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Freitag, 19. Juli 2024

Wie wenn

 

Metaphern sind das Salz der Sprache, nicht wahr, o rhetorisch gewandte Lesehäschen? Eine geglückte Metapher ist wie ein frisch geschlüpfter Käfer, an dem alle Gliedmaßen dran sind, wie ein perfekter Schwung auf dem Snowboard oder ein Schnitzel, dessen Bröselhemd sich sanft vom Fleische löst.

Andere sind freilich eher so, wie wenn man beim Billa an der Kasse mit der ecard zu zahlen versucht. Denn es kommt bei den Metaphern wie im Leben auch darauf an, den richtigen Abtand zu halten. Wenn eine Metapher zu nah an der Wahrheit ist, wird es zwar nicht so unangenehm, wie wenn dein Chatverlauf plötzlich öffentliches Interesse auf sich zieht. Aber  es könnte besser laufen.

Das gute Beispiel zur schlechten Metapher lieferte diese Woche der Falter in einer Geschichte über die gewaltbereiten jungen Syrer und Tschetschenen, die sich inzwischen bei Gelegenheit nicht nur in die Goschen hauen, sondern auch stechen (wenn nicht gar schießen). Folgerichtig stand zu lesen:

Hier munitionieren sich Jugendliche mit Messern und möglicherweise mit Schusswaffen auf.

Leider nein. Das Interessante an der Munition ist, dass sie irgendwann aufgebraucht ist. Sonst müsste man sie ja nicht bevorraten. Mit Messern würde man sich also höchstens aufmunitionieren, wenn es sich um Wurfmesser handelt. Und dass die Schusswaffen etwas anderes sind als die Munition, versteht sich.

Anders läge die Sache, wenn man sich mit Schwedenbomben oder Tintenpatronen aufmunitionierte. Da stimmt die begriffliche Sphäre, und beide sind weg, wenn man sie benützt hat. Doch sich mit einem Messer aufzumunitionieren ist ein bisschen so, als holte man sich Hühner ins Bett, um mit ihnen aufzustehen.

A propos Schusswaffen: Bekanntlich wurde auf Herrn Trump geschossen, und zwar glücklicherweise daneben. Aller Voraussicht nach dürfte ihm das zusätzliche Wählerstimmen bringen. Das ist insofern bemerkenswert, als er schon in seinem ersten Wahlkampf erklärt hat, er könnte in aller Öffentlichkeit auf jemanden schießen, ohne deshalb Stimmen einzubüßen. Offenbar verbessert jeglicher Schusswaffengebrauch Trumps Chancen, ob er schießt oder das Ziel ist. Dieses Ungleichgewicht könnte Biden höchstens wettmachen, indem er selbst auf Trump schösse. Nicht umsonst wurde höchstgerichtlich festgestellt, dass der Präsident für alles, was er in seiner Eigenschaft als Präsident tut, Immunität genießt. Schönes Wochenende!

Freitag, 17. März 2023

Stillos

Der Bundeskanzler hat, o zungenfertige Lesehäschen, etwas gehalten, das heute für eine Rede durchgeht. Schon sein Vorgänger hat ja, wie hieramts beobachtet, gerne mit einer Rhetorik geglänzt, die sich im Mangel daran erschöpfte.

Einst jedoch war ein Politiker, der nicht reden konnte, kein solcher, und das galt bis in durchaus erinnerliche Zeiten. Von Churchills „we shall fight on the beaches“ über JFKs “ick bin äin Bärlina” zu Clintons “it’s the economy, stupid” wurde mit Worten entscheidend gepunktet.

Man konnte dafür auf ein Arsenal von Stilmitteln und Methoden zurückgreifen, das spätestens seit Quintilians Institution oratoria erschöpfend erfasst und kodifiziert war und dessen sich natürlich nicht nur Politiker bedienten, sondern alle, die in der Überzeugungsbranche zu tun hatten. Euer Ergebener erinnert sich an den Vortrag eines weitbeschreiten Werbeexperten, der vor vielen Jahren die Geheimnisse seiner Zunft auch in Wien kundtat. Zur Enttäuschung des Zweckdichters gab er nichts anderes zum Besten als eine Kurzfassung der quintilianischen Lehren, umformuliert im Werbesprech der Nullerjahre, mit einschlägigen Beispielen illustriert und natürlich ohne Quellenangabe.

Der Kanzler hingegen zeigt sich als guter Österreicher und gibt sich in seiner rhetorischen Nackerbatzligkeit jünger, als er ist. Früher nämlich lernte man Deutsch viel von Literatur. Heute befasst sich die Jugend stattdessen mit einer Reihe von „Textsorten“, die es zu unterscheiden und beherrschen gilt. Warum es so erstrebenswert ist, einen „Leserbrief“ oder einen „Blogeintrag“ verfassen zu können, wenn man darauf überhaupt und vielleicht nie mehr im Leben Lust hat, bleibe dahingestellt. Eine besonders beliebte Textsorte ist die sogenannte Meinungsrede, die so heißt, damit man sie nicht mit anderen Redearten verwechsle, in denen keiner Meinung Ausdruck verliehen wird. Da drängen sich zum Beispiel die Ansichtsrede, die Mirwurschtrede oder die Heiligsprechungsrede auf.

Interessanterweise gibt es, wenn man der Gewährsperson eures Ergebenen, nämlich dem Zweckdichterbalg, Glauben schenken darf, genau ein Stilmittel, das im heutigen Deutschunterricht gelehrt und auf dessen Verwendung in der Meinungsrede Wert gelegt wird. (Bevor wir weiterschreiten: Keine Ahnung, wie viele Quintilian unterscheidet, aber jedenfalls deutlich mehr als 100).)

Dieses Stilmittel, das einzige, das heutigen Schülern an die Hand gegeben wird, um Zuhörer leichter von ihrer Meinung zu überzeugen, ist die sogenannte Wippe. Die Wippe funktioniert wie die gleichnamige Installation auf dem Spielplatz, wenn diese nicht ordentlich funktioniert. Gedacht wäre sie so, dass man sich selbst leicht macht (o ich ungebildeter Schüler, wie kann ich mich nur erfrechen …), sodass die p.t. Zuhörerschaft sich umso gewichtiger fühlen darf (… vor so gebildeten Menschen wie Ihnen meine unmaßgebliche Meinung auszubreiten, die wie folgt lautet). Wer schon einmal eine echte Wippe benützt hat, erkennt sofort das Problem: Wenn nicht beide User ungefähr gleich schwer sind, wippt da nichts. Deshalb wird die rhetorische Wippe bald fad. Früher hieß das „Bescheidenheitstopos“ und war ein Werkzeug unter vielen. Heute ist es anscheinend das einzige. Hast du Meinung, machst du Wippe.

Außer natürlich, du bist Nehammer. Entweder war dem Kanzler klar, dass gespielte Bescheidenheit angesichts seiner Gaben und Verdienste bestenfalls durchschaut, schlimmstenfalls als Frotzelei aufgefasst würde, und hat sich daher sogar die Wippe erspart. Oder er ist geistig noch nicht in der siebten Schulstufe angekommen. Wie auch immer: Wir feiern die Erfindung der gänzlich rhetorikfreien Rede. Up next: die wertefreie SPÖ. Ach warte, die gibt’s ja schon. Aber trotzdem: Schönes Wochenende!

Freitag, 27. November 2020

Ein Aufhebens

 

Wer, o gedächtnisstarke Lesehäschen, erinnert sich noch an die letzte Singleauskoppelung der Ersten Allgemeinen Verunsicherung vor ihrem ersten Nummer-1-Hit? Ja klar, das war Ba-Ba-Banküberfall, damals am 1. Dezember 1985. Die Scheibe schaffte es auf Platz 4, im März darauf kam der Märchenprinz. Wer hat damals besonders gut aufgepasst? Nicht etwa unser vielgeliebter Herr Bundeskanzler, denn der hat immer gut aufgepasst, weshalb es eine unangemessene Unterstellung wäre, zu behaupten, er habe einmal besonders gut aufgepasst. Gut aufgepasst hat er aber, wie man ihm anhört. Daran ersieht man wieder einmal seine Erlöserqualitäten. Dürfte doch die Zeugung des damals gerade erst werdenden Bundesbauxerls am oder um jenen 1. Dezember vonstatten gegangen sein, und schon war er aufmerksam!

Denn was, um die Glückssträhne der rhetorischen Fragen nicht abreißen zu lassen, hat der Ich-Erzähler der besagten Panzerknackerhymne laut eigenem Bekunden? An Hunger und an Durscht, also, falls das einmal jemand nördlich des gern launig so genannten Weißwurstäquators lesen sollte, einen Hunger und einen Durst.

Dies ist eine sprachliche Spezialität, besser gesagt, ein Schmankerl, das einen eigenen Namen verdienen würde: dass man nämlich dem Sprachduktus einen dialektal-umgangssprachlichen Anstrich verleiht, indem man nicht Zählbares mit dem unbestimmten Artikel verheiratet. Denn dieser ähnelt bekanntlich dem ersten Zahlwort in einer schier nicht enden wollenden Reihe derselben, der Eins!

Warum umgangssprachlich? Weil, so die Logik der Näselnden, nur ein Umgangssprecher freiwillig den Eindruck erweckt, er würde Unzählbares zählen. Wie dank EAV allseits bekannt, hat man im erdigeren Umfeld Ostösterreichs nicht Hunger, sondern einen Hunger, und nicht Durst, sondern einen Durst. Der Klugscheißer rümpft darob die Nase.

Nicht so der Kanzler, dessen rhetorische Begabung sich, beiläufig gesagt, in dem Kunstgriff erschöpft, genau diesen unbestimmten Artikel zu setzen, auf dass am Ende Volkstümlichkeit herauskomme. Deshalb hat er uns in seiner Rede zum jüngsten Lockdown erklärt, wann wir hinausdürfen: wenn wir einen Bedarf haben. Möglicherweise auch mit zwei Bedarfen, oder Bedärfern, oder Bedarfsenen, wer weiß das schon so genau. (Wer es genau wissen will: Duden kennt „fachsprachlich“ tatsächlich den Plural Bedarfe. Er kennt allerdings auch den Plural Milche, der ebenfalls nur etwas für Spezialisten ist.)

Der Kanzler also gesteht uns zu, nicht nur mehrere Gründe fürs Hinausgehen zu haben, sondern auch mehr als einen Bedarf. Es ist sehr schön von ihm, dass er im Wege der Artikelvergabe ein gerüttelt Maß an Volksnähe beweist. Vielleicht hat er eine Angst, er würde andernfalls nicht wiedergewählt. Er könnte natürlich auch darauf vertrauen, dass er im Ernstfall ein Glück haben wird.

Was er einstweilen jedenfalls außer unbestimmten Artikeln zu vergeben hat, sind bestimmte Summen. Hat sich Herr Kurz doch im vergangenen Mai dazu gezwungen gesehen, schweren Herzens das Repräsentationsbudget, das ihm als Kanzler für Einladungen, Reisen und sonstige Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung steht, zu vervierfachen. Wer weiß, vielleicht könnte Faymann noch Kanzler sein, wenn er rechtzeitig auf diese Königsidee gekommen wäre! Wie auch immer: Kurz hatte die Idee, hat sie umgesetzt und hat deshalb jetzt was? Genau: ein Geld, hingegen immer noch weniger als 1 Erbarmen mit ersaufenden Flüchtlingen.

Schönes Wochenende!abhagb

Freitag, 20. November 2020

Erhebet die Stimmen

 

Brüder- und Schwesterhäschen im Geiste, damit sind wir auch schon beim Thema. Denn hin und wieder flackert die Diskussion auf, ob Gotteshäuser im Lockdown offen bleiben sollen oder nicht – die katholische Kirche hat die Frage damit erledigt, dass es einstweilen keine öffentlichen Gottesdienste geben wird. Damit haben die Herrschaften vollkommen recht, weil der Gottesdienst unnötig geworden ist.

Denn es gibt Dinge, die keiner Worte bedürfen. Wenn zwei drauf und dran sind, einander die eine oder andere aufzulegen (zu Andreas Khol vielleicht ein andermal mehr), dann siehst du ihnen das auch auf hundert Meter an, ohne dass du hörst, wie der eine dem anderen ankündigt, dass es jetzt gleich Granada spielen wird.

Ähnlich funktioniert das beim Gemurmel von ferne. Du kriegst auch durch die Wand mit, ob deine Nachbarn sich gerade abhauen oder kurz davon sind, einander in die Goschn zu hauen. Bisher klappte das auch in der Öffentlichkeit. Ob ein Politiker eine Rede hielt oder der Pfarrer eine Predigt, das war schon klar, bevor du noch ein einziges Wort verstanden hattest. Am Brevier geschulter Singsang, dazwischen aus der Kopfstimme geknödelt, alles Mögliche ohne Ansehung des Bedeutungsinhalts schnell heruntergeleiert bis zu den letzten ein, zwei Wörtern eines Satzes, die dafür umso getragener ausgesungen wurden – das konnte nur Liturgie sein. In der Predigt war es ein bisschen anders, aber nur ein bisschen, da bemühte sich der Pfarrer je nach rhetorischem Geschick um gesteigertes Verständnis, gerne gewürzt mit einem Predigtmärlein.

Heute klingt das alles ganz genau so, nämlich bei den unregelmäßigen, aber umso schmerzlicher herbeigesehnten Pressekonferenzen des Bundeserlösers.

Man vergegenwärtige sich den o so oft vernommenen Duktus eines Priesters, der genau weiß, dass alle schon alles mitsingen können und es daher nicht darum geht, was er sagt, sondern dass er es genau so sagt, dass die richtige Mischung aus Weihefülle, Bedeutungsschwere und Vertrautheit rüberkommt.

Und dann pfeife man sich die Pressekonferenz unserer vielgeliebten Regierung vom letzten Samstag (es war der 14. November) und dem Kanzler abwärts nochmal rein, denn es gibt was zu gewinnen:

Für jedes Kabinettsmitglied, das NICHT hundertprozentig ganz genau so dahersermonisiert wie der Pfarrer, wenn er schon lange Zähne nach dem Messwein hat, spendiere ich dem Findehäschen ein gut gekühltes Bierchen in der Glasflasche, abzuholen mit Abstand oder gemeinsam zu konsumieren, wenn das wieder möglich ist. Jeder, wirklich jeder Einzelne aus dieser ganzen traurigen Riege von Als-hätten-wir-es-nicht-längst-wissen-Könnern intoniert sein Sprüchlein, als wäre es das Agnus dei. Weil jedem von ihnen klar ist, dass es zu wenig und zu spät ist und weil sie, gut österreichisch sozialisiert, ganz automatisch darauf hoffen, dass, wie die Hostie sich in Fleisch und der Wein in Blut verwandle, aus papierenen Maßnahmen ein rettendes Konzept werde. Man muss nur den richtigen Ton treffen und ganz fest daran glauben.

So, und alle, die es noch können, beten jetzt ein Vaterunser darum, dass wir ganz bald eine Regierung kriegen, der man gleich anhört, ob sie uns eine diesseitige Lösung oder jenseitige Glückseligkeit verheißt, weil man die politische Rede wieder vom katholischen Ritus unterscheiden kann. Wenn es soweit ist, zünde ich im Stephansdom ein Kerzerl an.

Schönes Wochenende!

Freitag, 6. November 2020

Lehren aus dem Amoklauf

 

Die USA haben ihre Präsidentschaftswahl hinter sich gebracht, und ohne zu wissen, wie es ausgegangen ist, traut sich euer Ergebener jetzt schon zu prophezeien, dass ein Pallawatsch folgen wird. Dafür muss man leider kein Hellseher sein. Aus gegebenem Anlass und weil Herrn Trumps Haare nun einmal aussehen, wie sie aussehen, wenden wir uns dem Frühstück zu, genauer gesagt: dem Orangensaft. Denn auf der Orangensaftpackung steht zu lesen: Das Beste aus 15 Orangen bietet jede Packung ohne selbst Früchte auspressen zu müssen. Abgesehen davon, dass ein Beistrich nach „Packung“ der Sache guttäte, kann man da nur antworten „no na“. Dass die Packung keine Früchte auspressen muss, ist doch hoffentlich klar, wo kämen wir da hin. So ein Tetrapack ist schließlich keine vagina dentata, in die man unschuldige Orangen hineinwirft, auf dass ihr zartes Fleisch von den unerbittlichen Organen der Packung entsaftet werde. So viel dazu.

Weit irritierender ist, was UHBK nach dem Attentat im 1. Bezirk, das vielleicht doch ein Amoklauf war, zu sagen hatte. Irritierend, weil es euren Ergebenen wieder einmal darauf zurückwarf, wie unsicher doch die eigenen Überzeugungen sind. Denn, so Bastlwastl, der Täter sei von Hass auf unsere Grundwerte getrieben worden. Damit mag er recht haben, die Feststellung gemahnt aber an den alten Witz Wer ist wir, Weißbrot? Sind Kurzis Grundwerte brauchbare Häschenwerte? Ich weiß es nicht, aber wer seinen Schallenberg vorschickt, um zu erklären, warum es klug und wichtig ist, Kinder im Dreck liegen zu lassen, der glaubt möglicherweise an Grundwerte, mit denen man weder zum Amokläufer noch zum Lesehäschen taugt.

Es war jedoch, so fair muss man sein, nicht alles schlecht an den Auslassungen des Bundeskanzlers. Innerhalb von Stunden nach der Schießerei stellte er fest, dass die Tat, die er einen „Terroranschlag“ nannte, „sehr professionell vorbereitet“ worden sei.

Dies erklärt nicht nur manches, sondern vieles. Ich will ja nicht mit meiner kriminellen Energie noch mit der meiner Bekanntschaften prunken und auch nicht die Aufmerksamkeit der Terrorismusbekämpfer, soweit sie nicht damit befasst sind, sich von den Wunden zu erholen, die ihnen die Kickl’sche Sicherheitspolitik geschlagen hat, auf uns lenken. Aber wenn die fähigeren Menschen im näheren Umfeld eures Kolumnators ihren Ehrgeiz darein setzen würden, möglichst viele Unschuldige zu töten, dann, darauf wette ich, wäre es mit vier Opfern nicht getan.

Der Kanzler hingegen sieht es als „sehr professionell“ an, wenn ein Täter es zwar schafft, sich illegal ein Sturmgewehr zu beschaffen, dann aber deppert genug ist, in einem normalen Waffenladen Munition dafür kaufen zu wollen. Weil er halt ganz professionell nicht dergooglet hat, dass man auch für Munition ein waffenrechtliches Dokument braucht. Als es ihm dann gelungen war, sich Munition zu beschaffen, hat sich der Täter in den ersten Bezirk begeben, wo er angefangen hat, professionell um sich zu schießen. Dank seiner sorgfältigenVorbereitung hat er dabei neben anderen einen Landsmann und Glaubensgenossen getötet.

Angesichts der Maßstäbe, die der Maturakanzler an Professionalität anlegt, sind alle Zweifel daran beseitigt, warum auch die Pandemiepolitik der Regierung so aussieht, wie sie aussieht. Diese Klärung hat der Amoklauf immerhin gebracht.

Schönes Wochenende!

Freitag, 9. Oktober 2020

Reimtest

 

Der Wiener Wahlkampf, das können wir, o vielgeliebte Lesehäschen, frei nach Josef Hader festhalten, warat jetzt do. (Für kabarettistisch Unterversorgte: In Hader muss weg lässt sich ebendieser gründlich darüber aus, wie idiotisch der Satz I warat jetzt do ist, indem er konjunktivisch in der Schwebe zu lassen versucht, was offensichtlich der Fall ist, und dieses Offensichtliche auch noch ausspricht.)

Im Falle des Wahlkampfs hat der Konjunktiv seine Berechtigung, weil bei Besichtigung der Plakatbotschaften Zweifel keimen, ob der Wahlkampf tatsächlich der Fall ist. Denn wie einst hieramts festgehalten:Man merkt den Wahlkampf an der doofen Formulierung „Stopp dem“. Selbst Dominik Nepp hat die Chance vergeigt, mit diesem Klassiker bei der verlässlich ansehnlichen Zielgruppe der Grammatikschwachen jeden Alters zu punkten. Womit wir beim Thema sind, das uns ja alle beschäftigt, nämlich: ob Dominik Nepp unsere Stimmen verdient. Da man sich auf Wahlversprechen bekanntlich nicht verlassen kann, schicken wir die FPÖ in den Reimtest für Unentschlossene. Als Prüfstein der Wählbarkeit diene uns der Klassiker unter Nepps Wahlplakaten. Kann es im Vergleich zu den Großtaten der Partei aus Zeiten, als sie noch groß war, überzeugen?

Das fragliche Werk zeigt links leider verhüllte Frauen mit der Beischrift Wiener Islam, rechts einen leider unverhüllten Nepp. Dieser deutet in die ungefähre Richtung des Stephansdoms. Mit der Bildmontage wurde offenbar der Billigstbieter beauftragt. Anscheinend weist Nepp gar nicht zum Dom hin, sondern auf etwas, das weiter weg, aber leider nicht mehr zu sehen ist, etwa seinen Heimatplaneten.

Diese Vermutung bestärkt die Headline, denn dort, wo Nepp hinzeigt, sei Unser Daham. Dass er den Stephansdom meint, ist unwahrscheinlich, weil fast zwei Drittel der Wiener Einwohnerschaft nicht katholisch sind und die katholische Kirche in Wien einen jährlichen Schwund von etwa 1,7 % zu verzeichnen hat.

Doch genug der Spekulation über Nepps wahre Abkunft. Connaisseure der politischen Lyrik erkennen hier natürlich ein Kickl-Zitat, von dem die Steilvorlage Daham statt Islam ja stammt.

Wie schlägt sich die Nepp-Line im Vergleich?

Im Reimabgang bleibt der männliche Reim (Achtung, Bildungsauftrag: Ein männlicher Reim endet mit der betonten Silbe. Ein weiblicher Reim hat zwei reimende Endsilben, von denen die vorletzte betont ist.) erhalten, weil es ja um den Islaaaam geht. In puncto Versmaß schlägt sich Nepp auf den ersten Blick tapfer, indem er zwei viersilbige Verse bringt, in denen jeweils die erste und vierte Silbe betont ist. Geht sich sauber aus, gibt’s nix zu meckern.

Kickl ließ da fünfe gerade sein. Denn bei ihm hat der erste Vers zwei Silben, der zweite aber drei. Ein handwerklicher Schnitzer? Mitnichten. Hier zeigt sich, wer dichtet und wer bloß reimt. Wo Nepp hofft, dass braves Abzählen genügt, um etwas Brauchbares zu erzeugen (wie man ja auch nicht ohne Meterstab auskommt, wenn man sich einen Kasten bauen will), weiß Kick um den Unterschied zwischen selbstgezimmerten Kellerregalen und selbstgeschmiedeten Reimen: Im letzteren Fall gewinnt, wer wagt. Gerade die zusätzliche Silbe im zweiten Vers gibt dem (unappetitlichen) Gedanken Zeit und Raum, Anlauf zu nehmen und mit Schwung die Distanz ins Hirn des potenziellen Wählers überspringen.

Wo Kickl ästhetisch-poetisch übermächtigte, konstatiert Nepp bloß. Er hat zwar mitbekommen, dass die FPÖ irgendwie das Ausländerthema bespielen sollte, scheitert aber an der Aufgabe, sich darauf einen Reim zu machen, was angesichts seines Nachnamens nur umsomehr verwundern kann.

Schönen Wahlsonntag!

Freitag, 15. Mai 2020

Viel reden hilft viel

Es ist, o teure Lesehäschen, alles ganz einfach. Also, nicht ganz einfach. Aber ziemlich einfach. Das danken wir unserem lieben Herrn Bundeskanzler, der für uns alle darauf schaut, dass wir uns unsere (also vor allem eure, ihr unwiderstehlichen Flauschebällchen! Denn euer Kolumnator glänzt nur bedingt durch äußere Schönheit.) – dass wir also unsere hübschen Köpfchen nicht durch unnötiges Nachdenken überstrapazieren. Nicht umsonst zitiert der nicht genug zu schätzende Herbert Z. so gern: „Denken heißt zum Teufel beten!"

Daher steht es dem Chefchen einer Partei, die sich weiterhin „dem christlich-humanistischen Menschenbild verpflichtet“ sieht, wohl an, die Denkwerkzeuge seiner Schäfchen zu entlasten, wo es nur geht.

Denn einst wollte der Politiker seine Zuhörer durch wohlgesetzte Worte von seiner Sache überzeugen. „Nothing but blood, toil, tears and sweat“,  so verhieß Churchill einst seinen Zuhörern, werde ihnen der Kampf gegen Hitler bringen, und es war genug.

Unser Bundeserlöser seinerseits (hier muss ich einen zu Unrecht wenig bekannten Text des viel zu früh, wenn auch kaum überraschend verstorbenen Werner Kofler empfehlen: Erlösergebärerinnen im Gespräch, ein schönes Stück Bosheit, das man sich beim Lesen leicht auf Sebastian ummünzen kann, wenn einem der Sinn danach steht.), unser Bundeserlöser seinerseits will den Zuhörer keineswegs überzeugen, sondern ihn mit Blabla so lange niederknüppeln, bis das Denkwerkzeug sich geschlagen gibt. So jüngst auf die Frage, ob es im Kleinwalsertal schwierig gewesen sei, den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand einzuhalten:

„Bei der Veranstaltung war es nicht schwierig,

weil wir eine große Halle hatten

zwei Meter Abstand hatten

uns in Kleingruppen nur getroffen hatten

zwei Runden gemacht haben, damit nicht alle gleichzeitig in diesem großen Saal waren.

Und da sind wir zu zwölft gesessen

mit über zwei Meter Abstand zwischen den Personen“.

Auf die Frage, ob ihm Eigenverantwortung oder staatliche Kontrolle wichtiger sind:

„Ich hab eine Videokonferenz gehabt

mit über tausenden Wirten,

die allesamt eigentlich sehr positiv sind,

die ihren Beitrag leisten wollen,

die natürlich arbeiten wollen,

mit dem Gast arbeiten wollen,

ihren Job machen wollen,

aber natürlich auch die Sicherheitsvorkehrungen einhalten wollen.“

Spätestens nach dem dritten Halbsatz ist man dermaßen zu Tode gelangweilt, dass einem die Demokratie auch schon wurscht ist, Hauptsache, man muss nicht mehr solchem Geschwafel lauschen. Wollte Herr Kurz uns davon überzeugen, gegen ein menschenverachtendes Regime ins Feld zu ziehen, dann würde er wohl sagen:

Wir haben eine gute Zusammenarbeit,

und wir sind mit dem Koalitionspartner uns einig,

weil wir gute Gespräche geführt haben mit den Verantwortlichen,

die alle sehr positiv sind, dass wir gemeinsam Blut spenden werden,

Schweiß spenden werden

auch gemeinsam Tränen spenden werden,

aber natürlich nicht alle gleichzeitig,

weil die Übertragung durch Körperflüssigkeiten tunlichst zu vermeiden ist,

da schauen wir auch in der Regierung sehr drauf

… und dann wäre Europa eh schon unterjocht. Schönes Wochenende!

Freitag, 2. Dezember 2016

Tarnkappe

Verehrte Lesehäschen, gerne stelle ich mir vor, wie ihr euch allfreitäglich die BamF reinpfeift, andächtig, frisch gewaschen, und überhaupt so, wie gut euch schuf: mit nichts als eurem Lesehäschenfell an. Denn Lesehäschen sind reinen Herzens, da darf man ruhig das Fell sehen und sich nichts dabei denken.
Dass das nicht so sein muss, wissen wir. Gern wird in letzter Zeit über verhüllte Frauen diskutiert, und da reden wir nicht vom Kopftuch, sondern von der Tschador-Niqab-Kombi, für deren Trägerinnen ein Freund vor vielen Jahren den ebenso bild- wie boshaften Ausdruck „Barbapapas“ geprägt hat. Das ist nicht nur leichter zu merken als die Unterschiede zwischen Hidschab, Tschador, Niqab und Burka. Es gibt uns auch einen Hinweis auf die semantische Schlüpfrigkeit, die sich eine anwesende, aber unsichtbare Person anverwandelt, aber davon später. Denn die verhüllte Frau ist ja nicht nur verhüllt, wenn sie dir auf der Straße begegnet, sondern auch, wenn du sie zum Beispiel interviewst, mit ihr eine Proseminararbeit schreibst oder über das korrekte Ankreuzeln bei der Wahl des Bundespräsidenten diskutierst. Nur diskutierst du nicht mit ihr, sondern mit einer sprechenden Stoffbahn. Ohne Mimik und mit wenig Körpersprache.
Katholiken meines Jahrgangs erinnern sich an die Beichtstühle von einst, mit dem Sichtschutz zwischen Beichtkind und –vater. Keiner sollte das Gesicht des andern so genau sehen. Das Gespräch mit einem verhüllten Menschen stelle ich mir genauso vor, nur halt einseitig: für dich ein Telefonat, für die Verhüllte ein Gespräch zu Angesicht (aber eben nicht von).
Natürlich hat dieser unfaire Vorteil den Nachteil, dass er dem Gegenüber von vornherein klar ist und man es daher möglichst vermeiden wird, sich mit verhüllten Menschen auf eine Diskussion einzulassen, in der es um etwas geht. Wenn es aber einmal so weit ist, dann verleiht so eine Tarnkappe bestimmt Superkräfte. Kampfrhetorik ist nur so stark, wie der Kampfrhetor seinen Gegner lesen kann. Kurz gesagt: Hätte van der Bellen sich vor jenen Diskussionen, an die wir so ungern zurückdenken, rechtzeitig eine Burka übergestülpt, dann hätte Nobsi bestimmt dumm aus der Wäsche geschaut.
Merkwürdig scheint mir auch die Logik der Verhüllung: Die Vollverschleierung, darüber sind sich alle einig, ist ein Mittel der Unterdrückung. Zwar dient sie vordergründig dazu, die Frau vor der unkontrollierbaren Sexualität der Männer zu schützen (die die Frau, mit deren unverborgenen Reizen konfrontiert, umstandslos bespringen würden). Damit geht aber natürlich einher, dass die Frau aus der Öffentlichkeit entfernt wird, die den Männern damit allein bleibt. Die Verhüllung ist also politisch, doch ebenso politisch kann, mit umgekehrtem Vorzeichen, die Enthüllung sein: Während die islamische (oder, wenn man Fachleuten glauben darf, unislamische) Verhüllung dem Schutz der Frau vor dem hemmungslosen Mann dienen soll, befreite frau (hier einmal unverzichtbar!) sich in den 70ern vom BH und entsorgte damit auch gleich ihren Objektcharakter als Lustziel des Mannes, der ein Stimulans vertragen konnte, um sexuell in die Gänge zu kommen, har-har. Ob frau sich die Burka über- oder den BH wegwirft – in beiden Fällen wird dem Begehren des Hodenkartells getrotzt. Politik, scheint mir, ist echt kompliziert, und Kleidung auch. Sogar Burkas sind komplizierter als vermutet. Wusstet ihr, dass es Burkas nicht nur in Ist-dieses-Kleid-weiß-und-gold-oder-schwarz-und-Blau gibt, sondern auch in Gelb, Grün und Weißdergeier? Guckt ihr auf Amazon, kriegt ihr Bescheid.