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Freitag, 5. Februar 2021

Fünfsternegendern

 

Eigentlich, o teure Häschen aller 57 Facebookgenders, wäre ja heute der kleine Unterschied zwischen reflexiven und reziproken Pronomina dran gewesen. In Zeiten wie diesen muss man sich aber an Onkel Faßmann ein Beispiel nehmen und auf sich rasch ändernde Umstände flexibel reagieren. Deshalb nun zu einem anderen kleinen Unterschied. Die nächsten Wochen werden entscheidend sein, nämlich in der Frage, wie man heutzutage einen Brief korrekt beginnt, dessen Empfänger*innen (ja, heute gendern wir mal) einem nicht näher bekannt sind – ob es sich also um Onkel, Tanten oder ein noch zu findendes Nomen zur Bezeichnung von Leuten handelt, die mit deinen Eltern die Eltern gemein haben, ohne deine Eltern zu sein.

Bisher schrieb man hier „Sehr geehrte Damen und Herren“, aber das geht natürlich nicht mehr, weil Leute, die weder das eine noch das andere sind, sich mit Recht ausgeschlossen fühlen würden. Der Lösungsvorschlag, den euer Ergebener auf dem Tisch liegen hat, lautet Sehr geehrte Damen*Herren!

Um ihn richtig einschätzen zu können, hilft ein Blick in die Geschichte.  Es hat sich nämlich eine Bekannte eures Ergebenen vor einer Weile in der Schweiz aus Gründen, die hier zu weit führen würden, zahlreiche Frauenskelette genauer angeschaut. Die meisten hatten keine Zähne, denn, so stellte sich auf Nachfrage heraus: Noch im späten 19. Jahrhundert war in manchen Schweizer Regionen eine besondere Form der Mitgift verbreitet. Der Brautvater ließ seiner Tochter alle Zähne ziehen, damit der Bräutigam sicher sein konnte, dass auf ihn keine unvermuteten Zahnarztkosten mehr zukamen. So viel zum „schönsten Tag im Leben einer Frau“.

Ähnliches, scheint mir, ist bei den Damen*Herren geschehen. Denn so ein Gendersternchen ist zwar in vieler Hinsicht unbefriedigend, jedoch besser als nix, bevor man in im Binären verharrt. Wie es angezeigt ist, einen kranken Zahn zu reißen (zumindest, wenn man mit dem zahnmedizinischen Stand des 19. Jahrhunderts leben muss), so kann auch ein Gendersternchen eine einfache Lösung sein, wenn es klarzustellen gilt, dass zum Beispiel Empfänger*innen nicht nur solche sind, die sich als Frau oder Mann wohlfühlen. (Empfangende ist da einfach nicht dasselbe, weil du auch die Empfängerin eines Briefes sein kannst, ohne dass sich in deinem Inneren gerade das Spermium den Weg zur Eizelle bahnt.)

Nur dass das Gendersternchen mitunter nützlich ist, heißt aber nicht, dass es alles besser macht, ebensowenig wie die Totalextraktion eines gesunden Gebisses der erste Schritt ins Eheglück sein muss.

Denn in der Empfänger*in oder der Kund*in und meinetwegen auch der Geburtshelfer*in lenkt das Sternchen den Blick darauf, dass die binäre Genus-Struktur des Deutschen der Realität nicht gerecht wird. Das Sternchen füllt die Leerstelle, für die es zuvor Bewusstsein geweckt hat, auch wenn man es leider zwar wahrnehmen, aber nicht aussprechen kann.

In den Damen*Herren füllt es aber eine Leerstelle, die zuvor jeder gesehen hat, nämlich die beiden Leerzeichen mit einem und dazwischen. Nun ist die Sprache nicht nur ein Werkzeug, sie ist auch ein Wesen. Wenn du diesem Wesen ein neues Gen-Sternchen einpflanzst, dann entsteht eine Sprach-Chimäre. Denn wer Leerzeichen eliminiert, provoziert Verbindungen, und ich setze einen Preis in Form einer Leberkässemmel und eines handwarmen Dosenbiers auf den Kopf aus, in dem beim Anblick dieses Schriftbilds nicht sofort der Damenherr entsteht. Mit dieser Chimäre aber fühlt sich, fürchte ich, niemand mehr gemeint, außer vielleicht jene Personen im Dienstleistungsbereich zum Beispiel Thailands, die daraus eine Profession gemacht haben.

Beherzigen wir deshalb jene Vorschläge, die das gute Internet für uns bereit hält, und schreiben wir stattdessen Hallo! oder Guten Tag! oder gerne auch: Schönes Wochenende!

Freitag, 11. September 2020

Ist es er oder sie?

 

Ist mir, meine lieben Lesehäschen, eine persönliche Frage gestattet? Nämlich, ähem: Ist das bei den Häschen auch so wie bei den Karnickeln? Also, das mit der Herstellung kleiner Abbilder von sich selbst? Oder gehen die Häschen es ruhig an und freuen sich, wenn dann endlich ein einziger kleiner Hase hoppelt, gleich welchen Geschlechts? Beziehungsweise, wie man früher auf dem Land sagte: Ah, ein Mädchen? Na Hauptsache, es ist gesund.

Seither ist viel Wasser nicht nur die Donau, sondern auch z. B. den Colorado oder Sacramento hinuntergeflossen, und die Frage, was es denn ist, wird einerseits gendertechnisch ausgeglichener, aber offensichtlich auch angespannter gesehen. Deshalb gibt es – jeder Anlass ist recht! – die sogenannten Gender Reveal Parties, wo stolze künftige Eltern in festlichem Rahmen bekanntgeben, was beim Ultraschall herausgekommen ist. Gerne werden dabei rosa oder blaue Feuerwerkskörper – je nachdem – gezündet, was erstens doch ziemlich vorgestrig wirkt und zweites einen sehr ansehnlichen Waldbrand nahe Los Angeles ausgelöst hat. Das ist schade, zeigt aber nur, was eh klar war: dass die Gender Reveal Party nicht so recht zu Ende gedacht ist. Denn es kann sich ja bestenfalls um eine Sex Reveal Party handeln, insofern, als die primären Geschlechtsmerkmale – da haben wir die letzten 20 Jahre aufgepasst –keinen Rückschluss auf das Gender des kommenden Erdenbürgers beziehungsweise natürlich der kommenden Erdenbürg*er_in zulassen, und wenn alles gut geht, sieht die Endung eines genderistisch uneindeutigen Substantivs bald so aus wie die Sprechblasen im Asterix, wenn Majestix sich wieder einmal furchtbar ärgern muss.

Doch nicht nur die kleinen Kinder, selbst Unbelebtes bereitet einschlägige Schwierigkeiten.

Denn das Fahrrad ist zwar sächlichen Geschlechts. Aber wer irgendwann einmal in einem mehr oder weniger kapitalistischen Land war, der weiß: Man kauft kein Fahrrad. Man kauft zum Beispiel (in den finsteren 1970er- und -80er-Jahren) ein Puch Clubman, (besser: Puch Clubperson) oder, nicht viel löblicher, ein Puch Bergmeister (hier fehlt natürlich der Asterixfluch am Schluss). Heute sieht es auf den ersten Blick gendermaingestreamter aus, wenn man etwa zum „KTM Cross Line“ greift. So weit, so gut, aber halt: Daneben steht fast das gleiche Rad, mit allerdings nach hinten abfallendem Oberrohr, a.k.a. „tiefer Durchstieg“, und es heißt: Cross Line Lady.

Das geht natürlich nicht. Wenn die standardmäßige Modellbezeichnung das männlich besetzte Fahrad bezeichnet, ohne dass die Modellbezeichnung dies eigens ausdrückt, während aber die Fahrrädin ein Frauenetikett umgehängt bekommt, ist das ja ebenso untragbar, wie wenn sich Frauen umgekehrt von grammatisch männlichen Formen „mitgemeint“ fühlen sollen.

Sensiblerweise darf entweder keines der beiden Fahrradgeschlechter ein genderbesetztes Epithet bekommen – dann heißt zum Beispiel das eine „Cross Line Apfel“ und das andere „Cross Line Birne“ (unzulässig wären hingegen „Cross Line Melanzani“ und „Cross Line Pfirsich“ – Facebook-User wissen bereits, dass die entsprechenden Emojis geeignet sind, die zarten Gefühle der Facebook-Zensoren zu verletzen).

Oder aber beide bekommen gleichwertige Epitheta. Als Minimalversion gut vorstellbar wären etwa „Cross Line XX“ und „Cross Line XY“, weil wir ja wissen, wie die Krankheit heißt, bei der man nicht aufhören kann zu masturbieren: Y-Chromosom.

Da es aber gerade im Fahrradsektor nicht um eine pink tax geht (den Mehrpreis eines rosaroten Damenbeinrasierers gegenüber einem technisch identischen Herrengesichtsrasierer), sondern um greifbare Unterschiede wie das häufigere Tragen eines Rocks, ist es hier angezeigt, unmissverständlich zu werden, also etwa mit „Cross Line Hoden“ und „Cross Line Eierstock“.

Nur so als Vorschlag.

Schönes Wochenende!

Freitag, 21. Oktober 2016

Wahl ohne Kampf

Sagt mal, Damen und Herren, was ist eigentlich mit unserem Präsidentschaftswahlkampf? Gibt es da schon ein verbindliches Startdatum? Ich finde es ja eh unterhaltsam, was der Donald aufführt. Interessant und bedenklich ist auch, dass die Aluhutfraktion in den USA mittlerweile groß genug ist, um einen beinahe ernstzunehmenden Präsidentschaftswahlkampf zu erlauben, der sich fast ausschließlich an sie richtet. Wer es noch nicht kennt, dem sei beispielsweise dieser Artikel empfohlen. Spoiler: Barack Obama ist schwul, Michelle ist eine Transe und ihre Kinder haben die beiden in Wirklichkeit gestohlen.
So nett das alles auch ist: Spätestens seit die Welt weiß, wie Herr Trump zur Grapschfrage steht, wird es wohl doch nix mit der fetten 80er-Party im Weißen Haus. Herzlichen Glückwunsch, Hillary! Du kannst jetzt auch aufhören, mir diese Bettel-E-Mails zu schicken. Als Ausländer im Ausland könnte ich dir sowieso keine Wahlkampfspenden schicken.
Hingegen höre ich nicht das Allergeringste von Sascha und Nobsi. Ich habe ganz bestimmt öfter auf einschlägige Seiten geklickt und irgendwann mal der Verwendung meiner Daten zugestimmt als im Zusammenhang mit Frau Clinton. Aber keiner unserer hiesigen Kandidaten hat bisher versucht, mich per E-Mail ins Gesinnungsboot zu holen. Was ist los? Auch die Facebook-Seite des Kandidaten Hofer zeugt nicht gerade von Fleiß und Zielstrebigkeit der Verantwortlichen: Dass H.C. Strache etwa 30 mal so viele Abonnenten hat, ließe sich ja noch verschmerzen, immerhin ist Haze ja der Großmeister der Facebook-Mobilisierung. Aber der alte Sascha vdB hat auch 15 Fans für jeden Hofertreuen.
Damit nicht genug: So ziemlich jedes Posting in Hofers Timeline wird umgehend mit kritischen Kommentaren und Links zugeschüttet. Schaut sich das nie jemand an? Also, wenn ich einmal Bundespräsident bin, habe ich einen bestallten Social-Media-Consultant, der so etwas zu verhindern wissen wird. Ich gedenke das stichprobenartig zu prüfen, und wenn mir etwas Missliebiges auffällt, dann kann er sich wen andern suchen, der ihm seine handgerösteten Spezialböhnchen für den morgendlichen Kick finanziert, der Herr Consultant.
Bei HC geht es anders zu, da wird stramm zugestimmt, mit oder ohne Beachtung der Kongruenz von Fall und Zahl: TTIP und CETA ist ein Verbrechen an unser Volk, erklärt Biggi Freund, deren FB-Titelbild Regenbogeneinhörner zeigt. Daran könnte sich Nobsi echt ein Beispiel nehmen.
Aber ich schweife ab. Die Frage, die mich zu bewegen beginnt, ist ja ganz einfach: Wählen wir nun am 4. Dezember oder nicht? Wenn nicht, warum erfahre ich davon nichts?
Und wenn doch, sind dann endlich die Sponti-Zeiten angebrochen, die uns die 70er verheißen haben? Stell dir vor, es ist Wahlkampf, und keiner geht hin? Bitte, die Herren: Haben wir resigniert? Wurde das oberste Amt per Mangel an Akklamation stillschweigend abgeschafft? Was, bittesehr, ist los?


Freitag, 25. März 2016

Er, sie und noch jemand


Wieder was gelernt, hochverehrte Lesehäschen von beeindruckendem Reflexionsgrad. Was habe ich denn gelernt? Dass es PGP gibt. PGP steht heute nicht mehr für eine Banalität wie Pretty Good Privacy, ein Verschlüsselungsprogramm, dessentwegen sich einst die ausgeschlafensten Geheimdienste der Welt am Kopf gekratzt haben, weil nicht mehr gesichert war, ob sie im Bedarfsfall mitlesen können, was du deinem Schatzi mailst.

Nein, heute steht PGP für etwas, das jed*r/n/e von uns ganz unmittelbar betrifft (sehr im Gegensatz zu strong crypto, mit der sich nur elfenbeinturmaffine NSA-Nerds und ihre Gegenspieler im noch tieferen Schatten abgeben, was keine Relevanz für unsere alltägliche Lebenswirklichkeit hat).

„Also jetzt endlich raus mit der Sprache“ tönt es unmutig von den billigen Plätzen. „Was ist jetzt mit PGP?“

PGP, eure Flauschigkeiten, steht für Preferred Gender Pronoun.

Damit hat es Folgendes auf sich: Ganz früher war es wichtig zu wissen, ob z. B. jemand Diabetiker war, oder in einer jahrzehntealten Fehde mit den Hubers vom Nachbardorf lag oder so. Dank diesem Wissen konnte man es vermeiden, den Betreffenden unverhofft zu vergiften oder sich eine Watschen einzufangen, weil man die Huber-Gabi eigentlich ziemlich okay fand.

Etwas später musste man wissen, wie jemand zur Atomkraft stand oder ob er Franz-Josef Strauß eigentlich ziemlich okay fand.

Noch später musste man den Überblick über akuten Vegetarismus behalten, low-carb-Phasen oder die Einstellung zu Facebook.

Und heute? Heute gilt es sich bei einer neuen Bekanntschaft als erstes zu vergewissern, welche Personalpronomina der/die Betreffende für sich am kuschligsten findet, mit anderen Worten: Welches ihr Preferred Gender Pronoun ist. Denn nur weil jemand in einem biologisch femininen Körper wandelt, lässt er nicht automatisch am liebsten per sie/ihr über sich reden (und umgekehrt, natürlich). Glücklicherweise existieren übersichtliche Merkblätter, wie z. B. die Central Connecticut State University ihrem Lehrpersonal eines an die Hand gibt. Darin erhält man den Rat, frischg’fangte Studierende zu Semesterbeginn zu fragen, wie sie heißen, woher sie kommen und was ihre bevorzugten Pronomina sind. Auch wenn die Betreffenden zum ersten Mal davon hören, ist dann der Zeitpunkt, sich zu entscheiden zwischen er, sie und, Trommelwirbel: ze/hir, dem neutralen, aber nicht sächlichen Pronomen, mit dem das Englische vervollständigt wurde.

Wer jetzt glaubt, dass wir im Deutschen uns da mit dem gesprochenen Schrägstrich oder dem hingehauchten Sternderl durchfretten müssen, xier irrt: Mit xier (er/sie), xieser (sein/ihr) und dier (der/die) sind wir bestens gerüstet, selbst in Relativsätzen niemandem mehr ein Gender aufzudrucken, das xiem nicht behagt – jawohl, xiem, denn natürlich hat xier auch eine Deklination: xier, xies, xiem, xien. (Es gibt noch andere Vorschläge für sogenannte Pronomina ohne Geschlecht, doch die fangen alle nicht mit x an und sind deshalb zum Vergessen.)

Ich muss sagen: So schräg die Geschichte auch auf den ersten Blick anmutet – von allem, was zum Thema Gendern so herumschwirrt, ist dies bestimmt einer der sympathischsten Beiträge. Hätten wir doch keine gröberen Sorgen!

Freilich bleibt für mich dieselbe Verkürzung, die alle solchen Bemühungen in meinen Augen etwas hatschert daherkommen lässt: Es gibt je ein grammatisches Genus für die beiden biologischen Geschlechter. Und die (laut Facebook) mehreren Dutzend Genders, die sollen sich alle unter einem einzigen neuerfundenen grammatischen Genus gemeint fühlen?

Schmerzhaft treuherzig mutet auch das erwähnte Merkblatt an, mit seiner Warnung: When someone is referred to with the wrong pronoun, it can make them feel disrespected, invalidated, dismissed, alienated, or dysphoric (or, often, all of the above). Immerhin habe ich dabei das Wort dysphoric gelernt, das meine Verfassung nach dem Lesen des Satzes ganz gut umreißt.

Freitag, 12. Februar 2016

Nur geschaut


Es ist ja die Frage, was man mit seinem Leben anfängt. Diesbezüglich, verehrte Lesehäschen, kam mir neulich in der ZEIT etwas Interessantes unter. Es ging um Hobbys und wie sie unser Leben bereichern, und der ZEIT-Autor wusste zu berichten, dass Arbeiter um die Jahrhundertwende auf die Frage „was machst du?“ nicht mit ihrem Beruf antworteten („Ich bin Schweißer bei Borsig“), sondern mit ihrem Hobby („Ich züchte Tauben“). Die Erklärung lief darauf hinaus, dass die Arbeiter ihre Tätigkeit als derart fremdbestimmt erlebten, dass es für sie nicht das war, was sie selbst machten.

Freilich gibt es auch eine gegenläufige These für unsere Zeit: Nämlich, dass Bullshit-Jobs (Anwalt, Immobilienmakler, Corporate-Merger-Experte) im Vergleich zu unmittelbar relevanten Tätigkeiten (Volksschullehrer, Feuerwehrmann) deshalb so fürstlich bezahlt werden, weil das Sinnvakuum der Betroffenen mit Geld aufgefüllt werden muss. Wer seine Arbeit hingegen erfüllend findet, kann nicht erwarten, davon auch noch gut leben zu können. In der Ecke stehen Regalbetreuer oder Prospektausträger. Ihnen bleibt weder die Arroganz, mit der wir Kreativlinge und Weltverbesserer von unserem Broterwerb erwarten, dass er unser Selbstgefühl hebe, noch entsprechend Kohle.

Wie auch immer: Hobbys haben es heute schwer. Wenn man Zeit dafür hätte, verliert man sich stattdessen auf facebook und lässt sich davon beeindrucken, was andere in ihrer Freizeit Hinreißendes geschaffen haben. Und schon ist es Zeit fürs Bett. Deshalb hat euer ergebener Kolumnator seit Jahren keinem Käfer mehr beim Schlüpfen zugeschaut. Aber irgendwann kriege ich das auch wieder hin.

Selbstverständlich ist dieses Schema steigerungsfähig. In derselben Ausgabe der ZEIT habe ich gelernt, was Snapchat ist. Für alle ähnlich Verschlafenen: Snapchat ist ein soziales Medium, auf das man immer wieder mal zehnsekündige Videoclips hochlädt. Wichtig: Nach 24 Stunden wird jeder Clip wieder gelöscht. Deshalb gilt Snapchat als spontanes und mutiges Medium, anders als die bekannt staatstragenden facebook und YouTube, wo die Leute erst nach langem Sinnen ein Filmchen davon hochladen, wie sie ihrem besoffenen Freund Geschlechtsteile ins Gesicht gemalt haben (mit Töchterchens Filzstift, nicht mit Edding, man muss Mensch bleiben). Denn YouTube vergisst nicht, im Unterschied zu Snapchat.

Selbstverständlich gibt es hauptberufliche Snapchatter (Snapper? Hab ich jetzt vergessen.), die davon leben, andere daran teilhaben zu lassen, wie sie davon leben, diese daran teilhaben zu lassen. Einen davon, Riccardo Simonetti, begleitete die ZEIT zu einem Event, für das ein Fernsehsender verantwortlich zeichnete. Damit männiglich kund werde, wie geil ein Event ist, wenn sich ein ausgeschlafener Sender so richtig ins Zeug legt, handelte es sich, so die ZEIT,  bei den geladenen Gästen dieser Red-Carpet-Sause zum allergrößten Teil um Instagrammer und Snapper (Snapchatter? Hab ich vergessen), die sich selbst und einander dabei dokumentierten, wie sie auf einem geilen Event zugange waren, auf dem alle einander ebendabei dokumentierten.

Mich erinnert das an die barocken Schaugerichte: jene prunkvollen, statisch ausgeklügelten und optisch wirkmächtigen Köstlichkeiten, die bei großen Festmählern klarstellten, wo machttechnisch der Hammer hing. Nämlich dort, wo die größten und delikatesten Genüsse warteten. Vergoldete Ochsenköpfe, ganze Schwäne, Pasteten, aus denen beim Anschneiden die Hofzwerge hüpfen mussten – wo solches serviert wurde, saß bestimmt kein Nebbich.

Allein, diese Schaugerichte waren eben nur zum Schauen, nicht aber zum Verzehr geeignet, Clickbait für die Augen, aber ohne Content für den Bauch.

So entsteht uns eine herrliche Gegenwart, in der man sich nicht mehr der Mühe unterwinden muss, tatsächlich etwas zu erleben. Stattdessen werden wir der Erlebnisse anderer teilhaftig, die – und deshalb ist das kein Voyeurismus – nicht nur bloß dafür stattfinden, dass wir ihrer teilhaftig werden. Im Idealfall geschieht dort auch gar nichts anderes mehr, als dass unsere Teilhabe inszeniert wird.

Doch eine Frage beschäftigt mich seit Tagen: Hätte man Riccardo Simonetti vor hundert Jahren gefragt „was machst du?“, was hätte er geantwortet?

Freitag, 29. Januar 2016

Nie mehr fortgehen


Gestern, meine teuren Lesehäschen, haben es Lara Croft und ich wieder nicht von dieser verfluchten Insel geschafft (kurze Offenlegung: Ja, euer Kolumnator ist gewaltverherrlichenden Computerspielen keineswegs abgeneigt. Ich habe an den bösen Wesen dieser und anderer Welten über die Jahre Hekatomben verübt – also, wenn das jeder wüsste, hätte ich im Zug immer ein Abteil für mich.) Denn mein geliebtes Weib ging gestern Abend entgegen früherer Pläne doch kein Bier trinken – das Treffen hatte sich kurzfristig abgesagt.

Damit sind wir beim Thema Steinzeit. Damals saßen alle im Dunkeln, kauten rohes Mammut und hatten Angst. Man traf sich nicht an der Flussgabelung auf einen Schluck schlechtgewordene Trauben oder so – wie hätte man sich das ausmachen sollen?

Irgendwann später wurde das Fortgehen erfunden. Man machte sich was aus, und dann gab man sich gemeinsam die Kante, oder zumindest den verstärkten Rand. Ich selbst habe einst einen Telefonanschluss bei der Österreichischen Post- und Telegraphenverwaltung beantragt, und schon knapp drei Jahre später ward mir der Bescheid, dieser könne nun hergestellt werden. Unnötig zu sagen, dass ich in der Zeit dazwischen meine Telefonate in der Telefonzelle erledigte. Praktischerweise wusste ich alle Telefonnummern meiner Freundinnen und Freunde auswendig, so wie heute mein Handy. Die Telefonzelle hatte allerdings den Nachteil, dass sie 100 Meter von meiner Wohnung entfernt lag, und anrufen konnte man dort, anders als in Hollywoodfilmen, nicht. Also, wenn ich mir etwas ausgemacht hatte, galt es dort auch aufzukreuzen. Ihr merkt schon, dass alles war kurz nach dem Krieg, so um 1992 herum.

Wie ihr wisst, wurde es dank cooler technischer Innovationen immer leichter, seine sozialen Kontakte am Brummen zu halten. Man konnte sich immer kurzfristiger was ausmachen (weil der Weg zur Telefonzelle entfiel). Freilich konnte man auch immer leichter absagen (wenn zum Beispiel das Sofa brannte). Mittlerweile, so mein altersbedingt kulturpessimistischer Eindruck, nähern wir uns dem Begegnungshorizont, jenem Punkt, wo man mit niemandem mehr auf ein Bier geht. Es ist einerseits so einfach geworden, jeden Eindruck instanter online mitzuteilen, dass die andern immer schon alles wissen, wenn man sich endlich mal sieht. Andererseits ist es ebenso einfach geworden, vereinbarte Treffen abzusagen (weil das Sofa brennt, weil was im Fernsehen ist, weil der Chat auf Facebook grade so spannend ist). So haben wir eine zwischenmenschliche Singularität geschaffen, an der die soziale Interaktion durch ihre völlige Verfügbarkeit abgelöst wird. Das ist wie mit Lachs, Schuhen oder Schokolade. Früher war Lachs rar, und jeder fand ihn toll. Es gab ihn ja auch nur zweimal im Jahr. Jetzt kriegt man Lachs an jeder Ecke nachgeschmissen, und die jungen Menschen entdecken ihre Liebe zum kale oder, wie man hieramts sagt, dem Kööch. Vier Paar Schuhe, die man abwechselnd trägt, halten so lange wie sieben Paar, die man nacheinander zuschanden tritt. Damals nach dem Krieg wären wir froh um ein Paar gewesen! Und wenn ich dir jeden Tag eine Tafel Schokolade kaufe, hast du nach zwei Wochen vierzehn Tafeln aufgefressen. Stelle ich dir aber ein ganzes Kilo hin, ist nach zwei Wochen noch die Hälfte übrig. So ist das.

Und jetzt ist es eben mit geselligen Alkoholmissbrauch so weit. Stell dir vor, du bist durstig, und keiner geht hin. Letzter Ausweg: Du findest noch eine Telefonzelle.

Freitag, 11. Dezember 2015

Small Data

Weil ihr so aufgeweckte Cyberhäschen seid, habt auch ihr einst so manche Mußeminute damit vertändelt, euch zu fragen, worin eigentlich das Geschäftsmodell von facebook bestehe. Mittlerweile scheint das Rätsel gelöst (Weltherrschaft durch Ersticken jeglicher Gegenwehr mit einer Mischung aus Neid- und Fadesse-Content, der von den Opfern / Usern selbst erstellt wird). Doch lange war es legitim, darüber zu diskutieren, wann und wie die Transsubstantiation von Information in etwas Brauchbares stattfinde. Über Transsubstantiationen weiß man ja in der Regel recht gut Bescheid. In der katholischen Eucharistie beispielsweise lässt sich jener Augenblick wie mit einer Präpariernadel fixieren, in dem das Brot zu Fleisch wird.
Bei facebook war es schwieriger, und für mich ist es gerade ebenso schwierig.
Letztens nämlich war ich mit meinem manchen von euch bekannten Herrn Hund durch die Stadt unterwegs. Wie das schon so ist, der Hund macht sein Ding, markiert gelegentlich, das Herrl ist mit den Gedanken woanders, niemandem wird wehgetan.
Als ich plötzlich von hinten ein eher barsches „Entschuldigen Sie!“ vernahm.
Im Umdrehen sah ich mich einem Herrn gegenüber, der soeben aus einem Bürolokal im Parterre geschossen war. Er erklärte mir, mein Herr Hund habe sein Auto „angepisst“ (so er), und er erwarte von mir, die Besudelung zu beheben.
Nun bin ich schon bekannt harmoniesüchtig. Wenn ich etwas noch mehr bin als harmoniesüchtig, dann ist es feig. Und wenn ich etwas noch mehr bin als feig, dann ist es neugierig. So etwas war mir noch nicht widerfahren. Also erklärte ich mich selbstverständlich zum Reinigungseinsatz bereit. Ich wartete sogar brav, bis der aufgebrachte Herr mit einer Wasserkaraffe und einer Küchenrolle wiederkehrte, und dann wischte ich ebenso brav über den linken vorderen Frontspoiler des beleidigten BMW, freilich ohne dass ein Effekt erkennbar gewesen wäre. Dann verabschiedete ich mich freundlich und ging meiner Wege.
(Kleiner Exkurs: Soweit ich sehe, ist es natürlich unhöflich, seinen Hund einen Frontspoiler anpinkeln zu lassen. Mehr aber auch nicht, denn einem unter normalen Bedingungen benützten Automobil stößt dabei nichts hygienisch Nennenswertes zu, besonders nicht in einer Stadt, in der es auch Tauben und Fiakerpferde gibt. Etwas anderes wäre es natürlich, wenn z. B. eine Dogge en passant den Türgriff abschmeckt.)
Die Frage ist nun, für wen von uns es sich ausgezahlt hat. Denn wenn es darum ging, die Nettourination des Wagens zu beeinflussen, war die kleine Performance natürlich nutzlos. Der Herr Hund hat sich ja nicht über den Spoiler entleert, weil er eine Abneigung gegen bayrische Premiummarken hätte. Er hat diesen nur markiert, wie sichtlich schon fünf andere vor ihm und vermutlich ein Dutzend weitere nach ihm.
Dem Mann bleibt als Gewinn somit nur der zweifellos sehr, sehr schöne, aber auch sehr vergängliche Glücksmoment, der ihm ward, als ein Hundehalter seinen Wagen befeuchtete.
Doch war dieser Glücksmoment nicht gratis. Er hat dafür bezahlt, und weil wir 2015 schreiben, hat er dafür mit Informationen bezahlt.
Denn ich weiß jetzt nicht nur,
wie und wo der Mann sein Geld verdient,
was für ein Auto er fährt
und welches Kennzeichen dieses hat.
Ich weiß selbstverständlich auch, wie er heißt.
Und vor allem weiß ich, dass er ein Mensch ist, den man im Tausch für einen kleinen Triumph um Wasser und Küchenrolle schicken kann.
Die Geschmäcker sind natürlich verschieden.  Aber ich würde so ein Paket an persönlichen Informationen nicht dem nächstbesten Hundehalter in den Schoß werfen. Ich hoffe also, für den Herrn hat es sich gelohnt.
Für mich bleibt die Frage, was ich jetzt mit den Daten anfange. Was würde Mark Zuckerberg tun? Ist es schon Zeit für einen Börsegang?