Freitag, 30. Juni 2017

Over there

Heute probieren wir einmal diese Nummerierungs-Chose aus. So manche effiziente Kolumnatrice, so mancher zielstrebige Kolumnator hat seinen Werken einen beinahe völlig überzeugenden Anstrich von Schlüssigkeit verliehen, nur indem sie hie und da aufeinanderfolgende Ziffern eingestreut haben.
Los geht’s! England, meine teuren Reading-Rabbits, war mir immer höchst sympathisch, aus mehreren Gründen.
Erstens: Winston Churchill. Grantig schauen, Whisky trinken, Hitler besiegen und außerdem einen Literaturnobelpreis abräumen – in seinem kleinen Finger wohnt mehr awesomeness als ein Sterblicher bewundern kann.
Zweitens: The full English. Ein Tag, der mit einem englischen Frühstück beginnt, hat schon so hervorragend begonnen, dass er nicht mehr ganz mies werden kann, egal wie weit es bergab geht.
Drittens: Wertschätzung für weltliche Errungenschaften. Weil bei uns im Westen die Tradition gleich neben der Kirche wohnt, befinden sich die ehrenwertesten Flecken meist in derselben. Doch kann man sich im Stephansdom die Augen ausgucken, ohne dass man ein prunkvolles Denkmal für Ernst Mach oder Erwin Schrödinger entdecken wird. In Westminster Abbey hingegen stolpert man alle naselang über Memorabilia für Forscher vom Kaliber eines Newton oder Faraday.
Viertens: Charlotte Brontë. ’nuff said.

Umso betrüblicher ist es, dass es mit dem Empire bergab zu gehen scheint. Zu dieser Meinung hat mich ein verlängertes Wochenende in London geleitet. Mehr braucht ein vernünftiger Mensch nicht, um sich ein fundiertes Urteil über ein traditionsreiches Gemeinwesen zu bilden.
Erstens: Auch in England wird es (Herr Trump, hören Sie eh zu? Falls nicht: Türme Koran IS POTUS) mitunter warm, also genau genommen: zu warm. Zu warm fürs Sightseeing, aber normalerweise nicht zu warm fürs Ubahnfahren, außer die in Rede stehende Ubahn ist die o wie traditionsreiche tube, in welcher bei schwülem Wetter Verhältnisse herrschen wie am unteren Ende des Maurerdekolletés eines übergewichtigen Barabers bei vierzig Krügel im Schatten, aber ohne Schatten noch Krügel. Kurz: So eine tube journey vermittelt bei entsprechender Witterung einen schönen Eindruck davon, wie sich öffentlicher Personennahverkehr in Schwellenländern anfühlt.
Zweitens: London ist zu voll. Das erregt meine Besorgnis, denn Touristen hat es dort eher wenige: knapp 32 Millionen pro Jahr. Das sind nur vier Touris für jeden Londoner. Auf jeden Hallstätter kommen pro Jahr fünfzehn – nicht fünfzehn Touristen, sondern fünfzehn Busse. Trotzdem wurlt es an der Themse wie in Tokio.
Drittens: Es gibt trotzdem Hoffnung für England. Solange man gratis ins British Museum darf und das Bitter angenehm kohlensäurearm serviert wird, ist nicht alles verloren. Cheers!

Freitag, 16. Juni 2017

Frankfurter Schule

Kennt ihr das, wenn ihr zuhause etwas sucht und dabei etwas findet, wovon ihr gar nicht mehr gewusst habt, dass ihr es besitzt? Und dabei ist es etwas richtig Lässiges, und ihr freut euch vollrohr darüber? So etwas haben wir hieramts auch: das Feedback der Woche. Wenn euer ergebener Kolumnator eine Rückmeldung auf seine Brot-Texte erhält, die wirklich denkwürdig ... also, denkwürdig ist, dann wird sie hier verewigt. Es wurde sich anlässlich eines geglückten Feedbacks (und ich verwende „geglückt“ hier sehr weit gespannt, man darf sich dazu etwa die Schwingen eines Albatros vorstellen und sich fragen, ob es nicht doch die Schwingen eines Albatrosses sind, „geglückt“ also in dem Sinne, dass auch einem wirklichen schlimmen Missetäter die Flucht glücken kann), wer jetzt noch weiß, wo wir im Satz stehen, darf sich ein Herzerl ins Heft malen, also: Anlässlich eines Feedbacks, in dem eine Formulierung als „umgangssprachlich“ beanstandet wurde, haben wir uns schon einmal der Bedeutung von „umgangssprachlich“ gewidmet. (Damals gab es eine kleine Checkliste, damit ihr vielleicht ein bisschen leichter herausfindet, ob ein Wort umgangssprachlich ist. Seid vorsichtig damit – so etwas geht oft aus, wie wenn man Krankheiten googlet.)
Diesmal liegt die Sache aber komplizierter. Denn der Kunde hängt anscheinend der Neuen Frankfurter Schule an. Für alle nach 1975 Geborenen: Über die Neue Frankfurter Schule muss man fast gar nichts wissen, außer „Habermas“, irgendwas mit 68ern und den Satz von Adorno: Es gibt kein richtiges Leben im falschen.
Denn wenn wir uns fragen, was „umgangssprachlich“ fürwahr bedeutet, kann es nur eine Antwort geben: Umgangssprachlich ist alles, was wir im Umgang miteinander äußern, sei es im Gespräch, sei es schriftlich oder telepathisch. Mithin ist alles Sprachliche auch umgangssprachlich, es sei denn man wollte ein Sprechen annehmen, das nicht nur nicht wahrgenommen wird, sondern auch nichts zum Ziel hat als nicht wahrgenommen zu werden. Selbst wenn es eine solche Sprache geben sollte, als einzige Sprache, die nicht auch umgangssprachlich wäre – sie geht uns nichts an. (Es stellt sich sogar die Frage, ob eine Sprache, die niemand vernehmen soll, überhaupt eine ist.)
Ebenso wie kein richtiges Leben im falschen möglich ist, kann es also auch keine Sprache geben, die nicht umgangssprachlich wäre. Oder, um eine voll 80ermäßige Formel von Paul Watzlawick wieder einmal zu beleben: Man kann nicht nicht kommunizieren. Schon gar nicht sprachlich. Nur wenn mein hochgeschätzter Kunde im Gefolge Adornos ebenfalls zu dieser so einleuchtenden Meinung gelangt ist, lässt sich erklären, wie dieses Feedback zustande gekommen ist: Finden klingt ugs.
Dass damit für die stilistische Bewertung nichts gewonnen ist, steht auf einem anderen Blatt. Denn nach unserer neugefundenen Regel ist „finden“ nicht mehr oder weniger umgangssprachlich als ein Gedicht von Hölderlin, der, da bin ich ziemlich sicher, niemals Oida geschrieben hat. Allerdings hatte er ja dann später auch nicht mehr alle Federn im Schreibzeug, also wer weiß. Schönes Wochenende!

Freitag, 9. Juni 2017

Feiertage



Teure Lesehäsinnen und –häseriche, ich warne vor dem Mann ohne Bekenntnis. Wenn wir Pech haben, spuckt er uns allen in die Suppe, und zwar nach einem jener Räusperer, die man so richtig safteln hört. Der Mann ohne Bekenntnis hat nämlich auf Gleichbehandlung geklagt, weil er fürs Arbeiten am Karfreitag nur das Gehalt für einen Werktag einsackt. Er hätte aber gern auch eine Feiertagszulage. Denn der Karfreitag ist für ihn zwar kein Feiertag (deshalb muss der Mann ohne Bekenntnis arbeiten), aber für unsere protestantischen Mitbürgerinnen. Das findet der MoB unangemessen, deshalb die Klage. Man braucht kein Hellseher, ja nicht einmal besonders helle zu sein, um zwei Schritte weiter zu denken und zu erkennen, wohin das führt: Es wird dem Gericht nichts anderes übrigbleiben, als die kirchlichen Feiertage in Österreich zu kassieren. Denn wenn der MoB einen protestantischen Feiertag für sich urgiert, ist die Frage aufgelegt, wie er es aushält, zu Weihnachten dem Arbeitsplatz fernzubleiben, zu Ostern dem Hackeln und zu Pfingsten dem Ruacheln zu entsagen.
Doch erst einmal zum Bildungsauftrag. Österreich, Herrschaften, ist nicht nur Spitze im Biertrinken, Touristenbeherbergen oder Autoteilfertigen. Österreich ist auch, ex aequo mit Malta, das Land mit den meisten freien Tagen pro Jahr, nämlich 25 Urlaubs- und 13 Feiertagen (Malta hat einen Feiertag mehr, aber einen Urlaubstag weniger – wahrscheinlich wollte man sich nicht der Peinlichkeit aussetzen, noch mehr frei zu haben als wir hier). Damit verweisen WIR ÖSTERREICHERINNEN gewohnte Tabellenführer anderer Disziplinen wie die USA oder Deutschland auf die hinteren Plätze. Das sollten wir nicht aufs Spiel setzen, oder? Denn wenn der MoB seinen Willen bekommt, für einen konfessionellen Feiertag bezahlt zu werden, dessen Konfession nicht die seine ist, dann würde ich als verantwortungsbewusster Vertreter der Wirtschaft aberhallo die Gegenklage anrichten. Und alle Ausgetretenen können sich schon einmal für Mariä Himmelfahrt die Jausenbox herrichten, von Mitbürgerinnen anderer Konfessionen ganz zu schweigen. Das wird aber erst der Anfang sein. Als Nächstes werden wir der Frage nicht mehr ausweichen können, warum man überhaupt an einem Feiertag frei kriegen sollte, der einem wurscht ist. Die meisten haben eine ungefähre Ahnung, dass es zu Weihnachten irgendwie um Geburtstag geht. Aber bei Ostern wird es schon schwieriger, zu Pfingsten trennt sich die Spreu vom Weizen, und was an Fronleichnam los ist, kann heutzutage kein Aas mehr erklären, ehrlich. Die durchschnittliche Arbeitnehmerin, die sich zu Christi Himmelfahrt vier Tage Wellness gönnt, hat genauso viel Ahnung davon, warum sie dafür nur einen Urlaubstag braucht, weil das ja immer so praktisch auf einen Donnerstag fällt, wie von den Hintergründen des islamischen Opferfests, für das Muslime weiterhin sehr wohl Urlaub brauchen. An jenem Punkt werden zwei Möglichkeiten bleiben:
Entweder wir erinnern uns an frühere Zeiten und lassen ein Institut wieder auferstehen, das einst als Hürde vor dem Zivildienst errichtet war: die Gewissensprüfung. Da musst du dann glaubhaft machen können, dass für dich Mariä Empfängnis wahrhaftig bedeutsam ist, sonst heißt es hackeln. Und das Glaubensbekenntnis musst du auch aufsagen.
Oder wir schenken einfach allen die Feiertage, die sie brauchen. Nur dem Mann ohne Bekenntnis, dem schenken wir eine einfache Flugreise in die USA, wo es überhaupt keine gesetzlichen Feiertage gibt.

Freitag, 2. Juni 2017

Sex und Sexismus

Wie an dieser Stelle schon bemerkt, sind die sogenannten Sozialen Medien nicht nur solche, sondern auch ein Netz aus Fallstricken, behängt mit Narrenschellen. Natürlich bekommen das auch Menschen zu spüren, denen es mehr schadet als dir und mir, weil sich mehr Leute für sie interessieren als dafür, was euer Zweckdichter hier so absondert. Kürzlich hat sich ein SPÖ-Bezirksrat – naja, nicht aus dem Fenster gelehnt. Eher mit Anlauf durchs Fenster in ein Fettnäpfchen gestürzt, ohne sich vorher zu vergewissern, ob es tief genug sei. Er gab dem Drang nach, dies über die neue ÖVP-Generalsekretärin zu auf Facebook zu posten:
Aus autobiografischen und stadthistorischen Motiven möchte ich da schon anmerken, dass die jungen Damen der ÖVP Innere Stadt aus den frühen 80er Jahren, die mit mir schliefen, weil sie mich wohl für einen talentierten Revolutionär hielten, genauso aussahen, genauso gekleidet waren und genauso sprachen.
Natürlich erhob sich ein Shitstorm, weil das sexistisch sei, und ein Bezirksrat darf auf Facebook keine sexistischen Sachen posten, das ist schon klar.
Ich finde, damit macht man es einem möglichen Dummbären zu leicht. Denn das Posting ist gewiss eines Politikers unwürdig. Ich bezweifle aber, dass es sexistisch ist. Ich weiß schon, ich marschiere hier auf dünnem Eis. Nehmen wir also, bittesehr, an, dass mir Sexismus fernliegt. Nur so als Arbeitshypothese.
Sexismus, so lehrt uns Wikipedia (und wer zweifelt schon an Wikipedia?), ist eine geschlechtsbezogene Diskriminierung, die soziale Ungleichheit von Männern und Frauen bewirkt oder zum Ziel hat.
Also auf zur Gegenprobe. Nehmen wir an, eine ÖVP-Bezirksrätin hätte angesichts eines neuen SPÖ-Generalsekretärs öffentlich geäußert: Ich möchte schon anmerken, dass die jungen Genossen der SPÖ Simmering aus den frühen 80er Jahren, die mit mir schliefen, weil sie mich wohl für eine arrivierte Bourgeoise hielten, genauso aussahen, genauso gekleidet waren und genauso sprachen. Mir scheint, hier wird auf allerlei reflektiert, nur eben gerade nicht auf das Geschlecht.
Versuchen wir es mit einem frei erfundenen schwulen FPÖ-Politiker: Ich möchte aus autobiografischen Gründen anmerken, dass die jungen Männer der Grünen auf der Wieden, die in den 90ern mit mir schliefen, weil sie mich wohl für einen anständigen Leistungsträger hielten, genauso aussahen, genauso gekleidet waren und genauso sprachen.
Hm. Ich finde da vieles, das mir nicht gefällt. Aber Sexismus? Wir müssen wohl etwas klären: Nur weil ein Thema mit Sex und Frauen zu tun hat, ist nicht jede Äußerung dazu automatisch sexistisch. Nicht einmal, wenn ein Mann äußert, dass er schon mit mehreren Frauen Sex hatte (beziehungsweise, das ist Herrn Schrage anscheinend wichtig, sie mit ihm). Wenn ihr mich fragt, hat Herr Schrage eben nicht auf Frau Köstingers Geschlecht reflektiert, sondern auf ihre ÖVP-Mitgliedschaft. Eine Leserbriefschreiberin erklärt im Standard vom 1. Juni: Ich als junge Frau möchte nie, dass jemand etwas Ähnliches über mich in einem sozialen Netzwerk schreibt, und falls das doch passieren sollte, will ich darauf vertrauen können, dass die Person von keinem Medium geschützt, verteidigt oder porträtiert wird. Abgesehen von den seltsamen Einschränkungen auf Jugend und soziale Netzwerke kann ich das nachvollziehen: Man will nicht öffentlich mit jemandem verglichen werden, die (oder der) mit dem Sprecher Sex hatte. Sex ist, bei aller Durchpornographierung, immer noch eine private Angelegenheit, und man will nicht durch einen solchen Vergleich von einem Wildfremden in dessen Sexualsphäre hineingezogen werden. Ein solcher Vergleich ist aber nicht sexistisch, er ist übergriffig, unhöflich und dumm. Sexistisch kann ich ihn nicht finden. Ich ersuche daher hiermit um Durchführung eines neuen Shitstorms, weil Herr Schrage etwas Dummes, Unhöfliches und Übergriffiges gepostet hat. Danke.

Freitag, 26. Mai 2017

Zentralperspektive

Es kommt alles wieder, und gerade die guten Ideen haben mitunter die fiese Eigenschaft, dich hintenherum zu beißen, wenn du an nichts Böses denkst. Gerade eben in meinem Kopf war es noch lustig, wie Frau B. so unsterblich gesagt hat! Beziehungsweise: Auch wenn du dich gerade einem Kulturgenuss für die gebildeten Stände hinzugeben im Begriffe bist, wirst du eventuell daran erinnert, dass Kultur Geld kostet und deshalb die begüterten Stände auf den besseren Plätzen sitzen. Vielleicht sogar gerade dann. Worum es geht? Um das Theater, o teure Häschen.  Euer Zweckdichter hat sich kürzlich wieder einmal gesammelt, um sich gemeinsam mit seinem kulturbeflissenen Spross eine einschlägige Darbietung reinzupfeifen. Man gab Dorian Gray im Akademietheater. Wer’s nicht weiß: Es handelt sich um eine hochgelobte (wozu hochgelobt? Wenn ihr mich fragt: zu Recht) Inszenierung mit dem ebenfalls gepriesenen (ebenfalls zu Recht, wenn ihr mich fragt) Markus Meyer in der Titelrolle. Die übrigen Rollen erscheinen nicht live auf der Bühne, sondern – denn es handelt sich um eine nicht nur gelungene, sondern auch innovative Angelegenheit – als zugespielte Filmprojektionen, mit denen Dorian interagiert.
Ich hatte die Inszenierung schon einige Monate zuvor einmal gesehen und in guter Erinnerung behalten, damals vom Juchhe links, ziemlich weit vorne. Ich hatte mitbekommen, dass da unten Schätzbares geschah, konnte aber wegen meines extremen Sichtwinkels nicht viel zu den optischen Details sagen. Diesmal hatten wir – denn der Zweckdichterspross ist ein Luxusbalg übelster Sorte – feine Plätze im Parkett rechts. An dieser Stelle darf ich ein dreifaches Hoch auf die Verständnissinnigkeit der Bundestheaterverwaltung ausbringen, die nach einigen Jahren der Umnachtung nun doch wieder eingesehen hat, dass Ermäßigungen für das jüngere Publikum durchaus sinnvoll sind: HOCH! HOCH! HOCH!
Aber zurück zu Dorian Gray: Obgedachte Projektionen erscheinen nicht auf einer einzigen großen Leinwand. Vielmehr besteht das Bühnenbild aus einem Klettergerüst, das eine Anzahl Leinwände verschiedener Größen trägt. Sie stehen alle parallel zueinander, aber in unterschiedlichen Abständen zum Zuschauerraum. Das hat eine erwünschte Folge: Der zunehmend verzweifelte Dorian kann vor und zwischen den Leinwänden herumklettern. Und eine wohl unerwünschte: Richtig gut funktioniert die Sache nur, wenn man halbwegs mittig im Parkett oder auf dem Balkon dahinter sitzt. Schon von den Zweckdichterplätzen  tun sich zwischen den einzelnen Projektionen große schwarze Lücken auf, die gewiss nicht Teil der gestalterischen Vision waren. So findet man sich zurückversetzt in Zeiten, als die Wirkung des theatralischen Geschehens zuallererst für die Leute auf den wichtigsten Plätzen berechnet war: den zuständigen Fürsten und alle, die es sich leisten konnten, in der Mitte zu sitzen. Einst im Duodezstaat, heute in einer der ersten Bühnen des deutschen Sprachraums.
Und jetzt noch das bürgerliche Motschkern: Ich verstehe ja, dass man nicht von überall gleich gut sehen kann, und auch, dass man von teureren Plätzen besser sieht. Aber dass man von relativ teuren Plätzen so schlecht sieht, das ist schon bemerkenswert. Die symbolische Schere, die sich zwischen mittlerer und oberer Mittelschicht öffnet, war noch nie so treffend in – ja genau: in Szene gesetzt – wie hier.

Freitag, 19. Mai 2017

Bikinifigur

Viele Häschen und Häsinnen haben sich in den letzten Wochen Sorgen gemacht. Denn es naht die Zeit, in der man von seinen Nebenmenschen wieder viel mehr zu sehen kriegt, als man in vielen Fällen gern zu sehen bekäme. Kurz: Man redet von der Bikinifigur. Gar manche versagt sich im Vorfeld der Entblößung so allerlei. Von Zucker ist da oft die Rede, denn Zucker, so ein landläufiger Aberglaube, mache dick. Auch ich hing lange der Überzeugung von der morphologischen Nährwertidentifikation an: Der Körper verwertet Nahrungsmittel zu jenem Organ, dem sie ähnlich sehen. Deshalb sind Karfiol und Walnüsse gut fürs Hirn, Eier nützen den Augen (Schweindi!) und von Schnitzel kriegt man Muckis. Nimmt man aber etwas zu sich, das mit keinem bekannten Organ Ähnlichkeit hat – zum Beispiel Schokoschirmchen, oder zweifarbig spiralig gedrehte Zuckerstangen – dann macht der Körper daraus Fett. So einleuchtend, so überzeugend. Wahr ist vielmehr: Das stimmt gar nicht. Die Europäische Union hat mich eines Besseren belehrt. Von Zucker kann man gar nicht dick werden!
Aber der Reihe nach. Es begab sich, dass euer Zweckdichter eine zuckerhaltige Süßigkeit zu beschriften hatte. Der erste Vorschlag lautete: „Kraftstoff“. Dies erwies sich nach juristischer Auskunft des Produzenten als – wie sagt man auf Amtsdeutsch? Genau: als untunlich. Denn ein Konsument könnte nach Lektüre der Kraftstoff-Beschriftung auf den Gedanken kommen, dass ihm vermehrte Kraft durch Verzehr der Süßigkeit verheißen werde. Damit wäre der Tatbestand einer unzutreffenden gesundheitsbezogenen Behauptung im Sinne der einschlägigen EU-Verordnung erfüllt. Und das geht natürlich nicht.
Der nächste Vorschlag lautete deshalb Energieschub. Denn Zucker, so dachte ich naiv, enthält ja unstreitig Energie. Das darf man also gewiss wahrheitsgemäß draufschreiben.
Denkste.
Alsbald ward mir die Erhellung, dass dies nicht gehe, da weiterhin ein unzulässiger Bezug zu den verheißenen Auswirkungen des Lebensmittels bestehe. Der zuständige Produzent schlug als Alternative Treibstoff vor, was ich nicht guten Gewissens durchgehen lassen konnte, umso weniger, als die Nascherei pillenartig, wenn auch nicht blau war.
Nun zog ich mich auf die vermeintlich befestigte Position Energie zurück. Auf Zucker Energie zu schreiben, das ist ja so, als schriebe man auf eine Zitrone Vitamin C oder auf eine Seife Reinigung, so dachte ich mir.
Aber weit gefehlt. Der Produzent teilte mit, dass es im EU-Lebensmittelrecht nicht um Logik geht (meine Interpretation), sondern dass „grundsätzlich nicht erlaubt ist, was nicht angeführt ist“. Und es ist zwar ausdrücklich erlaubt, auf ein Lebensmittel low energy zu schreiben (wenn der Kaloriengehalt unter einem bestimmten Schwellenwert liegt). Das bedeutet aber noch lange nicht, dass man oberhalb dieses Wertes Energie versprechen darf. Denn low energy ist als erlaubt angeführt, energy aber nicht. Mithin ist juristisch erwiesen, dass Zucker nicht ausreichend Energie enthält, um deine häschenschlanke Bikinifigur zu gefährden. Lass es dir ruhig schmecken.
Im Übrigen schreibe ich wieder einmal ein Forschungsstipendium aus, dotiert wie immer mit einer Leberkässemmel und einem Bier: Es gründe ein berufenes Häschen bitte eine Briefkastenfirma mit dem einzigen Zweck, eine Tafelwassermarke zu lancieren, und zwar unter dem Namen Feucht. Feuchtigkeit nämlich ist nicht in der Liste erlaubter Behauptungen angeführt. Es handelt sich aber eindeutig um eine gesundheitsrelevante Angelegenheit, da Austrocknung lebensgefährlich ist. Ich bin gespannt, ob die Marke Feucht in der EU reüssieren kann, oder ob sie nur unter der Budel vertrieben wird, an Feuchtigkeitsjunkies in the know, wie wir Bescheidwisser sagen.

Freitag, 5. Mai 2017

Spam

Lesehäsinnen und –häseriche, früher war alles besser. Sogar das Schlechte kann mit der Zeit schlechter werden, oder zumindest mieser. Worum es geht? Ich habe eine neue und zutiefst enttäuschende Spielart der Gaunerei entdeckt. Wir alle kennen und lieben ja den klassischen Trickbetrug, unsterblich geworden durch jenen Film mit Paul Newman und Robert Redford. Sein Fundament ist die verbrecherische Energie des Opfers: Ihm wird vorgegaukelt, er (meist waren es Männer) könne auf unlautere Weise viel Geld verdienen. Danach erleichtert man ihn um das seine. Mit dem Internet kam, weniger glamourös, aber auf denselben Grundlagen des Ewigmenschlich-Kriminellen ruhend, der Nigeria-Scam, auf den ab und zu sogar jemand reingefallen ist.
Diese Zeiten sind offenbar vorbei. Soeben ist ein Mail durch den Spamfilter gerutscht, in dem ein Herr Reed, Parker Reed, mir einen Aktientipp zuflüstert. Ich solle Anteile von Quest Science Management Gate erwerben, so viele ich nur kriegen kann, denn übermorgen wird die Firma von einem Pharmariesen geschluckt, und zwar für mehr als das 20-Fache ihres aktuellen Kurswertes.
Hier könnten die Alarmglocken schrillen, denn laut Herrn Reed steht die Aktie bei 80 Cent, der Übernahmepreis liege bei 23 Dollar. Das wäre beinahe das 30-Fache, und warum sollte sich Herr Reed die Gelegenheit entgehen lassen, die Qualität seines Tipps in noch lichtere Höhen zu schrauben?
Die Alarmglocken schrillen aber nicht, die sind noch müde vom Anfang. Da haben sie sich echt was weggebimmelt, dass mir die Ohren klingen. Herr Reed eröffnet nämlich mit der Versicherung, er habe über die Jahre viel für mich geleistet, und ich hätte dadurch irre viel Kohle gescheffelt (made an insane amount of profits listening to me). Der Kenner bemerkt, wie ich im zweiten Teil des vorigen Satzes den Konjunktiv II statt I gesetzt habe, weil der Einser dem Indikativ geglichen hätte. Aber ich schweife ab. Wie armselig ist das bitte als erster Akt eines schlingelhaften Unterfangens? Du hast mir zu großen Profiten verholfen? Ehrlich, Parker, alte Socke, wenn ich blödsinnig viel Geld mit Aktienspekulationen verdient hätte, könnte ich mich zumindest vage daran erinnern. Offenbar haben wir es mit einem Betrüger zu tun, in dessen Beuteschema man nur mit einem totalen Gedächtnisverlust Eingang findet.
Und was ist das Ziel der Veranstaltung? I expect a big thank you and and an invite for steak this weekend. Der arme Parker versucht eine Spam-Schiene aufzuziehen, deren prospektive Opfer nicht nur extrem leichtgläubig, sondern auch extrem vergesslich sind, und alles, was dabei für ihn herausschauen soll, ist eine warme Mahlzeit?
Vielleicht sollten wir alle zusammenlegen, damit er uns nicht vom Fleisch fällt.

(Ja, ihr Topcheckerhäschen, ich weiß schon: Es geht natürlich nicht um das Steak. The beef ist eben nicht dasselbe, sondern das sind die Aktien, die ich kaufen soll. Aber ich soll sie auf den Rat eines Menschen hin kaufen, der behauptet, er habe mich mit seinen Börsentipps reich gemacht. Was, da verrate ich jetzt kein Geheimnis, nicht der Fall ist. Genauso gut könnte der gute Parker auf der Straße wildfremden Leuten um den Hals fallen und behaupten, er sei ihr verschollener Bruder. Bitte, Parker, ich lasse mich ja betrügen. Aber tu wenigstens so, als ob du dir Mühe gäbest.)