Freitag, 24. Juli 2015

Heute mehrgelesenst


Nach dem überwältigenden Echo auf die beinharte Cannes-Protestkolumne vom letzten Freitag – Morddrohungen! Waschkörbe voller Fanpost! Kopflose Nacktfotos in meiner Inbox! – widmen wir uns heute einem weniger kontroversen Thema, bei dem nicht zu befürchten ist, dass ich deswegen von der Anonymität in die D-Prominenz wegkippe. Der Alkohol, das Dschungelcamp, die Drogen zweifelhafter Herkunft, dann womöglich ein Werbedeal für Antifurzjoghurt oder Treppensteigen – für all das bin ich zu alt, fürchte ich.

Deshalb erstens: Warum Waschkörbe? Sollten es nicht eher Wäschekörbe sein? Das Deutsche Wörterbuch und der Duden kennen beide Formen. Mir leuchtet der „Wäschekorb“ jedoch eher ein, lässt sich in einem solchen Ding doch nicht nur Wäsche transportieren, die einen Waschgang dringend nötig, sondern auch solche, die ihn bereits hinter sich hat. Ich schätze, die „Waschkörbe“ sind nur deshalb populärer als die „Wäschekörbe“, weil sie die hatscherte Wiederholung von Umlaut + e vermeiden.

Genug davon, und mit Schwung zu einer anderen Frage: Schluckt ihr im Lesefluss auch immer Wasser, wenn in einer Zusammensetzung aus Adverb und Partizip das Partizip gesteigert wird und nicht das Adverb?

WTF? Wie viel ist das in Schilling?

Okay, ein Beispiel: Lukas ist ein gutaussehender Designer. So weit, so wahr, so klar. Nun nehmen wir an, es gebe keinen Designer, der besser aussieht als er. Wer weiß. Ist er dann der gutaussehendste Designer? Oder der bestaussehende? Ihr, meine mir so teuren Lesehäschen, quiekt natürlich im Chor „der bestaussehende, eh klar, Oida!“. Deshalb seid ihr mir ja auch so teuer. Aber da draußen im schlecht beleuchteten Wald gibt es so manches Geschöpf, das sich gar nichts daraus macht, dass einer der bestaussehende Designer ist. Es nennt ihn einfach „gutaussehendst“ und verschlingt ihn mit Haut und Haar. Auch wenn eine wirklich viel herumgekommen ist, finden gar manche, sie sei „eine der weitgereistesten Autorinnen“ anstatt „eine der weitestgereisten“.

Das Problem liegt nicht in der Steigerung eines Partizips an sich. Zum Beispiel kann dein Kind verwöhnt sein, meines hingegen verwöhnter. Und wenn dein Argument sehr gut ist, ist es ein schlagendes Argument, vielleicht sogar das schlagendste Argument, was weiß man. Die entscheidende Frage ist natürlich, worum es geht. Wenn du in den großen Ferien mit deinen Eltern in Kärnten warst, dein unsympathisch verwöhntes Balg von Cousine hingegen in Thailand, dann ist sie nicht gereister als du, sondern eben weiter. Also, weiter gereist natürlich. Das schönste Beispiel liegt uns ausgeschlafenen Werbehasen ohnehin auf der Hand. Wissen wir doch, dass es nicht nur ums Verkaufen geht, sondern darum, mehr zu verkaufen. Das ist halt im Kapitalismus so. Und wenn einer ein tolles Produkt hat und eine ursupere Werbung, dann wird das Produkt bestimmt nicht das vielverkaufteste. Sondern mit Glück das meistverkaufte. Darauf könnt ihr einen Waschkorb wetten.

Freitag, 10. Juli 2015

Cannes-Edition


Das diesjährige Werbefestival in Cannes war für mich einschneidender als ich gedacht hätte. Denn ich muss mich von einem alten Freund verabschieden, dem bisher unglaublichsten Gewinner eines Filmlöwen: In jenem japanischen Spot aus den frühen 90er Jahren warb eine sehr fröhliche Robbe für Toiletten, die, typisch Japan, alle Stückeln spielten.
Das war einmal. Seit Cannes 2015 ist der unglaublichste Gewinner in der Kategorie Film dieser Nike-Spot, und wer ihn noch nicht kennt, ist herzlich eingeladen, ihn sich jetzt anzuschauen. 

Na? War euch so fad, dass ihr (falls männlich) euren Bart wachsen gespürt habt? Mir schon. Wenn ihr mich fragt, dauert der Spot subjektiv so lange, wie man braucht, um eine warme Mahlzeit aus frischen Zutaten zu kochen, diese zu verzehren und danach auf der Couch zwei Kapitel aus einem guten Buch zu lesen oder. Dieser Spot, und ich sage das als einer, der über die Jahre mehrere hundert Cannes-Spots gesehen hat, ist der langweiligste Filmlöwengewinner, der mir je untergekommen ist.

Nun interessiert mich natürlich, warum er gewonnen hat. Den kindischen Erklärungsversuch, dass die Juroren doof waren, lassen wir beiseite. Die anderen Gewinnerspots sind ja tipptopp. Was hat die Jury daran überzeugt?
Mal sehen: Kleiner Junge ist ein Fan von einem total tollen Sportler. Strengt sich vollrohr an, auch ein toller Sportler zu werden. Schafft es irgendwann, gemeinsam mit dem noch tolleren älteren Sportler zu sporteln.
Just do it.
An der Story kann es nicht liegen. Ich lasse mich gerne von Menschen mit Cannes-Jury-Erfahrung korrigieren, aber ich hoffe sehr, dass Storys von diesem Kaliber normalerweise aus dem Bewerb fliegen, ehe die Juroren dasselbe nach Cannes tun.
Am Star kann es auch nicht liegen. Es hat schon jede Menge Spots mit Stars gegeben, die keinen Löwen bekommen haben.
Es kann nur daran liegen, dass die Story anscheinend wahr ist. Den jungen Profigolfer Rory McIlroy gibt es wirklich. Es hat ihn ganz bestimmt viel Mühe gekostet, Profigolfer zu werden. Und es mag wohl sein, dass er Tiger toll findet.
Also imitiert das echte, wahre Leben die Kunst. Wie geil ist das denn? Dafür hat das Leben eine der höchsten Auszeichnungen verdient, die die Kunst zu vergeben hat. Denn wahr ist ja bestimmt noch besser als gut erfunden, oder?
Ich finde: oder.
Denn erstens mal ist Werbung keine Kunst. Auf diesen Unterschied lege ich als Werbetexter wert, und ich bin sicher, dass jeder Künstler mindestens ebenso großen Wert darauf legt.
Zweitens haben Kunst und Werbung trotzdem etwas gemein: Beide gibt es in gut und in eher mau. Wird eine abgegriffene Geschichte in der Werbung besser, weil das Leben sie mir schon vorher erzählt hat? Wohl kaum. Das ist der Schmäh, mit der uns Verlage seit Jahrzehnten True-Crime-Wälzer anzudrehen versuchen, und die traurige Mechanik, mit der Guido Knopp im Historiker-Business bleibt, auch wenn der hermeneutische Mehrwert fadenscheiniger ist als die Kreditwürdigkeit eines griechischen Heiratsschwindlers. Wahrheit ist wichtig, aber ich finde es gefährlich, wahr mit relevant zu verwechseln. 

Deshalb bitte, liebes Cannes: Flunkere mir nächstes Jahr wieder was Lässiges vor. Wahr ist auch das Telefonbuch. Aber wenn ich mich auf meine Toilette mit klimatisierter selbstreinigender Brille und HD-Empfang zurückziehe, nehme ich mir garantiert was Spannenderes mit.

Ach ja, Penny Arcade haben auch eine Meinung zu Rory

Freitag, 26. Juni 2015

Jede Menge viel


Heute, liebe Lesehäschen, wird es wieder einmal Hardcore. Quasi ein achtminütiges Gitarrensolo unter den sprachbezogenen Wixereien, die hieramts so stattfinden, und wir alle wissen, dass die Zeit der achtminütigen Gitarrensoli bald nach der endgültigen Klärung der Frage „VHS oder Beta?“ geendet hat.

Falls jetzt die eine oder andere jüngere Leserin googlen will, was Beta (oder gar VHS) ist: Nur zu. Wir warten so lange.

Alles klar?

Na dann. Kürzlich ward mir wieder einmal Erleuchtung durch ein Feedback. Nicht selten ist dieses ja ein zweischneidiges Schwert – übrigens eine Wendung, die ich nie recht kapiert habe. Soweit ich weiß, sind doch die meisten Schwerter zweischneidig! Die einzige einschneidige Sorte Schwerter, die mir jetzt spontan einfällt, sind Säbel. Es sei denn, man will Katanas partout nicht als Säbel gelten lassen. Dann gibt es zwei Sorten einschneidige Schwerter. Aber an einem einschneidigen Schwert kann man sich doch genauso schneiden wie an einem zweischneidigen, oder? Ich zum Beispiel habe mich schon oft mit meinem bewährten Küchenmesser geschnitten, obwohl das nur auf einer Seite scharf ist.

Soviel dazu.

Was ich sagen wollte: Oft kommt einem Feedback unter, das nur zu richtig anfängt. Ja, muss man sich dann innerlich sagen, da ist mir wirklich was durchgerutscht, was besser hängen geblieben wäre. Dann macht man sich daran, die Korrektur durchzuführen und merkt: Die ist nicht besser. 

Diese Woche kam ein Texterl zu mir zurückgewackelt, das ungefähr lautete:

Da VHS trotz technischer Unterlegenheit das Rennen gemacht hat, entsorgen Sie Ihre Beta-Kassetten:

-  bis 700 kg Gesamtgewicht bzw. 1 Europalette einfach im Hausmüll

-       darüber in Problemstoffsammelzentren

Da monierte die Kundin: „darüber“ „ist etwas ugs – bitte durch „Darüber hinausgehende Menge“ ersetzen.

Erstens habe ich mich natürlich sehr übers ugs gefreut. Fast so schön wie Farkas oder Waldbrunn, der einst berichtete, jemand sei mit „Tomaten, Eiern und dergl“ beworfen worden.

Zweitens, und da hat die Frau gewiss recht, ist „darüber“ ist nicht die feinstziselierte Art, den gewünschten Sachverhalt auszudrücken. Aber wie steht es mit ihrem Lösungsvorschlag? Zuerst 700 kg, und dann eine „darüber hinausgehende Menge“? Das will nicht recht. Warum? Weil eine Menge nicht über ein Gewicht hinausgehen kann. Wir könnten kompromisshalber schreiben „Bei höherem Gesamtgewicht in Problemstoffsammelzentren“. Schauen wir, ob wir damit durchkommen. 

So. Nun wünsche ich ein schönes Wochenende. Sollte euer Videorekorder ein Band fressen, könnt ihr es vielleicht mit einem Messer wieder rauspopeln. Aber Vorsicht, das kann noch mehr ins Auge gehen als ein Gitarrensolo in Überlänge!

Freitag, 19. Juni 2015

Wohltemperierte Aufzucht


Nicht jeder pflanzt sich fort. Muss ja auch nicht sein, gibt eh so viele Leute. Sogar manche, die sich bereits fortgepflanzt haben, drängen uns die Frage auf, ob das unbedingt notwendig war. Nach erfolgreich stattgehabter Brut stellt sich jedenfalls früher oder später eine weitere kitzlige Frage. Und wozu gibt es diese Freitagskolumne, wenn nicht zur halbherzigen Klärung solcher?

Deshalb, teure Lesehäschen, will ich nicht alsbald erhellen, ob man sein Kind ein Instrument lernen lassen soll? Also, ein Musikinstrument natürlich.

Die Antwort ist, wie so oft, ein schallendes Jein. Ganz wichtig ist erst einmal genaues Hinlesen, und zwar zum entscheidenden Wort „lassen“: Falls euer Nachfahr nämlich aus menschlicher DNA gestrickt ist und nicht aus einer Mischung von Angorakaninchen und Kohlrabi, dann könnt ihr es maximal dazu zu bringen, ein Instrument zu lernen, aber nicht dazu, es lernen zu wollen. Das bedeutet: Die Willenskomponente bleibt für künftige Äonen auf euren Schultern liegen und verursacht dort unansehnliche bis schmerzhafte Druckstellen. Ein Kind zum Üben zu motivieren, dessen haben sich schon manche unterwunden. Ich bin dafür zu faul, und wenn ich mich so umsehe, kann ich mir nicht vorstellen, dass ich damit der einzige bin.

Der andere wesentliche Punkt betrifft die Art und Gattung des Instruments. Der Klassiker zum Einstieg ist ja euch heute noch sehr häufig die Blockflöte. Diese kostet nicht nur wenig, sie ist auch das vielleicht ungeeignetste Werkzeug, formbare kleine Seelen an die Wunderwelt der Harmonie heranzuführen. Der Virtuose vermag ihr jene fröhlichen Triller, jenen süßen Schmelz, jenes berückende Timbre zu entlocken, die für Eltern von Blockflötenkindern mit einem einzigen Wort charakterisiert sind: „ungeahnt“.

Bis man sie nämlich wirklich spielen kann, ist die Blockflöte das akustische Äquivalent einer Trennscheibe, und zwar einer Trennscheibe der Marke Zgonc, die schon zweimal benutzt worden ist, also, wie wir am Land sagen, einer hinichn Flex, und zwar einer hinichn Flex, mit der grade einer versucht, den Motorblock vom alten Steyr in zwei Teile zu schneiden, damit sie in die Mülltonne passen.

Wenn die Kinderflöte nicht perfekt gestimmt ist (und das ist sie nie, schon weil die billigen Musikschulmodelle die Stimmung nie lange halten) und nicht perfekt gegriffen sowie angeblasen wird (und das wird sie nie, sind ja Anfänger), fräst sie sich deshalb umstandslos durch die Ohren, weiter direkt durch den Hirnstamm und dann abwärts das Rückgrat entlang bis zu den wirklich empfindlichen Teilen, und das mit einer Geschwindigkeit und einer akustischen Zerstörungskraft, die dem Unerfahrenen Staunen abnötigen und „Todeskampf eines tollwütigen Dudelsacks“ zur Ohrwaschelwellness degradieren.

Natürlich ist der Ouput jedes Instruments stark userabhängig. Bei der Blockflöte gilt das aber leider nicht nur für das Gesamterlebnis aus Tonhöhe, Timing und weißichnochalles. Es gilt für jeden einzelnen Ton. An demselben Geburtsfehler laborieren Streichinstrumente, Blech und so weiter. Bei all diesen Gerätschaften hat ein, zum Beispiel, a nicht unbedingt 440 Hz, sondern je nach Können äh blblblbl 473,8 oder 417 gradaus. Dann klingt es leider nicht mehr wie ein a, sondern wie, zum Beispiel, eine hiniche Flex.

Das schlägt sich aufs Gemüt, deshalb gehört solches Zeug nicht in Kinderhände.

Wenn eure Kleinen gern Musik machen wollen, dann lenkt sie sanft, aber bestimmt zum Xylophon oder, noch besser, zu den Tasteninstrumenten. Tasteninstrumente sind der beste Freund des mithörenden Elternteils. Ob klassischer Flügel, bescheidene Melodika, Heimorgel, vielseitiges und preisgünstiges Keyboard oder das Spinett für Angeber: Sie alle liefern immer ein, zum Beispiel, C, wenn man hinten auf die Taste fürs C drückt. Und sie alle entbehren der durch Mark und Bein gehenden Schärfe der Blockflöte. Für Blockflöte ist dann in der Pense noch Zeit, da ist man eh viel allein.

Denkt an meine Worte, wenn es so weit ist. Ihr werdet es mir danken.

Schönes Wochenende!

Freitag, 12. Juni 2015

Richtig ist vielmehr


Verehrte Lesehäschen, es ist heiß. Beinahe zu heiß zum Lesen, sagt ihr? Ich kann euch hören. Aber bedenkt: Wenn euch BEINAHE zu heiß zum Lesen ist, ist mir dann noch kühl genug zum Kolumnieren? Urteilt selbst.

Als erster Punkt steht auf unserer Tagesordnung ein Wort, das nicht so tautologisch ist, wie es daherkommt: die Teamcrew. Sie ward mir vor Jahren schon vom Kunden (natürlich!) überreicht, doch erst jetzt hat ihr Stern mir zu funkeln begonnen. Die Teamcrew scheint doppelt, ist aber höchstens anderthalbfach gemoppelt. Denn es geht ja nicht nur um dein Team, das gleichzeitig deine Crew ist, somit entweder das eine oder das andere sein könnte, aber nicht beides. Vielmehr brauchst du für die fragliche Veranstaltung, die hier nichts zur Sache tut, eine Crew. Deren Mitglieder haust du aber nicht auf der Laxenburgerstraße vor dem Obi an, indem du mit einem Fünfziger wachelst. Vielmehr rekrutieren sie sich aus dem Team, mit dem gemeinsam du deinen Lebensunterhalt verdienst. So klärt sich die Sache: Die Teamcrew ist eine Crew, die nicht nur aus Crew- sondern gleichzeitig aus Teammitgliedern besteht. Eine Teamcrew eben.

Ergab die Teamcrew auf den zweiten Blick Sinn, so ergeht es uns mit unserem nächsten Kandidaten umgekehrt. Auszuloben war ein Selfmailer, der außen eine Perforation hat, sodass man einen Teil abreißen kann. Im Kundenwording ergab das eine Außenseite mit abreißbarer Perforation. Das scheint einzuleuchten, dann aber doch nicht. Wo eine Perfo ist, kann man alles Mögliche abreißen, nur nicht die Perfo selbst. Unser Kunde war freilich anderer Ansicht.

So auch beim Feedback der Woche. Es ging um die Frage, ob dudenkonform „1.800-mal“ zu schreiben sei oder kundenkonform „1.800 Mal“. Die Antwort war einfach: „Ich weiß, laut Duden korrekt, aber finde ich persönlich nicht schön und nicht gut von der Lesbarkeit her, deshalb bitte adaptieren.“

Damit hätten wir das auch geklärt. Schönes Wochenende!

Freitag, 22. Mai 2015

Okkasion für Beuteaustriaken


Meine hochverehrten Lesehäschen, bald tut sich eine seltene Gelegenheit auf, deren Nutzung allerdings wohl überlegt sein will: Eine Staatsbürgerschaft wird frei. Eine österreichische Staatsbürgerschaft, damit es da keine Missverständnisse gibt. Ich nämlich plane die meinige zurückzugeben. Zu dieser Entscheidung hat mich die Lektüre des Standard vom vergangenen Samstag geführt, genauer gesagt, eines Artikels, in dem ausführlich und mit der gebührenden Breite die Querelen rund um das steirische Tanzschulgesetz dargelegt wurden. Da kommen jetzt natürlich gleich einige Fragen, v. a.:

Es gibt ein steirisches Tanzschulgesetz? Ja eh. Das ist jetzt nichts, weshalb man einen Brief an die Mama anfangen würde.

Es gibt Querelen rund um dieses? Ja, allerdings. Noch schlimmer: Um diese Querelen wird sich behördlicherseits gekümmert.

Aber der Reihe nach. Irgendwo im Hinterkopf habe ich ja schon vor Jahrzehnten abgespeichert, dass in der Steiermark Tanzen irgendwie bedeutsam ist, seit ich im Hödlmoser gelesen hatte, dass Steirer ihre nichtsteirischen Tanzpartnerinnen zu fragen pflegen, ob sie „steirisch oder normal?“ zu tanzen wünschen. Dass dem legistisch-föderalistisch Rechnung getragen wird, war mir hingegen neu und ist der Grund dafür, dass ich meinen Pass bald auf dem Ballhausplatz verbrennen werde.

Nämlich haben Rot-Schwarz-Blau (ja, da war man sich einig!) in der Steiermark letztes Jahr ein Tanzschulgesetz – nun ja: begangen, das sich in nicht weniger als 28 Paragraphen der „Wahrung und Pflege der steirischen Ballkultur“ unterwindet bzw. so tut als ob, während in Wahrheit die steirische Tanzschullobby sich ins Fäustchen lacht. Festgeschrieben ist z. B., dass eine Maturaklasse ihre Polonaise für den Abschlussball nicht mit einer slowenischen Tanzschule oder einem freien Choreografen einstudieren darf, weil jene nicht über ein entsprechendes Tanzzertifikat des Landes Steiermark verfügen.

Damit nicht genug. Als totes Recht wäre dieses Gesetz schon schlimm genug, doch es wird auch exekutiert. Es wurden tatsächlich schon Strafen ausgesprochen, weil in der Steiermark irgendwer irgendwem Tanzschritte gezeigt hat, ohne den entsprechenden lobbyistisch sanktionierten Zettel in der Lade zu haben. Sogar gewesene Dancing Stars mussten da schon ein Scherflein in die steirische Landesschatulle abführen, weil sie zwar gut genug tanzen können, um Österreichs Schwiegermütter glänzend zu unterhalten, aber nicht gut genug für einen steirischen Landestanzreferenten oder weißichwen, dem ein Zertifikat abgeht.

Angesichts all dieser Sachverhalte darf ich nun meine persönliche Staatsbürgercharta formulieren, und keine Angst, sie besteht aus lediglich zwei Paragrafen: 

§ 1: Einem jeden gewählten Vertreter des Volkes, der sich nicht entblödet, während seiner aus Steuern abgegoltenen Arbeitszeit auch nur einen Gedanken an die Rechtmäßigkeit von Tanzunterricht mit oder ohne Landestanzzertifikat zu verschwenden, gehört, um es mit der gebotenen Volksnähe zu formulieren, ein Schuh in den Arsch. 

§ 2: Einem jeden Beamten oder sonstwie vom Staat, einem Bundesland oder einer Gemeinde Beschäftigten und damit auch aus öffentlichen Geldern Bezahlten, der die Frechheit besitzt, auch nur eine Sekunde seiner Dienstzeit für die Exekution einer Tanzschulzertifizierungsgesetzgebung zu vergeuden, gehört ein Schuh in den Arsch.

Fertig.

Ich habe den Karlheinzi geschluckt, ich habe den Jörgi und den Wolfi geschluckt, ich hätte vielleicht sogar irgendwann die Hypo und den Mensdorff geschluckt.

Nun aber ist es genug. Ich kündige die Zurücklegung meiner Staatsbürgerschaft an und erteile mir hiermit ein Vorschlagsrecht für einen Nachfolger.

Die angebotene Staatsbürgerschaft ist in altersentsprechend gutem Zustand. Ein paar Speibflecken sind freilich erkennbar, wurden aber in einem zertifizierten Fachbetrieb weitgehend entfernt und stinken nicht. Selbstverständlich ist sämtliches Originalzubehör vorhanden. Das passive Wahlrecht befindet sich sogar noch in der versiegelten Originalhülle. Bewerbungen bitte per E-Mail, first come, first serve.

Freitag, 8. Mai 2015

Warum ich es gerne tröpfeln lasse


Kürzlich hatte ich das seltene Vergnügen, eine Runde mit meinem geschätzten Herrn Bruder zu plaudern.  Selten, weil Höchstderselbe in Voradelberg seinen teils fragwürdigen Lebenswandel ausbreitet (Banking, Mountainbiking, Schnee-Bretting und so). Dabei hat er beiläufig fallenlassen, dass an der Stätte seines beruflichen Wirkens keiner außer ihm Filterkaffee trinkt.

Daraus entnehme ich erstens, dass mein kleiner Bruder ein irre wichtiger Mann sein muss. Immerhin halten sie bloß für ihn eine eigene Kaffeemaschine in Schwung!

Zweitens sagt es mir, dass man auch im Bankgeschäft menschlich bleiben kann. Naja, Kunststück, bei 0,01 % Zinsen.

Drittens bestätigt es, dass Blut geringfügig dicker ist als selbst starker Filterkaffee (dazu gleich mehr). Denn auch ich, meine geschätzten espressogeganselten Lesehäschen, schlürfe gern das, was unsere Freunden in den großen alten US of A ebenso freundlich wie ein bisschen zu kumpelhaft „hot joe“ nennen. Abgesehen davon, dass es in der hiesigen Küche mittlerweile gar keine einschlägige Maschine mehr gibt, trinke ich ja meinen Kaffee praktisch ausschließlich zuhause. Aber trotzdem. Kann mich einmal wer aufklären, was es mit dem Espresso auf sich hat? Ich verstehe es ja, wenn eine gern ihre Bialetti auf den Herd stellt und dann auf das heimelige Brodeln wartet. Wer gern an seiner klassischen Pavoni den Maschinisten gibt – ein Hoch auf sie! Und gegen einen ordentlichen Vollautomaten mit einem kräftigen Mahlwerk habe ich zu keiner Tageszeit was einzuwenden. Aber Kapselmaschinen? Im Ernst? Von der Alu-Problematik und dem Kilopreis will ich ja gar nicht reden. Doch wenn ich in so ein Teil ein pad oder Tab oder was immer einwerfe, muss ich immer an die Wendung denken, mit welcher der verehrungswürdige Raymond Chandler in Playback, seinem letzten Philip-Marlowe-Roman, die überkomplette Ausstattung eines protzigen Cadillac beschreibt: Dieser bietet unter anderem „a cigarette lighter into which you dropped your cigarette and it smoked it for you“. 

Ganz ehrlich, da lobe ich mir ein Tässchen ehrlichen Filterkaffees. Er heißt mich willkommen wie die Oma in den Semesterferien. Man kann sich auch ruhig noch eine zweite Portion reinpfeifen, ohne dass jemand schief schaut. Man spürt dabei, dass man noch lebt, weil ja der gute alte Filterkaffee – ceteris paribus – stärker ist als Espresso. Man kann etwas darin eintauchen, z. B. einen Löffel Riebel. (Dieses ist für mich als Vorarlberger in der Diaspora nahe am Killerkriterium: Ein Kaffee, in den man keinen Riebel eintauchen kann, den darf bitte wer trinken, der keinen Riebel kennt.)

Außerdem, meine Damen und Herren, sind wir als Werberinnen und Werber ja allzumal gehalten, den Finger am Puls der Zeit zu belassen, auf dass wir der Zielgruppe vorhupfen können, was morgen angesagt ist. In diesem Sinne kann ich nur konstatieren: Der Trend zum Filterkaffee für Connaisseurs wurde hieramts vermützt. Der war nämlich schon vor einem Jahr vollrohr angesagt. Wo bleiben die helle Röstung und der porzellanene Filtertröpfler in der Teeküche?