Freitag, 20. November 2015

Meine nerveuse Friseuse


Betrüblicherweise, meine mir so teuren Lesehäschen, ist Frau J. nun wirklich verrückt geworden. Ich hatte wie üblich auf dem Friseurstuhl Platz genommen, als sie, die sonst immer von Bosheit aufrecht gehalten und umgetrieben schien wie von einer inneren Sprungfeder, gebeugt herbeischlurfte. Grüßte mit leiser Stimme, hustete diskret. „Sind’S leicht erkältet?“ fragte ich höflich, und ward beschieden: „Nein, ich habe ein – Problem.“ Nämlich, so verriet sie sotto voce, „mit der Mafia“. Ich, mezzoforte: „Mit der MAFIA?“. – „Psssst!“

Danach entrollte sie in stark ungarisch gefärbter, flüssiger Rede ein wirres Panorama, an dem Hieronymus Bosch seine Freude gehabt hätte: Mit dem Russen habe alles angefangen. Der Russe hatte ein Geschäft drei Häuser weiter, in dem er angeblich – angeblich! – Autoteile verhandelte. Weil erstens: Autoteile kann man doch nicht einfach so verkaufen, die kriegt man doch in der Werkstatt. Und zweitens: Der  war ja nie da, der Russe. Ein reines Scheingeschäft. Überhaupt, so Frau J., sei sie die einzige Geschäftsfrau weitum, die tatsächlich arbeite, sonst nur Scheingeschäfte ausschließlich. Ursach dessen ist natürlich die seit Jahren aufs Betrüblichste irregeleitete österreichische Politik, die jeden kriminellen Zuwanderer mit offenen Armen willkommen heißt, zum Schaden der leider allzu wenigen gesetzestreuen Geschäftsfrauen und –männer. Aber weiter: Die rechtschaffene Frau J. habe den Russen, so sie, „angezeigt“, und jetzt ist da kein Russe mehr mit Scheingeschäft. Doch so leicht wird man so einen nicht los. Denn „die Russenmafia“ steckt ja mit „den Zigeunern“ unter einer Decke. Deshalb leidet Frau J. seit Monaten an Atembeschwerden. Da liegt so ein Schleier in der Luft, bei ihr zuhause. Zuerst hat sie auf Motten getippt „Männer“ kommen lassen, damit die „die Wohnung ausspritzen“. Die Männer aber stecken ihr ein Licht auf: Diese kleinen schwarzen Punkterln, die da am Boden wuseln, das seien keine Motten. Zigeuner seien darauf spezialisiert, so etwas mit Schläuchen bei den Tür- und Fensterdichtungen einzuleiten, um missliebige Bewohner zu vergraulen. Was die Punkterln seien?

Na Elektrosmog.

Grundsätzlich, so klagte Frau J. mehrfach, sei alles nicht nur sehr belastend für sie, sondern auch sehr schwierig. Weil ihr ja keiner glaubt. In Österreich is sowas nemlich ein sehr seltener Fall. Im Ostblock ist das anders. Und mit dem durch Schläuche an den Dichtungen vorbeigeleiteten Elektrosmog ist es ja nicht getan. Sie wies mir klagend eine offene Stelle am Zeigefinger: Da habe sie gestern ihren Flüssigseifenspender bedient. Jemand habe offenbar etwas Ätzendes auf den Drücker geschmiert. Und kürzlich habe sie Weißwäsche gewaschen – alles voller roter Flecken! Weil jemand Farbe unter ihr Waschmittel gemischt hat, um sie psychisch fertigzumachen.

Ob sie schon beim Arzt gewesen sei? Natürlich nicht, schließlich muss sie ihr Geschäft erhalten und kann nicht ständig wegrennen.

Warum diese Verbrecher überhaupt auf ihr Geschäftslokal scharf sind? Das ist es ja, man kriegt ja keine Auskunft!

Kurz: Es ist alles sehr schrecklich, wegen der – psst! – Russenmafia. Und überhaupt.

Dazu, o meine mitfühlenden Lesehäschen, vergesst bitte nicht, dass mir die Frau J. während ihrer ganzen traurigen Tirade die Haare geschnitten hat.

Damit bin ich bei der Kernfrage des heutigen Tages: Kann eines von euch mir einen kundigen Coiffeur oder gerne auch eine Coiffeuse empfehlen, die die Hoffnung aufs Reichwerden aufgegeben hat? Denn die Frau J. lasse ich nicht mehr mit scharfen Werkzeugen in meine Nähe. Lieber fünf Minuten feig als ein Leben lang tot.

Freitag, 13. November 2015

Kohlendioxid

Das Rad des Schicksals, geliebte Lesehäschen, dreht sich unaufhaltsam immer weiter. Wer heute grinsend oben sitzt, wird morgen unten jammern. Haben vor einem Jahr die TDI-Fahrer über Prius-Käufer nur müde gelächelt, so bietet sich heute eine Wette darauf an, wie lange es dauert, bis Volkswagen Nokia geworden ist. Und alles wegen dem blöden Kohlendioxid! Damit, meine hochverehrten Lesehäschen, sind wir beim Thema Hygiene und der Frage: Ob das Skandalwagen-Kohlendioxid überhaupt zu Buche schlägt, im Vergleich zum Ausstoß, der durch weibliche Badegewohnheiten entsteht.
Wie bitte? Also: Wie fast jeder, so beziehe auch ich mein Wissen (bzw. das, was ich dafür halte) über die Welt und die Menschen in ihr meistenteils aus Hollywoodfilmen. Das bedeutet in erster Linie: Falls mal jemand ein Sturmgewehr auf mich richtet, verstecke ich mich blitzartig hinter einer Autotür. Passt, oder?
Außerdem bade ich selten. Denn so ist das in Hollywood: Männer baden höchstens im Western, und dann tun sie in Wirklichkeit nur so, weil ja der Revolver nicht nass werden darf. Frauen baden hingegen ständig, und zwar bei Kerzenschein. Sie haben meist eine Kombitherme, denn es dauert eine ganze Weile, bis das Badewasser eingelaufen ist. Diese Zeit nutzen Filmfrauen, um im Bad Kerzen anzuzünden. Ungeklärt bleibt, ob diese irgendwie befestigt sind. Sie stehen nämlich immer einfach so herum, ohne Kerzenhalter. Kleben Filmfrauen die Kerzen mit Wachs auf glatte Oberflächen? Das wird nachher aber eine ganz schöne Schweinerei. Wahrscheinlich haben die auch immer eine Perle, die das Wachs mit Bügeleisen und Löschpapier wegfriemelt.
Doch das soll nicht unser Problem sein. Vielmehr beschäftigt mich eine andere Frage: Bis so eine Filmbadewanne halbwegs vollgelaufen ist, dauert es mindestens eine Viertelstunde (eher zwanzig Minuten, die nehmen ja immer so viel Wasser). In dieser Zeit kann man mit etwas Übung locker 50 Kerzen anzünden und platzieren, was ungefähr der filmischen Realität entspricht. Und jetzt die Kernfrage:
Was bedeutet das für den CO2-Ausstoß?
Ein Teelicht verpupst, so habe ich herausgefunden, etwa zehn Gramm CO2 pro Stunde. Die gängige Hollywood-Badezimmerbeleuchtungskerze ist aber weit dicker und heller. Ich würde sagen, wir dürfen ruhig vom doppelten Ausstoß ausgehen. Wie lange dauert ein Hollywoodbad? Nehmen wir eine Stunde, das ist leicht zu rechnen und dürfte ungefähr hinkommen, außer in Slasherfilmen, aber da hat man sowieso andere Probleme als Kohlendioxid.
So kommen wir bei 50 Kerzen zu einem Ausstoß von 1 kg CO2 im Verlauf eines gemütlichen Wannenbads. Das klingt zunächst nach viel. Doch wer mit einem Kilo CO2 auf zehn Kilometer auskommen will, muss sich schon einen Prius anlachen.
Entwarnung also, verehrte Damen, liebe Mädchen, geschätzte Frauen und alle anderen kerzenbadaffinen Genders: Macht ruhig so weiter. Nur eure Kerzen, die räumt ihr danach bitte selber weg.

Freitag, 6. November 2015

Wetten, dass?

Wie ihr, meine genussverliebten Lesehäschen, bestimmt mitbekommen habt, hat die WHO Schinken und Wurst als krebserregend eingestuft und rät daher den Konsum entsprechend einzuschränken. Das bringt uns nahtlos zu der Frage: Ob damit Kohle zu machen ist?
Konkret: Wie sicher ist eine Wette auf deinen eigenen Darmkrebs, wenn du entsprechend viel Wurstwaren einschneidest?
Die WHO stützt ihre Empfehlung auf eine Metastudie, die, so kann keine Zeitung zu berichten umhin, von „22 Experten“ erstellt wurde. Nebenbei bemerkt, ist dies ein schönes Beispiel dafür, warum „Experte“ so ein Super-Wort ist. Zum Beispiel hat jeder von uns schon mit Produkten zu tun gehabt, die Experten konstruiert hatten. Leider waren es halt manchmal keine Experten für Produktdesign, sondern für Hundeerziehung, Steuererklärung oder Bierdosen-von-unten-leertrinken-wenn-man-dort-ein-zweites-Loch-reinmacht.
So. Also Experten haben herausgefunden. Schade, dass es keine amerikanischen Experten waren. Ich will ja nicht unterstellen, dass die Schlüsse, zu denen sie in ihrer Metastudie gelangen, nicht stichhaltig seien. Obwohl es nicht die erste Metastudie wäre, die im Fazit einen Scheck ausstellt, den die Daten nicht decken.
Doch wie gesagt, darum geht es mir nicht. Vielmehr, meine hochverehrten Lesehäschen, wollen wir ja mit unserem Darmkrebs eine Wette gewinnen. Entscheidend ist daher der immer wieder zitierte Hinweis, „dass das Darmkrebsrisiko je 50 Gramm verarbeitetes Fleisch am Tag um 18 Prozent steigt“. Dies scheint mir gute Literatur zu sein, in dem Sinne, dass der Satz entschieden interessantere Fragen aufwirft als er Antworten liefert.
Nämlich erstens: Was bedeutet „am Tag“? Ist damit der große Schnitt gemeint, d.h. wenn ich von Montag bis Samstag den Wurstzölibat einhalte, aber am Sonntag mit der Kalbspariser in der Früh nicht spare, mir vorher noch gebratenen Speck reinpfeife und am Abend ein Burenheidl verzwicke, was unterm Strich auf locker 35 Deka hinausläuft, dann ist das darmkrebstechnisch gleichbedeutend mit einem Mädchenwurstsemmerl an jedem Wochentag? Oder ist hier ein Handicap einzukalkulieren? Und wenn ja, haut dann der geballte Konsum dramatischer rein, oder muss der Pegelwurstesser eher dran glauben?
Zweitens, weil wir gerade dabei waren: Ist Speck jetzt krebserregend oder nicht? Der Artikel spricht von „verarbeitetem Fleisch“ und nennt als Beispiele für Verarbeitungsmethoden Räuchern oder Pökeln, womit Speck definitiv auf der Shitlist steht. Und noch wichtiger: Vorher oder nachher? Denn wie wir Freunde des gepflegten Frühstücksspecks wissen, ist ein halbes Kilo, das man vom Spar heimträgt, kein halbes Kilo mehr, wenn es knusprig auf dem Teller liegt. Ich habe das noch nie nachgeprüft, aber ich schätze, dass von dem halben Kilo keine zwanzig Deka übrigbleiben.
Drittens, wichtigstens und verwirrendstens: Sind das Prozente oder Prozentpunkte? Wenn es Prozentpunkte sind, dann bist du aus dem Schneider: Du trägst deine Ersparnisse zu bwin, isst täglich 278 Gramm Wurst, und dann brauchst du nur noch abzuwarten. Dein Darmkrebs kommt mit 100-prozentiger Sicherheit (weil 278:50=5,56 und 18x5,56=100,08), und dann kassierst du ab. 28 Deka Wurst und Schinken pro Tag sind sicher kein Lercherl, aber machbar. Eine Käsekrainer z. B. wiegt je nach Format mindestens 100 Gramm, und eine Käsekrainer ist ja noch keine Mahlzeit.
Wenn es hingegen wirklich, wie der Satz nahelegt, Prozente sind, wird es komplizierter, weil wir dann ja in die Zinseszinsrechnung kommen. Soll heißen: Die ersten 50 Gramm erhöhen das Darmkrebsrisiko von 0 auf 18 Prozent. Die nächsten 50 Gramm bringen aber nicht 18 Prozent, sondern nur 18 Prozent von 18 Prozent, d.h. 3,24 Prozentpunkte. Die dritten 50 Gramm bringen 18 Prozent von 21,24 Prozent, und so weiter. Erst mit über 600 Gramm pro Tag kommt man in die Gewinnzone, und 600 Gramm pro Tag JEDEN TAG sind nun wirklich nur noch etwas für Spezialisten. Falls es sich also tatsächlich um Prozente handelt, ist es in der Praxis unmöglich, sich einen halbwegs gesicherten Darmkrebs herbeizuessen und so bwin in den Ruin zu treiben. 
Ich hoffe damit gedient zu haben. Im Übrigen fordere ich, dass nur Reinzeichnungen mit vollständig ausgefülltem Reinzeichnungskleber die Agentur in Richtung Fulfillment verlassen.

Freitag, 30. Oktober 2015

Groß- und Kleinschreibung reloaded



Ich hatte ja schon hin und wieder Veranlassung, mich hieramts über die Problematik korrekten Genderns zu verbreiten – an dieser Stelle geht auch ein großes Dankeschön an Herrn Flo für seine selbstlose Unterstützung beim von mir vorgeschlagenen Porno-Forschungsprojekt! Nicht selten, o meine geliebten Lesehäschen, habe ich dabei ein bisschen neidisch ins Englische hinübergeschielt, wo man es diesbezüglich ja viel leichter hat, wenn man sich nicht gerade in den Kopf setzt, dass „womyn“ klüger sei als „women“, damit die Männer sich nicht zu breit machen.


Doch ach!, die Englischsprecherinnen wissen nicht, wie gut sie es haben. Beziehungsweise sticht sie der Hafer. Zwar bleibt ihnen viel Genderheckmeck erspart, doch können sie zum Ausgleich vom Rassismusunfug nicht genug kriegen, so scheint es. Stolperte ich doch kürzlich über einen lesenswerten Artikel, dessen Autor eine keinesfalls lesenswerte Schrulle pflegt: Er schreibt, wenn er von Bevölkerungsgruppen schreibt, „Black“ stets groß. Dagegen allein wäre ja nichts einzuwenden, wir hier schreiben ja so allerlei groß. Er schreibt aber auch „white“ konsequent klein. Also zum Beispiel „Black teenagers“, aber „white residents“.


Das, Herrschaften, klappt so nicht, finde ich.

Ich habe dann eine Runde gegooglet und gelernt,

dass „Black“ häufig so geschrieben wird, wenn es eben um die Rasse geht,

dass die National Urban Coalition 1988 empfohlen hat, „African American“ zu sagen und zu schreiben anstatt „black“, was bis dahin der korrekte Terminus du jour war, 
und so weiter und so fort.

Weiters habe ich gelernt, dass schon andere vor mir draufgekommen sind, wie merkwürdig es wirkt, wenn man in ein und demselben Text Black, aber white schreibt. Diejenigen, die das tun, haben natürlich einen guten Grund dafür: meine alte Freundin, die Political Correctness. Nämlich schreiben sie Black nicht etwa, um kundzutun, dass es hier wirklich um Menschen geht (was ja im Kontext klar sein sollte und in der englischen Sprache sonst auch funktioniert). Aber warum denn dann? Weil es um eine Rassenfrage geht? 
Richtig, aber dann müssten sie ja white auch groß schreiben, nä?

Nur können sie white leider nicht groß schreiben, oder trauen sich zumindest nicht. Weil warum? Weil ihnen die White Supremacists (Hackfressen, die sich für was Besseres halten, weil weiß) ihnen dabei zuvorgekommen sind. Und wer Black schreibt, will sich nicht dem Verdacht aussetzen, White aus fragwürdigen Gründen zu schreiben und schreibt deshalb lieber gleich white.

Also zusammengefasst: Es gibt Leute, die Black groß schreiben, weil ihnen diese Frage wichtig ist, die sich aber von weißen Arschlöchern das Recht nehmen lassen, White ebenfalls groß zu schreiben, weil die Grammatik zwar farbenblind sein sollte, aber halt nicht so richtig, weil schlechtes Gewissen des Schreibenden. Alles klar, ich nehme doch lieber die Gender-Zores.

Freitag, 23. Oktober 2015

Wer die Wahl hatte

Jetzt ist das Agenturwochenende auch schon wieder fast zwei Wochen her. Wie ich höre, war es eine denkwürdige und überaus gelungene Veranstaltung, von der auch die allermeisten wieder dienstfähig zurückgekehrt sind, und bei den andern kann man sich ja eh denken. Leider musste euer Kolumnator als Animateur für Geburtstagsprinzessinnen glänzen. Aber nächstes Jahr bin ich hoffentlich wieder mit bei der Agentursause, da müsst ihr halt auf die Verantwortlichen einwirken, dass das entsprechend terminisiert wird.
Deshalb sind wir aber nicht hier, meine lieben Lesehäschen. Denn die Wahl ist zwar schon genau so lange her wie das Agenturwochenende, doch zieht sie längere Folgen nach sich. In diesem Zusammenhang stellen sich manche die Frage, wo die Stracheaner sind. Zwar handelt es sich nur um zwanzig Prozent, das ist dann jeder Fünfte in der U-Bahn, und wahrscheinlich derjenige, der nicht etwa Heute liest (das ist ja auch unmöglich), sondern das ÖKM, das er seinem Nachbarn aus dem Briefkasten gefladert hat, wobei der Nachbar ja total nett ist, und das ÖKM (Österreichisches Kongressmagazin, da schaltet immer unser Kunde ACV) ist ja auch nichts Schlimmes, aber halt speziell. 

Was uns wieder zu der Frage bringt, wo der Fünfte ist, der Stracheaner.

Nun denn: Wo ich herkomme, frönt man, wie jeder wissen sollte, dem Jass. Jassen ist ein Kartenspiel, das den meisten anderen Kartenspielen in fast jeder Hinsicht überlegen ist, und nicht nur anderen Kartenspielen, auch mir, und da bin ich nicht der Einzige. Kartenspiele haben ja oft den Nachteil, dass man möglichst imstande sein sollte, von den ausgespielten Karten darauf zu schließen, was die Mitspieler noch so in der Hand haben. Nicht jedem ist das gegeben, oder, wie mein Großonkel Johann tröstend zu sagen pflegte, wenn sein Partner wieder „an Soch“ (ugs: einen Schas) zusammengespielt hatte: „Mach dir nichts draus, in Afrika gibt es ganze Völkerschaften, die auch nicht jassen können!“
Gejasst wird in Vorarlberg mit einfachdeutschen Karten. Diese ähneln den gängigen Schnapskarten, doch ist der Bildinhalt jeder Karte nur einmal zu sehen, anstatt einmal so rum und einmal andersrum. Das Bild auf dem Schellen-As stellt eine borstige Sau mit Ringelschwanz dar. Die Asse werden deshalb beim Jassen nicht Asse genannt, sondern Sauen.

Weil aber ein Spiel immer auch Leben ist, haben die Sauen vom Jassen eine Vorarlberger Lebensweisheit in die Welt gebracht, die über den Kartentisch hinausweist:

„I jedem Gschpiel git as Sua, sagt man: Nicht nur beim Jassen, sondern überall gibt es Schweine, seien sie nun borstig, blöd oder dreckig. Ein Trottel findet sich immer. Trösten wir uns aber: Gejasst wird in der Regel zu viert, und der fünfte kann sich höchstens beim Getränkenachschub nützlich machen.

Freitag, 9. Oktober 2015

Aus der Mitte entspringt ein Fluss von Plattheiten


Ach meine lieben Lesehäschen, nichts ist von Dauer! Da hatten wir doch einmal die schöne Rubrik Feedback der Woche, und schon ist sie in die Was-wurde-eigentlich-aus-Liga abgerutscht, wo sie sich mit Tony Wegas und der Zielstrebigkeit der Grünen ein Proseckerl reinpfeifen kann, und das schon um zehn in der Früh, skandalös.

Aber so schnell geht es nicht. Hin und wieder blüht uns Denkwürdiges, dass wir an uns halten müssen, um nicht laut herauszuplatzen. Und dann gibt es wieder Momente, in denen wir uns eingeladen fühlen, doch wieder einmal die großen Philosophen aus dem oberen Regal zu kramen. Woher kommen wir, wohin gehen wir? Besteht überhaupt ein Unterschied zwischen Kommen und Gehen? Oder ist im Leben, wie im Fußball, nach dem Spiel vor dem Spiel? Teilte der Kunde doch mit:

„bitte als Conclusio hervorheben. --> das ist das Ergebnis bzw. die Herleitung.“

Je nun. Die Conclusio ist allerdings so was wie das Ergebnis. Doch ist das Ergebnis auch die Herleitung? Oder entspricht die Herleitung eher der Conclusio? Die Versuchung ist groß, sich in Plattheiten zu verlieren. Doch der Weg ist nicht das Ziel. Wer dem widersprechen will, glaubt wahrscheinlich auch noch, das Ideen die Währung der Werbung seien. Die Wirklichkeit hat angerufen: Währung ist die Währung der Werbung, und daran ist nichts Schlechtes.
Doch wir schweifen ab.

Lassen wir den Kundeninput auf uns wirken. Schlürfen wir ein Schalerl Chai dazu. Visualisieren wir unsere Chakren der Reihe nach. Geben wir uns dem semantischen Schillern hin. Tut es mir gleich, und ihr werdet sehen: Ohne Herleitung kann es kein Ergebnis geben, noch eine Conclusio. Wie der Käfer zuvor Larve gewesen sein muss, so die Conclusio Herleitung. Und wer wollte behaupten, dass der Käfer als Individuum nicht mit dem gewesenen Engerling identisch ist? So zeigt uns Mutter Natur: Ja, dieses „bzw.“ ist mehr als berechtigt. Es ist selbstverständlich.

Danke, Mama.

Freitag, 2. Oktober 2015

Haltet ein!


Werte Lesehäschen, Wahlkampf ist. Woran ich das erkannt habe?

Richtig: Am Stopp. Ohne wenigstens eine Aufforderung, einem Dativ Einhalt zu gebieten, wäre hierzulande kein Wahlkampf komplett. Die Wahlkampfheadlinetexter wollen mitteilen, dass ihr Kandidat bereit ist, etwas Unerfreuliches aufzuhalten. Und weil sie auf dem Weg in die Wahlkampfzentrale an der Kreuzung halten mussten, schreiben sie „Stopp“. Schließlich hat das Stoppschild auch ihrem Fortkommen Einhalt geboten. Man muss das verstehen: In den Zentralen summt und brummt es, Entscheidungen werden getroffen, Praktikanten legen den Grundstein für eine Zukunft voller Karriere, Weltverbesserung und Aufwandsentschädigungen. Zuckerln werden gewickelt, Pressekonferenzen geplant, Reden geschrieben, Härchen gezupft. Niemand hat Zeit, einen zweiten Blick auf die Wahlwerbemittel zu verschwenden.

Diesmal ist es die ÖVP Wien, die uns mit mit Dreiecksständern erfreut, auf denen in dicken Lettern steht:

Stopp den Autofahrer-
Schikanen.

Der Zeilenumbruch verleiht der Sache natürlich besondere Pikanterie, aber auch so wirft die Headline etliche Fragen an den ÖVP-Spitzenkandidaten, Herrn Juraczka, und seinen Stab auf. Die drängendste  - wir sind ja in Wien – lautet: 
„Seit wann samma per Du?“ 
Denn eigentlich müsste es ja heißen „Stoppen Sie den Autofahrer-Schikanen“, oder?
Und wer ist der Herr Schikanen. Ist er wirklich ein dermaßen schlechter Autofahrer, dass er es sich verdient hat, auf diese Weise an den Pranger gestellt  zu werden?
Doch halt: Da gibt es ja einen Bindestrich. Es handelt sich offenbar nicht um einen Autofahrer namens „Schikanen“, sondern um etwas namens „Autofahrer-Schikan“, das da gestoppt werden soll.
Auch nicht? Eh nicht. Die Wurzel der Probleme liegt im „Stopp“. Wie viele Kampagnen hat es nicht schon verunstaltet, weil so schwer zu klären ist, was dieses Stopp für ein Viehzeug sei!
Denn offenbar ist es kein Imperativ, dem der Apostroph (fürs fehlende e am Schluss) abhanden gekommen ist. Imperative funktionieren nämlich nicht so. Vielmehr müsste etwa dastehen „Stopp, Autofahrer-Schikanen!“.
Aber was ist das Ding dann? Etwas Merkwürdiges, so viel steht fest. Eventuell wird „Stopp“ hier als Substantiv gebraucht, aber nicht im üblichen Sinne von „Zwischenhalt“, „Fahrtunterbrechung“, sondern als Synonym von „Einhalt“. Dazu verlockt der vom „Stopp“ anscheinend regierte Dativ – man gebietet dem Dativ (dir, den Flüchtlingen, dem Alkoholmissbrauch) Einhalt, also wird „Stopp“ wohl auch den Dativ verlangen.

Hier stoßen wir alsbald auf zwei Probleme. Erstens sind Einhalt und Stopp wohl bedeutungsverwandt, aber noch lange nicht synonym. Zweitens hängt der Fall in dem Feedbackstrom Einhalt gebieten in Wahrheit nicht vom Einhalt ab, sondern vom gebieten: Ich gebiete dir, die Kundenkorrekturen umzusetzen, wie fragwürdig sie auch sein mögen.
Ein Substantiv ist dieser Stopp also nicht. Vielleicht eine Interjektion? Nach heutigem Verständnis kommt das nicht in Frage, aber Johann Christian August Heyse unterscheidet in seinem Ausführlichen Lehrbuch der deutschen Sprache von den heute noch gängigen „eigentlichen“ Interjektionen die „uneigentlichen“.
Erstere, wie O!, Hurra!, Autsch! haben mit Fällen nichts am Hut. Sie bilden selbst keine und verlangen auch keine von anderen, sind überhaupt sehr genügsam und leben von einem Wurstbrot täglich wie der burgenländische Museumsaufseher bei Thomas Bernhard.
Den „uneigentlichen Interjektionen“, so Heyse, kann zwar ein bestimmter Fall anhängen, wie bei Heil oder Wohl (dir). Heyse besteht aber darauf, dass dies durch das mitzudenkende, hier nur nicht ausgesprochene sei gerechtfertigt ist – Heil sei dem verständnisvollen Kunden. Damit ist auch offensichtlich, auf die dünnem Eis sich bewegt, wer hier von Interjektionen sprechen will.
Fazit: So geht das nicht weiter. Das Stoppschild ist nicht mit dem aufgedruckten Wort identisch. Da gibt es nur eine Lösung: Schluss mit diesem Stopp, Weg damit, Kein Stopp mehr. Die Verwirrung ist an Kreuzungen und Wahlurnen so schon groß genug.