Freitag, 26. November 2021

Die Antwort ist Dieter

 

Das Zappen, o vielgeliebte Lesehäschen, ist ja der Fußball unter den Zeitvertreiben. Dieser ist in hohem Maße geeignet, die passiven Teilnehmer, also die Zuschauer, so unglücklich zu machen wie das Golfspiel die aktiven. Man kann ungezählte Stunden damit verbringen, den Herrschaften auf dem Rasen dabei zuzusehen, wie sie entschieden zu gut dafür bezahlt werden, entschieden zu wenig auf die Reihe zu kriegen. Aber manchmal ist das Glück dir hold, und du siehst das Finale der Champions League 1999.

So ähnlich ist es auch mit dem Zappen. Nur zu oft hantelst du dich von Werbepause zu Werbepause und endest früher oder später bei gotv oder, aus lauter Verzweiflung, bei HGTV. Für die Nichteingeweihten: HG steht für „house & garden“. Dementsprechend besteht das Programm zu einem Drittel aus der Dokumentation von atemberaubend aufwendigen und unschönen Gartenumgestaltungen. Im zweiten Drittel sehen wir sogenannte „Flipper“, das sind Menschen, die heruntergekommene Häuser möglichst billig kaufen, die Mängel möglichst rasch kaschieren (merke: eine Tapete kostet weniger als eine Mauertrockenlegung) und sie dann möglichst teuer weiterverkaufen. Man fragt sich jedesmal, warum diese Verbrecher sich bei ihrem Tun filmen lassen.

Im letzten Drittel beobachtet man Menschen (meist Paare) dabei, wie ihnen aalglatte Maklerinnen und Makler Häuser unterjubeln, die vermutlich durch die Hände obgedachter Flipper gegangen sind. Trotzdem hat man selten Mitleid mit den Kaufwilligen, weil es sich meist um epochal unsympathische Müßiggänger handelt, die ein Haus im Zweifelsfall immer danach bewerten, ob die Garage groß genug für ihre zahlreichen benzinbetriebenen Spielzeuge ist, und niemals danach, ob es genügend Platz für die Bücherregale bietet.

So also ist Zappen, und man könnte nun meinen, es habe sich angesichts flächendeckend verfügbaren Streamings als Kulturtechnik erledigt.

Doch weit gefehlt. Wer den nötigen langen Atem hat, dem schenkt auch das Privatfernsehen bisweilen einen CL-1999-Moment, und man hat dann für sich eine Frage geklärt, von der man bis dahin gar nicht wusste, dass sie existierte, nämlich: ob Thomas Anders oder Dieter Bohlen der Erträglichere von Modern Talking sei. Die Antwort lieferte das Zappen eurem Ergebenen gestern abend. Die Geschichte geht so, und wenn es nicht ganz so war, ist sie gut erfunden: Es begab sich, dass diese Inkarnation des eiskalt kalkulierten Discopop in eine Samstagabendshow des französischen Fernsehens geladen wurde, und zwar nicht in in irgendeine, sondern in Champs Élysées, damals das Traumschiff unter den französischen TV-Shows.

Es begab sich weiter, dass Nora, das legendär zickige Ehegespons von Thomas Anders, sich von irgendjemandem schief angesehen fühlte, worauf das minderbemittelte Paar sich, hihi, vertragsbrüchig vom Acker machte und Dieter Bohlen aber schon sehr dumm dastehen ließ, der sich nun mit einem empörten französischen Fernsehproduzenten herumschlagen durfte, dessen Live Act sich eine halbe Stunde vor Sendungsbeginn in Luft aufgelöst hatte.

So weit, so gut, doch es zählt nicht zu den zweifellos vielen Fehlern Bohlens, dass er sich leicht geschlagen gäbe. Tatsächlich gelang es ihm, Modern Talking zwei Jahre später erneut als Showeinlage in Champs Élysées unterzubringen. Wieder ging es nach Paris, wieder war es nicht mehr lange hin zur Sendung, und wieder waren Thomas und seine Doofe verschwunden. Was also tat der Poptitan? Er suchte einen Hansel, der halbwegs singen konnte und Thomas einigermaßen ähnlich sah. Und zog die Sache durch, um fortan nie wieder in Frankreich aufzutreten. Wie das aussah, kann man, dem Internet sei dank, heute noch sehen. Schönes Wochenende!

Freitag, 19. November 2021

Für mindestens 18-Jährige

 

Leider, o teure und zweifellos flächendeckend immunisierte Lesehäschen, kam der Rat eures Ergebenen, wie man die Impfrate durch wohlerwogene Gamification eventuell steigern könnte, zu spät. Man sieht an den aktuellen Ereignissen, dass in der türkisen Volkspartei die christlichen Elemente stärker sind, als man dachte. Heißt es doch im Matthäusevangelium:

Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Hier ist offensichtlich von den immer häufigeren Konflikten die Rede, die Familien in Impfwillige und Ungeimpfte spalten. Indem die Regierung diesen durch eine Informationspolitik Vorschub geleistet hat, die darauf ausging, jede Seite gegenüber der anderen lächerlich zu machen, hat sie also nicht mehr als gut christlich gehandelt. Dass die Kluft im Land nur noch durch einen Lockdown zu schließen ist – was soll’s. Ist nicht der erste, wird nicht der letzte sein.

Die nächste Frage ist nun, wie diese gesellschaftliche Realität sich im Deutschen abbilden lässt. Denn wenn der Genderstern recht ist, so kann es nur billig sein, auch sprachlich das Trennende über das Verbindende zu stellen. Deshalb: Weg mit dem Bindestrich! War er einst eine willkommene Prothese für Leute, die ihren Lesern nicht zutrauten, mehrsilbige Wörter zu verarbeiten, sodass aus der Marketingkonferenz im Handumdrehen eine mundgerechtere Marketing-Konferenz wurde, so ist er nun ein lästiges Überbleibsel aus einer Zeit, als man noch dachte, es sei wünschenswert, Dinge zusammenzubringen. Wer wagt es, endlich zu trennen, was auseinandergehört?

Antwort: Ein lang geschätzter Kunde eures vielgeprüften Zweckdichters. Dort gibt es weiterhin Wörter mit Bindestrichen und Produktnamen ohne solche, weil es halt viel cooler ist, einen Business Schraubenzieher zu ergreifen als einen Business-Schraubenzieher. Nichts ist aufgeräumter als die Leere, und horror vacui sowieso total 1975, als man noch alles mit Blumenmustern anräumen zu müssen glaubte. Heute dagegegen: skandinavische Schlichtheit. Doch wie wir wissen, gibt es nicht nur Rule 34: There’s porn of it. Es gibt auch too much of a good thing, beziehungsweise in diesem Fall too wenig of a thing, das notwendig wäre. Bei eigenen Produktnamen darf sich ja jeder aussuchen, ob er die mit Bindestrich, Doppelpunkt oder Heftpflaster schreibt. Wenn aber ein Whiskyhersteller seinen „12jährigen“ Stoff anpreist, ist das schon falsch, weil Buchstaben und Zahlen nicht so einfach zusammenpassen, das ist wie Lego und Fischertechnik, da brauchst du einen Bindestrichadapter.  Spricht er gar vom „12 jährigen“, dann stellen sich zart die Haare auf. Wollte er uns nicht mitteilen, die Plörre sei zwölf Jahre alt? Warum dürfen die 12 und die Jahre dann nichts miteinander zu tun haben? Auch eine „ph neutrale“ Seife ist eine orthographische Sauerei, da nützen alle Tenside nichts, das wird nicht mehr sauber. Beziehungsweise eben schon: Die Wörtervereinigung ist so jugendfrei, dass sie praktisch gar nicht stattfindet. Wenn zwei Wörter sich schon so fest liebhaben, dass sie ein neues machen, darf man das auch ruhig sehen. Deshalb, o meine Teuren, her mit dem Bindestrich, damit die Wörter sich wieder zusammenferkeln können, als gäbe es kein Morgen, dafür ph-neutral, 70-jährig und Cr6-frei.

Schönen Lockdown und schönes Wochenende!

 

Freitag, 5. November 2021

Schadenfreude

 

Es ist, o teure Lesehäschen, im Großen und Ganzen so wie vor einem Jahr. Man hört daher immer öfter, dass es niederschwelligerer (oder niedrigerschwelliger?) Impfangebote bedürfe. Denn wer mit offenen Ohren durch die Stadt und übers Land geht, höre angeblich allüberall ein Raunen, das bei größeren Menschenansammlungen auch in ein Tosen übergehen könne: „Macht uns niederschwellige Impfangebote! Dann gehen wir hin, versprochen!“

 

Euer Ergebener ist da ein bisschen skeptisch. Vielleicht ist es daher ebenso lohnend, den gegenteiligen Weg zu beschreiten. Betrachten wir nämlich den Billigflug. Er kostet fast so wenig wie die Impfung, ist jedem zugänglich, der einen Puls hat, und sein Ausgang ist noch wesentlich zweifelhafter.  Trotzdem drängen sich vor den Schaltern die Massen, dass es nur so eine Art hat, während es im Impfcontainer zugeht, wie in der Tante Jolesch das Entrée in ein Nachtlokal beschrieben wird, in dem aber auch gar nix los ist: Der Kellner lädt Gläser auf ein Tablett, der Pianist beginnt eine schwungvolle Nummer, der Eintänzer wirbelt mit der Eintänzerin übers Parkett – kurz, das Personal entwickelt eine Betriebsamkeit, dass Torberg angesichts der Szene dieses Bonmot von Egon Friedell überliefert: „Ich möcht wetten, die Abortfrau sitzt am Häusl und kackt.“

Was macht den Billigflug so viel attraktiver als die Impfung? Der große Unterschied liegt darin, dass der lächerliche Ticketpreis nur der Anfang ist und man dann zahlreichen Versuchen ausweichen muss, extra zu löhnen. Mehr Gepäck braucht man oder nicht, aber dann kommt der Rest: Zusatzversicherung? Nein, danke. Nebeneinandersitzen gegen Aufpreis, obwohl man die Tickets zusammen gebucht hat? Nein, danke. Online-Check-in? Ja, denn die andernfalls erhobene Deppensteuer beträgt ein Mehrfaches des Ticketpreises. Online-Check-in in der App? Nein, denn das funktioniert nicht. Online-Check-in auf der Website? Ja, aber die hier erhältliche Bordkarte gilt nur, wenn man sie ausdruckt, andernfalls Deppensteuer. Deshalb zuerst Online-Check-in auf der Website, dann in der App anmelden, wo nun plötzlich die Bordkarten erscheinen.

Bei einer bekannt niederträchtigen Piratenlinie, deren Name sich auf „reihert mehr“ reimt, läuft das genau so, und euer Ergebener hatte kürzlich gleich zweimal Gelegenheit, Gestrandeten zu helfen, die die Deppensteuer erlegen hätten müssen, dazu aber mangels funktionierenden Plastikgeldes nicht imstande waren.

Kurz: Ein Billigflug heißt zwar so. Er ist es aber nur, wenn man sich hinreichend geschickt anstellt. Warum das super ist, erklärt uns die Spieltheorie, die in beinahe zulässiger Verkürzung darauf hinausläuft, dass der Mensch ein noch größeres Gfrast ist, als man sich eh schon gedacht hat, indem sich als wahr erweist, dass die Schadenfreude tatsächlich der Freuden reinste ist: Wenn es uns gut geht, finden wir das zwar ganz okay. Noch wohler fühlen wir uns aber, wenn es uns selber so einigermaßen, dem Nebenmenschen aber deutlich mieser geht.

Ich empfehle daher, das Impfangebot versuchsweise mit versteckten Dornen zu versehen. Ohne Online-Terminvereinbarung geht gar nix. E-Mail-Bestätigung Fehlanzeige. „Ein*e Mitarbeiter*in wird sich bei Ihnen melden“ – not. Öffnungszeiten 9–11:30 und 14–16.30 Uhr, und zwar Mo–Do. Kein Impfpass dabei? Zwanzig Liegestütz!

Wer da zum Stich kommt, der darf sich tatsächlich etwas darauf einbilden und, noch wichtiger, mit höhnisch gerecktem Finger auf die andern zeigen. Probieren wir es. Und schönes Wochenende!

Freitag, 22. Oktober 2021

Tierjahre

 

Heute, o vielgeliebte Lesehäschen, hat euer Zweckdichterhund Geburtstag. Daran, dass so etwas eine Rolle spielt, erkennt man, dass wir immer noch in ziemlich luxuriösen Zeiten leben.

Der gute Kerl wird nach dem üblichen Umrechnungsschema 91, was man ihm nicht ansehen würde. Freilich wissen wir auch, dass an dem üblichen Umrechnungsschema deutlich weniger dran ist als an der Umrechnung von Inseratenschaltungen in Berichterstattung, weil ja Hund nicht gleich Hund ist. Je größer, desto kürzer, so lautet die Faustregel, weil nämlich gerade die kleinsten Hunde besonders große Chancen haben, lange in diesem Jammertal zu verweilen, während sich zum Beispiel eine Dogge mit acht Jahren eher keine Langspielplatte mehr kaufen sollte. Es kommt also auf die Rasse an, sodass das Geburtstagskind eher so beim Äquvalent von 75 bis 80 Jahren halten dürfte.

Rätselhaft ist, warum man ständig von Hundejahren, aber viel seltener von Kaninchen- oder Papageienjahren hört. Selbst Katzenjahre sind deutlich weniger verbreitet als Hundejahre. Das Internet behauptet diesbezüglich, dass die ersten beiden Katzenjahre je zwölf Menschenjahren entsprechen, die weiteren je vier. Daraus folgt, dass eine mir bekannte Nachbarskatze 108 Jahre alt wurde. Bei Hamstern oder Kampffischen wäre eher in Monaten zu rechnen, aber das weiß man ja, wenn man sich darauf einlässt.

Anders liegt der Fall bei Riesenschildkröten oder Tiefseefischen, bei denen vom Ei bis zur Geschlechtsreife schon einmal ein halbes Jahrhundert vorüberziehen kann. Diese rechnen ihrerseits ein Menschenjahr für mindestens zwei Schildkrötenjahre.

Neben den Hundejahren erfreuen sich auch die Maikäfer- und Mäusejahre einer gewissen Bekanntheit. Heuer war zum Beispiel ein ganz ausgezeichnetes Mäusejahr, nämlich für die Füchse. Nächstes Jahr wird dann, so haben wir es in Bio gelernt, ein umso schlechteres Mäusejahr, weil gegen Ende der Saison die Mäusenahrung schon recht knapp wurde, wie an den hier und da herumliegenden Kadavern erkenntlich. Die Maikäfer sollen, so das Internet, alle vier Jahre besondes zahlreich herumschwirren, weil sie vier Jahre für die Entwicklung brauchen. So ganz leuchtet das aber nicht ein. Es gibt ja jedes Jahr Maikäfer, die sich dann fröhlich bekäfern, sodass vier Jahre später ihr Nachwuchs den Onkel Fritz erschrecken kann. Warum eine dieser vier Maikäferkohorten größer sein soll als die anderen, beantworten die Interwebsen nicht. Noch anders liegt der Fall bei den Primzahlzikaden, die alle dreizehn oder siebzehn Jahre in tatsächlich beeindruckenden Massen auftreten, dazwischen aber überhaupt nicht. Zikadenauskenner vermuten, dass die lange Entwicklungsdauer über eine Primzahl von Jahren dazu diene, Parasiten auszuweichen. Diese müssten sich entweder ebenso lange Zeit lassen, um der Zikaden habhaft zu werden, oder jedes Jahr eine Generation einschieben, die dann eine andere Beute brauchte. Sowohl 13 als auch 17 sind übrigens Mirpzahlen, weil wieder eine Primzahl herauskommt, wenn man sie rückwärts schreibt.

Damit hätten wir den heutigen Bildungsauftrag aber wirklich übererfüllt und können in ein hoffentlich schönes Wochenende rauschen.

 

Freitag, 15. Oktober 2021

Das Lesen ist ein langer, ruhiger Fluss

 

Es ist so weit, o teure Lesehäschen: Die Genderisation frisst ihre Kinder. Einerseits werden immer noch gerne die Mitglieder zu Mitglieder*innen korrigiert, woraus man vielleicht schließen sollte, dass die Genderisation ihre Kinder*innen frisst, weil einfach jedes -er sein Sternchen braucht. Andererseits kommen die ersten Klagen. Es ist ja hieramts seit Jahren bekannt, dass es mit Satzzeichen so eine Sache ist. Besonders der Gedankenstrich und der Doppelpunkt brennen vielen in den Augen, denn was ein ordentlicher Text ist, bei dem soll man nimmer innehalten und etwa gar einen Gedanken fassen wollen, man soll nur immer weitersausen. Der Doppelpunkt ist solchen Geistern, was die Verbotspyramide auf den Rolltreppen der Wiener Linien: Zwischen den Rolltreppen befindet sich eine nur allzu verlockende Rutsche. Damit die Kinder*innen nicht auf blöde Ideen kommen und dann einen haftungsverdächtigen Sprungrekord aufstellen, sind diese Eben-doch-nicht-Rutschen mit faustgroßen Pyramiden bewehrt. Deshalb ist es in den U-Bahn-Stationen Essig mit der großen Rutschsause. Das wirkt zwar spaßhemmend, hat aber den Vorteil, dass man dort kaum je Menschen mit eingeschränktem Urteilsvermögen und gebrochenen Knochen herumliegen sieht.

So ähnlich ist es auch mit den Doppelpunkten und Gedankenstrichen. Manchmal hat es durchaus etwas für sich, wenn der vielzitierte Lesefluss nicht in einem überregulierten Betonbett dahinschießt, sondern auch einmal einen Mäanderhaken schlagen darf. Leider regiert in so manchem Marketingstübchen aber noch der Geist der Wildbachverbauung in den 70er-Jahren (damals bekannt als „die Wildbach“), als jedes noch so kleine Rinnsal mit reichlich glatten Steinen eingehegt wurde, auf dass es rascher zu Tale schieße.

Nun stellt sich in besagten Stübchen die Schwierigkeit, dass man zwar Satzzeichen blöd finden darf, aber Gendersternchen nun einmal sein müssen, umsomehr, wenn man als Unternehmen die Installation von Sternchentoiletten hartnäckig verweigert. Irgendwo muss man schließlich zeigen, dass man weiß, was die Stunde geschlagen hat, und wie schon einmal angemerkt: Ein Sternchen ist deutlich preisgünstiger als eine Installateurspartiestunde. Wenn dann in drei Zeilen ein Sternchen, ein Strichelchen und ein Doppelpünktchen zusammenfinden, ist es laut Feedback Zeit wofür?

Genau: fürs Optimieren.

Aus dem Marketingstübchen nebenan wurden zeitgleich Zweifel angemeldet angesichts der Behauptung, dass „ein Unternehmen seine Stärken“ inszeniere. Natürlich nicht hinsichtlich der Stärken. Vielmehr stellte sich die Frage, ob es sich um seine oder ihre Stärken handle. Letzteres erforderte freilich die Erfindung der Unternehmenin oder vielmehr des*der Unternehmen*in, der*die seine*ihre Stärken nach Gusto ins Rampenlicht stellt.

Oder lieber doch nicht, weil das grammatische Genus halt ist, wie es ist und man einem Neutrum keine Keimdrüsen andichten muss.

An die Kund*innenkarteninhaber*innen hingegen, einen selten graziösen Tausendfüßler von einem Wort, sollten wir uns hingegen vorerst gewöhnen. Schönes Wochenende!

Freitag, 8. Oktober 2021

Im Vorfeld

 

Aus gegebenem Anlass, darf ich euch, o vielgeliebte Lesehäschen, daran erinnern, dass der erste Beistrich in diesem Satz, den ihr natürlich nicht gesetzt hättet, dort auch tatsächlich nichts verloren hat. Nämlich jener nach „Anlass“. Trotzdem unterläuft er vielen so oft, dass er sogar einen eigenen Namen bekommen hat: Er ist als Vorfeldkomma bekannt, und obwohl es so früh auftaucht, besteht dessen hervorstechendstes Merkmal in seiner Gemeinsamkeit mit dem letzten Getränk: Das Leben wäre besser, wenn man es bleiben lassen hätte.

Das Vorfeldkomma heißt so, weil es gern gesetzt wird, um das Vorfeld des Satzes vom Rest abzugrenzen. Im standarmäßigen deutschen Hauptsatz ist das Vorfeld das, was vor dem Verb kommt.

Im Beispiel ist das Verb darf. Davor steht eine sogenannte adverbiale Bestimmung. Das ist eine Zusatzinfo darüber, wie, wann, wo oder unter welchen sonstigen interessanten Umständen das geschehen ist, was im Satz geschieht. Adverbiale Bestimmungen erkennt man außerdem an dem, was sie nicht haben: nämlich ein finites Verb. Jaja, kommt sofort: Ein finites Verb ist so ungefähr ein Verb, das nicht im Infinitiv steht, und der Infinitiv heißt so, weil er eben in-finit ist. Freilich gibt es nicht nur adverbiale Bestimmungen, sondern auch Adverbialsätze. Die einen kriegen keinen Beistrich, die anderen sehr wohl. So nötig wie ein Maurer ein Bierglas braucht dieser Satz einen Beistrich.

So nötig, wie gar mancher abends ein Bier braucht, braucht dieser Satz hingegen gleich zwei Beistriche. Denn „wie gar mancher abends ein Bier braucht“ ist ein Nebensatz, der sich mit dem finiten Verb braucht herausgeputzt hat.

Das Vorfeldkomma ist also gern genommen, aber völlig überflüssig. Damit bildet es das grammatische Gegenteil zum sogenannten Day-2-Test. Wer nämlich aus einem ansonsten halbwegs okayen Coronaland nach England einreist, muss innerhalb von zwei Tagen einen PCR-Test absolvieren. Das läuft aber nicht so wie in Wien, wo man gurgelt, in ein Röhrchen spuckt und die Geschichte beim BILLA einwirft. Denn in England gibt es keinen BILLA. Vielmehr muss man im Vorfeld der Einreise den Test buchen und bezahlen und erhält dann eine Buchungsnummer, die man auf dem Formular einträgt, ohne welches man sowieso nicht einreisen darf. Das magische Wort ist hier „buchen“. Denn es gibt zahlreiche Testing Facilities mit zahlreichen Websites. Ihnen allen ist gemein, dass sie Tests in einem Preisfenster von ungefähr zwei bis ungefähr zweihundert Pfund anbieten (ja, pro Nase). Ihnen allen ist weiters gemein, dass die Online-Buchungssysteme sich auf dem Stand von 1995 befanden, als es strenggenommen noch keine gab. Man klickt, man trägt ein, man bucht. Und dann erhält man die Rückmeldung, dass sich ein Mitarbeiter rühren und einem mitteilen werde, ob der gewünschte Termin tatsächlich verfügbar sei. Offensichtliche hat die britische Politik hier zur Freude aller Laborbetreiber einen sogenannten seller’s market geschaffen, indem jeder Einreisende eine Testbuchung braucht, und wenn man ihn lange genug hinhält, muss er halt den für 200 buchen oder daheimbleiben.

Der Unterschied zwischen einer Reise ins heutige England und einer in die Sowjetunion scheint mir vorrangig darin zu bestehen, dass man sich in der Sowjetunion durch die Verteilung von Dollars oder Camelzigaretten behelfen konnte. Die englischen Behörden schützen ihre Mitarbeiter hingegen vor solchen Versuchungen, indem sie Telefonsysteme errichten, in denen Auskunftsuchende stundenlang 2 drücken können, ohne jemals etwas Hilfreicheres zu erfahren als die Tatsache, dass es im Telefonsystem des National Health Service einen eigenen Menüpunkt für „Beschwerden über das National Health Service“ gibt.

Wie und wann kontrolliert wird, ob man den Test auch tatsächlich gemacht hat, konnte euer Ergebener übrigens bisher nicht eruieren. Schönes Wochenende!

Freitag, 1. Oktober 2021

Vorvergangen

 

Schulen, o geliebte Lesehäschen, tun manchmal seltsame Dinge. Allerdings nicht so seltsame Dinge wie Schulen in den USA. Wie die meisten hier herum hatte auch der Zweckdichter einst eine kleine Liebesaffäre mit jenem Land, das so viel früher so viel zivilisierter und cooler war als der hiesige Waldrand. Mittlerweile muss man sich aber schon fragen. Zum Beispiel fuhr letztes Jahr im März, als die Pandemie noch jung und verwegen war, eine 16-Jährige aus Wisconsin auf Schulausflug nach Disneyworld. Dort holte sie sich Covid und postete darüber auf Facebook. Worauf die Schule ihr den Sheriff schickte, der sie aufforderte, die Postings zu löschen, weil ja nicht erwiesen war, dass sie tatsächlich Covid hatte. (Damals war das mit dem Testen noch nicht so einfach.). Zur Ehre des Landes sei gesagt, dass der Bundesrichter dem Teenager recht gegeben hat, mit der schönen Begründung, das Recht auf freie Meinungsäußerung sei keine Einstellung in einem Computerspiel, die man nach Belieben ein- und ausschalten könne.

Weiters ist die Frage, ob sich Amyiah (so heißt die junge Frau) angesteckt hatte und dann in Quarantäne geschickt wurde, oder ob sie sich ansteckte und dann in Quarantäne geschickt wurde.

Wer Latein gelernt hat, kennt das als consecutio temporum, auch bekannt als Zeitenfolge. Jetzt und hier geht es um die sinnvolle Abfolge von Präteritum (auch Imperfekt oder Mitvergangenheit) und Plusquamperfekt. Ist ja auch logisch: Wenn etwas einst zuerst geschehen ist, sodass danach etwas anderes geschehen musste oder konnte, soll das seinen sprachlichen Niederschlag finden. Um diese Vorzeitigkeit (für Klugscheißer: Anteriorität) auszudrücken, gibt es das Plusquamperfekt, das nicht umsonst auch „Vorvergangenheit“ heißt.

Die Frage ist aber, ob die Welt ordentlich ist oder nicht. Vielleicht geschehen die Dinge ja einfach so, das nennt man dann Kontingenz: Ich stand auf, kochte Kaffee, trank ihn und hustete ins Telefon. Das Aufstehen passiert einem halt irgendwann, weil man keine Lust mehr hat, im Bett herumzuflacken.

Oder alles steuert auf ein Ziel zu:

Er war aufgestanden, nun kochte er Kaffee. Er trank ihn und hustete dann ins Telefon.

Hier ist das Aufstehen die Voraussetzung dafür, dass der Rest vonstatten gehen kann. Aus einer Abfolge von Ereignissen wird eine Geschichte. Kann man machen, muss aber nicht.

Manchmal ist es auch wurscht:

James Bond hatte abgedankt, die 007-Nummer ging auf eine Frau über.

James Bond dankte ab, 007 war nun eine Frau.

Man muss kein alter weißer Mann sein, um zu erkennen, dass das höchstens ein netter Gag ist, weil das weiße Altmännertum der Bondfigur von vornherein eingeschrieben ist. Nicht einmal das überaus woke Zweckdichterbalg hält das Geringste davon, aus Bond eventuell eine Frau zu machen, weil das dann sicher eine nette Geschichte werden kann, aber halt keine Bondgeschichte. 007 ist ein arroganter Sack mit Hoden. Schönes Wochenende!