Freitag, 12. Oktober 2018

Sicherheitshalber

Manchmal, o hochgeehrte Lesehäschen, lässt auch euer Kolumnator das Schreiben sein und liest stattdessen selber etwas. Dabei schaut er auch bisweilen auf ze.tt
Kennt ihr ze.tt? ze.tt ist das, was herauskommt, wenn die von der ZEIT Angst bekommen, dass ihnen die Leser wegsterben, anstatt sich darauf zu verlassen, dass ihnen andererseits welche zuwachsen werden. Auf der Suche nach einer Lösung geraten sie ins Hirnwixen und denken dabei ganz, ganz fest ans VICE-Magazin. Das VICE-Magazin (für alle über 35) ist das, was herauskommt, wenn echt junge Menschen ein Magazin mit gut recherchierten Geschichten über relevante Themen machen, sich aber für die Gestaltung einen Art Director (oder eine Art Directrice, keine Ahnung) eintreten, die auch echt jung ist und noch nie vom Phänomen der Presbyopie, vulgo Altersweitsichtigkeit gehört hat. Anders gesagt: Ich hatte einmal eine Reproduktion der First-Folio-Shakespeare-Ausgabe in der Hand, also alle 36 Dramen des Barden in einem Band. Sie war lesefreundlicher als eine durchschnittliche VICE-Doppelseite, die nämlich so aussieht wie ihr eigener Rechtstext. Deshalb bin ich bisher leider an der VICE-Lektüre gescheitert.
Auf ze.tt hingegen habe ich hin und wieder das eine und andere gelesen. Also, wenn das die Art von Journalismus ist, die heutige Noch-nicht-ZEIT-Leser auf die Lektüre der künftigen ZEIT vorbereiten soll, dann lese ich in Zukunft wahrscheinlich weder ze.tt noch die ZEIT. Für Erkenntnisse wie die, dass die Verfremdung von Wahlplakaten der wahlwerbenden Partei wahrscheinlich nicht recht ist, brauche ich hoffentlich noch lange keine journalistische Unterstützung.
Ein wichtiger Unterschied zwischen ze.tt und VICE besteht darin, dass sich VICE anscheinend eines Lektorats erfreut. Das Schöne an einem Lektorat ist, dass nachher weniger Blödsinn dasteht. Lange dachte ich ja, dass die Blödsinnsdichte in den ze.tt-Artikeln von Eva Reisinger Eva Reisinger geschuldet sei. Mittlerweile habe ich aber auch Artikel anderer ze.tt-Autoren gelesen und entschuldige mich hiermit bei Eva Reisinger. Ich kann nicht ausschließen, dass mittelfristig eine ze.tt-Blütenlese bevorsteht. Heute darf aber doch noch einmal Frau Reisinger vor den Vorhang treten, und zwar mit dieser schönen Stelle:
[...] nahm ihn der Besitzer eines Hotels in seinem Jeep mit. Er raste mit ihm am Beifahrer*innensitz die kleinen, steilen Straßen des Ortes hinauf [...].
Wir haben also einen Fahrer und einen Beifahrer. Der Beifahrer sitzt aber nicht am (und leider erst recht nicht auf dem) Beifahrersitz, sondern auf dem Beifahrer*innensitz (dass der Fahrer auf dem Fahrer*innensitz sitzt, können wir nur vermuten). Verlieren wir uns nicht in der Frage, wer auf dem Beifahrer*außensitz sitzt, schließlich handelt es sich um einen Jeep und nicht um einen VW-Bus. Widmen wir uns lieber dem Rätsel des vorauseilenden Genderns. Denn beide Sitze (ob innen oder außen) sind von männlichen Menschen besetzt. Die Genderformel deckt lediglich die Möglichkeit ab, dass hier irgendwann einmal andere Platz nehmen. Wie dringend brauchen wir sie? Dafür wäre nicht nur zu klären, ob der Hotelier seinen Jeep exklusiv nutzt oder ob gelegentlich auch seine Frau oder Tochter damit fährt. Sondern vielmehr folgende Frage: Wie wahrscheinlich muss es sein, dass irgendwann das Nutzergender von männlich zu sonstwas wechselt, damit man vorsichtshalber besser gendert? Antwort: Es wäre unethisch, Wahrscheinlichkeitsprozente gegen Genderdiskriminierung aufzurechnen. Wenn wir von einem Beifahrer*innensitz sprechen, obwohl aktuell ein Beifahrer daraufsitzt, dann kann das nur ein Signal sein, auch so manchen anderen Terminus kritisch zu überdenken. Wer weiß, was die Zukunft bringt! Sichern wir uns also rechtzeitig die Rechte nicht nur am Mönch*innenorden, am Freimaurer*innentempel und natürlich an diversen Brüder*innenschaften. Bleiben wir vielmehr bei den nur derzeit nachweislich männlich besessenen Sitzgelegenheiten und gendern wir durchgängig den Päpst*innenthron. Man weiß ja nie. Schönes Wochenende!

Freitag, 5. Oktober 2018

Fliegen

Das Deutsche ist ja durchaus eine hübsche Sprache, da ist euer Kolumnator der Letzte, der was zu meckern hätte. Gelegentlich findet man aber doch anderwärts Geschliffenheiten, deren unsere genderneutrale Eltern*zunge (das * bedeutet, dass es mir ferne sei, hergebrachten, um nicht zu sagen: überkommenen kernfamiliären Strukturen das Wort zu reden) ermangelt.

Wo waren wir? Genau: Was andere Sprachen besser können. Davon habe ich mangels Fremdsprachenkenntnissen ja bedauerlich wenig Ahnung. Doch am Englischen hat mich eines immer besonders fasziniert: sein verschwenderischer Reichtum an Kollektiva.

Ein Kollektivum ist, für alle, die Latein bedauerlicherweise ausgelassen haben, ein Wort, das im Singular steht, mit dem wir aber eine Vielheit gleichartiger Dinge bezeichnen. Einfache Beispiele sind Menge, Haufen oder Gruppe. Für Tiere gibt es eigene Kollektiva, die heißen Rudel, Schwarm oder Herde. Wir denken kurz an Ottos „Lied der Wölfe“ (Jo, mir san mit’m Rudel do), danach ist auf Deutsch auch schon wieder Schicht im Schacht. Nur den Waidleuten fällt noch dies und das ein, zum Beispiel die Rotte, die eine Zusammenrottung von Schweinsviechern meint.

Auf Englisch geht es bittesehr ganz anders zur Sache. Die dortigen terms of venery (so heißen die lässigen Kollektiva auf Englisch) sind mit Recht berühmt, weil ich nämlich mit euch wette: Mindestens drei Vierteln von euch geht es wie mir, und ihr könnt von der entsprechenden Wikipedia-Liste höchsten die Hälfte der Tierarten übersetzen, von den terms of venery ganz zu schweigen. Was waren noch einmal wigeons oder dunlins? Mehrere Wölfe heißen pack, was insofern interessant ist, als pack auf der anderen Seite des Gesetzes auch Meute bedeuten kann. Aber mehrere Löwen sind zwar auf Deutsch ebenfalls ein Rudel, auf Englisch hingegen ein (oder eine?) pride.  Viele Friedfische (ha, da habt ihr schon wieder was gelernt) heißen vielleicht auch auf Deutsch Schule. Aber warum heißt ein Schwarm flock, wenn er aus Gänsen besteht, hingegen flush, handelt es sich um Enten? Neidisch könnte man werden bei einem business Fliegen oder einem regiment Flamingos. „Hier wimmelt es ja von Fliegen!“ – „Ja, das business brummt.“ Hach, da kullern die Kalauer wie von selber daher!
Doch zurück zum Ernst des Lebens. Warum bittesehr gibt es nur für Löwen, Schnepfen oder Dachse so schöne Sammelwörter? Die Fauna des öffentlichen Lebens will schließlich auch repräsentiert sein. Hier ist die Kreativität unterbeschäftigter Wortschöpfer gefordert! Wie wäre es zum Beispiel mit einem Horben Gutmenschen? Ein Binsel Topmodelkandidatinnen klingt schon so ausgezehrt, wie Heidi Klum das gerne sieht. In der Politik ist einerseits Fingerspitzengefühl gefragt: Mir gefiele zum Beispiel das Wünzlein für FunktionärInnen der Grünen oder der SPÖ, denn diese gefährdeten Arten wollen zart angefasst sein. Die ÖVP andererseits kann etwas vertragen, ein Kalomp gestandener türkiser Regierungsmitglieder haut so schnell nix um. Hat man freilich eine Ansammlung freiheitlich gesonnener Innenminister zu benennen, so braucht man, finde ich, das Rad nicht neu zu erfinden. Was hier zählt, ist das business. As usual.

Freitag, 28. September 2018

Erledigt


Erinnert ihr euch, o Häschen, noch an die Zeiten, als man einander halb im Scherz zu fragen pflegte, wie man die Menschen, die man einst als Schwarze bezeichnete, nunmehr politisch korrekt zu benennen habe? Solange es sich nur um US-Bürger handelte, konnte man sich mit Afroamerikaner behelfen, aber hierzulande klappt das halt nicht. Afroeuropäer? Geh bitte!
Ich darf aber berichten, dass wir uns zurücklehnen dürfen – nicht zufrieden, jedoch entspannt.
Denn die Frage ist nunmehr erledigt, indem, wenn schon nicht die Sprache, so doch mindestens ein Sprachnutzer vor ihr kapituliert hat. Wie es scheint, ist es im Deutschen nicht mehr möglich, eine Vielheit der fraglichen Menschen zu bezeichnen, ohne dass jemandem dabei auf den Schlips beziehungsweise ein genderneutrales, aber jedenfalls lose herabhängendes Kleidungsstück oder Accessoire getreten wird. Ronald Pohl hat sich deshalb in seinem Artikel über das Stück Der Kampf des Negers mit den Hunden aus der Affäre gezogen, indem er von Menschen of colour (oder auch Personen of colour) spricht. Ich finde das wegweisend und freue mich schon auf jede Menge weiterer denglischer Umschreibungen, die uns gerade noch gefehlt haben. Es warten hier zum Beispiel Menschen of Wheelchair-usage, Menschen of obesity, Menschen of femaleness und von mir aus auch gleich Menschen of flexitarianism. All diesen Gruppen ist gemein, dass wir als reflektierte Sprecherinnen und Sprecher (jaja!) beim Reden innehalten, wenn wir über eine von ihnen etwas sagen wollen, und kurz nachdenken, ob das jetzt eh nicht beleidigend ist, wenn wir von „Übergewichtigen“, „Rollstuhlfahrern“, „Frauen“ oder gar „Flexitariern“ reden. Englisch gequakt, Problem gelöst!
Ich weiß schon, woher das Argument für die Menschen of colour kommt: Um die bevorzugte Selbstbezeichnung geht es. Die bevorzugte Selbstbezeichnung der allermeisten Chinesen ist aber auch nicht „Chinesen“. Analoges gilt für Franzosen und sogar für die Piefke. Was eurem Zweckdichter sauer aufstößt, ist nicht die Tatsache, dass man nicht mehr Neger sagen soll, sondern vielmehr der Eindruck, dass die Sprache selbst die Hiebe abbekommt, die jenen gebührten, die auf ihrem vermeintlichen Recht beharren wollen, weiterhin Neger zu sagen. Die Sprache kann nichts dafür, aber sie muss leiden.
Zur Auflockerung schauen wir noch, was Eva Reisinger treibt, die als hippe Online-Journalistin ihr Brot verdient. Sie zeigt eine sonderbare Eigenheit: Wann immer sie mit jemandem zu tun hat, dessen politische Position sie rechts von ihrer eigenen vermutet, beschreibt sie möglichst genau, was er anhat. Neulich hatte sie eine Reportage über eine Burgruine zu verfassen, die in den 1930er Jahren mit einem Hakenkreuz beschmiert wurde. Der heutige Besitzer weigert sich, dieses auf seine Kosten entfernen zu lassen, mit dem Argument, dass er selber damals noch gar nicht geboren war und seine Eltern auch nichts dafür konnten. Über ihn erfahren wir:
Goëss trägt ein beige-graues Jackett, eine beige Hose, ein hellblaues Polo und eine Ray-Ban-Sonnenbrille auf der Nase. Angesichts dessen, was auf dieser Nase alles Platz hat, muss es sich, wie man in Wien sagt, um ein Mordstrumm Pfrnak handeln. Schönes Wochenende!

Freitag, 14. September 2018

Fallobst vom Feedbackbaum

Mit Feedback ist es wie mit dem Wetter: Es gibt solches und solches, aber wie immer es auch ausfällt: Ein Feedback ist immer noch besser als gar keines. Dessen gedenke regelmäßig, dann hast du mehr vom Leben. Besonders in diesem Feedbackherbst, der ein sehr guter Feedbackherbst ist, in demselben Sinne, wie es ein sehr gutes Bettwanzenjahr ist, wenn man in seinem Bett viele Bettwanzen findet.
Zum Beispiel hatte euer Zweckdichter neulich damit zu tun, einen Lesetext aufzutrennen und aus dem gewonnen Informationsfaden einen Hörtext zu stricken. In dem Lesetext aber hieß es „Sie sehen klar“. Die Verantwortliche hatte im Vorfeld nicht viel zu bemerken, doch eines war ihr wichtig: Dieser Satz habe in der Hörfassung nichts verloren, denn die sehe man schließlich nicht.
Eine solche Leistung ist nicht alltäglich. Die betreffende Leistungsträgerin trete bitte vor den Vorhang. Tusch! Ich überreiche hiermit die große goldene Metapher am Bande. Dafür hat sie sich einen Applaus verdient!
Die zartbesaiteten Rechenhäschen unter der Leserschaft mögen sich nun abwenden oder zumindest ihr Riechsalzfläschchen aus dem Pompadour kramen, man weiß ja nie. Nämlich erhielt der Kolumnator eine „Formel“, die in einer Informationsschrift untergebracht werden sollte. Sie sah ungefähr so aus:
PSemmel + PWurst
Es dauerte eine Woche, bis den Verantwortlichen dämmerte, das dies nicht so funktionierte, wie man es von einer Formel erwartet, nämlich, dass man dank der Formel aus vorhandenen Informationen eine neue gewinnt, beleuchtet vom milden Schein des =-Zeichens.
Mittlerweile ist aus der Formel tatsächlich eine geworden. Sie lautet natürlich:
PWurstsemmel = PSemmel + PWurst
Auch damit war es noch nicht genug. Alle Nicht-Werbehäschen lernen jetzt etwas Nutzloses, nämlich, dass eine Mutation nicht unbedingt etwas mit verrutschten Genen zu tun haben muss. Vielmehr können Mutationen auch etwas ganz Banales sein, nämlich unterschiedliche Versionen derselben Broschüre oder desselben Briefs für unterschiedliche Zielgruppen oder Produkte. In einem solchen Zusammenhang erhielt euer Ergebener dieses nützliche Aviso: Bitte beachten, dass es sich um eine Mutation handelt. In den anderen Mutationen gibt es etliche Änderungen. Danke, Captain Obvious! Nach all den Jahren wurde es auch Zeit, dass jemand schlüssig erklärt, was eine Mutation ist.
Weil heute Bonusfreitag ist, setzen wir noch einen drauf. Eurem Zweckdichter unterlief diese Formulierung: „Dann haben Sie mit dem erfahrensten Bergführer der Alpen den richtigen Partner gefunden.“ Denkste! Denn es handelt sich um einen Werbebrief, weshalb die Rückmeldung nur allzu richtig lautete: „Wir sind ja noch nicht Partner.“ Über das Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung sowie die Frage, ob man ein Angebot gefunden haben kann, schon bevor man davon Gebrauch macht, schreibt bitte jedes von euch Aufsatzhäschen bis nächste Woche 250 Wörter. Schönes Wochenende!

Freitag, 7. September 2018

Erntezeit

Die dümmsten Bauern, so sagte man, als das Wünschen noch geholfen hat, ernten die dicksten Kartoffeln. Mittlerweile haben wir im Agrarbereich große Fortschritte gemacht, sodass auch kognitiv ausgeschlafene Landwirte mit ansehnlichen Erträgen rechnen dürfen. Ob das für den Einzelnen ein Vorteil ist, bleibe dahingestellt, denn der Dumme, das wissen wir alle, kriegt’s ja nicht mit.
Weiterhin in Kraft bleibt hingegen die betrübliche Wahrheit, dass den doofsten Textern die dicksten Feedbäcke entgegenlachen. Das liegt daran, dass Kundinnen und Kunden schlecht auf Düngung reagieren. Da kann man sich nur dumm anstellen und das Beste hoffen.
Damit ist auch bewiesen, dass euer treuer Kolumnator nicht das schärfste Messer in der Lade, nicht die hellste Birne am Luster, nicht die klarste Scheibe in der Duschkabinenabteilung ist. Weil der Herbst (hoffentlich) naht, bitte ich zum Erntehilfseinsatz: Es folgt eine kleine Blütenlese der Feedbackwoche. Ob hier große Stiefel gefischt, mächtige Böcke geschossen oder einfach Dummbrote gebacken wurden, das möge die Nachwelt entscheiden.
Zum Beispiel schrieb ich nichtsahnend keineswegs so (man will ja niemanden vor den Kopf stoßen), aber völlig strukturanalog:
Sie schätzen die verlässliche Versorgung mit Honig, Ihnen mundet aber auch eine Semmel mit Erdbeermarmelade. Können Sie dabei sparen und gleichzeitig zu einem gelungenen Frühstück beitragen?
Das Verdikt von Kundenseite lautete: „Ich finde zwei Fragen etwas viel.“ Es fragt sich nun, wo die zweite Frage sich versteckt. Die Antwort kann nur lauten: Die Feedbackurheberin wollte mit eurem Zweckdichter ein rekursives Sprachspiel anfangen. Die zweite Frage kann wohl nur die Frage danach sein, was die zweite Frage sei.
Man darf davon ausgehen, dass die Dame in der Mittagspause nicht lange suchen muss, um kongeniale Gesprächspartner zu finden. Denn eine Zeile für ein anderes Produkt desselben Unternehmens lautete ebenfalls nicht so, aber entsprechend:
Saugkraft 3000 – da ist Saugkraft selbstverständlich.
Wie hieramts schon mehrfach festgestellt, identifiziert man einen echten Werbekunden am zuverlässigsten dadurch, dass er das Stilmittel der Wiederholung stets als Fehler anstreicht. So auch hier: „Bitte Überschrift überarbeiten, damit keine Wortwiederholung entsteht“, scholl es aus dem Textwald zurück. Netterweise bekam euer Kolumnator ein Beispiel ohne Wortwiederholung mitgeliefert: Saugkraft 3000 bringt das Saugkraftwunder in Ihr Heim. Warum denn nicht gleich! kann man da nur ausrufen.
Wesentlich interessanter ist die Rüge, die mir von anderswo zuteil wurde: „Stolz kann man nicht ernten“ ward mir beschieden, gefolgt vom gefürchteten Doppelsmiley. Dieses ist Archäologinnen und Archäologen mit Hang zum Paranormalen aus der Sorte Inschriften vertraut, die man in Gewitternächten an den Mauern dunkler Kammern entziffert, in denen Skelette bestattet sind, bei denen man nur rätseln kann, wie das Ding lebendig ausgesehen hat. Das Doppelsmiley bedeutet soviel als Dein Arsch gehört mir.
Aber kann man Stolz wirklich nicht ernten? Ich bin unsicher. Immerhin kann man außer Kartoffeln auch Misstrauen ernten, Beifall, Zustimmung oder betretenes Schweigen. Warum also nicht Stolz? Darüber macht euch bitte ein paar Gedanken. Das Schuljahr ist noch lang, und das kommt alles zur Prüfung. Schönes Wochenende!


Freitag, 31. August 2018

Zielübungen

Willkommen zurück, o erholte Leistungsträgerhäschen! Schluss mit Ferien, her mit Trends, das ist die BamF-Devise der Stunde. Das soll heißen: Euer Kolumnator kennt keinen Genierer, wenn es darum geht, auf gemächlich vorbeizuckelnde Züge der Zeit aufzuspringen. Heute ist die Gamification dran. Die Gamification wurde erfunden, weil alternde Trendforscher herausgefunden haben, dass die Jungen keinerlei Drang zum Erwerb marktfähiger Kompetenzen zeigen, hingegen einen sehr starken Drang zu Videospielen. Da gerieten die Trendforscher in Sorge, wer einmal ihre Pensionen finanzieren würde, und erfanden die Gamification. Das meint: Man verpackt eine langweilige Tätigkeit (wie zum Beispiel das Erspähen auffälliger Reisender in einem Flughafen) in ein nicht ganz so langweiliges Spiel (wie zum Beispiel das Erspähen verkleideter Orks, die sich in deine Festung schleichen wollen – danke, Neal Stephenson!), um die Trefferquote zu steigern und den Trendforschern die Hoffnung zu schenken, dass die nächste Generation zumindest irgendwelche Jobs findet.
Womit wir beim Thema Paragleiten sind: ein schönes Hobby für den, der am Schirm hängend auf die Welt hinabschaut, sofern er sich nicht in Grübeleien darüber verliert, ob es nicht doch statthaft sei, im Flug zu urinieren.
Von unten ist es leider weniger lässig. Du sitzt friedlich bei deinem Kaffee, sagen wir so gegen 10, und plötzlich zieht ein fünfzehn Meter breiter Schatten über dich weg, weil wieder einmal ein Paragleiter deinen Frühstückstisch als Landeschneisenmarkierung erkoren hat. Das weckt Urinstinkte, Damen und Herren! Nur schwer kann man danach sein Kind davon überzeugen, dass der Steinzeitmensch keinen Flugsaurier zu fürchten brauchte.
Die Frage war (war, wohlgemerkt!), wie man solche irritierenden Überflieger fernhält. Lange liebäugelte euer Kolumnator mit dem Erwerb einer ausrangierten Vierlingsflak aus Bundesheerbeständen. Gut sichtbar im Garten platziert, bei Paraflugbetrieb gelegentlich darauf Platz genommen, vielleicht auch einmal an den Justierkurbeln gedreht – das sollte reichen.
Mag sein. Aber wir leben nicht mehr im Kalten Krieg. Das Gleichgewicht des Schreckens ist passé, zumal der da oben ja immer noch seine möglicherweise volle Blase mit sich führt, deren Kontrolle angesichts von vier 20-mm-Rohren ja auch nicht einfacher wird.
Gibt es eine zeitgemäßere Lösung? Allerdings, dank Gamification! Ich habe den Konfrontationskurs aufgegeben und strebe nun vielmehr eine gedeihliche Kooperation an.
Falls jemand vom Sky Club Austria mitliest, also bitte gut aufpassen! Die Sache ist ganz einfach: Jeder Paragleiter, dessen Flugroute eventuell über meine Kaffeetasse verlaufen könnte, schnallt sich vor dem Start eine Lasertag-Weste um. (Für Kinderlose: Das sind die Trefferwesten, die die Kleinen bei jenen Kindergeburtstagen tragen, deren Hauptattraktion darin besteht, mit Laserpistolen gegeneinander zu punkten.)
Ich meinerseits rüste mich mit einem entsprechenden Lasergewehr und lehne dieses nonchalant an den Kaffeetisch. Wenn ich einen Hängesportler nahen sehe, visiere ich ihn an und tue mein Bestes. Nach einem Treffer muss er eine Runde aussetzen.
Schon haben wir dank Gamification eine Win-win-Situation geschaffen, nämlich für mich: Wenn einer über den Kaffee fliegt, habe ich meinen Spaß, wenn nicht, meine Ruhe.
Linkslinke Gutmenschen könnten sich fragen, was für den Schirmspanner dabei herausschaut. Worauf ich erwidere: Habt ihr den Teil mitbekommen, wo ich mich lediglich mit einem LASERgewehr bewaffne?

Freitag, 3. August 2018

Arbeitsfähig

O teure Häschen, es ist heiß. Aber bevor sich euer ergebener Kolumnator in den vielleicht wohlverdienten, vielleicht aber auch geschickt erschlichenen Urlaub verkrümeln darf – das möge die Nachwelt entscheiden – ist noch ein bisschen Denkarbeit vonnöten.
Erstens hat Frau Birgit Sauer, Professorin für Politikwissenschaft, in einem Interview etwas Merkwürdiges gesagt. Es ging darin um die Budgetkürzungen, unter denen viele frauenpolitisch relevante Projekte und Vereine zu leiden haben, weil die Regierung die Förderungen zusammengestrichen hat. Als Begründung dafür muss häufig herhalten, dass Gewaltschutz wichtiger sei als feministische Denkarbeit, weshalb man das Geld lieber in Projekte stecke, die Gewalt gegen Frauen verhindern. Ob man dieser Argumentation folgt oder nicht, muss jede mit sich selber ausmachen. Prof. Sauer ist der Ansicht, dass Gewaltschutz politisch halt auch besser verkäuflich sei, womit sie sicher recht hat. Sie geht aber noch einen Schritt weiter: Es passt auch in eine neoliberale Welt, in eine Welt, in der am Arbeitsplatz alle funktionieren sollen, mittlerweile auch Frauen. Da passen verletzte Frauen nicht ins Bild.
Das heißt: Die Regierung finanziert nach Ansicht von Professorin Sauer Gewaltschutzprojekte, um den Unternehmern einen Gefallen zu tun, die sich dann seltener mit dem Problem herumschlagen müssen, dass eine Angestellte oder Arbeiterin am Arbeitsplatz ausfällt, weil sie Opfer einer Gewalttat geworden ist.
Es kann ja sein, dass Prof. Sauer damit recht hat. Vielleicht hat sie noch mit ganz anderen Sachen recht. Vielleicht setzt sich die Ärztekammer für Impfprogramme ein, damit die Frauen immer brav am Arbeitsplatz erscheinen. Vielleicht gibt es die Helmpflicht für Motorradfahrerinnen nur, damit die Frauen was hackeln anstatt Organspenden für das Hodenkartell zu liefern. Vielleicht dienen Kläranlagen hauptsächlich dazu, Frauen arbeitsfähig zu halten anstatt dass sie erbrechend über der Schüssel hängen.
Wie gesagt: Vielleicht hat Frau Prof. Sauer eh recht. Vielleicht hat sie aber auch nur ein Beispiel für die Binsenwahrheit geliefert, dass Idee B nicht unbedingt schlecht sein muss, wenn man schon weiß, dass Idee A gut ist.
So. Zum Abschied gibt es noch ein Feedback der Woche. Euer Zweckdichter hatte einen Text geliefert, der mit Ich bin’s anhob. Der Kunde erwiderte prompt: Das erinnert stark an den Jugendslang „i bims“.
Das ist allerdings richtig. Ungefähr so, wie eine Parlamentsrede von Herrn Gudenus an die Wiege der Demokratie im alten Griechenland erinnert, so erinnert „ich bin’s“ an „i bims“.
Schönen Sommer!