Posts mit dem Label Glauben werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Glauben werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 1. September 2023

Heiligenrevival

Wie, o algorithmusvife Lesehäschen, kommt Facebook darauf, dass euer Ergebener zu den „Die-Hard Chicago Bulls Fans“ gehören könnte? Ich weiß nicht mal, ob die Bulls Baseball oder Football spielen. Wahrscheinlich Football. 

Sieh einer an. Basketball. 

Wie auch immer: Das einstige soziale Netzwerk ist mittlerweile so vollständig zu einer grenzdebilen Werbekrake degeneriert, dass man sich ernstlich fragen muss, ob der Link zu dieser Kolumne dort noch etwas verloren hat. Es ist ja nicht so, als hätte der Zweckdichter keine ausbeutungsfähigen Interessen, zu denen man ihm konsumerleichternde Links vorschlagen könnte. Aber mit Major League Basketball hat er ungefähr so viel am Hut wie Excelprogrammierung auf Wettkampfniveau (gibt’s auch). 

Damit zum Katholizismus. Hat da jemand behauptet, dieser sei auf dem absteigenden Ast, beziehungsweise habe er, wie man in erdigeren Gegenden zu sagen pflegte, „a magers Tütte“ (eine magere Zitze), sei also jenem bedauernswerten Ferkel vergleichbar, dass im Gegensatz zu seinen Geschwistern einfach nicht gedeihen will, weil seine angestammte Milchquelle nicht ausreichend sprudelt?

Euer Ergebener hätte sich dazu hinreißen lassen, doch anscheinend schlägt das Pendel nun in die andere Richtung aus: Auf salzburg24.at wurde kürzlich über die Hochwasser berichtet. Im Text kam das Wort „Feuerwehr“ einmal vor“, „Feuerwehrleute“ überhaupt nicht, „Floriani“ hingegen gleich fünfmal. Gemeint waren damit eben die Feuerwehrler. Es hieß nicht etwa „Florianijünger“, was früher ein Ausdruck von Leuten war, die in der Volksschule verinnerlicht hatten, dass Wiederholungen schlecht und dass es daher klüger sei, ein gutes und ein doofes Wort je einmal anstatt das gute zweimal zu verwenden. Sondern einfach „Floriani“, weil die Feuerwehrleute jetzt gleich selber heilig sind. In Bälde werden wir also nicht mehr von Anglern lesen, sondern von Petri, nicht von Zahnärzten, sondern von Apolloni, und nicht mehr von Politikern, sondern von Thomassen oder Johannen, weil (Bildungsauftrag!) Thomas Morus und Jeanne d’Arc beide zu deren Schutz bereitstehen. Das wird sehr schön, zumindest, bis jemand draufkommt, dass nicht jede Religion mit Heiligen gesegnet ist. Wir werden dann so etwas wie das Gendersternäquivalent zum Heiligenschein brauchen. A propos Gender: Hier haben wir ja in den letzten Jahren schon einige Fortschritte gemacht. Doch wer nicht hier nicht auf halbem Wege stehenbleiben will, darf auch versteckte Maskulina nicht ungeschoren davonkommen lassen, hätte ich jetzt beinahe geschrieben, also: darf nicht übersehen, wo sich ein Maskulinum vor einem Suffix versteckt. . In einer bunten Gesellschaft, wo alle nach ihrer jeweiligen Fasson selig werden dürfen, ist es gewiss nicht mehr statthaft, etwa mit jemandem Freundschaft zu schließen, sondern höchstens Freund*innenschaft. Glücklicherweise brauchen wir uns daher auch keine Sorgen mehr um die Entwicklung der Wirtschaft zu machen, sondern schauen stattdessen entspannt, was mit der Wirt*nnenschaft wird. Das hängt natürlich auch davon ab, ob die Unternehmen reichlich Kund*innenschaft haben. Und so weiter. Schönes Wochenende!


Freitag, 28. Januar 2022

Gott ist Aquarianer

 

Wir leben, o vielgeliebte Lesehäschen, leider in interessanten Zeiten, nämlich im Sinne der bekannten chinesischen Verfluchung. Warum sie so bedauerlich interessant sind, darüber gibt es natürlich verschiedene Vermutungen.

Man kann zum Beispiel den Menschen die Schuld geben, und dabei freilich den Dummköpfen. Denn wir wissen ja: Das Elend der Welt rührt nicht von der Faulheit der Klugen, sondern vom Fleiß der Doofen. Dass diese Weisheit jedenfalls auf dem Mist eines Schlaukopfes gewachsen ist, der also bei der Sache etwas zu verlieren hatte, tut der Wahrheit keinen Abbruch. Auf der anderen Seite der Wahrheit steht freilich die Hoffnungslosigkeit, weil es wohl kein Mittel gibt, die Bescheuerten zur segensreichen Muße umzuschulen. In dieser Not wenden wir uns dem Transzendenten zu. Gar mancher findet in der Pandemie zurück in den Schoß der Kirche, nur um sich alsbald zu fragen, wieso Gott uns das antut?

Daran erkennt man sogleich, dass der Betreffende nie ein Aquarium gehabt hat. Mit einem Aquarium ist es nämlich so: Man richtet es ein, wobei selbst Süßwasserfische eine erstaunlich weitläufige technische Infrastruktur benötigen. (Es sei denn, man traut sich über die einst von Konrad Lorenz empfohlene zengleiche Übung eines Tümpelaquariums – quasi ein selbsttragender Schwimmteich, aber halt für die Fisch’. Die Zen-Übung besteht darin, mindestens zwei davon nebeneinander aufzustellen und identisch einzurichten, um sich dann davon überraschen zu lassen, wie völlig verschieden sie sich entwickeln.) Nach angemessener Einlaufzeit kommen die Fische hinein. Dann dauert es wieder eine Weile, die freilich sehr unterschiedlich bemessen sein kann. Ähnlich wie beim Grauen Star gibt es Glückliche, die es nie erleben. Doch bei hinreichender Dauer ist es irgendwann so weit, und man entdeckt die ersten Blaualgen. Anfangs sind es ein paar unscheinbare Fädchen, doch das ist nur eine Momentaufnahme. Bald schon sieht man seine beflossten Gefährten nur mehr schemenhaft. Nun ist der Augenblick, sich klar zu werden, ob man sie wie durch einen Schleier wahrnimmt. Diesfalls vereinbare man beim Augenchirurgen seines geringsten Misstrauens einen Termin für die Staroperation. Oder man nimmt sie tatsächlich durch einen Schleier wahr, dann haben sich die verfluchten Blaualgen ausgebreitet.

Zu ihrer Bekämpfung gibt es mehrere Möglichkeiten. Eine davon ist Gift, das allerdings nicht an jedem Fischchen spurlos vorbeigeht. Eine andere ist Verdunkelung, weil die Blaualgen Licht brauchen. Man verpflanzt die Tiere also vorübergehend in ein Ausweichquartier und verhängt einen extrem harten Lockdown über das ursprüngliche Aquarium, indem man es vollständig in Pappe hüllt. Nach einigen Wochen entfernt man diese, und sieh da, die Blaualgen sind krepiert. Man wechselt also das Wasser, angemessene Einlaufzeit, blablabla. Und irgendwann sind sie wieder da. So ähnlich, denke ich, geht es dem Allerhöchsten, so er denn existiert, mit Corona. Er macht das nicht zufleiß, aber das Biest ist einfach hartnäckiger, als man glauben möchte.

Schönes Wochenende!

Donnerstag, 20. Dezember 2018

Wer ist das?

Heuer, o teure Häschen, lassen wir das mit dem Weihnachtsgedicht. Irgendwann ist es Zeit, sich einzugestehen, dass die eigenen Stärken im Prosabereich liegen. Doch keine Sorge, euch wird Weihnachtsstimmung werden! Denn wir versuchen die Frage zu klären, wie das nun wirklich ist mit dem Christkind und dem Weihnachtsmann, der ja eine Erfindung der Coca Cola Company ist und deshalb uns Werbefuzzis und -fuzzetten besonders reichlich die Strümpfe füllt. In Österreich führt das autochthone Christkind ein Rückzugsgefecht gegen den Dicken in Rot, unterstützt von selbsternannten Brauchtumspflegern wie dem Jungbürgersender FM4, der sich vor Jahren schon mit dem Bekenntnis Liebe kleine Christkindmaus, wir retten dich vor Santa Klaus! auf die sicher richtige Seite geschlagen hat.
Was aber nicht erklärt, warum es nicht entweder das Christkind oder den Weihnachtsmann gibt, sondern alle beide, und außerdem noch den Nikolo, den Knecht Ruprecht und die Kramperln (oder Krampusse, oder Krampi, was immer euch angemessen scheint).
Fangen wir kalendarisch-chronologisch mit dem Nikolaus an (ja, für euch ist er der Nikolo, für mich der Nikolaus, tom-ay-to – tom-ah-to, wie sie in Trumpistan sagen). Er bringt Geschenke, weil dem historischen Nikolaus große Freigebigkeit nachgesagt wird (und auch, er sei schon als Säugling so fromm gewesen, dass er sich die Mutterbrust an den wöchentlichen Fasttagen nur einmal täglich genehmigt habe). Genau genommen bringt er aber keine Geschenke, sondern Belohnungen für die Braven. Denn am Nikolaustag (Wann war der noch gleich? Ja, am 6. Dezember. Brav!) war früher in der Messe als Lesung immer das Gleichnis von den verliehenen Talenten aus dem Matthäusevangelium dran: Ein Reicher gibt jedem seiner drei Knechte einen Batzen Geld und geht auf Kreuzfahrt. Bei seiner Rückkehr haben zwei der drei die Kohle gewinnbringend investiert, der dritte hat nur darauf aufgepasst. Zur Strafe wird ihm das Geld weggenommen und als Belohnung unter den anderen beiden verteilt: „Wer hat, dem wird gegeben werden, wer nichts hat, dem wird genommen.“ (Den Matthäuseffekt kennen wir aus der Bildungspolitik.) So verknüpften sich Geschenk aus der Legende und Belohnung aus der Tageslesung zur Nikolausgabe. Die Begleitung durch finstere Gestalten wie den Knecht Ruprecht lässt vorchristliche Traditionen weiterleben, stärkt die Motivation (Angst!) und beweist außerdem, dass das christlich Gute das Böse zu domestizieren vermag. „Was ist jetzt mit Weihnachten, Oida, um auch einmal das Jugendwort des Jahres zu verwenden?“, schallt es mir aus euren zunehmend ungeduldigen Reihen entgegen. Je nun, damit das alles etwas mit Weihnachten zu tun bekam, musste erst Luther kommen. Denn die Reformierten haben bekanntlich einerseits mit der Heiligenverehrung nichts am Hut. Andererseits hätte die ersatzlose Abschaffung der Bescherung ein PR-Desaster für die noch junge Glaubensrichtung bedeutet. Es war Zeit für den Geniestreich, die Bescherung auf Weihnachten zu verlegen und als Gabenbringer das Jesulein zu installieren. Jenes aber war so süß, dass auch die Katholiken seinem Reiz nicht lange widerstehen konnten, sodass es auch im einst erzkatholischen Österreich die Geschenke bringen durfte. Und Santa Claus? Der taucht schon im frühen 19. Jahrhundert auf. Denn die Döblinger und Hietzinger des damaligen New York verfolgten ihre Stammbäume mehrheitlich in die Niederlande zurück, wo wer noch heute die Geschenke bringt? Genau: Sinterklaas, der gute alte Nikolo. Denn anders als den Lutheranern war es den ergebnisorientierten Calvinisten ziemlich egal, ob ein Heiliger oder sonstwer die Geschenke brachte. Hauptsache, Beute. Dass die Coca Cola Company erst sehr spät zu der Show kam und nichts mit der Erfindung des Weihnachtsmannes zu tun hat, überrascht wohl keines von euch aufgeweckten Schneehäschen mehr. Frohe Weihnachten!

Freitag, 9. Juni 2017

Feiertage



Teure Lesehäsinnen und –häseriche, ich warne vor dem Mann ohne Bekenntnis. Wenn wir Pech haben, spuckt er uns allen in die Suppe, und zwar nach einem jener Räusperer, die man so richtig safteln hört. Der Mann ohne Bekenntnis hat nämlich auf Gleichbehandlung geklagt, weil er fürs Arbeiten am Karfreitag nur das Gehalt für einen Werktag einsackt. Er hätte aber gern auch eine Feiertagszulage. Denn der Karfreitag ist für ihn zwar kein Feiertag (deshalb muss der Mann ohne Bekenntnis arbeiten), aber für unsere protestantischen Mitbürgerinnen. Das findet der MoB unangemessen, deshalb die Klage. Man braucht kein Hellseher, ja nicht einmal besonders helle zu sein, um zwei Schritte weiter zu denken und zu erkennen, wohin das führt: Es wird dem Gericht nichts anderes übrigbleiben, als die kirchlichen Feiertage in Österreich zu kassieren. Denn wenn der MoB einen protestantischen Feiertag für sich urgiert, ist die Frage aufgelegt, wie er es aushält, zu Weihnachten dem Arbeitsplatz fernzubleiben, zu Ostern dem Hackeln und zu Pfingsten dem Ruacheln zu entsagen.
Doch erst einmal zum Bildungsauftrag. Österreich, Herrschaften, ist nicht nur Spitze im Biertrinken, Touristenbeherbergen oder Autoteilfertigen. Österreich ist auch, ex aequo mit Malta, das Land mit den meisten freien Tagen pro Jahr, nämlich 25 Urlaubs- und 13 Feiertagen (Malta hat einen Feiertag mehr, aber einen Urlaubstag weniger – wahrscheinlich wollte man sich nicht der Peinlichkeit aussetzen, noch mehr frei zu haben als wir hier). Damit verweisen WIR ÖSTERREICHERINNEN gewohnte Tabellenführer anderer Disziplinen wie die USA oder Deutschland auf die hinteren Plätze. Das sollten wir nicht aufs Spiel setzen, oder? Denn wenn der MoB seinen Willen bekommt, für einen konfessionellen Feiertag bezahlt zu werden, dessen Konfession nicht die seine ist, dann würde ich als verantwortungsbewusster Vertreter der Wirtschaft aberhallo die Gegenklage anrichten. Und alle Ausgetretenen können sich schon einmal für Mariä Himmelfahrt die Jausenbox herrichten, von Mitbürgerinnen anderer Konfessionen ganz zu schweigen. Das wird aber erst der Anfang sein. Als Nächstes werden wir der Frage nicht mehr ausweichen können, warum man überhaupt an einem Feiertag frei kriegen sollte, der einem wurscht ist. Die meisten haben eine ungefähre Ahnung, dass es zu Weihnachten irgendwie um Geburtstag geht. Aber bei Ostern wird es schon schwieriger, zu Pfingsten trennt sich die Spreu vom Weizen, und was an Fronleichnam los ist, kann heutzutage kein Aas mehr erklären, ehrlich. Die durchschnittliche Arbeitnehmerin, die sich zu Christi Himmelfahrt vier Tage Wellness gönnt, hat genauso viel Ahnung davon, warum sie dafür nur einen Urlaubstag braucht, weil das ja immer so praktisch auf einen Donnerstag fällt, wie von den Hintergründen des islamischen Opferfests, für das Muslime weiterhin sehr wohl Urlaub brauchen. An jenem Punkt werden zwei Möglichkeiten bleiben:
Entweder wir erinnern uns an frühere Zeiten und lassen ein Institut wieder auferstehen, das einst als Hürde vor dem Zivildienst errichtet war: die Gewissensprüfung. Da musst du dann glaubhaft machen können, dass für dich Mariä Empfängnis wahrhaftig bedeutsam ist, sonst heißt es hackeln. Und das Glaubensbekenntnis musst du auch aufsagen.
Oder wir schenken einfach allen die Feiertage, die sie brauchen. Nur dem Mann ohne Bekenntnis, dem schenken wir eine einfache Flugreise in die USA, wo es überhaupt keine gesetzlichen Feiertage gibt.

Freitag, 3. Juni 2016

Verhexte Wahl


Wir unterbrechen das geplante Programm für eine volksbildnerische Sendung aus aktuellem Anlass. Denn der Ausgang der Häschenpräsidentenwahl ist weiterhin offen. Ich für mein Teil bin ja sprichwörtlich prognoseschwach, und tatsächlich schien meine Vorhersage,  dass der Kandidat Hofer uns bald zeigen würde, wo Bartel den Most holt, zur jüngsten in einer langen Reihe fehlgeschlagener Kolumnatorenvorhersagen zu werden.

Aber, aber, aber: Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde und so weiter und so fort. Es begibt sich nämlich, dass der abgeblitzte Kandidat den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wegen Verfälschung desWahlergebnisses durch bösen Blick belangen will. Im nächsten Schritt muss dann natürlich die Wahl wiederholt werden, diesmal ohne Hexenwerk.

Was heißt das nun? Der böse Blick ist uns ja aus Funk und, hach! Fernsehen bekannt. Tante Wiki zufolge handelt es sich dabei um einen Aberglauben (oder?), den es ungefähr so lange gibt wie Menschen. Für Details müsste ich jetzt googlen. Tatsache ist jedenfalls, soweit ich das überschaue:

Herr Hofer war neulich in Israel. Auf dem Tempelberg gab es einen Vorfall. Es gibt mehrere Schilderungen dieses Vorfalls, nicht alle stimmen mit Herrn Hofers überein. Diese Diskrepanz wurde von Frau Thurnher im Fernsehen thematisiert. So weit, so Routine.

Herr Hofer wirft aber Frau Thurnher vor, sie habe sein Bestreben, Staatsoberhaupt zu werden, durch Augenrollen hintertrieben.

Wer jetzt ausrufen will „Wenn es so einfach wäre!“, der macht es sich offensichtlich gröbi. Ein Kandidat, dessen politischer Vorfahr durch Taferlschwenken berühmt wurde, kann gar nicht anders, als die reale Magie des Augenrollens anzuerkennen. Er weiß aus langjähriger Praxis, dass der Sieg in einer Debatte nichts mit der Faktenbasis der eigenen Argumente zu tun hat. Der böse Blick ist ihm nur ein weiteres Mittel, in diesem Fall halt ohne NLP-Zertifikat, den Rivalen zu übermächtigen.

Es ist also völlig einleuchtend, dass Herr Hofer den ORF wegen Augenrollens vor die Medienbehörde zitiert. Doch damit macht das erste Rätsel nur Platz für ein größeres. Schließlich ist Herr Hofer ein führender Kopf jener Partei, deren Boss routinemäßig eine Magierin für einen „Schutzmantel bei Auftritten“ etc. bezahlt hat. Warum hat der Kandidat sich nicht eines entsprechenden Schutzes vor dem fraglichen Interview versichert?

Ich sehe zwei Möglichkeiten.

Erstens, Herr Hofer hat sich in Wahrheit sehr wohl magisch feien lassen und uns das bisher einfach verschwiegen. Nur war der Schutz zu schwach gegen die Thurnhersche Hexerei. In diesem Fall ist die Medienbehörde aber die falsche Anlaufstelle. Dem Kandidaten hätte vorher klar sein müssen, dass Frau Thurnher magietechnisch nicht auf der Nudelsuppe daher geschwommen ist. Wollte er sich als wirklich präsidiabel präsentieren, dann hätte er rechtzeitig eine Magierin ausfindig gemacht, die stark genug war, vor den Kameras für ausgeglichene Bedingungen zu sorgen. Wenn er sich nicht einmal auf die Zauberkräfte einer österreichischen Fernsehjournalistin angemessen vorbereiten kann, wie wird das dann erst bei Besuchen in Louisiana, in der Dominikanischen Republik, in Japan, China oder Ghana? All diese Gegenden und andere mehr sind dafür bekannt, dass die autochthonen Magierpopulationen nur darauf warten, missliebigen Staatsgästen in die Suppe zu spucken! Ich fürchte, wenn sich Herr Hofer – sollte er doch noch Präsident werden – nicht gute Tipps von HeiFi, dem alten Zauberfuchs, holt, wird seine Amtszeit sehr kurz.

Oder zweitens: Die bestallte Magierin der freiheitlichen Partei hat sich auf Anfrage geweigert, Herrn Hofer zu mit einem geeigneten Panzer auszuhelfen, weil sie H.C. „Stannis Baratheon“ Strache verpflichtet ist. Wir hätten es mit einem mühsam verhohlenen esoterischen Zwist im blauen Lager zu tun. Könnte ein Bundespräsident, dem sogar seine eigene Partei so ins Handwerk hext, das Einende über das Trennende stellen?

Ich für mein Teil beobachte das alles mit wachsender Sorge. Wenn man nur wüsste, in welches Haus der Hut Strache und Hofer sortiert hat!

Freitag, 11. Dezember 2015

Small Data

Weil ihr so aufgeweckte Cyberhäschen seid, habt auch ihr einst so manche Mußeminute damit vertändelt, euch zu fragen, worin eigentlich das Geschäftsmodell von facebook bestehe. Mittlerweile scheint das Rätsel gelöst (Weltherrschaft durch Ersticken jeglicher Gegenwehr mit einer Mischung aus Neid- und Fadesse-Content, der von den Opfern / Usern selbst erstellt wird). Doch lange war es legitim, darüber zu diskutieren, wann und wie die Transsubstantiation von Information in etwas Brauchbares stattfinde. Über Transsubstantiationen weiß man ja in der Regel recht gut Bescheid. In der katholischen Eucharistie beispielsweise lässt sich jener Augenblick wie mit einer Präpariernadel fixieren, in dem das Brot zu Fleisch wird.
Bei facebook war es schwieriger, und für mich ist es gerade ebenso schwierig.
Letztens nämlich war ich mit meinem manchen von euch bekannten Herrn Hund durch die Stadt unterwegs. Wie das schon so ist, der Hund macht sein Ding, markiert gelegentlich, das Herrl ist mit den Gedanken woanders, niemandem wird wehgetan.
Als ich plötzlich von hinten ein eher barsches „Entschuldigen Sie!“ vernahm.
Im Umdrehen sah ich mich einem Herrn gegenüber, der soeben aus einem Bürolokal im Parterre geschossen war. Er erklärte mir, mein Herr Hund habe sein Auto „angepisst“ (so er), und er erwarte von mir, die Besudelung zu beheben.
Nun bin ich schon bekannt harmoniesüchtig. Wenn ich etwas noch mehr bin als harmoniesüchtig, dann ist es feig. Und wenn ich etwas noch mehr bin als feig, dann ist es neugierig. So etwas war mir noch nicht widerfahren. Also erklärte ich mich selbstverständlich zum Reinigungseinsatz bereit. Ich wartete sogar brav, bis der aufgebrachte Herr mit einer Wasserkaraffe und einer Küchenrolle wiederkehrte, und dann wischte ich ebenso brav über den linken vorderen Frontspoiler des beleidigten BMW, freilich ohne dass ein Effekt erkennbar gewesen wäre. Dann verabschiedete ich mich freundlich und ging meiner Wege.
(Kleiner Exkurs: Soweit ich sehe, ist es natürlich unhöflich, seinen Hund einen Frontspoiler anpinkeln zu lassen. Mehr aber auch nicht, denn einem unter normalen Bedingungen benützten Automobil stößt dabei nichts hygienisch Nennenswertes zu, besonders nicht in einer Stadt, in der es auch Tauben und Fiakerpferde gibt. Etwas anderes wäre es natürlich, wenn z. B. eine Dogge en passant den Türgriff abschmeckt.)
Die Frage ist nun, für wen von uns es sich ausgezahlt hat. Denn wenn es darum ging, die Nettourination des Wagens zu beeinflussen, war die kleine Performance natürlich nutzlos. Der Herr Hund hat sich ja nicht über den Spoiler entleert, weil er eine Abneigung gegen bayrische Premiummarken hätte. Er hat diesen nur markiert, wie sichtlich schon fünf andere vor ihm und vermutlich ein Dutzend weitere nach ihm.
Dem Mann bleibt als Gewinn somit nur der zweifellos sehr, sehr schöne, aber auch sehr vergängliche Glücksmoment, der ihm ward, als ein Hundehalter seinen Wagen befeuchtete.
Doch war dieser Glücksmoment nicht gratis. Er hat dafür bezahlt, und weil wir 2015 schreiben, hat er dafür mit Informationen bezahlt.
Denn ich weiß jetzt nicht nur,
wie und wo der Mann sein Geld verdient,
was für ein Auto er fährt
und welches Kennzeichen dieses hat.
Ich weiß selbstverständlich auch, wie er heißt.
Und vor allem weiß ich, dass er ein Mensch ist, den man im Tausch für einen kleinen Triumph um Wasser und Küchenrolle schicken kann.
Die Geschmäcker sind natürlich verschieden.  Aber ich würde so ein Paket an persönlichen Informationen nicht dem nächstbesten Hundehalter in den Schoß werfen. Ich hoffe also, für den Herrn hat es sich gelohnt.
Für mich bleibt die Frage, was ich jetzt mit den Daten anfange. Was würde Mark Zuckerberg tun? Ist es schon Zeit für einen Börsegang?

Freitag, 5. Dezember 2014

Gibt es dein Christkind?


Ich weiß, ihr (ihr beiden) lest diese Kolumnine (soeben kreierter Diminutiv von „Kolumne“) nicht etwa, weil sie so cutting edge wäre. Sondern weil ihr euch dabei vergleichsweise heutig und angesagt fühlen könnt, ohne euch extra anstrengen zu müssen. Heute ist für euch ein besonders guter Tag, denn der Zug, dem wir nachwinken, ist schon vor Tagen abgefahren, ihr seid also gerade um fünf Tage hipper geworden. Nämlich lautet die Frage: Soll man ans Christkind glauben? Für heuer hat sich das schon erledigt, denn bekanntlich haben die Engerln die Briefe ans Christkind am Sonntagabend abgeholt, eingesackt, sortiert und bei Petrus abgegeben.

Schade.

Aber Weihnachten kommt ja alle Jahre wieder. Wie sollt ihr es also 2015 halten – kommt das Christkind zu euch, oder muss jemand einspringen?

In Anlehnung an Pascal und seine Wette sollte man natürlich ans Christkind glauben, denn bestenfalls bringt es einem was, schlimmstenfalls nichts. (Beim Krampus und dem Nikolo ist das Risiko größer, da kann es was auf die Ohren geben, wenn du nicht brav warst.)

Freilich liegt der Teufel mal wieder im Detail. Denn die entscheidende Frage ist natürlich: Wie schlimm ist es, wenn unterm Baum Leere herrscht wie zwischen meinen Ohren nach fünf Minuten Big Bang Theory?  (Alle, die noch nicht gemerkt haben, wie deprimierend Big Bang Theory ist, klicken hier – Hausübung!)

Wem bei der Vorstellung einer geschenkfreien subarborealen Zone die Lippen zu beben anfangen, oder wer sich gar darauf verlassen würde, dass das Christkind gleich auch den Baum bringt und aufkranzt (ich kenne da wen), der sollte sich gut überlegen, bis zu welcher Altersklasse so tiefes Vertrauen angebracht ist.

Wohl der hingegen, die Nirweihna erreicht hat: Völlig entspannt schwebt sie an Punschstandln und Blinkekerzen vorbei, lässt sich Maroniduft um die Nase wehen oder nicht und findet sich schließlich zu Heiligabend auf der Couch ein. Sie weiß nicht, ob sie ans Christkind glaubt, doch sie ist ziemlich sicher, dass das Christkind an sie glaubt.
Wer sich zutraut, es ihr gleichzutun, der zögere nicht und berichte nächstes Jahr, wie es gelaufen ist.