadt’s nix. Schönes Wochenende!

Freitag, 8. Januar 2021

Daran denken

 

Willkommen, o frischgewaschene Häschen, im neuen Jahr! Umsomehr, als man mit Fug behaupten darf: So viel neues Jahr war noch nie! Denn es bemisst sich ja die Neuheit danach, wie froh man darüber ist, dass man das alte Graffelwerk endlich zum ASZ bringen kann (für Stadtbewohner: Altstoffsammelzentrum, in vielen kleineren Siedlungen ein Hotspot des gesellschaftlichen Lebens, denn wo kein NahVERsorger mehr gedeiht, gibt es oft immer noch eine ENTsorgungsmöglichkeit für all den Schrott, den man sich übers Internet bestellt). Und wer würde 2020 nicht gerne auf die Müllhalde der Geschichte kippen!

Besser wird es nicht zuletzt deshalb, und da lässt euer Kolumnator jetzt ungeniert den alten Sack raushängen, weil wir nicht etwa viele Missliebigkeiten des alten Jahres nicht mehr erinnern werden, sondern weil wir uns an gedachte Missliebigkeiten nicht mehr erinnern werden.

Wie war das?

Je nun, es gab eine Zeit, an die sich die allermeisten noch erinnern, in der erinnern ein reflexives Verb war. Man erinnerte sich an die alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat. Man erinnerte sich an die eigene Schulzeit, die sich nur in digitalen Details vom Bildungsalltag des eigenen Nachwuchses unterschied. Und man erinnerte sich daran, wie es war, als erinnern noch nicht transitiv war.

Jetzt geht es nicht ohne Einschub, weil es nämlich immer schon ein zweites erinnern gab, nämlich das transitive erinnern: Ich erinnere dich daran, vom Bäcker glutenfreie Semmeln mitzubringen. Hier ist dich ein Objekt im vierten Fall (wen oder was erinnere ich?), und wenn ein Verb ein Objekt im vierten Fall hat, nennt man es transitiv, hihi. Vielleicht erinnert ihr auch einander daran, die Mathehausübung rechtzeitig voneinander abzuschreiben. Dann ist einander das Objekt im vierten Fall. Ein solches transitives Erinnern geht nur mit Personen. Zwar kann das Handy mich daran erinnern, den Müll rauszubringen, aber nicht umgekehrt.

Mittlerweile ist uns aber ein drittes erinnern zugewachsen, das ebenfalls transitiv zu sein scheint. Wer es in Aktion sehen will, muss bis zum Anfang des Universums zurückreisen, nämlich zum Anfang des Marvel Cinematic Universe. Denn im ersten Avengers-Film diskutieren die göttlichen Hallodribrüder Thor und Loki nicht etwa, woran sie sich erinnern, sondern was sie erinnern. Als Zuschauer denkt man sich, dass das ein sprachliches Mitbringsel aus Asgard sein könnte, wo die Eisriesen vielleicht schon dies und jenes zerdroschen haben, warum also nicht auch die eine oder andere sprachliche Feinheit. Man lernt dann, dass es in Norddeutschland gang und gäbe ist, etwas zu erinnern. Man fragt sich als Nächstes, warum die Synchronisationsverantwortlichen eine Avengers-Fassung für Nordlichter erstellt haben und ob es auch eine in Standarddeutsch gibt. Bis einem einfällt, dass ja nicht nur Norddeutsche etwas erinnern, sondern auch Engländer samsing rimembern, sodass man enttäuscht zur Kenntnis nimmt, dass wir es also mit einem nicht mit einem sympathischen Fischkoppismus, sondern mit einem doofbanalen Anglizismus zu tun haben, der einstweilen noch weit eher Sinn macht als ergibt.

Und weil wir uns 2021 erinnern werden, wie es im Lockdown war, anstatt den Lockdown zu erinnern, deshalb wird 2021 so prächtig.

Schönes Wochenende!

Freitag, 27. November 2020

Ein Aufhebens

 

Wer, o gedächtnisstarke Lesehäschen, erinnert sich noch an die letzte Singleauskoppelung der Ersten Allgemeinen Verunsicherung vor ihrem ersten Nummer-1-Hit? Ja klar, das war Ba-Ba-Banküberfall, damals am 1. Dezember 1985. Die Scheibe schaffte es auf Platz 4, im März darauf kam der Märchenprinz. Wer hat damals besonders gut aufgepasst? Nicht etwa unser vielgeliebter Herr Bundeskanzler, denn der hat immer gut aufgepasst, weshalb es eine unangemessene Unterstellung wäre, zu behaupten, er habe einmal besonders gut aufgepasst. Gut aufgepasst hat er aber, wie man ihm anhört. Daran ersieht man wieder einmal seine Erlöserqualitäten. Dürfte doch die Zeugung des damals gerade erst werdenden Bundesbauxerls am oder um jenen 1. Dezember vonstatten gegangen sein, und schon war er aufmerksam!

Denn was, um die Glückssträhne der rhetorischen Fragen nicht abreißen zu lassen, hat der Ich-Erzähler der besagten Panzerknackerhymne laut eigenem Bekunden? An Hunger und an Durscht, also, falls das einmal jemand nördlich des gern launig so genannten Weißwurstäquators lesen sollte, einen Hunger und einen Durst.

Dies ist eine sprachliche Spezialität, besser gesagt, ein Schmankerl, das einen eigenen Namen verdienen würde: dass man nämlich dem Sprachduktus einen dialektal-umgangssprachlichen Anstrich verleiht, indem man nicht Zählbares mit dem unbestimmten Artikel verheiratet. Denn dieser ähnelt bekanntlich dem ersten Zahlwort in einer schier nicht enden wollenden Reihe derselben, der Eins!

Warum umgangssprachlich? Weil, so die Logik der Näselnden, nur ein Umgangssprecher freiwillig den Eindruck erweckt, er würde Unzählbares zählen. Wie dank EAV allseits bekannt, hat man im erdigeren Umfeld Ostösterreichs nicht Hunger, sondern einen Hunger, und nicht Durst, sondern einen Durst. Der Klugscheißer rümpft darob die Nase.

Nicht so der Kanzler, dessen rhetorische Begabung sich, beiläufig gesagt, in dem Kunstgriff erschöpft, genau diesen unbestimmten Artikel zu setzen, auf dass am Ende Volkstümlichkeit herauskomme. Deshalb hat er uns in seiner Rede zum jüngsten Lockdown erklärt, wann wir hinausdürfen: wenn wir einen Bedarf haben. Möglicherweise auch mit zwei Bedarfen, oder Bedärfern, oder Bedarfsenen, wer weiß das schon so genau. (Wer es genau wissen will: Duden kennt „fachsprachlich“ tatsächlich den Plural Bedarfe. Er kennt allerdings auch den Plural Milche, der ebenfalls nur etwas für Spezialisten ist.)

Der Kanzler also gesteht uns zu, nicht nur mehrere Gründe fürs Hinausgehen zu haben, sondern auch mehr als einen Bedarf. Es ist sehr schön von ihm, dass er im Wege der Artikelvergabe ein gerüttelt Maß an Volksnähe beweist. Vielleicht hat er eine Angst, er würde andernfalls nicht wiedergewählt. Er könnte natürlich auch darauf vertrauen, dass er im Ernstfall ein Glück haben wird.

Was er einstweilen jedenfalls außer unbestimmten Artikeln zu vergeben hat, sind bestimmte Summen. Hat sich Herr Kurz doch im vergangenen Mai dazu gezwungen gesehen, schweren Herzens das Repräsentationsbudget, das ihm als Kanzler für Einladungen, Reisen und sonstige Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung steht, zu vervierfachen. Wer weiß, vielleicht könnte Faymann noch Kanzler sein, wenn er rechtzeitig auf diese Königsidee gekommen wäre! Wie auch immer: Kurz hatte die Idee, hat sie umgesetzt und hat deshalb jetzt was? Genau: ein Geld, hingegen immer noch weniger als 1 Erbarmen mit ersaufenden Flüchtlingen.

Schönes Wochenende!abhagb

Freitag, 30. Oktober 2020

Am Punkt

 

In einer Koalition findet zusammen, was zusammengehört, und wenn schon nicht dies, dann zumindest der Pallawatsch, den der Wählerwille sich zusammengemixt hat. Dass dies bei den Wörtern nicht anders sein kann, erkennt man unschwer daran, dass es auch hier österreichische Lösungen gibt.

Die sprachlichen Koalitionen sind besser als Zusammenziehungen, Verschmelzungen oder Kontraktionen bekannt, welch letzteres vielleicht heißen soll, dass die Sprache in den Wehen liegen muss, um ein neues Wörtchen gebären zu können.

Wie muss man sich das vorstellen? Im Prinzip wie bei den Leuten: Wenn sich zwei Wörter ganz, ganz liebhaben, entsteht mit etwas Glück ein drittes. Je nach Hintergrund der Eltern findet dieses Dritte leichter oder schwerer Aufnahme im erlauchten Club des standardsprachlichen Wortschatzes. Bei den Leuten geht so etwas am leichtesten, wenn die Eltern Immatrikulationshintergrund haben, bei den Wörtern, wenn eines eine Präposition, das andere ein Artikel ist. Denn die deutschen Schmelzwörter sind zum, zur, im, ins, am, beim und ähnliche. Aus zu dem wird zum, aus in das wird ins und so weiter. Dank dieser Schmelzwörter kommt man schneller zum Ziel, weil man zum Beispiel nicht erst umständlich an das Meer fahren muss, sondern direkt ans Meer, wo man dann auch schon am Strand liegt. Natürlich liegt es im Ermessen des einzelnen Sprachhäschens, ob es Schmelzwörter nutzt. Wer es aber nicht tut, steht vielleicht bald in dem Ruf, ein bisschen ein Umstandskrämer zu sein. Denn wenn es schon Abkürzungen gibt, dann benutzt man sie halt auch.

Natürlich gibt es Schmelzwörter, die es einstweilen noch nicht in die Standardsprache geschafft haben, aber wenn sie brav Beziehungen knüpfen, kann das noch werden. Hierher gehören zum Beispiel aufs, unterm, durchs und allerlei Dialektcousins und -cousinen wie willsu, hamma, gemma et cetera.

Und was ist mit der österreichischen Lösung? Die findet sich im am. Denn deutsche Deutschspreche finden nichts am Weihnachtsbaum, wenn der gefräßige Nachwuchs mal wieder schneller war. Sie haben am Fenster Blumen stehen, gehen am Abend ins Kino und haben eventuell Butter am Kopf. Österreichische Österreichischsprecher kriegen das auch alles hin. Sie können aber außerdem ihr Auto am Parkplatz abstellen, aber so, dass es mitten darauf steht und nicht daneben. Nutzt aber nix, sie finden dann erst nichts am Markt. Denn in Deutschland hat am zweieinhalb Eltern, nämlich an und dem oder einem. In Österreich hat am einen Zwilling, der ihm zu einem Verwechseln ähnlich sieht und dessen Eltern, den Sprössling von auf und dem oder einem. Deshalb darf man in Österreich auch etwas am Tisch liegen haben, während Deutsche in diesem Fall etwas am Sprachgebrauch ihres Gegenübers finden.

Wer freilich am Nachdenken, Arbeiten oder Schreiben ist, der spricht überall umgangs.

Schönes Wochenende!

Freitag, 3. Mai 2019

Arbeit und Wirtschaft


Liebe überarbeitete Häschen, braucht ihr eine Pause? Könntet ihr einen Tapetenwechsel vertragen? Seid ihr gar reif für die Insel?
Tja, das ist jetzt blöd. Denn die Wirtschaft, die hört einfach nicht auf, Arbeit zu schaffen. Zumindest hat das Frau Hartinger-Klein auf eine Weise behauptet, die schon insofern unvergesslich ist, als niemand mehr von Arbeitspolitik reden kann, ohne gleichzeitig an das Geräusch von Fingernagel an Schultafel denken zu müssen. Doch jeder leistungsfähige Text ist eine Drachensaat (wer aus dem Stegreif weiß, aus welcher Sage dieses Bild stammt, kann sich bei mir ein Dosenbier abholen): Man streut Aussagen, und schon schießen Fragen aus dem Boden. So geht es auch femme des lettres Hartinger-Klein.
Denn erstens: Stimmt das überhaupt? Und zweitens: Wäre das was Gutes?
Über die irreführenden Bezeichnungen von Arbeitgeber und Arbeitnehmer hat sich ja schon mancher ausgelassen. Wenn du dir dein seidiges Häschenhaar vom Profi schneiden lässt, bist du nicht der Frisurgeber. Wenn der Klempner dir Rohre verlegt, bist du nicht der Installationsgeber. Wenn du ein sehr guter Kunde deines Bäckers bist, wirst du vielleicht zu seinem Brötchengeber, aber das führt jetzt zu weit. Was du gibst, ist ein Auftrag und dann Geld, wofür du eine Arbeitsleistung erhältst.
Genauso ist es in dem, was die Ministerin „Wirtschaft“ zu nennen geruht. Der Chef gibt dir keine Arbeit, sondern Geld, weil du ihm zuerst Arbeit gegeben hast. Aber was hat das mit der Wirtschaft zu tun? Das kommt vor allem darauf an, wo du aufgewachsen bist. Auf meiner einst heimatlichen Scholle konnte man sowohl „ins Geschäft“ wie auch „in die Wirtschaft“ gehen. Im Geschäft leistete man Arbeit, wofür man Geld erhielt. Der Name kommt wohl daher, dass dieser Vorgang für alle Beteiligten ersprießlich war, was aber nicht bei jedem Geschäft selbstverständlich ist.
Die erworbenen Zahlungsmittel konnte man später in der Wirtschaft gegen alkoholhaltige Erfrischungsgetränke tauschen. Dass eine Wirtschaft das ist, was der Wirt schafft, ist ja aufgelegt, dafür braucht man nicht Wirtschaftswissenschaft studiert zu haben, wie das bei Frau Hartinger-Klein der Fall ist.
Natürlich geht man als verantwortungsbewusster Erwachsener erst in die Wirtschaft, nachdem man nährstoffreiche und gesunde Lebensmittel eingekauft hatte, und zwar im Laden. So sind mit Geschäft, Laden und Wirtschaft die Eckpunkte des ländlichen Lebens markiert. Fehlt nur noch die Kirche fürs Geistige. Schafft die Wirtschaft hier Arbeit? Sicher nicht, wozu auch? Man hat ohnehin genug zu tun!
Im Sinne einer ausgewogenen Recherche, die journalistisch zu nennen trotzdem eine Übertreibung wäre, wollen wir aber nicht im westösterreichisch-süddeutschen Soziotop hängenbleiben. Wie gut ist es deshalb, dass ich mich einer ostösterreichischen Schwiegermutter erfreue. Kann sie die wirtschaftskundliche Ehre der Wirtschaftsministerin retten? Es meint nämlich „Wirtschaft“ in Wien, um Wien und um Wien herum nicht das Reich des Wirten, der stattdessen entweder im Wirts- oder Gasthaus sein segensreiches Wirken entfaltet, je nachdem, ob er selber oder die Gäste das Sagen haben. Vielmehr ist eine Wirtschaft hier eine Unordnung, ein Durcheinander, eine zu behebende Verschmutzung, also, sprechen wir es aus, damit sich der Kreis zum weniger segensreichen Wirken der aktuellen Bundesregierung schließt, ein rechter Saustall. Dass ein solcher Arbeit schafft, auch wenn man sich darüber selten freut, sei Frau Hartinger-Klein gerne bestätigt. Schönes Wochenende!

Freitag, 20. Mai 2016

Nach dem Vornamen ist vor dem Nachnamen

Bald, beste Lesehäschen, ist es so weit. Dann ist der Hofer-Bertl unser neuer Häschenpräsident. Vielleicht auch der andere, aber das würde mich überraschen, bei aller Liebe. Aber wie hat der andere in der Schule geheißen?
Beim Hofer Norbert ist die Antwort einfach: genau so. Aber van der Bellen Alexander?
Womit wir bei der Frage der Woche sind: Wie ist das mit Vorname und Nachname, beziehungsweise: Warum stellt man in bestimmten Gegenden oder Altersklassen den Nach- vor den Vornamen?
Diese Frage drang aus der Lesehäschenschaft zu mir, und weil ich ein lieber Kolumnator zu sein trachte, voller Verständnis für eure Anliegen und Wünsche habe ich sofort das Internet für euch befragt, wie das denn nun sei mit den Vor- und Nachnamen und deren Reihenfolge,
Alsbald musste ich feststellen, dass die alte Weisheit, dort nach Antworten zu suchen, entspreche dem Versuch, von einem Feuerwehrschlauch zu trinken (man wird nass und bleibt durstig), stellenweise durchaus noch zutrifft.  Ich habe neulich eine ganze Menge über Benamsungstraditionen rund um den Erdball gewusst, vom russischen Patronym (Pjotr Alexejewitsch, Sohn eines Alex, wird gern so angesprochen, während sein Nachname Kutusow nur in formellen Angelegenheiten Verwendung findet) über das isländische Nachnamen-Ringelreihen, die angenehm übersichtliche japanische Regel, den Familiennamen stets voranzustellen und den spanischen Pallawatsch (jeder hat zwei Nachnamen, Kinder kriegen den ersten jedes Elternteils) bis zu seinem portugiesischen Gegenstück (genauso, nur dass Kinder jeweils den zweiten Namen kriegen) .
Glücklicherweise habe ich den größten Teil davon umgehend wieder vergessen, bis auf die sympathisch-symmetrische kongolesische Sitte, den Familiennamen mittig zu tragen. Vorn steht der meist christliche Vorname, hinten der traditionelle kongolesische Nachname, so wie bei Joseph-Désiré Mobutu Sese Seko, also praktisch ein Max Huber Franz.
Aber das hilft uns alles nicht weiter. Warum wir in der Schule der Schwandl Georg oder die Hochreiter Gabi waren, ist ja einzusehen: In jenem Alter hat man genug zu tun mit Hinterm-Fahrradstall-Rauchen, Pickelpflege, Sportsocken und Hoffentlich-komm-ich-nicht-in-Physik-dran. Den eigenen Namen nimmt man so, wie er kommt – nämlich auf der Klassenliste. Da stellt man nicht mehr groß um, schon gar nicht bei den andern.
Und warum wird Werner Faymann zum Faymann Werner, wenn er die Stadtgrenze weit genug hinter sich lässt, wozu er ja nun reichlich Zeit hat? Ich vermute, das liegt an der stattfindenden Umstellung (so etwas dauert!) von der ländlichen zur verhüttelten Gesellschaft. Denn früher, als jedes Häschen in seinem Elternbau aufwuchs und mindestens ein Häschenkind den Elternbau vergrößerte, um seinerseits darin die Lesehäschenbevölkerung zu erhalten – früher also hatte jede zwar einen Familiennamen. Der war aber nicht so wichtig, weil weniger eindeutig als der Hofname. Am Hofnamen waren Emma Moosmann und Emma Moosmann klar zu unterscheiden, denn die eine war Becklars Emma, die andere Bröselars Emma (Namen von der Redaktion geändert). Dieses System war, wie jedes System seit Anbeginn der Zeit, super, bis die Fremden gekommen sind. (Das p.t. p.c. Publikum darf sich den Schaum wieder vom Mund wischen. Wo ich herkomme, nannte man in weniger korrekten Zeiten auch die zahlenden Touristen „Fremde“, und meine Großmutter hatte keine Gästezimmer, sondern, na? Fremdenzimmer.)
Doch seit langem ist das nicht mehr so. Etwas ändert sich. Globalisierung wäre hier zu hoch gegriffen. Regionalisierung? Überregionalisierung? Jedenfalls fand ein Zuzug statt, wodurch Menschen ohne Hausnamen in Gegenden gelangten, wo man einen solchen zu haben hat. Dies, so meine Theorie, stürzte die autochthone Bevölkerung in ein tiefes Dilemma. Einerseits brauchten die neuen Nachbarn einen Hausnamen, damit man sie korrekt identifizieren konnte. Andererseits kann man einen Hausnamen auch nicht einfach erfinden. Der muss dem Betreffenden zuwachsen wie eine charakteristische Warze mit drei Glückshaaren drin. Was also tun? Die Alteingesessenen behalfen sich, so gut sie es eben vermochten: Sie stellten den Familiennamen voran, auf dass wenigstens irgendwas vor dem Vornamen stehe. Keine perfekte Lösung, das gebe ich ja zu. Aber leider haben die Leute hierzulande keine vorchristlichen Namen in petto, sodass man das kongolesische System einführen hätte können. Ob der Hofer-Bertl im Sinne der Integration der eh schon Einheimischen darüber traurig ist oder froh, das wage ich nicht zu sagen.

Freitag, 15. November 2013

Mund nach Art


Dialekt in der Werbung ist wie Whisky statt Frühstück: Entweder es ist super, oder du speibst ohne Ansage. Woran liegt das bloß?
Als Werber nehmen wir Werbung intensiver wahr als die Zielgruppe. Das ist einfach so, da können wir nicht aus, das kommt mit dem Beruf: Mikrobiologen haben die saubersten Klos, der Friseur macht sich zuerst selber die Haare schön, und Werber schauen Werbung. Texter lesen sogar die Copy, wodurch wir angeblich einer höchst exklusiven Runde angehören. Manchmal reicht es aber schon, die Headline zu lesen, und oft gibt es auch nichts anderes, z.B. am Plakat. Plakate haben ja nur in Fällen extremer Ahnungslosigkeit oder Verzweiflung eine Copy. Eine Copy zu haben ist der größte Fehler, den eine seit längerem affichierte Charity-Kampagne NICHT macht. Äußerst fragwürdig, also auf gut Deutsch: vollkommen daneben, finde ich die Art, wie Dialekt und Standardsprache hier im Headline-Dialog eingesetzt werden, nach dem Muster:
"I sog afoch, wos i ma deng." - "Der Gebildete erkennt hier einen Deutungskomplex aus autochthoner Sprechweise und Wahrheitsanspruch." 
(Hier geht es zu den Originalbeispielen)
Nämlich:
Liegt es an mir, oder ist es tatsächlich so, dass wir dazu neigen, Dialektsprechern einen niedrigeren Status, eine geringe Bildung zuzuschreiben?
Liegt es an mir, oder ist es tatsächlich so, dass der Dialektsatz dem Klienten in den Mund gelegt ist, die standardsprachliche Erläuterung dagegen von der werbenden Organisation kommt?
Wenn es nicht an mir liegt, kann ich nur sagen: Konzept, Text und Beratung haben dem Kunden hier je 1 Bärendienst erwiesen. Weil für Bosnigl wie mich sofort klar ist, wie die Ressourcen an Macht und Bildung im Verhältnis von Organisation und Klienten verteilt sind. Nicht umsonst rät Nestroy: "Sprich, wie dir der Schnabel wuchs!"
Recht ordentlich finde ich übrigens die Fotos, aber davon verstehe ich ja nichts.

Das soll natürlich nicht heißen, dass Dialekt in der Werbung immer schlecht ist. Freudig erinnern wir uns an das Ottakringer 16er Blech. Schön sprechen!