Freitag, 31. Mai 2019

Trunkenheit

Wieder einmal, geschätzte Häschen, wisst ihr besser als zuvor, warum ihr hier reinschaut: Weil man bisweilen informationstechnisch das Schnuffelnäschen um den entscheidenden Zentimeter weiter vorn hat. Wer hat euch vor zwei Wochen prophezeit, dass nach Kickls Phantasieuniformsjanker nichts Besseres nachkommen werde? Jawohl, euer Ergebener! Jetzt ist die Jacke weg – wie viele schöne Orden, goldene Fangschnüre und weißdergeierwasalles hätten da nicht Platz gehabt! Jetzt noch eine Spiegelbrille und eine fette Zigarre, fertig wäre der Generalissimo von der Herrengasse gewesen. Fast schade. – und was blüht uns als Nächstes? Noch mehr dunkelblaue Slimfitanzüge vom Oberwastl, da wette ich meinen neuesten Dreiteiler. Kommt der Herbst, kommt auch der Kurzkanzler wieder, so wahr ich euer Zweckdichter bin.
Nun zu einer anderen Sache: Obgedachter Beinahe-Comandante-en-Jefe – der obligate Stoppelbart war immerhin schon da – hat dem bis dahin so innig geliebten Koalitionspartner vorgehalten, jener habe sich „kalte und nüchterne Machtbesoffenheit“ anmerken lassen, während der eigene Parteifreund sich lediglich im Zustande der „Besoffenheit infolge von Alkohol“ erbötig gemacht habe, die Republik an eine russische Geldsäckin auszuverkaufen.
Zwar war selbst Kickl nicht frech genug, um noch deutlicher zu werden, aber man braucht kein Sterndeuter zu sein, um zu verstehen, dass der Schmalspurdiktator für den Redbullbruder die Vermischung des Red Bull mit Alkohol als Milderungsgrund gelten machen wollte. Im Lande des Spritzweins und des Krügels liegt es natürlich nahe, die Nähe zum Volke dadurch zu demonstrieren, dass man unter der Last der Verantwortung gelegentlich Schwäche zeigt, indem man – kein Wunder! – zur Flasche greift. Noch näher liegt es, Sebastian Kurz provozieren zu wollen, indem man ihm Nüchternheit vorhält. Nutzt’s nix, schadt’s nix: Im besten Fall gesteht Kurz im Affekt, er habe einst auf dem Rücksitz des Geilomobils dem kolumbianischen Nasenleckerli zugesprochen. Im schlechteren Fall bleibt beim schluckaffinen Teil der FPÖ-Zielgruppe hängen, dass der Oberkurze eine Spaßbremse sei, mit der man nicht einmal gemütlich einen heben kann.

Trotzdem sollte man als Innenminister wissen, dass sich ein ordentlicher Fetzen in den seltensten Fällen als Ausrede eignet, wenn man sich etwas zuschulden kommen hat lassen. Es soll sogar in der FPÖ Menschen geben, die schon einmal am eigenen Leib erfahren mussten, dass die Polizei es zum Beispiel nicht gerne sieht, wenn man fett wie ein Radierer Auto fährt. Hier zeigt sich nun eine Schwierigkeit am Politikerberuf: Die nehmen jeden. Während man als Bäcker, Hufschmied, Rechtsanwalt, Fernfahrer oder Branntweiner mit allerlei Auflagen konfrontiert ist, ohne deren Erfüllung man – im Falle des Branntweiners – niemanden abfüllen darf, gibt es leider keine Kriterien für den Erwerb einer Staatenlenkerberechtigung. Andernfalls wäre Herr Strache die seine mittlerweile vermutlich los. Gerne stellt man sich vor, wie der animierte Plausch mit der Beinaheoligarchin von einem entschiedenen Pochen an der Tür unterbrochen wird, wie die Politiklaufbahnpolizei sich Zutritt verschafft und den Damals-eh-noch-nicht-Vizekanzler „blasen lässt“. Kurze Erleichterung, dann Multiplikation des Ergebnisses mit zwei – tja, leider! – und weg ist der, hihi, Führerschein (Gruppe B, Binnenstaaten bis 10 Mio. Einwohner). Besonderen Eindruck würden solche Kontrollen hinterlassen, wenn die berittene Polizei sich dafür in den Sattel schwänge. Dies sei dem Nachfolger von Herrn Kickl zur sorgfältigen Erwägung ins Stammbuch geschrieben. Schönes Wochenende!

Freitag, 17. Mai 2019

Der Reihe nach

Wie die Countryhäschen unter euch wissen, gibt es nicht nur Rocknummern, Powerballaden und beinharte Protestlieder, sondern auch sogenannte „List Songs“. Das sind Lieder, die, naja, Listen sind. (Nicht in dem Sinne, dass du darauf hereinfällst, sondern in dem Sinne, dass Dinge aufgezählt werden. Ein einfacher List Song ist das geschätzte, weil unter anderen von Johnny Cash intonierte I’ve Been Everywhere (bitte googlen und gut finden): Es besteht fast ausschließlich aus Ortsnamen. Wie ich in rastloser Recherche für euch herausgefunden habe, geht das Listenlied auf die Antike zurück, weil nämlich schon Homer gern alles zusammengetragen hat, was er zu einem Thema zu sagen hatte. Wer wie euer Ergebener den Fehler begangen hat, von Latein begeistert, auch Altgriechisch zu wählen, der erinnert sich vielleicht an den Schiffskatalog in der Ilias.
Weil gerade Game of Thrones ist, will ich nicht anstehen, diesen Dauerbrenner mit einer Liste zu ergänzen, nämlich jener Dinge, von denen nichts Besseres nachkommt. Zwar ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber vielleicht kommt ja ausnahmsweise doch eine bessere nach.
Platz 5 der Dinge, in denen nichts Besseres nachkommt, belegt Game of Thrones. Als treuem Seher und Leser dürft ihr mir glauben, dass noch nie in der Geschichte der Serie so viele wichtige Leute so viel kompletten Blödsinn gemacht haben wie in der achten und letzten Staffel. Jon Snow war ja als Feldherr immer schon ein bisschen Margarita. Aber einfach spazierenzufliegen, während die Schlacht um das Schicksal der Menschheit tobt, das wirkte schon sehr teilnahmslos.
Auf Platz 4 hält sich der Feedback-Dauerbrenner, bei dem die Nicht-Durchführung einer nicht empfehlenswerten Korrektur erst bemängelt und die Korrektur selbst im nächsten Schritt rückgängig gemacht wird, weil man „noch eine Kleinigkeit entdeckt“ hat. Nein, du hast nichts entdeckt, sondern das Projekt ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass den Text jemand zu lesen bekommen hat, der der deutschen Sprache tatsächlich mächtig ist.
Platz 3 bleibt fest in der Hand des Eurovision Song Contest. Besonders erfreulich ist die derzeit grassierende Vermutung, die Länder schickten absichtlich chancenlose Lieder in den Bewerb, um sich die kostspielige Ausrichtung im Folgejahr zu ersparen. So gelangen wir zu einem Niveau-Limbo, bei dem Spaß für die ganze Familie garantiert bleibt.
Platz 2: Tweets von Felix Baumgartner. ’nuff said.
Auf Platz 1 der Dinge, bei denen nichts Besseres nachkommt, begrüßen wir die Outfits von Herbert Kickl. Bisher sah Kickl ganz im Gegensatz zu Hipstern wie Joko Winterscheidt nicht aus wie jemand, der seinen Konfirmationsanzug aufträgt, sondern wie jemand, dem die Mama den Konfirmationsanzug ein Jahr im Voraus gekauft hat, damit man zu Omas 70er schon fesch dasteht, was natürlich nicht funktioniert, weil man aussieht wie eineg’stessn, so die bildhafte Wiener Wendung, die zum Ausdruck bringt, dass man im betreffenden Outfit den Eindruck vermittelt, man sei als viereckiger Pflock in ein rundes Loch gerammt worden. Die Trostlosigkeit der Kicklschen Garderobe schien nicht mehr steigerungsfähig, doch bewahrheitete sich auch hier Norbert Hofers Prophezeiung, man werde sich noch wundern, was alles möglich sei: Jüngst trickste der Innenminister in einer uniformesken Jacke auf, die nicht nur als Ganzes zu groß war, sondern auch ein Namensschild in einem Format trug, das bei UNO-Konferenzen für die Tischaufsteller gebräuchlich ist, aus denen man zum Beispiel erfährt, dass die Cookinseln auch ein Land sind. Die Jacke machte einen praktischen und strapazierfähigen Eindruck. Ungefähr so wie die Kampfanzüge der überwuzelten (wienerisch für: sich dem Mindesthaltbarkeitsdatum nähernden) Gestalten, die man gelegentlich vor Einkaufszentren herumhängen sieht: Bierwampe, Fetthaar, Springerstiefel und im Übrigen Flecktarnmuster von Kopf bis Fuß. Bei Kickls Auftritt im Ministerrat fehlten noch Barett und Phantasieorden. Dass der Minister keinen Adler an der Joppe trug, zeigt hingegen, dass er sich auskennt. Wer sich Hoheitszeichen anmaßt, wird bisweilen von der Polizei blöd angeredet. Schönes Wochenende!

Freitag, 10. Mai 2019

Bonjour Fadesse

Zwar wird alles immer schlimmer (Klimaerwärmungfemizidstephanpetzner), doch erinnern brave Bildungshäschen sich an ihren Hölderlin: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Dies gilt bisweilen sogar für Feedback, das ja aus der Runde gesellschaftsfähiger Textsorten ausgeschert ist, um gemeinsam mit YouToube-Kommentaren und den Ausreden von Harald Vilimsky eine gewaltbereite pressure group zu gründen. Umso überraschender, dass auch Feedback sich zum Guten wandeln kann! So ward eurem Zweckdichter kürzlich beschieden, dass der Endkonsument ein bestimmtes Service nutzen könne, um digital erhaltene Informationen nicht einfach einzusehen. Nein, er könne sie „rückwirkend“ einsehen.
Nun ja. Irgendwie – nein, auch irgendwie nicht. Wenn du, o kulturbeflissenes Flauscheknäuel, wieder einmal Faust II vornimmst, weil der Sonntagnachmittag sonst verschwendet wäre, dann liest du die Worte des Meisters ja nicht „rückwirkend“, nur weil er sie geschrieben hat, ehe du sie lesen konntest. Denn im rückwirkend steckt die Wirkung. Zwar wissen wir längst, dass der Leser das literarische Werk mitkreiert, insofern jede Leseerfahrung einzigartig ist, sodass bei hundert Lektüren von Faust II hundert verschiedene Faust-II-Fassungen in den Köpfen der Lesehäschen entstehen. Der Text, soweit er gerade nicht gelesen wird, bleibt davon jedoch erstens unbehelligt. Und zweitens ist damit nicht bewiesen, dass auch bei der Lektüre deiner Handyrechnung ein einzigartiges Werk entsteht. Euer Ergebener fühlte sich bei diesem dazureklamierten rückwirkend an den alten Schmäh erinnert, man solle den Brief an die Tante langsam schreiben, denn sie könne nicht so schnell lesen. Doch siehe!, die Argumente wurden gehört, verstanden und berücksichtigt. Kundin und Kunde dürfen nun einfach lesen, ohne befürchten zu müssen, dass sich ihre Rechnung wie Schrödingers Katze verhält und sich unter Beobachtung verändert.
Leider ist auf solche Glücksfälle kein Verlass. Zum Beispiel kann euer Lieblingsreißerschreiberling (ein Wort mit zehn Vokalen, und alle sind i oder e – nicht schlecht, oder?) euch erzählen:
Bebend tastete sich Sabine weiter ins Dunkel vor. Von links –wirklich von links?  - glaubte sie ein schlürfendes Geräusch zu hören. Durch die Risse in ihrer Bluse kroch Eiseskälte. Auch wenn die Schritte ihres Angreifers vorerst verklungen waren, war sie jederzeit darauf vorbereitet, ihm plötzlich wieder gegenüberzustehen.
Saufad, oder? Ein Ausbund ein Langeweile. Der Tod des Vergil ist dagegen ein echter pageturner. Woran das liegt? Aufgepasst: bekanntlich gibt es einige bewährte Regeln, an die zu halten sich lohnt, will man einen geglückten Text verfassen. Journalisten meiden seit Generationen das Wort „beim“, damit der gefürchtete Beimbruch ihnen nicht die Reportage verdirbt. Das Passiv wirkt distanziert und umständlich. Verneinungen verarbeitet der Leser erst im Nachhinein. Und noch eine Regel gibt es, im Gegensatz zu vielen kenne ich sie dank Feedback und gedenke sie künftig peinlichst zu beachten:
Das Wort „vorbereitet“ ist langweilig.
Daraus lernt man außerdem, dass der Urheber, die Urheberin dieser Weisheit deutlich nach 1975 geboren ist. Andernfalls hätte sie noch den keineswegs faden, sondern weitum gefürchteten Satz aus der Sendung Wer bastelt mit? im Ohr: „Ich habe da schon was vorbereitet.“
In diesem Sinne: auf ein spannendes Wochenende!


Freitag, 3. Mai 2019

Arbeit und Wirtschaft


Liebe überarbeitete Häschen, braucht ihr eine Pause? Könntet ihr einen Tapetenwechsel vertragen? Seid ihr gar reif für die Insel?
Tja, das ist jetzt blöd. Denn die Wirtschaft, die hört einfach nicht auf, Arbeit zu schaffen. Zumindest hat das Frau Hartinger-Klein auf eine Weise behauptet, die schon insofern unvergesslich ist, als niemand mehr von Arbeitspolitik reden kann, ohne gleichzeitig an das Geräusch von Fingernagel an Schultafel denken zu müssen. Doch jeder leistungsfähige Text ist eine Drachensaat (wer aus dem Stegreif weiß, aus welcher Sage dieses Bild stammt, kann sich bei mir ein Dosenbier abholen): Man streut Aussagen, und schon schießen Fragen aus dem Boden. So geht es auch femme des lettres Hartinger-Klein.
Denn erstens: Stimmt das überhaupt? Und zweitens: Wäre das was Gutes?
Über die irreführenden Bezeichnungen von Arbeitgeber und Arbeitnehmer hat sich ja schon mancher ausgelassen. Wenn du dir dein seidiges Häschenhaar vom Profi schneiden lässt, bist du nicht der Frisurgeber. Wenn der Klempner dir Rohre verlegt, bist du nicht der Installationsgeber. Wenn du ein sehr guter Kunde deines Bäckers bist, wirst du vielleicht zu seinem Brötchengeber, aber das führt jetzt zu weit. Was du gibst, ist ein Auftrag und dann Geld, wofür du eine Arbeitsleistung erhältst.
Genauso ist es in dem, was die Ministerin „Wirtschaft“ zu nennen geruht. Der Chef gibt dir keine Arbeit, sondern Geld, weil du ihm zuerst Arbeit gegeben hast. Aber was hat das mit der Wirtschaft zu tun? Das kommt vor allem darauf an, wo du aufgewachsen bist. Auf meiner einst heimatlichen Scholle konnte man sowohl „ins Geschäft“ wie auch „in die Wirtschaft“ gehen. Im Geschäft leistete man Arbeit, wofür man Geld erhielt. Der Name kommt wohl daher, dass dieser Vorgang für alle Beteiligten ersprießlich war, was aber nicht bei jedem Geschäft selbstverständlich ist.
Die erworbenen Zahlungsmittel konnte man später in der Wirtschaft gegen alkoholhaltige Erfrischungsgetränke tauschen. Dass eine Wirtschaft das ist, was der Wirt schafft, ist ja aufgelegt, dafür braucht man nicht Wirtschaftswissenschaft studiert zu haben, wie das bei Frau Hartinger-Klein der Fall ist.
Natürlich geht man als verantwortungsbewusster Erwachsener erst in die Wirtschaft, nachdem man nährstoffreiche und gesunde Lebensmittel eingekauft hatte, und zwar im Laden. So sind mit Geschäft, Laden und Wirtschaft die Eckpunkte des ländlichen Lebens markiert. Fehlt nur noch die Kirche fürs Geistige. Schafft die Wirtschaft hier Arbeit? Sicher nicht, wozu auch? Man hat ohnehin genug zu tun!
Im Sinne einer ausgewogenen Recherche, die journalistisch zu nennen trotzdem eine Übertreibung wäre, wollen wir aber nicht im westösterreichisch-süddeutschen Soziotop hängenbleiben. Wie gut ist es deshalb, dass ich mich einer ostösterreichischen Schwiegermutter erfreue. Kann sie die wirtschaftskundliche Ehre der Wirtschaftsministerin retten? Es meint nämlich „Wirtschaft“ in Wien, um Wien und um Wien herum nicht das Reich des Wirten, der stattdessen entweder im Wirts- oder Gasthaus sein segensreiches Wirken entfaltet, je nachdem, ob er selber oder die Gäste das Sagen haben. Vielmehr ist eine Wirtschaft hier eine Unordnung, ein Durcheinander, eine zu behebende Verschmutzung, also, sprechen wir es aus, damit sich der Kreis zum weniger segensreichen Wirken der aktuellen Bundesregierung schließt, ein rechter Saustall. Dass ein solcher Arbeit schafft, auch wenn man sich darüber selten freut, sei Frau Hartinger-Klein gerne bestätigt. Schönes Wochenende!

Freitag, 26. April 2019

Muntermacher

O Häschen, nichts wird leichter. Das ist nicht unbedingt schlecht, aber anders. Heute wenden wir uns einem First World Problem zu, das sicherlich gar manchen unter euch auf den Nägeln brennt. Denn als einst die Griechen den Trojanern das bewusste Hohlpferd unterjubelten, durchschaute der Priester Laokoon den Betrug und versuchte die Troer zu warnen. Den Göttern aber gefiel es, ihn mitsamt seinen Söhnen von zwei Schlangen erwürgen zu lassen. Das würgliche Gewirks, als welches diese Bluttat sich präsentierte, kennen wir als bildhauerische verewigte Laokoongruppe. Wer sie sieht, dem wird so recht bewusst, wie nichtig menschliches Streben im Angesicht höherer Widrigkeiten ist, oder, wie man in Wien sagt: Wann der Herrgott net wü, nutzt des gor nix.
Die Laokoongruppe hat ihre Funktion jedoch überlebt. Wer heute in jenen Abgrund schauen will, der bei zu langer Betrachtung zurückschaut, dem stellt das moderne Leben stattdessen die Frage der Kaffeebereitung.
Einst war es einfach: Man hatte einen porzellanenen Filterhalter und eine Kaffeekanne. Papierfilter in Filterhalter, Halter auf Kanne, Kaffeepulver in Filter, heißes Wasser drüber, Zeit, fertig. Andernorts gab es ingenieursseitig hochentwickelte Siebträgerlösungen mit Hebeln, Manometern und einem Gefühl, wie wenn du im Führerstand einer Dampflok auf eine Haarnadelkurve zurast, nachdem die Bösewichte den Lokführer in die Schlucht geworfen haben. Die klassische Bialetti war immer ganz okay, nur war keine Herdplatte so klein wie die Maschine, weshalb über kurz oder lang der Kunststoffgriff schmolz. Dann kam die Kapselmaschine und brachte die Demokratisierung des Espressogenusses. Dafür zahlten wir freilich einen hohen Preis, weil Kaffee in Kapseln fünfmal soviel kostet wie richtig guter Kaffee in der Kilopackung. Dafür gab es das schlechte Gewissen für die Aluminiumverschwendung gratis dazu. Wer also nicht Kaffee kochen will wie Oma, der steht wieder vor der Entscheidung zwischen dem Wahren, Guten und Schönen, also der klassischen Siebträgermaschine, die nach Infrastruktur in Form von Mühle, Milchzubereitung sowie nach technischer Aufgewecktheit schon vor dem Frühstück verlangt, und dem Praktischen: dem, horresco referens (lat.: mir graust, wenn ich’s sage), Kaffeevollautomaten. Dieser tut alles selbst, kann alles ziemlich gut, kümmert sich um die Milch und braucht keine Kapseln. Jedoch enthält er, und damit sind wir endlich dort angelangt, wo die Entscheidungskraft beim Kauf von Schlangen erwürgt wird, die Brühgruppe. Die Brühgruppe ist leider keine genial benamste Postpunk-Kombo, sondern gehört zu den Eingeweiden des Vollautomaten. Hier finden Kaffeepulver und heißes Wasser zusammen, auf dass Kaffee entstehe.
Nun ist schon die Entscheidung zwischen Siebträger und Vollautomat wie ein Hundewelpe, indem nämlich jeder davon mehr Ahnung hat als du, der den Welpen pflegt und hegt, und diese Ahnung auch gerne zu Markte trägt. Wenn du aber schon schwach geworden bist und dich für den leichteren Weg entschieden hast, lauert hier, (ebenfalls wie in der griechischen Sage), der nächste Schrecken: Wie hältst du es mit der Brühgruppe? Soll sie herausnehmbar sein, sodass du sie liebevoll reinigen kannst? Oder vertraust du darauf, dass der Hersteller sich die Sache mit der Reinigung gut überlegt hat? Nur eines ist gewiss: Sobald du das Wort „Brühgruppe“ in eine beliebig zusammengesetzte Runde wirfst, erfährst du wie Laokoon, dass du dich besser anders entschieden hättest. Im Unterschied zu Laokoon überlebst du das wahrscheinlich. Doch was du auch tust, Kaffee wird nie mehr der unschuldige Genuss sein, der er einst war. Schönes Wochenende!

Freitag, 12. April 2019

Aufdecken

Meine lieben Socialhäschen, ich glaube, wir müssen uns was Neues überlegen. Kann jemand ein sogenanntes gesellschaftliches Medium empfehlen, dass diesen Namen verdient? Vor vielen Jahren, noch vor dem lahmen Witz, dass Amazon ja einst Bücher verkauft habe, kursierte der nicht minder lahme Witz, man sei so alt, man könne sich noch an die Zeiten erinnern, wo Eduscho Kaffee verkaufte. Ist eines von euch jugendlich geschmeidigen Häschen tatsächlich schon so alt, dass es sich daran erinnern kann, wie man auf Facebook was von Freunden und Bekannten in der Ferne mitkriegte? Und zwar, ohne dass man dazwischen mit Werbung zugemüllt wurde, und zwar hauptsächlich mit Werbung für überteuerte Spielzeugflugzeuge (ich weiß, wie ein Papierflieger geht) sowie Schuhe und Socken? Danke, Facebook, ich war eh nie der Ansicht, meine Füße seien so schön, dass ich sie ständig zeigen müsse. Der pedale Exhibitionismus ist mir, im Gegenteil, von jeher fremd, ich pflege meine Gehwerkzeuge also verlässlich zu verhüllen, auch ohne dass mir ständig einschlägige Ausrüstungsgegenstände vorgeführt werden, noch dazu welche, wo man nur die Socke zu sehen braucht, um sich den barbergefönten Vollbart am anderen Ende nicht etwa vorstellen zu können, sondern nolens volens zu müssen. Ganz egal, wie oft ich die Dinger sehe, gelbe Socken mit Wappen für 19,90 das Paar werde ich mir auf ewig vorenthalten. Diese Art von Verzicht auf Luxus ist mir die liebste: Man versagt sich unter Aufbietung aller verfügbaren Gleichgültigkeit überteuerte Socken, fühlt sich besser und kann das Ersparte zum Beispiel für Orangenmarmelade auf den Kopf hauen.
Nolens volens ist übrigens Latein und bedeutet ob man will oder nicht. Es eignet sich zum Angeben, ist aber nicht annähernd so hübsch wie das gleichbedeutende englische willy-nilly, das fast ein bisschen schmutzig klingt, aber auf eine nette Art, so wie wenn deine Oma einen schlüpfrigen Witz erzählt und dann die Pointe vergisst.
Im Übrigen heißt es, dass der Hipstervollbart seine Blütezeit hinter sich habe. Das stelle ich mir recht traurig vor, denn nach der Blüte kommt das Verblühen. So ein welker Bart muss gewiss einen betrüblichen Anblick bieten, der freilich im Badezimmerspiegel eures Zweckdichters nie den Geist bedrückt, mangels Bart, ob welk oder nicht. Auf das Welken folgt der Kahlschlag. Und dann? Wird man es den wieder den Elementen ausgesetzten Kinnen ansehen, dass sie über Monate, bisweilen Jahre dicht verpelzt waren? Wenn man sich erstmals den Schädel rasiert, macht die Kopfhaut ja immer einen erstaunten Eindruck. Wo kommt plötzlich dieses viele Licht her? Ist das normal, dass mich alle sehen?
Der Teint so einer frisch freigelegten Kopfhaut erinnert ein bisschen an die interessanten Dinge, die man findet, wenn man draußen einen Stein umdreht. „Lichtscheu“ ist das Wort, das einem auf die Zunge hüpft. Es wird also interessant, ob auch die seit Langem erstmals wieder enthaarten Kinne an unvermutet dem Sonnenlicht ausgesetzte Ameisenpuppen erinnern oder aber sich so harmonisch ins Gesamtgesichtsbild integrieren werden wie ein Asylwerber, dem der Herr Waldhäusl (nomen est omen) gerade nahegelegt hat, sich eine Mietwohnung für 300 Euro zu suchen. Ich bin gespannt!

Freitag, 5. April 2019

Abgang

Ach, Lesehäschen, der deutschsprachige Qualitätsjournalismus ist nicht mehr das, was er einmal war. Als hätten wir nicht schon an der Geschichte vom erfinderischen Relotius zu kiefeln – bitte? Relotius? Schon vergessen? Das war der vielfach preisgekrönte Jungjournalist, der dem Spiegel und anderen Höhenkammorganen der Meinungsbildung allerlei Geschichten unterjubelte, bei denen er viele schöne Sachen dazuerfunden hatte. Man sieht daran, dass die gern durchs Dorf getriebene Sau mit der Aufschrift „Das Leben schreibt doch die schönsten Geschichten“ eine verlogene Sau ist. Die schönsten Geschichten schreibt ein Journalist, vorausgesetzt, er nimmt es mit den journalistischen Grundwerten nicht gar so genau. Aber wer wollte ihm daraus ernstlich einen Strick drehen? Wahrnehmung ist immer subjektiv, und das Schöne ist bekanntlich das Wahre. Irgendwie total ungerecht, dass der Herr Relotius, der doch nur im Umkehrschluss das gut Erfundene zur höheren Wahrheit erheben wollte, jetzt unter seinem ästhetischen Drang nach mehr leiden muss.
Ähnlich ging es Herrn Walter Rosenkranz im Interview mit Armin Wolf. Es wäre natürlich sehr schön, wenn keine der aktuellen Regierungsparteien irgendetwas mit den Identitären am Hut hätte, einer Lausbubenpartie, die genauso viel Gusto am Räuber-und-Gendarm-Spiel hat wie daran, die Rettung ertrinkender Flüchtlinge zu hintertreiben. Dass man bei letzterer Initiative ausreichend dilettantisch vorging, um schhließlich von einer Flüchtlings-NGO gerettet werden zu müssen, ist kein Anlass zur Hoffnung, sondern zur Furcht, irgendwann nicht einfach von einer Bande herzloser, missgünstiger Demagogen regiert zu werden, sondern von einer Bande herzloser, missgünstiger, demagogischer Vollidioten. Deshalb, und damit zurück zum Thema, wäre es natürlich sehr schön, wenn die FPÖ sich glaubwürdig von den Identitären distanzierte. Aber wahr ist es deshalb noch nicht, genausowenig wie die Reportagen von Herrn Relotius.
Damit jetzt wirklich zurück zum Thema! Erinnert sich noch jemand, wie die Kolumen angefangen hatte? Eben nicht mit Herrn Relotius, sondern mit Sorge um den Qualitätsjournalismus. Anlass dazu gab eine Filmkritik in der ZEIT, worin ein seltsames Wort vorkam. Es ist ein Wort, das jedem halbwegs Englischkundigen geläufig ist, oder selbst einem jeden, der von Fahrrädern eine Ahnung hat. Das Wort heißt händelbar, und man kann dahinter nur die missglückte Schreibweise der englischen Lenkstange vermuten. Verwunderlich, dass die ZEIT der Mich-e-lin-/Koll-gah-te-Fraktion angehört! Aber nein, Entwarnung! Gemeint ist nicht die Lenkstange, vielmehr ist der Autor anscheinend beim Schreiben über dieselbe geflogen, was, wie beim Radfahren, passieren kann, wenn man zu spät die Bremse zieht: Man pedalt volle Lotte durch die deutsche Sprachlandschaft, plötzlich hat ein truck, vielleicht war es auch eine lorry, mitten auf der Fahrbahn einen englischen Brocken verloren, und dann geht’s heidewitzka! Händelbar meint natürlich soviel wie kontrollierbar, bewältigbar, fassbar, übersichtlich. Sogar handlich würde passen. Dass man aber plötzlich über die händelbar fliegt, schmerzt auch beim Lesen, zumindest euren sehr Ergebenen. Nicht einmal der Duden kennt es, aber das wird sich bis zur nächsten Ausgabe sicher noch ändern. Das ist nicht schön, aber vermutlich wahr. Schönes Wochenende!