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Freitag, 18. September 2020

Schwierige Biere


Dass früher, o vielgeliebte Lesehäschen, alles besser war, ist ja nichts Neues. Gerne sei wieder an jene frühere Kollegin erinnert, die einmal darauf hinwies, dass „gestern Sonntag“ war. Noch besser aber: Vorgestern war Samstag, und damit die ideale Gelegenheit, um sich ein lecker Bierchen zu gönnen. Einst war die präferierte Bierchensorte eine Frage des Geschmacks, und ob man sich die Zunge von einer ausbalancierten Komposition aus Malz- und Hopfennoten umschmeicheln ließ oder einfach ein Pils kippte, weil es eh schon wurscht war, blieb jedem selber überlassen.

Heute hat der belebende Trank seine Unschuld verloren – also nicht das Bier als solches, aber das eine oder andere, womit wir beim Problem sind. Euer Kolumnator outet sich nämlich hiermit als Freund des Mohrenbiers, weil es ihm gut schmeckt. Dass das Mohrenbier so heißt, wie es heißt, geht ja in Ordnung, denn warum hätte der Mohr keine Mohrenbrauerei gründen sollen! Schwierig wird es hingegen mit dem auf dem Etikett abgebildeten Kopf, der offensichtlich nicht jener des Herr Mohr, sondern eine unangenehm tendenziöse Darstellung ist. Weil das Auge, dieses unersättliche Organ (Doderer, schau oba!) nicht nur mitisst, sondern auch mittrinkt, begibt sich der sensible Konsument auf die Suche nach geeignetem Ersatz. Im gutsortierten Fachhandel wurden vier Sorten ohne rassistische Abbildungen empfohlen, die besagter Konsument schweren Herzens (weil das Mohrenbier wirklich sehr gut schmeckt) zwecks Verkostung heimwärts trug. Die Verkostung steht großteils noch aus, aber eine Sichtung der Etiketten lässt nichts Gutes vermuten.

Hadmar Bio-Bier ist, so verrät der Hersteller Weitra Bräu, nach Hadmar II. benannt, einem Adligen des 12. Jahrhunderts (oder des 12. Jh., oder des 12. Jh.s, nicht aber des 12. Jhs., weil nämlich Abkürzungen auf Wunsch gebeugt werden dürfen, wobei die Beugungsendung genau dann vor den Abkürzungspunkt kommt, wenn die Abkürzung mit demselben Buchstaben endet wie das abgekürzte Wort, sodass eine Enzyklopädie „24 Bde.“ haben kann, während Hadmar keine Persönlichkeit des „12. Jhs.“ gewesen ist – Bildungsauftrag erfüllt!).

Besagter Hadmar ist auch auf dem Etikett zu sehen und garantiert rassismusfrei dargestellt. Das ist auf den zweiten Blick auch kein Wunder, und auf den dritten Blick drängt sich die Frage auf, ob die Ablöse eines generischen Rassismusbildes durch eines, das einen privilegierten Hodenträger aus finsteren Zeiten verherrlicht, echt den Bierwechsel wert ist. Euer Ergebener tendiert dagegen, hat aber das fragliche Bier noch nicht verkostet.

Als nächstes Ersatzbräu wartet Augustiner Lagerbier hell, und hier genügt leider der erste Blick: Auf dem Etikett grinst ein korpulenter Ordensmann, der anscheinend aus lauter Schadenfreude ob der Greuel der Gegenreformation das eine oder andere Helle über den Durst gezwitschert hat. Danke, weiterbeten!

Wir kommen zum Obertrumer Zwickl, das nicht schlecht schmeckt, wenngleich es überreich mit Kohlensäure gesegnet ist. Das Etikett aber: Eine junge Frau im tief ausgeschnittenen Dirndl mit unnatürlicher Sisi-Taille, dargestellt in einem Stil, gegen den Michael Jeannée ein Meister der feinen Klinge ist, hat ihren Lebensinhalt anscheinend darin gefunden, anderen Leuten überschäumende Bierkrüge nachzutragen. Wie das gender- und rassismussensible Zweckdichterbalg feststellte: Da ist es dann auch schon wurscht, ob die Frauen oder die Leute of color beleidigt werden.

Es bleibt das Freistädter Ratsherrn Premium, das immerhin ganz ohne Bild auskommt. Aber seien wir ehrlich: Die Kombination aus Heißfolienprägung à la 2003 und angeberischem Alte-weiße-Männer-Titel ist dadurch auch nicht zu retten.  

Das traurige Fazit der Suche nach der unanstößigen, aber brauunionfernen (schließlich soll das Zeug ja auch getrunken werden!) Mohrenablöse lautet also: Es kann schon sein, dass Bier nicht deppert ist. Über das Gebinde ist damit aber leider noch nichts gesagt. Man bringe den Spritzwein!


Freitag, 26. April 2019

Muntermacher

O Häschen, nichts wird leichter. Das ist nicht unbedingt schlecht, aber anders. Heute wenden wir uns einem First World Problem zu, das sicherlich gar manchen unter euch auf den Nägeln brennt. Denn als einst die Griechen den Trojanern das bewusste Hohlpferd unterjubelten, durchschaute der Priester Laokoon den Betrug und versuchte die Troer zu warnen. Den Göttern aber gefiel es, ihn mitsamt seinen Söhnen von zwei Schlangen erwürgen zu lassen. Das würgliche Gewirks, als welches diese Bluttat sich präsentierte, kennen wir als bildhauerische verewigte Laokoongruppe. Wer sie sieht, dem wird so recht bewusst, wie nichtig menschliches Streben im Angesicht höherer Widrigkeiten ist, oder, wie man in Wien sagt: Wann der Herrgott net wü, nutzt des gor nix.
Die Laokoongruppe hat ihre Funktion jedoch überlebt. Wer heute in jenen Abgrund schauen will, der bei zu langer Betrachtung zurückschaut, dem stellt das moderne Leben stattdessen die Frage der Kaffeebereitung.
Einst war es einfach: Man hatte einen porzellanenen Filterhalter und eine Kaffeekanne. Papierfilter in Filterhalter, Halter auf Kanne, Kaffeepulver in Filter, heißes Wasser drüber, Zeit, fertig. Andernorts gab es ingenieursseitig hochentwickelte Siebträgerlösungen mit Hebeln, Manometern und einem Gefühl, wie wenn du im Führerstand einer Dampflok auf eine Haarnadelkurve zurast, nachdem die Bösewichte den Lokführer in die Schlucht geworfen haben. Die klassische Bialetti war immer ganz okay, nur war keine Herdplatte so klein wie die Maschine, weshalb über kurz oder lang der Kunststoffgriff schmolz. Dann kam die Kapselmaschine und brachte die Demokratisierung des Espressogenusses. Dafür zahlten wir freilich einen hohen Preis, weil Kaffee in Kapseln fünfmal soviel kostet wie richtig guter Kaffee in der Kilopackung. Dafür gab es das schlechte Gewissen für die Aluminiumverschwendung gratis dazu. Wer also nicht Kaffee kochen will wie Oma, der steht wieder vor der Entscheidung zwischen dem Wahren, Guten und Schönen, also der klassischen Siebträgermaschine, die nach Infrastruktur in Form von Mühle, Milchzubereitung sowie nach technischer Aufgewecktheit schon vor dem Frühstück verlangt, und dem Praktischen: dem, horresco referens (lat.: mir graust, wenn ich’s sage), Kaffeevollautomaten. Dieser tut alles selbst, kann alles ziemlich gut, kümmert sich um die Milch und braucht keine Kapseln. Jedoch enthält er, und damit sind wir endlich dort angelangt, wo die Entscheidungskraft beim Kauf von Schlangen erwürgt wird, die Brühgruppe. Die Brühgruppe ist leider keine genial benamste Postpunk-Kombo, sondern gehört zu den Eingeweiden des Vollautomaten. Hier finden Kaffeepulver und heißes Wasser zusammen, auf dass Kaffee entstehe.
Nun ist schon die Entscheidung zwischen Siebträger und Vollautomat wie ein Hundewelpe, indem nämlich jeder davon mehr Ahnung hat als du, der den Welpen pflegt und hegt, und diese Ahnung auch gerne zu Markte trägt. Wenn du aber schon schwach geworden bist und dich für den leichteren Weg entschieden hast, lauert hier, (ebenfalls wie in der griechischen Sage), der nächste Schrecken: Wie hältst du es mit der Brühgruppe? Soll sie herausnehmbar sein, sodass du sie liebevoll reinigen kannst? Oder vertraust du darauf, dass der Hersteller sich die Sache mit der Reinigung gut überlegt hat? Nur eines ist gewiss: Sobald du das Wort „Brühgruppe“ in eine beliebig zusammengesetzte Runde wirfst, erfährst du wie Laokoon, dass du dich besser anders entschieden hättest. Im Unterschied zu Laokoon überlebst du das wahrscheinlich. Doch was du auch tust, Kaffee wird nie mehr der unschuldige Genuss sein, der er einst war. Schönes Wochenende!

Freitag, 19. Mai 2017

Bikinifigur

Viele Häschen und Häsinnen haben sich in den letzten Wochen Sorgen gemacht. Denn es naht die Zeit, in der man von seinen Nebenmenschen wieder viel mehr zu sehen kriegt, als man in vielen Fällen gern zu sehen bekäme. Kurz: Man redet von der Bikinifigur. Gar manche versagt sich im Vorfeld der Entblößung so allerlei. Von Zucker ist da oft die Rede, denn Zucker, so ein landläufiger Aberglaube, mache dick. Auch ich hing lange der Überzeugung von der morphologischen Nährwertidentifikation an: Der Körper verwertet Nahrungsmittel zu jenem Organ, dem sie ähnlich sehen. Deshalb sind Karfiol und Walnüsse gut fürs Hirn, Eier nützen den Augen (Schweindi!) und von Schnitzel kriegt man Muckis. Nimmt man aber etwas zu sich, das mit keinem bekannten Organ Ähnlichkeit hat – zum Beispiel Schokoschirmchen, oder zweifarbig spiralig gedrehte Zuckerstangen – dann macht der Körper daraus Fett. So einleuchtend, so überzeugend. Wahr ist vielmehr: Das stimmt gar nicht. Die Europäische Union hat mich eines Besseren belehrt. Von Zucker kann man gar nicht dick werden!
Aber der Reihe nach. Es begab sich, dass euer Zweckdichter eine zuckerhaltige Süßigkeit zu beschriften hatte. Der erste Vorschlag lautete: „Kraftstoff“. Dies erwies sich nach juristischer Auskunft des Produzenten als – wie sagt man auf Amtsdeutsch? Genau: als untunlich. Denn ein Konsument könnte nach Lektüre der Kraftstoff-Beschriftung auf den Gedanken kommen, dass ihm vermehrte Kraft durch Verzehr der Süßigkeit verheißen werde. Damit wäre der Tatbestand einer unzutreffenden gesundheitsbezogenen Behauptung im Sinne der einschlägigen EU-Verordnung erfüllt. Und das geht natürlich nicht.
Der nächste Vorschlag lautete deshalb Energieschub. Denn Zucker, so dachte ich naiv, enthält ja unstreitig Energie. Das darf man also gewiss wahrheitsgemäß draufschreiben.
Denkste.
Alsbald ward mir die Erhellung, dass dies nicht gehe, da weiterhin ein unzulässiger Bezug zu den verheißenen Auswirkungen des Lebensmittels bestehe. Der zuständige Produzent schlug als Alternative Treibstoff vor, was ich nicht guten Gewissens durchgehen lassen konnte, umso weniger, als die Nascherei pillenartig, wenn auch nicht blau war.
Nun zog ich mich auf die vermeintlich befestigte Position Energie zurück. Auf Zucker Energie zu schreiben, das ist ja so, als schriebe man auf eine Zitrone Vitamin C oder auf eine Seife Reinigung, so dachte ich mir.
Aber weit gefehlt. Der Produzent teilte mit, dass es im EU-Lebensmittelrecht nicht um Logik geht (meine Interpretation), sondern dass „grundsätzlich nicht erlaubt ist, was nicht angeführt ist“. Und es ist zwar ausdrücklich erlaubt, auf ein Lebensmittel low energy zu schreiben (wenn der Kaloriengehalt unter einem bestimmten Schwellenwert liegt). Das bedeutet aber noch lange nicht, dass man oberhalb dieses Wertes Energie versprechen darf. Denn low energy ist als erlaubt angeführt, energy aber nicht. Mithin ist juristisch erwiesen, dass Zucker nicht ausreichend Energie enthält, um deine häschenschlanke Bikinifigur zu gefährden. Lass es dir ruhig schmecken.
Im Übrigen schreibe ich wieder einmal ein Forschungsstipendium aus, dotiert wie immer mit einer Leberkässemmel und einem Bier: Es gründe ein berufenes Häschen bitte eine Briefkastenfirma mit dem einzigen Zweck, eine Tafelwassermarke zu lancieren, und zwar unter dem Namen Feucht. Feuchtigkeit nämlich ist nicht in der Liste erlaubter Behauptungen angeführt. Es handelt sich aber eindeutig um eine gesundheitsrelevante Angelegenheit, da Austrocknung lebensgefährlich ist. Ich bin gespannt, ob die Marke Feucht in der EU reüssieren kann, oder ob sie nur unter der Budel vertrieben wird, an Feuchtigkeitsjunkies in the know, wie wir Bescheidwisser sagen.

Freitag, 29. April 2016

Zutreffendes ankreuzen


Heute ist der 29. April. Das heißt, übermorgen in drei Wochen schreiten wir zur Stichwahl. Dann wollen wir uns mal rechtzeitig mit Norbert Hofer befassen. Immerhin stehen die Chancen nicht schlecht, dass er unser nächster Häschenpräsident wird! Da ich kein Journalist bin, solltet ihr euch allerdings investigativ nicht zu viel erwarten. Da schaue ich doch lieber auf www.norberthofer.at, und dort nicht etwa unter „Positionen“. Nein, Aufschlussreiches gibt der Kandidat unter „Persönliches“ als Antwort auf „12 Fragen“ der Gewichtsklasse „Wochenendbeilage“ von sich preis: „Lieblingsfigur in der österreichischen Geschichte: Joseph II.“. Damit ist der Ton angeschlagen: Eher nicht anecken. Was Hofer an dem glücklosen Reformer im Vergleich etwa zu Maria Theresia, Leopold Figl oder Gütinand dem Fertigen findet, muss man gar nicht so genau wissen.

In dieselbe Kerbe haut das „Buch für die Insel“: Sinuhe der Ägypter war, für alle nach 1980 Geborenen, ein Historien-Bestseller der 40er und 50er Jahre, kongenial verfilmt mit Michael Curtiz. Und so weiter und so fort – Stärken: „Willenskraft und Optimismus“. Schwäche: „Mir fehlt manchmal die Gelassenheit, Dinge so hinzunehmen, wie sie sind“ – diesen Einserschmäh kennen wir aus Bewerbungsratgebern der 80er Jahre, gleich neben „Ich neige dazu, mein Licht unter den Scheffel zu stellen“.

Etwas kantiger dann die Auskunft, was den Kandidaten „zur Verzweiflung“ treibt: „dass die aktuell an der Macht befindlichen Politiker innerhalb von wenigen Monaten alles verspielen, was unsere Eltern und Großeltern aufgebaut haben“. Die Verzweiflung kann ich gut verstehen. Hat doch Hofers politischer Vorfahr in scharfem Kontrast zur aktuell konstatierten Situation Jahre gebraucht, um alles zu verspielen, was unsere Kinder und Kindeskinder andernfalls hätten aufbauen können.

Stutzen macht auch, bei welchem Gedanken Herrn Hofer das Wasser im Mund zusammenläuft: „Es gibt nichts Besseres als einen frischen Apfel.“ Ob dieser Grad der Genussfähigkeit für den Einzug in die Hofburg reichen wird? Können wir uns eine menschgewordene Visitenkarte der Republik vorstellen, deren geschmacklicher Horizont bei Fruchtsäure endet? Was sagen da die Vertreter der Rindfleischkultur, die Käsekenner und Marmeladenköche, die Winzer, Mangalitzaschweinezüchter und Paradeiserpäpste?

Ich fürchte, da wird der Kandidat allerlei auszustehen haben, wenn er erst angelobt ist, von exotischen Staatsbanketten ganz zu schweigen. Freilich, nach einem Augapfel mag ein Apfel wirklich einzigartig delikat wirken.

Zum Zeitphänomen wird Hofer jedoch erst durch seine Enthüllung, auf welche Leistung er besonders stolz ist: „Auf den Schritt aus dem Rollstuhl“.

Das, Herrschaften, war’s dann. Es tut mir im Rahmen meiner Möglichkeiten leid für den Kandidaten, dass er einen schweren Unfall erlitten hat. Wie er mit den Folgen klargekommen ist, geht mich aber nichts an. Es sollte für Österreich völlig unerheblich bleiben, ob der Kandidat sich auf eigenen Beinen fortbewegen kann oder nicht. FDR war dazu kaum imstande, doch hat er gewiss nie kundgetan, er sei besonders stolz darauf, trotzdem Karriere gemacht zu haben. Gründe mag es dafür mehrere geben, doch ein gravierender Unterschied des politischen Formats der beiden wird jedenfalls dazugehören, wobei der Vergleich nicht zu Hofers Gunsten ausfällt. Mir scheint der Schritt aus dem Rollstuhl, so erfreulich er zweifellos für den war, der ihn getan hat, ebenso relevant, als stünde dort ein Verweis auf die soundsolange Nikotinenthaltsamkeit, einen gewonnen Skiweltcup oder den Sieg im Bratwürstelwettessen, Gramatneusiedl 1997. Da brauche ich mich gar nicht mehr mit seinen „Positionen“ auseinanderzusetzen. Wenn der größte Stolz eines politischen Aspiranten sich aus seiner eigenen Körperlichkeit ergibt, weiß ich hinreichend über ihn Bescheid. Und dieser Bescheid lautet leider: HBP Hofer wird uns nicht erspart bleiben. Zu perfekt bringt er ein Klima auf den Punkt, dem es nicht genügt, gehen zu können, sondern dafür Anerkennung erwartet. Hofers Stolz auf seine wiedererlangte Gehfähigkeit gedeiht auf demselben Boden wie jene Art von Vegetariern, die nicht nur mit sich zufrieden sind, sondern denen ihre Ernährungsweise gleich zur Selbstzufriedenheit gereicht, die es sozial zu teilen gilt, während sie misstrauisch auf den Teller des Carnivoren schielen, der sie nichts angeht. In einer Welt, der jedes Selfie relevant scheint, ist eine solche Genesungsgeschichte geradezu unwiderstehlich wählbar. Wir sehen uns am 23. Mai wieder.

Freitag, 4. März 2016

Schmeckt aber gut

Verehrte Lesehäschen, es ist Zeit, mit einer Lüge aufzuräumen, die nur zu viele von uns nur zu lange gelebt haben. Diese Erkenntnis ward mir vorgestern zuteil, als ich Anlass hatte, mir über Labskaus Gedanken zu machen. Labskaus ist, für alle Südeier wie mich, eine norddeutsche bis britische Spezialität. Sie läuft auf einen rötlichen Gatsch hinaus, der durch ein optional draufzuklatschendes Spiegelei visuell kaum gewinnt. Ein bisschen wie Mousse au Frolic. Aber: Das Zeug schmeckt gut.
Womit wir beim Thema sind, nämlich bei der abzutötenden Lüge: Das Auge isst mit, heißt es, und das ist ist Unfug.
Wie sollte es auch. Es hat weder Geschmacksknospen noch Geruchsrezeptoren noch haptische Ausrüstung, die mit Essen was anfangen könnte. Das Auge schaut sich Sachen an, und nur zu oft lässt es sich davon aufs Kreuz legen. Und wir leider mit.
Eine Kindermilchschnitte beispielsweise schaut ja wirklich nicht z’wider aus, ist aber, seien wir ehrlich, nicht einmal den ersten Bissen wert, im Vergleich etwa zu „Double Chocolate Mud Cake“, der vage an ungeputzte Stiefel nach einem langen Herbstspaziergang erinnert, aber in diametralem Gegensatz zur Kindermilchschnitte nur optisch. Gerade hier in Österreich sollten wir uns von den angeblich hungrigen Augen nicht ins Bockshorn jagen lassen. Gulasch, Blunzeng’röstl, Hirn mit Ei – Designpreise gewinnen die alle nicht. Selbst ein Tafelspitz mit Erdäpfeln und Apfelkren läuft bestenfalls im Mittelfeld, wenn die Red Dot Awards vergeben werden. Und das, Häschen und Rammler, ist ganz normal und in Ordnung! Schauen wir nach Italien, dem gelobten Land des alltäglich guten Essens – Nudeln mit Sugo sehen köstlich aus, aber nur, weil wir eh wissen, wie gut das ist. Lasagne bittesehr: ein Schöpfgericht mit was Blubbrigem obendrauf.
Etwas anderes – kleiner Exkurs – ist es mit der Haptik. Bekanntlich geht alles, wenn es nur knusprig ist. Am anderen Ende der Skala kann es heikel werden. Ich erinnere mich an eine Spezialität, die ich in Taiwan „unbedingt kosten“ musste: das in Fachkreisen berüchtigte Austernomelett. Auch dieses schmeckt hervorragend, doch der Tastsinn isst sehr wohl mit, weil man den ja auch im Mund hat. Da wird es dann kritisch, wenn man nicht weiß, ob das Schlatzige (besser: Schlaatzige!) jetzt Ei oder Auster ist. Doch ich schweife ab.
„Das Auge isst aber doch mit“, röcheln da hinten welche.
Tut es nicht. Es möchte gern mitessen, weil das so köstlich aussieht. Diese kunstvoll errichtete Torte zum Beispiel. Das Sashimi, mit soviel Feingefühl arrangiert, dass es zum Essen eigentlich zu schade ist. Die perfekten Bratkartoffeln mit ihrer einladenden Kruste. Aber weißt du was, mein Häschen? Das Kunstvolle an der Torte, die Dekormasse (Fondant, wie wir Kenner sagen), ist zuckersüß und sonst nix. Das Sashimi würde nicht anders schmecken, ließe man es aus vier Fuß Höhe auf den Teller flattern. Und die Bratkartoffeln? Die waren eine Falle. Die sind aus Kunststoff.
Ich behaupte: So wie der Valentinstag in erster Linie der Floristikbranche frommt, so wird die Mär vom mitessenden Auge am liebsten von den Herstellern kleiner Spritzfläschchen perpetuiert, mit denen sich Balsamicoarabesken auf den Teller zaubern lassen. Ihr kennt das sicher: Mozzarella, Tomaten, und drumrum so ein dunkelbraunes Geschnörksel, das irgendwie nach Mehrwert im Service aussieht. Das Blöde ist: Balsamicoarabesken kann jede, selbst wenn sie nicht einmal weiß, wo beim Gemüsemesser die gefährliche Seite ist. Und die Arabesken sehen immer super aus, selbst wenn sie Fischstäbchen mit M8-Muttern drin umranken (hatte ich mal im Internat, nur ohne Balsamico). Deshalb, meine liebe flauschige Lesegemeinde: Schmecken wir erst einmal. 
Geschnörksel kann man beim nächsten Mal immer noch drumrum machen.


Freitag, 9. Januar 2015

Klaus, myself and I


Willkommen im neuen Jahr, liebe Lesehäschen! Einer startet leider nicht mit: Klaus 4000, der vier Kilogramm schwere Schokonikolo, den ich bei der Weihnachtsfeier in Empfang zu nehmen die Ehre hatte, weilt nicht mehr unter, sondern in uns. Also nicht ein euch, aber in mir und den Meinen. Deshalb ziehen wir heute Bilanz darüber, wie das Leben mit Klaus 4000 sich gestaltet. Die einen oder anderen haben das Wichtigste schon im Fatzkenbuch mitbekommen, aber auch für euch sind heute bestimmt noch neue Einblicke zu holen.

Zunächst waren Klaus und ich beide sehr überrascht, als wir uns plötzlich vereint sahen. Wir hatten einander zwar schon freundlich angeschaut (er mich) bzw. begehrlich beäugt (ich ihn), ich hatte ihn taxierend betätschelt, er sich schon beinahe lasziv in meine Handfläche geschmiegt – aber dass wir zwei zusammenkommen sollten, hätte doch keiner vermutet.

Bei mir zuhause hat er sich gleich bestens mit allen verstanden. Mir war es fast schon unangenehm, wie er sich an die Damen rangeschmissen hat. Von einem Nikolo hätte ich das, ehrlich gesagt, nicht erwartet. Natürlich musste er dann auch unbedingt mit in den Urlaub fahren. Dort hat er es sich am Fenster bequem gemacht und gewartet, dass es endlich schneit. Hat es dann auch, aber für Klaus 4000 war das der Anfang vom Ende. Vor lauter Freude über den schönen Schnee haben die Damen am 26. Dezember nämlich beschlossen, dass man das jetzt feiern müsse, und zwar nicht mit Sprudel (weil ja eine noch sehr minderjährig ist), sondern mit Klaus. Schon haben sie sich auf ihn gestürzt, ihm Teile seines Stanniols vom Leib gerissen, und dann wollten sie ihm gleich ein Ohr abbrechen. War aber gar kein Ohr, sondern der eingerollte Teil oben an seinem Hirtenstab. Hat sich auch nicht abbrechen lassen, den Klaus 4000 (er ruhe in Frieden) war kein dünnwandiges Kläuschen, wo man mit dem kleinen Finger ankommt und dann fehlt ihm schon die Mütze. Nein, Klaus war ein Nikolo mit Substanz! Wohl hohl, aber erst weiter innen. Deshalb haben die Damen den Schnitzelklopfer geholt. Damit war sein Schicksal besiegelt. Klaus wurde zerdroschen, verzehrt, zu Mousse verarbeitet, in selbstgemachtes Nutella verwandelt (sehr empfehlenswert, Danke an BEEF!), und den Rest haben wir einfach so gegessen. Die Hälfte der Bodenplatte ist noch übrig, aber ich glaube kaum, dass die das Wochenende überleben wird.

Fazit: Klaus 4000 war ein wunderbarer Hausgenosse und wird uns sehr fehlen. Ich kann nur hoffen, dass mir das Christkind heuer wieder so einen tollen Freund bringt, *zwinker*!