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Freitag, 1. Oktober 2021

Vorvergangen

 

Schulen, o geliebte Lesehäschen, tun manchmal seltsame Dinge. Allerdings nicht so seltsame Dinge wie Schulen in den USA. Wie die meisten hier herum hatte auch der Zweckdichter einst eine kleine Liebesaffäre mit jenem Land, das so viel früher so viel zivilisierter und cooler war als der hiesige Waldrand. Mittlerweile muss man sich aber schon fragen. Zum Beispiel fuhr letztes Jahr im März, als die Pandemie noch jung und verwegen war, eine 16-Jährige aus Wisconsin auf Schulausflug nach Disneyworld. Dort holte sie sich Covid und postete darüber auf Facebook. Worauf die Schule ihr den Sheriff schickte, der sie aufforderte, die Postings zu löschen, weil ja nicht erwiesen war, dass sie tatsächlich Covid hatte. (Damals war das mit dem Testen noch nicht so einfach.). Zur Ehre des Landes sei gesagt, dass der Bundesrichter dem Teenager recht gegeben hat, mit der schönen Begründung, das Recht auf freie Meinungsäußerung sei keine Einstellung in einem Computerspiel, die man nach Belieben ein- und ausschalten könne.

Weiters ist die Frage, ob sich Amyiah (so heißt die junge Frau) angesteckt hatte und dann in Quarantäne geschickt wurde, oder ob sie sich ansteckte und dann in Quarantäne geschickt wurde.

Wer Latein gelernt hat, kennt das als consecutio temporum, auch bekannt als Zeitenfolge. Jetzt und hier geht es um die sinnvolle Abfolge von Präteritum (auch Imperfekt oder Mitvergangenheit) und Plusquamperfekt. Ist ja auch logisch: Wenn etwas einst zuerst geschehen ist, sodass danach etwas anderes geschehen musste oder konnte, soll das seinen sprachlichen Niederschlag finden. Um diese Vorzeitigkeit (für Klugscheißer: Anteriorität) auszudrücken, gibt es das Plusquamperfekt, das nicht umsonst auch „Vorvergangenheit“ heißt.

Die Frage ist aber, ob die Welt ordentlich ist oder nicht. Vielleicht geschehen die Dinge ja einfach so, das nennt man dann Kontingenz: Ich stand auf, kochte Kaffee, trank ihn und hustete ins Telefon. Das Aufstehen passiert einem halt irgendwann, weil man keine Lust mehr hat, im Bett herumzuflacken.

Oder alles steuert auf ein Ziel zu:

Er war aufgestanden, nun kochte er Kaffee. Er trank ihn und hustete dann ins Telefon.

Hier ist das Aufstehen die Voraussetzung dafür, dass der Rest vonstatten gehen kann. Aus einer Abfolge von Ereignissen wird eine Geschichte. Kann man machen, muss aber nicht.

Manchmal ist es auch wurscht:

James Bond hatte abgedankt, die 007-Nummer ging auf eine Frau über.

James Bond dankte ab, 007 war nun eine Frau.

Man muss kein alter weißer Mann sein, um zu erkennen, dass das höchstens ein netter Gag ist, weil das weiße Altmännertum der Bondfigur von vornherein eingeschrieben ist. Nicht einmal das überaus woke Zweckdichterbalg hält das Geringste davon, aus Bond eventuell eine Frau zu machen, weil das dann sicher eine nette Geschichte werden kann, aber halt keine Bondgeschichte. 007 ist ein arroganter Sack mit Hoden. Schönes Wochenende!

Freitag, 16. Oktober 2020

Flexion

 

Da haben wir’s, meine lieben Lesehäschen. Der Herr Bürgermeister kann sich nicht entscheiden, ob er lieber mit den Grünen oder mit den Pinken in die Zukunft steuern will, oder vielleicht hat er sich schon entschieden, will aber damit nicht herausrücken.

Er hat jedenfalls angekündigt, dass eine Entscheidung kommen müssen wird. Oder muss sie eher kommen werden? Denn wie es in der Politik ist, so ist es bisweilen auch in der Grammatik. Das sozialdemokratisch eingesessene „kommen“ kann sicherlich mit „müssen“ eine Koalition der Infinitive eingehen, während „wird“ in der finiten Form konstruktive Oppositionsarbeit leistet, eh klar, wie das in der Opposition halt so Brauch ist.

Halt, stopp! Was hat es nochmal mit den finiten Verbformen im Gegensatz zum Infinitiv auf sich? Da darf man ruhig den Lateiner raushängen lassen: Finite Verbformen sind solche, die sich festgelegt haben, zu welcher Person, zu welcher Zahl, welcher Zeit, welchem Genus (Aktiv oder Passiv) und welchem Modus (Indikativ, Konjunktiv oder gar Imperativ – das sind die Verben, die es etwas strenger mögen) sie sich hingezogen fühlen. Man sagt auch, das Verb wird flektiert (gebeugt), indem es sich den Anforderungen des Satzes anpasst und also die Aufgabe übernimmt, Dinge auszudrücken, die über seine unmittelbare Bedeutung hinausgehen. So ist fühlte etwa Singular Imperfekt Indikativ und entweder erste oder dritte Person, denn so ganz allein sieht man ihm nicht an, ob ich fühlte, er oder sie.

Im Tausch gegen diese existenzielle Gewissheit nehmen die finiten Verbformen in Kauf, dass ihnen Grenzen gezogen sind (lateinisch fines), weil eben fühlte niemals Plural sein kann.

Der Infinitiv seinerseits darf von Blüte zu Blüte flattern, wie es seinem Namen eingeschrieben ist. Denn das „In“ des Infinitivs ist dasselbe wie von „indiskutabel“ oder „indisponiert“: Es sagt uns, dass der Infinitiv keine Grenzen anerkennt. Ein kleiner grammatischer Anarchist tut hier, was er will.

Weil es aber nicht ohne klare Positionen geht, braucht es die finiten Verbformen. Und manchmal hat man, wie der Wiener Bürgermeister, die Wahl. Womit wir bei der Frage sind, ob etwas geschehen werden muss oder geschehen müssen wird.

Des zur Klärung überlege man, womit man es zu tun hat. Nämlich mit einem sogenannten Vollverb (geschehen), einem Hilfs- oder Auxiliarverb (werden) und einem Modalverb (müssen). Die entsprechende Regel lautet einfach: Wenn Hilfs- und Modalverb gemeinsam auftreten, dann nimmt das Hilfsverb die finite Form an. Es wird also etwas geschehen müssen. Weil nämlich das Hilfsverb sonst eh nichts zu tun hat. Es dient werden ja eben dazu, die Zeitform (das Futur) zu definieren und kann dann gleich auch Zahl, Person und so weiter mit ausdrücken, wo es schon dabei ist. Das Modalverb müssen darf sich hingegen ganz der Aufgabe widmen, zu verdeutlichen, dass eine Verpflichtung oder Unausweichlichkeit besteht.

Oida, entringt es sich da einem emotional weniger gefestigten Lesehäschen, und was ist mit „gesagt werden muss?“.

Hier wird ja das Modalverb flektiert, während das Hilfsverb sich im zwanglosen Infinitivnegligé herumfläzt, und das am hellichten Tag. In Wahrheit ist die Regel also eine Runde komplizierter:

Wenn Hilfs- und Modalverb gemeinsam auftreten, dann wird im Aktiv das Hilfsverb flektiert, im Passiv das Modalverb. Im Passiv ist werden nämlich zur Gänze mit dem Passivausdruck ausgelastet, sodass es sich sogar einen Kumpel zu Hilfe holen muss, um Passiv Futur auszudrücken: In Wien wird eine Entscheidung getroffen werden müssen. Hier haben wir ein werden für das Passiv und zusätzlich noch ein wird für das Futur. Dass die Entscheidung, wen man beugen soll, nicht immer leicht fällt, davon kann Michael Ludwig gewiss ein Lied singen.

Schönes Wochenende!

Freitag, 19. Juli 2019

Vergangenheiten

O teure und klassisch gebildete Lesehäschen, euer ergebener Kolumnator beschäftigt sich derzeit mit der Vermittlung lateinischen Grundwissens. Die Gründe dafür würden zu weit führen, genügen muss einstweilen ein lateinisches Sprichwort: Duo si faciunt idem, non est idem. Auf gut Deutsch: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.
Wie betrüblich wahr das ist, merkst du zum Beispiel daran, dass dir schon nach der achten Hochschaubahnfahrt schlecht wird, während es dein Kind erst nach der fünfundzwanzigsten reckt. Früher war halt alles besser, auch das eigene Gleichgewichtsorgan!
Dass die Sprache feinere Unterschiede zwischen scheinbar gleichen Formulierungen kennt als deine Mudda zwischen Schwammtuchmarken, versteht sich von selbst. Höchst erfreulich, dass auch Kunden ein Ohr dafür haben, wie der Zweckdichter kürzlich erfahren durfte. Beinahe wäre ein Werbemittel in Druck gegangen, in dem zu lesen stand: Sie überzeugen zum richtigen Zeitpunkt mit dem passenden Angebot. Dem scharfen Auge auf Kundenseite ist es zu verdanken, dass dieser Fauxpas der Zielgruppe erspart blieb, in deren Sprachzentrum sich nun stattdessen eine weit geschmeidigere Formulierung schlängelt: Sie überzeugen mit dem passenden Angebot zum richtigen Zeitpunkt.
Schwein gehabt! Noch besser wäre vielleicht gewesen: Sie überzeugen mit dem richtigen Angebot zum passenden Zeitpunkt. Aber über Geschmäcker soll man ja nicht streiten, deshalb genug vom Feedback und her mit einer noch weit geschmäcklerischeren Frage.
Es begaben sich nämlich folgende beiden Wendungen:
Eine Idee entsteht, ohne dass ein Briefing hat stattfinden müssen.
und
Eine Idee entsteht, ohne dass ein Briefing stattgefunden haben muss.
Ist das nun das Gleiche oder nicht? In beiden Fällen ist ein Umstand formuliert, auf dessen Vorhandensein es nicht ankommt. In beiden Fällen drückt die Zeitenfolge (Präsens im Hauptsatz, Perfekt im Modalsatz) aus, dass das Eintreten jenes Umstandes vorgelagert ist. Und doch sind sie verschieden: hat stattfinden müssen lässt alles in der Vergangenheit stattfinden, weil hat müssen das Perfekt von müssen ist, mit stattfinden als vom Modalverb abhängigem Infinitiv.
Im zweiten Fall hingegen liegt in der Gegenwart eine Notwendigkeit vor (freilich verneint): etwas muss, nämlich stattgefunden haben. Damit ist hier klarer ausgedrückt, dass eine Handlung in der Vergangenheit Auswirkungen in der Gegenwart hat (oder eben nicht), und darum geht es ja in diesem Satz.
So zeigt sich wieder, dass die Sprache für gar manche Eventualität eine unvermutete Feinheit bereithält. Wolltest du zum Beispiel etwas über ein erhaltenes Feedback sagen, so könntest du dich für die erste Version entscheiden:
Änderungen werden eingekippt, ohne dass eine Reflexion hat stattfinden müssen. Darin spiegelte sich aufs Angemessenste, dass die Änderungen sich zwar auf dein aktuelles Befinden auswirken, dass es aufs Nachdenken zuvor jedoch keineswegs ankommt.
Schönes Wochenende!

Freitag, 27. April 2018

Werbeabgabe

Manchmal, o Häschen, fragt man sich schon. Ein Coach (oder heißt das eine Coach? Eine Coachette? Eine Coachin? Hilfe!) namens Jenny Simanowitz hat im Standard erklärt: 1956 habe ein Soziologe namens Erving Goffman erstmals behauptet, dass jede Kommunikation "eine Performance" sei. [… ]Goffman vergleicht unsere tägliche Kommunikation mit einer Serie von Theaterauftritten, jeder mit seiner eigenen Kulisse, Fassade und Darstellung. 
Und das war 1956 neu und bahnbrechend? Man muss nicht Shakespeare bemühen (All the world’s a stage, and all the men and women merely players), man kann aber. Oder Machiavelli: „Einem Fürsten ist daher nötig, den Menschen und das reißende Thier spielen zu können.“ Er muss „nicht die vorhin beschriebenen Tugenden haben, wol aber das Ansehn davon“.
Wir müssen die Wirkungsgeschichte Macchiavellis nicht durch die nächsten vier Jahrhunderte verfolgen, um einzusehen, dass Erving Goffman vielleicht ein wichtiger Soziologe, die Auffassung von Kommunikation als theatralischer Handlung aber nicht sein originellster Einfall war. Ein bisschen mehr wäre da schon gegangen, Coach Simanowitz! Ich war ja einst beim Vortrag eines sehr erfolgreichen Texters und Vortragenden, der uns Jungfuzzis nahezubringen versprach, wie das coole Texten leichter von der Hand gehe. Der Vortrag dauerte nach meiner Erinnerung ungefähr eineinhalb Stunden. Ich schwöre, dass der Mann keine einzige Silbe geäußert hat, die nicht, in etwas anderer Formulierung, schon Quintilian in seinem, ja, bahnbrechenden Werk Institutio oratoria aus dem ersten Jahrhundert der aktuell hieramts gängigen Zeitrechnung vorweggenommen hätte. Immer diese vorauseilenden Plagiatoren! Der Erfolgstexter hatte sich aber immerhin die Mühe gemacht, Quintilians Tipps in bullshitbingokompatibles – nun ja: Wording zu kleiden. Während Frau Simanowitz halt einfach davon überzeugt ist, dass Erving Goffman der originellste Kopf war, seit Odysseus sich das mit dem Pferd ausgedacht hat. Ich weiß nicht, wieviel Coaching ich mir da einpacken lassen würde.
Nun zur Werbung: Die Werbeabgabe kann endgültig abgeschafft werden, weil es nämlich gar keine Werbung gibt. Ein Sprecher der Coca-Cola Company hat erklärt, das Unternehmen schalte Inserate, TV-Spots etc., um Konsumentinnen und Konsumenten vor der Kaufentscheidung zu informieren, Klarheit zu schaffen und den Absatz zu erhöhen. Es geht also gar nie um Werbung, sondern IMMER um Information.
Naja, fast. Genaugenommen war es ein Sprecher des Innenministeriums, der in Herrn Sobotkas Namen zum Thema Wahlwerbung verkündet hat, man wollte Wählerinnen und Wähler vor der Wahl informieren, Klarheit schaffen und die Wahlbeteiligung erhöhen. Deshalb ist es vollrohr okay, wenn staatliche Stellen Geld für Inserate, TV-Spots undsoweiter ausgeben. Es handelt sich ja nicht um steuerlich finanzierte Werbung, sondern um Information. Na dann.

Freitag, 14. November 2014

Latein oder nein?


Man kann gar nicht weit genug vorausplanen. Schon deshalb nicht, weil sorgfältige Planung das Leben insofern bereichert, als das Leben ja das ist, was einem widerfährt, während man anderes austüftelt. Anders gesagt: Je sorgfältiger geplant, desto spannender stattdessen gelebt.

Deshalb sollte sich jede zeitgerecht darüber Gedanken machen, ob dem vorhandenen, erhofften oder auch überraschend hereingeschneiten Nachwuchs ein solider Lateinkurs frommen würde.

Bevor es jetzt zu spannend wird und die Nägel bis aufs Leben abgekaut sind: Aus meiner Ecke erschallt ein lauttönendes und klar verständliches „Ja, yes, mais oui, aber klar doch!" 

Warum? Ganz einfach. 

Erstens: Latein entzieht sich höchst elegant der Frage nach der unmittelbaren Verwertbarkeit, weil unsere Zeit einer nennenswerten Durchwirkung mit Latein sprechenden Mönchen aufs Bedauerlichste ermangelt. In your face, Leistungsgesellschaft! 

Zweitens: Latein schmuggelt seine Nützlichkeit ebenso elegant durchs Hintertürl wieder herein. Denn wer Latein halbwegs liest, liest ebenso halbwegig einfaches Italienisch, Französisch und sogar Spanisch.  Nutzt’s nix, schadt’s nix. 

Drittens: Wer Latein gelernt hat, kann leichter mit Vokabeln imponieren, die für Nichtlateiner intrinsisch diffizil wirken. (Autochthone Gräzisten tun sich dabei zwar noch leichter, aber der Aufwand wäre echt zu groß.) Noch besser: Gelernte Lateiner lassen sich von solchem Schmonzes nicht beeindrucken. 

Viertens und allerwichtigstens: Latein lehrt bewusstes Nachdenken über sprachliche Zusammenhänge. Wer wissen will, wie Grammatiken funktionieren, lerne zuerst Latein. Es hält für uns Indogermanen genau den richtigen Abstand zur eigenen Muttersprache, um uns grammatische Muster abstrahieren zu lassen, aber nicht so weit weg, dass man ratlos davor stünde wie der Ochs’ vorm neuen Tor oder die Affen vor dem schwarzen Monolithen. Nachdem man sich gründlich mit den verschiedenen Bedeutungsvariablen des Ablativs auseinandergesetzt hat, ist der deutsche Dativ eine gemähte Wiese. Selbst die deutschen Konjunktive rücken nach Bewältigung eines ciceronischen Textes in beinahe vertraute Nähe.

Deshalb, verehrte Lesehäschen: Latein ist die Sprache der Zukunft! Zumindest für alle, die sich stattdessen gern vom Leben überraschen lassen.

Ceterum censeo, dass nur Jobs mit vollständig ausgefülltem Reinzeichnungskleber die Agentur in Richtung Fulfillment verlassen.

Freitag, 16. Mai 2014

Korrekturen


Nicht selten sieht sich euer Kolumnator einerseits mit der Frage konfrontiert, ob "das so richtig" sei. Andererseits habe ich läuten hören, dass Kunden anderer Teams gelegentlich den Wunsch nach "Korrekturen" äußerten, die dann, so die Gerüchte weiter, vom Team durchgeführt würden, ja sogar durchgeführt werden müssten.

Bei uns passiert das ja nie. Nicht, weil wir besser wären. Sondern, weil unsere Kunden so extrem pflegeleicht sind. Denen kann man ein Fragezeichen als Call to Action verkaufen, und sie bedanken sich noch für den Input.

Doch wie gesagt: Leider höre ich, dass das nicht überall so ist. Dies führt stante pede zu der Frage, was denn eine Korrektur eigentlich sei. 

Duden bietet die Bedeutung "Änderung" bzw. "Veränderung", und dagegen ist nichts einzuwenden: Wenn sich Korrekturen in den Jobordner schlängeln, wird bald etwas anders sein, als es bisher war. Doch die Änderung kommt im Duden erst an zweiter Stelle, und dies mit gutem Grund: Wer noch ein paar Bröserln Latein aus dem letzten Jahrhundert herübergerettet hat, der erkennt ohne Weiteres in der "Korrektur" die Wurzel "recte", was natürlich "richtig" heißt. Das ist auch die Erstbedeutung zur Rechten: "Verbesserung", "Berichtigung".

Die Korrektur, so die Nettobotschaft, stellt mithin richtig, was zuvor unrichtig war. Das bedeutet: Wenn uns via Beratung der Wunsch erreicht, das Logo möge zwei Strich nach links und eineinhalb nach unten rutschen und außerdem zehn Prozent vergrößert werden – dann ist dies nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern der sachgerechten (nämlich korrekten!) Anschauung.  Wenn ein alter Satz lautete: "Entdecken Sie zahlreiche attraktive Angebote" und nun neu lauten soll: "Viele verlockende Angebote warten auf Sie" – dann wurde nicht umgeschrieben, sondern die Welt ein Stückchen besser, weil richtiger gemacht. Wäre dem nicht so, dann könnte nicht von einer Korrektur die Rede sein. Eine Korrektur, die nichts besser macht, ist keine und hat also gar nicht stattgefunden. Eine Korrektur, die für die Qualität unerheblich oder gar schädlich ist, wäre ein schwarzes Loch der Kommunikation, das sofort bedrohlich zu wachsen begänne und uns alle zu verschlingen drohte.

Bevor jetzt wer fragt: Natürlich gilt das auch, wenn die CI ein rotes Logo auf Weiß vorsieht und der Kunde gern einen türkisen Verlauf darüber haben will. Es gilt ebenso, wenn "Sie haben viel geleistet und verdienen eine Belohnung" sich verwandeln soll in "Viel geleistet – Belohnung für Sie". Durch all diese Kleinigkeiten gewinnt Kommunikation an Qualität. Denn jede Korrektur ist immer auch eine Verbesserung, allein schon deshalb, weil ein geplagter Mensch sich hingesetzt hat, um sie abzusondern. In Ihr steckt ein Stück vom Nebenmenschen. Das sollten wir honorieren und die Anstrengung würdigen. Bitte dies zu leben.