Freitag, 23. Oktober 2015

Wer die Wahl hatte

Jetzt ist das Agenturwochenende auch schon wieder fast zwei Wochen her. Wie ich höre, war es eine denkwürdige und überaus gelungene Veranstaltung, von der auch die allermeisten wieder dienstfähig zurückgekehrt sind, und bei den andern kann man sich ja eh denken. Leider musste euer Kolumnator als Animateur für Geburtstagsprinzessinnen glänzen. Aber nächstes Jahr bin ich hoffentlich wieder mit bei der Agentursause, da müsst ihr halt auf die Verantwortlichen einwirken, dass das entsprechend terminisiert wird.
Deshalb sind wir aber nicht hier, meine lieben Lesehäschen. Denn die Wahl ist zwar schon genau so lange her wie das Agenturwochenende, doch zieht sie längere Folgen nach sich. In diesem Zusammenhang stellen sich manche die Frage, wo die Stracheaner sind. Zwar handelt es sich nur um zwanzig Prozent, das ist dann jeder Fünfte in der U-Bahn, und wahrscheinlich derjenige, der nicht etwa Heute liest (das ist ja auch unmöglich), sondern das ÖKM, das er seinem Nachbarn aus dem Briefkasten gefladert hat, wobei der Nachbar ja total nett ist, und das ÖKM (Österreichisches Kongressmagazin, da schaltet immer unser Kunde ACV) ist ja auch nichts Schlimmes, aber halt speziell. 

Was uns wieder zu der Frage bringt, wo der Fünfte ist, der Stracheaner.

Nun denn: Wo ich herkomme, frönt man, wie jeder wissen sollte, dem Jass. Jassen ist ein Kartenspiel, das den meisten anderen Kartenspielen in fast jeder Hinsicht überlegen ist, und nicht nur anderen Kartenspielen, auch mir, und da bin ich nicht der Einzige. Kartenspiele haben ja oft den Nachteil, dass man möglichst imstande sein sollte, von den ausgespielten Karten darauf zu schließen, was die Mitspieler noch so in der Hand haben. Nicht jedem ist das gegeben, oder, wie mein Großonkel Johann tröstend zu sagen pflegte, wenn sein Partner wieder „an Soch“ (ugs: einen Schas) zusammengespielt hatte: „Mach dir nichts draus, in Afrika gibt es ganze Völkerschaften, die auch nicht jassen können!“
Gejasst wird in Vorarlberg mit einfachdeutschen Karten. Diese ähneln den gängigen Schnapskarten, doch ist der Bildinhalt jeder Karte nur einmal zu sehen, anstatt einmal so rum und einmal andersrum. Das Bild auf dem Schellen-As stellt eine borstige Sau mit Ringelschwanz dar. Die Asse werden deshalb beim Jassen nicht Asse genannt, sondern Sauen.

Weil aber ein Spiel immer auch Leben ist, haben die Sauen vom Jassen eine Vorarlberger Lebensweisheit in die Welt gebracht, die über den Kartentisch hinausweist:

„I jedem Gschpiel git as Sua, sagt man: Nicht nur beim Jassen, sondern überall gibt es Schweine, seien sie nun borstig, blöd oder dreckig. Ein Trottel findet sich immer. Trösten wir uns aber: Gejasst wird in der Regel zu viert, und der fünfte kann sich höchstens beim Getränkenachschub nützlich machen.

Freitag, 9. Oktober 2015

Aus der Mitte entspringt ein Fluss von Plattheiten


Ach meine lieben Lesehäschen, nichts ist von Dauer! Da hatten wir doch einmal die schöne Rubrik Feedback der Woche, und schon ist sie in die Was-wurde-eigentlich-aus-Liga abgerutscht, wo sie sich mit Tony Wegas und der Zielstrebigkeit der Grünen ein Proseckerl reinpfeifen kann, und das schon um zehn in der Früh, skandalös.

Aber so schnell geht es nicht. Hin und wieder blüht uns Denkwürdiges, dass wir an uns halten müssen, um nicht laut herauszuplatzen. Und dann gibt es wieder Momente, in denen wir uns eingeladen fühlen, doch wieder einmal die großen Philosophen aus dem oberen Regal zu kramen. Woher kommen wir, wohin gehen wir? Besteht überhaupt ein Unterschied zwischen Kommen und Gehen? Oder ist im Leben, wie im Fußball, nach dem Spiel vor dem Spiel? Teilte der Kunde doch mit:

„bitte als Conclusio hervorheben. --> das ist das Ergebnis bzw. die Herleitung.“

Je nun. Die Conclusio ist allerdings so was wie das Ergebnis. Doch ist das Ergebnis auch die Herleitung? Oder entspricht die Herleitung eher der Conclusio? Die Versuchung ist groß, sich in Plattheiten zu verlieren. Doch der Weg ist nicht das Ziel. Wer dem widersprechen will, glaubt wahrscheinlich auch noch, das Ideen die Währung der Werbung seien. Die Wirklichkeit hat angerufen: Währung ist die Währung der Werbung, und daran ist nichts Schlechtes.
Doch wir schweifen ab.

Lassen wir den Kundeninput auf uns wirken. Schlürfen wir ein Schalerl Chai dazu. Visualisieren wir unsere Chakren der Reihe nach. Geben wir uns dem semantischen Schillern hin. Tut es mir gleich, und ihr werdet sehen: Ohne Herleitung kann es kein Ergebnis geben, noch eine Conclusio. Wie der Käfer zuvor Larve gewesen sein muss, so die Conclusio Herleitung. Und wer wollte behaupten, dass der Käfer als Individuum nicht mit dem gewesenen Engerling identisch ist? So zeigt uns Mutter Natur: Ja, dieses „bzw.“ ist mehr als berechtigt. Es ist selbstverständlich.

Danke, Mama.

Freitag, 2. Oktober 2015

Haltet ein!


Werte Lesehäschen, Wahlkampf ist. Woran ich das erkannt habe?

Richtig: Am Stopp. Ohne wenigstens eine Aufforderung, einem Dativ Einhalt zu gebieten, wäre hierzulande kein Wahlkampf komplett. Die Wahlkampfheadlinetexter wollen mitteilen, dass ihr Kandidat bereit ist, etwas Unerfreuliches aufzuhalten. Und weil sie auf dem Weg in die Wahlkampfzentrale an der Kreuzung halten mussten, schreiben sie „Stopp“. Schließlich hat das Stoppschild auch ihrem Fortkommen Einhalt geboten. Man muss das verstehen: In den Zentralen summt und brummt es, Entscheidungen werden getroffen, Praktikanten legen den Grundstein für eine Zukunft voller Karriere, Weltverbesserung und Aufwandsentschädigungen. Zuckerln werden gewickelt, Pressekonferenzen geplant, Reden geschrieben, Härchen gezupft. Niemand hat Zeit, einen zweiten Blick auf die Wahlwerbemittel zu verschwenden.

Diesmal ist es die ÖVP Wien, die uns mit mit Dreiecksständern erfreut, auf denen in dicken Lettern steht:

Stopp den Autofahrer-
Schikanen.

Der Zeilenumbruch verleiht der Sache natürlich besondere Pikanterie, aber auch so wirft die Headline etliche Fragen an den ÖVP-Spitzenkandidaten, Herrn Juraczka, und seinen Stab auf. Die drängendste  - wir sind ja in Wien – lautet: 
„Seit wann samma per Du?“ 
Denn eigentlich müsste es ja heißen „Stoppen Sie den Autofahrer-Schikanen“, oder?
Und wer ist der Herr Schikanen. Ist er wirklich ein dermaßen schlechter Autofahrer, dass er es sich verdient hat, auf diese Weise an den Pranger gestellt  zu werden?
Doch halt: Da gibt es ja einen Bindestrich. Es handelt sich offenbar nicht um einen Autofahrer namens „Schikanen“, sondern um etwas namens „Autofahrer-Schikan“, das da gestoppt werden soll.
Auch nicht? Eh nicht. Die Wurzel der Probleme liegt im „Stopp“. Wie viele Kampagnen hat es nicht schon verunstaltet, weil so schwer zu klären ist, was dieses Stopp für ein Viehzeug sei!
Denn offenbar ist es kein Imperativ, dem der Apostroph (fürs fehlende e am Schluss) abhanden gekommen ist. Imperative funktionieren nämlich nicht so. Vielmehr müsste etwa dastehen „Stopp, Autofahrer-Schikanen!“.
Aber was ist das Ding dann? Etwas Merkwürdiges, so viel steht fest. Eventuell wird „Stopp“ hier als Substantiv gebraucht, aber nicht im üblichen Sinne von „Zwischenhalt“, „Fahrtunterbrechung“, sondern als Synonym von „Einhalt“. Dazu verlockt der vom „Stopp“ anscheinend regierte Dativ – man gebietet dem Dativ (dir, den Flüchtlingen, dem Alkoholmissbrauch) Einhalt, also wird „Stopp“ wohl auch den Dativ verlangen.

Hier stoßen wir alsbald auf zwei Probleme. Erstens sind Einhalt und Stopp wohl bedeutungsverwandt, aber noch lange nicht synonym. Zweitens hängt der Fall in dem Feedbackstrom Einhalt gebieten in Wahrheit nicht vom Einhalt ab, sondern vom gebieten: Ich gebiete dir, die Kundenkorrekturen umzusetzen, wie fragwürdig sie auch sein mögen.
Ein Substantiv ist dieser Stopp also nicht. Vielleicht eine Interjektion? Nach heutigem Verständnis kommt das nicht in Frage, aber Johann Christian August Heyse unterscheidet in seinem Ausführlichen Lehrbuch der deutschen Sprache von den heute noch gängigen „eigentlichen“ Interjektionen die „uneigentlichen“.
Erstere, wie O!, Hurra!, Autsch! haben mit Fällen nichts am Hut. Sie bilden selbst keine und verlangen auch keine von anderen, sind überhaupt sehr genügsam und leben von einem Wurstbrot täglich wie der burgenländische Museumsaufseher bei Thomas Bernhard.
Den „uneigentlichen Interjektionen“, so Heyse, kann zwar ein bestimmter Fall anhängen, wie bei Heil oder Wohl (dir). Heyse besteht aber darauf, dass dies durch das mitzudenkende, hier nur nicht ausgesprochene sei gerechtfertigt ist – Heil sei dem verständnisvollen Kunden. Damit ist auch offensichtlich, auf die dünnem Eis sich bewegt, wer hier von Interjektionen sprechen will.
Fazit: So geht das nicht weiter. Das Stoppschild ist nicht mit dem aufgedruckten Wort identisch. Da gibt es nur eine Lösung: Schluss mit diesem Stopp, Weg damit, Kein Stopp mehr. Die Verwirrung ist an Kreuzungen und Wahlurnen so schon groß genug.

Freitag, 25. September 2015

Zum Untergang verurteilt

Vor einer Weile habe ich mich darüber ausgelassen, dass das Geschwätz über Qualität in der Schulausbildung nichts ist als eben Geschwätz.
Das Geschwätz ist bald konkreter geworden: Frau Bundesministerin Heinisch-Hosek hat (in ungewohnt erdiger Sprache) ihre Zukunftsvision der Bildung verkündet. Die Kinder werden von Montag bis Freitag jeweils zwölf Stunden (7-19 Uhr) in der Schule verbringen, dort tolle Dinge erleben, ihr Sozialleben absolvieren und so weiter und so fort.
Nun könnte ich mich darüber verbreiten, wie erstrebenswert und sinnvoll es ist, Achtjährige sechzig Stunden pro Woche in der Schule zu kasernieren, und wie toll es für Eltern mit urbanen Arbeitszeiten ist, ihre Kinder um sieben Uhr dort abzugeben. Es ist aber völlig unerheblich, was die Frau Bundesministerin Heinisch-„Männer gehen nur zwecks Selbstverwirklichung in Elternteilzeit“-Hosek da absondert.
Warum? Merkt auf, meine Lesehäschen. Hier kommt ein Leckerbissen für Freunde der fortgeschrittenen Bürokratie.
In der dritten Volksschulklasse ist Schwimmunterricht in Wien Pflicht, und zwar im Ausmaß von acht Einheiten á 35 Minuten. Dafür müssen die Schulklasse, das öffentliche Bad und die Schwimmlehrerinnen unter einen Hut gebracht werden. Man könnte glauben, dass sich das betreffende Schulsekretariat dessen unterwindet, aber nein:
Dafür gibt es in Wien die „Kanzlei Schulschwimmen“. I shit you not. Personifiziert wird sie durch eine Frau Elisabeth Kellner. Ihr liegt es ob, die Schwimmkurstermine der dritten Wiener Volksschulklassen zu organisieren.

Keine leichte Aufgabe, wie sich zeigt, denn Frau Kellner gibt der Klasse 3b der Volksschule in der Wiedner Haupstraße 82 Termine immer donnerstags im Theresienbad, zwölfter Hieb, 8.20 Uhr am Beckenrand.

Nun benötigt man laut Wiener Linien für den Weg 22 Minuten, mit Fußwegen und Umsteigen. Jedoch ohne Wegzeit vom Klassenzimmer über die Garderobe bis zum Schultor und ohne  Zeit fürs Umziehen im Bad. Unterrichtsbeginn ist bekanntlich um acht Uhr. Kurz: Das geht sich nicht aus.

Die Lehrerin ärgert sich und ersucht die Schulsekretärin, in der Schwimmkanzlei anzurufen. Die Sekretärin erhält dort die Auskunft, das lasse sich jetzt nicht mehr ändern.
Die Lehrerin ärgert sich noch mehr und wendet sich an die Direktorin, die ihrerseits die Schwimmkanzlei anruft und mitteilt, das gehe sich nicht aus. Die Schwimmkanzlei erklärt, die Einteilung sei bereits abgeschlossen und lasse sich jetzt nicht mehr ändern. Auch deshalb nicht, weil die Schwimmlehrerinnen jeweils nach zwei Einheiten á 35 Minuten eine 35-minütige Pause einhalten müssen. Die Direktorin und die Lehrerin finden das großartig.
Die Lehrerin, nun schon recht erbost, teilt der Schwimmkanzlei mit, dann gehe sie eben nicht mit ihrer dritten Klasse schwimmen, denn es gehe sich eben nicht aus, und es sei weder für die Eltern noch für sie selbst als Mutter zweier Kinder zumutbar, an jedem Schwimmdonnerstag bereits um 7.30 in der Schule zu sein.
Es folgt ein Bahöö, denn es ist ja Vorschrift!, dass dritte Volksschulklassen in Wien acht Einheiten Schwimmunterricht genießen (auch wenn, wie im konkreten Fall, die ganze Klasse schwimmen kann).  Die Schwimmkanzlei setzt alle, wirklich alle Hebel in Bewegung und findet einen Ausweichtermin:

Um 9.20 Uhr. Am Beckenrand. Im Hütteldorfer Bad. Reine Wegzeit sind knapp 40 Minuten, mit Glück. Dazu kommen Zeitpolster für ohne Glück, für Kindsein, für Umziehen, Glumpert suchen und nicht zuletzt fürs Trockenfönen der kleinen Prinzessinnen. Rückkunft ist somit für gegen elf angesetzt. Danach dürfen die Kinder noch zwei Stunden Unterricht genießen. Mit der Klassenlehrerin noch im Bad zu bleiben, das ist leider nicht drin. Denn die Lehrerin hat zwar die Begleitlehrerprüfung fürs Schulschwimmen abgelegt.
Aber in Niederösterreich. Wenn sie mit Wiener Schulkindern in einem Wiener Bad schwimmt – was da passieren könnte, mag man sich gar nicht ausmalen.

Fazit: Die Kinder erhalten netto knapp einen Schultag Schwimmunterricht. Damit sind sie brutto eine ganze Schulwoche beschäftigt. Die Planung dafür verantwortet eine Frau, die vielleicht nichts anderes macht, ich weiß es nicht, ich will es auch nicht wissen, aber allein die Existenz einer Schwimmkanzlei sagt mir mehr über die ganze Chose, als ich je wissen wollte.

Und auf dieser Basis will Heinisch-Hosek das Schulsystem komplett neu aufsetzen? Wie mein geschätzter Lukas zu sagen pflegt: Wünsch’ Glück.

Freitag, 11. September 2015

Ja, genau


Am Montag war, wie männiglich bekannt, in Teilen des Bundesgebiets der erste Schultag. Wie das Amen im Gebet (oder eigentlich eher wie das Kommherjesus vor dem Essen) kamen in den Tagen davor mediale Wortmeldungen zum Thema Schule und Bildung. Und wie immer frage ich mich, was mit den Leuten los ist.

Im Standard wurde Frau Olivia Markl, Trainerin bei Teachforaustria, einer anscheinend löblichen Organisation mit hehren Zielsetzungen, zitiert: Unterricht nach Schulbuch führe zu „Faktenwissen statt zu profundem Verständnis“. Und außerdem: „Wozu man etwas braucht, steht nicht im Schulbuch.“

Löbliche Ziele hin oder her, da stehen die beiden Säue einträchtig und startbereit nebeneinander, die jedes Mal durchs Dorf getrieben werden, wenn es um das österreichische Bildungssystem geht: ein pejorativer Gebrauch des Wortes „Faktenwissen“, das anscheinend im Gegensatz zum „Verständnis“ steht. Und die Anwendbarkeit, die so manches zeitbestimmte pädagogische Konzept vor sich her trägt wie in meiner Kindheit der Pfarrer die Monstranz bei der Prozession zu Maria Himmelfahrt.

Ich weiß nicht, was ich seltsamer finde. Bei ganz vielen Dingen weiß man das halt nicht auf Anhieb, wozu man sie einmal brauchen kann. Auch wenn man sie vollrohr verstanden hat. Ich will die Auswahl des Lehrstoffes auch nicht der Frau Markl anhand ihrer Kriterien von „Brauchbarkeit“ überlassen. Dazu kenne ich sie nämlich zu wenig.

Vor allem aber hat mir noch nie jemand nahebringen können, was es mit der Brauchbarkeit auf sich habe.

Als nämlich Arthur Conan Doyle seinen Sherlock Holmes erschaffen hat, hat er ihm manches Volksschulwissen vorenthalten: Sherlock weiß ausdrücklich nicht, dass sich die Erde um die Sonne dreht, und er wirft es Dr. Watson in einer berühmten Passage vor, ihm diese Information vermittelt zu haben, die sein Hirn nutzlos belastet, ohne ihm bei seiner detektivischen Tätigkeit irgendeinen Nutzen zu versprechen.

Daran muss ich immer denken, wenn irgendwer das mit der Brauchbarkeit daherbringt. Natürlich steht, da hat Frau Markl recht, nicht im Schulbuch, wozu man etwas braucht. Aber wer zum Geier hat behauptet, dass Brauchbarkeit das allein entscheidende Kriterium sei? Ich bestimmt nicht. Und so lange wir nicht in die Zukunft sehen können, wäre das auch schwachsinnig. Bis dahin nämlich kann niemand sagen, ob ein einzelnes, bestimmtes, individuelles Schulkind mehr davon profitiert, dass es den Lebenszyklus des Grasfrosches illegalerweise zuhause mitverfolgt, oder dass es innigst behirnt hat, wie man einer Pyramide eine Kugel eine Pyramide eine Kugel etc. einschreibt. Vielleicht stopft es sich auch einfach mit fadem Geographie-Faktenwissen voll und gewinnt dann in der Millionenshow!

Soviel zur  Brauchbarkeit.

Womöglich noch unüberlegter scheint es mir, Fakten gegen Verständnis in Stellung zu bringen. Was bitteschön ist schlecht daran, Fakten darüber zur Kenntnis zu nehmen, wie die Donau beschaffen ist? Ich hatte einst Nachhilfeschüler, denen ein paar Fakten verdammt nochmal nicht geschadet hätten. Dann wäre es ihnen erspart geblieben, damit zu reüssieren, dass „Vorarlberg die Hauptstadt von Kärnten“ sei. Fakt: Sowas lässt einen doof dastehen. Und was um Himmels willen sollen Schüler denn „profund verstehen“, wenn wir ihnen die Konfrontation mit hirntötenden Fakten so nötig ersparen wollen? Man versteht ja nicht einfach, sondern man versteht etwas. Über dieses Etwas muss man sich drübertrauen.

Am allerseltsamsten ist aber, dass die Opposition von Fakten und Verständnis nur im Schulalter gilt. In der sogenannten „frühkindlichen Förderung“ ist es anscheinend total wichtig, schon die Dreijährigen mit faktisch nachvollziehbaren Kompetenzen anzufüllen, auf dass sie mit 35 Jobs haben, die es ihnen gestatten, ihre Brut ebenfalls betreuen zu lassen.

Und nach der Schule finden wir es vollrohr okay, junge Menschen an Fachhochschulen mit möglichst viel rasch verwertbarem Faktenwissen vollzustopfen, ohne auf tieferes Verständnis großen Wert zu legen. Ich kenne viele aktuelle und gewesene Fachhochschülerinnen, und ich hatte den Mangel an Vergnügen, viele ihrer Abschlussarbeiten zu lesen. Aber noch keine hat mir das Gegenteil versichert. 

Fakt: Menschen im Schulalter haben nicht das geringste Problem damit, sich Faktenwissen anzueignen. Sonst hätte Pokémon die Verbreitung eines Bibelkommentars im 12. Jahrhundert genossen.

Fakt: Künstlich Gegensätze herbeizureden hat nichts mit einer Diskussion über Qualität in der Bildung zu tun. Es hat nur mit Gerede zu tun. Denn ein Reden über Bildungsqualität kommt genauso wenig ohne Reden über Lehrerqualität aus wie ein Reden über Werbungsqualität ohne ein Reden über Texterqualität auskommt. Und das Reden über Lehrerqualität kommt nicht aus ohne ein Reden über die schulischen und gesellschaftlichen Umstände, unter denen Lehrpersonal hochwertige Leistung erbringen kann oder eben nicht.

Hier geht es nicht um Bildung, hier geht es nur ums Reden darüber. Der Texter nimmt zur Kenntnis, dass Worte tatsächlich mitunter etwas bewirken können. Das eine Auge lacht, ins andere ist mir grade ein Staubkorn geflogen.

Freitag, 4. September 2015

Putzen oder lassen?


Meine lieben flauschig-frischen Lesehäschen, zwar seid ihr keine Lesekätzchen. Aber so fein, wie es von euch zu mir heraufduftet, bin ich sicher, dass ihr mindestens so reinlich seid, als wärt ihr welche.

Damit fangen natürlich die Probleme an. Denn die Katze schleckt wohl sich selber sauber, nicht aber ihren Korb, ihr Polster oder gar das Katzenklo. Dafür hat sie wen, nämlich dich, falls du von einer Katze besessen bist. 

Was bedeutet das nun für uns? Sauberschlecken ist erstmal kein Thema, damit wir das geklärt haben. Vielmehr muss jemand mit dem Fetzen drüber, sowie mit einer sorgfältig zusammengestellten Batterie von Reinigungs- und Pflegemitteln. Und den Staubsauger nicht vergessen! Die sorgfältiger Gereiften unter euch erinnern sich vielleicht noch, warum der Rathausplatz früher immer so sauber war: Weil der Poldi jeden Tag mit einem Fetzen drübergegangen ist. Wobei „der Poldi“ der weiland Bürgermeister Leopold Gratz  AKA „Whisky-Poldi“ war. Leider ist auch das für Küche, Bad und Special-Interest-Kammerl im Lese- oder Schreibhäschenbau keine Option. Hier steht irgendwann jede vor der Entscheidung, ob man sich jetzt um eine Perle umschauen sollte oder nicht. Als serviceorientierter Kolumnator frage ich mich, wieso ich mich nicht längst bemüht habe, euch diesbezüglich heimzuleuchten. Sträfliche Nachlässigkeit!

Also: Soll man oder nicht? Folgt mir, dann werden wir es hoffentlich herausfinden.

Erstens: Die Kosten. Ist ein Zehner in der Stunde immer noch okay für schwarz Putzen? Ich glaube schon. Bei mir ist es ein paar Jahre her, dass ich dieses Service zuletzt genossen habe. Da sind wir pro Monat ohne Umschauen in den dreistelligen Beträgen, oder, wie ich sie gerne nenne, „können wir uns das leisten?“.

Zweitens: Perlen sind wie Diamanten. Nicht jede ist ein schimmerndes Kleinod, für das man beinahe töten würde. Manche gehören am besten zermahlen und auf Schleifpapier gepickt. Leider merkt man das mitunter erst, wenn es zu spät ist. Das bringt uns zum bedauerlichen

Drittens: Was tun, wenn man trotz gutgemeinter Empfehlungen und größter Vorsicht eine Kaugummiautomatenperle erwischt hat? Dann musst du sie kündigen. Deine Perle, die nicht mal wirklich angestellt ist. Die keinen Urlaubs- oder Krankenstandsanspruch hat. Der es garantiert schlechter geht als dir (denn jede Wette, sie hat keine Perle). Und jetzt musst du saturiertes Armloch dich hinstellen und ihr erklären, dass sie deine oh so kostbaren Besitztümer nicht ausreichend liebevoll poliert. Na toll. Wer jetzt an „Vom Winde verweht“ denkt, kann froh sein. „Django“ wäre schlimmer. 

Fazit: Nach mittlerweile ix Jahren eigenhändigen Putzens empfehle ich jeder, die vor der Wahl steht, dringend die rasche und intensive Suche nach einer Perle. Ich habe das Geschrubbe dermaßen satt.

Freitag, 28. August 2015

Zum Anbeißen


Mir fällt zu meinem Urlaub nichts ein. Ein gutes Zeichen, wie ich finde. Stattdessen wollen wir uns ein Schmankerl reinpfeifen, das mir irgendwann in letzter Zeit untergekommen ist. So lange, dass das Wünschen noch geholfen hätte, ist es ganz eindeutig nicht her.

Merkt also auf, liebe Lesehäschen!

Es war einmal ein Kunde, der hatte seinerseits Kunden. Diese Customerception ist ja eines der ersten und wichtigsten Phänomene, mit denen sich junge Werbefützelchen konfrontiert sehen. Das allerwichtigste (finde ich), ist die sonderbare Tatsache, dass wir oft mehr Arbeit damit haben, unserem Kunden etwas zu verkaufen als dessen Kunden.

Wie auch immer. Dieser Kunde also hat Kunden. Kleine Kunden, große Kunden, weniger wichtige und praktisch unverzichtbare. Den ganz, ganz wichtigen wollte unser Kunde etwas Gutes tun, voll uneigennützig und so. Also lud er sie zu einem Weinseminar ein. Genauer gesagt, zu einem feschen Abendessen, mit viel „an Schäumchen“ etcetera, und einem kleinen Weinseminar als Begleitprogramm.  Soweit das Briefing, ausgeschmückt. (Das echte Briefing lautete: „Wir wollen unsere Kunden zu einem Weinseminar einladen.“)

Wir (damit meine ich mich) verfassten also ein Einladungstexterl, worin der Wein die Hauptrolle spielte: Weinkultur, aromatische Vielfalt, Schmecken und Riechen, und eben die Einladung zu dem Seminar.

Alsbald ward mir Feedback: Der Text sei, naja, so weinlastig. Es solle mehr um das Gemeinsame gehen. Den Abend in guter Gesellschaft, die Pflege der Geschäftsbeziehungen, dazu guter Wein, sowas alles.

Dies machte mich stutzen. Denn mir fiel die alte Werbefützelchenweisheit ein, dass der Köder dem Fisch schmecken müsse und nicht dem Angler. Auch war mein Großvatererruheinfrieden ein höchst erfolgreicher Forellenangler, was er auf die hervorragende Qualität seiner selbst hergestellten Köder zurückführte. Hätte mein verehrter Kunde, der extra das Weinseminar als Köder besorgte, also nicht trachten sollen, diesen Köder den begehrten Fischen möglichst verführerisch vor die Nase zu hängen?

Anscheinend nicht. Denn nach der Logik unseres Kunden  war mein Großvater  vollrohr auf dem Holzweg.. Viel klüger wäre er gewesen, hätte er die Fische stattdessen zu einem gemütlichen Abend bei ein paar Salzkartofferln und einem schönen Glas Weißwein eingeladen.

Oder?

PS: Wer den sachlichen Fehler in der Rolling-Board-Creative-Trophy-Ausschreibung findet, kriegt von mir ein Bier.