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Freitag, 17. Mai 2024

Geprüft

 

O vielgeliebte und umfassend ge-, jedoch darob keineswegs eingebildete Lesehäschen, wir setzen unsere unregelmäßige Serie Sternstunden der Bildung fort. Dass die Zentralmatura eine wunderbare Sache ist, die alles viel besser gemacht hat, wird ja niemand bestreiten, der sich niemals mit dem Thema beschäftigt hat.

Leider steht aber noch Arbeit aus. Denn die Zentralmatura gibt es ja erstens nicht für alle Fächer, sondern nur für Deutsch, Mathe und bestimmte Fremdsprachen.

Und vor allem ist nur die schriftliche Prüfung standardisiert. Danach wartet bekanntlich der mündliche Teil. Für alle, bei denen das schon exakt genau so lange her ist wie bei eurem Ergebenen, also lange genug, um sich nicht mehr so genau erinnern zu können:

Für die schriftlichen Prüfungen gibt es bundesweit einheitliche Termine. Für die mündlichen weiß man die Terminet an manchen Schulen schon, an anderen nicht. Das wäre ja so ziemlich egal. Aber im Unterschied zur Zentralmatura hängt auch hier, wie schon all die Jahre zuvor, alles am Personal, zu dem das Zweckdichterbalg bemerkte, dass man so schwer welches findet, und wenn, dann werden sie schwanger.

Tja.

Also die mündliche Matura. Während die schriftliche Matura ganz anders läuft als früher – in Deutsch zwingend zwei Texte, nicht nur einer, Mathe unendlich viele Fragen anstatt sechs Beispiele, die man zuvor monate- und jahrelang geübt hatte wie einen dreifachen Salto mit zwei Schrauben – hat  sich im mündlichen Teil überhaupt nichts geändert. Es ist immer noch Glückssache, ob man vom Prüfer einen Stapel sorgfältig ausgearbeitete Unterlagen, nach Themen in Klarsichthüllen geordnet, überreicht bekommt. Oder ob jener es bei der Auskunft bewenden lässt, es komme eh alles.

Das ist natürlich einerseits blöd für die Betroffenen. Andererseits aber auch höchst erfreulich im Sinne der Maxime, dass man ja nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernt. Es wäre daher geradezu fahrlässig, wollte das Bildungsministerium dafür sorgen, dass es bei der Matura fair zugeht, unabhängig davon, welche Fächer man wählt (und da haben wir noch gar nicht davon gesprochen, dass man mündlich drei bis vier beliebige Fächer wählen kann, sich aber schon infolge der Aufteilung der Stundentafel in, zum Beispiel, Geschichte oder Philosophiepsychologie doch merklich weniger Stoff anzusammeln pflegt als in Mathe oder Französisch). Denn im Leben geht es bekanntlich auch nicht fair zu.

Hat man das erst einmal eingesehen, dann kann man sich als verantwortungsbewusster Mensch auch nicht mehr die Gesamtschule wünschen, die, das weiß man ja aus anderen Ländern, dazu taugt, dass herkunftsbedingte Chancengefälle abzuflachen. Denn auch wenn die Schule ein bisschen gerechter wird, bleibt die Welt ungerecht. Deshalb sollten wir der österreichischen Bildungspolitik Dank dafür wissen, dass sie davon absteht, der Jugend falsche Hoffnungen zu machen und auf der Weggabelung zwischen Gymnasium und Hauptschule beharrt.

Schönes Wochenende!

Freitag, 3. Mai 2024

Unterricht

Was „objektiv“ heißt, konnten wir ja dank dem Linzer Khevenhüller-Gymnasium bereits klären, o wissenschaftlich interessierte Lesehäschen: Wenn man nicht "ich" sagt, ist es objektiv.

Das liegt daran, dass wir so kompetent sind. Fragt sich nur, was Kompetenz eigentlich ist. Da hilft ein scharfer Blick auf die diversen Webseiten des Bildungsministeriums.

Früher, als das Wünschen auch schon für die Katz war, gab es nämlich den Deutschunterricht. Heute heißt das „Unterrichtssprache“, womit immerhin geklärt ist, dass die Schüler einst über die Beschaffenheit des Deutschen unterrichtet wurden, während heute die Sprache halt, tja, west?

Der Lehrplan für die Unterrichtssprache ist, wie alle Lehrpläne heutzutage, „kompetenzorientiert“. Man darf sich fragen, worauf die früheren Lehrpläne orientiert waren, wenn nicht auf Kompetenzen, aber man darf sich auch fragen, ob es nicht gescheiter ist, sich die Frage zu sparen.

Zu den Kompetenzen, die das – natürlich seinerseits kompetente – Lehrpersonal zu vermitteln allzeit bestrebt sein möge, zählt die Kenntnis der deutschsprachigen, insbesondere österreichischen Literatur „anhand ausgewählter Beispiele“.

Die Frage ist nur, wer die Beispiele auswählt. Das Unterrichtsministerium hält sich bedeckt. Ich täte desgleichen, denn wer heutzutage einen Kanon erstellt, hat offensichtlich mit seiner Karriere abgeschlossen. Das liegt daran, dass Auswahl leider immer auch Abwahl bedingt. Der Witz an einem Lesekanon ist es, dass man nicht alles lesen muss, sondern nur den Kanon. Da nicht nur alle Autoren, die es in den Kanon schaffen, eine Identität besitzen, sondern auch alle, die außen vor bleiben, und weil keine Identität der anderen gleicht, ist jeder Kanon nur ein Puppenstadium, dem alsbald ein Shitstormschmetterling entschlüpft, dessen Flügelschlag den Urheber aus dem Berufsbild fegt. Denn es ändern sich halt die Verhältnisse. War es in noch gut erinnerlicher Zeit progressiv, sich in einer öffentlichen Position als schwul zu outen, so gibt es heutzutage bekanntlich niemand Privilegierteren als einen Cis-Mann, egal auf wen er steht, so rückständig kann das Dorf gar nicht sein, dass der so hart diskriminiert wird wie eine Transperson in Favoriten, nee du.

Deshalb ist es verständlich, dass das Unterrichtsministerium keinen Literaturkanon herausgibt, sondern es den Lehrern überlässt, geeignete Beispiele auszuwählen. Diese sichern sich shitstormtechnisch ab, in dem sie entweder großes Gewicht auf Werke legen, die man gut als progressiv schubladisieren kann, oder – vorzugsweise – indem sie bereits pragmatisiert sind, sodass es ihnen wurscht sein kann.

Glücklicherweise sind die Kompetenzsterne, nach denen das Unterrichtsschiff steuern soll, optional, weil nämlich zu Schularbeiten und natürlich auch zur Matura immer auch Themenpakete gewählt werden können, die frei von jedem Literaturbezug sind. Womit wir auch geklärt haben, warum es „Unterrichtssprache“ heißt und nicht „Sprachunterricht“. Wäre ja noch schöner, wenn man in diesem Fach gezwungen wäre, sich mit den Hervorbringungen von Leuten auseinanderzusetzen, die davon zu leben versuchen.

Schönes Wochenende!

 



 

Freitag, 16. Februar 2024

Hobbys

 

Der Winter ist heuer bekanntlich auf einen Mittwoch gefallen, o resignierte Lesehäschen. Deshalb hat euer Ergebener zum ersten Mal seit ungefähr dem Winter 1974/75 keinen Wintersport erlebt (ausgenommen 2006/07, aber frischgebackene Väter haben anderes zu tun).

Bleibt das jetzt so? Vermutlich ja. Es ist also Zeit, sich andere Beschäftigungen zu suchen. Denn „hobbylos“ war in Teeniekreisen schon vor Corona ein Schimpfwort, da will man also nicht anstreifen. Die sogenannte Plagiatsjagd boomt ja dieser Tage. Sie bietet den Vorteil, dass man – ebenso wie für die Kanzlerschaft, aber anders als zum Beispiel für eine Karriere im Nageldesign – keine formale Qualifikation benötigt. Es genügt die Bereitschaft, den Ruf von Leuten zu schädigen, die sich dagegen oft schwer wehren können, weil ein typischer Statistikprofessor sich in Sachen Öffentlichkeitsarbeit wahrscheinlich schwerer tut als ein typischer Anbieter von Öffentlichkeitsarbeit. Ihr merkt schon, der sogenannte Stefan Weber war wieder aktiv, und es wäre ihm beinahe gelungen, die stellvertretende Chefredakteurin der Süddeutschen in den Selbstmord zu treiben. Ein Sieg der wissenschaftlichen Redlichkeit! So lange die Maturanten lernen, dass Objektivität durch die Verwendung des Passivs herstellbar sei, wie wir vor zwei Wochen erfahren haben, wird der Plagiatsjagdbranche das Material nicht ausgehen, denke ich.

Ein netter Zeitvertreib für Stadtbewohner ist auch das Anbandeln mit dem Vis-a-vis. Das Zweckdichterbalg schaut täglich, wie es der Belegschaft im Büro gegenüber geht. Kollektiv heißen sie „die Fischchen“, weil sie als Aquarienersatz dienen, sich jedoch durch eine Reihe von Vorteilen gegenüber einem solchen auszeichnen: Sie dosieren ihr Futter selbst, brauchen keine Wasserpumpe, schwimmen niemals in Sichtweite mit dem Bauch nach oben, und Veralgung ist garantiert kein Thema. Aufwendige Haustierhaltung durch die Beobachtung von Wildfremden zu ersetzen ist jedenfalls ein zukunftsträchtiges Konzept. Man schont dabei wertvolle Ressourcen, verhindert Qualzuchten und hält sich dabei die Möglichkeit offen, den Kontakt zu vertiefen. Die Fischchen zum Beispiel haben noch keine einzelnen Namen. Es ist nun ganz dem Halter überlassen, ob er sie auf gut Glück tauft oder sich bei Gelegenheit einfach ans Fenster stellt und eine Bierflasche schwenkt. Schon kommen sie dann durstig angelaufen und man kann sie ausfratscheln, wie sie denn nun wirklich heißen.

Wem die Sache nicht ganz geheuer ist, der hat die Wahl zwischen Reality TV und Käferzucht. Beides hat seinen Reiz. An der Unterhaltungsfront ist übrigens eingetreten, was euer Ergebener schon vor Jahren prophezeit hat: GNTM ist nunmehr so divers, dass auch Männer mitmachen dürfen. Der Bewerbung eines Vater-Tochter-Paares dürfte man bei ProSieben kaum widerstehen können. Ihr dürft euch also auf noch nie gesehene Bilder aus der Modelvilla freuen. Schönes Wochenende!

Freitag, 2. Februar 2024

Objektiv

 

Wir haben es hieramts schon mehrfach erwähnt: Manchmal kann alles so einfach sein. So haben sich über das Problem der Objektivität die klügsten Köpfe von Descartes über Kant bis zur Frankfurter Schule und noch weiter den Kopf zerbrochen. Wenn ich etwas so und so wahrnehme und verstehe, wer garantiert dann, dass du es ebenso wahrnimmst und verstehst – und zwar noch lange, ehe wir uns darüber Gedanken gemacht haben, wer „ich“ bin, wer „du“ bist und ob überhaupt einer von uns existiert?

Die Mathematiker sind diesbezüglich natürlich aus dem Schneider, und auch die Naturwissenschaftler müssen sich nur bedingt Sorgen machen. Solange sie ihre Experimente ordentlich machen, sich nicht in die DNA-Probe schneuzen und in Statistik aufgepasst haben, kommt schon was halbwegs Nachvollziehbares heraus. Oder eben nicht, dann weiß man, dass das objektiv ein Schmarrn ist.

Was aber soll man machen, wenn man sich über Moral Gedanken macht, über Kunst, Politik, Literatur und ähnlichen Schmonzes? 

Bisweilen wird hier empfohlen, sich der vielfachen Bedingtheit seiner eigenen Wahrnehmung bewusst zu werden, zu reflektieren, sich über andere Sichtweisen zu informieren, Kritiker zu Wort kommen zu lassen und so fort.

Leider ist das alles sehr mühsam, deshalb ist es umso erfreulicher, dass man es sich stattdessen gröbi machen kann, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Zu verdanken haben wir diese Information wieder einmal dem Zweckdichterbalg, das bekanntlich in Kürze seine vorwissenschaftliche Arbeit abgeben muss. Warum das nötig ist, steht auf einem anderen Blatt. Ich bescheide mich mit der Bemerkung, dass die Lehrperson, die den Kurs „Einführung in die Praxis wissenschaftlichen Arbeitens“ gehalten hat, sich als Vorbereitung offenbar die vage Erinnerung an ihr eigenes Proseminar zu diesem Thema genügen hat lassen, hach, was waren wir damals jung! Und die Note auf ein Proseminar interessiert ja eh keinen mehr, wenn man erst einmal seinen Abschluss hat.

Stimmt.

Wie auch immer: Weil „vorwissenschaftlich“ nicht etwa, wie man glauben könnte, „so wie vor der Erfindung der Wissenschaftlichkeit“ meint, sondern eher „wissenschaftsähnlich, aber halt noch nicht so ganz“, deshalb also soll die Arbeit natürlich objektiv sein. Wie macht man das also, wenn man sich die Mühen der Reflexion ersparen will? Aufgepasst, hier kommt endlich der Shortcut zur Objektivität, direkt aus den FAQ des Linzer Khevenhüller-Gymnasiums zur VWA:

Darf in einer Einleitung „ich“ bzw. „mein“ verwendet werden?

Nein, die Einleitung ist bereits Teil der wissenschaftlichen Arbeit und somit objektiv zu schreiben.

Ja, dann!

Schönes Wochenende!


Freitag, 7. Oktober 2022

Anschaffen

Wann, o achtsame Lesehäschen, habt ihr eigentlich zuletzt jemandem etwas befohlen? Ein „Komm!“ in Richtung Vierbeiner zählt nicht, und wenn der Zweckdichterhund ein auch nur entfernt aussagekräftiges Beispiel liefert, wäre es auch meist vergebene Liebesmüh, wobei jener zusätzlich zum generellen Beagletum mittlerweile auch noch die Ausrede der partiellen Taubheit geltend machen kann.

Habt ihr aber in letzter Zeit einem anderen Menschen etwas, wie in Ostösterreich üblich, angeschafft (während man früher auch weiter nordwestlich jemandem etwas zu schaffen, allerdings nicht anzuschaffen, pflegte)?

Dachte ich mir. Und ehrlich: Man merkt’s. Der Imperativ ist, knallhart gesagt, der Genitiv der 2020er-Jahre, dem der Dativ bekanntlich längst den Garaus gemacht hat. Liegt es daran, dass sich niemand mehr traut, vom anderen etwas zu fordern, während wir stattdessen nur fragen, ob es vielleicht ginge, dass, oder ob man so nett ist (nicht „sei“, das wäre zu korrekt), oder mal Zeit hätte und so weite?

Dafür spricht, dass die besonders klaren Befehlsformen ohne Schluss-e immer seltener zu werden scheinen. „Nenne mich bei meinem Lieblingspronomen“, nicht aber „nenn“, „ruf-e“ mich an, „geh-e zur Impfung“ – anscheinend brauchen wir das vokale Abschiedsstreicheln des E am Ende, damit wir uns nicht auf den Schlips getreten fühlen. Wirklich erforderlich ist es ja nur bei Verben, deren Stamm auf -eln oder -ern endet: Natürlich kann man nicht „samml“ sagen, sondern „sammle“ („sammel“ ginge freilich). Und Verben auf -d oder -t befehlen sich mit e einfach shmoover: rede mit mir und rate mir. Ansonsten aber käme man auch ohne E aus, und euer Ergebener ist davon überzeugt, dass einem Befehl ohne E mehr Überzeugungskraft innewohnt. Deshalb kommt auch niemand auf die Idee, dem Flocki komme! oder sitze! zuzurufen, weil dann jedem Hundianer sofort klar wäre, dass man es eh nicht so ernst meint.

Noch erstaunlicher ist die Geschwindigkeit, mit der die starken Imperative sich in Luft auflösen, da kann mancher Gletscher nicht mithalten. Ob die Postbusfirma mit der Aufforderung „bewerbe dich“ neue Lenker sucht oder der Fastfoodriese mit der Aufforderung „vergesse nicht“ an uns herantritt – je nun, man muss wohl froh sein, dass man, brächte man es denn übers Herz, immer noch etwas „befohlen“ hätte anstatt „befehlt“. Dass freilich selbst einer studierten AHS-Lehrerin ein „Lese genau!“ in roter Korrekturtinte aus dem Stift rinnt, kann man nur zurückspielen: Tun Sie desgleichen, und zwar im Duden, allwo man die Formen unregelmäßiger Verben jederzeit recherchieren kann.

Beziehungsweise: Sieh im Duden nach, geschätzte Lehrperson, und finde dort heraus, dass der Imperativ von „lesen“ weiterhin „lies“ lautet. Gehabt euch wohl und genießt das Wochenende!  

Freitag, 7. Januar 2022

Nicht so schlimm

 

Das Gute an Neujahrsvorsätzen, o prinzipientreue Lesehäschen, ist, dass spätestens ab Mitte Februar so oder so kein Hahn mehr danach kräht. Wirst du schwach, weißt du dich in möglicherweise guter, jedenfalls aber zahlreicher Gesellschaft. In der Vorsätzeszene sind die zu Neujahr so etwas wie Mathe in der Schule: Es gehört geradezu zum guten Ton, sie nicht auf die Reihe zu kriegen. Brrr, Mathe war ich auch total schlecht, ja, hihi, gell? Euer Ergebener fand Mathe, ehrlich gesagt, ganz okay und war zwar offensichtlich nicht für eine Mathematikerkarriere prädestiniert, aber für eine vorzeigbare schriftliche Matura hat es gereicht.

Früher, so scheint es mir, musste man skifahren können, um in Österreich was zu werden. Am Lift, auf der Hütte oder zumindest beim Fachsimpeln kam man sich näher. Da aber die Klimakrise den Wintersport allmählich in immer lichtere Höhen treibt, behilft man sich mit mathematischer Ahnungslosigkeit, um eine gemeinsame Basis mit Wildfremden zu finden. Wahrscheinlich liegt es daran, dass hierzulande das Vertrauen in die Wissenschaft besonders gering ist. Umgekehrt wird niemand, der mit beiden Erfahrung hat, bestreiten wollen, dass die Qualitätssicherung im Bereich der Skischulen immer schon weit besser funktioniert hat als in der Schule ohne Ski, was auch einleuchtet, weil man nur erstere den Fremden verkaufen kann.

Doch wir schwiffen ab, zurück zu den Neujahrsvorsätzen. Da mit einer erfolgreichen Einhaltung, wie gesagt, nicht zu rechnen, ja von dieser sogar abzuraten ist, weil man andernfalls gesellschaftliche Ächtung riskiert, gilt es sie sorgfältig zu wählen, so wie die berüchtigten Abschussideen, für die sich der Kunde bekanntlich besonders gern entscheidet. Da man sich mit schlechten Abschussideen den Ruf beschädigt, liefere man stattdessen zu teure. Ähnliches gilt für die Neujahrsvorsätze: Es wäre schade, die so ersprießliche Raucherentwöhnung oder den vermehrten Sport Anfang Jänner zu verheizen, da wird sowieso nix daraus. Viel gescheiter, man nimmt sich ein Beispiel an der Werbung und fasst Neujahrsvorsätze, deren Einhaltung zwar ein hohes Maß an Disziplin erfordert, die aber eigentlich wurscht sind. Geeignet sind zum Beispiel:

Endlich Auf der Suche nach der verlorenen Zeit lesen.

Endlich den Dachboden beziehungsweise den Keller aufräumen (keinesfalls beide im selben Jahr, das kauft euch niemand ab).

Endlich das Pensionskonto prüfen.

Et cetera.

Wem gar nichts einfallen will, woran man scheitern könnte, um sich von anderen schwachen Seelen angenehm verstanden zu fühlen, der nehme sich vor, endlich Mathe zu lernen.

Schönes Wochenende!

Freitag, 18. Juni 2021

Aus der Schule geplaudert

 

Endlich einmal gute Nachrichten, o teure Lesehäschen! Wisst ihr noch, wie euer Ergebener vor einer Weile von Sorge erfüllt war, weil der Datenschutz einfach wichtiger ist als der Virenschutz und das Contact Tracing deshalb keine Chance hat? Frohlocket, denn vielleicht gibt es einen Ausweg!

Die Sache ist nämlich so: Die letzte Zeit war nicht etwa eine schwierige, sondern, viel schlimmer, eine „herausfordernde“. Die Herausforderung bestand darin, dass die Bälger ein Gutteil der Zeit vor dem Bildschirm verbrachten. Das war einfach, solange es alle Klassenbälger gleichzeitig betraf. Dann aber teilte Onkel Faßmann die Klassen wie Moses das Rote Meer und führte den Schichtbetrieb in den Schulen ein, sodass jede Gruppe zwei Tage Präsenzunterricht hatte und zwei Tage Distance Learning und freitags alle daheimblieben.  Das war nicht einfach, weil zwar der Lehrkörper sich teilen kann, nicht aber die Körper der Lehrpersonen. In der Praxis saß deshalb die Zuhausebleiberschicht erneut vor dem Bildschirm, genoss aber nicht die heimelige Pädagogik im Teams-Meeting, sondern wurde via Webcam Zeuge, wie die jeweilige Lehrperson eine Präsenzstunde hielt, was das Laptopmikrofon weit über seine Leistungsgrenzen hinaus beanspruchte, sodass unterm Strich ein Charlie-Brown-Effekt entstand, wenn auch elektronisch vermittelt: Die Jugendlichen hörten hochgewachsenen Schemen zu, die unaufhörlich dumpfe Quaklaute ausstießen.

Deshalb fasste die Beste eures Ergebenen sich ein Herz und erkundigte sich, ob das denn sein müsse? Aber natürlich nicht, ward sie beschieden, es sei nur, weil viele Eltern Wert auf diese Form der Beaufsichtigung legten. Wo dies nicht der Fall sei, könne das Balg ruhig in Eigenregie an Lernaufträgen herumfrickeln. So geschah es auch, und alle waren glücklich.

Irgendwann war es bekanntlich vorbei mit dem Schichtbetrieb, und man versammelte sich wieder in den respektiven Bildungstempeln. Dort schaute der Lehrerkörper bisweilen über die Schultern und musste bei einem solchen Blick feststellen, dass das Zweckdichterbalg (14) auf seinem Kollegblock eine Schmierage veranstaltet hatte. Der Lehrerkörper (Mitte 30) ließ sich das Blatt geben, scannte es ein und schickte es per E-Mail den Eltern (Ende 40), um seine Besorgnis um das Fortkommen des Balgs zu illustrieren.

Das ist die gute Nachricht: Wenn ein Lehrerkörper sich Sorgen macht, weil die Mitschrift eines Lernkörpers nicht seinen Ansprüchen genügt, dann sind diese Sorgen so gewichtig, dass man die persönliche Mitschrift des Lernkörpers ruhig per E-Mail durch die Weltgeschichte schicken darf, was ja, wie wir wissen, ungefähr dem Vertraulichkeitsniveau einer Postkarte entspricht. Da tritt also der Datenschutz hinter der äußeren Form der schriftlichen Arbeit zurück. Jetzt müssen wir es nur noch irgendwie dahin bringen, dass die Lehrkörper sich stattdessen Sorgen um das Contact Tracing machen, und schon ist die Sache geritzt, weil wir uns dann um den Datenschutz nicht zu kümmern brauchen.

Restbedenken bleiben allerdings, weil das Zweckdichterbalg in der Schichtbetriebszeit auch freitags auf Distanz zum Distance Learning blieb und sich stattdessen selber mit den diversen Arbeitsaufträgen befasste. Zwei Monate später lernte man daher auf die harte Tour, dass Distance Learning am Freitag etwas anderes ist als Distance Learning im Schichtbetrieb, weshalb gedachtes Balg an sechs Freitagen hintereinander unentschuldigt gefehlt hatte, ohne es zu wissen. Außerdem lernte man, dass man zwar als Erziehungskörper noch am selben Tag ein Mail kriegt, wenn das Balg in seinem Block herumschmiert. Ist das Balg aber gar nicht da, und zwar ganze Tage nicht, und das über mehrere Wochen – dann ist das für mindestens einen Lehrerkörper noch lange kein Grund, die Eltern davon in Kenntnis zu setzen.

Bevor wir also die Pandemiebekämpfung rundweg den Lehrern anvertrauen, werden wohl noch einige Schulungen nötig sein.

Schönes Wochenende!

Freitag, 12. März 2021

Deutschstunde 4

 

Die Schule, meine lieben und hochgebildeten Lesehäschen, ist ja viel besser als ihr Ruf. So haben sich nicht wenige, um ein Zentnerwort des Bundeskanzlers anzubringen, „Kulturverliebte“ echauffieren zu müssen geglaubt, als klar wurde, dass man für die aktuelle Deutschmatura  den Unterschied zwischen einer Erörterung und einer Meinungsrede kennen muss, sich aber aber jenen zwischen Faust und Mephisto, Thomas und Heinrich Mann (oder, wir sind schließlich in Österreich, Doderer und Drach) wurscht sein lassen kann.

Das ist richtig, hat aber seine Richtigkeit, weil alle, denen das ein Bedürfnis ist, ihren Trakl auch noch in der Pension buchstabieren können, während man sich im Erwerbsleben plötzlich der Notwendigkeit ausgesetzt sehen kann, eine der nunmehr so wichtigen Textsorten erneut zu beackern. Wer gäbe ein besseres Beispiel dafür ab als unser geliebter Kanzler selbst? Hat er doch einen Brief an die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft geschrieben und dabei seine für die Matura erworbenen Kompetenzen gut brauchen können. Denn offenbar hat Sebastian immer gut aufgepasst und konnte deshalb noch Jahre später abrufen, wie man laut Leitfaden im Deutschbuch für die achte Schulstufe eine Erörterung schreibt. Sein Brief passt jedenfalls perfekt dazu. (Dank gilt an dieser Stelle dem Zweckdichterbalg für die zeitweilige Überlassung von Deutschstunde 4.)

Nämlich beginne man mit einer Einleitung, die höchstens vier Sätze umfassen soll. Hier wecke man das Interesse durch Bezugnahme auf ein aktuelles Ereignis. Der Kanzler hat das perfekt umgesetzt und weckt Interesse durch die mittlerweile zu Recht berühmt gewordene Formulierung von den fehlerhaften Fakten, ehe er weisungsgemäß zum Hauptteil überleitet mit der Behauptung, dass er „gerne klarstellen würde“. Warum er das im Konjunktiv würde, weiß nur er selbst, aber so kleinlich muss man ja nicht sein.

Nun rät das Deutschbuch, man solle zuerst die abgelehnte Seite darstellen, mit deren Argumenten in absteigender Reihenfolge der Beweiskraft. Sieh an: Es kommen nacheinander der Termin mit Novomatic, während Kurz live im Fernsehen war; dann noch ein Termin mit Novomatic, den aber eine andere Kurzperson hatte, und schließlich der Hinweis, dass die übrigen Termine „im größeren Kreis“ stattgefunden hätten.

Als nächstes soll der Schüler den eigenen Standpunkt mit Argumenten in aufsteigender Reihenfolge der Beweiskraft darstellen. Sebastian weiß, was er zu tun hat: Dass der Rechnungshof 2017 und 2018 keine Spenden von Novomatic an die ÖVP gefunden hat, genügt zum Einstieg. Schwerer wiegt nach Ansicht des Kanzlers, dass er „täglich mehrere Stunden beschäftigt“ ist (ohne „damit“), Medienanfragen zu beantworten.

Am allerschlimmsten aber, deshalb bringt Kurz es als drittes Argument, ist natürlich der „Reputationsschaden für die Bundesregierung und damit für die gesamte Republik Österreich“.

Es ist möglicherweise nicht jedem gegeben, die Regierung so umstandslos mit der Republik zu identifizieren, wenn aber ein Kurz den Sonnenkönig in sich spürt (l’etat c’est moi), dann wollen wir ihm den Spaß einstweilen gönnen, zumal er recht brav nicht nur den Aufbau der einzelnen Aufsatzteile, sondern auch die „Formulierungshilfe Erörterung“ studiert hat. „Weise darauf hin“, „erlaube mir beizulegen“, „habe daher die Hoffnung“ – das ist alles sehr schön umgesetzt. Am allerbesten, weil für eine gelungene Viertklässler-Erörterung am wichtigsten, ist natürlich das wohlgesetzte „ich bin der Meinung“, nämlich, dass man sich als Kanzler nicht in eine Ermittlung einmischen solle, es sei denn, es ist opportun, weil der eigene Pressesprecher ein derartiger Tachinierer ist, dass man selber vor lauter Medienanfragen gar nicht mehr zum Regieren kommt, sodass man wohl oder übel einen offenen Brief an eine Justizbehörde schreiben muss, damit die dort merken, wie sehr man sich nicht in ihre Ermittlungen einmischt.

Schönes Wochenende!

Freitag, 11. Dezember 2020

Recht haben

 

Wie angeteast, meine lieben Lesehäschen, ist es Zeit, sich den einen oder anderen laienhaften Gedanken über Rechte zu machen. Für alle, die es nicht kennen: Rechte sind was sehr Schönes, besonders, wenn man sie selber hat. Haben andere sie, kann das bisweilen lästig sein, aber aber da muss man sich halt arrangieren. Die vorübergehend hoffnungsfrohe SPD-Tante Franziska Giffey gab gewaltbereiten Mitmenschen einmal als Anhaltspunkt, dass deren Recht, den Arm auszustrecken, dort ende, wo ihre (also Frau Giffeys) Nase beginnt. So weit, so klar.

Das gilt übrigens auch für Andreas Khol. Seiner Ansicht nach hat ja Pamela Rendi-Wagner „danach gerufen, ihr eine aufzulegen“, was, wie er danach zu präzisieren gezwungen war, eine urtirolerische Formulierung dafür ist, „dass man Frau Rendi-Wagner für ihre unsachlichen Aussagen über die Bundesregierung kritisieren muss“. Damit haben wir alle etwas dazugelernt, und es bleibt nur zu ergänzen, dass man auch Herrn Khol dafür kritisieren muss (vielleicht mit der flachen Hand, keine Ahnung, wie er das gemeint hat, am besten fragt ihr ihn selber), dass er sein einstiges Wahlvolk derart für blöd verkaufen zu können glaubt.

Besonders hübsche Rechte sind die Menschenrechte. Da gibt es zum Beispiel das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, aber auch so Sachen wie die Reise- und Versammlungsfreiheit oder die Meinungsfreiheit, dank welcher du auf die Straße gehen und auf Politiker schimpfen darfst. Zumindest meistens. Denn es können ja, wie wir auf die harte Tour gelernt haben, Umstände eintreten, die quasi der Supertrumpf der Gesellschaft sind. So ein dunkler Supertrumpf ist Covid. Es sticht das eine oder andere Menschenrecht, weshalb wir eben nicht so einfach gemeinsam über die Politik schimpfen, um den Globus fliegen oder uns absichtslos zusammenrotten dürfen.

Wie es aber im Quartettspiel der Würde einen Supertrumpf gibt, der Menschenrechte sticht, gibt es – Glück oder nicht – auch einen Hypertrumpf, gegen den der Supertrumpf abstinkt. Denn man kann wohl, um eine Pandemie im Zaum zu halten, die Bevölkerung zum Daheimbleiben anhalten. Man kann das Versammlungsrecht einschränken, man kann das Recht auf Teilhabe am kulturellen Leben auf Standby schalten. Und selbstverständlich kann man die Leute dazu verpflichten, Schutzmasken zu tragen – die Kunden im Supermarkt oder in der Apotheke, die Fahrgäste im Bus und die Schüler im Unterricht. Doch genau hier findet der Pandemiesupertrumpf endlich seinen würdigen Gegner. Denn es ist kein Problem, den Schülern Masken umzuschnallen, sonst hält die ganze Klasse die Luft an! Den Lehrern aber – jenen Lehrern, die in einem herkömmlichen Klassenzimmer mit Abstand am meisten reden und damit im Falle eines blöden Falles auch am meisten Viren von sich blasen – den Lehrern kann man das nur empfehlen, nahelegen, auf ihren gesunden Menschenverstand zählen und sonst noch allerlei.

Man kann sie aber nicht dazu verpflichten. Denn das, meine lieben Lesehäschen, wäre ein Eingriff in das Dienstrecht. Wir lernen also in der Schule, aber sehr wohl fürs Leben, dass das österreichische Lehrerdienstrecht ein noch wertvolleres Gut ist als jedes hergelaufene Menschenrecht!

Mindestens so wertvoll ist natürlich die österreichische Justiz. Mit einer Woche Verspätung erheben wir unsere Gläser auf sie. Prost! Und schönes Wochenende.

 

Freitag, 2. Oktober 2020

Kleiner Unterschied

 

Es gibt, o kompetente Lesehäschen, immer was Neues. Also: Immer was Neues, worum man sich kümmern sollte. Zum Beispiel soll es vorkommen, dass der Häschennachwuchs in der Häschenschule in eine WhatsApp-Gruppe gerät, in welche die Jungrammler Dreckszeug hineinposten, das man so oder so interpretieren kann. Vielleicht ist der humoristische Mehrwert von Scherzen, die unter das Verbotsgesetz fallen, tatsächlich immens. Vielleicht ist es auch ein jugendliches Experiment, bei dem eruiert werden soll, wieviel Scheiß man bauen muss, bis Erwachsene sich wie Erwachsene verhalten.

So oder so steht besagter Erwachsener vor der Frage, wie man das eigene Häschen angemessen unterstützt, ohne ihm ungebührlich auf die Nerven zu gehen, was ja im Umgang mit Teenagern stets das ist, was dem Trekkie die Hauptdirektive (die es verbietet, sich in die Entwicklung anderer Spezies einzumischen, womit sich zeigt, dass wir Science-Fiction-Nerds mehr über Kinderaufzucht gelernt haben, als man glauben möchte, auch wenn böse Zungen behaupten, dass der Erwerb ebendieser Kompetenzen unsere Chancen mindere, sie jemals anwenden zu können).

Dies auch vor dem Hintergrund der aktuellen Lektüre eures Ergebenen, nämlich The Girls von Emma Cline. Keine Ahnung, ob die Frau das Niveau hält, aber das Ding fängt auf jeden Fall großartig an. Nämlich berichtet die Ich-Erzählerin von einer Mädchenkindheit in einer faden kalifornischen Gegend der 1960er-Jahre, in der sie gewaltig viel Zeit damit verbringt, Schönheits-, Pflege- und Stylingtipps aus Zeitschriften umzusetzen. Später gerät sie auf der sogenannten Ranch in sehr schlechte Gesellschaft, und wir lesen die wunderbaren Sätze:

I wondered later why there were so many more women than men on the ranch. All that time I had spent readying myself, the articles that taught me life was really just a waiting room until someone noticed you – the boys had spent that time becoming themselves.

Hand aufs Herz, wer sicher ist, dass wir, nämlich wir Gesellschaft im ausgehenden ersten Viertel des einundzwanzigstens Jahrhunderts, dass wir also diesen Unterschied im Heranwachsen der Geschlechter völlig hinter uns gelassen haben. Liegt es an eurem Ergebenen, oder sind wir immer noch eher geneigt, Buben ein Freispiel zuzugestehen, weil es halt ein blödes Alter ist, während Mädchen aber schon echt komisch sind und sich auch einmal zusammmennehmen könnten? Ich hoffe, ich täusche mich. Aber ich habe wirklich den Verdacht, dass wir eher Mädchen eher zumuten, jederzeit Person zu sein, während wir es Buben zugestehen, sich zwischendurch eine Runde höchst unansehnlich zu verpuppen, in der Hoffnung, dass irgendwann ein stattlicher Käfer schlüpfen wird.

Die Schwierigkeit liegt natürlich darin, dass man durchs Deppertsein schon in jungen Jahren (und in Alter-weißer-Mann-Jahren sowieso) Prestige ansammelt, sodass Buben, die konsequenzfrei Blödsinn machen, schon dadurch einen Schritt voraus sind.

Was also tun, ohne aufs Kontraproduktivste in jugendliche Sozialdynamik hineinzufunken? Euer Kolumnator dankt für sachdienliche Hinweise.

Zum Beweis, dass es auch Gelegenheiten gibt, wo man ruhig fünfe gerade sein lassen kann, diene der heutige Wikipedia-Fund: Als der Doo-Wop-Song Rama Lama Ding Dong 1958 veröffentlicht wurde, geschah dies irrtümlich unter dem Titel Lama Rama Ding Dong, was vielleicht der Grund für das einstweilige Ausbleiben des Erfolgs, vielleicht aber auch völlig wurscht war. Schönes Wochenende!

Freitag, 29. Mai 2020

Mit Maß, ohne Ziel

Man kann, o bildungsbeflissene Lesehäschen, in gelockerten Zeiten nicht nur locker ein Bierchen trinken (vielleicht nicht gerade im Anzi, denn so, wie es dort dieser Tage zugeht, fehlt nur ein Superspreader, um die Schleifmühlgasse ins nächste Kitzloch zu verwandeln), nein, man kann auch wieder einmal was dazulernen. Heute widmen wir uns, und ich weiß auch nicht, warum ich dabei an unsere Bundesregierung denken muss, der Hybris. Wer im Gegensatz zu eurem Ergebenen klug genug war, nicht Altgriechisch zu wählen, dem sei auf die Sprünge geholfen: Die Hybris ist die Vermessenheit, infolge derer der Mensch sich gegen die Götter auflehnt. Um den jungen Menschen vor Vermessenheit zu bewahren, wurde das Textbeispiel erfunden. Angeblich soll es eine Brücke zwischen Lebenswirklichkeit und zu übenden Rechenoperationen schlagen, tatsächlich aber dient es der Vertiefung transzendentaler Sachverhalte.
In der Volksschule ist das noch einfach: Du hast eine Torte, die Mama schneidet sie in zwölf Stücke, von deinen fünf geladenen Gästen dürfen zwei keine Torte essen, weil Nüsse drin sind, wieviele Stücke bleiben übrig? Schon hat der kleine Fresssack gelernt, dass Völlerei der Planung bedarf.
Auch in der Oberstufe ergeben sich Textbeispiele wie von selbst: Ein Mathematiker sitzt im Lockdown und langweilt sich. Weil er nichts richtig Mathematisches forschen will, rechnet er im Kopf die Maturaaufgaben von vor zwanzig Jahren nach: Einer Kugel wird ein Würfel eingeschrieben, diesem wieder eine Kugel, und so ad inf. Berechne das Volumen … und so weiter.
Am interessantesten ist es aber dazwischen, mit Aufgaben wie dieser: „Ein Händler gewährt auf einen Fernseher 8 % Rabatt. Dieser beträgt 55 Euro. Wie hoch war der ursprüngliche Preis?“ Das hat offensichtlich nicht das Geringste mit der Preisauszeichnung im Mediamarkt zu tun, wo man mit solchen Rätseln garantiert keinen Riss machen könnte, aber sehr viel mit der elementaren Ungewissheit, in die uns die Frage stürzt, ob wir jetzt ein gutes Geschäft gemacht haben. Wir werden es nie erfahren. Uns bleibt nur die Entsprechung von 8 % und 55 Euro. Aber was kriegt man heutzutage schon für 55 Euro?
Vollends deutlich wird der wahre Zweck an Textbeispielen wie diesem: „Eine Säule mit quadratischer Grundfläche soll verfliest werden. Gegeben sind die Höhe der Säule und das Volumen. Berechne, wie viele Fliesen benötigt werden.“
In der Geschichte des Heimwerkertums war niemand jemals mit einem solchen Problem konfrontiert. Wie auch? Du misst ja nicht die Höhe, stemmst dann die Säule heraus, legst sie ins Wasserbad, bestimmst anhand des gestiegenen Wasserspiegels das Volumen und berechnest dann die Dicke.
Sinn ergibt dieses Textbeispiel erst, wenn wir es als Gleichnis im biblischen Sinne lesen:
In deinem Häschenbau steht eine solche Säule. Wie es in Coronazeiten schon so geht, denkst du dir, Fliesen wären eine gute Idee. Du misst die Höhe und schickst dich an, den Zollstock anzulegen, um die Dicke zu messen. Doch das wäre – na? Genau! Das wäre vermessen! Die Natur und auch die aus ihr entstandene Säule ist nicht dafür da, dass du dich messtechnisch an ihr zu schaffen machst. Um deiner Hybris einen Riegel vorzuschieben, erscheint vor dir eine menschenähnliche, aber von innen golden leuchtende Gestalt, die möglicherweise Flügel hat. Mit donnernder Stimme spricht sie also zu dir: Halt ein, vermessener Vermessender! Das Volumen der Säule beträgt 192 Kubikdezimeter. Die Höhe ist dir bereits bekannt. Berechne die Dicke und daraus die Oberfläche. Nun gehe hin und miss fortan nicht mehr.
Soviel zum tieferen Sinn von Textbeispielen. Schönes Wochenende!


Freitag, 18. Oktober 2019

Krank

Man weiß ja, o teure Lesehäschen, was man den Häschen so nachsagt. Daher ist die Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen, dass das eine oder andere unter euch vor lauter Flauschigkeit mit dem einen oder andern für noch flauschigeren Häschennachwuchs gesorgt hat. Für diese Betroffenen meldet sich euer Ergebener heute mit einer Einsicht zum Thema Häschenbildung. Über diese wird ja viel geschrieben und geredet. Die Gesamtschule sei sehr wichtig, und die Kleinen sollten auch viel mehr Zeit in der Schule verbringen. Das Image des Lehrberufs gelte es zu heben, denn ein guter Lehrer vermöchte mehr für die Qualität der Ausbildung als die Begrenzung der Klassenhäschenhöchstzahl. Dann gibt es noch die Frage, inwieweit wie viele Schüler die Unterrichtssprache beherrschen, und neben alldem soll man sich auch noch um Kopftücher kümmern. Kurz: Die Schule soll so viel leisten und bekommt dafür so wenig Anerkennung.
Deshalb ein Hurra!, ein Tusch, eine gute Nachricht: Es gibt ein Problem, dass man in der Schule (zumindest in der Schule eures Kolumnatorbalgs) aber sowas von im Griff hat. Nämlich das Problem der Eltern in den Klassen. Es ist nämlich, anders ergibt diese Geschichte keinen Sinn, virulent und schlimm, dass so viele Eltern während des Unterrichts in die Klassen drängen. Warum sollten sie das tun, fragt ihr? Ganz einfach: Um Lernmaterialien für ihre kranken Bälger abzuholen, damit diese sich auf die nächste Schularbeit vorbereiten können, man weiß ja nie, schon hast du Pech und bist bis dahin wieder gesund. Und weil man nicht, wie es in der FPÖ heißt, supernackt bei der Schularbeit einlaufen will, lernt man vorher was. Dafür braucht man das Glumpert, das man nicht mit heim genommen hat, weil man ja nicht gewusst hat, dass man am nächsten Tag krank sein würde.
Aber so einfach ist es natürlich nicht. Denn in der dritten Schulstufe hat man als Gümmler 31 Unterrichtsstunden. Wenn während der Saison ordentlich viele Bälger krank sind – sagen wir fünf pro Woche – dann kommt, wenn man so etwas einreißen lässt, durchschnittlich jeden Tag eine Lehrperson zum Handkuss und muss es sich gefallen lassen, dass in ihrer Stunde ein Elternteil vor der Klassentür steht, sich vielmals entschuldigt und dann während des Unterrichts Schulzeug zusammenrafft. Das kann mehrere Minuten dauern. Wenn es, wie im konkreten Fall, eine Lateinstunde trifft, sind das mehrere Prozent der Wochenunterrichtszeit. Sodom und Gomorrah, wo kämen wir da hin! Deshalb gilt zumindest in dieser Schule folgende Regel: Eltern, die zwar engagiert genug sind, um die Mathesachen ihrer Bälger holen zu wollen, aber nicht so engagiert, dass es ihnen gelänge, das innerhalb eines Zeitfensters von fünf oder fünfzehn (große Pause!) Minuten zu erledigen, zum Beispiel, weil sie zuvor mit dem kranken Balg beim Arzt waren und dieser schamlos überzogen hat – diese Eltern also haben strenggenommen dann die nächste Pause abzuwarten. Nur unter zahlreichen Hinweisen auf die Größe und Bedeutung dieser einmaligen Ausnahme werden sie möglicherweise gnadenhalber vom Sekretariat zur Klasse geleitet, die sie dann vielleicht erst nicht betreten dürfen, in welchem Fall man immer noch hoffen kann, dass der Nachwuchs die Kollegenschaft instruiert hat, sodass diese das fragliche Glumpert dem Sekretariatspersonal übergeben können und der Weg doch nicht umsonst war.
Leider sind viele Elternhäschen mit Arbeitsverhältnissen geschlagen, die es nicht geraten scheinen lassen, das Risiko einzugehen, dass man bis zu einer Dreiviertelstunde in der Aula Däumchen drehen muss. Ich empfehle daher, das elterliche Engagement zurückzuschrauben und eine Bälgerkrankheit im Zweifelsfall bis nach der Schularbeit zu dehnen. Irgendwo wird es schon noch ein bisschen ziepen. Schönes Wochenende!

Freitag, 29. Juni 2018

Verrechnet

Heraus mit der Sprache, ihr rechnerisch ausgeschlafenen Häschen: Wie ist es euch bei der Mathematura ergangen? Mittel, mau, gehtso oder mussja? Keine Angst, Harald Zierfuß, der Bundesschulsprecher, ist auf eurer Seite. Hat er doch bereits Ende Mai seine Bedenken an dieÖffentlichkeit getragen, weil die Textbeispiele unter den schriftlichen Aufgaben ein „mathematisches Grundverständnis“ voraussetzten.
Wo kämen wir hin, wenn so etwas Schule machte? Wenn zum Beispiel die Führerscheinprüfung darauf ausginge, sicherzustellen, dass der Prüfling ein Grundverständnis dafür entwickelt hat, wie die Vorrangregeln funktionieren und warum man bei Schneefahrbahn nicht mit 90 ins Ortsgebiet tschundern soll?
Mir ist schon klar, dass es mit unserem Schulsystem so eine Sache ist. Aber wenn dem obersten Vertreter der Schülerschaft nicht wohl dabei ist, dass im Rahmen der Feststellung der Studienreife das Vorhandensein des obgedachten Grundverständnisses geprüft wird, dann frage ich mich, wozu wir uns das mit der mittleren Bildung überhaupt antun. Hand hoch, wer sich von einem Anwalt in einer Schadenersatzsache vertreten, von einem Arzt eine Medikamentendosierung vorschreiben, von einem Statiker einen Dachstuhl planen lassen würde, dem jeweils mathematisches Grundverständnis fehlt!
Man mag einwenden, dass euer Zweckdichter, dieser alte Motschkerant, sich mitreißen hat lassen. Vielleicht hat Herr Zierfuß das Wort Grundverständnis gebraucht, um die halbwegs begabten Mathematiker, die die Sache „von Grund auf“ gneißen, von jenen zu unterscheiden, die das Zeug halt pauken müssen.
Ich halte dagegen, dass Herr Zierfuß auch bemängelt hat, die Texte seien komplex gewesen. Ach so! Die Prüflinge haben, nach Erlernen der Grundrechnungsarten, ja auch erst acht weitere Schuljahre Mathematikunterricht genossen, vom Deutschunterricht nicht zu reden. Da darf es ruhig etwas schlichter sein, ohne dass man befürchten muss, die Betreffenden seien den Herausforderungen eines Studiums nicht gewachsen.
Herr Zierfuß ist mit seiner Kritik nicht allein. Gernot Schreyer, Obmann des Bundeselternverbands, hat verkündet (oder gar mitgeteilt?), es sei falsch, Mathematik zu verwenden, um Deutschkompetenzen abzufragen. Ah ja. Ich hoffe, dass hier nicht je nach Fach mit zweierlei Maß gemessen wird und dass also z. B. auch im Fall eines Geschichtematuranten, der Spanien in Asien verortet, der Bundeselternoberpumuckl verlässlich seine Stimme erheben und darauf hinweisen wird, dass im Rahmen der Geschichtematura nicht die Geographiekenntnisse zu überprüfen sind.
So ganz überzeugt ist Herr Schreyer von der strikten Fächertrennung aber eh nicht.  Denn im selben Atemzug fordert der gute Mann, die Aufgaben der Mathematikmatura müssten berücksichtigen, ob der Prüfling an einem neusprachlichen oder humanistischen Gymnasium zu maturieren trachtet. Sonst werde „durch die Zentralmatura die Schulvielfalt torpediert.“ Wünscht er sich Textaufgaben auf Französisch oder Latein? Zu schwierig soll es jedenfalls nicht sein, sondern verständlich, darauf legt Herr Schreyer Wert.
Auch hoffe ich für die frischgebackenen Maturanten, dass der Herr Schreyer im Herbst noch ein offenes Ohr für sie hat. Dann dürfen sie bei ihm anrufen und sich bitter darüber beklagen, dass in der Einführungsvorlesung oder im Proseminar Römisches Recht/Anatomie/Einführung in die Wissenschaftstheorie/Geologie oder was auch immer verwendet wird, „um Deutschkompetenzen abzufragen“. Denn leider ist Deutsch halt immer noch die Default-Sprache für das Meiste, was an der Uni so abgeht. 
Kurz: Als Elternteil einer Gymnasiastin fühle ich so allerlei. Aber von Herrn Schreyer vertreten – das fühle ich mich nicht.