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Freitag, 18. August 2023

Es ist, wie es ist

 

Die Caritas, o mildtätige Lesehäschen, sucht aktuell per Plakatkampagne eine*n „Pressesprecher*in für Armutsbetroffene“. Das ist erstens ein löbliches Unterfangen und erinnert zweitens an die hieramts am 13. März 2020 (hach, da war doch noch irgendwas!) behandelte Frage, warum man von manchen Fährnissen „betroffen“ ist und von anderen nicht. Schon damals stieß uns auf, dass man dieser Tage zwar nicht arm ist, sondern allenfalls armutsbetroffen, jedoch niemals reichtumsbetroffen, sondern reich. Das mutet inzwischen noch unfairer an. Die „Betroffenheit“ will ja vermutlich sagen, dass die Armen nichts dafür können, während die Reichen selber schuld sind. 

Euer Ergebener hat den Eindruck, dass die Sprachregler in Sachen Betroffenheit sich damit als Opfer des einen oder anderen Trickbetrugs empfehlen. Denn die Antwort auf die Frage, wie gestandene Geschäftsleute auf solche Schlingel hereinfallen können, liegt laut David Maurer, der vor bald 100 Jahren das entsprechende Buch (The Big Con, Empfehlung, Bildungsauftrag erfüllt) geschrieben hat, oft darin, dass sich erfolgreiche Menschen einen zu großen Anteil an ihrem Erfolg zuschreiben. Weil sie meist an die Richtigen geraten sind, halten sie sich für Menschenkenner, während wir weniger Erfolgreichen wissen, dass zum Erfolg auch Glück gehört. Man muss hinzufügen: ebenso, wie zum Armwerden Pech gehört. Dass einer reich ist, beweist keineswegs, dass er irgendwas draufhat, sondern nur, dass er mehr Kohle hat als unsereins. Wer also den den Armen die Betroffenheit zugesteht, während er sie den Reichen versagt, behauptet damit, dass Letzere mehr Einfluss auf ihr Schicksal hätten als Erstere. Tatsächlich ist der durchschnittliche G’stopfte ebenso jungferngeburtlich vom Reichtum betroffen wie der durchschnittliche Notleidende von der Armut. (Von der Erbengeneration haben wir da noch gar nicht angefangen. Mark Mateschitz hat nichts dazu beigetragen, dass sein Vater mit Gummibärchenplörre Milliarden gescheffelt hat. Frau Engelhorn, die bekanntlich sehr dafür ist, Erbinnen wie sie kräftig zu besteuern, hat sich nicht ausgesucht, dass ihr Ururgroßvater BASF mitbegründet hat und ihr Großvater bei Boehringer wichtig war.) Man möchte fast sagen: Irgendwie sind alle von allem betroffen, weil niemand komplett dafür verantwortlich zu machen ist, wie es ihm geht. Könnte man sich also das „-betroffen“ gleich schenken? Das möge die Nachwelt entscheiden.

Weil wir schon dabei sind: Kann mir jemand den Unterschied zwischen einem Zustand, einer Betroffenheit und einer Opferrolle erklären?

Aktuell scheint es nämlich so zu sein:

Attribute, die genetisch bedingt sind oder zumindest sein könnten (Hautfarbe, sexuelle Orientierung, aber auch Übergewicht oder Deppertsein) sind einfach. Man ist weiß, trans, bodypositiv und so weiter.

Von Dingen, für die „die Gesellschaft“ verantwortlich zu machen ist (Armut, geringer Bildungsstand), ist man betroffen, vorzugsweise dann, wenn das entsprechende Fährnis als unerfreulich gilt (siehe Reichtum).

So weit, so gut.

Wenn ein Unwetter dein Haus abtransportiert oder die Hitze deine Ernte vernichtet, bist du ein Opfer (ein Unwetteropfer, ein Opfer der Klimakatstrophe, whatever).

Seltsamerweise bist du aber ein Unfallopfer oder ein Diskriminierungsopfer, wenn dich einer über den Haufen fährt oder unterbuttert, weil er seinerseits deppert ist. Ist es nicht seltsam, dass wir die gleiche Rolle übernehmen sollen, wenn uns der Blitz trifft wie wenn uns ein Nazidepp prügelt? Mir scheint das ungerecht gegenüber den Blitzen. Schönes Wochenende!

Freitag, 18. Januar 2019

Auf, auf!

Besser spät als nie, heißt es, und in wie vielen Lebensbereichen ist das wahr! Deshalb herzlich willkommen im neuen Jahr, meine lieben Häschen. Euer Kolumnator liegt in Sack und Asche vor euch und bittet um Verzeihung. Habe ich euch doch letzte Woche ins Leere lesen lassen. Dafür gibt es beinahe keine Entschuldigung, bis auf die, dass ich wirklich viel um die Ohren hatte. Wer mehr darüber wissen will, kann einfach mal den Fernseher einschalten. Da werden Sie, wie fast immer, geholfen. Und nein, ins Dschungelcamp hat es euer Ergebener noch nicht geschafft, wenngleich die Chance natürlich weiterlebt. Man könnte nun glauben, das liege daran, dass man dafür ein ausgeschlafener Frühaufsteher sein müsste, wie er unserem Herrn Bundessebastian gut zur Nase steht. Sicher hätte er einst in der Royal Navy, als die Mannschaften noch in Hängematten schlafen mussten, einen guten Maat abgegeben: Here I come with a sharp knife and a clear conscience, lautete damals der Weckruf, und wer nicht hurtig aus der Hapfen hüpfte, der fand sich nach einem Schnitt durchs Halteseil unsanft auf den Boden befördert.

Tatsächlich muss man dem Mann recht geben. Wer wie der Zweckdichter des Talents zur Langschläferei ermangelt, der weiß, dass auch das frühe Aufstehen seine Vorteile hat, selbst wenn ein noch so saftiger Wurm keinen Gusto zu wecken vermag.

Es ist nämlich Zeit für das, was der Anglophone einen Reality Check nennt: Der geschieht dann, wenn dich die Realität von hinten anspringt und niederringt, weil die Realität nämlich im Football keine Gnade kennt. Wie männiglich bekannt, hat der Herr Bundeskanzler seiner Sorge Ausdruck verliehen, dass in zu vielen Wiener Familien nur die Schulkinder früh aufstehen. Vor dem inneren Auge ersteht das Bild geplagter Achtjähriger, die sich schnell eine ausgewogene Jause richten und vor dem Weggehen noch schauen, ob für die Eltern eh genügend Frühstücksbier eingekühlt ist. So etwas ist, sollte es tatsächlich vorkommen, natürlich sehr bedauerlich. Man fragt sich allerdings, wie der Herr Oberwastl seine ja noch nicht lang verstrichene  Teenagerzeit verbracht hat. Als Betroffener muss ich vermelden: Spätestens ab dem zwölften Lebensjahr ist es äußerst unwahrscheinlich, dass der heranwachsende Jungmensch ohne fremde Hilfe aufsteht, geschweige denn deshalb, weil er den unwiderstehlichen Zug zum Schultor verspürte. Hier ist vielmehr Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen seitens der Erziehungsberechtigten gefordert, um die Brut sanft, aber wirkungsvoll hin zur Bildungseinrichtung zu stupsen, denn bekanntlich stehen auf Schulschwänzen neuerdings Geldstrafen, und der höchst fiktive Mindestsicherungsbezieher würde sich ja ins eigene Frühstücksbierbudget schneiden, ließe er das einreißen.

Weil aber die real existierenden Mindestsicherungsbezieher in aller Regel keine Faulpelze mit braven Kindern sind, sondern mit ganz anderen Problemen zu kämpfen haben, die sich aber leider nicht zur Aktivierung niedriger Beweggründe in der eigenen Wählerschaft eignen, tut der Bastlwastl halt das, was er vom Koalitionspartner gelernt hat. Wenn dann lästige Zwischenrufe von wegen ÖVP und Christentum kommen, soll es Andreas Khol als Alibikatholik richten und muss sich in einem Standard-Kommentar mit der Beweisführung abmühen, dass es im Rahmen christlicher Nächstenliebe total okay sei, seinen Nebenmenschen ersaufen zu lassen.

So klärt sich, was das Gute am frühen Aufstehen ist: Man hat den Innenpolitikteil schon gegen 7.30 Uhr gelesen. Zum Gabelfrühstück so um halb zehn ist der Brechreiz dann verflogen, und man kann bei einem kleinen Gulasch und einem Reparaturseitl den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Mehr zum Thema Frühstück und ob man dabei eher etwas aufnimmt oder von sich gibt, bekommt ihr vielleicht ein andermal zu lesen. Mahlzeit!

Freitag, 15. November 2013

Mund nach Art


Dialekt in der Werbung ist wie Whisky statt Frühstück: Entweder es ist super, oder du speibst ohne Ansage. Woran liegt das bloß?
Als Werber nehmen wir Werbung intensiver wahr als die Zielgruppe. Das ist einfach so, da können wir nicht aus, das kommt mit dem Beruf: Mikrobiologen haben die saubersten Klos, der Friseur macht sich zuerst selber die Haare schön, und Werber schauen Werbung. Texter lesen sogar die Copy, wodurch wir angeblich einer höchst exklusiven Runde angehören. Manchmal reicht es aber schon, die Headline zu lesen, und oft gibt es auch nichts anderes, z.B. am Plakat. Plakate haben ja nur in Fällen extremer Ahnungslosigkeit oder Verzweiflung eine Copy. Eine Copy zu haben ist der größte Fehler, den eine seit längerem affichierte Charity-Kampagne NICHT macht. Äußerst fragwürdig, also auf gut Deutsch: vollkommen daneben, finde ich die Art, wie Dialekt und Standardsprache hier im Headline-Dialog eingesetzt werden, nach dem Muster:
"I sog afoch, wos i ma deng." - "Der Gebildete erkennt hier einen Deutungskomplex aus autochthoner Sprechweise und Wahrheitsanspruch." 
(Hier geht es zu den Originalbeispielen)
Nämlich:
Liegt es an mir, oder ist es tatsächlich so, dass wir dazu neigen, Dialektsprechern einen niedrigeren Status, eine geringe Bildung zuzuschreiben?
Liegt es an mir, oder ist es tatsächlich so, dass der Dialektsatz dem Klienten in den Mund gelegt ist, die standardsprachliche Erläuterung dagegen von der werbenden Organisation kommt?
Wenn es nicht an mir liegt, kann ich nur sagen: Konzept, Text und Beratung haben dem Kunden hier je 1 Bärendienst erwiesen. Weil für Bosnigl wie mich sofort klar ist, wie die Ressourcen an Macht und Bildung im Verhältnis von Organisation und Klienten verteilt sind. Nicht umsonst rät Nestroy: "Sprich, wie dir der Schnabel wuchs!"
Recht ordentlich finde ich übrigens die Fotos, aber davon verstehe ich ja nichts.

Das soll natürlich nicht heißen, dass Dialekt in der Werbung immer schlecht ist. Freudig erinnern wir uns an das Ottakringer 16er Blech. Schön sprechen!

Freitag, 8. November 2013

Fachtermini


Wie jeder Beruf, so erzeugt auch der unsere seine Fachtermini. Manche haben wir von anderen Branchen erbeutet, ein paar gehören nur uns. Dabei ist, wie immer, Klarheit wichtiger als Political Correctness. Das Hurenkind z.B. haben zwar die Drucker hervorgebracht, doch heißt es immer noch Hurenkind, weil "Spross einer Dame von verhandelbarer Zuneigung" einfach nicht dasselbe ist (Dank an Terry Pratchett).
Wir selbst kennen die harmlos benamste "Text-Bild-Schere": die auf den Begriff gebrachte Gratwanderung, die funktionierende Werbung ausmacht. Die Divergenz von Text und Bild darf nicht so groß sein, dass der Betrachter heillos verwirrt ist. Ist sie aber zu gering, dann fragt er sich, wozu er seine Zeit damit verschwendet hat, den Text zu lesen (was, wir wissen es, selten genug geschieht). Es liegt in der Natur der Sache, dass die Schere sich von ganz wenig bis unendlich weit öffnen kann. Letzteres liegt z.B. gelegentlich in den Sujets des CS Hospiz Rennweg vor, zumindest, soweit es mich betrifft.
Wie gesagt: Die Text-Bild-Schere kennen wir alle. Wie aber nennt man den Spezialfall, dass sie völlig geschlossen ist? Viele unserer jüngeren Kolleginnen und Kollegen wissen das nicht mehr, wie ich feststellen musste, deshalb hier die Auflösung, garantiert frei von Political Correctness: Eine völlige langweilige Übereinstimmung von Bild und Text nennen wir "Neger vor Hütte".
"Warum so ein schiacher Ausdruck!?" höre ich es entsetzt aus den hinteren Reihen quieken. Gemach, gemach: Es ist nicht so schlimm, wie es sich anhört. Die Wendung geht zurück auf ein bestimmtes Genre von ethnologischer Schreibe, die bis in die 1950er Jahre gängig war. In einschlägigen Büchern war es ganz normal, das Bild eines Afrikaners vor seiner Hütte zu sehen, mit der treuherzigen Bildunterschrift "Neger vor Hütte". Autoren dieses Schlages vermuteten wohl, ihre Leserschaft habe schon genug zu kiefeln an der Tatsache, dass es Neger gibt und dass manche in Hütten wohnen, und wollten sie nicht mit tiefergehenden Informationen überfordern.
Geringgeschätzt wird dabei nicht der abgebildete Schwarze, sondern der Autor, dem nichts Besseres eingefallen ist.

Dürfen wir den Ausdruck also weiterhin verwenden? Wenn ihr mich fragt: aber ja! Es sei denn, einer von euch hat einen besseren Vorschlag. Das war's für heute, bis zum nächsten Mal.