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Freitag, 23. August 2024

Ihre Sorgen

 

Wir können uns wieder lockermachen, o endzeitbesorgte Lesehäschen. Zwar steht auf der Shortlist zum „Jugendwort des Jahres“ das Jugendwort 2012 („yolo“). Und auch „Digga“ macht sich hier unangenehm breit, ein Begriff, der mindestens seit 2005 kursiert und nie cooler war als „Oida“. Unter den hoffnungsfrohen Kandidaten, die es dann doch nicht in die Top Ten geschafft haben, dürften sich vermutlich „Bandsalat“, „Fisimatenten“ und „Droschke“ finden, die im Vergleich zu „yolo“ geradezu knackfrisch daherkommen.

Es geht aber noch schlimmer. Die Dudenredaktion informiert über Änderungen im Wortbestand des beliebten Nachschlagewerks. Dankenswerterweise sind die „Spagetti“ rausgeflogen, die mindestens so elend sind wie der „Schofför“ (den gibt es noch), sowie der „Tunfisch“, der für nichts gut war als einen halblustigen Witz.

Im Gegenzug wurde aber ein Wort wieder aufgenommen, das schon einmal gestrichen worden war. Es handelt sich um den Hackenporsche. Für alle, die das diesseits der Linie Düsseldorf – Leipzig – Breslau lesen: Ein „Hackenporsche“ ist das, was ein ordentlicher Mensch als Einkaufstrolley kennt. (Zur Erinnerung: „Hacken“ heißen jenseits der gedachten Linie die Fersen wie auch die Schuhabsätze, womit die Unnötigkeit des Wortes hinreichend belegt ist. Schließlich leisten wir uns auch verschiedene Wörter für „Auge“ und „Brille“.) Wie Die Rheinpfalz in Übereinstimmung mit der Tagesschau mitteilt, sei dieser Begriff „scherzhaft“.

Haben alle fertiggelacht? Sehr schön. Ist ja auch echt lustig, dass ein Einkaufswagerl nach einem Sportwagen benannt wird, weil, ähm, tja, weil man ihn nachzieht? Ich glaube, ja.

Aber jetzt kommt’s: Warum darf der Hackenporsche „ab jetzt wieder im Duden seine Runden drehen“, wie Die Rheinpfalz wohl ebenfalls „scherzhaft“ feststellt? Ist der Dudenredaktion ein Fehler unterlaufen? Wurde ihr Server gehackt?

Nein: Der Hackenporsche besticht deshalb in Deutschlands maßgeblichem Wörterbuch wieder mit sportlicher Straßenlage, wie ich euch scherzhaft wissen lasse, weil sich Leute darüber beschwert haben, dass er gestrichen worden war.

I shit you not: Es gibt tatsächlich auch heute Menschen, die Zeit und Lust haben, sich zu beklagen, dass ein lexikalischer Flachwitz nicht mehr quasioffiziell abgesegnet wird. Dann ist es wohl doch nicht so schlimm. Schönes, unbeschwertes Wochenende!

 

 

Freitag, 24. Mai 2024

Junggeblieben

 

Gewiss kämpfen viele unter euch, o achtsame Lesehäschen, mit dem Gendern, auf dass sich niemand auf das nichtphallische Modeaccessoire getreten fühle. Es ist Zeit für eine Runde Frohlocken, wie uns Melisa Erkurt kundtut, ihres Zeichens Frau, die im Falter jede Woche was schreiben darf, meistens über Bildung. Diesmal klärte sie euren ergebenen, alten und weißen Mann wie folgt auf:

„Hallo, ich heiße Melisa und meine Pronomen sind she/her“ – so fangen Vorstellungsrunden im Kreise junger Menschen oft an.

Der junge Mensch im Kreise des Zweckdichters konnte dies keineswegs bestätigen, aber was soll’s. Denn:

Viele Junge schreiben ihre Pronomen auch in ihre E-Mail-Signatur, da können Sie also gern nächstes Mal hinschauen, bevor Sie jemanden mit „Liebe“ anreden, obwohl die Pronomen der Person they/them lauten.

Man KÖNNTE sich jetzt fragen, wieso man eine Person, die mit einem Pronomen im Plural angesprochen sein will, nicht mit einer Anrede im Plural anreden soll. Man könnte sich sogar fragen, ob eine Kolumnistin, die anscheinend nicht weiß, wie der Plural von „lieb“ lautet, wirklich die Anlaufstelle erster Wahl für sprachliche Fragen ist.

Vielleicht sollen wir daraus auch entnehmen, dass wir über Leute, die „they/them“ als ihre Pronomen verwendet wissen wollen, im Plural reden sollen, während wir sie aber am besten nicht anreden?

Die folgenden Behauptungen von Frau Erkurt scheinen jedenfalls unangemessen optimistisch, um nicht zu sagen: völlig aus der Luft gegriffen. 

Wenn man damit nicht so oft zu tun hat und es einen persönlich nicht betrifft, klingt es erstmal komplizierter, als es ist. Wobei, ganz so unkompliziert ist die sprachliche Umsetzung, wie manche junge Menschen dann tun, aber wiederum auch nicht, sonst würde man sich nicht mit englischen Pronomen aushelfen.

Stimmt. Wenn es wirklich einfach wäre, könnte man sagen: „Sie ist schnell Bier holen gegangen.“ Aber das wäre übergriffig und unsensibel, wo sie sich doch klar und deutlich gewünscht hat, dass wir sagen: „She ist schnell Bier holen gegangen.“ (Hoffentlich nicht zuviel, sonst wird her schlecht.)

Und da haben wir noch gar nicht davon geredet, dass die Autorin ganz andere Probleme hat als das Gendern. Zum Beispiel hilft man einander mit etwas aus. Wenn Frau Erkurt also der sprachlichen Sicherheit ermangelt, helfe ich ihr gerne aus. Wenn mir selber hingegen der eine Ausdruck nicht einfällt, behelfe ich mir mit einem anderen. 

Aber in Wahrheit ist das alles müßig, denn wer gut aufgepasst hat, hat gemerkt, dass die Gute von Einhörnern und Feen fantasiert. Zwar haben „die Jungen“ Mailadressen. Sie haben sie aber nur, weil man in unserem vorgestrigen Internet oft eine braucht, um sich für Merch oder Konzertkarten oder sowas zu registrieren, und nicht, weil sie sich davon irgendeine kommunikative Erleichterung erhoffen. Deshalb tut sich auch keiner von ihnen die Mühe an, eine Mailsignatur einzurichten. Es sei denn, er ist nicht mehr so jung, wie er tut, und/oder nonbinäre:r Aktivist:in#*.

Nächstes Mal: Wobei, was soll das eigentlich? Schönes Wochenende!

Freitag, 17. Mai 2024

Geprüft

 

O vielgeliebte und umfassend ge-, jedoch darob keineswegs eingebildete Lesehäschen, wir setzen unsere unregelmäßige Serie Sternstunden der Bildung fort. Dass die Zentralmatura eine wunderbare Sache ist, die alles viel besser gemacht hat, wird ja niemand bestreiten, der sich niemals mit dem Thema beschäftigt hat.

Leider steht aber noch Arbeit aus. Denn die Zentralmatura gibt es ja erstens nicht für alle Fächer, sondern nur für Deutsch, Mathe und bestimmte Fremdsprachen.

Und vor allem ist nur die schriftliche Prüfung standardisiert. Danach wartet bekanntlich der mündliche Teil. Für alle, bei denen das schon exakt genau so lange her ist wie bei eurem Ergebenen, also lange genug, um sich nicht mehr so genau erinnern zu können:

Für die schriftlichen Prüfungen gibt es bundesweit einheitliche Termine. Für die mündlichen weiß man die Terminet an manchen Schulen schon, an anderen nicht. Das wäre ja so ziemlich egal. Aber im Unterschied zur Zentralmatura hängt auch hier, wie schon all die Jahre zuvor, alles am Personal, zu dem das Zweckdichterbalg bemerkte, dass man so schwer welches findet, und wenn, dann werden sie schwanger.

Tja.

Also die mündliche Matura. Während die schriftliche Matura ganz anders läuft als früher – in Deutsch zwingend zwei Texte, nicht nur einer, Mathe unendlich viele Fragen anstatt sechs Beispiele, die man zuvor monate- und jahrelang geübt hatte wie einen dreifachen Salto mit zwei Schrauben – hat  sich im mündlichen Teil überhaupt nichts geändert. Es ist immer noch Glückssache, ob man vom Prüfer einen Stapel sorgfältig ausgearbeitete Unterlagen, nach Themen in Klarsichthüllen geordnet, überreicht bekommt. Oder ob jener es bei der Auskunft bewenden lässt, es komme eh alles.

Das ist natürlich einerseits blöd für die Betroffenen. Andererseits aber auch höchst erfreulich im Sinne der Maxime, dass man ja nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernt. Es wäre daher geradezu fahrlässig, wollte das Bildungsministerium dafür sorgen, dass es bei der Matura fair zugeht, unabhängig davon, welche Fächer man wählt (und da haben wir noch gar nicht davon gesprochen, dass man mündlich drei bis vier beliebige Fächer wählen kann, sich aber schon infolge der Aufteilung der Stundentafel in, zum Beispiel, Geschichte oder Philosophiepsychologie doch merklich weniger Stoff anzusammeln pflegt als in Mathe oder Französisch). Denn im Leben geht es bekanntlich auch nicht fair zu.

Hat man das erst einmal eingesehen, dann kann man sich als verantwortungsbewusster Mensch auch nicht mehr die Gesamtschule wünschen, die, das weiß man ja aus anderen Ländern, dazu taugt, dass herkunftsbedingte Chancengefälle abzuflachen. Denn auch wenn die Schule ein bisschen gerechter wird, bleibt die Welt ungerecht. Deshalb sollten wir der österreichischen Bildungspolitik Dank dafür wissen, dass sie davon absteht, der Jugend falsche Hoffnungen zu machen und auf der Weggabelung zwischen Gymnasium und Hauptschule beharrt.

Schönes Wochenende!

Freitag, 2. Februar 2024

Objektiv

 

Wir haben es hieramts schon mehrfach erwähnt: Manchmal kann alles so einfach sein. So haben sich über das Problem der Objektivität die klügsten Köpfe von Descartes über Kant bis zur Frankfurter Schule und noch weiter den Kopf zerbrochen. Wenn ich etwas so und so wahrnehme und verstehe, wer garantiert dann, dass du es ebenso wahrnimmst und verstehst – und zwar noch lange, ehe wir uns darüber Gedanken gemacht haben, wer „ich“ bin, wer „du“ bist und ob überhaupt einer von uns existiert?

Die Mathematiker sind diesbezüglich natürlich aus dem Schneider, und auch die Naturwissenschaftler müssen sich nur bedingt Sorgen machen. Solange sie ihre Experimente ordentlich machen, sich nicht in die DNA-Probe schneuzen und in Statistik aufgepasst haben, kommt schon was halbwegs Nachvollziehbares heraus. Oder eben nicht, dann weiß man, dass das objektiv ein Schmarrn ist.

Was aber soll man machen, wenn man sich über Moral Gedanken macht, über Kunst, Politik, Literatur und ähnlichen Schmonzes? 

Bisweilen wird hier empfohlen, sich der vielfachen Bedingtheit seiner eigenen Wahrnehmung bewusst zu werden, zu reflektieren, sich über andere Sichtweisen zu informieren, Kritiker zu Wort kommen zu lassen und so fort.

Leider ist das alles sehr mühsam, deshalb ist es umso erfreulicher, dass man es sich stattdessen gröbi machen kann, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Zu verdanken haben wir diese Information wieder einmal dem Zweckdichterbalg, das bekanntlich in Kürze seine vorwissenschaftliche Arbeit abgeben muss. Warum das nötig ist, steht auf einem anderen Blatt. Ich bescheide mich mit der Bemerkung, dass die Lehrperson, die den Kurs „Einführung in die Praxis wissenschaftlichen Arbeitens“ gehalten hat, sich als Vorbereitung offenbar die vage Erinnerung an ihr eigenes Proseminar zu diesem Thema genügen hat lassen, hach, was waren wir damals jung! Und die Note auf ein Proseminar interessiert ja eh keinen mehr, wenn man erst einmal seinen Abschluss hat.

Stimmt.

Wie auch immer: Weil „vorwissenschaftlich“ nicht etwa, wie man glauben könnte, „so wie vor der Erfindung der Wissenschaftlichkeit“ meint, sondern eher „wissenschaftsähnlich, aber halt noch nicht so ganz“, deshalb also soll die Arbeit natürlich objektiv sein. Wie macht man das also, wenn man sich die Mühen der Reflexion ersparen will? Aufgepasst, hier kommt endlich der Shortcut zur Objektivität, direkt aus den FAQ des Linzer Khevenhüller-Gymnasiums zur VWA:

Darf in einer Einleitung „ich“ bzw. „mein“ verwendet werden?

Nein, die Einleitung ist bereits Teil der wissenschaftlichen Arbeit und somit objektiv zu schreiben.

Ja, dann!

Schönes Wochenende!


Freitag, 15. Dezember 2023

Kreuchen & Fleuchen

 

Es ist oft anders, o flexible Lesehäschen, als man glaubt. Zum Beispiel hättest du dir als Normalverbraucher vor zwei, drei Jahren nicht träumen lassen, dass die KI in deinem Leben jetzt schon eine Rolle spielen könnte. Oder du hast dir fest vorgenommen, niemals wieder ein Haustier mit Wirbelsäule in deine Umgebung zu lassen, weil mit einer Wirbelsäule immer auch ein Knuddligkeitsfaktor einhergeht, der bei Sensibelchen wie eurem Ergebenen übertriebene emotionale Einlassungen provoziert. Man hat dann einfach zu viel Mitleid mit den Viechern. Dass Käfer eine erfreuliche Alternative für alle darstellen, die ihre Wohnung gern mit anderen Wesen teilen, ist für treue Lesehäschen nichts Neues. Der ZEIT war kürzlich zu entnehmen, dass Ameisen derzeit voll angesagt sind. Zu ihren Reizen, so der Autor, zähle es, dass sie mit einfachsten kognitiven Mitteln alles zusammenbringen, was der Mensch auch so schafft, von Sammeln über Jagen und Ernten bis zur Sklavenhalterei.

Die letzteren sind körperlich so spezialisiert, dass sie ohne Sklaven nicht mehr überleben können. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich käme mir ein bisschen seltsam dabei vor, mir ein Ameisenvolk anzuschaffen, damit es von dem anderen versklavt werde. Dann lieber gleich eine Katze, denn da ist der nötige Lakai schon vorhanden, weil es sonst niemanden gäbe, der die Katze ins Haus holt.

Dann merkt man allerdings: Die Zeiten haben sich geändert. Während es für kleine Gen-Xer ganz normal war, ihre Eltern wochen- und monatelang anzujammern, dass man so gern eine Katze/einen Wellensittich/ein Meerschweinchen hätte, sind Gen-Zer sich der Bedürfnisse anderer Spezies eher bewusst: Man holt sich keine Katze mehr. Man holt zwei Katzen. Man holt auch zwei Kaninchen, zwei Meerschweinchen, um Himmelswillen mindestens zwei Papageien und auch zwei Pferde, es sei denn, man gönnt seinem Einzelpferdekind eine Gesellschaftsziege. Ob die Ziege sich mit dem Pferd langweilt, bleibt ungeklärt. Interessant bleibt die Frage, ob speziesübergreifende Gesellschaft etwa auch für eine Katze (Maus?) machbar wäre. Hamster können sehr gut allein bleiben. Allerdings sollten sie es auch, weil sie die ganze Nacht in ihrem Käfig herumfuhrwerken und dich tagsüber ungehalten beißen, wenn du was von ihnen willst. Wenigstens leben sie nicht lang.

Bei der Befassung mit Gen-Zer-Wünschen stolpert man auch über allerlei Internettipps zur Wahl des richtigen Haustiers. Bald stellt man fest, dass der Kampf gegen die Maschinen bereits begonnen hat. Nur stehen wir den Robotern nicht mit Laserwaffen auf einem postapokalyptischen Schlachtfeld gegenüber. Vielmehr zermürbt uns die KI, indem sie uns Hausgenossen unterjubelt, die weniger dazu geeignet sind, unseren Alltag mit ihrer flauschigen Anwesenheit zu bereichern, als darauf, uns binnen Wochen in den Wahnsinn zu treiben. Dass hier Meerschweinchen als super cuddly angepriesen werden, obwohl ihre Bereitschaft, sich streicheln zu lassen, als todesängstliche Schreckstarre treffender beschrieben wäre, ist da noch eine der harmloseren Fallen. Doch wie kommt man ernstlich auf die Idee, sein Heim mit nicht etwa einem, sondern mindestens zwei sugar gliders teilen zu wollen? Wer noch nicht in die Verlegenheit gekommen ist: Der auf Deutsch so genannte Kurzkopfgleitbeutler sieht allerdings extrem niedlich aus. Das war’s aber auch schon: Die Viecher brauchen viel, viel mehr Platz, als man unterhalb der Oligarchenklasse bieten kann („glider“ ist nicht nur so dahingesagt). Sie markieren außerdem ihr Revier mit einem übelriechenden Sekret und sind, das überrascht jetzt keinen mehr, nachtaktiv. Angesichts dieser Schwierigkeiten überlegt das Zweckdichterbalg nun die Anschaffung eines love interest, weil das auch kuschlig ist, aber daheim gefüttert wird und allein zum Arzt gehen kann. Ach ja, die Zweckdichterschwiemu hat wieder einen Hund.

Schönes Wochenende!

Freitag, 24. November 2023

Herren in Strapsen

 

Hat jemand, o stets gepflegt auftretende Lesehäschen, meine Sockenhalter gesehen?

Natürlich nicht. Nicht einmal ich selbst habe meine Sockenhalter schon einmal gesehen, weil nämlich die elastanhaltige und somit selbsthaltende Socke schon zur Zeit meiner Geburt erfunden war. Einst aber trug der Herr von Welt ums Knie oder die Hüfte eine Art Strumpfbandgürtel, um seine Socken mit Bändern daran zu befestigen, die andernfalls eine Wollwurst um seine Knöchel gebildet hätten. Kein Mann ohne Strapse, sozusagen.

Heute ist der Sockenhalter gänzlich abgekommen. An der Sneakersocke wäre er nutzlos, weil diese ja keinen Schaft besitzt, der absacken könnte. Stattdessen zeigt man oberhalb des Sneakers Knöchel, und zwar auch als Dame, ein Anblick, nach dem der durchschnittliche Sockenhalterträger sich mal eben ein kaltes Sitzbad gegönnt hätte.

Es ist also kein Wunder, dass in den Läden keine Sockenhalter mehr zu finden sind. Irgendwann hat es wohl eine Übergangszeit gegeben, in der sich Leute alt fühlten, weil sie sich noch an die gute alte Sockenhalterzeit erinnern konnten.

Heute geschieht dies eurem Ergebenen, nur nicht mit Sockenhaltern, sondern mit Schuhcreme. Denn galt lange Zeit das Butterschmalz als das Produkt mit dem höchsten Durchschnittskaufalter, so ist es nun offenbar das Schuhpflegeprodukt. Seit euer Ergebener in einer Runde von mindestens zehn Personen der Einzige ohne Sneakers war, ist auch klar, woran das liegt: Es trägt niemand mehr Schuhe, die man putzen müsste oder auch nur vernünftig putzen könnte. Wer es sich leisten kann, greift vielmehr zu Golden Goose, welche Marke keineswegs glänzt, aber umsomehr auffällt, weil die Schuhe schon zart vorbeschmuddelt sind, was mit Preisen ab 550 Euro (der Name ist Programm) nicht teuer bezahlt ist, wenn man bedenkt, wieviel Putzarbeit man sich erspart. Der Einzelhandel trägt dem Rechnung. Einst gab es im Drogeriemarkt ein Schuhpflegeregal. Dort fand man klassische Schuhcreme, Sofortglanz mit Applikator für die Faulen, Imprägnierspray, Nubukzeugs, Bürsten und so weiter und so fort. Man trug das Gewünschte nach Hause und widmete sich dem Schuhwerk, auf dass es wieder durch Schönheit erfreue.

Heute gibt es an der entsprechenden Stelle ungefähr vierzig Regalzentimeter. Darauf befindet sich Sofortglanz von zwei verschiedenen Marken in den Geschmacksrichtungen braun, schwarz und farblos. Aus. Erst kürzlich fragte sich euer Zweckdichter, wie es kapitalistisch möglich ist, dass im dritten Bezirk immer noch ein Spezialgeschäft für Schuhzubehör existiert. Ja, wirklich: Man bekommt dort keine Schuhe, sondern Cremes, Lotionen, Tüchlein, Schuhspanner und so fort. Wovon der Laden lebt, ist nun klar: Es dauert noch eine Weile, bis alle weggestorben sind, die Schuhe außer Sneakers ihr eigen nennen und diese zumindest hin und wieder putzen.

Fraglich bleibt erstens, wie die Sache heutzutage beim Bundesheer gehandhabt wird. Früher war dort ausschließlich klassische schwarze Schuhcreme in der Blechdose zulässig (nicht die, die in amerikanischen Soldatenfilmen gern vor dem Auftragen zwecks Erweichung kurz in Brand gesetzt wird, aber so ähnlich). Tipp: Glänzen am besten mit einem Nylonstrumpf, geht in Nullkommanix.

Und zweitens, was die Drogeriemärkte in die frei gewordenen Regalmeter gestellt haben. Wahrscheinlich Barfußsneakerpuder, denn auch die Sneakersocke wird nicht ewig währen. Schönes Wochenende!

Freitag, 11. August 2023

Unsichtbare Konzertbesucher

 

Habt ihr, o trendbewusste Lesehäschen, euren Barbenheimer schon absolviert? Natürlich, und gewiss was Pinkes dabei getragen, wie es sich gehört! Man ist ja in diesen nachcoronesken Zeiten (erinnert sich eigentlich jemand an die Pandemie? Ihr wisst schon: Das, weshalb wir jetzt alle Teams verwenden) immer dankbar für Erlebnisse, die man mit Wildfremden teilen kann, und kultisches Kinogehen ist dafür ideal.

Nicht ganz so ideal sind anscheinend kultische Konzertbesuche. Bestand der größte gemeinsame Nenner (nicht etwa der kleinste, denn dieser existiert nicht – soviel zum heutigen Bildungsauftrag) unter Stadiongig-Adepten früher im kollektiven Abhotten zu den Hits der Stars, so ist diesbezüglich mittlerweile Vorsicht geboten. Denn obgleich sich niemand mehr so recht erinnern kann, was zwischen März 2020 und dem vergangenen Frühling genau los war, juckt die verlorene Erinnerung wie ein amputiertes Bein. Euer Ergebener hat aus verlässlicher Quelle erfahren, dass zum Beispiel bei Harry Styles im Happelstadion nix mit verschwitzten Körpern war, die selbstvergessen in der Abendsonne zuckten. Vielmehr galten hier die strengen Regeln von your dance space – my dance space, die wir einst von Jennifer Grey und Patrick Swayze gelernt haben. Die Liebe, die Harry stets und löblicherweise predigt, erstreckt sich nicht bis zum Verständnis für die Körperlichkeit des Nebenmenschen. Die Gewährsperson des Zweckdichters tanzte nämlich mirnixdirnix mit, als gäbe es kein Morgen. Dann erfuhr sie, was auf den Bildern vom Konzert zwischen den ixtausend Besuchern nicht zu sehen war: Die ixtausend Babyelefanten dazwischen. Denn schon nach kurzem Hopsen stupste ihre Nebenfrau sie an und ersuchte, sie doch bitte nicht zu berühren.

Zufällige Berührungen in einer Menge sich rhythmisch Bewegender sind also nicht mehr angängig. Bei näherem Hinsehen ist das kaum verwunderlich, weil das mit der Menge und dem Rhythmus schon nicht so ganz hinhaut. Sobald nämlich der Star loslegt, filmen alle drauflos. Natürlich ohne Shaken, man will ja keinen verwackelten Mitschnitt haben. So stehen Tausende mit gerecktem Arm stocksteif da und begehen gemeinsam, aber distant im Namen allseitiger Verständigung einen Reichsparteitag der Populärmusik, um später ein Video auf TikTok zu stellen, das genauso aussieht wie zehntausend andere Videos auf TikTok, um einander nachher zu versichern, wie super es war.

Solche Erlebnisse sind für Menschen ab 40 ganz schön Demolition Man. Ihr wisst schon: Jenes großartige Werk, in dem Herr Stallone aus dem Kälteschlaf erwacht und feststellt, dass mittlerweile niemand mehr Schimpfwörter verwendet, Fleisch isst oder Sex hat. Wer es nicht kennt, gönne sich zwei unterhaltsame Stündchen!

Erfreulicherweise hat auch das Zweckdichterbalg erkannt, dass kein Unterschied zwischen den 10.000 ohnehin verfertigten Videos und dem 10.001., selbstgemachten bestünde, und hat deshalb aufs Mitfilmen verzichtet. Gerade die kleinen Dinge machen die geglückte Aufzucht so erfreulich. Schönes Wochenende!


Freitag, 17. März 2023

Stillos

Der Bundeskanzler hat, o zungenfertige Lesehäschen, etwas gehalten, das heute für eine Rede durchgeht. Schon sein Vorgänger hat ja, wie hieramts beobachtet, gerne mit einer Rhetorik geglänzt, die sich im Mangel daran erschöpfte.

Einst jedoch war ein Politiker, der nicht reden konnte, kein solcher, und das galt bis in durchaus erinnerliche Zeiten. Von Churchills „we shall fight on the beaches“ über JFKs “ick bin äin Bärlina” zu Clintons “it’s the economy, stupid” wurde mit Worten entscheidend gepunktet.

Man konnte dafür auf ein Arsenal von Stilmitteln und Methoden zurückgreifen, das spätestens seit Quintilians Institution oratoria erschöpfend erfasst und kodifiziert war und dessen sich natürlich nicht nur Politiker bedienten, sondern alle, die in der Überzeugungsbranche zu tun hatten. Euer Ergebener erinnert sich an den Vortrag eines weitbeschreiten Werbeexperten, der vor vielen Jahren die Geheimnisse seiner Zunft auch in Wien kundtat. Zur Enttäuschung des Zweckdichters gab er nichts anderes zum Besten als eine Kurzfassung der quintilianischen Lehren, umformuliert im Werbesprech der Nullerjahre, mit einschlägigen Beispielen illustriert und natürlich ohne Quellenangabe.

Der Kanzler hingegen zeigt sich als guter Österreicher und gibt sich in seiner rhetorischen Nackerbatzligkeit jünger, als er ist. Früher nämlich lernte man Deutsch viel von Literatur. Heute befasst sich die Jugend stattdessen mit einer Reihe von „Textsorten“, die es zu unterscheiden und beherrschen gilt. Warum es so erstrebenswert ist, einen „Leserbrief“ oder einen „Blogeintrag“ verfassen zu können, wenn man darauf überhaupt und vielleicht nie mehr im Leben Lust hat, bleibe dahingestellt. Eine besonders beliebte Textsorte ist die sogenannte Meinungsrede, die so heißt, damit man sie nicht mit anderen Redearten verwechsle, in denen keiner Meinung Ausdruck verliehen wird. Da drängen sich zum Beispiel die Ansichtsrede, die Mirwurschtrede oder die Heiligsprechungsrede auf.

Interessanterweise gibt es, wenn man der Gewährsperson eures Ergebenen, nämlich dem Zweckdichterbalg, Glauben schenken darf, genau ein Stilmittel, das im heutigen Deutschunterricht gelehrt und auf dessen Verwendung in der Meinungsrede Wert gelegt wird. (Bevor wir weiterschreiten: Keine Ahnung, wie viele Quintilian unterscheidet, aber jedenfalls deutlich mehr als 100).)

Dieses Stilmittel, das einzige, das heutigen Schülern an die Hand gegeben wird, um Zuhörer leichter von ihrer Meinung zu überzeugen, ist die sogenannte Wippe. Die Wippe funktioniert wie die gleichnamige Installation auf dem Spielplatz, wenn diese nicht ordentlich funktioniert. Gedacht wäre sie so, dass man sich selbst leicht macht (o ich ungebildeter Schüler, wie kann ich mich nur erfrechen …), sodass die p.t. Zuhörerschaft sich umso gewichtiger fühlen darf (… vor so gebildeten Menschen wie Ihnen meine unmaßgebliche Meinung auszubreiten, die wie folgt lautet). Wer schon einmal eine echte Wippe benützt hat, erkennt sofort das Problem: Wenn nicht beide User ungefähr gleich schwer sind, wippt da nichts. Deshalb wird die rhetorische Wippe bald fad. Früher hieß das „Bescheidenheitstopos“ und war ein Werkzeug unter vielen. Heute ist es anscheinend das einzige. Hast du Meinung, machst du Wippe.

Außer natürlich, du bist Nehammer. Entweder war dem Kanzler klar, dass gespielte Bescheidenheit angesichts seiner Gaben und Verdienste bestenfalls durchschaut, schlimmstenfalls als Frotzelei aufgefasst würde, und hat sich daher sogar die Wippe erspart. Oder er ist geistig noch nicht in der siebten Schulstufe angekommen. Wie auch immer: Wir feiern die Erfindung der gänzlich rhetorikfreien Rede. Up next: die wertefreie SPÖ. Ach warte, die gibt’s ja schon. Aber trotzdem: Schönes Wochenende!

Freitag, 21. Oktober 2022

Kopf ab

 

Kürzlich, o eigenverantwortliche Lesehäschen, geriet euer Ergebener unvermutet in eine Diskussion über die Abtreibung, welches Thema dank Trumps höchstrichterlicher Hinterlassenschaft wieder gar unerquicklich aufgepoppt ist. Hierzulande gilt ja seit bald 50 Jahren die sogenannte Fristenlösung, die einen Schwangerschaftsabbruch in den ersten drei Monaten straffrei stellt.

Das ist natürlich erfreulich im Sinne der Selbstbestimmung der betroffenen Frauen (sofern das überkommene binäre Konstrukt der „Frau“ in einer zeitgemäßen Diskussion überhaupt noch eine Rolle spielen darf, vielleicht sprechen wir besser von „gebärfähigen Menschen“?). Ins Grübeln kommt man aber, wenn man erfährt, dass sich in Österreich pro Jahr zwischen 12 und 20 von 1.000 „Frauen“ zu dem Eingriff entschließen, was 20.000 bis fast 40.000 Abtreibungen jährlich ergibt. Das scheinen mir angesichts der flächendeckenden Verfügbarkeit bewährter Verhütungsmittel nicht wenige zu sein. Ich weiß ja nicht, wie ihr dazu steht, aber der Zweckdichter hofft, dass Föten aus dramatischeren Gründen dran glauben müssen als „wir waren 16 und irgendwie doof“. In Deutschland, das, ohne ins Detail gehen zu wollen, in vieler Hinsicht ähnlich zivilisiert ist, sind es mit 5,6 auf 1.000 Frauen nicht einmal halb so viele, wie es in Österreich (wo keine Statistik geführt wird) mindestens sind, und es wäre vermessen, daraus zu schließen, dass die Deutschen höchstens halb so oft Sex haben. 

Nun ist so eine Abtreibung wahrscheinlich immer eine traurige Angelegenheit und ebenso wahrscheinlich viel zu oft eine, deren Klärung an der Frau hängen bleibt (beziehungsweise, damit sich niemand auf das Phallussymbol getreten fühlt, dem gebärfähigen Teil jener Menschenkombination, die gemeinsam einen Dritten hervorgebracht hat). Wie lässt sich einerseits mehr deutscher Ernst in die Überlegung bringen und andererseits der samenproduzierende Teil der Erzeugerschaft stärker in die Entscheidungsfindung einbinden? Da es, darum brauchen wir nicht herumzureden, um Leben und Tod geht, ist vielleicht dies der Ort für radikale Gedanken, womit folgender Vorschlag zu erörtern wäre:

Erstens bleiben natürlich Abtreibungen bei unmündigen Müttern, nach Vergewaltigungen und bei schwangerschaftsbedingten medizinischen Komplikationen sowieso außer Diskussion.

Zweitens aber muss in allen anderen Fällen, in denen die Schwangere sich (zweifellos schweren Herzens) für einen Abbruch entscheidet, alles Menschenmögliche unternommen werden, des Vaters (bleiben wir bei diesem handlichen, wenn auch unzeitgemäßen Begriff) habhaft zu werden. Wenn man sich seiner Person versichert hat, darf die Mutter (was soll’s) ihre Entscheidung bestätigen oder, gerne in Absprache mit ihm, revidieren. Zieht sie die Abtreibung durch, dann wird er hingerichtet. 

Nur in Ausnahmefällen, wenn es wirklich unmöglich scheint, den Vater aufzutreiben, ist eine Abtreibung ohne Hinrichtung (oder einen der oben erwähnten Ausnahmegründe) statthaft.

Damit stiege die Wahrscheinlichkeit, dass selbst überdurchschnittlich bescheuerte Hodenträger es sich zweimal überlegen, bevor sie „eh aufpassen“; die Geschwängerten müssten nicht alleine klarkommen (und zwar idealerweise schon, bevor es soweit ist); und der Ernst der Lage wäre allen klar.

Ich will nicht ausschließen, dass diese Lösung übers Ziel hinausschießt. Wem fällt was Besseres ein? Schönes Wochenende!

Freitag, 27. Mai 2022

Zu weit gegangen

 

Kürzlich war dem Falter Erfreuliches zu entnehmen, nämlich in betreffs der Wettervorhersage. Die Meteorologie hat offenbar seit den Tagen des wilhelminischen Kaiserreichs, da es Universitäten oder ähnlichen Einrichtungen untersagt war, Wetterprognosen zu veröffentlichen, weil es einer deutschen Behörde nicht anstehe, derartige Schwachheiten zu verlautbaren, große Fortschritte gemacht. Der befragte Experte tat kund, dass die Hellsichtigkeit der Fachleute um ungefähr einen Tag pro Jahrzehnt steige, sodass man heute das Wetter für nächsten Mittwoch so genau prophezeien kann wie das 2002 erst für Montag möglich war.

Dies ist ein schönes Beispiel dafür, dass selbst die einfachsten Regeln nur mit Maß und Ziel sinnvoll anzuwenden sind, denn wenn man sich von der Begeisterung über den meteorologischen Fortschritt mitreißen lässt und die Tage entsprechend rückrechnet, stellt man alsbald fest, dass man heute das Wetter vom nächsten Mittwoch so genau kennt wie 1952 das Wetter von vorgestern. Hier, wie die Experten sagen, hat es was.

Entfernt ähnlich ist der Fall von Germany’s Next Top Model gelagert. Einst war dies eine Sendung, in der Hexe Heidi junge Mädchen zur Sau machte, wenn sie nicht dürr genug waren. Das war sehr unsympathisch, aber vermutlich steckte erstens ein Körnchen Wahrheit über die Verhältnisse im Modelbusiness darin, und zweitens gaben die Sendungsmacher zumindest so etwas wie Trainingswillen vor, indem Leute wie der unvergessliche Bruce Darnell den Backfischen zeigten, wie man in Stöckelschuhen ordentlich geht. Das Problem, das der Sendung von Anfang an eingeschrieben war, bestand in der Behauptung, dass sie einen geeigneten Startpunkt für eine Modelkarriere darstelle.

Mittlerweile hat GNTM diese Regel um nicht nur einen Schritt, sondern mindestens eine Hamsterradstunde zu weit befolgt. Den Kandidatinnen wird nunmehr weisgemacht, dass es völlig gleichgültig sei, wie sie aussehen. (Bruce wurde längst durch Ganzkörperspiegel und die kritischen Blicke der ebenso ahnungslosen Mitbewerberinnen ersetzt.)

Entscheidend sei lediglich, dass sie in der Sendung bestehen. Deshalb tummelten sich in der aktuellen Staffel Frauen jeglichen Alters und Formats, deren reale Chancen in der Branche – nunja. Auch was die Siegerin (immerhin Österreicherin, yay) betrifft, hält sich die Spannung in Grenzen. Denn vor Jahren gab es einmal eine große Story über ein Exmodel, das sich zwar nie bei GNTM zurichten hatte lassen, aber trotzdem (oder deswegen) auf eine erfolgreiche Karriere zurückblickte und verriet, was man als Model am besten tut, wenn der Fotograf „mehr Ausdruck“, „mehr Emotion“ oder sonst etwas wünscht: Man schaut angefressen, und schon sind alle happy. Siegerin Lou-Anne hat das übellaunige G’schau leider nicht drauf, sondern nur den blickgewordenen ennui darüber, dass das Shooting noch nicht vorbei ist. Ob das für eine Karriere reicht, sei dahingestellt. Aber das ist ja bei GNTM-Siegerinnen nichts Neues. Schönes Wochenende!

Freitag, 29. April 2022

Es gibt nur ein Gas

 

Als das Internet noch so jung und verwegen war wie wir alle damals (kein Wunder, wir waren unsterblich, bis auf jene Beneidenswerten unter euch, die noch gar nicht geboren waren), schon damals also kursierte online die Geschichte des Mannes, der auszog, um sich selbst ein bisschen zu tasern (wer Hangover nicht gesehen hat: mit einem Elektroschocker zu schocken). Ihr könnt die nicht unwitzigen Details z. B. hier nachlesen, wenn auch unter falscher Flagge, weil dort behauptet wird, das Ganze sei 2017 vorgefallen. Damals durfte die Geschichte wahrscheinlich schon Moped fahren. Spoiler jedenfalls: Es gelingt ohne weiteres, sich selber zu tasern, aber nicht nur ein bisschen. 

Apropos Moped: Diese Woche war im Falter eine Story über die jungen Autobegeisterten Wiens zu lesen. Dort gab ein Benzinfan zu Protokoll, die allermeisten unter ihnen handelten verantwortungsvoll. Er selber nehme zwar bisweilen an Rennen auf öffentlichen Straßen teil, aber mit Verstand und nur nachts, wenn keine Kinder unterwegs seien. „Wir gefährden ja keinen“ , so der Vollidiot. Da musste euer Zweckdichter wieder an die Tasergeschichte denken. Weil man natürlich Rennen auf Straßen fahren kann, wo eventuell plötzlich jemand auftaucht, der keine Ahnung hat, dass hier ein Rennen stattfindet. Aber sicher nicht verantwortungsbewusst, mit Verstand oder ohne jemanden zu gefährden.

In diesem Zusammenhang sei auch festgehalten, was das Zweckdichterbalg im ländlichen Führerscheinkurs gelernt hat: So ein Zeltfest plakatiert ist, muss man im Ortsgebiet damit rechnen, dass Saufköpfe auf der Straße herumtaumeln bzw. -liegen. Euer Ergebener kann dies aus Erfahrung bestätigen, wobei es saisonale Häufungen gibt. Unvergesslich bleibt die Begegnung mit einem Nachbarn eines februarlichen Spätnachmittags vor Jahren. Jenem gelang es noch praktisch fehlerfrei, sich auf dem Gehsteig zu halten. Auf die Frage, ob er denn gerade heimgehe, erwiderte er: „Naa, zum Kinderfasching!“

Fährt man einen solchermaßen Bedienten nieder, dann ist man also, entsprechende Plakate vorausgesetzt, selber schuld, und im Fasching vermutlich auch ohne Plakate.

Für den Großraum Wien gilt wohl analog, dass man jederzeit und überall auf Alkoholleichen eingestellt sein muss.

Und was ist mit dem Feedback der Woche? Nix los, meine Teuren, absolut nix los. Kennt ihr das aber, wenn ihr eurem Kind eine Reisetasche gebt und feststellt, dass es für drei davon Gepäck hergerichtet hat? Ich kenne es nicht. Jedoch darf sich kein Texter ein solcher nennen, ehe er nicht ein Briefing erhalten hat, das für eine Seite Broschüre drei Seiten Inhalt vorsieht. Schönes Wochenende!


Freitag, 22. April 2022

Einsatzmöglichkeit

 

Es kann so einfach sein, o vielgeliebte Lesehäschen, den ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. Manchmal lässt sich dabei sogar das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Wer neulich die nicht genug zu preisende Sendung mit der Maus gesehen hat, weiß, wovon die Rede ist. Dort wurde nämlich ein Offshore-Windrad repariert. Dazu muss man sich klarmachen, dass der Rotor eines solchen Trumms bis zu 170 m Durchmesser haben kann. Entsprechend abgelegen und schwindelerregend sind diese Anlagen.

Wie geht so etwas vor sich? Es besteigt eine Besatzung von drei Mann (nämlich Pilot, Kopilot und Technikerschupfer, dazu gleich mehr) einen recht stattlichen Hubschrauber. Zu ihnen gesellen sich drei Techniker. Der Hubschrauber hebt ab, man fliegt zu dem defekten Windrad, das oben eine Plattform mit Geländer hat. Darüber schwebt der Chopper, der Technikerschupfer hängt einen Techniker nach dem anderen an die Seilwinde und lässt ihn auf die Plattform hinab. Es folgt noch eine große Tasche voller wichtiger Werkzeuge. Dann dreht der Hubschrauber ab und fliegt zurück zu einer Versorgungsinsel.

Die drei Techniker öffnen eine Luke und steigen in die Gondel des Windrads hinunter. Dort melden sie telefonisch die erfolgreiche Absetzung, ehe sie sich im Schein ihrer Stirnlampen erschlauen. Sie stellen fest, dass eine Sicherung defekt ist, und tauschen diese aus. Dann rufen sie telefonisch den Hubschrauber. Dieser schwebt wieder über der Plattform und nimmt zuerst die Werkzeugtasche, dann einen Techniker nach dem anderen auf, wobei der Technikerschupfer selbstverständlich seines verantwortungsvollen Amtes waltet. Sobald alle an Bord sind, fliegen alle wieder zurück an Land.

Unterm Strich waren sechs hochqualifizierte Personen geschätzte zwei Stunden beschäftigt, macht zwölf Mannstunden, dazu mindestens eine Flugstunde, die bei einer Maschine dieser Größe mit ungefähr 2.000 Euro wohlfeil ist (Bildungsauftrag erfüllt). Auf der anderen Seite der Gleichung steht eine gewechselte Sicherung.

Um nun wie verheißen das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden und zugleich eine Menge fossilen Hubschraubertreibstoff zu sparen, fragen wir uns, wie man ähnliche Probleme gelöst hat, als es noch keine Hubschrauber gab. Antwort: Man setzte den Leuchtturmwärter bei seinem Leuchtturm ab und wünschte ihm alles Gute für die nächste Zeit. Was liegt also näher, als in jede Windradgondel einen lockdowngestählten und sozial schwer verträglichen Teenager zu pflanzen? Strom ist ja genug da, man braucht nur noch ein Bett, einen Heizlüfter, einen Vorrat an Tiefkühlpizzen, eventuell eine Playstation und natürlich eine 4G-Verbindung. Eine Waschgelegenheit ist optional. Nach der Anfangsinvestition in die Basiausstattung ließe sich solche Nachwuchskräfte vom Ersparten eines einzigen Hubschraubereinsatzes locker monatelang finanzieren, da bleibt sogar noch ein nices Taschengeld. Das Wechseln einer Sicherung ist selbst diesen jungen Verpeilten ohne Weiteres zuzutrauen. Sie selbst genießen für ein, zwei Wochen die Abwesenheit von ihrem familiären Umfeld, und dieses ebenfalls. Worauf warten wir noch?

Schönes Wochenende!

Freitag, 1. Oktober 2021

Vorvergangen

 

Schulen, o geliebte Lesehäschen, tun manchmal seltsame Dinge. Allerdings nicht so seltsame Dinge wie Schulen in den USA. Wie die meisten hier herum hatte auch der Zweckdichter einst eine kleine Liebesaffäre mit jenem Land, das so viel früher so viel zivilisierter und cooler war als der hiesige Waldrand. Mittlerweile muss man sich aber schon fragen. Zum Beispiel fuhr letztes Jahr im März, als die Pandemie noch jung und verwegen war, eine 16-Jährige aus Wisconsin auf Schulausflug nach Disneyworld. Dort holte sie sich Covid und postete darüber auf Facebook. Worauf die Schule ihr den Sheriff schickte, der sie aufforderte, die Postings zu löschen, weil ja nicht erwiesen war, dass sie tatsächlich Covid hatte. (Damals war das mit dem Testen noch nicht so einfach.). Zur Ehre des Landes sei gesagt, dass der Bundesrichter dem Teenager recht gegeben hat, mit der schönen Begründung, das Recht auf freie Meinungsäußerung sei keine Einstellung in einem Computerspiel, die man nach Belieben ein- und ausschalten könne.

Weiters ist die Frage, ob sich Amyiah (so heißt die junge Frau) angesteckt hatte und dann in Quarantäne geschickt wurde, oder ob sie sich ansteckte und dann in Quarantäne geschickt wurde.

Wer Latein gelernt hat, kennt das als consecutio temporum, auch bekannt als Zeitenfolge. Jetzt und hier geht es um die sinnvolle Abfolge von Präteritum (auch Imperfekt oder Mitvergangenheit) und Plusquamperfekt. Ist ja auch logisch: Wenn etwas einst zuerst geschehen ist, sodass danach etwas anderes geschehen musste oder konnte, soll das seinen sprachlichen Niederschlag finden. Um diese Vorzeitigkeit (für Klugscheißer: Anteriorität) auszudrücken, gibt es das Plusquamperfekt, das nicht umsonst auch „Vorvergangenheit“ heißt.

Die Frage ist aber, ob die Welt ordentlich ist oder nicht. Vielleicht geschehen die Dinge ja einfach so, das nennt man dann Kontingenz: Ich stand auf, kochte Kaffee, trank ihn und hustete ins Telefon. Das Aufstehen passiert einem halt irgendwann, weil man keine Lust mehr hat, im Bett herumzuflacken.

Oder alles steuert auf ein Ziel zu:

Er war aufgestanden, nun kochte er Kaffee. Er trank ihn und hustete dann ins Telefon.

Hier ist das Aufstehen die Voraussetzung dafür, dass der Rest vonstatten gehen kann. Aus einer Abfolge von Ereignissen wird eine Geschichte. Kann man machen, muss aber nicht.

Manchmal ist es auch wurscht:

James Bond hatte abgedankt, die 007-Nummer ging auf eine Frau über.

James Bond dankte ab, 007 war nun eine Frau.

Man muss kein alter weißer Mann sein, um zu erkennen, dass das höchstens ein netter Gag ist, weil das weiße Altmännertum der Bondfigur von vornherein eingeschrieben ist. Nicht einmal das überaus woke Zweckdichterbalg hält das Geringste davon, aus Bond eventuell eine Frau zu machen, weil das dann sicher eine nette Geschichte werden kann, aber halt keine Bondgeschichte. 007 ist ein arroganter Sack mit Hoden. Schönes Wochenende!

Freitag, 18. Juni 2021

Aus der Schule geplaudert

 

Endlich einmal gute Nachrichten, o teure Lesehäschen! Wisst ihr noch, wie euer Ergebener vor einer Weile von Sorge erfüllt war, weil der Datenschutz einfach wichtiger ist als der Virenschutz und das Contact Tracing deshalb keine Chance hat? Frohlocket, denn vielleicht gibt es einen Ausweg!

Die Sache ist nämlich so: Die letzte Zeit war nicht etwa eine schwierige, sondern, viel schlimmer, eine „herausfordernde“. Die Herausforderung bestand darin, dass die Bälger ein Gutteil der Zeit vor dem Bildschirm verbrachten. Das war einfach, solange es alle Klassenbälger gleichzeitig betraf. Dann aber teilte Onkel Faßmann die Klassen wie Moses das Rote Meer und führte den Schichtbetrieb in den Schulen ein, sodass jede Gruppe zwei Tage Präsenzunterricht hatte und zwei Tage Distance Learning und freitags alle daheimblieben.  Das war nicht einfach, weil zwar der Lehrkörper sich teilen kann, nicht aber die Körper der Lehrpersonen. In der Praxis saß deshalb die Zuhausebleiberschicht erneut vor dem Bildschirm, genoss aber nicht die heimelige Pädagogik im Teams-Meeting, sondern wurde via Webcam Zeuge, wie die jeweilige Lehrperson eine Präsenzstunde hielt, was das Laptopmikrofon weit über seine Leistungsgrenzen hinaus beanspruchte, sodass unterm Strich ein Charlie-Brown-Effekt entstand, wenn auch elektronisch vermittelt: Die Jugendlichen hörten hochgewachsenen Schemen zu, die unaufhörlich dumpfe Quaklaute ausstießen.

Deshalb fasste die Beste eures Ergebenen sich ein Herz und erkundigte sich, ob das denn sein müsse? Aber natürlich nicht, ward sie beschieden, es sei nur, weil viele Eltern Wert auf diese Form der Beaufsichtigung legten. Wo dies nicht der Fall sei, könne das Balg ruhig in Eigenregie an Lernaufträgen herumfrickeln. So geschah es auch, und alle waren glücklich.

Irgendwann war es bekanntlich vorbei mit dem Schichtbetrieb, und man versammelte sich wieder in den respektiven Bildungstempeln. Dort schaute der Lehrerkörper bisweilen über die Schultern und musste bei einem solchen Blick feststellen, dass das Zweckdichterbalg (14) auf seinem Kollegblock eine Schmierage veranstaltet hatte. Der Lehrerkörper (Mitte 30) ließ sich das Blatt geben, scannte es ein und schickte es per E-Mail den Eltern (Ende 40), um seine Besorgnis um das Fortkommen des Balgs zu illustrieren.

Das ist die gute Nachricht: Wenn ein Lehrerkörper sich Sorgen macht, weil die Mitschrift eines Lernkörpers nicht seinen Ansprüchen genügt, dann sind diese Sorgen so gewichtig, dass man die persönliche Mitschrift des Lernkörpers ruhig per E-Mail durch die Weltgeschichte schicken darf, was ja, wie wir wissen, ungefähr dem Vertraulichkeitsniveau einer Postkarte entspricht. Da tritt also der Datenschutz hinter der äußeren Form der schriftlichen Arbeit zurück. Jetzt müssen wir es nur noch irgendwie dahin bringen, dass die Lehrkörper sich stattdessen Sorgen um das Contact Tracing machen, und schon ist die Sache geritzt, weil wir uns dann um den Datenschutz nicht zu kümmern brauchen.

Restbedenken bleiben allerdings, weil das Zweckdichterbalg in der Schichtbetriebszeit auch freitags auf Distanz zum Distance Learning blieb und sich stattdessen selber mit den diversen Arbeitsaufträgen befasste. Zwei Monate später lernte man daher auf die harte Tour, dass Distance Learning am Freitag etwas anderes ist als Distance Learning im Schichtbetrieb, weshalb gedachtes Balg an sechs Freitagen hintereinander unentschuldigt gefehlt hatte, ohne es zu wissen. Außerdem lernte man, dass man zwar als Erziehungskörper noch am selben Tag ein Mail kriegt, wenn das Balg in seinem Block herumschmiert. Ist das Balg aber gar nicht da, und zwar ganze Tage nicht, und das über mehrere Wochen – dann ist das für mindestens einen Lehrerkörper noch lange kein Grund, die Eltern davon in Kenntnis zu setzen.

Bevor wir also die Pandemiebekämpfung rundweg den Lehrern anvertrauen, werden wohl noch einige Schulungen nötig sein.

Schönes Wochenende!