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Freitag, 6. Oktober 2023

Der Geschirrspüler des Teufels

 

Diese Woche, o vielgeliebte Lesehäschen, haben wir kein Thema. Es ist alles gesagt. Wir wissen, was los ist und wir ahnen, dass es mühsamer wird.

Nämlich auch sprachlich. In einem jener gefährlichen Foren, in denen Leute Fragen zu Formulierungen stellen, wollte heute jemand wissen, ob das ist bedrohlich und das ist bedrohend „gleichwertig“ seien und ob man Letzteres also sagen könne.

Die Antwort kann natürlich nur lauten: Klar kann man das sagen. Man kann auch grzwlfzw fickfrosch autolesend blkjs sagen. Ob man das sagen sollte, ist aber eine ganz andere Frage. Euer Ergebener tendiert zu „eher nein“. Ebensogut könnte man fragen, ob Spritzwein und Eigenurin gleichwertig sind. Die beiden sind nur einen Nierendurchgang voneinander entfernt, also was soll’s?

Jetzt ohne Blödelei: Warum zum Geier sollte man das Partizip „bedrohend“ verwenden, wenn es ein wunderbares Adjektiv gibt, das genau das bedeutet, was man sagen will? Ich kann ja noch verstehen, dass sich einer mit dem Partizip behilft, wenn ein exakt gleichbedeutendes Adjektiv fehlt, wie es etwa bei wohlwollend oder funkelnd der Fall ist. Aber das ist bedrohend wirkt so, als wollte jemand dem Deutschen eine ing-Form aufpropfen. Macht einen so schlanken Fuß wie ein dritter Arm, wenn ihr mich fragt.

Und sonst so? Willhaben ist, was es immer war, nämlich wie die Pralinenschachtel von Forrest Gump: Man weiß nie, was man kriegt, besser gesagt: wen man kriegt. Zum Beispiel hatte der Zweckdichter einen mäßig ramponierten, aber funktionsfähigen Geschirrspüler für sehr wenig Geld loszuschlagen. Im Laufe von fast drei Wochen versicherten acht verschiedene Personen bei elf verschiedenen Gelegenheiten, sie würden das Ding „übermorgen“ holen. Sie alle logen, drei davon sogar zweimal. Euer Ergebener fühlte sich so wie der Held in Robert Louis Stevensons Geschichte The Bottle Imp: Einst kam eine Flasche auf die Erde mit einem Dämon darin. Du kannst die Flasche kaufen, und der Dämon erfüllt dir jeden Wunsch, so lange du sie besitzt. So weit, so lässig, nur: Wenn du als Flaschenbesitzer stirbst, gehört deine Seele dem Teufel. Will man nicht, deshalb sieht man nach Erfüllung der gröberen Wünsche zu, dass man die Flasche wieder loswird. Das Problem ist: Man kann die Flasche nicht wegwerfen oder verschenken, sondern nur verkaufen, und zwar mit Verlust, also für weniger, als man selbst dafür bezahlt hat. Da es die Flasche schon ziemlich lange gibt und sie durch viele Hände gegangen ist, liegt der Preis zu Beginn der Geschichte in Regionen, wo man schon ins Grübeln kommt.

Ziemlich genauso war es auch mit dem Geschirrspüler, nur mit dem Unterschied, dass kein Dämon darin wohnte, sondern dass er offensichtlich schlicht verflucht war. Wünsche erfüllte er nämlich keine. Erst im zwölften Versuch holte ihn eine gemütliche Dame tatsächlich. Ich wünsche ihr ein langes, erfülltes Leben. Ebenso den Herrschaften, die beim ersten vereinbarten Termin pünktlich aufgetaucht sind, um eine Bettstatt zu kaufen, und das ohne Preisnachverhandlung.

Schönes Wochenende!


Freitag, 2. Dezember 2022

Ganz anders

 

Heute, o überaus ordnungsliebende und gedächtnisstarke Lesehäschen, meldet sich euer Ergebener mit einem Anliegen in eigener Sache. Hat jemand mein Buch gesehen? Hier zeigt sich schon, wer liest und wer nur lesen kann. Den Ersteren ist klar, dass ich mehr als ein Buch besitze und dass „mein Buch“ jenes meint, das ich gerade lese. Beziehungsweise lesen würde, wenn ich es denn fände. Es klingt nämlich ganz nett, einen Zweitwohnsitz nutzen zu können, und ist es auch großteils. Jedoch geht damit viel Suchen einher, weil das Gewürz, das Küchengerät, das Werkzeug, das man gerade nötig brauchte, oder eben das Buch du jour am jeweils anderen Ort herumliegt, und zwar immer. Man kann sich darüber ärgern, man kann sich damit abfinden, oder man entscheidet sich für die einzig erfolgversprechende Lösung, indem man möglichst viel Glumpert doppelt kauft. Danke, willhaben! Bei Büchern ist das freilich nicht so prickelnd, wer will schon eine doppelte Bibliothek ansammeln.

Im Anlassfall ist die Sache besonders heikel, weil es sich um einen Teil einer Werkausgabe handelt, vier Bände im Schuber, und wenn da einer fehlt, wirkt das so charmant wie ein ausgeschlagener Vorderzahn.

Deshalb, ihr Teuren, falls euch Band 4 der ziemlich neuen Zsolnay-Werkausgabe von Mechtilde Lichnowsky unterkommt: Das ist eventuell meiner.

Natürlich könnt ihr das Buch, ehe ihr es mir wiederbringt, lesen. Ihr solltet sogar, denn bei etlichen Werken der Frau Lichnowsky läuft es einem kalt über den Rücken bei der Erkenntnis, dass jemand so großartig schreiben und dennoch so gründlich in Vergessenheit geraten kann. Lest An der Leine, lest Der Gärtner in der Wüste und lest ganz besonders Kindheit. Noch nie ist dem Zweckdichter etwas begegnet, das so selbstverständlich und unprätentiös daherkommt und sich dann beim näheren Hinschauen als nie Dagewesenes entpuppt. Hier warten Sprachbilder, die niemand zuvor gefunden hat, in einer fein gesponnenen und zugleich so kompromisslos entschlossenen Prosa, dass man nur immer weiterlesen will, sogar und gerade, wenn man erfährt, wie hundsgemein man nach heutigen Maßstäben als kleines adliges Mädchen im späten 19. Jahrhundert erzogen worden ist und wie selbstverständlich man doch zu einem Menschen aufwachsen konnte.

Das schönste Kompliment für Kindheit hat der nicht genug zu preisende Herr Z. gefunden, was niemanden verwundern wird, der ihn kennt. Darauf angesprochen, was er davon halte, erwiderte er, er gehe „wie auf Zehenspitzen“ durch den Text. Genauso ist es, meine Teuren: Man fürchtet geradezu, durch den Akt der Lektüre etwas in Unordnung zu bringen. In Hemingways Death in the Afternoon, seinem großen machismo-Gesang, gibt es irgendwo eine ziemlich schwülstige Stelle über einen Stierkämpfer, der so großartig ist, dass ihn zu töten ebenso verbrecherisch wäre wie die Federn am Halse eines Falken zu zerzausen, wenn man sie nie wieder in die Ordnung bringen könnte. So wie die Falkenfedern ist Lichnowskys Schreiben. Leset und werdet ein kleines bisschen glücklicher. Danach bringt mir bitte das Buch vorbei. Schönes Wochenende!


Freitag, 12. März 2021

Deutschstunde 4

 

Die Schule, meine lieben und hochgebildeten Lesehäschen, ist ja viel besser als ihr Ruf. So haben sich nicht wenige, um ein Zentnerwort des Bundeskanzlers anzubringen, „Kulturverliebte“ echauffieren zu müssen geglaubt, als klar wurde, dass man für die aktuelle Deutschmatura  den Unterschied zwischen einer Erörterung und einer Meinungsrede kennen muss, sich aber aber jenen zwischen Faust und Mephisto, Thomas und Heinrich Mann (oder, wir sind schließlich in Österreich, Doderer und Drach) wurscht sein lassen kann.

Das ist richtig, hat aber seine Richtigkeit, weil alle, denen das ein Bedürfnis ist, ihren Trakl auch noch in der Pension buchstabieren können, während man sich im Erwerbsleben plötzlich der Notwendigkeit ausgesetzt sehen kann, eine der nunmehr so wichtigen Textsorten erneut zu beackern. Wer gäbe ein besseres Beispiel dafür ab als unser geliebter Kanzler selbst? Hat er doch einen Brief an die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft geschrieben und dabei seine für die Matura erworbenen Kompetenzen gut brauchen können. Denn offenbar hat Sebastian immer gut aufgepasst und konnte deshalb noch Jahre später abrufen, wie man laut Leitfaden im Deutschbuch für die achte Schulstufe eine Erörterung schreibt. Sein Brief passt jedenfalls perfekt dazu. (Dank gilt an dieser Stelle dem Zweckdichterbalg für die zeitweilige Überlassung von Deutschstunde 4.)

Nämlich beginne man mit einer Einleitung, die höchstens vier Sätze umfassen soll. Hier wecke man das Interesse durch Bezugnahme auf ein aktuelles Ereignis. Der Kanzler hat das perfekt umgesetzt und weckt Interesse durch die mittlerweile zu Recht berühmt gewordene Formulierung von den fehlerhaften Fakten, ehe er weisungsgemäß zum Hauptteil überleitet mit der Behauptung, dass er „gerne klarstellen würde“. Warum er das im Konjunktiv würde, weiß nur er selbst, aber so kleinlich muss man ja nicht sein.

Nun rät das Deutschbuch, man solle zuerst die abgelehnte Seite darstellen, mit deren Argumenten in absteigender Reihenfolge der Beweiskraft. Sieh an: Es kommen nacheinander der Termin mit Novomatic, während Kurz live im Fernsehen war; dann noch ein Termin mit Novomatic, den aber eine andere Kurzperson hatte, und schließlich der Hinweis, dass die übrigen Termine „im größeren Kreis“ stattgefunden hätten.

Als nächstes soll der Schüler den eigenen Standpunkt mit Argumenten in aufsteigender Reihenfolge der Beweiskraft darstellen. Sebastian weiß, was er zu tun hat: Dass der Rechnungshof 2017 und 2018 keine Spenden von Novomatic an die ÖVP gefunden hat, genügt zum Einstieg. Schwerer wiegt nach Ansicht des Kanzlers, dass er „täglich mehrere Stunden beschäftigt“ ist (ohne „damit“), Medienanfragen zu beantworten.

Am allerschlimmsten aber, deshalb bringt Kurz es als drittes Argument, ist natürlich der „Reputationsschaden für die Bundesregierung und damit für die gesamte Republik Österreich“.

Es ist möglicherweise nicht jedem gegeben, die Regierung so umstandslos mit der Republik zu identifizieren, wenn aber ein Kurz den Sonnenkönig in sich spürt (l’etat c’est moi), dann wollen wir ihm den Spaß einstweilen gönnen, zumal er recht brav nicht nur den Aufbau der einzelnen Aufsatzteile, sondern auch die „Formulierungshilfe Erörterung“ studiert hat. „Weise darauf hin“, „erlaube mir beizulegen“, „habe daher die Hoffnung“ – das ist alles sehr schön umgesetzt. Am allerbesten, weil für eine gelungene Viertklässler-Erörterung am wichtigsten, ist natürlich das wohlgesetzte „ich bin der Meinung“, nämlich, dass man sich als Kanzler nicht in eine Ermittlung einmischen solle, es sei denn, es ist opportun, weil der eigene Pressesprecher ein derartiger Tachinierer ist, dass man selber vor lauter Medienanfragen gar nicht mehr zum Regieren kommt, sodass man wohl oder übel einen offenen Brief an eine Justizbehörde schreiben muss, damit die dort merken, wie sehr man sich nicht in ihre Ermittlungen einmischt.

Schönes Wochenende!

Freitag, 9. Oktober 2020

Reimtest

 

Der Wiener Wahlkampf, das können wir, o vielgeliebte Lesehäschen, frei nach Josef Hader festhalten, warat jetzt do. (Für kabarettistisch Unterversorgte: In Hader muss weg lässt sich ebendieser gründlich darüber aus, wie idiotisch der Satz I warat jetzt do ist, indem er konjunktivisch in der Schwebe zu lassen versucht, was offensichtlich der Fall ist, und dieses Offensichtliche auch noch ausspricht.)

Im Falle des Wahlkampfs hat der Konjunktiv seine Berechtigung, weil bei Besichtigung der Plakatbotschaften Zweifel keimen, ob der Wahlkampf tatsächlich der Fall ist. Denn wie einst hieramts festgehalten:Man merkt den Wahlkampf an der doofen Formulierung „Stopp dem“. Selbst Dominik Nepp hat die Chance vergeigt, mit diesem Klassiker bei der verlässlich ansehnlichen Zielgruppe der Grammatikschwachen jeden Alters zu punkten. Womit wir beim Thema sind, das uns ja alle beschäftigt, nämlich: ob Dominik Nepp unsere Stimmen verdient. Da man sich auf Wahlversprechen bekanntlich nicht verlassen kann, schicken wir die FPÖ in den Reimtest für Unentschlossene. Als Prüfstein der Wählbarkeit diene uns der Klassiker unter Nepps Wahlplakaten. Kann es im Vergleich zu den Großtaten der Partei aus Zeiten, als sie noch groß war, überzeugen?

Das fragliche Werk zeigt links leider verhüllte Frauen mit der Beischrift Wiener Islam, rechts einen leider unverhüllten Nepp. Dieser deutet in die ungefähre Richtung des Stephansdoms. Mit der Bildmontage wurde offenbar der Billigstbieter beauftragt. Anscheinend weist Nepp gar nicht zum Dom hin, sondern auf etwas, das weiter weg, aber leider nicht mehr zu sehen ist, etwa seinen Heimatplaneten.

Diese Vermutung bestärkt die Headline, denn dort, wo Nepp hinzeigt, sei Unser Daham. Dass er den Stephansdom meint, ist unwahrscheinlich, weil fast zwei Drittel der Wiener Einwohnerschaft nicht katholisch sind und die katholische Kirche in Wien einen jährlichen Schwund von etwa 1,7 % zu verzeichnen hat.

Doch genug der Spekulation über Nepps wahre Abkunft. Connaisseure der politischen Lyrik erkennen hier natürlich ein Kickl-Zitat, von dem die Steilvorlage Daham statt Islam ja stammt.

Wie schlägt sich die Nepp-Line im Vergleich?

Im Reimabgang bleibt der männliche Reim (Achtung, Bildungsauftrag: Ein männlicher Reim endet mit der betonten Silbe. Ein weiblicher Reim hat zwei reimende Endsilben, von denen die vorletzte betont ist.) erhalten, weil es ja um den Islaaaam geht. In puncto Versmaß schlägt sich Nepp auf den ersten Blick tapfer, indem er zwei viersilbige Verse bringt, in denen jeweils die erste und vierte Silbe betont ist. Geht sich sauber aus, gibt’s nix zu meckern.

Kickl ließ da fünfe gerade sein. Denn bei ihm hat der erste Vers zwei Silben, der zweite aber drei. Ein handwerklicher Schnitzer? Mitnichten. Hier zeigt sich, wer dichtet und wer bloß reimt. Wo Nepp hofft, dass braves Abzählen genügt, um etwas Brauchbares zu erzeugen (wie man ja auch nicht ohne Meterstab auskommt, wenn man sich einen Kasten bauen will), weiß Kick um den Unterschied zwischen selbstgezimmerten Kellerregalen und selbstgeschmiedeten Reimen: Im letzteren Fall gewinnt, wer wagt. Gerade die zusätzliche Silbe im zweiten Vers gibt dem (unappetitlichen) Gedanken Zeit und Raum, Anlauf zu nehmen und mit Schwung die Distanz ins Hirn des potenziellen Wählers überspringen.

Wo Kickl ästhetisch-poetisch übermächtigte, konstatiert Nepp bloß. Er hat zwar mitbekommen, dass die FPÖ irgendwie das Ausländerthema bespielen sollte, scheitert aber an der Aufgabe, sich darauf einen Reim zu machen, was angesichts seines Nachnamens nur umsomehr verwundern kann.

Schönen Wahlsonntag!

Freitag, 10. Mai 2019

Bonjour Fadesse

Zwar wird alles immer schlimmer (Klimaerwärmungfemizidstephanpetzner), doch erinnern brave Bildungshäschen sich an ihren Hölderlin: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Dies gilt bisweilen sogar für Feedback, das ja aus der Runde gesellschaftsfähiger Textsorten ausgeschert ist, um gemeinsam mit YouToube-Kommentaren und den Ausreden von Harald Vilimsky eine gewaltbereite pressure group zu gründen. Umso überraschender, dass auch Feedback sich zum Guten wandeln kann! So ward eurem Zweckdichter kürzlich beschieden, dass der Endkonsument ein bestimmtes Service nutzen könne, um digital erhaltene Informationen nicht einfach einzusehen. Nein, er könne sie „rückwirkend“ einsehen.
Nun ja. Irgendwie – nein, auch irgendwie nicht. Wenn du, o kulturbeflissenes Flauscheknäuel, wieder einmal Faust II vornimmst, weil der Sonntagnachmittag sonst verschwendet wäre, dann liest du die Worte des Meisters ja nicht „rückwirkend“, nur weil er sie geschrieben hat, ehe du sie lesen konntest. Denn im rückwirkend steckt die Wirkung. Zwar wissen wir längst, dass der Leser das literarische Werk mitkreiert, insofern jede Leseerfahrung einzigartig ist, sodass bei hundert Lektüren von Faust II hundert verschiedene Faust-II-Fassungen in den Köpfen der Lesehäschen entstehen. Der Text, soweit er gerade nicht gelesen wird, bleibt davon jedoch erstens unbehelligt. Und zweitens ist damit nicht bewiesen, dass auch bei der Lektüre deiner Handyrechnung ein einzigartiges Werk entsteht. Euer Ergebener fühlte sich bei diesem dazureklamierten rückwirkend an den alten Schmäh erinnert, man solle den Brief an die Tante langsam schreiben, denn sie könne nicht so schnell lesen. Doch siehe!, die Argumente wurden gehört, verstanden und berücksichtigt. Kundin und Kunde dürfen nun einfach lesen, ohne befürchten zu müssen, dass sich ihre Rechnung wie Schrödingers Katze verhält und sich unter Beobachtung verändert.
Leider ist auf solche Glücksfälle kein Verlass. Zum Beispiel kann euer Lieblingsreißerschreiberling (ein Wort mit zehn Vokalen, und alle sind i oder e – nicht schlecht, oder?) euch erzählen:
Bebend tastete sich Sabine weiter ins Dunkel vor. Von links –wirklich von links?  - glaubte sie ein schlürfendes Geräusch zu hören. Durch die Risse in ihrer Bluse kroch Eiseskälte. Auch wenn die Schritte ihres Angreifers vorerst verklungen waren, war sie jederzeit darauf vorbereitet, ihm plötzlich wieder gegenüberzustehen.
Saufad, oder? Ein Ausbund ein Langeweile. Der Tod des Vergil ist dagegen ein echter pageturner. Woran das liegt? Aufgepasst: bekanntlich gibt es einige bewährte Regeln, an die zu halten sich lohnt, will man einen geglückten Text verfassen. Journalisten meiden seit Generationen das Wort „beim“, damit der gefürchtete Beimbruch ihnen nicht die Reportage verdirbt. Das Passiv wirkt distanziert und umständlich. Verneinungen verarbeitet der Leser erst im Nachhinein. Und noch eine Regel gibt es, im Gegensatz zu vielen kenne ich sie dank Feedback und gedenke sie künftig peinlichst zu beachten:
Das Wort „vorbereitet“ ist langweilig.
Daraus lernt man außerdem, dass der Urheber, die Urheberin dieser Weisheit deutlich nach 1975 geboren ist. Andernfalls hätte sie noch den keineswegs faden, sondern weitum gefürchteten Satz aus der Sendung Wer bastelt mit? im Ohr: „Ich habe da schon was vorbereitet.“
In diesem Sinne: auf ein spannendes Wochenende!


Freitag, 7. September 2018

Erntezeit

Die dümmsten Bauern, so sagte man, als das Wünschen noch geholfen hat, ernten die dicksten Kartoffeln. Mittlerweile haben wir im Agrarbereich große Fortschritte gemacht, sodass auch kognitiv ausgeschlafene Landwirte mit ansehnlichen Erträgen rechnen dürfen. Ob das für den Einzelnen ein Vorteil ist, bleibe dahingestellt, denn der Dumme, das wissen wir alle, kriegt’s ja nicht mit.
Weiterhin in Kraft bleibt hingegen die betrübliche Wahrheit, dass den doofsten Textern die dicksten Feedbäcke entgegenlachen. Das liegt daran, dass Kundinnen und Kunden schlecht auf Düngung reagieren. Da kann man sich nur dumm anstellen und das Beste hoffen.
Damit ist auch bewiesen, dass euer treuer Kolumnator nicht das schärfste Messer in der Lade, nicht die hellste Birne am Luster, nicht die klarste Scheibe in der Duschkabinenabteilung ist. Weil der Herbst (hoffentlich) naht, bitte ich zum Erntehilfseinsatz: Es folgt eine kleine Blütenlese der Feedbackwoche. Ob hier große Stiefel gefischt, mächtige Böcke geschossen oder einfach Dummbrote gebacken wurden, das möge die Nachwelt entscheiden.
Zum Beispiel schrieb ich nichtsahnend keineswegs so (man will ja niemanden vor den Kopf stoßen), aber völlig strukturanalog:
Sie schätzen die verlässliche Versorgung mit Honig, Ihnen mundet aber auch eine Semmel mit Erdbeermarmelade. Können Sie dabei sparen und gleichzeitig zu einem gelungenen Frühstück beitragen?
Das Verdikt von Kundenseite lautete: „Ich finde zwei Fragen etwas viel.“ Es fragt sich nun, wo die zweite Frage sich versteckt. Die Antwort kann nur lauten: Die Feedbackurheberin wollte mit eurem Zweckdichter ein rekursives Sprachspiel anfangen. Die zweite Frage kann wohl nur die Frage danach sein, was die zweite Frage sei.
Man darf davon ausgehen, dass die Dame in der Mittagspause nicht lange suchen muss, um kongeniale Gesprächspartner zu finden. Denn eine Zeile für ein anderes Produkt desselben Unternehmens lautete ebenfalls nicht so, aber entsprechend:
Saugkraft 3000 – da ist Saugkraft selbstverständlich.
Wie hieramts schon mehrfach festgestellt, identifiziert man einen echten Werbekunden am zuverlässigsten dadurch, dass er das Stilmittel der Wiederholung stets als Fehler anstreicht. So auch hier: „Bitte Überschrift überarbeiten, damit keine Wortwiederholung entsteht“, scholl es aus dem Textwald zurück. Netterweise bekam euer Kolumnator ein Beispiel ohne Wortwiederholung mitgeliefert: Saugkraft 3000 bringt das Saugkraftwunder in Ihr Heim. Warum denn nicht gleich! kann man da nur ausrufen.
Wesentlich interessanter ist die Rüge, die mir von anderswo zuteil wurde: „Stolz kann man nicht ernten“ ward mir beschieden, gefolgt vom gefürchteten Doppelsmiley. Dieses ist Archäologinnen und Archäologen mit Hang zum Paranormalen aus der Sorte Inschriften vertraut, die man in Gewitternächten an den Mauern dunkler Kammern entziffert, in denen Skelette bestattet sind, bei denen man nur rätseln kann, wie das Ding lebendig ausgesehen hat. Das Doppelsmiley bedeutet soviel als Dein Arsch gehört mir.
Aber kann man Stolz wirklich nicht ernten? Ich bin unsicher. Immerhin kann man außer Kartoffeln auch Misstrauen ernten, Beifall, Zustimmung oder betretenes Schweigen. Warum also nicht Stolz? Darüber macht euch bitte ein paar Gedanken. Das Schuljahr ist noch lang, und das kommt alles zur Prüfung. Schönes Wochenende!


Freitag, 25. Mai 2018

Ausgestopft

Pfingsten war, und was haben wir gefeiert? Erstens unser Lieblingsfest, denn im restlichen Jahr sind wir genug gestresst (danke, Christoph & Lollo). Zweitens aber warum? Na, wer hat die katholischen Feiertage noch parat, die euch einst die Klosterschule in liebevoll gestalteten Morgenandachten nahegebracht hat? Keiner? Alsdann: Pfingsten ist das mit den Flammen und dem heiligen Geist, wonach die Apostel in Zungen redeten. Letzteres ist ein schöner Ausdruck dafür, dass alle Anwesenden die Jünger verstanden haben, ungeachtet der eigenen Sprachkenntnisse.
Damit ist die Zungenrede (ja, die heißt wirklich so) das genaue Gegenteil des Füllwortes: Ganz gleich, ob du der Sprache mächtig bist, der es zu entstammen scheint, das Füllwort ist dazu da, nicht verstanden zu werden. Es ist, für jene Lesehäschen, deren Schnurrhaare an den Spitzen schon einen grauen Anflug zeigen, das Testbild der Sprache: Anhand seiner kannst du dich vergewissern, dass Hör- und Sprechapparat ordnungsgemäß arbeiten. Mehr aber auch nicht. In dieser Eigenschaft ist nichts gegen das Füllwort einzuwenden. Doch wehe!, nur zu viele Sprecher missbrauchen es, um nicht die Lücke der Ungewissheit zu füllen, sondern die Ruhe des Nichtssagens. Man darf, o Häschen, gelegentlich beim Sprechen eine Pause machen. Das ist garantiert immer noch besser, als verzweifelt so etwas wie Genau! einzuschieben, wenn dein Gegenüber überhaupt nichts Bestätigungsbedürftiges geäußert hat, oder, mein persönlicher Liebling unter den nichtsnutzigen Plapperphrasen, dass ich sage, okay. Sie ist nicht nur eine der unanhörigsten (wie unansehnlich, aber für die Ohren) Wendungen der Welt, sondern auch eine besonders rätselhafte.
Denn was geschieht, wenn du bemerkst: dass ich sage, okay? Du sprichst zu mir und fühlst dich bemüßigt, mich über diesen Sachverhalt zu unterrichten. Das allein ist schon tautologisch. Du sagst, dass du sagst. Aber du sagst jetzt nicht das, was du mir sagen willst, sondern erst einmal: Okay, verpackt in eine Nebensatzkonstruktion mit Phantomhauptsatzschmerzen.
Das ist einerseits nett von dir, denn so kann ich über das Gehörte nachdenken, ohne etwas Wichtiges zu versäumen. Okay ist schließlich eh okay. Andererseits könnte ich mir das Nachdenken sparen, würdest du endlich zum Punkt kommen.
Doch das ist noch nicht alles. Dass ich sage, okay ist nicht nur einzigartig umständlich und unnötig, es ist auch grammatisch so singulär wie eine Rübe in Form eines ordinären Körperteils, und wenn dein Frühkind sie aus der Erde zieht und der Frühkindpädagogin mitbringt, entsteht Erklärungsbedarf: Die Phrase ist steigerungsfähig wie ein Adjektiv, aber auf ganz besondere Weise. Für die komparativische Wirkung fügt man nicht am Anfang oder Ende etwas hinzu, sondern mittendrin: Dass ich hergehe und sage, okay.
Oha! Du gehst her? Da schau her. Und ich hatte gedacht, du seist schon die ganze Zeit dagewesen. Mit wem habe ich denn bisher gesprochen?  
Ja, ja, ich gebe schon Ruhe. Ich weiß eh: Das Füllsel ist nicht dazu da, verstanden zu werden, also Gedanken auszudrücken. Herr Talleyrand, zu seiner Zeit einer der bestgehassten Menschen Europas, soll einmal geäußert haben, die Sprache sei uns gegeben, um unsere Absichten zu verschleiern. Das Füllsel ist dafür untauglich: Es will nicht unsere Gedanken verhüllen, sondern den Mangel daran. Dabei scheitert es auf lästige Weise, dies aber verlässlich. Es ist daher Zeit, nicht etwa herzugehen und zu sagen, okay, das war jetzt unnötig. Sondern eben nicht. Ich habe von Philosophie nicht viel Ahnung, aber ich vermute, dass Wittgenstein recht hatte mit seinem Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Er hat wohlgemerkt nicht gesagt: Ehe man sprechen kann, muss man faseln. Wenn du den Faden verloren hast, suche ihn. Du wirst ihn schneller finden, wenn du dabei nicht quasselst. Hast du nichts zu sagen, dann mach es dir und uns allen leicht. Du kannst einfach mal die Fresse halten. Schönes Wochenende!

Freitag, 4. Mai 2018

Fachsprache

Wir haben uns, o sprachneugierige Lesehäschen, ja schon oft und öfter mit Fragen beschäftigt, die einem bei intensiver Nutzung des Deutschen so über den Weg hoppeln. Es ist Zeit, dass wir über diesen Tellerrand hinausschauen! Deutsch ist schließlich nicht die Welt, es gibt noch andere interessante Idiome. Nun trifft es sich, dass euer ergebener Kolumnator kürzlich Gelegenheit hatte, einem Native Speaker des verbreiteten, aber meist stark akzentuierten Marketingisch zu begegnen.
Halt, halt! Ich weiß schon, was ihr sagen wollt. Ich aber antworte euch: Wir streben hier nach Bildung. Mit eurer Einstellung wüssten wir heute noch nichts über haarige Spinnen, Syphiliserreger oder David Guetta. Wer Erkenntnis gewinnen will, der muss noch scharf hinschauen, wo andere schon einen Schnaps brauchen. Deshalb hier eine Redeflussprobe, die, was selten begegnet, tatsächlich in lupenreinem Marketingisch daherkommt, wobei die Bedeutung von „lupenrein“ hier bis knapp an die Zerreißgrenze gedehnt ist.
Beim Folgenden ist zweierlei zu beachten. Erstens verwirrt unbedarfte Marketingisch-Anfänger, dass die Sprache äußerlich dem Deutschen ähnelt. Davon darf man sich nicht täuschen lassen, sonst ist kein Lernfortschritt möglich! Zweitens handelt es sich nicht um ein Rohtranskript. Ich habe hier und dort kleine Änderungen vorgenommen, zugunsten des Leseflusses. Nun los:
Unsere Values sind, dass wir zuerst immer auf elftausend Meter Flughöhe daherkommen, sonst sehen wir den Kontinent vor lauter Wäldern nicht. Entscheidend ist die time to market, deshalb muss man sich im Management nicht einmal fragen, was ist die Entscheidungslogik, sondern fünfmal. Auf dieser Flughöhe müssen wir anfangen, und dann müssen wir als erstes entscheiden: Ist der Patient schon tot? Wenn nein, braucht er eine Notoperation oder eine Schönheitsoperation? Da haben wir ein Rettungsthema, weil der Patient ein Eisberg ist, und wie es ihm geht, dabei werden wir nie weiterkommen, da können wir nur oben auf den Eisberg ein rotes Kreuz draufkleben. Wir müssen das Wasser ablassen, und dann kommt die Logik der Customer Journey, dass ich den ganzen Eisberg sehe. Denn das ist wie die Eier im Supermarkt: Ich habe den Stapel mit Todeseiern, da nützt auch die Notoperation nichts mehr. Daneben habe ich den Stapel mit den glücklichen Eiern, wo das Huhn regelmäßig Mund-zu-Mund-beatmet wird. Diese Entscheidungslogik müssen wir durch die ganze Supply Chain mitziehen. Diese Values sind extrem wichtig! Natürlich haben wir da auch ein Verkaufsthema, und wenn auf dem Eisberg low hanging fruits unter Anführungszeichen wachsen, erwarte ich mir von einem Partner, dass er diese best-practice-Logik mitgeht.
Man sieht schon, dass die Linguistik des Marketingischen noch einen weiten Weg vor sich hat. Bevor wir erfreut und erleichtert einen Langenscheidt Deutsch–Marketingisch in Händen halten, gilt es den Stein von Rosetta zu finden, der uns den Schlüssel liefert. Erst dann werden wir herausfinden, was sich in den bisher so rätselvollen Texten verbirgt. Wartet hier ein Schatz der Weisheit darauf, gehoben zu werden? Die große vereinigte Theorie von eh allem? Ist es nur die Reader’s-Digest-Version des Voynich-Manuskripts, das ja vermutlich doch nur ein aufwendiger Schmäh auf Kosten der Möchtegern-Entzifferer ist? Oder haben wir es schlicht mit einer Verkaufskeiler-Version des Rotwelschen zu tun, jener Gaunersprache, die nicht nur der Verständigung diente, sondern ebensosehr der Verschleierung des Gesagten vor jenen, die es einzutunken galt? Man darf gespannt sein!


Freitag, 16. Juni 2017

Frankfurter Schule

Kennt ihr das, wenn ihr zuhause etwas sucht und dabei etwas findet, wovon ihr gar nicht mehr gewusst habt, dass ihr es besitzt? Und dabei ist es etwas richtig Lässiges, und ihr freut euch vollrohr darüber? So etwas haben wir hieramts auch: das Feedback der Woche. Wenn euer ergebener Kolumnator eine Rückmeldung auf seine Brot-Texte erhält, die wirklich denkwürdig ... also, denkwürdig ist, dann wird sie hier verewigt. Es wurde sich anlässlich eines geglückten Feedbacks (und ich verwende „geglückt“ hier sehr weit gespannt, man darf sich dazu etwa die Schwingen eines Albatros vorstellen und sich fragen, ob es nicht doch die Schwingen eines Albatrosses sind, „geglückt“ also in dem Sinne, dass auch einem wirklichen schlimmen Missetäter die Flucht glücken kann), wer jetzt noch weiß, wo wir im Satz stehen, darf sich ein Herzerl ins Heft malen, also: Anlässlich eines Feedbacks, in dem eine Formulierung als „umgangssprachlich“ beanstandet wurde, haben wir uns schon einmal der Bedeutung von „umgangssprachlich“ gewidmet. (Damals gab es eine kleine Checkliste, damit ihr vielleicht ein bisschen leichter herausfindet, ob ein Wort umgangssprachlich ist. Seid vorsichtig damit – so etwas geht oft aus, wie wenn man Krankheiten googlet.)
Diesmal liegt die Sache aber komplizierter. Denn der Kunde hängt anscheinend der Neuen Frankfurter Schule an. Für alle nach 1975 Geborenen: Über die Neue Frankfurter Schule muss man fast gar nichts wissen, außer „Habermas“, irgendwas mit 68ern und den Satz von Adorno: Es gibt kein richtiges Leben im falschen.
Denn wenn wir uns fragen, was „umgangssprachlich“ fürwahr bedeutet, kann es nur eine Antwort geben: Umgangssprachlich ist alles, was wir im Umgang miteinander äußern, sei es im Gespräch, sei es schriftlich oder telepathisch. Mithin ist alles Sprachliche auch umgangssprachlich, es sei denn man wollte ein Sprechen annehmen, das nicht nur nicht wahrgenommen wird, sondern auch nichts zum Ziel hat als nicht wahrgenommen zu werden. Selbst wenn es eine solche Sprache geben sollte, als einzige Sprache, die nicht auch umgangssprachlich wäre – sie geht uns nichts an. (Es stellt sich sogar die Frage, ob eine Sprache, die niemand vernehmen soll, überhaupt eine ist.)
Ebenso wie kein richtiges Leben im falschen möglich ist, kann es also auch keine Sprache geben, die nicht umgangssprachlich wäre. Oder, um eine voll 80ermäßige Formel von Paul Watzlawick wieder einmal zu beleben: Man kann nicht nicht kommunizieren. Schon gar nicht sprachlich. Nur wenn mein hochgeschätzter Kunde im Gefolge Adornos ebenfalls zu dieser so einleuchtenden Meinung gelangt ist, lässt sich erklären, wie dieses Feedback zustande gekommen ist: Finden klingt ugs.
Dass damit für die stilistische Bewertung nichts gewonnen ist, steht auf einem anderen Blatt. Denn nach unserer neugefundenen Regel ist „finden“ nicht mehr oder weniger umgangssprachlich als ein Gedicht von Hölderlin, der, da bin ich ziemlich sicher, niemals Oida geschrieben hat. Allerdings hatte er ja dann später auch nicht mehr alle Federn im Schreibzeug, also wer weiß. Schönes Wochenende!

Freitag, 13. Mai 2016

In der Satzkurve

Bundeskanzler kommen und irgendwann gehen sie auch wieder. Da muss man manchmal einfach Geduld haben.  An dem jetzigen stimmt mich misstrauisch, dass er in seinem Job als ÖBB-Chef nicht wirklich sensationell bezahlt war. Ich meine, was für ein Topmanager bin ich, wenn der Post-Vorstandschef dreieinhalbmal so viel verdient wie ich?
Wie auch immer: So wie die Politik derzeit beschaffen ist, reiße ich mir lieber eine sprachliche Frage her. Falls wir die Antwort finden, ist sie wahrscheinlich auch haltbarer als die Umfrageergebnisse von Norbert Hofer. Mich beschäftigt, warum ich über Formulierungen wie diese stolpere: „Seine Umgangsformen seien veraltet, selbiges gelte für Weltanschauung und Stecktuchstil.“
Mein Stolperstein ist selbiges. Gegen selbiges habe ich prinzipiell natürlich nichts. „Mindestens ebenso brisant wie die Ansichten des Kandidaten ist das Interesse seiner Wähler an selbigen“, oder auch „Selbiger [der Parteivorstand] leckt sich noch seine Wunden“ – da sitzt alles fugenlos.
Der Unterschied ist klar: Im ersten Fall springt selbiges für dasselbe ein, im zweiten und dritten hingegen hat es hinweisende Funktion. Hier könnte auch diese oder jener stehen.
Doch das wirft nur eine neue Frage auf. Selbiges ist doch dasselbe wie dasselbe, oder? Warum sollte also im ersten Beispiel nicht selbiges stehen?
Wo man sich in solchen Fällen schlau macht, wissen wir ja: im Grimmschen Deutschen Wörterbuch. Es lehrt uns, dass selbiges ein ziemlich bewährtes und gut abgehangenes Wort ist, mit Belegstellen seit den Kinderjahren des Neuhochdeutschen. Allerdings hat es meistens nicht allein gechillt, sondern mit seinem Kumpel bestimmter Artikel, also: der-, die-, dasselbige.
Im 17. Jahrhundert ist die Freundschaft zwischen den beiden dann ein bisschen gewohnheitsmäßig geworden, seither findet man selbiges auch allein, d.h. ohne Artikel. Allerdings steht es in den Belegstellen der Grimms immer mit dem referenzierten Substantiv: selbigen Abend, unter selbigem Grab, in selbiger Nacht. In die Umgebung dieser Formulierung gehört wohl auch das schöne Lokaladverb daselbst. Auch als Demonstrativpronomen in der Bedeutung dieses oder jenes kennen die Brüder selbiges, bemerken aber: „diese ausdrucksweise, im 17.-18. Jahrh. nicht selten, ist heute in mustergiltiger, dialectfreier schriftsprache ganz abgekommen und findet sich nur noch in absichtlich archaisierender oder volksthümelnder sprechweise.“ Die Diagnose stammt, wohlgemerkt, aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, woran man sieht, dass auch Wörterbuchtitanen sich täuschen können, hat doch das demonstrative selbige im Journalismus der gehobenen Mittelklasse auch heute noch seine Fans.(Und ja, die Brüder Grimm schreiben klein.)
Was lernen wir daraus? Das Deutsche Wörterbuch kennt die Fälle 2 und 3, nicht aber den ersten. Die Ursache meines Stolperns gewinnt damit ebenfalls Konturen: Wenn selbiges die Identität bedeuten soll, hat es damit für mein Gefühl schon genug zu tun. Um außerdem den Bezug zu einem Wort in einem anderen Satz oder Nebensatz herzustellen, hätte es gern Verstärkung von der, die, das. Das ist wie Lenken und Bremsen gleichzeitig: Da kann es dich leicht aus der Kurve hauen, und als Erkenntnisgewinn bleibt dir nur noch, was Walter Röhrl erklärt hat: Wenn du den Baum nur hörst, war es Übersteuern. Wenn du ihn vorher siehst, war es Untersteuern.
So auch im Satzbau. Es mag schon sein, dass es im Sinne der gängigen Regelwerke zulässig ist, selbiges der Doppelbelastung von Verweis und Identitätsbedeutung auszusetzen. Gönnen wir ihm aber trotzdem die Unterstützung des Artikels. Auch Wörter haben manchmal mehr als genug zu tun.

Freitag, 1. April 2016

Der unsichtbare Dritte


Die Stilistik, liebe schier unwiderstehlichen Lesehäschen, kennt den Begriff der „uneigentlichen Rede“: Wörter tragen nicht die Bedeutung in sich, die außen draufsteht, sondern eine, die ihnen erst im rhetorischen Zusammenhang zuwächst. Unser hochverehrter Herr Kulturminister Josef Ostermayer hat sich in einem kürzlich gewährten Interview um die Kultur, speziell die Sprachkultur, verdient gemacht, indem er dem Begriff eine neue, umso überzeugendere Bedeutung faktisch-performativ eingeschrieben hat. Denn wer das Interview liest, fragt sich nachher, wer zum Geier hier eigentlich geredet hat?

Kurzer historischer Exkurs für die ganz kleinen Lesehäschen: Josef Ostermayer ist ein gelernter Jurist, der sich alsbald auf Wohnrecht spezialisiert und es nach sieben Jahren bei der Mietervereinigung zum Chef des Wiener Wohnfonds gebracht hat. Danach ist er im Sog Werner Faymanns Minister für Kultur und noch so allerlei geworden. Seine erste Amtshandlung bestand darin, Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann zu schassen, weil der als ausgewiesener künstlerischer Leiter in der Buchhaltung nicht hinreichend genau hingeschaut hatte. Nichts profiliert einen frischgebackenen Kulturminister mit solidem Background in Wohnrecht so rasch wie die Trophäe eines kapitalen Burgtheaterdirektors. Das unterstelle ich jetzt einfach mal, weil ich bezweifle, dass die Demontage des Hartmanns und die sonstigen Umstellungen substanziell etwas gebracht haben. Inwiefern zum Beispiel die Streichung der Kartenpreisermäßigung für Kinder Österreich kulturell viarehaut, das soll mir der hochverehrte Herr Bundesminister tiefempfunden vortanzen. Davon zu schweigen, dass die wunderbaren Familienstücke sich in den aktuellen Burg-Spielplänen rar machen wie brauchbarer Aufschnitt beim Merkur.

Nun aber zum Interview. Ostermayer verlautbart gleich im dritten Satz sein Programm: Er wolle zu dem immer noch laufenden Verfahren „nicht Stellung nehmen.“ Klar, dass dann doch Stellung genommen wird, aber von wem? Eine Frage später heißt es: „Die Annahme, dass irgendwelche Unterlagen nicht herausgegeben worden wären, würde ich in Kenntnis der handelnden Personen zurückweisen.“ Durch diese Konjunktive muss man erst einmal durchsteigen, damit einem klar wird: Anscheinend kennt er die handelnden Personen nicht. Aber wer redet dann von ihnen? Und wer weist zurück?

Weiter geht’s: „Wo Verjährungsfristen eintreten könnten, wurden entsprechende Schritte gesetzt und von Wirtschaftsprüfern ein Verjährungsverzicht eingefordert. Wo dieser nicht abgegeben wurde, haben wir eine Feststellungsklage abgegeben.“ Hier gibt es zwei, vielleicht drei handelnde Personen: uns, den/die Urheber der Schritte, und eventuell die Wirtschaftsprüfer, je nachdem, ob diese die Fordernden waren oder die Adressaten der Forderung. Der wichtigste Akteur, der die Schritte gesetzt hat, bleibt auf jeden Fall im Dunkeln. Wen deckt Ostermayer hier?

Aufklärung bleibt aus: „Wenn es von Wirtschaftsprüfern über lange Zeit uneingeschränkte Bestätigungsvermerke gab, auch das Kontrollsystem betreffend, kann man der Holding oder den Aufsichtsräten schwer vorwerfen, sie hätten genauer hinschauen müssen.“ Gab es jetzt oder gab es nicht? Wenn es gab und man nicht vorwerfen will, wozu gibt es dann die genannten Instanzen? Vor allem aber: Wer ist man? Offenbar ein Abwartender im Hintergrund. Die Zukunft bleibt ungewiss, nicht zuletzt für Ostermayers Leibprojekt, das Haus der Geschichte: „Für heuer haben wir Vorsorge getroffen.“ Sagte der Minister Ende März.

Alle, die schon einmal Cyrano de Bergerac gelesen oder den Film gesehen haben, dürfte bei diesem Interview ein Gefühl des Déjà-vu beschlichen haben. Es ist, als hätte der Standard Christian de Neuvillette interviewt. Nun hoffen wir auf ein baldiges Gespräch mit Cyrano, der Neuvillette/Ostermayer eingesagt hat. Wer weiß, wessen Ohrs er sich noch sicher sein darf!

Freitag, 31. Juli 2015

KISS


Man soll ja angeblich nicht „Oida“ sagen. Warum, das konnte mir bis jetzt keine so recht erklären. Ich finde ja auch, dass „Oida“ etwas Ungehöriges hat. Ich weiß aber nicht, warum es mir so geht. Doch zu „Oida“ hat immerhin nicht nur jede eine Meinung (mich eingeschlossen), es hat auch jede ungefähr die gleiche Meinung. Soll heißen: Selbst wer behauptet, dass man ruhig „Oida“ sagen darf, ist deswegen noch lange nicht der Meinung, dass zum Beispiel das eigene Kind auch „Oida“ sagen dürfe. Heuchler!

(Als Fleißaufgabe dürft ihr euch überlegen, warum ich gerade eben einmal „darf“ und einmal „dürfe“ geschrieben habe. Ich ahne den Grund. Jedenfalls fühlt es sich richtig an.)

Damit zum eigentlichen Thema unserer heutigen Sendung: Wie ist das mit Abkürzungen? Spricht ein ordentlicher Mensch sie als Folge von Einzelbuchstaben oder als Wort? Hat also „SPÖ“, geraden Rückgrats gesprochen, eine Silbe mehr als „Freundschaft“ oder eine weniger? Bei „bzw“ oder „WTF“ lautet die Antwort recht einfach „weder noch, Oida!“. So etwas löst man einfach auf und sagt „what the fuck“ beziehungsweise „beziehungsweise“.

Bei „ABGB“, „MfG“ oder „RGB“ will sich natürlich niemand die Zunge verknoten. Die heißen eben „Abegebe“ undsoweiter. Dass es bei „CMYK“ anders ist, wissen wir ja aus täglicher Erfahrung. Könnte am Ypsilon liegen.

Nun gibt es aber auch Abkürzungen, deren Wortreiz man kaum widerstehen kann: Sie betteln förmlich darum, wie echte Wörter ausgesprochen zu werden. Orf zum Beispiel ist so eines, vor allem, wenn man das eine oder andere Orfloch kennt. Oder Dinks.

Ganz zu schweigen von Milf. MILFs sind, wie kürzlich in der Zeit zu lesen war, „keine Prinzessinnen. Sie sind Königinnen.“ Und es gibt bestimmt niemanden, der „EM I El Ef“ sagt, wenn er MILF meint.

Und schließlich gibt es die ganz interessanten Abkürzungen, die, über die wir uns nicht einige werden können. „Wipp“ oder „Wi Ei Pi“? „Es Ju Wi“ oder „Suff“? Ich will mich da nicht aufspielen, das kann jede halten, wie sie will. Wer sich auf die Suche nach der Antwort machen will, dem gebe ich aber noch eins mit auf den Weg: Offensichtlich sind Abkürzungen ohnehin so etwas wie Wörter, auch dann, wenn wir sie in Einzelbuchstaben sprechen. Warum sonst gäbe es „LKWs“, obgleich die Mehrzahl von „Lastwagen“ kein s hat? Soviel für heute. Die einen sagen „Oida“, die andern „O I De A“. Vielleicht haben sie Kinder.

Freitag, 17. April 2015

Sammeln und lernen


Liebe Lesehäschen, das mit den Wörtern ist oft schwierig. Damit es einfacher wird, beginnt hier – heute – jetzt!!! die große, geile Sammelreihe Schwierige Ausdrücke einfach erklärt. Wir fangen mit zwei Mittelgewichtswörtern an.  mit zwei Gratis-Start-Wörtern für euch:

„abstrakt“. Abstrakt bedeutet nicht: „Da habe ich gefehlt“. Genauso wenig bedeutet es: „Das finde ich irgendwie zu hochgestochen.“ Und auch nicht: „Das gefällt mir nicht.“ Noch auch: „Das gefällt mir nicht, weil ich es nicht verstehe.“

Abstrakt bedeutet, dass etwas sich im theoretischen Raum abspielt, ohne unmittelbaren Bezug zu einer stofflichen Realität. Insofern ist es naheliegend, abstrakt unrichtig zu verwenden. Wenn nämlich der Betreffenden der unmittelbare Bezug zu der stofflichen Realität fehlt, damals in der 4. Klasse anwesend gewesen zu sein, weil sie stattdessen in einem Cafè mit zu unruhig gemusterten Sitzbezügen Cappuccino mit Schlag getrunken und dazu Ernte 23 geraucht hat. Die Sabi hat dabei erzählt, dass sie am Wochenende in der Hitparade die Neue von Milli Vanilli mitgeschnitten hat, OHNE DASS DER MODERATOR INS INTRO GEQUATSCHT HAT! GEIL!

Ja, so war das damals, als man nicht mitbekommen hat, was „abstrakt“ bedeutet.

„machen“: Die Problematik von „machen“ ist naturgemäß anders gelagert. Wer schon Ernte 23 geraucht hat, als die Sache in der Schule dran war, der hatte jedes Recht dazu. Denn seine Probleme waren definitiv gravierender als die angemessene Verwendung von „machen“. Wir andern waren da noch bei Kaugummitischick. Oder Schoko halt, je nachdem, ob Coolsein oder Geschmack wichtiger war. Also, eigentlich waren wir alle bei Kaugummitschick. Mit „machen“ ist es ein bisschen so wie mit Schraubenschlüsseln: Wenn du den passenden nicht findest, kannst du es natürlich mit dem Universalschlüssel probieren. Aber wenn du nicht aufpasst, ist der nachher hin und die Schraube immer noch fest (oder eben nicht, je nachdem).

Manchmal ist machen ja vollrohr o.k.

Etwas kann einen Unterschied machen.

Kinder kann man auch machen.

Natürlich kann man mit „machen“ auch brauchbare Kombinationen erzeugen. Man kann sich etwas aus-machen. Oder sich etwas aus, oder einen drauf. Oder es ist dir wurscht, dann macht es nichts, oder dir zumindest nichts aus.

Aber „Machen wir etwas Lässiges“? Nicht unbedingt. Unternehmen wir lieber was Lässiges. Oder tun wir es einfach. Kurz: „machen“, nur für sich genommen, ist meistens zweite Wahl (außer bei Unterschieden und Kindern). Haben wir in der dritten Volk gelernt, stimmt immer noch. Und es komme mir jetzt bitte keiner mit Wörtern wie „Perückenmacher“ oder was weiß ich. Die stammen aus einer Zeit, als das machen noch geholfen hat.

So. Jetzt genehmige ich mir eine Kaisermischung und dazu eine Kaugummizigarette.utmachHutm


Freitag, 20. März 2015

Umgangssprachlich


Hoch zu verehrende Lesehäschen, es ist mir zu meinen Langohren gekommen, dass es in der Welt Uneinigkeit gibt. Die einen finden die Beatles besser, die andern Justin Bieber. Die einen wollen Frauen nicht autofahren lassen, die andern gehen nur mit Radfahrern aus. Die einen essen Gulasch, die andern würden gern. Die einen wissen, was „umgangssprachlich“ bedeutet, die andern nicht.

Deshalb hier, als kleine Hilfestellung, ein Leitfaden zur Identifikation von „Umgangssprache“.

1. Würde deine Mudda das so sagen?

Kommt natürlich sehr auf deine Mudda an. Wenn deine Mudda sich so schreibt, spricht sie wahrscheinlich fließend Umgangs. Wenn hingegen deiner hochverehrten Frau Mutter, die alle vier Wochen den Lesekreis bei sich willkommen heißt, „Zum Wohlsein“ sagt, wenn jemand niest, und sonntags im Pfarrcafé Kuchen reicht, zufällig und aus purer Verzweiflung ein „zu dumm aber auch“ auskommt, weil ihr die Spitzenklöppelarbeit in den Lindenblütentee gefallen ist – dann hat das mit Umgangssprache nichts zu tun. Weil ja alle unsere Mütter klöppeln, ergibt sich die Faustregel: Wenn deine Mutter es sagen würde, ist es wahrscheinlich nicht Umgangssprache.

2. Hast du es in Heute gelesen?

Falls ja, dann ist es nicht umgangssprachlich. Heute erscheint in einem Idiom, das von hochbezahlten Experten eigens dafür geschaffen wurde, nicht der Kommunikation zu dienen, weil es nämlich zwar Heute-Leser gibt. Dieses Grüppchen ist jedoch statistisch so unerheblich, dass es sich nicht lohnt, dafür eine Zeitung (schon gar eine kostenlose) herauszugeben. Viel wichtiger sind die Bilder-in-Heute-Anschauer. Damit die das Gefühl haben, eine Zeitung zu sich genommen zu haben, gibt es rund um die Bilder Grauwert auf Heutisch, der nach dem Zufallsprinzip abgesetzt wird, aber nichts besagt und daher auch nichts mit Umgangssprache zu tun hat.

3. Reden die Herrschaften in der Zentrale (Design und Produktion) oder in Sektion D/Digitalien normalerweise so?

Dann ist es auch nicht umgangssprachlich, sondern noch viel schlimmer. Gewöhne dir das bloß nicht an, und wasch dir gleich die Ohren mit Seife aus! Am besten auch den Mund, wo du schon du dabei bist. Und ein Glas Wasser könntest du mir auch mitbringen.

4. Hast du es in einem Foldertext von mir gelesen?

Dann war es höchstwahrscheinlich nicht umgangssprachlich. Ich bemühe mich da, echt Leute! Es sei denn, es handelte sich um einen Folder, in dem es konzeptionell Sinn ergäbe, dezidiert umgangssprachlich zu formulieren, Oida.

5. Geht es um den Satz „Der ganze folgende Prozess findet beim Musterunternehmen statt.“?

Nein, der ist nicht umgangssprachlich. Wenn du das Gefühl hast, er sei es, dann liegt es ganz allein an dir. 

Ich hoffe, damit gedient zu haben.

Schönes Wochenende!