Freitag, 27. Juli 2018

Endlich getrennt

Heute, o hoffentlich besonnte Lesehäschen, verkosten wir ein Schmankerl aus der grammatischen Abteilung des Internets. Denn Ferien hin oder her, geredet wird immer. Die Frage ist nur: Wird geredet, wie dir der Schnabel wuchs? Wird schön gesprochen? Oder hast du gar einen schön gewachsenen Schnabel, dem ohnehin nur Perlen sprachlicher Wohlgestalt entquellen? Ich wünsche es dir, seltenes Schnabelhäschen. Aber wir schweifen ab. Das Internet also. Unendliche Weiten. Von Unfug. Und Weisheit. Daher natürlich auch unendliche Schwierigkeiten, das eine vom anderen zu unterscheiden. Ihr wisst ja, dass euer ergebener Kolumnator sich gelegentlich in Foren herumtreibt, wo Leute sprachliche Probleme mit ihrem Senf verfeinern. Manchmal kriegt man dabei was auf die Ohren, manchmal darf man selber einen Satz Hörwerkzeuge rubbeln. Hauptsache, es bleibt interessant.
Nun ging es um einen Satz wie diesen:
Von seinem Freund, der ein stadtbekanntes Schandmaul war, hatte ich die absurde Geschichte gehört, die ihm die Schamesröte ins Gesicht trieb.
Nach einigem Hin und Her darum, welches die Satzglieder seien und welches die Nebensätze, schob ein Schlaumeier noch eine Korrektur nach. Der Satz habe zu lauten:
Von seinem Freund, der ein stadtbekanntes Schandmaul war, hatte ich die absurde Geschichte, die ihm die Schamesröte ins Gesicht trieb, gehört. Der zweite Teil des Prädikats, eben gehört, müsse, so der Schlaumeier, am Ende stehen.
Warum? Wo doch das Prädikat direkt bei seinem Subjekt einen schlanken Fuß macht?
Der Schlaumeier erklärte, Satzglieder dürften nicht getrennt werden. Und die absurde Geschichte, die ihm die Schamesröte ins Gesicht trieb sei ein Objektsatz, zu erfragen mit „Wen oder was hatte ich gehört?“ Weil es sich dabei um ein Objekt handle, dürfe das Prädikat nicht mitten hinein geschoben und gedachtes Objekt in zwei Teile gespalten werden.
Wir sind uns hoffentlich einig, dass das ein fester Schmarren ist, sonst sucht euch bitte einen anderen Kolumnator. Schon deshalb, weil nach dieser fischelnden Regel von den folgenden Sätzen nur einer korrekt wäre:
Ich lese ein Buch, das mich interessiert.
Ich habe ein Buch gelesen, das mich interessiert.
Welcher? Der erste. Denn im zweiten Fall hat sich gelesen in das Objekt ein Buch, das mich interessiert gedrängt.
Ebenso hier:
Ich werde ein Buch lesen.
Ich werde ein Buch lesen, das mich interessiert.
Offensichtlich hatte der Schlaumeier einen Blödsinn verzapft, zumal jeder ordentliche Schriftsteller, ob Eichendorff, Goethe, Rilke oder Thomas Mann, ebensolche Sätze zuhauf hinterlassen hat. Das ist auch gut so. Aber wo im Gemäuer tut sich die Ritze auf, in die man sein logisches Messer zwängen kann?
Antwort: die absurde Geschichte, die ihm die Schamesröte ins Gesicht trieb ist gar kein Objektsatz.
Ein Objektsatz wäre zum Beispiel dieser dass-Satz: Ich kann nicht glauben, dass jemand solchen Unfug ins Internet schreibt. Hier ist der ganze Nebensatz mit „Wen oder was kann ich nicht glauben?“ zu erfragen.
Im ersten Beispiel hingegen ist das Objekt die Geschichte: „Wen oder was hatte ich gehört?“ „Die Geschichte.“ Zu dieser gehört ein Attributsatz (die ihm die Schamesröte ins Gesicht trieb), zu erfragen mit „was für eine Geschichte?“ Und Attributsätze haben im Gegensatz zu Attributen die Eigenheit, sich so leicht von ihrem Satzglied zu trennen wie der Schwanz von einer Eidechse. Gottseidank.
Schönes Wochenende!

Freitag, 20. Juli 2018

Gottesbeweis

Glauben ist natürlich eine Glaubensfrage. Entweder man tut es oder eben nicht. Ich muss euch aber sagen: Falls ihr die Sache mit Hiob immer heftigst angezweifelt habt, habe ich wichtige Neuigkeiten für euch. Nämlich hatte euer Zweckdichter Handwerkertroubles, und es war alles viel schlimmer als vermutet. Anfänglich sah es danach aus, als habe man es mit einer unglücklichen Paarung von Naivität (aufseiten des Handwerkers) und egoistischer Bosheit (aufseiten der auftragserteilenden Nachbarin) zu tun, mit dem Zwischenergebnis eines Schutthaufens in der Dusche eures Ergebenen.
Es zeigt sich aber, dass der betroffene (nicht betreffende, sondern wirklich und bemitleidenswert betroffene) Handwerker nicht irgendwer ist, sondern der wiedergeborene Hiob. Für die nicht so bibelfesten Häschen: Einst wetteten Gott und der Teufel darum, ob letzterer den frommen Hiob so zu quälen vermöchte, dass er sich vom ersteren abwandte. Wie es Hiob dabei erging, kann man sich vorstellen. So auch der Handwerker: Erst riss er die Baustelle an. Dann brach sein Kompagnon durch die Decke. Dann kriegte er darob vom Zweckdichter den Kopf gewaschen, und natürlich auch von der Zweckdichtersfrau. Dann musste er sich einerseits darum kümmern, den angerichteten Schaden zu beheben, andererseits den Verpflichtungen gegenüber der Nachbarin (im Folgenden „Hexe“) nachzukommen, die das ganze Elend mit einer Lüge („Im unteren Stock wohnt eh niemand, Sie kräftig gebauter Installateur, Sie. Greifen Sie ruhig zu Ihrem Fäustel, wählen Sie den größten Meißel, und dann draufgedroschen, was der Bizeps hergibt. Es wird sich niemand daran stören! Hach, was ein Muskelspiel!“) ausgelöst hatte. Dabei standen ihm nicht nur unterschätzte Trocknungszeiten im Weg, sondern auch sein Hiobsstatus. Wenn ein geplagter Mann gegen fünf Uhr morgens von der Baustelle heimkommt, um einige Stunden zu ruhen, dann rechnet er nicht damit, dass seine Frau sich gegen acht ein Nutellabrot zu bereiten anschickt, wobei ihr aber das Nutellaglas vom Oberschrank auf den Teller knallt, und zwar dergestalt, dass eine der resultierenden Scherben ihr den Unterarm so knapp an der Pulsader spaltet, dass alles vollgesaut ist und man lieber gleich ins Unfallkrankenhaus fährt. Dazwischen berichtete der Arme eurem Zweckdichter, der das nie zu erfahren begehrt hatte, dass er den Auftrag nur angenommen hatte, um mit seinen Söhnen (Zwillinge, je 4) ans Meer fahren zu können, was aber nun zweifelhaft schien, denn würde die Hexe trotz (wenn auch von ihr selbst verschuldeter) Verzögerung zahlen? Jaja, so ist das, wenn man nicht gewusst hat, dass man eine tragische Bibelfigur ist.
Nächstes Mal: Ob man Attributsätze von ihrem Objekt trennen darf. Garantiert ohne Blutvergießen!

Freitag, 13. Juli 2018

Mixed Pickles

Es ist, o Häschen, Sauregurkenzeit, zumindest für die reifen Langzottelhäschen, die sich erinnern können, dass so manche Tageszeitung in newsmageren Zeiten tatsächlich ab und zu eine Spalte mit der Notiz einer angeblichen Sichtung eines UFOs oder Nessies  füllte, welche beide sich durch das entsprechend unscharfe Lichtbild einer sauren Gurke wunderbar auffetten lassen.

Heute ist die Sauregurkenzeit eine nurmehr theoretische Angelegenheit, denn Bundeskanzler fahren nicht mehr allein auf Urlaub (immer Österreich, bittesehr!), sie gehen volksnahe wandern, und zwar von einer Hundertschaft neugieriger Wähler begleitet. Und ein Trumptweet ist würziger als jedes Gurkerl, obgleich das sinnliche Gesamterlebnis meist eher an Quargel gemahnt.

Weil wir schon so kulinarisch unterwegs sind, darf ich berichten, was geschieht, wenn existenzielle Verunsicherung und Wiener Kellnertum einander begegnen. Es entspinnt sich dann der folgende Dialog: Was ist bei den Frankfurtern für ein Gebäck dabei? – Meistens eine Semmel. Das Glück ist also nicht nur ein Vogerl, sondern ab und zu auch ein Gebäck.

Eine weitere eingelegte Kleinigkeit: Donald Trump wurde anlässlich seines England-Besuchs in Blenheim Palace, dem Geburtsort Winston Churchills, feierlich empfangen. Man muss kein Churchill-Fanboy sein – als der sich euer Zweckdichter gerne outet – um zu finden, das sei so, als schmisse man in der Familiengruft der Marx Brothers eine Party für den Joker aus Batman.

Gibt es auch in Österreich Gurkerln? Aber klar! Es wirft zum Beispiel ein Zwielicht auf unser Ausbildungssystem, dass man mit Auszeichnung maturieren kann, nachdem man IMMER in Geschichte gefehlt hat. Anders ist nicht zu erklären, dass Sebastian Kurz allen Ernstes von einer Achse spricht, um die Zusammenarbeit mit Deutschland begrifflich auf den Punkt zu bringen. Seit ich allerdings weiß, dass es Studiengänge an österreichischen Fachhochschulen gibt, die mit einem Masterabschluss enden, aber ohne Matura anfangen können, wundert mich eh nichts mehr.

In der anderen Reichshälfte (oder welcher Anteil mittlerweile zu veranschlagen ist) stinkt der Fisch hingegen nicht beim Kopf, aber bisweilen an der Basis. Frau Marija Gavric, 23, sitzt seit Kurzem für die SPÖ im Bad Ischler Gemeinderat, wie man dem Standard entnehmen kann. Nach Lektüre des Artikels wünscht man ihr ein bisschen mehr von dem, wovon schon Laura Rudas, die letzte great red hope aus dem Segment „Weiblich – ledig – jung“ zu wenig genossen hatte: Die eine oder andere Schulung für den Umgang mit Medienvertretern könnte der hoffnungsfrohen Publizistikstudentin (nein, das hab ich mir nicht ausgedacht, die studiert wirklich im geschätzt sechsten oder achten Semester Publizistik und hat das gesagt, was ich gleich berichte) – könnte ihr also nicht schaden. Sie leitet nämlich gerade ein sozialistisches Jugendcamp am Attersee und logiert dort nicht im Zelt, sondern in einem kleinen Haus. Gibt es dazu etwas zu sagen? Freilich: „Führerhauptquartier nennen wir das Haus gerne scherzhaft im Team“, lacht Gavric. Na, wenn es so fröhlich zugeht, wird den Teilnehmern die Endlösung der Ferienfrage hernach gewiss ein innerer Reichsparteitag gewesen sein.

In diesem Sinne: Schönes Sommerwochenende!
P.S.: Ich enthalte euch den Link zum Artikel nicht vor, er ist schlichtweg im Online-Standard nicht zu finden. Man fragt sich, warum, doch immerhin gibt es den Press-Reader.

Freitag, 6. Juli 2018

Betroffenheit


Jede Nacht, das wissen wir von Stermann und Grissemann, ist Busennacht. Gottseidank, darf man hinzufügen! Manche Tage hingegen sind Feedbacktage, und das kann so oder so ausfallen. Auch ein Feedback, so pflegt eine mir mittelbar bekannte Führungskraft besonders Unerfreuliches zu kommentieren.
Ein interessantes Feedback hat auch euer Zweckdichter wieder erhalten, des Inhalts, es sei für Menschen, die eine bestimmte Krankheit ihr eigen nennen (sagen wir Grippe, tatsächlich war es etwas deutlich Unangenehmeres und vor allem Unheilbares), fürder nicht mehr das Wort Betroffene statthaft. Vielmehr handle es sich stets und ausschließlich um Menschen mit Grippe.
Es sei, wie es sei. Wenn jemand mit so etwas leben muss, will ich ihr sicher nicht vorschreiben, ob sie davon betroffen ist oder ob sie nur jemand mit Grippe ist.
Dachte ich zunächst. Denn mir schien interessant, ob es nachvollziehbare Kriterien dafür gibt, ob man mit einer Krankheit durchs Leben geht, ob man an etwas erkrankt ist oder ob man davon betroffen ist. Bei trivialen Wehwehchen ist anscheinend nichts davon der Fall: Von Schnupfen zum Beispiel ist man weder betroffen noch ist man ein Mensch mit Schnupfen. Man hat ihn einfach. Genauso wie Halsweh, Kopfweh, Durchfall oder sonstige Unpässlichkeiten aus der Ich-schreib-mir-meine-Entschuldigungen-selber-Liga. Weil Schnupfen halt nichts ist, weshalb man sein Leben umkrempelt.
So weit, so daneben. Denn sie hat nicht nur Schnupfen, er hat auch Männergrippe. Die ja gleich nach Ebola kommt. Die Sache mit „trivial, also nicht betroffen oder besser: betreffend“ funktioniert also nicht. Kein Mensch würde über „von Männergrippe Betroffene“ reden. Klingt ja total komisch!
Richtig. Weil kein Mensch das Wort „Betroffene“ so verwendet. Betroffen ist schließlich ein Wort mit Verweischarakter. Es fasst zusammen, was vorher gesagt wurde, eben damit man das Vorige nicht noch einmal sagen muss. Erst berichten wir, dass ein Autohersteller in der Lüftung Bauteile verwendet hat, die auf Spinnenkolonien einladend wirken. Dann erklären wir, dass die Betroffenen am besten in die Werkstätte fahren sollen (falls sie ihr Auto noch nicht mit dem Flammenwerfer behandelt haben).
Erst erzählen wir von festen Regengüssen in Neunkirchen und den überfluteten Kellern, dann davon, dass bei den Betroffenen die Feuerwehr angerückt ist, allerdings nicht sofort, weil es noch andere Betroffene gab, und dort musste die Feuerwehr erst einmal fertigwerden.
Ich habe ja eine Vermutung, warum im obgedachten Feedback das Wort Betroffene so schlecht wegkommt: Weil die Feedbacker den Eindruck haben, die einschlägig Erkrankten würden dadurch auf ihre Krankheit reduziert. Das ist aber, wenn ihr mich fragt, zu weit gedacht. Im Falle der feuchten Neunkirchner behauptet ja auch niemand, dass sie nur noch heulend und zähneknirschend in der Pfütze liegen, weil das Schizeug zu schwimmen begonnen hat. Man kann auch mit einem nassen Keller noch ein erfülltes Leben führen!
Genauso ist es mit der fraglichen Krankheit. Betroffene sagt nicht mehr und nicht weniger, als dass sie die Krankheit haben. Und es ist allemal besser als Menschen mit … Wenn sich einer gehalten fühlt, hervorzuheben, dass die, von denen er spricht, eh auch Menschen sind, ist er wahrscheinlich nicht so liberal, wie er sich morgens beim Zähneputzen gerne einredet.

Freitag, 29. Juni 2018

Verrechnet

Heraus mit der Sprache, ihr rechnerisch ausgeschlafenen Häschen: Wie ist es euch bei der Mathematura ergangen? Mittel, mau, gehtso oder mussja? Keine Angst, Harald Zierfuß, der Bundesschulsprecher, ist auf eurer Seite. Hat er doch bereits Ende Mai seine Bedenken an dieÖffentlichkeit getragen, weil die Textbeispiele unter den schriftlichen Aufgaben ein „mathematisches Grundverständnis“ voraussetzten.
Wo kämen wir hin, wenn so etwas Schule machte? Wenn zum Beispiel die Führerscheinprüfung darauf ausginge, sicherzustellen, dass der Prüfling ein Grundverständnis dafür entwickelt hat, wie die Vorrangregeln funktionieren und warum man bei Schneefahrbahn nicht mit 90 ins Ortsgebiet tschundern soll?
Mir ist schon klar, dass es mit unserem Schulsystem so eine Sache ist. Aber wenn dem obersten Vertreter der Schülerschaft nicht wohl dabei ist, dass im Rahmen der Feststellung der Studienreife das Vorhandensein des obgedachten Grundverständnisses geprüft wird, dann frage ich mich, wozu wir uns das mit der mittleren Bildung überhaupt antun. Hand hoch, wer sich von einem Anwalt in einer Schadenersatzsache vertreten, von einem Arzt eine Medikamentendosierung vorschreiben, von einem Statiker einen Dachstuhl planen lassen würde, dem jeweils mathematisches Grundverständnis fehlt!
Man mag einwenden, dass euer Zweckdichter, dieser alte Motschkerant, sich mitreißen hat lassen. Vielleicht hat Herr Zierfuß das Wort Grundverständnis gebraucht, um die halbwegs begabten Mathematiker, die die Sache „von Grund auf“ gneißen, von jenen zu unterscheiden, die das Zeug halt pauken müssen.
Ich halte dagegen, dass Herr Zierfuß auch bemängelt hat, die Texte seien komplex gewesen. Ach so! Die Prüflinge haben, nach Erlernen der Grundrechnungsarten, ja auch erst acht weitere Schuljahre Mathematikunterricht genossen, vom Deutschunterricht nicht zu reden. Da darf es ruhig etwas schlichter sein, ohne dass man befürchten muss, die Betreffenden seien den Herausforderungen eines Studiums nicht gewachsen.
Herr Zierfuß ist mit seiner Kritik nicht allein. Gernot Schreyer, Obmann des Bundeselternverbands, hat verkündet (oder gar mitgeteilt?), es sei falsch, Mathematik zu verwenden, um Deutschkompetenzen abzufragen. Ah ja. Ich hoffe, dass hier nicht je nach Fach mit zweierlei Maß gemessen wird und dass also z. B. auch im Fall eines Geschichtematuranten, der Spanien in Asien verortet, der Bundeselternoberpumuckl verlässlich seine Stimme erheben und darauf hinweisen wird, dass im Rahmen der Geschichtematura nicht die Geographiekenntnisse zu überprüfen sind.
So ganz überzeugt ist Herr Schreyer von der strikten Fächertrennung aber eh nicht.  Denn im selben Atemzug fordert der gute Mann, die Aufgaben der Mathematikmatura müssten berücksichtigen, ob der Prüfling an einem neusprachlichen oder humanistischen Gymnasium zu maturieren trachtet. Sonst werde „durch die Zentralmatura die Schulvielfalt torpediert.“ Wünscht er sich Textaufgaben auf Französisch oder Latein? Zu schwierig soll es jedenfalls nicht sein, sondern verständlich, darauf legt Herr Schreyer Wert.
Auch hoffe ich für die frischgebackenen Maturanten, dass der Herr Schreyer im Herbst noch ein offenes Ohr für sie hat. Dann dürfen sie bei ihm anrufen und sich bitter darüber beklagen, dass in der Einführungsvorlesung oder im Proseminar Römisches Recht/Anatomie/Einführung in die Wissenschaftstheorie/Geologie oder was auch immer verwendet wird, „um Deutschkompetenzen abzufragen“. Denn leider ist Deutsch halt immer noch die Default-Sprache für das Meiste, was an der Uni so abgeht. 
Kurz: Als Elternteil einer Gymnasiastin fühle ich so allerlei. Aber von Herrn Schreyer vertreten – das fühle ich mich nicht.

Freitag, 22. Juni 2018

Die Lösung für eh alles

O teure Häschen, jubilate! Das ist lateinisch und heißt: Frohlocket, ihr Flauschigen, denn euer Zweckdichter hat es geschafft. Ich teile mit, dass ich es zum Gottkaiser auf Lebenszeit gebracht habe, mit nachmaliger Darbringung hochwertiger Opfergaben in einer noch festzulegenden Form. Ich teile weiters mit, dass der Weltfrieden heute Nachmittag beginnt, dass Donald Trump mit sofortiger Wirkung zu meinem persönlichen Krawattenbügler und Schleppenträger befördert wird und dass das mit den 72 Jungfrauen für Selbstmordattentäter Blödsinn ist. Abschließend teile ich mit, dass ein Gottkaiser oft seine Ruhe braucht und dass die Klopapierrolle IMMER mit dem losen Ende auf der wandabgewandten, userzugewandten Seite im Halter anzubringen ist.
Ja, das alles teile ich mit, und weder ihr könnt etwas dagegen machen (nicht, dass ich euch unterstellte, ihr wolltet widersprechen) noch Donald, Kim oder sonstwer. Woher ich das weiß? Aus dem Feedback der ... Woche? Nein, des Jahres, was sage ich, des Jahrhunderts! Es lautet schlicht:
Einer Mitteilung kann man nicht widersprechen.
Das wusste ich bisher nicht, aber es scheint mir ungeheuer praktisch. Wenn man das schon unter Grasser gewusst hätte, hätten wir uns viel Geld sparen können!
Der kleine Haken an der Sache ist natürlich, dass es Blödsinn ist. Klar kann man einer Mitteilung widersprechen, genauso wie einer Aussage, einer Behauptung, einer Anschuldigung oder dir selber, wenn du nämlich zu der Sorte Häschen gehörst, die sich gelegentlich Behauptungen, Aussagen oder ähnlich Schlüpfriges auskommen lassen. Aussagen können einander sogar widersprechen, wenn gar niemand dabei ist und die beiden Aussagen miteinander noch ganz andere Sachen machen könnten, wären sie weniger streitsüchtig und deutlich lüsterner.
Richtig ist nur, dass es tatsächlich Dinge gibt, denen man nicht widersprechen kann. Anklagen zum Beispiel, Gesetzen (es sei denn, zwei Gesetze sind zueinander widersprüchlich, dann widersprechen sie einander) oder Preisänderungen. Denn solche Dinge schaffen Fakten: Nach einer Anklage ist jemand angeklagt. Auch wenn er damit nicht einverstanden ist. Ein Gesetz zieht eine Grenze zwischen Erlaubtem und Verbotenem. Ähnlich ist es mit Preisänderungen: Nach einer Preisänderung ist der Preis höher, dem kann man nicht widersprechen.
Man kann eine Preisänderung anfechten, man kann dagegen Einspruch erheben, man kann sie sogar rückgängig machen, wenn man ein ganz, ganz lieber Onkel ist. Aber widersprechen – das geht leider nicht. Wenn der Kaufmann sagt Die Leberkässemmel kostet jetzt vierfünfzig, dann hat es keinen Zweck, dass du darauf Nein erwiderst. Sie kostet trotzdem vierfünfzig. Du kannst natürlich motzen Diesen Preis finde ich nicht gerechtfertigt, oder Dann gehe ich lieber zum Schachtelwirten, aber dann hast du nicht widersprochen, sondern eine anderslautende Meinung geäußert, was etwas Ähnliches ist, aber nicht dasselbe.
Wollt ihr noch raten, was als Korrektur nach der Belehrung Einer Mitteilung kann man nicht widersprechen folgte? Genau: ... können Sie dieser Preisänderung widersprechen. Leider.
Aber trotzdem schönes Wochenende!

Freitag, 15. Juni 2018

Falsche Freunde

Fremdwörter, sagt man, sind Glückssache, es sei denn, man ist ein richtiges Topcheckerbunny unter den Latein- und Griechisch-Häschen. Wenn nicht, scheitert man leicht am Substantiv zu heroisch und das verbale Imprägniergehabe wird zum Rohrkupierer, oder so ähnlich. Ihr steht natürlich über solchen Ausrutschern und nippt verständnisvoll lächelnd an einem Tässchen Darjeeling Super Fine Tippy, wenn jemand versucht, ein Exempel zu stationieren.
Doch gibt es Zartheiten, bei denen, da wette ich, auch ihr ins Grübeln kommt, von meiner Wenigkeit gar nicht zu reden. Wie steht es zum Beispiel mit effektiv und effizient? Keine macht einen Unterschied zwischen den beiden, aber bedeuten sie wirklich dasselbe? Und warum sind aktiv und Akzent dann ganz verschiedene Dinge?
Wenn du mit drei Pokebällen drei Pokemons fängst, war das dann effizient, effektiv oder ein Zeichen, dass du im Jahr 2016 hängen geblieben bist? Wenn du dir eine Watschen fängst, weil du mit deiner Häschennase in fremden Angelenheiten herumgeschnüffelt hast, tut dir dann effektiv oder effizient die Backe weh?
Schauen wir ins Deutsche Wörterbuch! quieksen da alle Häschen, die immer gut aufgepasst haben. Doch leider: Als das DWB entstand, war es noch wichtiger, ein Wörterbuch mit über 320.000 Stichwörtern zu erstellen, als darüber zu schnattern, wie effizient (oder effektiv?) das geschehen sei. (Nur Effect kennt das DWB, rät aber davon ab.)
Also gehen wir einen Schritt zurück, zum immer ein bisschen anrüchigen Duden. Er behauptet, effektiv bedeute soviel wie wirksam, nutzbringend, feststellbar. Man braucht kein Vollzeitkorinthenkacker zu sein, um festzustellen, dass wirksam und feststellbar nah verwandte Bedeutungen tragen, während nutzbringend etwas ganz anderes meint. Die ersten beiden stellen fest, dass etwas vorgefallen ist, letztere bewertet es.
Kein Wunder, dass in Dudens Synonymenliste nachhaltig, vorteilhaft, gut genauso auftauchen wie tatsächlich, unbestreitbar, wahrhaftig. Auch effizient soll ein Synonym von effektiv sein, zumindest in der „Fachsprache“, so Duden. Naja.
Effizient war das nicht, also schlagen wir effizient nach. Sieh da: Effizient hat nur eine Kernbedeutung, nämlich wirksam und wirtschaftlich, geeignet, günstig, zweckmäßig undsoweiter. Deshalb ist (immer laut Duden!) effizient ein Synonym von effektiv, aber nicht umgekehrt.  
Je länger man sich die Sache durch den Kopf gehen lässt, desto klarer wird, dass die beiden trotz oberflächlicher Ähnlichkeit nicht dasselbe meinen. Effektiv ist nichts mehr als ein wichtigtuerisches Füllwort. Ob du einen Kuchen oder effektiv einen Kuchen gebacken hast, macht keinen semantischen Unterschied. Nur muss dein Zuhörer neben dem Kuchen auch noch das nutzlose effektiv verdauen.
Effizient hingegen lobt den sparsamen Umgang mit Ressourcen, die Fähigkeit, ein Ziel mit angemessenem Aufwand zu erreichen, also zum Beispiel einem Gedanken Ausdruck zu verleihen, ohne dabei effektiv zu sagen.
Deshalb sind die beiden nicht nur nicht synonym, sondern stehen einander mitunter sogar polar gegenüber: Wenn dein Kunde eine ganze Stunde damit verbringt, dir am Telefon ein Briefing von drei Seiten vorzulesen, dann ist diese Stunde deines Lebens effektiv perdu. Aber effizient ist anders. In diesem Sinne wünsche ich ein effizientes Wochenende!