Freitag, 26. April 2019

Muntermacher

O Häschen, nichts wird leichter. Das ist nicht unbedingt schlecht, aber anders. Heute wenden wir uns einem First World Problem zu, das sicherlich gar manchen unter euch auf den Nägeln brennt. Denn als einst die Griechen den Trojanern das bewusste Hohlpferd unterjubelten, durchschaute der Priester Laokoon den Betrug und versuchte die Troer zu warnen. Den Göttern aber gefiel es, ihn mitsamt seinen Söhnen von zwei Schlangen erwürgen zu lassen. Das würgliche Gewirks, als welches diese Bluttat sich präsentierte, kennen wir als bildhauerische verewigte Laokoongruppe. Wer sie sieht, dem wird so recht bewusst, wie nichtig menschliches Streben im Angesicht höherer Widrigkeiten ist, oder, wie man in Wien sagt: Wann der Herrgott net wü, nutzt des gor nix.
Die Laokoongruppe hat ihre Funktion jedoch überlebt. Wer heute in jenen Abgrund schauen will, der bei zu langer Betrachtung zurückschaut, dem stellt das moderne Leben stattdessen die Frage der Kaffeebereitung.
Einst war es einfach: Man hatte einen porzellanenen Filterhalter und eine Kaffeekanne. Papierfilter in Filterhalter, Halter auf Kanne, Kaffeepulver in Filter, heißes Wasser drüber, Zeit, fertig. Andernorts gab es ingenieursseitig hochentwickelte Siebträgerlösungen mit Hebeln, Manometern und einem Gefühl, wie wenn du im Führerstand einer Dampflok auf eine Haarnadelkurve zurast, nachdem die Bösewichte den Lokführer in die Schlucht geworfen haben. Die klassische Bialetti war immer ganz okay, nur war keine Herdplatte so klein wie die Maschine, weshalb über kurz oder lang der Kunststoffgriff schmolz. Dann kam die Kapselmaschine und brachte die Demokratisierung des Espressogenusses. Dafür zahlten wir freilich einen hohen Preis, weil Kaffee in Kapseln fünfmal soviel kostet wie richtig guter Kaffee in der Kilopackung. Dafür gab es das schlechte Gewissen für die Aluminiumverschwendung gratis dazu. Wer also nicht Kaffee kochen will wie Oma, der steht wieder vor der Entscheidung zwischen dem Wahren, Guten und Schönen, also der klassischen Siebträgermaschine, die nach Infrastruktur in Form von Mühle, Milchzubereitung sowie nach technischer Aufgewecktheit schon vor dem Frühstück verlangt, und dem Praktischen: dem, horresco referens (lat.: mir graust, wenn ich’s sage), Kaffeevollautomaten. Dieser tut alles selbst, kann alles ziemlich gut, kümmert sich um die Milch und braucht keine Kapseln. Jedoch enthält er, und damit sind wir endlich dort angelangt, wo die Entscheidungskraft beim Kauf von Schlangen erwürgt wird, die Brühgruppe. Die Brühgruppe ist leider keine genial benamste Postpunk-Kombo, sondern gehört zu den Eingeweiden des Vollautomaten. Hier finden Kaffeepulver und heißes Wasser zusammen, auf dass Kaffee entstehe.
Nun ist schon die Entscheidung zwischen Siebträger und Vollautomat wie ein Hundewelpe, indem nämlich jeder davon mehr Ahnung hat als du, der den Welpen pflegt und hegt, und diese Ahnung auch gerne zu Markte trägt. Wenn du aber schon schwach geworden bist und dich für den leichteren Weg entschieden hast, lauert hier, (ebenfalls wie in der griechischen Sage), der nächste Schrecken: Wie hältst du es mit der Brühgruppe? Soll sie herausnehmbar sein, sodass du sie liebevoll reinigen kannst? Oder vertraust du darauf, dass der Hersteller sich die Sache mit der Reinigung gut überlegt hat? Nur eines ist gewiss: Sobald du das Wort „Brühgruppe“ in eine beliebig zusammengesetzte Runde wirfst, erfährst du wie Laokoon, dass du dich besser anders entschieden hättest. Im Unterschied zu Laokoon überlebst du das wahrscheinlich. Doch was du auch tust, Kaffee wird nie mehr der unschuldige Genuss sein, der er einst war. Schönes Wochenende!

Freitag, 12. April 2019

Aufdecken

Meine lieben Socialhäschen, ich glaube, wir müssen uns was Neues überlegen. Kann jemand ein sogenanntes gesellschaftliches Medium empfehlen, dass diesen Namen verdient? Vor vielen Jahren, noch vor dem lahmen Witz, dass Amazon ja einst Bücher verkauft habe, kursierte der nicht minder lahme Witz, man sei so alt, man könne sich noch an die Zeiten erinnern, wo Eduscho Kaffee verkaufte. Ist eines von euch jugendlich geschmeidigen Häschen tatsächlich schon so alt, dass es sich daran erinnern kann, wie man auf Facebook was von Freunden und Bekannten in der Ferne mitkriegte? Und zwar, ohne dass man dazwischen mit Werbung zugemüllt wurde, und zwar hauptsächlich mit Werbung für überteuerte Spielzeugflugzeuge (ich weiß, wie ein Papierflieger geht) sowie Schuhe und Socken? Danke, Facebook, ich war eh nie der Ansicht, meine Füße seien so schön, dass ich sie ständig zeigen müsse. Der pedale Exhibitionismus ist mir, im Gegenteil, von jeher fremd, ich pflege meine Gehwerkzeuge also verlässlich zu verhüllen, auch ohne dass mir ständig einschlägige Ausrüstungsgegenstände vorgeführt werden, noch dazu welche, wo man nur die Socke zu sehen braucht, um sich den barbergefönten Vollbart am anderen Ende nicht etwa vorstellen zu können, sondern nolens volens zu müssen. Ganz egal, wie oft ich die Dinger sehe, gelbe Socken mit Wappen für 19,90 das Paar werde ich mir auf ewig vorenthalten. Diese Art von Verzicht auf Luxus ist mir die liebste: Man versagt sich unter Aufbietung aller verfügbaren Gleichgültigkeit überteuerte Socken, fühlt sich besser und kann das Ersparte zum Beispiel für Orangenmarmelade auf den Kopf hauen.
Nolens volens ist übrigens Latein und bedeutet ob man will oder nicht. Es eignet sich zum Angeben, ist aber nicht annähernd so hübsch wie das gleichbedeutende englische willy-nilly, das fast ein bisschen schmutzig klingt, aber auf eine nette Art, so wie wenn deine Oma einen schlüpfrigen Witz erzählt und dann die Pointe vergisst.
Im Übrigen heißt es, dass der Hipstervollbart seine Blütezeit hinter sich habe. Das stelle ich mir recht traurig vor, denn nach der Blüte kommt das Verblühen. So ein welker Bart muss gewiss einen betrüblichen Anblick bieten, der freilich im Badezimmerspiegel eures Zweckdichters nie den Geist bedrückt, mangels Bart, ob welk oder nicht. Auf das Welken folgt der Kahlschlag. Und dann? Wird man es den wieder den Elementen ausgesetzten Kinnen ansehen, dass sie über Monate, bisweilen Jahre dicht verpelzt waren? Wenn man sich erstmals den Schädel rasiert, macht die Kopfhaut ja immer einen erstaunten Eindruck. Wo kommt plötzlich dieses viele Licht her? Ist das normal, dass mich alle sehen?
Der Teint so einer frisch freigelegten Kopfhaut erinnert ein bisschen an die interessanten Dinge, die man findet, wenn man draußen einen Stein umdreht. „Lichtscheu“ ist das Wort, das einem auf die Zunge hüpft. Es wird also interessant, ob auch die seit Langem erstmals wieder enthaarten Kinne an unvermutet dem Sonnenlicht ausgesetzte Ameisenpuppen erinnern oder aber sich so harmonisch ins Gesamtgesichtsbild integrieren werden wie ein Asylwerber, dem der Herr Waldhäusl (nomen est omen) gerade nahegelegt hat, sich eine Mietwohnung für 300 Euro zu suchen. Ich bin gespannt!

Freitag, 5. April 2019

Abgang

Ach, Lesehäschen, der deutschsprachige Qualitätsjournalismus ist nicht mehr das, was er einmal war. Als hätten wir nicht schon an der Geschichte vom erfinderischen Relotius zu kiefeln – bitte? Relotius? Schon vergessen? Das war der vielfach preisgekrönte Jungjournalist, der dem Spiegel und anderen Höhenkammorganen der Meinungsbildung allerlei Geschichten unterjubelte, bei denen er viele schöne Sachen dazuerfunden hatte. Man sieht daran, dass die gern durchs Dorf getriebene Sau mit der Aufschrift „Das Leben schreibt doch die schönsten Geschichten“ eine verlogene Sau ist. Die schönsten Geschichten schreibt ein Journalist, vorausgesetzt, er nimmt es mit den journalistischen Grundwerten nicht gar so genau. Aber wer wollte ihm daraus ernstlich einen Strick drehen? Wahrnehmung ist immer subjektiv, und das Schöne ist bekanntlich das Wahre. Irgendwie total ungerecht, dass der Herr Relotius, der doch nur im Umkehrschluss das gut Erfundene zur höheren Wahrheit erheben wollte, jetzt unter seinem ästhetischen Drang nach mehr leiden muss.
Ähnlich ging es Herrn Walter Rosenkranz im Interview mit Armin Wolf. Es wäre natürlich sehr schön, wenn keine der aktuellen Regierungsparteien irgendetwas mit den Identitären am Hut hätte, einer Lausbubenpartie, die genauso viel Gusto am Räuber-und-Gendarm-Spiel hat wie daran, die Rettung ertrinkender Flüchtlinge zu hintertreiben. Dass man bei letzterer Initiative ausreichend dilettantisch vorging, um schhließlich von einer Flüchtlings-NGO gerettet werden zu müssen, ist kein Anlass zur Hoffnung, sondern zur Furcht, irgendwann nicht einfach von einer Bande herzloser, missgünstiger Demagogen regiert zu werden, sondern von einer Bande herzloser, missgünstiger, demagogischer Vollidioten. Deshalb, und damit zurück zum Thema, wäre es natürlich sehr schön, wenn die FPÖ sich glaubwürdig von den Identitären distanzierte. Aber wahr ist es deshalb noch nicht, genausowenig wie die Reportagen von Herrn Relotius.
Damit jetzt wirklich zurück zum Thema! Erinnert sich noch jemand, wie die Kolumen angefangen hatte? Eben nicht mit Herrn Relotius, sondern mit Sorge um den Qualitätsjournalismus. Anlass dazu gab eine Filmkritik in der ZEIT, worin ein seltsames Wort vorkam. Es ist ein Wort, das jedem halbwegs Englischkundigen geläufig ist, oder selbst einem jeden, der von Fahrrädern eine Ahnung hat. Das Wort heißt händelbar, und man kann dahinter nur die missglückte Schreibweise der englischen Lenkstange vermuten. Verwunderlich, dass die ZEIT der Mich-e-lin-/Koll-gah-te-Fraktion angehört! Aber nein, Entwarnung! Gemeint ist nicht die Lenkstange, vielmehr ist der Autor anscheinend beim Schreiben über dieselbe geflogen, was, wie beim Radfahren, passieren kann, wenn man zu spät die Bremse zieht: Man pedalt volle Lotte durch die deutsche Sprachlandschaft, plötzlich hat ein truck, vielleicht war es auch eine lorry, mitten auf der Fahrbahn einen englischen Brocken verloren, und dann geht’s heidewitzka! Händelbar meint natürlich soviel wie kontrollierbar, bewältigbar, fassbar, übersichtlich. Sogar handlich würde passen. Dass man aber plötzlich über die händelbar fliegt, schmerzt auch beim Lesen, zumindest euren sehr Ergebenen. Nicht einmal der Duden kennt es, aber das wird sich bis zur nächsten Ausgabe sicher noch ändern. Das ist nicht schön, aber vermutlich wahr. Schönes Wochenende!

Freitag, 29. März 2019

Ohne Rücksicht auf Verluste

Jetzt, meine lieben, treuen und teuren Lesehäschen, heißt es dranbleiben. Wir haben eine sprachabenteuerliche Strähne, wir dürfen uns bloß nicht ablenken lassen. Kickl will den Stundenlohn für Asylwerber auf den Gegenwert von fünf Tschick senken? Ein andermal. Heute kommt erst einmal eine Frage in die Runde: Warum bittesehr heißt es „begreiflich“ und „unbegreiflich“, aber „unbeschreiblich“ und „beschreibbar“? Das hat doch alles keinen Sinn, Frau Spera! Ich ersuche um Klärung, bitte kurz und verständlich, nicht wie diese Kolumne.
Nun aber endlich zu der Frage, die euch seit Wochen, wenn nicht Jahren auf den Nägeln brennt, vorher aber noch zu einer anderen Frage, nämlich ob einem redensartlich etwas auf  oder unter den Nägeln brennt. Antwort: beides, wobei auf den Nägeln die ältere Form ist. Laut Wikipedia spricht der älteste Beleg von einer Kerze, die „auf den Nagel gebrannt“ ist. Seltsamerweise wird für die Herkunft der Wendung eine absurde Sitte zitiert, nach der man sich früher in der Kirche ein Wachslicht auf den Daumennagel geklebt habe, um das Gesangbuch lesen zu können. Ich hätte ja ganz naiv vermutet, dass mit dem Nagel nicht ein Fingernagel gemeint ist, sondern der Dorn eines herkömmlichen Kerzenständers, auf den die Kerze gesteckt wird, damit sie nicht umfalle. Zumal in besagter alter Belegstelle die Bedeutung „es ist Zeit, die letzten Mittel aufzubieten“ angeführt ist, was ja zu einer sehr weit heruntergebrannten Kerze passt. Aber wer bin ich schon. Allerdings kann ich dafür einstehen, dass ich, obzwar ich sehr oft in vielen Kirchen viele Messen gehört habe, nie auf die Idee gekommen wäre, mir eine Kerze auf den Daumennagel zu kleben. Nicht einmal, wenn der Pfarrer mitten in der Predigt noch einmal von vorne anfing, weil er infolge übermäßigen Messweingenusses den Faden verloren hatte.
So. Jetzt aber wirklich: Wie unterscheidet man ein Präpositionalobjekt von einer adverbialen Bestimmung? Wir fangen mit der Theorie an. Eine adverbiale Bestimmung, auch kürzer bekannt als Adverbial oder Adverbiale, liefert eine nähere Bestimmung der Umstände, unter denen etwas geschieht: Die Kreation sitzt in der Tinte. Sie weint sich abends in den Schlaf. Mit letzter Kraft ringt sich der Designer eine Anzeige ab. Und so weiter. Wie man sieht, gibt es Adverbiale, die uns etwas über den Ort verraten, die Zeit, die Art und Weise und eine Reihe anderer Dinge, die man jetzt so genau auch wieder nicht wissen muss. Merken kann man sich aber, dass man Adverbialen je nach Art mit wozu, weshalb, wie, wann, wo et cetera erfragen kann.
Nun spannt sich ein grammatischer Fallstrick, weil es nämlich einerseits adverbiale Bestimmungen gibt, die zwar mit einer Präposition, aber ohne große Umstände beginnen, so wie in diesem Beispiel „ohne große Umstände“ andererseits Präpositionalobjekte, bei denen das ebenfalls der Fall ist, die aber im Satz mit anderen Aufgaben betraut sind. „mit anderen Aufgaben“ war gerade so ein Präpositionalobjekt. 
Woran erkennt man das? Daran, dass man die Präposition braucht, um danach zu fragen. Das mit ist unverzichtbar, weil man eben nicht fragen kann wie oder wo oder sowas die Objekte betraut sind, sondern womit: „mit anderen Aufgaben“. Im anderen Fall fragt man schlicht, wie die Bestimmungen beginnen, nämlich „ohne große Umstände“. Wem das jetzt zu kompliziert war, der erinnert sich einfach den Hipsterwitz (weil nämlich mit einem langen Bart geschmückt): Womit überlasse ich euch eurem grammatischen Schicksal? Mit Recht. Schönes Wochenende!


Freitag, 22. März 2019

Vampir

Kolumnieren, meine o wie geliebten Lesehäschen, ist eine Sache von Angebot und Nachfrage. Letzte Woche zum Beispiel besann sich euer Ergebener wieder auf die Wurzeln, sprach zu sich selbst ad fontes!, schrieb über irgendwas Grammatisches, und was soll ich sagen: waschkörbeweise Fanpost! Toll, wie kleine Waschkörbe es heutzutage gibt, hat Otto Waalkes schon gesagt.
Also weiter im, tatsächlich, Text. Kürzlich wurde sich in meiner Umgebung gefragt, ob eine Konstruktion wie die eben demonstrierte zu bewerten sei: eine, und jetzt kommt eine Angeberformel, passive Reflexivkonstruktion ohne Subjekt. Halt! Stopp! Wie war das?
Also der Reihe nach: Was eine Konstruktion ist, wisst ihr. Sogar, wenn eine grammatische Konstruktion gemeint ist, das ist ja jetzt nicht rocket science. Eine Reflexivkonstruktion ist eine, in der ein Wort (nämlich das Reflexivpronomen) sich (ja, das war jetzt das Reflexivpronomen) auf etwas bezieht, das schon früher im Satz vorgekommen ist – hier war das das sich, das zum Wort zurückdeutete. Die Hoffartshäschen unter euch können sich das leicht merken, weil auch der Spiegel, in dem ihr gerne euren Flauschepelz bewundert, euer Bild auf euch zurückreflektiert, so wie das Reflexivpronomen sein Bezugswort.
Eine passive Reflexivkonstruktion ist so einfach wie eine bilaterale Watschen. Finde eine Reflexivkonstruktion, die etwas mit sich geschehen lässt. Und schon wird sich über eine passive Reflexivkonstruktion gefreut.
Das Blöde ist aber, dass das so nicht funktioniert. Denn im Passiv tauschen Subjekt und Objekt die Plätze. Aktiv schreibe ich eine Klugscheißerkolumne – hier bin ich das Subjekt (wer schreibt?) und die Kolumne ist das Objekt, genauer gesagt, das Objekt im Akkusativ, auch bekannt als „direktes Objekt“ (wen oder was schreibe ich?).
Im Passiv wird eine Klugscheißerkolumne geschrieben. Nun ist die Kolumne das Subjekt (wer wird geschrieben?). Hier eröffnet sich eine grammatische Twilight Zone. Im Aktiv verlangt der Satzbau die Angabe, wer schreibt, weil ein Satz eben ein Subjekt braucht. Im Passiv kann man sich aber um die Angabe herumschwindeln, wer der Urheber des Geschriebenwerdens ist. Man kann wohl ergänzen: Eine Klugscheißerkolumne wird von mir geschrieben, man muss aber nicht. Die Planstelle kann, im Gegensatz zur Planstelle „Subjekt“, vakant bleiben.
Diese mögliche Leere kann im reflexiven Satz zum schwarzen Loch werden. Ich freue mich auf das Wochenende ist ein einwandfreier Satz mit der reflexiven Wendung ich freue mich. Im Passiv Auf das Wochenende wird sich gefreut hat das sich hingegen kein Ziel. Das Reflexivpronomen weist ins Leere, der Satzvampir bleibt im Spiegel unsichtbar.
Wir können zwar das Ersatzsubjekt es einführen: Es wird sich auf das Wochenende gefreut. Das macht aber nichts besser, weil es nicht der Ausgangspunkt der Freude ist – wer sich freut, bleibt offen. Lässt sich das Loch irgendwie flicken, indem wir ergänzen, wer sich freut? Etwa Von mir wird sich auf das Wochenende gefreut? Nein, das geht auch nicht, weil sich immer noch verzweifelt nach einem Subjekt sucht, an dem es andocken kann, wie ein blindes Katzenbaby auf der Suche nach der mütterlichen Zitze. Ja, sehr traurig ist das, wenn Wörter ziellos durch Sätze torkeln. Deshalb, meine Lieben: Adoptiert aktiv verwaiste Reflexivpronomina. Es gibt so schon genug Elend in der Welt. Schönes Wochenende!

Freitag, 15. März 2019

Scheißgrammatik


O treue Häschen, dieses politische Herumgemoser bringt uns nicht weiter, fürchte ich. Schauen wir lieber, was es in der Grammatik nicht etwa Neues gibt, aber Altes, das keiner weiß. Heute: das Prädikativ.
Was ein Prädikat ist, hab ihr ja alle in der ersten Klasse gelernt: jenes Satzglied, von dem man erfährt, was das Subjekt so treibt. Die Sonne? Scheint. Trump? Tweetet. Der Bär? Ihr wisst Bescheid. Aber was ist ein Prädikativ? Kommt ganz drauf an. Da gibt es die sogenannten „freien Prädikative“. Die braucht man nicht unbedingt, deshalb kümmern wir uns jetzt auch nicht groß darum. Ihr wollt ein Beispiel? Na gut. Peter hat die Kinder glücklich von der Schule abgeholt. Damit ist gesagt, dass die Kinder glücklich waren, als er sie abgeholt hat. Peter hat die glücklichen Kinder von der Schule abgeholt sagt hingegen, dass die Kinder überhaupt glücklich sind.
Interessanter sind die obligatorischen Prädikative. Manche Verben geben nämlich für sich allein kein Prädikat ab, etwa sein, bleiben, werden, gelten, sich erweisen, dünken oder heißen. Dabei kommt es natürlich auf den konkreten Fall an. Wenn sein im Sinne von existieren verwendet wird, kann es auch allein stehen. Wenn du deinem Arter tröstend versicherst Das wird schon!, dann kann das ruhig so bleiben. Meist aber brauchen solche Verben ein stämmiges Prädikativ, das sie verlässlich stützt, damit sie es bis ans Ende des Satzes schaffen. Wenn du zum Beispiel bist, muss das noch nicht viel heißen. Du kannst Lehrerin sein, unzufrieden, überrascht oder sonstwas. Wer sich erweist, erweist sich als BiMAZ, Hochstapler, unzuverlässig oder ungustiös. Wer Latein hatte, erinnert sich vielleicht an den Begriff der Kopula: Das war damals die finite Verbform, die ein Prädikativ braucht, um ein Prädikat zu bilden.
Jetzt wird es noch interessanter. Ein Prädikativ kann nämlich alles Mögliche sein – ein Adjektiv, wenn du dich als wankelmütig erweist, ein Substantiv, wenn dein Freund ein Hallodri ist, und so weiter. Doch ein paar wenige Wörter haben ihre Bestimmung gefunden: Es gibt sie ausschließlich als Prädikativ, und Scheiße nochmal, es sind nicht die schlechtesten Ausdrücke. Zu ihnen gehören fremdsprachige Farbbezeichnungen wie beige, orange, mauve und ähnlich geschmäcklerische Nuancen, aber auch Kraftbegriffe wie schnuppe, egal, wurscht, scheiße und natürlich scheißegal. Es gibt sie deshalb nur als Prädikativ, weil sie sich nicht deklinieren lassen, was auch einleuchtet, denn wenn man etwas scheiße findet, dann kann man sich die Deklination auch schon sparen. Möglicherweise ist es auch umgekehrt, und man kann sie deshalb nicht deklinieren, weil Prädikative keine Deklination brauchen, aber an diesem Scheißproblem sind schon die alten Griechen zum Thema Henne/Ei gescheitert.
Was heißt das für deinen alltäglichen Sprachgebrauch? Etwas kann scheiße sein oder Scheiße sein, je nachdem, ob du dein heutiges Scheiß-Prädikativ aus der Adjektiv- oder Substantivlade ziehst. Du kannst es aber nur scheiße finden, nicht Scheiße, weil zu finden nur ein Adjektiv als Prädikativ passt. Vielleicht macht es dich auch kirre, wer weiß.
Auch kann etwas zwar scheiße sein oder gefunden werden. Aber wenn du zum Beispiel im „Ausreisezentrum“ hockst und dich fragst, ob eigentlich alle plemplem sind sind, dann ist das wahrscheinlich eine Scheiß-Erfahrung oder auch eine beschissene Erfahrung, es kann aber keine scheiße Erfahrung geben (natürlich auch keine scheißene Erfahrung oder ähnliches, genauso wenig wie es eine egale Entscheidung gibt, Oida.
Doch halt!, nur weil es hier und heute nicht nur, aber auch um fäkale Ausdrucksweise geht, muss man nicht gleich ordinär werden. Das würde mich nämlich scheiße dünken. Schönes Wochenende!

Freitag, 8. März 2019

Wertminderung

Es ist alles nicht so schlimm, meine zu Unrecht beunruhigten Lesehäschen. Beziehungsweise: Es ist schon so schlimm, da könnt ihr jede sozialdemokratisch sozialisierte Burgenländerin fragen, die geglaubt hatte, nach Niessl komme etwas Besseres nach.
Es könnte aber noch schlimmer sein, nämlich, wenn sich auch in Österreich die Seuche der Homewners‘ Associations so ausgebreitet hätte, wie das in den USA der Fall ist, die doch weißgott genügend andere Sorgen haben. Glücklicherweise vertrauen wir aber hierzulande auf guten alten Nachbarschaftsterror, wo es gilt, das Preisniveau der eigenen Wohngegend zu erhalten, anstatt auf instutionalisierte Belästigung. Denn für alle, die in US-Heimatkunde gerade Schluckweh hatten: Eine Homeowners‘ Association ist so etwas wie die Arbeiterkammer für Hauseigentümer. Wenn du ein Haus kaufst, wirst du Pflichtmitglied in der örtlichen HOA.
Im Unterschied zur Arbeiterkammer bieten HOAs nicht so sehr handfeste Services wie Rechtsberatung oder die Übernahme von Musterprozessen, sondern vielmehr Unterhaltungswert. Dieser entsteht, weil sie Verhalten ahnden, das den der Wert der Immobilien schmälern könnte. Wie kann ein querulantisch veranlagter Hauseigentümer das Gemeinwohl durch negative Beeinflussung des Preisniveaus schädigen? Indem du zum Beispiel deine Fassade vernachlässigst, deine Hecken ins Kraut schießen lässt oder deinen abgegurkten Mazda gut sichtbar in der Zufahrt parkst, weil deine Garage echt mal aufgeräumt werden müsste. Diese letztere Subversion ist steigerungsfähig, wie das Internet euren Ergebenen kürzlich wissen ließ: Du parkst dein Häusl in der Zufahrt, wartest einen leichten Schneefall ab und fährst dann weg.
In der schneefreien Fläche, die sich bis gerade eben unter dem Auto befand, erkennt der gestrenge HOA-Kontrolleur mit etwas Glück einen Phallus, was insofern gerechtfertigt ist, als eine längliche Form eine längliche Form ist, womit der Erfolg der Aktion freilich sehr von der akuten Giekerigkeit des obgedachten Kontrolleurs abzuhängen scheint, unerachtet ihres/seines Genders, jedoch nicht der sexuellen Orientierung. Für diesen Akt des pornographischen Vandalismus versucht er dir100 Dollar Strafe aufzubrummen.
Wieviel Trost können wir Österreicherinnen nicht aus der Tatsache schöpfen, dass Kickl zwar Erstaufnahmestellen in „Ausreisezentren“ umbenennt, aber einstweilen noch keinen Beamten dafür abgestellt hat, nach Regen oder Schnee die Umrisse von erst kürzlich freigewordenen und daher nicht niederbeschlagenen Parkplätzen auf ihre Schicklichkeit zu kontrollieren! Man will sich gar nicht ausmalen, was – im Umkehrschluss der Maxime, dass dem Reinen alles rein sei – im Kopf unseres BIMaZ alles ahndungswürdig sein könnte. Zur präventiven Abhärtung der Allgemeinheit im Allgemeinen und Kickls im Besonderen sollten wir alle uns wieder auf jenen Lausbuben besinnen, von dem Karl Kraus berichtete (eine Planke ist ein Lattenzaun): Ein Dorfschulbub wird bekanntlich gefragt, wie man eine Planke mache. Er weiß Bescheid, und wenn das Gestell so weit sei, schreibe er noch schnell Lekmimoasch drauf und die Planke sei fertig. Mir scheint dies eine Verarbeitung aktueller obrigkeitlicher Blödheiten, die vielleicht keine äußerliche Änderung bewirkt, nach der man sich aber durchaus besser fühlen könnte.
Damit wir wieder auf Vernünftiges zu sprechen kommen, darf ich vom Feedback der Woche berichten. Es lautet sinngemäß: Das Bild ist nicht gerade eine Augenweide. Geben wir es doch aufs Cover. Dass man Unerfreuliches ins Zentrum stellt, in der Hoffnung, der Betrachter sehe den Wald vor lauter Ausreisezentren nicht, scheint mir ebenfalls eine Taktik zu sein, die der Bundesregierung nicht fremd ist. Schönes Wochenende!