Freitag, 7. Mai 2021

Mein linker kleiner Finger

 

Es ist ja meistens alles ganz einfach, o sprachlich firme Lesehäschen. Wenn einer sich nur um sich selber kümmert, schaut er auf sein Ego und ist ein Ego-ist. Wer sich in Sprachfragen auskennt, kann jenen, die das nicht von sich behaupten dürfen, die Zunge (lateinisch lingua) herausstrecken und sich Lingu-ist nennen. Wer das System gegen sich selbst auszuspielen trachtet, nimmt Leuten, die ihn vielleicht nötiger brauchen, den Sitzplatz nahe der Rezeption weg und ist ein Lobby-ist. Wer etwas ist, kriegt ein -ist eingehängt und ist das dann. So wird aus einem Wort ein neues Substantiv. Ich erzähle nichts Neues, wenn ich berichte, dass man auf ähnliche Weise auch Adjektive herstellen kann. Wenn etwas mit Komik zu tun hat, ist es kom-isch, wenn es aus Italien kommt, italien-isch, und wenn es echt der Hammer ist, tier-isch (zumindest bis ungefähr 1987).

Jedoch kann einem das eine oder andere span-isch vorkommen, wenn der Sprachgebrauch dir nicht etwa ein X für ein U, aber ein y für ein i vormacht. Denn wie nennt man jemanden, der Zeugs auswertet und dir dann erklärt, was es bedeutet? Das ist heute ein Analyst, den wir glaubich volley aus dem Englischen übernommen haben, wo man ja mit dem Ypsilon ein kuschliges Verhältnis pflegt. Bei uns hingegen steht das Ypsilon im Ruch des Geschmäcklerischen, wobei sich die Henne-Ei-Frage stellt, ob dies daran liegt, dass man den kleinen Finger abspreizen muss, um es zehnfingrig zu tippen, oder ob es die Position des linken Außenverteidigers auf der Tastatur innehat, weil es dort so gut hinpasst. Kein Wunder, dass es auf englischen Tastaturen mitten im Geschehen steht!

Im herkömmlichen Standarddeutschen jedenfalls hieß der Typ Analytiker. Darf man ruhig noch sagen, hat den Vorteil, dass man sich die ontologische Verunsicherung zwischen -ist und -yst erspart, freilich erkauft mit dem Nachteil, dass man eventuell selber als geschmäcklerisch gilt.

Die Ypsilon-I-Verunsicherung gibt es, ebenso wie die Herstellungsweise, auch für Adjektive, und zwar für alles, was mit Libyen (und eben nicht Lybien, sonst wäre ja alles klar) zu tun hat. Denn solche Dinge sind libysch, womit wir im Jahre 1934 angelangt wären. Als nämlich die Kommission zur Herstellung fehlender Wörter wieder einmal zusammentrat, weil Italien seine tripolitanischen Besitzungen nunmehr als Italienisch-Libyen bezeichnete und man damals ja sonst nichts zu tun hatte, bot sich die ganz große Luxusauswahl, wie man das entsprechende Adjektiv erzeugen könnte:

Libyisch nach spanischem Vorbild? Libyanisch wie in Brasilien? Libyenitisch, denn diese Methode ist im Jemen geläufig? Oder – naheliegend – libyenisch wie die italienischen Kolonialherren? War alles nix, beschlossen die Sprachkommissare, die es wohl ohnehin nie gegeben hat. Denn es hatten sich Bewegungen formiert, Demonstrationen waren an der Tagesordnung, die Zeitungsredaktionen quollen von Leserbriefen über. Was bewegte das Sprachvolk einst?

Muss man erst einmal draufkommen: Es gab zu wenige Wörter, die mit -ysch enden. Bis dahin waren das nur Flysch (das sind so Steine, für alle, die in Geo nicht aufgepasst haben) und faradaysch (wie der Käfig, der vor Blitzen schützt.) Wer jetzt nachgooglet und den Fluss Irtysch gefunden hat: Den könnt ihr behalten, für Eigennamen gelten eigene Regeln.

Also schuf die Kommission libysch auf Kosten der Logik, aber zur Freude der Sprecher*innen (mehr zum Sternchen vielleicht nächste Woche).

Schönes Wochenende und viel Spaß mit -ysch!

Freitag, 30. April 2021

Rechenbeispiel

 

Ihr kennt das bestimmt, o teure Lesehäschen: Man findet sich irgendwo ein, dort sollte jemand auftauchen, der weiß, wo es langgeht, und stell dir vor, keiner geht hin. In der Grammatik sieht das dann zum Beispiel so aus:

Eingerichtet wurde der Blog von PR-Muftis und kann somit als Täuschungsmanöver betrachtet werden.

Irgendwas stimmt da nicht. Das kann im zweiten Satzteil steht herum wie bestellt und nicht abgeholt. Glatt aufgehen würde etwa diese sprachliche Gleichung:

Der Blog wurde von PR-Muftis eingerichtet und kann somit als Täuschungsmanöver betrachtet werden.

Oder auch diese:

Eingerichtet wurde der Blog von PR-Muftis, somit kann er als Täuschungsmanöver betrachtet werden.

Was ist geschehen? Wenn zwei Hauptsätze aneinandergereiht sind, die sich ein Subjekt (nämlich den Blog) teilen, so wie – Bildungsauftrag! – die Graien der griechischen Mythologie, die zu dritt mit nur einem Auge und einem Zahn auskommen müssen, dann gilt es dieses Subjekt entweder voranzustellen. Oder es geht sich halt nicht aus, dann muss man ein zweites Subjekt (hier „er“) herbeirufen.

Wenn aber die Prädikate (eingerichtet wurde und kann) vorneweg marschieren, ohne dass im zweiten Glied ein Subjekt mithampelt, dann kann man das, in den unsterblichen Worten meines geliebten Lukas, schon machen, aber es sieht dann halt kacke aus.

Im ÖVP-Blog geschieht nicht selten Ähnliches, weil man als soigniertes Chefsubjekt halt nicht überall sein kann und die beiden Schacklprädikate einen Schmarren hinschreiben, so schnell kannst du gar nicht schauen.

Heute lernen wir nämlich den schönen und leider unübersetzbaren Ausdruck to bury the lede. Er bedeutet, dass ein (obacht, jetzt folgt ein schönes Beispiel für eine Formulierung, die uns das Gendersternchen erspart) journalistisches Nackerbatzerl das Wichtigste an einem Artikel (eben: the lede) irgendwo im Inneren versteckt und sich bis dahin in weniger interessanten Details verliert.

Sebastian Winter (das ist der kongeniale Kollege von Peter Stöckl bei zur-sache.at) liefert dafür ein Beispiel in seinem „Artikel“ über zusätzliche Impfdosen, die Österreich zuteil werden sollen. Stolz verkündet er, dass „für Mai von diesen zusätzlichen Dosen rund 410.000 erwartet“ werden. Im Gesundheitsministerium, so führt er aus, schließt man daraus, „dass im Mai zwischen 400.000 und 500.000 Impfdosen in Österreich erwartet sind“.

Man würde nun zumindest ein empörtes Gicksen erwarten ob der Tatsache, dass die Regierung ursprünglich anscheinend überhaupt keine Impfdosen für Mai erwartet hatte (da ja die gesamte erwartete Menge in den zusätzlichen Dosen aufgeht), aber irgendwie ist das an Herrn Winter vorbeigegangen. Ein noch empörteres Gicksen wäre fällig ob der Tatsache, dass in der letzten Aprilwoche mehr Impfdosen eintrudeln als laut Herrn Winter im ganzen Mai, aber das ist dann irgendwie auch schon wurscht.

Man darf raten, welches Organ sich die beiden Nachwuchspolitiker teilen, und man darf ein bisschen Mitleid mit ihrem Chef haben, aber nur ein bisschen. Denn wir sehen daran, dass man erstens in den Grundrechnungsarten genauso schwach sein kann wie in Grammatik und trotzdem noch einen ÖVP-Blog schreiben, und dass man zweitens, wenn man sich darauf einlässt, solche journalistischen Inselbegabungen leiten zu wollen, bekommt, was man verdient.

Schönes Wochenende!


Freitag, 23. April 2021

Untypisch

 

Wie, o teure und medial stets auf dem Quivive befindliche Lesehäschen, geht es denn zur-sache.at, dem sogenannten Blog, den sich die ÖVP angeblich wachsen hat lassen, um „die Diskussion zu versachlichen“, was in der Praxis darauf hinausläuft, dass ÖVP-Politiker Beiträge von zur-sache.at teilen, damit bei Unbedarften der Eindruck entstehe, ein journalistisches Medium habe etwas Positives über das Gebaren der türkisen Reichshälfte zu sagen?

Antwort: den Umständen entsprechend. Weshalb der Chef dieser Veranstaltung, Claus Reitan, sich als erfahrener Journalist den Schmarren antut, ist ein Geheimnis, das hoffentlich nur er selber kennt, denn wenn es jemand von der ÖVP weiß, dann ist das auch schon die Antwort darauf, warum er mitspielt.

Dass seine beiden Schackln hoffen, hier parteiintern zu punkten, ehe sie 25 werden, liegt auf der Hand. Unterwindet man  sich tatsächlich der Lektüre ihrer Beiträge, stellt man – wenig überraschend – fest, dass ihre Pöstchen offenbar nach dem Prinzip „schreiben kann eh jeder“ besetzt wurden. Wer hier ein Kopfgeld auf gerade Sätze aussetzt, muss ebensowenig die Verarmung fürchten, wie jemandem, der sich bei jeder von einer gesellschaftlichen Vision getragenen Aussage des Kanzlers einen Schnaps genehmigt, der Weg in die Trunksucht vorgeizeichnet ist.

Sucht man hingegen die geschossenen Böcke auf, so findet man sich in einem, wie der Engländer sagt, target-rich environment wieder. Man muss sich schon fragen, auf das Niveau welcher Zielgruppe man sich begibt, wenn davon die Rede ist, dass bei uns höhere COVID-Unterstützungen ausgezahlt werden „als wie in Deutschland“. (Antwort: 23-jährige Möchtegern-Politkarrieristen, denen bei so mancher Klassensprecherwahl noch übler mitgespielt wurde als bei der Deutschschularbeit.) Auch der fast vergessene Babyelefant trabt noch durch die Sätze, wenn etwa von einem „pro Kopf Schlüssel“ die Rede ist, in dem jedes Wort vom anderen brav Abstand hält, weil der „Redakteur“ gefürchtet hat, durch die naheliegende Koppelung mit Bindestrichen eine Infektionskette zu provozieren.

Unlustig wird es, wenn dem wahrhaftigen Journalisten Florian Klenk unterstellt wird, er habe Angehörige von Personen, die vor dem Ibiza-Ausschuss befragt werden, in sozialen Medien persönlich beleidigt, was zwar ein Blödsinn ist, womit sich aber der „Redakteur“ die Rutsche legt, um wiederum Klenk als „Kollegen“ zu beleidigen. Dieser Peter Stöckl ist jemand, der kraft seiner journalistischen Expertise nichts dabei findet, Sätze wie diesen zu schreiben: „FMA-Vorstand Helmut Ettl wird in Commerzialbank-Skandal als Beschuldigter geführt.“ Wir haben zwar in den vergangenen Monaten allerlei Erstaunliches über die österreichische Justiz gehört. Dass sie aber neben Instituten wie dem Zivil- und dem Strafprozess auch den „Skandal“ kennt und dass man in einem solchen „als Beschuldigter geführt“ werden kann – um das zu lernen, haben wir die versachlichende Kraft von „Zur Sache“ gebraucht, welches Organ man nur dankbar darauf hinweisen kann, dass „im“ Commerzialbank-Skandal sich noch graziöser läse als „in“.

Leider sind nicht alle Beiträge von „Zur Sache“ namentlich gezeichnet. Nur zu gerne wüsste man, wem wir die Aufklärung verdanken, was das Ziel des „Girls’ Day des Bundes“ ist: dass nämlich Mädchen „in Ministerien und anderen Institutionen Einblicke in für sie untypische Berufsfelder […] bekommen.“ Gut zu wissen, dass der offizielle Blog der Neuen ÖVP ein Ministerium als untypisches Berufsumfeld für Mädchen sieht. Schönes Wochenende!

Freitag, 16. April 2021

Datenschonzeit

 

Willkommen zurück, o vernünftige und distante Lesehäschen! Euer Kolumnator ist – hoffentlich endgültig – aus dem Coronaland heimgekehrt. Wollt ihr wissen, wie es dort war? Anders als vermutet, soviel ist sicher. Denn einst (so um den 50. März 2020, und heute ist erst der 412.) – einst also ward uns versichert, es sei ganz, ganz wichtig, die Infektionsketten nachzuvollziehen, auf dass man sie unterbreche.

Ist ja auch klar: Wenn du wissen willst, wo du das in langen Lockdownnachmittagen liebevoll im Geiste Bob Rossens (there are no mistakes, just happy little accidents) gepinselte Nacktselbstportrait aufhängen kannst, ohne dass es abends in der Hütte dunkel bleibt, dann solltest du herauskriegen, wo die Stromleitung ist, ehe du den Nagel  einschlägst. Und wenn du deinen Dackel retten willst, ehe ihn der Dachs dauerhaft einbuddelt, dann musst du wissen, wo die Gänge des Baus verlaufen. (Wer jagdlich jetzt nicht so versiert ist: Der Dackel heißt so, weil er einst für die Dachsjagd gezüchtet wurde, und die Tieferlegung des Dackelgestells soll das Einfahren in den Dachsbau erleichtern. Der Dachs ist aber ein boshaftes Viech und es kommt durchaus vor, dass er den ungebetenen Dackel bei lebendigem Leibe eingräbt, weshalb der kluge Jäger rechtzeitig mit dem Spaten bei der Hand ist.)

Der Dackel profitiert davon, dass für den Dachs zwar von Jänner bis Mai Schonzeit gilt. Die Dachsdaten sind aber ganzjährig Freiwild, sodass man ohne weiteres eruieren darf, wo der Dachs und seine Gänge sich befinden.

Anders steht es um die Menschendaten, die als höchst schutzwürdiges Gut gelten, was allen, die Corona härter erwischt, als tröstliches Glück im Unglück bleibt: Deine Daten, mein Guter, sind so sicher wie eh und je, auch wenn es deine Zellen nicht sind.

Deshalb, so die Vermutung eures Ergebenen, war das „Tracing“ vielleicht einmal wichtig. Doch jetzt ist komplett nebbich: Wenn du als Infektionsfall agnosziert bist und von der zuständigen Stelle gefragt wirst, wo du dich angesteckt hast, und du dann antworten kannst: „Ich vermute stark, es war bei einer inoffiziellen Party, wo wir uns zwei, drei Stunden angetschechert und zwischendurch die Zungen in den Hals gesteckt haben. Daran teilgenommen haben außer mir folgende Personen Doppelpunkt.“ – dann freut man sich höchstwahrscheinlich, kontaktiert die Betreffenden und teilt ihnen mit, dass das mit dem Zungeindenhalsstecken nicht so die Königsidee war.

Sagst du hingegen: „Hm, das könnte in der Seilbahn geschehen sein, mit der ich in letzter Zeit immer wieder mal gefahren bin, wenn auch natürlich vorschriftsgemäß maskiert etcetera.“ – dann erwidert die Tracingstimme: „Also unbekannt.“ Und dein Tracing ist beendet. Denn es waren zwar du selbst und wenigstens die Hälfte der anderen Passagiere bei jeder Fahrt mit einem nicht übertragbaren Saisonticket unterwegs, sodass die Seilbahngesellschaft zu einem gegebenen Zeitpunkt weiß, dass der und die und der auch gemeinsam mit dir unbewusster Virenschleuder in der Gondel waren. Sie muss das aber ganz schnell wieder vergessen. Denn das Virus, so die Logik, ist irgendwann besiegt. Das Datum aber, dass du am soundsovielten Mustermonat um neunuhrdreißig mit einer ganz bestimmten Gondel gefahren bist – wenn diese Katze einmal aus dem Sack ist, fängt sie keiner mehr ein. Man mag sich gar nicht vorstellen, was da alles passieren könnte, wenn das herauskommt!

Obwohl: Ein bisschen mag ich es mir schon vorstellen. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es in 99,99 % der Fälle pforzpiepegal wäre, nur dass man halt, wenn man solche Daten weniger porzellankistenartig behandelte, eventuell die Chance hätte, tatsächlich hin und wieder die eine oder andere Infektionskette nachzuvollziehen. Nur so ein Gedanke. Man könnte ja die Schonzeit für Daten wieder ausrufen, wenn wir diesen Pandemiescheiß im Griff haben. Dachse gibt es auch immer noch reichlich, obgleich sie sieben Monate im Jahr gejagt werden dürfen.

Einstweilen seien euch Gesundheit, gegebenenfalls ein milder Verlauf und jedenfalls ein schönes Wochenende herzlichst angewunschen!

Freitag, 19. März 2021

Sushis

 

Kann mir, o fußballaffine Lesehäschen, jemand die Chose mit diesem Dahlmann erklären? Denn so ganz checkt euer Kolumnator das nicht.

Für alle, die es auch nicht checken, hier das executive summary: Jörg Dahlmann scheint ein ziemlich weißer älterer Mann zu sein, der bisher als Sportkommentator für Sky regelmäßig mit Sprüchen auffiel, die man als sensibler Mensch eher nicht bringen sollte, indem er etwa wissen ließ, wie gern er mit einer prominenten Frau kuscheln würde, mit der er nicht näher bekannt ist.

Der Tropfen, der nun das Fass zum Überlaufen gebracht hat, war ein Satz, in dem er erwähnte, dass ein bestimmter Spieler, der bis vor Kurzem für einen japanischen Club gewirkt hatte, sein letztes Tor „im Land der Sushis“ geschossen habe.

Das, so die Stimme des Shitstorms, sei rassistisch und daher untragbar.

Weil warum? Inkriminiert wurde, so brachte es die taz auf den Punkt, dieses: Er hatte Japaner’innen als „Sushis“ bezeichnet.

Daraus lernen wir erstens, dass es den Genderapostroph gibt. Und zweitens – ja, was eigentlich? Immerhin gibt es – gerade in Japan ­– nicht nur ein Sushi, sondern viele, viele verschiedene Sushis, und dass mancher bei Lachs und Thunfisch steckenbleibt, beweist nicht, dass die Reise zu Butterfisch, Meeresschnecken oder Muscheln nicht lohnen könnte.

Woher weiß die taz also, dass mit den Sushis Menschen gemeint waren und nicht Reiswälzchen mit Fisch drauf? Schließlich hat Dahlmann, seiner alten weißen Männerschaft unbeschadet, nicht behauptet, dass der Betreffende für die Sushis in seiner Mannschaft ein Tor geschossen hätte. Die Identifikation von Nahrungsmitteln mit Menschen, die klar zutagetritt, wenn Engländer Deutsche Krauts oder Franzosen Engländer rosbifs nennen, liegt hier wohl eher im Auge des Betrachters, also der taz. Euer Ergebener fragt sich, was in der taz vorgegangen wäre, wenn der Spieler vorher im Land der 1.000 Seen oder gar im Land der Schnitzel  gekickt hätte.

Jetzt kommen drei gefährliche Worte. Sie lauten Und selbst wenn. Und selbst wenn der Herr Dahlmann tatsächlich Menschen mit Essen in eins gesetzt hätte, ähnlich wie bei den schon erwähnten Schnitzeln, dem Kraut, dem Roastbeef und wasweißichwasesdanochallesgibt: Wie sicher sind wir, dass so etwas rassistisch ist?

Die einschlägige Redefigur ist, wie treue Lesehäschen wissen, das pars pro toto, in dem ein Teil das Ganze vertritt – die vier Wände die Wohnung, Tisch und Bett das Zusammenleben, die Nase den Menschen, die zu stopfenden Mäuler den Nachwuchs und das landestypische Gericht das Land samt seinen Bewohnern. Woher der Rassismusvorwurf? Die einzige Erklärung, die euer Ergebener findet, ist die Befürchtung, dass die Hervorhebung eines Merkmals die anderen unzulässig verkürze, dass also zum Beispiel wir Österreicher auf Schnitzel „reduziert“ würden, womit freilich nicht mehr gesagt ist, als dass wir nicht selten paniert sind.

Die sogenannte Verkürzung ist aber durch die Auswahl bedingt. Es ist halt nicht immer alles gleich wichtig. Selbst wer von Japaner’innen samt Genderapostroph spricht, lügt sich in den alten weißen Männersack, wenn er behaupten wollte, er sei damit allen Bewohnerinnen und Bewohner in ihrer menschlich-historisch-sozialen Totalität gerecht geworden. Er hat auch nur festgehalten, wo sie herkommen. Natürlich gibt es Beleidigungen. Dass aber, selbst wenn die Gleichsetzung stattgefunden hätte, diese Beleidigung kündigungswürdiger sei als wenn man Englänger als Roastbeefs bezeichnet, scheint mir eine kulturelle Herablassung gegenüber Asien zu implizieren, die der taz schlecht ansteht.

Wahrscheinlich ist Dahlmann eh ein Unsympathler. Aber nicht wegen dem Sushi-Satz. Schönes Wochenende!

Freitag, 12. März 2021

Deutschstunde 4

 

Die Schule, meine lieben und hochgebildeten Lesehäschen, ist ja viel besser als ihr Ruf. So haben sich nicht wenige, um ein Zentnerwort des Bundeskanzlers anzubringen, „Kulturverliebte“ echauffieren zu müssen geglaubt, als klar wurde, dass man für die aktuelle Deutschmatura  den Unterschied zwischen einer Erörterung und einer Meinungsrede kennen muss, sich aber aber jenen zwischen Faust und Mephisto, Thomas und Heinrich Mann (oder, wir sind schließlich in Österreich, Doderer und Drach) wurscht sein lassen kann.

Das ist richtig, hat aber seine Richtigkeit, weil alle, denen das ein Bedürfnis ist, ihren Trakl auch noch in der Pension buchstabieren können, während man sich im Erwerbsleben plötzlich der Notwendigkeit ausgesetzt sehen kann, eine der nunmehr so wichtigen Textsorten erneut zu beackern. Wer gäbe ein besseres Beispiel dafür ab als unser geliebter Kanzler selbst? Hat er doch einen Brief an die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft geschrieben und dabei seine für die Matura erworbenen Kompetenzen gut brauchen können. Denn offenbar hat Sebastian immer gut aufgepasst und konnte deshalb noch Jahre später abrufen, wie man laut Leitfaden im Deutschbuch für die achte Schulstufe eine Erörterung schreibt. Sein Brief passt jedenfalls perfekt dazu. (Dank gilt an dieser Stelle dem Zweckdichterbalg für die zeitweilige Überlassung von Deutschstunde 4.)

Nämlich beginne man mit einer Einleitung, die höchstens vier Sätze umfassen soll. Hier wecke man das Interesse durch Bezugnahme auf ein aktuelles Ereignis. Der Kanzler hat das perfekt umgesetzt und weckt Interesse durch die mittlerweile zu Recht berühmt gewordene Formulierung von den fehlerhaften Fakten, ehe er weisungsgemäß zum Hauptteil überleitet mit der Behauptung, dass er „gerne klarstellen würde“. Warum er das im Konjunktiv würde, weiß nur er selbst, aber so kleinlich muss man ja nicht sein.

Nun rät das Deutschbuch, man solle zuerst die abgelehnte Seite darstellen, mit deren Argumenten in absteigender Reihenfolge der Beweiskraft. Sieh an: Es kommen nacheinander der Termin mit Novomatic, während Kurz live im Fernsehen war; dann noch ein Termin mit Novomatic, den aber eine andere Kurzperson hatte, und schließlich der Hinweis, dass die übrigen Termine „im größeren Kreis“ stattgefunden hätten.

Als nächstes soll der Schüler den eigenen Standpunkt mit Argumenten in aufsteigender Reihenfolge der Beweiskraft darstellen. Sebastian weiß, was er zu tun hat: Dass der Rechnungshof 2017 und 2018 keine Spenden von Novomatic an die ÖVP gefunden hat, genügt zum Einstieg. Schwerer wiegt nach Ansicht des Kanzlers, dass er „täglich mehrere Stunden beschäftigt“ ist (ohne „damit“), Medienanfragen zu beantworten.

Am allerschlimmsten aber, deshalb bringt Kurz es als drittes Argument, ist natürlich der „Reputationsschaden für die Bundesregierung und damit für die gesamte Republik Österreich“.

Es ist möglicherweise nicht jedem gegeben, die Regierung so umstandslos mit der Republik zu identifizieren, wenn aber ein Kurz den Sonnenkönig in sich spürt (l’etat c’est moi), dann wollen wir ihm den Spaß einstweilen gönnen, zumal er recht brav nicht nur den Aufbau der einzelnen Aufsatzteile, sondern auch die „Formulierungshilfe Erörterung“ studiert hat. „Weise darauf hin“, „erlaube mir beizulegen“, „habe daher die Hoffnung“ – das ist alles sehr schön umgesetzt. Am allerbesten, weil für eine gelungene Viertklässler-Erörterung am wichtigsten, ist natürlich das wohlgesetzte „ich bin der Meinung“, nämlich, dass man sich als Kanzler nicht in eine Ermittlung einmischen solle, es sei denn, es ist opportun, weil der eigene Pressesprecher ein derartiger Tachinierer ist, dass man selber vor lauter Medienanfragen gar nicht mehr zum Regieren kommt, sodass man wohl oder übel einen offenen Brief an eine Justizbehörde schreiben muss, damit die dort merken, wie sehr man sich nicht in ihre Ermittlungen einmischt.

Schönes Wochenende!

Freitag, 5. März 2021

Schweigen

 

Kann man, o teure Lesehäschen, nur über Dinge sprechen? Oder auch über Wörter? Bisher dachte euer germanistisch vorbelasteter Kolumnator sogar über Wörter sprechen zu müssen. Wir lernen jedoch, dass man dabei, wenn es blöd hergeht, seinen Job verlieren kann. So erging es, wie ihr woken Häschen bestimmt schon wisst, einem Redakteur der New York Times namens Donald McNeil, der mit einer Schülergruppe auf Bildungsreise in Peru unterwegs war. Es ergab sich ein Gespräch mit einer Schülerin über ein Video eines Buben, der darin das Wort „Nigger“ verwendete. Natürlich ist das ein schiaches Wort, mindestens so schiach wie „Judensau“ oder „Funzn“ oder ganz viele andere Wörter. Ich vertraue jedoch darauf, dass euch klar ist: Euer Zweckdichter sieht a priori keinen Unterschied zwischen Menschen, ungeachtet ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder ihres Geschlechts, behält sich aber freilich das Recht vor, einen jeden nach näherer Untersuchung als Arschloch zu klassifizieren. If it walks like a duck …

Jedenfalls erkundigte sich Herr McNeil in gedachtem Gespräch näher, wie denn der Knabe das Wort „Nigger“ verwendet habe. Damit war die Sache gegessen, denn nach einigen Umwegen verlangten 150 seiner geschätzten Kollegen von ihm öffentlich eine Entschuldigung, weil das Wort „Nigger“ immer schon eine Beleidigung sei und man es daher keinesfalls auch nur zitieren dürfe.

Einmal ehrlich, o teure Häschen: Ist es für so etwas nicht ein bisschen spät? Hätten wir noch die Ursprache Adams, in der jedes Ding genauso hieß, wie es ihm frommte, dann wäre da vielleicht was dran. Doch seit der babylonischen Sprachverwirrung müssen, nein: dürfen wir mit einer Kluft zwischen Zeichen und Bezeichnetem leben. (Wer sich zu diesem Thema gepflegt unterhalten lassen will, der lese Embassytown vom nicht genug zu preisenden China Mieville.)

Die Karte, Herrschaften, ist nicht das Territorium, das Wort ist kein Übergriff und die Waffe kein Mord! Man braucht keinen Derrida gelesen zu haben, um zu wissen, dass je nach den Umständen Arzttochter eine geringere, aber auch eine schwerere Beleidigung sein kann als Nigger, sonst wäre das sogenannte N-word privilege (das Recht, jemand einen Nigger zu heißen, ohne dass man deshalb seine langjährige Arbeitsstelle aufgeben muss) nicht denkbar.

Dass jede Nennung und jede Darstellung von etwas Unerwünschtem automatisch Zustimmung bedeute, das kannte man bisher eher von den Bewertungen der katholischen Filmkommission der 1970er Jahre als von einem Leitmedium des Abendlandes.

Denn leider ist es so: Der Rassismus geht nicht weg, wenn man Leute zur Kündigung mobbt, die ein rassistisch konnotiertes Wort nicht etwa in rassistischer Absicht verwendet, sondern es nur zitiert haben. Um ihn zu bekämpfen, ist es wahrscheinlich nützlich, möglichst viel über ihn zu erfahren. Ob Sprechverbote der geeignete Weg dafür sind, bleibe dahingestellt. Ich frage mich aber schon, was einer der 150 als Nächstes tut, wenn er zum Beispiel gottbehüte eine Krebsdiagnose kriegt. Sucht er sich dann einen Onkologen, der die Proben nicht unters Mikroskop, sondern in den Schrank legt, in der Hoffnung, dass das Übel dann verschwindet?

Wahrscheinlich nicht. Denken wir also daran, dass man nicht nur sprechen kann, sondern sich auch mit Sprache befassen (es sei denn, man ist einer von jenen in Embassytown). Schönes Wochenende!