Freitag, 27. April 2018

Werbeabgabe

Manchmal, o Häschen, fragt man sich schon. Ein Coach (oder heißt das eine Coach? Eine Coachette? Eine Coachin? Hilfe!) namens Jenny Simanowitz hat im Standard erklärt: 1956 habe ein Soziologe namens Erving Goffman erstmals behauptet, dass jede Kommunikation "eine Performance" sei. [… ]Goffman vergleicht unsere tägliche Kommunikation mit einer Serie von Theaterauftritten, jeder mit seiner eigenen Kulisse, Fassade und Darstellung. 
Und das war 1956 neu und bahnbrechend? Man muss nicht Shakespeare bemühen (All the world’s a stage, and all the men and women merely players), man kann aber. Oder Machiavelli: „Einem Fürsten ist daher nötig, den Menschen und das reißende Thier spielen zu können.“ Er muss „nicht die vorhin beschriebenen Tugenden haben, wol aber das Ansehn davon“.
Wir müssen die Wirkungsgeschichte Macchiavellis nicht durch die nächsten vier Jahrhunderte verfolgen, um einzusehen, dass Erving Goffman vielleicht ein wichtiger Soziologe, die Auffassung von Kommunikation als theatralischer Handlung aber nicht sein originellster Einfall war. Ein bisschen mehr wäre da schon gegangen, Coach Simanowitz! Ich war ja einst beim Vortrag eines sehr erfolgreichen Texters und Vortragenden, der uns Jungfuzzis nahezubringen versprach, wie das coole Texten leichter von der Hand gehe. Der Vortrag dauerte nach meiner Erinnerung ungefähr eineinhalb Stunden. Ich schwöre, dass der Mann keine einzige Silbe geäußert hat, die nicht, in etwas anderer Formulierung, schon Quintilian in seinem, ja, bahnbrechenden Werk Institutio oratoria aus dem ersten Jahrhundert der aktuell hieramts gängigen Zeitrechnung vorweggenommen hätte. Immer diese vorauseilenden Plagiatoren! Der Erfolgstexter hatte sich aber immerhin die Mühe gemacht, Quintilians Tipps in bullshitbingokompatibles – nun ja: Wording zu kleiden. Während Frau Simanowitz halt einfach davon überzeugt ist, dass Erving Goffman der originellste Kopf war, seit Odysseus sich das mit dem Pferd ausgedacht hat. Ich weiß nicht, wieviel Coaching ich mir da einpacken lassen würde.
Nun zur Werbung: Die Werbeabgabe kann endgültig abgeschafft werden, weil es nämlich gar keine Werbung gibt. Ein Sprecher der Coca-Cola Company hat erklärt, das Unternehmen schalte Inserate, TV-Spots etc., um Konsumentinnen und Konsumenten vor der Kaufentscheidung zu informieren, Klarheit zu schaffen und den Absatz zu erhöhen. Es geht also gar nie um Werbung, sondern IMMER um Information.
Naja, fast. Genaugenommen war es ein Sprecher des Innenministeriums, der in Herrn Sobotkas Namen zum Thema Wahlwerbung verkündet hat, man wollte Wählerinnen und Wähler vor der Wahl informieren, Klarheit schaffen und die Wahlbeteiligung erhöhen. Deshalb ist es vollrohr okay, wenn staatliche Stellen Geld für Inserate, TV-Spots undsoweiter ausgeben. Es handelt sich ja nicht um steuerlich finanzierte Werbung, sondern um Information. Na dann.

Freitag, 20. April 2018

Wir Muggel

Dass es zwischen Himmel und Häschenbau mehr Dinge gibt, als die Schulweisheit sich träumen lässt, ist ja hieramts bestens bekannt. Dass das nicht zuletzt für die Medizin gilt, davon kann jede ein Lied singen, die irgendwann einmal in einer österreichischen Häschenambulanz war. Natürlich gibt es solche und solche, und wenn man Glück hat, gerät man in eine Ambulanz, die nach dem Prinzip Nutzt’s nix, schadt’s nix von einem Energiering beschützt wird. Nun hat unser Herr Vizekanzler vor laufenden Kameras die Vorgehensweise, einen solchen Energiering aus Steuergeldern zu finanzieren, in einer Weise verurteilt, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Ich hege den starken Verdacht, dass er uns damit Sand in die Augen zu streuen versucht. Die Hinweise sind erdrückend!
Erstens haben wir uns ja bereits damit befasst, wie „Stannis“ Strache seinem innerparteilichen Konkurrenten Hofer eins reingewürgt hat, indem er ihn nicht von der aus Geldern des freiheitlichen Parlementsklubs bezahlten „Mystikerin“ (netteres Wort für Hexe) magisch beschützen hat lassen. Stattdessen hat er Hofer ins Feuer eines Fernsehinterviews mit Frau Thurnher geschickt, die, das hat Hofer deutlich gespürt, den bösen Blick gegen ihn angewandt hat, um seine Wahl zum Bundespräsidenten zu hintertreiben. Erfolgreich, wie wir heute wissen!
Zweitens wird kein vernünftiger Mensch annehmen, dass Herr Strache es sich all die Jahre angetan hat, abwechselnd den Burschenschaftern, den Wehrsportlern, den Serben, den Neonazis und auch ganz schlicht den Nicht-ganz-zu-Ende-Denkern, ähem, nach dem Maul zu reden, um schließlich Bundesminister für Sportrauchen zu werden. Das kann es doch nicht gewesen sein!
Drittens gibt es (seit dem betrüblichen Ableben Helmut Schmidts) nur noch eine einzige medial präsente Figur, die ohne Imagebeeinträchtigung rauchen darf, nämlich Gandalf.
Mithin ist klar, dass Strache weiterhin nach den Sternen steuert. Er will offensichtlich Zaubereiminister werden. Wir Muggel dürfen davon natürlich nichts merken, deshalb die Verurteilung des Energierings. Aufmerksamen Lesern von Harry Potter sind solche Taktiken geläufig, denn dort lernen die Kinder schon in der Schule, dass bei Hexenjagden niemals echte Hexen ins Netz gehen, weil diese ja qua Hexerei ohne weiteres imstande sind, sich der Verfolgung zu entziehen. Auch die Selbstverständlichkeit, mit der wir Österreicherinnen und Österreicher binnen weniger Jahre vergessen haben, mit welchem Karacho die Blauen den Karren schon einmal gegen die Wand gefahren haben, ist nur durch einen entsprechenden, großflächig angewandten Zauber zu erklären.
Wer übrigens meint, dass der Energiering, wenn schon keine magische, so doch zumindest eine Wirkung als Placebo entfalten könnte, dem steht eine Enttäuschung bevor, die ich gerade hinter mich gebracht habe: Der Placeboeffekt gilt, bis auf wenige punktuelle Anwendungsfälle, seit etwa fünfzehn Jahren als widerlegt. Die starke Überschätzung des Placeboeffekts ist anscheinend dadurch entstanden, dass klinische Studien die sogenannte Regression zur Mitte nicht berücksichtigt haben, also den Umstand, dass viele Beschwerden von Schnupfen bis Depression von selber besser werden. Und weil du dir was reinpfeifst, wenn es dir am miesesten geht, ist die Chance dann auch am höchsten, dass ein Effekt eintritt, ob du jetzt einen Wirkstoff nimmst, ein Placebo oder gar nichts.
Soviel dazu. Wer also in Zukunft etwas vom Herrn Rauchereiminister braucht, der vergesse nicht, wie das Zauberwort heißt: Simsalabim!

Freitag, 13. April 2018

Integration

Es ist, o Häschen, alles sehr kompliziert. Zum Beispiel gibt es ein hübsches Sujet in einer aktuellen Kampagne, mit welcher die Stadt Wien bewirbt, wie super sie ist. Darauf sieht man eine Dame, die im Kunsthistorischen Museum den Turmbau zu Babel kopiert, mit der Headline Malen wie in Florenz. Leben wie in Wien. Da kenne ich mich jetzt nicht aus. Dass Malen etwas Schönes ist, will ich als Zehn-linke-Daumen-Träger unbesehen glauben. Aber wieso Florenz? Schließlich hat Bruegel sein Bild in Antwerpen gemalt. Wäre es nicht einfacher gewesen, ein Werk zu zeigen, dass in Florenz entstanden ist? Mein Gefühl sagt mir, dass es im Kunsthistorischen ein paar davon gibt. Oder Antwerpen statt Florenz zu schreiben? Oder haben sich die Entscheidungsträger gedacht, Florenz ist irgendwie mit Kunst, und der Turmbau ist super, also nehmen wir beides? Nämlich nach dem bekannten Schweinsbraten-und-Schokoeis-Prinzip. Ich fürchte, ja.
Ein weiteres Rätsel gibt die aktuelle Diskussion um die verpflichtenden Deutschkurse auf. Ich hege ja auch den Verdacht, dass der Gesetzesentwurf unausgegoren ist, und nicht nur aus demselben Grund, aus dem du misstrauisch wärst, wenn Jamie Oliver dir ein „fettarmes Nudelgericht“ serviert.  Stutzen macht aber, welche Bedenken man bei SOS Mitmensch und im Tiroler Landeschulrat trägt: Die Deutschklassen könnten den Integrationsprozess erschweren. Weil der Entwurf nämlich vorsieht, die Förderung den betreffenden Kindern außerhalb des Regelunterrichts angedeihen zu lassen. Nun ist es ja so, dass manche Leute einen Sprachkurs buchen. Die einschlägigen Institute tun sich viel darauf zugute, das Sprachniveau ihrer Klientel korrekt einzustufen und den Unterricht darauf auszurichten, nicht zuletzt dergestalt, dass im preisgünstigeren Gruppenkurs Leute ähnlicher Könnensstufe versammelt werden. Gilt dieser Mechanismus nicht für Kinder? Oder besteht ein Zielkonflikt, indem sich Kinder entweder rasch integrieren lassen (Gemma Billa, Oida!), oder schnell Deutsch lernen (Herr Fesser, aus dem Verhalten von Franz und Gabi meine ich eine inhärente Feindseligkeit zu spüren.)?
Auch das Kopftuchverbot in Volksschulen hat Grübelpotenzial. Ich weiß nicht, ob es gescheit ist, den kleinen Mädchen das Kopftuchtragen zu verbieten. Ich bin allerdings sicher, dass ein Verbot niemals so doof sein könnte wie manche Gegenargumente. So findet Frau Kevser Muratovic, ihres Zeichens Pädagogin und Islamwissenschafterin, man solle auf Basis von Ausnahmen keineGesetze einführen, die für die Allgemeinheit gelten. Hier drängt sich die Frage auf, was Frau Muratovic denn verbieten würde, wenn nicht die Ausnahme. Zum Beispiel sind glücklicherweise auch Menschen Ausnahmen, die ihr Spatzi gern Kindern zeigen. Ich bin aber trotzdem dafür, das Verbot beizubehalten. Der Ausnahmecharakter allein spricht also nicht dagegen, dass kleine Mädchen ihr Kopftuch ebenso wenig herzeigen sollen.
Weiters führt sie kindliche Nachahmung ins Treffen, weil nämlich ihre Tochter manchmal ihr (der Mutter) Kopftuch anprobiert, ebenso wie ihren Nagellack. Sie befürchtet eine Verstörung der kindlichen Seele, wenn dieses alltägliche Kleidungsstück kriminalisiert werde, weil das arme Kleine es in der Schule nicht tragen darf.
Nun ja. Ich kenne etliche Mädchen, die schon begeistert Mamas alltägliche High-Heels probiert haben. Die Mütter waren aber hartherzig genug, sie nicht zur Schule stöckeln zu lassen. Und ich weiß Volksschuldirektionen, die ein beinhartes Nagellackverbot exekutieren. Von Traumata ist nichts bekannt, Langzeitstudien stehen freilich aus. Vielleicht wäre dies ein dankbares Betätigungsfeld für Frau Muratovic?

Freitag, 6. April 2018

Der die das Joghurt

Das Wichtigste, o wohlerzogene Häschen, ist wie immer die Frage nach gutem Benehmen und angemessener Kleidung. Zuerst Letzteres: Aus jugendlich frischen Kreisen ist mir zu Ohren gekommen, dass ein gewisser erfolgreicher Fernsehmoderator, der gerade in einer lustigen Kampagne firmiert, dabei und auch sonst so fesche Anzüge trage. Aus eigenem Ansehen muss ich aber bemerken, dass bei geschlossenem Sakko (bitte auf dem O betonen, wir sind hier in Österreich) sein Hemd deutlich hervorblitzt, weil seine Anzüge nämlich so zu sitzen pflegen, als hätte ihm die Mama anlässlich der Firmung oder Konfirmation seine Konfektionsgröße auf den Hintern tätowieren lassen, den er seither beim Kleidungskauf dem Verkaufspersonal vorweist. Deshalb sind seine Jackets und Hosen alle zu kurz und die Jackets außerdem zu eng. Merke: An einem Sakko von klassisch perfektem Sitz ist ein Knopf geschlossen, und zwischen Knopf und Gürtel zeigt sich nichts Dahinterliegendes. Beim Hinsetzen wird obgedachter Knopf geöffnet. Man achte beim Genuss älterer Filme darauf: Das ist ein Geknöpfel, dass es eine Art hat! Also, Joko W., beim nächsten Mal einfach eine Nummer größer probieren! Und auch nicht auf „Slim Fit“ bestehen, denn das ist Englisch für „sieht ohne Wampe besser aus“.
Doch das sind Oberflächlichkeiten, und der Welt ist es egal, ob Hipster ihren Bauchnabel blitzen lassen.
Nicht egal ist die Sache mit dem Kunststoff (a.k.a. Plastik), und hier geraten wir anscheinend, weil feinmotorisch unterbelichtet, in einen Zielkonflikt, a.k.a. Aporie. Denn auf Joghurtglasetiketten ist seit Neuestem das Ansinnen zu lesen, man möge den Inhalt nur mit Plastiklöffel entnehmen, um Beschädigungen am wiederzuverwendenden Glas hintanzuhalten. Wie bitte, hä und WTF? Dieses Ansinnen ist große Literatur in dem Sinne, dass es mehr interessante Fragen aufwirft als beantwortet. Denn erstens: Wie stellt man es an, ein Joghurtglas bei herkömmlicher Behandlung mit einem herkömmlichen Löffel zu beschädigen? Sind die Löffel der Herrschaften in der Joghurtabfüllfabrik mit Industriediamanten bestückt, dass die auf solche Ideen kommen? Sind die Testesser lauter Schmalspurhulks, die beim Anblick eines Joghurtglases ein sogenannter Gacher überkommt, sodass die Stunden des Glases gezählt sind? Zweitens: Woher kommen die Plastiklöffel, wenn es keine Joghurtbecher mehr gibt, die man zu jenen recyclen kann? Und drittens: Wenn der Normalkonsument mit seinem Löffel im Joghurtglas dermaßen herumräubert, dass das Glas davon kaputt wird, wie lange hält das dann ein Plastiklöffel aus? Wir sind hier wohl einer Heisenbergschen Joghurtrelation auf der Spur, indem man entweder Joghurt umweltfreundlich in Gläser abfüllen kann, die aber nicht mehr recyclingfähig sind, weil zu schwach für normales Besteck, oder aber in Plastikbecher, aus denen dann jene Löffel werden, die man zur Schonung der Joghurtgläser brauchen könnte, gäbe es sie denn. Diese Komplexität darf uns nicht verwundern bei einem Produkt, das nicht nur rechts- oder linksdrehend, sondern auch männlich, weiblich oder sächlich sein kann, je nach Gusto.
Zum Schluss begrüßen wir nach langer Pause endlich wieder ein Feedback der Woche: Kundin A. aus B. wünschte sich anstatt Kaffee putscht auf vom Textchristkind Kaffee hat eine aufputschende Wirkung. Das ist fein, denn schon hast du sie näher kennengerlent und weißt, was in ihrem Leben so abgeht: Ihre Lampe leuchtet nicht, sie hat eine aufhellende Wirkung, die Alarmanlage in ihrem Auto heult nicht, sie hat eine gellende Wirkung, und ihr Hund? Der bellt natürlich nicht. Sondern er hat eine bellende Wirkung.
Schönes Wochenende!

Freitag, 23. März 2018

Vorstellungsrunde

Bald stellen wir ja wieder die Uhren um. Aber in welche Richtung? Merkt euch, o sonnenhungrige Häschen: Im Frühling STELLEN wir die Gartenmöbel VOR das Haus. Alles klar? Genau. Und weil du die Uhr vorstellen musste, ist die Nacht eine Stunde kürzer. Macht aber nix, dafür darfst du eine Stunde eher wieder schlafengehen. Warum tun wir uns das an? Ich glaube, dass der Kapitalismus schuld ist. Einst war es dem Werktätigen irgendwann am Spätnachmittag zu dunkel, und der Chef wollte sich das Petroleum sparen, das die Weiterarbeit ermöglicht hätte. Da ging der Werktätige heim zu seiner Familie und man verbrachte den dunklen Abend damit, einander Gruselgeschichten zu erzählen oder die Bibel aus dem Gedächtnis aufzusagen. Schön!
Doch irgendwann beschwerten sich die Chefs beim Staat, der beschloss die Uhr vorzustellen, und die Sommerzeit war geboren. Seither kann man in der Übergangszeit länger arbeiten und die Kinder schlafen im Sommer schwerer ein. Dafür bietet die Sommerzeit, wie alljährlich in den Medien vermerkt, den Vorteil, dass das Vieh geistig gefordert ist, sich umzustellen. Die dabei ausgeschütteten Botenstoffe machen das Fleisch zarter, wovon die Landwirtschaft profitiert.
In Österreich gab es nach 1948 keine Sommerzeit mehr, weil sie legistisch mit einer Menge anderem Nazikram entsorgt wurde. Erst Kreisky, der Sonnenkönig, besann sich auf das ihm zugeeignete Gestirn und wollte, dass die Bevölkerung dessen sozialistisch wärmende Strahlen länger genieße und nebenbei Energie spare, weil Ölkrise.
Die Sommerzeit zeigt auch, dass der Humor ähnlichen Gesetzmäßigkeiten folgt wie unsere Gestalt. In Bio haben wir ja gelernt, dass der menschliche Embryo laut Ernst Haeckel die Evolution im Schnellvorlauf durchläuft. Er sieht zunächst aus wie jener eines Fisches, dann eines Amphibiums und eines Säugetiers, ehe er unverkennbar menschlich wird. Deshalb könnte einem schon beim Betrachten der ersten Ultraschallbilder (awww!) klar sein, dass hier eventuell ein kleiner Schleimer heranwächst! Da hat Haeckel zwar ein bisschen was dazuerfunden, aber er hat sich immerhin Mühe gegeben.
Die Evolution des Humors verläuft ähnlich. Denn wir wissen ja, dass sich die Leute einst über jeden Schmarren zerkringelt, zerkugelt, weggeschmissen oder abgehaut haben. Die Scherze, mit denen Hans Wurst im Biedermeier zu Lachstürmen hingerissen hat, ziehen heute höchstens noch im Villacher Fasching, der nur deshalb praktiziert wird, damit ein Urmeter nicht des Humors, sondern des Mangels daran existiere, ein absoluter Nullpunkt der Komik, an dem einem das Lachen im Hirn gefriert, sodass dieses Supraleitfähigkeit erwirbt und einem noch vor dem ersten Witz klarwird, dass jetzt Schluss mit lustig sein wird.
Hauptmanns Biberpelz aus etwas späterer Zeit wird heute deshalb als Komödie gehandelt, damit Germanistikseminare sich daran abarbeiten, warum es in einer solchen nicht unbedingt etwas zu lachen geben muss. Es folgten die Varietés der Zwischenkriegszeit inklusive Hendl-den-Kopf-Abbeißern, ehe wir endlich auf dem Höhenkammhumor heutiger Sitcoms ankamen.
Diese historische Humorevolution muss jede von uns im Kleinen durchmachen: Im Kindergarten zerwuzeln wir uns, wenn einer Gacksi! sagt. Unter Volksschülern der 70er und frühen 80 blieb ein Sommerzeit-Scherz ewig jung: Man zog dem anderen die Mütze über die Augen und erklärt dazu: Licht sparen, hat der Kreisky gesagt! Worauf jener empört erwiderte: Du Klomuscheltaucher mit Spaghettiausrüstung!
Und so weiter: Noch vor der Matura tauschen wir lustige Katzenvideos, um dann endlich bei Kleinkunst erster Güte ein humoristisches Happy Ending zu genießen. Ohne Sommerzeit hätten wir das nie erfahren. Schönes Wochenende!

Freitag, 16. März 2018

Gasfilme


Heute, o erlesen motorisierte Häschen, klären wir ein unter unter anspruchslosen Filmfreunden verbreitetes Missverständnis. Denn Menschen, die gern Filme sehen, gibt es ja in zwei Geschmacksrichtungen: Die einen sind in der Wolle gefärbte Cineasten, die jeglichen Hollywoodklassiker mit wachsender Ratlosigkeit verfolgen. Denn sie sind herkömmlichen Erzählkonventionen derart entwöhnt, dass sie mit diesen nichts anzufangen wissen. (Habe ich wirklich einmal erlebt.)

Die andern sind solche wie euer ergebener Kolumnator. Wir schauen schon David Lynch oder Lars von Trier. Wir schauen aber auch Clint Eastwood, Kathryn Bigelow und manchmal sogar deutsche Komödie. (Kürzlich erlebte ich einen ausgesprochen nerdigen Moment der Unzufriedenheit, als der Nerd im Film einen Sprachkurs Elbisch konsumierte und ich mir denken musste: Gut und schön, aber lernt der jetzt Qenya oder Sindarin?)

Als Bier-und-Pizza-Filmkonsumenten, die prägende Seherfahrungen kurz nach 1980 gemacht haben, liegt uns ein obskures Genre auf unerklärliche Weise am Herzen: Autoverfolgungsjagdfilme. Weniger Erfahrene nicken gern, wenn wir das in schwachen Stunden gestehen, und brabbeln was von Fast and Furious.

Weit gefehlt, Herrschaften! Denn weit ausgeholt: Zunächst einmal sind Autoverfolgungsjagdfilme nicht zu verwechseln mit Filmen, in denen eine motorisierte Verfolgungsjagd vorkommt, die dann berühmt wird. Deshalb haben Bullitt oder Ronin hier nichts verloren (obwohl ohne die Mustang-Raserei kein Hahn mehr nach einem Film krähen würde, in dem Steve McQueen thatcheresk durch eine peinlich klischeehafte Hippiewelt stolpert). Vielmehr geht es ausschließlich um Filme, in denen die Verfolgungsjagd selbst den größten Teil des Plots und am besten auch gleich die Hauptrolle übernimmt. Es geht, und hier finden wir Österreicherinnen uns bestens verstanden, nicht darum, irgendwo schnell anzukommen, um die Welt zu retten, einen Bösewicht zu fangen oder ähnlich Zweitrangiges. Es geht ausschließlich darum, schneller unterwegs zu sein als die Bullen in dem Dodge Polara Pursuit hinter dir. Der Rest wird sich finden.

Häschen meiner Altersklasse haben einen entscheidenden Teil ihrer Sozialisation Klamaukperlen wie Smokey and the Bandit (Ein ausgekochtes Schlitzohr) oder Cannonball Run (Auf dem Highway ist die Hölle los) zu verdanken. Gewiss entschuldigt es manchen Irrtum, dass der Schnauzbart von Burt Reynolds in unserer Kindheit gleichberechtigt neben (genau genommen: vor) ihm selbst stand! Leider hat Hal Needham in beiden Filmen bewiesen, dass er als Stuntkoordinator mehr draufhatte denn als Regisseur, indem er sich einem Tieffliegerhumor verschrieb, dem die Jahre nicht annähernd so gut bekommen sind wie der reinen Lehre des schweren Gasfußes und an dem das Image von Dean Martin lange zu kiefeln hatte.

Viel besser haben sich zwei ältere Meisterwerke gehalten: An erster Stelle Vanishing Point (Fluchtpunkt San Francisco), Tarantino-Fans zumindest dem Namen nach aus Death Proof bekannt und in seiner Geradlinigkeit unbedingt des Sehens wert. Und das ebenso großartig tragische Dirty Mary Crazy Larry (in kongenialem Deutsch: Kesse Mary – irrer Larry) immerhin mit Peter Fonda in einer der beiden Titelrollen. Erst viel später konnte einer der größten Filme der letzten zehn Jahre das Vollgasevangelium wieder ähnlich klar verkünden: Dass Fury Road nur Oscars in Nebenkategorien erhielt in demselben Jahr, da der arme Leo di Caprio ausgerechnet für The Revenant seinen einzigen Hauptrollenoscar bekam, sagt mehr, als ich jemals über die Academy wissen wollte.

Und was ist jetzt mit Fast and Furious? Ganz einfach. Erinnert euch an Boogie Nights (übrigens ebenfalls mit Burt Reynolds und seinem Schnauzbart, der dann wirklich zum Pornobalken gereift war): Dort gebiert Dirk Diggler die Idee, Pornofilme mit echter Geschichte zu drehen. Wäre Dirk von Verfolgungsjagdfilmen ausgegangen anstatt von Pornos, dann wäre Fast and Furious dabei herausgekommen.

Freitag, 9. März 2018

Reinheitsgebot

Die Sprache, o kluge und kuschlige Lesehäschen, ist ein Lebendiges. Dies vorausgeschickt, ist die Formulierung ich habe eine Idee davon, wenn eine Vorstellung gemeint ist, bestenfalls der Beweis, dass die Sprache nicht immer ein perfektes Hautbild hat, sondern dass ihr ab und zu auch einmal ein fettes Wimmerl auf der Nase wächst. Gell, ze.tt! Da darf man auch zu einem Gastautor sagen: Du, wir sind hier journalistische Vollprofis, schreib nicht so einen Schmarrn. Oder Käse, oder was halt in Hamburg verständlich ist. Denn eine Idee ist im Deutschen derzeit noch etwas Neues, nicht Dagewesenes. Kann sich ändern, aber die Momentaufnahme sagt isso!
Im Übrigen habe ich jetzt keine Zeit, euch was zu schreiben. Ich muss mein Bücherregal ausmisten.
Dashiell Hammett: War seiner Frau untreu. Fliegt raus.
Thomas Mann: War echt mies zur Familie. Fliegt raus.
Heimito von Doderer: Hat laut Wikipedia „seine Frau ’mit obsessiv vorgetragenen antisemitischen Stereotypen’“ gequält. Hinweg, Verruchter!
Goethe? Hat seine Frau allein sterben lassen und dann hartnäckig eine Neunzehnjährige angemacht, als er selber schon vierundsiebzig war. Sorry, Wolfi, für solche egoistischen Geilspechte wie dich ist hier kein Platz.
Ich ahne schon, dass ich bald sehr viel Platz für neue Bücher haben werde. Da gilt es natürlich mit großer Sorgfalt vorzugehen, damit die nächste Entrümpelung nicht vorprogrammiert ist. Bei Uwe Timm habe ich Glück, der ist seit Jahrzehnten stabil verheiratet. Herfried Münkler mag als Historiker ein Kapazunder sein, aber anscheinend lässt er in Vorlesungen über die europäische Frühneuzeit eine angemessene Perspektive auf die Lage der Sklaven in Amerika vermissen. Bei James Ellroy weiß man nicht so genau, was Persona und was Person ist – lieber kein Risiko eingehen. Bei Neal Stephenson habe ich wiederum ein gutes Gefühl. So lange kein Collegestudentinnenkollektiv seine etwaige Lebenslüge enthüllt, darf er bleiben. Mein Kampf kommt hingegen nicht in Frage, schließlich hat Hitler Eva Braun mehrfach vor Zeugen heruntergemacht.
Ihr merkt schon, wer heutzutage nach dem Blick ins Buch auch jenen in den Spiegel noch aushalten will, der darf es nicht bei literarischen Kriterien bewenden lassen. Man holt sich ja mit einem Buch auch den Autor ins Wohnzimmer. Wer will schon einen misogynen MeToo-Schrat neben sich stehen haben, der deine Liebste anzüglich beäugt?
Das findet jemand sonderbar? Ihr seid mir keine Häschen, sondern Rüden. Besser gesagt, rüde Gesellen! Einem fühlenden Menschen ist heutzutage kein Kulturgenuss mehr möglich, wenn die charakterliche Einwandfreiheit des Künstlers nicht gewährleistet ist. Dass Kevin Spacey aus All the Money in the World geschnitten wurde, weil er Männer belästigt hat, kann erst der Anfang sein. Bekanntlich wollen auch Zigtausende Matt Damon aus Ocean’s 8 verschwinden sehen, weil er, wie hieramts vermerkt, sowohl Grapschen und Vergewaltigung verwerflich findet, aber in unterschiedlichem Ausmaß. Und auch das wird, wenn wir als Gesellschaft ein Fünkchen Ehre im kollektiven Leib haben, erst der Anfang gewesen sein. Denn schließlich hat es früher schon Schweine gegeben, und wer wird sich die Freude an einem filmischen Meisterwerk von dem Wissen vermiesen lassen, dass der Hauptdarsteller kein Guter war? Dank CGI ist das auch nicht nötig. Nicht länger müssen wir uns fragen, was Stagecoach hätte werden können, wenn der alte Macho John Wayne uns das Beinahe-Meisterwerk nicht vergällte. Wir montieren einfach Spencer Tracy rein, und gut ist. Clark Gable hat seine Frau hintergangen? Wir freuen uns auf Vom Winde verweht mit Jimmy Stewart. Von Humphrey Bogart wollen wir gar nicht anfangen, und glücklicherweise ist über Gregory Peck noch nichts Einschlägiges bekannt, denn To Kill a Mockingbird mit Peter Lorre – das wäre, bei aller Liebe, einfach nicht dasselbe, fürchte ich. Ich mach mich dann mal wieder ans Bücherregal.