Freitag, 5. Juni 2020

Lieber arm und gesund

Interessanter als die Dinge, die es gibt, meine lieben Lesehäschen, sind ja bisweilen die, die es nicht gibt. Zumindest noch nicht. Deshalb ist der berühmte Hello-Kitty-Vibrator, den es seit Langem gibt, zwar nett. Aber viel cooler wären eine Versace-Zahnspange, ein Boss-Beatmungsberät oder was Schickes, damit auch beim Blutdruckmessen für Herrn Strache alles gucci läuft. Gerade mal Brillen gibt es von Luxusmarken, aber sonst ist im Gesundheitsbereich für Leute, die sich auch mal was gönnen können, total Ebbe. Warum eigentlich?
Denn wir haben ja alle unseren Donald Duck gelesen und glaubten daher zu wissen, was man als Milliardär so treibt: Geldspeicher putzen, jeden Morgen ein erfrischendes Bad in den Talerchen, dazwischen im Entenhausener Milliardärsklub abhängen – das hält frisch und kregel bis ins hohe Alter! (Wer das Wort „kregel“ nicht kennt, hat zu wenig Wilhelm Busch gelesen und erfährt hiermit: Es heißt so viel als munter oder lebensfrisch).
Ja, so haben wir uns das vorgestellt. Die Wahrheit ist, wie so oft, ernüchternd. Milliardär sein ist nämlich das, was früher die Gicht war: eine Krankheit der Reichen. Milliardäre erfahren täglich aufs Neue, dass die besten Dinge im Leben wohl gratis sind, aber deshalb leider auch kein Preiszetterl haben, sodass man sie nicht kaufen kann. Dazu gehört, herrje, die Gesundheit. Nun ist es zwar schwierig, belastbare Daten über die Verfassung von Milliardären zu beschaffen, schon allein deshalb, weil es nicht so viele von ihnen gibt. Aber was wir von ihnen wissen, lässt für uns arme Schlucker Schlimmes vermuten. Erst kürzlich wurde ein Sample über den Gesundheitszustand der Creme unserer wirtschaftlichen Leistungsträger gezogen, indem nämlich Johann Graf, Heidi Horten und Gaston Glock vor den sogenannten Ibizaausschuss geladen wurden. Und was geschah? Keiner der drei war einer Befragung gewachsen. Alle ließen sich aus gesundheitlichen Gründen entschuldigen. Meine Fresse! Dabei ging es ja nicht um eine hochnotpeinliche Befragung, die mit dem Vorzeigen der Instrumente anhebt und, wenn es schlecht läuft, mit haltlosem Wimmern endet sowie mit dem Eingeständnis, dass man Jimmy Hoffa im Garten verbuddelt hat. Vielmehr hätten sie nur ein paar Fragen beantworten sollen, und das sogar im Sitzen, wenn sie höflich darum gebeten hätten.
Aber nein, das ging nicht. Es wäre ihnen echt zuviel gewesen, sorry, mir geht’s gerade nicht gut, Leute, vielleicht ein andermal.
Man kann nun einwerfen, dass Herr Milliardär Glock 90 ist, Frau Milliardärin Horten 79 und Herr Milliardär Graf 73. Man darf darauf aber auch erwidern, dass der Vater eures Kolumnators 77 ist und auf seinem Rennrad regelmäßig eine durchaus nennenswerte Anzahl von Höhenmetern besiegt. Und der ist Kassenpatient, im Gegensatz, das unterstelle ich jetzt einfach, zu Frau Horten und Herrn Graf.
Tja, der Milliardär hat’s schwer. Während der dahergelaufene Gehaltsempfänger bei Fieber schon mal ein Neocitran einwirft und den Arbeitstag halt durchdruckt (danke an alle, die das nicht tun), sind die armen Reichen (sorry, musste sein) durch die Bank dermaßen bedient, dass selbst die besten Ärzte Österreichs (die ihnen zweifellos gerne zur Hand gehen) sie nicht für ein kleines Frage-Antwort-Spiel fitspritzen konnten. Dabei gelten in Untersuchungsausschüssen nicht einmal Dopingregeln, oder?
Angesichts dieser grassierenden Bresthaftigkeit unter den Besserbetuchten ist es mir völlig unverständlich, dass die großen Labels dieses Feld nicht beackern. Wer sich zum Beispiel in Willi Bogner gehüllt am Arlberg den Haxen bricht, sollte doch die Möglichkeit haben, die Fraktur in einem schönen Gips von Dior zu kurieren. Und wenn es Prada-Brillen für Schasaugerte gibt, dann bittesehr auch einen Hermès-Rollator, damit sich der früh gealterte Milliardär zum Untersuchungsausschuss schleppen kann. In diesem Sinne: Schönes Wochenende!

Freitag, 29. Mai 2020

Mit Maß, ohne Ziel

Man kann, o bildungsbeflissene Lesehäschen, in gelockerten Zeiten nicht nur locker ein Bierchen trinken (vielleicht nicht gerade im Anzi, denn so, wie es dort dieser Tage zugeht, fehlt nur ein Superspreader, um die Schleifmühlgasse ins nächste Kitzloch zu verwandeln), nein, man kann auch wieder einmal was dazulernen. Heute widmen wir uns, und ich weiß auch nicht, warum ich dabei an unsere Bundesregierung denken muss, der Hybris. Wer im Gegensatz zu eurem Ergebenen klug genug war, nicht Altgriechisch zu wählen, dem sei auf die Sprünge geholfen: Die Hybris ist die Vermessenheit, infolge derer der Mensch sich gegen die Götter auflehnt. Um den jungen Menschen vor Vermessenheit zu bewahren, wurde das Textbeispiel erfunden. Angeblich soll es eine Brücke zwischen Lebenswirklichkeit und zu übenden Rechenoperationen schlagen, tatsächlich aber dient es der Vertiefung transzendentaler Sachverhalte.
In der Volksschule ist das noch einfach: Du hast eine Torte, die Mama schneidet sie in zwölf Stücke, von deinen fünf geladenen Gästen dürfen zwei keine Torte essen, weil Nüsse drin sind, wieviele Stücke bleiben übrig? Schon hat der kleine Fresssack gelernt, dass Völlerei der Planung bedarf.
Auch in der Oberstufe ergeben sich Textbeispiele wie von selbst: Ein Mathematiker sitzt im Lockdown und langweilt sich. Weil er nichts richtig Mathematisches forschen will, rechnet er im Kopf die Maturaaufgaben von vor zwanzig Jahren nach: Einer Kugel wird ein Würfel eingeschrieben, diesem wieder eine Kugel, und so ad inf. Berechne das Volumen … und so weiter.
Am interessantesten ist es aber dazwischen, mit Aufgaben wie dieser: „Ein Händler gewährt auf einen Fernseher 8 % Rabatt. Dieser beträgt 55 Euro. Wie hoch war der ursprüngliche Preis?“ Das hat offensichtlich nicht das Geringste mit der Preisauszeichnung im Mediamarkt zu tun, wo man mit solchen Rätseln garantiert keinen Riss machen könnte, aber sehr viel mit der elementaren Ungewissheit, in die uns die Frage stürzt, ob wir jetzt ein gutes Geschäft gemacht haben. Wir werden es nie erfahren. Uns bleibt nur die Entsprechung von 8 % und 55 Euro. Aber was kriegt man heutzutage schon für 55 Euro?
Vollends deutlich wird der wahre Zweck an Textbeispielen wie diesem: „Eine Säule mit quadratischer Grundfläche soll verfliest werden. Gegeben sind die Höhe der Säule und das Volumen. Berechne, wie viele Fliesen benötigt werden.“
In der Geschichte des Heimwerkertums war niemand jemals mit einem solchen Problem konfrontiert. Wie auch? Du misst ja nicht die Höhe, stemmst dann die Säule heraus, legst sie ins Wasserbad, bestimmst anhand des gestiegenen Wasserspiegels das Volumen und berechnest dann die Dicke.
Sinn ergibt dieses Textbeispiel erst, wenn wir es als Gleichnis im biblischen Sinne lesen:
In deinem Häschenbau steht eine solche Säule. Wie es in Coronazeiten schon so geht, denkst du dir, Fliesen wären eine gute Idee. Du misst die Höhe und schickst dich an, den Zollstock anzulegen, um die Dicke zu messen. Doch das wäre – na? Genau! Das wäre vermessen! Die Natur und auch die aus ihr entstandene Säule ist nicht dafür da, dass du dich messtechnisch an ihr zu schaffen machst. Um deiner Hybris einen Riegel vorzuschieben, erscheint vor dir eine menschenähnliche, aber von innen golden leuchtende Gestalt, die möglicherweise Flügel hat. Mit donnernder Stimme spricht sie also zu dir: Halt ein, vermessener Vermessender! Das Volumen der Säule beträgt 192 Kubikdezimeter. Die Höhe ist dir bereits bekannt. Berechne die Dicke und daraus die Oberfläche. Nun gehe hin und miss fortan nicht mehr.
Soviel zum tieferen Sinn von Textbeispielen. Schönes Wochenende!


Freitag, 22. Mai 2020

Wahlkampf


O allzu distanzierte Lesehäschen, euer treuer Kolumnator kennt sich nicht mehr aus. Wie dieser Tage der Presse zu entnehmen ist, wackeln anscheinend Wahltermine im Herbst. Denn es sei nicht gewährleistet, dass die Wahlberechtigten sich mit hinreichenden Informationen über die wahlwerbenden Parteien versorgen könnten, um eine qualifizierte Entscheidung zu treffen. Das ist Expertensprech für: „In Coronazeiten kann man keinen ordentlichen Wahlkampf führen.“ Darauf kann ich als Teilzeitexperte für alles, was sonst keinen interessiert, nur erwidern: „Habt ihr in letzter Zeit mal Nachrichten geschaut?“
Mindestens ein Parteihäuptling tut offensichtlich seit Anfang März nichts anderes als wahlzukämpfen. Allein der schöne Auftritt im Kleinwalsertal entschädigt für so manches, vom traurigen Papstsegen im Lockdownmodus bis zum Ausfall der Seeprozession in jenem Hallstatt, das zwar – auch interessant – weit mehr chinesische Touristen zu verzeichnen hatte als jedes andere Dorf der Welt, einschließlich chinesischer Dörfer, bis heute aber keine einzige Covid-Infektion.
Unser Bundeserlöser, das ist ja auch nicht unwichtig für einen Politiker, hat einfach ein glückliches Händchen dafür, im Grünen mit dem Wahlvolk Kontakt aufzunehmen. Unvergessen ist sein Ausflug im Juli 2019: Sebastian Jessasmaria Kurz wollte nur ein bisschen wandern, um sich von der Last des Nichtregierens abzulenken, und hastunichtgesehen, schon waren 800 treue Mitwanderer da, die ihm dabei Gesellschaft leisteten, eine Ruhe zu haben. In Wirklichkeit waren es, wir erinnern uns, nur 40, aber das war keine Übertreibung. Vielmehr wusste der nachmalige Erlösekanzler schon damals, dass uns einst das Distancing blühen würde. Wo heute 40 in seinem Namen beisammen sind, zählen sie ungeschaut für 800, und das war damals nicht anders.
Der große Unterschied zwischen der Bergpredigt 2019 und dem Virenkreuzweg 2020 liegt darin, dass Kurz damals nicht Kanzler war und großen Wert darauf legte, dass er sich auch nicht wahlkämpferisch betätigte, sondern sich einfach unschuldig (auch dies im Sinne Jesu: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht das Kanzleramt erlangen!) darüber freute, dass so viele Kumpaninnen und Kumpane mit ihm fürbass schritten. Heute hingegen ist er sehr wohl Kanzler, hat aber sich und uns die Peinlichkeit erspart, zu behaupten, dass die Coronakrise ihm kein willkommener Anlass sei, die Wiederwahl zu sichern. Man sieht daran, dass man durch Schweigen nicht nur lügen kann (indem man es unterlässt, eine bestehende unrichtige Auffassung zu korrigieren), sondern auch die Wahrheit sagen.
Ich für mein Teil sehe keinen Grund, irgendwelche Wahltermine zu verschieben. Es sollten sich halt die anderen Politikerinnen und Politiker ein Beispiel nehmen und sich ebenfalls bemühen, über ihre Ansichten und Ziele so zu informieren, wie Kurz das tut, wenn er zum Beispiel den Kleinwalsertalern großherzig verzeiht, dass sein Besuch schlecht vorbereitet war. Wenn sich die anderen da nur ein bisschen mitspielen, traue ich mir allemal zu, am Wahltag ein entschlossenes Kreuzchen zu malen.
Schönes Wochenende!

Freitag, 15. Mai 2020

Viel reden hilft viel

Es ist, o teure Lesehäschen, alles ganz einfach. Also, nicht ganz einfach. Aber ziemlich einfach. Das danken wir unserem lieben Herrn Bundeskanzler, der für uns alle darauf schaut, dass wir uns unsere (also vor allem eure, ihr unwiderstehlichen Flauschebällchen! Denn euer Kolumnator glänzt nur bedingt durch äußere Schönheit.) – dass wir also unsere hübschen Köpfchen nicht durch unnötiges Nachdenken überstrapazieren. Nicht umsonst zitiert der nicht genug zu schätzende Herbert Z. so gern: „Denken heißt zum Teufel beten!"

Daher steht es dem Chefchen einer Partei, die sich weiterhin „dem christlich-humanistischen Menschenbild verpflichtet“ sieht, wohl an, die Denkwerkzeuge seiner Schäfchen zu entlasten, wo es nur geht.

Denn einst wollte der Politiker seine Zuhörer durch wohlgesetzte Worte von seiner Sache überzeugen. „Nothing but blood, toil, tears and sweat“,  so verhieß Churchill einst seinen Zuhörern, werde ihnen der Kampf gegen Hitler bringen, und es war genug.

Unser Bundeserlöser seinerseits (hier muss ich einen zu Unrecht wenig bekannten Text des viel zu früh, wenn auch kaum überraschend verstorbenen Werner Kofler empfehlen: Erlösergebärerinnen im Gespräch, ein schönes Stück Bosheit, das man sich beim Lesen leicht auf Sebastian ummünzen kann, wenn einem der Sinn danach steht.), unser Bundeserlöser seinerseits will den Zuhörer keineswegs überzeugen, sondern ihn mit Blabla so lange niederknüppeln, bis das Denkwerkzeug sich geschlagen gibt. So jüngst auf die Frage, ob es im Kleinwalsertal schwierig gewesen sei, den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand einzuhalten:

„Bei der Veranstaltung war es nicht schwierig,

weil wir eine große Halle hatten

zwei Meter Abstand hatten

uns in Kleingruppen nur getroffen hatten

zwei Runden gemacht haben, damit nicht alle gleichzeitig in diesem großen Saal waren.

Und da sind wir zu zwölft gesessen

mit über zwei Meter Abstand zwischen den Personen“.

Auf die Frage, ob ihm Eigenverantwortung oder staatliche Kontrolle wichtiger sind:

„Ich hab eine Videokonferenz gehabt

mit über tausenden Wirten,

die allesamt eigentlich sehr positiv sind,

die ihren Beitrag leisten wollen,

die natürlich arbeiten wollen,

mit dem Gast arbeiten wollen,

ihren Job machen wollen,

aber natürlich auch die Sicherheitsvorkehrungen einhalten wollen.“

Spätestens nach dem dritten Halbsatz ist man dermaßen zu Tode gelangweilt, dass einem die Demokratie auch schon wurscht ist, Hauptsache, man muss nicht mehr solchem Geschwafel lauschen. Wollte Herr Kurz uns davon überzeugen, gegen ein menschenverachtendes Regime ins Feld zu ziehen, dann würde er wohl sagen:

Wir haben eine gute Zusammenarbeit,

und wir sind mit dem Koalitionspartner uns einig,

weil wir gute Gespräche geführt haben mit den Verantwortlichen,

die alle sehr positiv sind, dass wir gemeinsam Blut spenden werden,

Schweiß spenden werden

auch gemeinsam Tränen spenden werden,

aber natürlich nicht alle gleichzeitig,

weil die Übertragung durch Körperflüssigkeiten tunlichst zu vermeiden ist,

da schauen wir auch in der Regierung sehr drauf

… und dann wäre Europa eh schon unterjocht. Schönes Wochenende!

Freitag, 8. Mai 2020

Reue

Schon wieder, o teure Distanzlesehäschen, sind gleich drei Wochen nur so verflogen! Der geübte Prokrastinator findet ja im Lockdown so recht zu sich selbst. Freilich müssen die Umstände dafür auch die richtigen sein. Wie letzte Woche schon angedeutet, ist es zum Beispiel nicht jedem gegeben, sich mit GNTM die Zeit zu vertreiben. Euer Kolumnator zum Beispiel assoziiert den Namen der Kandidatin Maribel aus rätselhaften Gründen mit einer Frischkäsemarke, und diese wieder mit dem, was aus dem eigenen Gehirn wird, wenn man lange genug nicht nur GNTM, sondern die folgende Dokumentation über die Hintergründe des GNTM-Geschehens auf sich wirken lässt, die in der GNTM-Sendung selber nicht hinreichend gewürdigt werden können – wie der faule Diplomand auch heute noch gern schreibt: Das würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.
Andere kommen aus anderen Gründen nicht so viel zum Tachinieren, wie sie gerne würden. Manchmal wirkt hier ein Druckfehler erhellend, wobei „erhellend“ hier nur heuristisch, keineswegs aber moralisch zu verstehen ist, blickt man doch in jenen charakterlichen Abgrund, den das Coronabeben in einem bisher unauffälligen Menschen aufreißen kann. Es ging um einen – im Zivilberuf – Plattenladenbetreiber, der dem Plattenverkauf natürlich nicht nachgehen konnte. Was tat er stattdessen, so der Standard?
Etwas Schlimmes: Er bereute als Hauslehrer seine beiden Kinder.
Weit ist es gekommen! Früher waren Kinder unsere Zukunft, jetzt sind sie es immer noch, aber möglicherweise eine sehr kurze, wenn man nämlich zur Risikogruppe gehört und das Balg symptomfrei überträgt. Kein Wunder, wenn die Reue nicht weit ist.
Was tut man, wenn man keine Fortpflanzung zu bereuen hat? Wenn man den sozialen Medien glauben darf, gibt es zweieinhalb große Betätigungsfelder.
Das halbe ist die Erzeugung von ursuperen und voll professionellen Videos, die zeigen, was man zuhause für lässige Sachen machen kann, mit Stop-Motion, gemeinsamem Gesang und weißichwasalles – ganz ehrlich: Wem im Lockdown so schnell so fad wird, dessen Bekanntschaft entbehre ich gerne.
Die beiden ganzen Betätigungsfelder sind Sauerteigmanschen (eher männlich, und ja, auch euer Ergebener hat da seine Finger im Spiel) und Haarefärben (eher weiblich, auch hier durfte der Zweckdichter niedrige Hilfsdienste leisten).
Wenn man für beides zu faul, zu eitel (zu uneitel) oder zu glutenintolerant ist, springt man einfach auf den dritten großen Trendzug auf und ignoriert sein Haupthaar. Nämlich haben wir eine große Lüge gelebt, indem wir uns um Haarpflege bemühten. Viel gesünder, so haben es uns ja auch alle großen Friseurentbehrer von Robinson Crusoe abwärts vorgelebt, ist es, mit seinen Haaren einfach gar nix zu machen. Also, Kämmen oder so, das schon, aber sonst: einfach abwarten. Nach zwei Wochen sind die Haare gesund wie Nusskerne. Wenn der Lockdown noch lange genug dauert, erlangen sie ein Bewusstsein und beherrschen irgendwann Kreuzstichstickerei und Kurvendiskussion. Das werden herrliche Zeiten.
Bevor wir zum Schluss kommen, noch eine Frage: Warum hat die Wendung sich die Haare wachsen lassen zwei völlig konträre Bedeutungen? Da kennt sich ja keiner aus. In diesem Sinne: Schönes Wochenende!

Freitag, 17. April 2020

Something completely different


Kann sich noch jemand an die Zeiten erinnern – nicht an die Zeiten, da wir so lauschig beim Wirten saßen oder keine Bedenken hatten, von der Polizei belästigt zu werden, nur weil wir draußen waren – sondern an jene Zeiten, als „die Krise eine Chance“ war? Misstrauische Misanthropen sahen sie freilich schon damals als Chance, bullshit artists umweglos zu agnoszieren, nämlich als jene, die uns die Krise als Chance auf noch irgendwas anderes verkaufen wollten.
Das soll freilich nicht heißen, dass es an der aktuellen Lage nichts Positives zu finden gäbe. Das Zweckdichterbalg zum Beispiel findet den Lockdown rundum gucci – man darf länger schlafen, muss kaum bis gar nicht mit ungeliebten Mitschülerinnen interagieren, jeden Abend ist Fernsehabend, und die Bewegung an der frischen Luft ist auf das kurzseitig verordnete Minimum beschränkt.
Aus Vatersicht bleiben freilich Kritikpunkte offen. Nämlich kann „Fernsehabend“ auch „GNTM-Abend“ bedeuten, wenn man Pech hat und es Donnerstag ist. GNTM ist, für alle beneidenswert Ahnungslosen, zwar zunächst ganz lustig (besonders dann, wenn man mit teeniehafter Kaltschnäuzigkeit betreffend die Wünsche und Hoffnungen der zur Schau gestellten Jungmädchen gesegnet ist). Schon bald erschöpft sich aber der Reiz der Sendung, der vor allem darin besteht, dass obgedachte Jungmädchen im Wege fantasievoller Aufgaben gequält werden, denen sie sich bereitwillig unterziehen, obgleich diese nicht das Geringste mit den üblichen Tätigkeiten eines Models zu tun haben. „Heute müsst ihr eine Rede halten“ – man ist erstaunt, dass nicht einmal Hexe Heidi dabei in schadenfrohes Gelächter ausbricht.
Wie gesagt, ein Weilchen ist es lustig, es beschleicht einen aber bald das Gefühl, dass hier so manche Chance auf gepflegte Fernsehunterhaltung mit Füßen getreten wird. Denn warum bei „Redehalten“, Unterwassershooting oder Haareschneiden stehen bleiben? Es gibt so viele unterhaltsame Bewerbe, die womöglich noch weniger mit Modeln zu tun haben als Redenschwingen, zum Beispiel:

Stricken 
Pfahlsitzen (dafür gab es bis 2003 sogar eine Weltmeisterschaft)
Buchtelnbacken für Starfotografen
Aufsatzschreiben
Nachdenken (hier bitte ein Crossover mit jenem zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Radiobewerb, in dem Stermann und Grissemann den Top-Philosophen suchten)

Und so weiter. Kurz: Hier wird Unterhaltungspotenzial leichtfertig verschenkt! Selbst das Nacktshooting ist ja von erstaunlicher Reizlosigkeit geprägt, wie hübsch wäre es stattdessen, den Frauen beim Autogenschweißen (Flashdance, schau oba!), Kunststopfen oder meinetwegen auch Rachenabstrichnehmen zuzuschauen!
Und das ist erst der Anfang. Wer hat gesagt, dass es nur um Models gehen darf? Mit etwas Glück verschönern wir uns noch viele Lockdownabende mit Sendungen, in denen der Top-Irgendwas sich beweist, indem sie oder er irgendwas ganz anderes tut. Der nächste Top-Texter sitzt in der Makrameeklasse, die nächste Top-Fotografin bringt ihrem Hund ein Kunststück bei, die nächste Top-Unternehmensberaterin putzt Fenster so perfekt, dass man sie kaum mehr sehen kann, und der nächste Top-Kanzler legt seine politische Vision dar.
Schönes Wochenende!

Freitag, 10. April 2020

So nah und doch so fern

Die Welt ist klein geworden, o teure und trotz geschrumpfter Welt nun allzu ferne Lesehäschen. Das hat nichts damit zu tun, dass man nun mit Menschen von Angesicht zu Angesicht plaudert, die weit, weit weg von dir sitzen. Denn das bedeutet nicht, dass die Welt klein geworden wäre, sondern nur, dass du nicht hinaushoppeln darfst.
Hingegen ist der Horizont mittlerweile doch sehr eng, wie ich euch als beflissener Zeitungsleser mitteilen muss.
Es ist noch gar nicht so lange her, da hatte die Zeitung meiner Wahl einen Teil namens „International“, und darin stand, was anderswo in der Welt so abging.
Heute hingegen eröffnete dieser Teil mit einer halben Seite über Joe Biden. Man blättert um und sieht: eine Doppelseite darüber, wie die österreichische Regierung von Sebastian „Ich weiß Bescheid, aber ich bin so viel kompetenter als ihr, dass ich euch nicht verraten darf, was nächste Woche passiert“ Kurz abwärts sich im Krisenmanagement macht.
Das ist sehr eng gegriffen, n’est pas? Wenn es wenigstens um das Krisenmanagement der Vorarlberger Landesregierung ginge, dann fänden wahrscheinlich große Teile der Leserschaft nicht viel dabei, das unter „International“ abgehandelt zu sehen. Aber der Ballhausplatz?
Dazu gab es ein bisschen Krisenmanagement anderwärts, einen kleinen Artikel über Syrien, und sonst nicht viel. Zurück zur Coronakrise in Österreich. Wir sind offenbar so distanziert nicht nur von unseren Nachbarn, sondern von der Welt, dass es für uns relevanter ist, wie der fünfundzwanzigste Journalist mit Homeschooling klarkommt und die zweiunddreißigste Journalistin ihre innere Schweinebitch besiegt und täglich brav auf dem Balkon trainiert, als: Wie andere Länder klarkommen. Gibt es was Neues aus New York? Aus Beirut? Paris? Bangkok? Tokio?
Anscheinend nicht, und das ist erst der Anfang. Denn in ein paar Wochen werden nur die Singles unter euch einstweilen noch verträglichen Häschen weiterhin auf eigenen Beinchen die Weiten der eigenen Wohnung erkunden. Wer aber seinen Bau mit anderen Häschen teilt, der wird dann Bulletins aus fernen Gegenden erhalten: Wie zum Beispiel die Sonne zum Kinderzimmerfenster hereinscheint. Wie im Wohnzimmer das Kleinklima so ist.
Unter „International“ werden wir dann lesen, dass der Teppich im Vorzimmer Wellen schlägt. Und so weiter. Denn wer vollzählig auferstehen will (eine ganze Weile nach Ostern, so wie es aussieht, denn um mit drei Tagen Lockdown auszukommen, muss man schon Gottes Sohn sein), der tut gut daran, sich auch im engsten Kreis zu distanzieren. Die wenigsten Familien sind dafür gemacht, sich 24 Stunden am Tag liebzuhaben. Deshalb: Ab mit der einen ins Schlafzimmer, mit der anderen ins Wohnzimmer, und wo halt Platz ist. Da freut man sich dann, wenn man Nachrichten aus Räumlichkeiten erhält, die man schon lange nicht mehr gesehen hat! Je nach Belegdichte sollten Schlüsseltechnologien wie die Toilette (Schüsseltechnologie, haha!) allgemein zugänglich bleiben oder zumindest rotierend belegt werden, sodass man sich dazwischen mit einem Kübel behelfen kann.
Wer weiterhin heile Familie spielen will: Wünsche Glück! Im Normalfall ist der Hüttenkoller vorprogrammiert, und wer das Monopolyspiel noch nicht entsorgt oder dem missliebigen Nachbarn untergeschoben hat, der hat sich das mittelfristige Blutbad selber zuzuschreiben. Schönes Wochenende!