Freitag, 9. Oktober 2020

Reimtest

 

Der Wiener Wahlkampf, das können wir, o vielgeliebte Lesehäschen, frei nach Josef Hader festhalten, warat jetzt do. (Für kabarettistisch Unterversorgte: In Hader muss weg lässt sich ebendieser gründlich darüber aus, wie idiotisch der Satz I warat jetzt do ist, indem er konjunktivisch in der Schwebe zu lassen versucht, was offensichtlich der Fall ist, und dieses Offensichtliche auch noch ausspricht.)

Im Falle des Wahlkampfs hat der Konjunktiv seine Berechtigung, weil bei Besichtigung der Plakatbotschaften Zweifel keimen, ob der Wahlkampf tatsächlich der Fall ist. Denn wie einst hieramts festgehalten:Man merkt den Wahlkampf an der doofen Formulierung „Stopp dem“. Selbst Dominik Nepp hat die Chance vergeigt, mit diesem Klassiker bei der verlässlich ansehnlichen Zielgruppe der Grammatikschwachen jeden Alters zu punkten. Womit wir beim Thema sind, das uns ja alle beschäftigt, nämlich: ob Dominik Nepp unsere Stimmen verdient. Da man sich auf Wahlversprechen bekanntlich nicht verlassen kann, schicken wir die FPÖ in den Reimtest für Unentschlossene. Als Prüfstein der Wählbarkeit diene uns der Klassiker unter Nepps Wahlplakaten. Kann es im Vergleich zu den Großtaten der Partei aus Zeiten, als sie noch groß war, überzeugen?

Das fragliche Werk zeigt links leider verhüllte Frauen mit der Beischrift Wiener Islam, rechts einen leider unverhüllten Nepp. Dieser deutet in die ungefähre Richtung des Stephansdoms. Mit der Bildmontage wurde offenbar der Billigstbieter beauftragt. Anscheinend weist Nepp gar nicht zum Dom hin, sondern auf etwas, das weiter weg, aber leider nicht mehr zu sehen ist, etwa seinen Heimatplaneten.

Diese Vermutung bestärkt die Headline, denn dort, wo Nepp hinzeigt, sei Unser Daham. Dass er den Stephansdom meint, ist unwahrscheinlich, weil fast zwei Drittel der Wiener Einwohnerschaft nicht katholisch sind und die katholische Kirche in Wien einen jährlichen Schwund von etwa 1,7 % zu verzeichnen hat.

Doch genug der Spekulation über Nepps wahre Abkunft. Connaisseure der politischen Lyrik erkennen hier natürlich ein Kickl-Zitat, von dem die Steilvorlage Daham statt Islam ja stammt.

Wie schlägt sich die Nepp-Line im Vergleich?

Im Reimabgang bleibt der männliche Reim (Achtung, Bildungsauftrag: Ein männlicher Reim endet mit der betonten Silbe. Ein weiblicher Reim hat zwei reimende Endsilben, von denen die vorletzte betont ist.) erhalten, weil es ja um den Islaaaam geht. In puncto Versmaß schlägt sich Nepp auf den ersten Blick tapfer, indem er zwei viersilbige Verse bringt, in denen jeweils die erste und vierte Silbe betont ist. Geht sich sauber aus, gibt’s nix zu meckern.

Kickl ließ da fünfe gerade sein. Denn bei ihm hat der erste Vers zwei Silben, der zweite aber drei. Ein handwerklicher Schnitzer? Mitnichten. Hier zeigt sich, wer dichtet und wer bloß reimt. Wo Nepp hofft, dass braves Abzählen genügt, um etwas Brauchbares zu erzeugen (wie man ja auch nicht ohne Meterstab auskommt, wenn man sich einen Kasten bauen will), weiß Kick um den Unterschied zwischen selbstgezimmerten Kellerregalen und selbstgeschmiedeten Reimen: Im letzteren Fall gewinnt, wer wagt. Gerade die zusätzliche Silbe im zweiten Vers gibt dem (unappetitlichen) Gedanken Zeit und Raum, Anlauf zu nehmen und mit Schwung die Distanz ins Hirn des potenziellen Wählers überspringen.

Wo Kickl ästhetisch-poetisch übermächtigte, konstatiert Nepp bloß. Er hat zwar mitbekommen, dass die FPÖ irgendwie das Ausländerthema bespielen sollte, scheitert aber an der Aufgabe, sich darauf einen Reim zu machen, was angesichts seines Nachnamens nur umsomehr verwundern kann.

Schönen Wahlsonntag!

Freitag, 2. Oktober 2020

Kleiner Unterschied

 

Es gibt, o kompetente Lesehäschen, immer was Neues. Also: Immer was Neues, worum man sich kümmern sollte. Zum Beispiel soll es vorkommen, dass der Häschennachwuchs in der Häschenschule in eine WhatsApp-Gruppe gerät, in welche die Jungrammler Dreckszeug hineinposten, das man so oder so interpretieren kann. Vielleicht ist der humoristische Mehrwert von Scherzen, die unter das Verbotsgesetz fallen, tatsächlich immens. Vielleicht ist es auch ein jugendliches Experiment, bei dem eruiert werden soll, wieviel Scheiß man bauen muss, bis Erwachsene sich wie Erwachsene verhalten.

So oder so steht besagter Erwachsener vor der Frage, wie man das eigene Häschen angemessen unterstützt, ohne ihm ungebührlich auf die Nerven zu gehen, was ja im Umgang mit Teenagern stets das ist, was dem Trekkie die Hauptdirektive (die es verbietet, sich in die Entwicklung anderer Spezies einzumischen, womit sich zeigt, dass wir Science-Fiction-Nerds mehr über Kinderaufzucht gelernt haben, als man glauben möchte, auch wenn böse Zungen behaupten, dass der Erwerb ebendieser Kompetenzen unsere Chancen mindere, sie jemals anwenden zu können).

Dies auch vor dem Hintergrund der aktuellen Lektüre eures Ergebenen, nämlich The Girls von Emma Cline. Keine Ahnung, ob die Frau das Niveau hält, aber das Ding fängt auf jeden Fall großartig an. Nämlich berichtet die Ich-Erzählerin von einer Mädchenkindheit in einer faden kalifornischen Gegend der 1960er-Jahre, in der sie gewaltig viel Zeit damit verbringt, Schönheits-, Pflege- und Stylingtipps aus Zeitschriften umzusetzen. Später gerät sie auf der sogenannten Ranch in sehr schlechte Gesellschaft, und wir lesen die wunderbaren Sätze:

I wondered later why there were so many more women than men on the ranch. All that time I had spent readying myself, the articles that taught me life was really just a waiting room until someone noticed you – the boys had spent that time becoming themselves.

Hand aufs Herz, wer sicher ist, dass wir, nämlich wir Gesellschaft im ausgehenden ersten Viertel des einundzwanzigstens Jahrhunderts, dass wir also diesen Unterschied im Heranwachsen der Geschlechter völlig hinter uns gelassen haben. Liegt es an eurem Ergebenen, oder sind wir immer noch eher geneigt, Buben ein Freispiel zuzugestehen, weil es halt ein blödes Alter ist, während Mädchen aber schon echt komisch sind und sich auch einmal zusammmennehmen könnten? Ich hoffe, ich täusche mich. Aber ich habe wirklich den Verdacht, dass wir eher Mädchen eher zumuten, jederzeit Person zu sein, während wir es Buben zugestehen, sich zwischendurch eine Runde höchst unansehnlich zu verpuppen, in der Hoffnung, dass irgendwann ein stattlicher Käfer schlüpfen wird.

Die Schwierigkeit liegt natürlich darin, dass man durchs Deppertsein schon in jungen Jahren (und in Alter-weißer-Mann-Jahren sowieso) Prestige ansammelt, sodass Buben, die konsequenzfrei Blödsinn machen, schon dadurch einen Schritt voraus sind.

Was also tun, ohne aufs Kontraproduktivste in jugendliche Sozialdynamik hineinzufunken? Euer Kolumnator dankt für sachdienliche Hinweise.

Zum Beweis, dass es auch Gelegenheiten gibt, wo man ruhig fünfe gerade sein lassen kann, diene der heutige Wikipedia-Fund: Als der Doo-Wop-Song Rama Lama Ding Dong 1958 veröffentlicht wurde, geschah dies irrtümlich unter dem Titel Lama Rama Ding Dong, was vielleicht der Grund für das einstweilige Ausbleiben des Erfolgs, vielleicht aber auch völlig wurscht war. Schönes Wochenende!

Freitag, 25. September 2020

Entschuldigung

 

Dass alles nicht so einfach ist, meine lieben Lesehäschen, ist ja nichts Neues, und dass gerade FPÖler und solche, die es nur noch gewesen sein wollen, mit der deutschen Sprache bisweilen Schwierigkeiten haben, ebensowenig. Dass wiederum Herr Blümel und Herr Nepp ein und denselben rhetorischen Trick bemühen, wird auch niemanden wundern: Der eine will Wien „wieder“ nach vorne bringen, der andere will Wien „zurückholen“, wobei natürlich weder der eine erklärt, inwiefern Wien hinten noch der andere, inwiefern es weg ist. Auf diesem Schmähniveau könnte man beide fragen, ob sie aufgehört haben, sich vor dem Frühstück schon Obstler zu stessen, worauf es ja auch nur richtige Antworten gibt! Immerhin sind die beiden auf Volksschulniveau sprachlich firm, während H.C. Strache gelegentlich ins Straucheln (also: Stracheln) kommt. Kürzlich sonderte er in einem Interview einen schönen Satz ab, den sich aber wirklich jeder von uns hinter die Häschenlöffel schreiben sollte, nämlich:

Man muss sich selbst verzeihen können.

Das zeugt von erfreulicher Fähigkeit zum Mitdenken. Denn wenn Strache sich nicht zuerst selbst verzeiht, wer soll ihm dann darin nachfolgen? Strache setzt anscheinend darauf, dass ihm die Leute schon verzeihen werden, wenn er nur selbst mit gutem Beispiel vorangeht und auch einmal fünfe gerade sein lässt, nachdem sein alter Haberer Heinz-Christian in der Fettn einmal einen Blödsinn gemacht hat.

Allerdings zeigte sich, dass der Journalist für seine Überschrift das Strache-Original unzulässig berichtigt hatte. Tatsächlich hatte Strache nämlich geäußert: Man muss sich selbst für Fehler verzeihen können. Wer Augen hat zu lesen, der lese – er wird in diesem scheinbar so schlichten Ratschlag jene tiefe Verunsicherung finden, die gemeinhin mit Zukunftsangst und/oder Drogenentzug in Verbindung gebracht wird. Denn man verzeiht sich (oder einander) ja nicht für einen Fehler, ebensowenig wie man sich von der Partei für die Miete der Villa in dort-wo-man-eh-nicht-wohnt-weil-man-sonst-in-Wien-nicht-zur-Wahl-antreten-darf zahlen lässt. Man lässt sich die Miete zahlen, man verzeiht sich den Fehler, und basta.

Dass Strache hier ein für hineingerutscht ist wie eine Oligarchin in eine ibizenkische (ja, echt!) Finca oder wie ihm dort so manches herausgerutscht ist, ist ein Zeichen dafür, dass er etwas vergessen hat. Nämlich, sich für das zu entschuldigen, was er der besagten Oligarchin in der besagten Finca so alles anvertraut hat und was mit „Ausverkauf der Republik“ bestens zusammengefasst ist.

O Hazeh, gehe in dich und höre! Ganz, ganz oft, lieber Hazeh, wird jemandem erst verziehen, nachdem er um diese Verzeihung gebeten hat. Beziehungsweise: Man muss sich selbst für Fehler entschuldigen, weil das nämlich niemand anderer tun wird, schon gar nicht der Gudenus.

Vielleicht fängst du damit an und wir schauen dann, ob es funktioniert.

Schönes Wochenende!

Freitag, 18. September 2020

Schwierige Biere


Dass früher, o vielgeliebte Lesehäschen, alles besser war, ist ja nichts Neues. Gerne sei wieder an jene frühere Kollegin erinnert, die einmal darauf hinwies, dass „gestern Sonntag“ war. Noch besser aber: Vorgestern war Samstag, und damit die ideale Gelegenheit, um sich ein lecker Bierchen zu gönnen. Einst war die präferierte Bierchensorte eine Frage des Geschmacks, und ob man sich die Zunge von einer ausbalancierten Komposition aus Malz- und Hopfennoten umschmeicheln ließ oder einfach ein Pils kippte, weil es eh schon wurscht war, blieb jedem selber überlassen.

Heute hat der belebende Trank seine Unschuld verloren – also nicht das Bier als solches, aber das eine oder andere, womit wir beim Problem sind. Euer Kolumnator outet sich nämlich hiermit als Freund des Mohrenbiers, weil es ihm gut schmeckt. Dass das Mohrenbier so heißt, wie es heißt, geht ja in Ordnung, denn warum hätte der Mohr keine Mohrenbrauerei gründen sollen! Schwierig wird es hingegen mit dem auf dem Etikett abgebildeten Kopf, der offensichtlich nicht jener des Herr Mohr, sondern eine unangenehm tendenziöse Darstellung ist. Weil das Auge, dieses unersättliche Organ (Doderer, schau oba!) nicht nur mitisst, sondern auch mittrinkt, begibt sich der sensible Konsument auf die Suche nach geeignetem Ersatz. Im gutsortierten Fachhandel wurden vier Sorten ohne rassistische Abbildungen empfohlen, die besagter Konsument schweren Herzens (weil das Mohrenbier wirklich sehr gut schmeckt) zwecks Verkostung heimwärts trug. Die Verkostung steht großteils noch aus, aber eine Sichtung der Etiketten lässt nichts Gutes vermuten.

Hadmar Bio-Bier ist, so verrät der Hersteller Weitra Bräu, nach Hadmar II. benannt, einem Adligen des 12. Jahrhunderts (oder des 12. Jh., oder des 12. Jh.s, nicht aber des 12. Jhs., weil nämlich Abkürzungen auf Wunsch gebeugt werden dürfen, wobei die Beugungsendung genau dann vor den Abkürzungspunkt kommt, wenn die Abkürzung mit demselben Buchstaben endet wie das abgekürzte Wort, sodass eine Enzyklopädie „24 Bde.“ haben kann, während Hadmar keine Persönlichkeit des „12. Jhs.“ gewesen ist – Bildungsauftrag erfüllt!).

Besagter Hadmar ist auch auf dem Etikett zu sehen und garantiert rassismusfrei dargestellt. Das ist auf den zweiten Blick auch kein Wunder, und auf den dritten Blick drängt sich die Frage auf, ob die Ablöse eines generischen Rassismusbildes durch eines, das einen privilegierten Hodenträger aus finsteren Zeiten verherrlicht, echt den Bierwechsel wert ist. Euer Ergebener tendiert dagegen, hat aber das fragliche Bier noch nicht verkostet.

Als nächstes Ersatzbräu wartet Augustiner Lagerbier hell, und hier genügt leider der erste Blick: Auf dem Etikett grinst ein korpulenter Ordensmann, der anscheinend aus lauter Schadenfreude ob der Greuel der Gegenreformation das eine oder andere Helle über den Durst gezwitschert hat. Danke, weiterbeten!

Wir kommen zum Obertrumer Zwickl, das nicht schlecht schmeckt, wenngleich es überreich mit Kohlensäure gesegnet ist. Das Etikett aber: Eine junge Frau im tief ausgeschnittenen Dirndl mit unnatürlicher Sisi-Taille, dargestellt in einem Stil, gegen den Michael Jeannée ein Meister der feinen Klinge ist, hat ihren Lebensinhalt anscheinend darin gefunden, anderen Leuten überschäumende Bierkrüge nachzutragen. Wie das gender- und rassismussensible Zweckdichterbalg feststellte: Da ist es dann auch schon wurscht, ob die Frauen oder die Leute of color beleidigt werden.

Es bleibt das Freistädter Ratsherrn Premium, das immerhin ganz ohne Bild auskommt. Aber seien wir ehrlich: Die Kombination aus Heißfolienprägung à la 2003 und angeberischem Alte-weiße-Männer-Titel ist dadurch auch nicht zu retten.  

Das traurige Fazit der Suche nach der unanstößigen, aber brauunionfernen (schließlich soll das Zeug ja auch getrunken werden!) Mohrenablöse lautet also: Es kann schon sein, dass Bier nicht deppert ist. Über das Gebinde ist damit aber leider noch nichts gesagt. Man bringe den Spritzwein!


Freitag, 11. September 2020

Ist es er oder sie?

 

Ist mir, meine lieben Lesehäschen, eine persönliche Frage gestattet? Nämlich, ähem: Ist das bei den Häschen auch so wie bei den Karnickeln? Also, das mit der Herstellung kleiner Abbilder von sich selbst? Oder gehen die Häschen es ruhig an und freuen sich, wenn dann endlich ein einziger kleiner Hase hoppelt, gleich welchen Geschlechts? Beziehungsweise, wie man früher auf dem Land sagte: Ah, ein Mädchen? Na Hauptsache, es ist gesund.

Seither ist viel Wasser nicht nur die Donau, sondern auch z. B. den Colorado oder Sacramento hinuntergeflossen, und die Frage, was es denn ist, wird einerseits gendertechnisch ausgeglichener, aber offensichtlich auch angespannter gesehen. Deshalb gibt es – jeder Anlass ist recht! – die sogenannten Gender Reveal Parties, wo stolze künftige Eltern in festlichem Rahmen bekanntgeben, was beim Ultraschall herausgekommen ist. Gerne werden dabei rosa oder blaue Feuerwerkskörper – je nachdem – gezündet, was erstens doch ziemlich vorgestrig wirkt und zweites einen sehr ansehnlichen Waldbrand nahe Los Angeles ausgelöst hat. Das ist schade, zeigt aber nur, was eh klar war: dass die Gender Reveal Party nicht so recht zu Ende gedacht ist. Denn es kann sich ja bestenfalls um eine Sex Reveal Party handeln, insofern, als die primären Geschlechtsmerkmale – da haben wir die letzten 20 Jahre aufgepasst –keinen Rückschluss auf das Gender des kommenden Erdenbürgers beziehungsweise natürlich der kommenden Erdenbürg*er_in zulassen, und wenn alles gut geht, sieht die Endung eines genderistisch uneindeutigen Substantivs bald so aus wie die Sprechblasen im Asterix, wenn Majestix sich wieder einmal furchtbar ärgern muss.

Doch nicht nur die kleinen Kinder, selbst Unbelebtes bereitet einschlägige Schwierigkeiten.

Denn das Fahrrad ist zwar sächlichen Geschlechts. Aber wer irgendwann einmal in einem mehr oder weniger kapitalistischen Land war, der weiß: Man kauft kein Fahrrad. Man kauft zum Beispiel (in den finsteren 1970er- und -80er-Jahren) ein Puch Clubman, (besser: Puch Clubperson) oder, nicht viel löblicher, ein Puch Bergmeister (hier fehlt natürlich der Asterixfluch am Schluss). Heute sieht es auf den ersten Blick gendermaingestreamter aus, wenn man etwa zum „KTM Cross Line“ greift. So weit, so gut, aber halt: Daneben steht fast das gleiche Rad, mit allerdings nach hinten abfallendem Oberrohr, a.k.a. „tiefer Durchstieg“, und es heißt: Cross Line Lady.

Das geht natürlich nicht. Wenn die standardmäßige Modellbezeichnung das männlich besetzte Fahrad bezeichnet, ohne dass die Modellbezeichnung dies eigens ausdrückt, während aber die Fahrrädin ein Frauenetikett umgehängt bekommt, ist das ja ebenso untragbar, wie wenn sich Frauen umgekehrt von grammatisch männlichen Formen „mitgemeint“ fühlen sollen.

Sensiblerweise darf entweder keines der beiden Fahrradgeschlechter ein genderbesetztes Epithet bekommen – dann heißt zum Beispiel das eine „Cross Line Apfel“ und das andere „Cross Line Birne“ (unzulässig wären hingegen „Cross Line Melanzani“ und „Cross Line Pfirsich“ – Facebook-User wissen bereits, dass die entsprechenden Emojis geeignet sind, die zarten Gefühle der Facebook-Zensoren zu verletzen).

Oder aber beide bekommen gleichwertige Epitheta. Als Minimalversion gut vorstellbar wären etwa „Cross Line XX“ und „Cross Line XY“, weil wir ja wissen, wie die Krankheit heißt, bei der man nicht aufhören kann zu masturbieren: Y-Chromosom.

Da es aber gerade im Fahrradsektor nicht um eine pink tax geht (den Mehrpreis eines rosaroten Damenbeinrasierers gegenüber einem technisch identischen Herrengesichtsrasierer), sondern um greifbare Unterschiede wie das häufigere Tragen eines Rocks, ist es hier angezeigt, unmissverständlich zu werden, also etwa mit „Cross Line Hoden“ und „Cross Line Eierstock“.

Nur so als Vorschlag.

Schönes Wochenende!

Freitag, 4. September 2020

Rock on!

 

O Lesehäschen, gedenken wir Friedrich Hölderlins und seiner Worte: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Volkstümlich gesprochen: Es gibt sie noch, die guten Nachrichten. Zumindest, und das wird besonders Lese- und Nichtlesehäschen wie Erich Erna E. freuen, wenn man den Rock und Roll im Blut hat. Denn ganz offensichtlich hat Hölderlin, der alte Rock’n’Roller, an seine Lieblingsmucke gedacht, als er sein berühmtestes Gedicht schuf.

Der Rock steht ja dem Geschlechtsverkehr, so glaubt man, zwiespältig gegenüber. Einerseits haben wir Höhenkammvögler wie Herrn Presley, der wohl eher keinen Mangel an Geschlechtspartnerinnen litt. Ein Gleiches (Bonusgewinnspiel ohne Googlen: Mit welchen Worten beginnt das gleichnamige Gedicht von Goethe? Einziger Preis ist wie immer ein handwarmes Dosenbier.) gilt gewiss für Herrn Jovi und diverse andere Berühmtheiten. Wer den durchaus unterhaltsamen Film Rock Star gesehen hat, weiß: He’s a rock star now. The usual rules don’t apply, und damit sind ausdrücklich die Umgangsformen in gefestigten Zweierbeziehungen gemeint.

Auf der Rückseite der Münze stehen die Fans obgedachter Rocker, für alle Zeiten typisiert durch die Herren Beavis und Butt-Head eingeschworen auf Metallica (nämlich Beavis, das ist der Blonde, Bildungsauftrag erfüllt) respektive AC/DC (Butt-Head). Wie man an ihnen sieht, ist die passive Rock-Ausübung nicht annähernd so chickmagnetoid wie die aktive Spielart. Dachten wir bis jetzt, womit wir zur guten Nachricht kommen. Gebracht hat sie uns schon vor bald einem Dreivierteljahr, als noch kein Mensch gewusst hat, wofür MNS steht, Herr Dante Mantovani. Er ist Chef der brasilianischen Kulturstifung Funarte, und seine gute Nachricht lautet: Rockmusik führt zu Geschlechtsverkehr.

Darauf ein Bierchen, Herrschaften! Lassen wir es uns auf der Zunge zergehen: Rock’n’Roll führt zu Geschlechtsverkehr. Was Legionen von Fans in grobgemusterten Leggins und üppig benähten Jeanskutten kaum mehr zu hoffen wagten, ist damit kulturelle Gewissheit. Freilich hat Herr Mantovani sich nicht darüber ausgelassen, wie lang die Wartezeit eventuell werden kann. Und die Erforschung der rockbedingten Sexualität steckt zweifellos noch in den, nun ja, Kinderschuhen. Führt Led Zeppelin eher zum One-Night-Stand, Franz Ferdinand eher in den gemeinsamen Lebensabend? Mögen Maiden-Fans es härter als jene der Pixies oder auch von Motörhead? Oder eben nicht? Auch über die Qualität des Erlebten und ihre eventuelle Abhängigkeit von der bevorzugten Musikrichtung ist nichts gesagt.

Doch was kümmert’s uns! Corona-Ampel rauf oder runter, Hauptsache, das Rockersexlicht steht auf Grün. Schönes Wochenende!

Freitag, 28. August 2020

Feiner Unterschied

 

Willkommen zurück, o sommerlich erholte und unterm Pelz etwa gar zart gebräunte Lesehäschen! Mit lustig ist Schluss, wir fangen rechtzeitig vor der Corona-Ampelschaltung mit einem verzwickten Thema an.

Selbiges ist in diesen Satz verpackt, der einem Satz folgte, in welchem jemand etwas behauptete. Der Satz will heißen, dass die Wirtschaftskammer derselben Ansicht war: Die Wirtschaftskammer, die ebenfalls in das Projekt involviert war, behauptete selbiges.“

Die Frage ist hier nicht, ob das Gleiche und dasselbe identisch sind. Das ist sie nie, denn wir wissen ja: Wenn zwei das Gleiche tun, ist das noch lange nicht dasselbe, oder, damit wir den Bildungsauftrag gleich abhaken können: Duo si faciunt idem, non est idem, wobei die lateinische Fassung noch überzeugender wirkt, weil „das Gleiche“ und „dasselbe“ auf Latein dasselbe sind, nämlich idem.

Doch wir schweifen, wie allzuoft, ab. Was ist den nun mit Selbigem? Ist Selbiges dasselbe wie dasselbe?

Wie wir wissen, braucht man nichts zu wissen außer, wo man nachschlagen kann. Alsdann:

Duden kennt selbig so wie euer Ergebener, nämlich als altertümliches Demonstrativpronomen, das den Bezug zu etwas vorher Genanntem herstellt.

Es war der 28. August, als lautes Grölen durch die Gänge der Agentur scholl. An selbigem Tag war die gesamte Geschäftsführung bei einer Klausur versammelt, wobei die Abstandsregeln selbstverständlich eingehalten wurden. Zum Thema Abstandsregeln eine Information im öffentlichen Interesse, die ich vom österreichischen Beagleclub weitergebe: Vier Beaglelängen entsprechen einem Babyelefanten. Bitte berücksichtigen, danke!

Schon wieder abgeschweift, aber was soll’s: Wir sprechen also vom 28. August, und im nächsten Satz reden wir noch einmal von ihm, was durch selbiges ausgedrückt ist. Man könnte auch sagen: an jenem Tag, was vollrohr aufgelegt ist, weil ja jenes auch ein Demonstrativpronomen ist.

So schnell geht das, wenn die Sonne scheint und der Schulanfang erst noch bevorsteht: Nicht nur sind das Gleiche und dasselbe nicht dasselbe, auch selbiges ist noch einmal etwas anderes. Die gute Nachricht: Kommt nicht zur Prüfung, man kann stattdessen einfach dieses oder jenes sagen, welche beiden freilich auch nicht dasselbe sind, aber da wollen wir jetzt nicht in die Tiefe gehen.

Viel lieber präsentiere ich nicht etwa das Feedback der Woche (die kundenseitigen Herrschaften geben sich dieser Tage sehr zahm), sondern zwei wunderbare Zitate: Das erste stammt von einer Gastwirtin, die das Vertrauen eures Kolumnators genießt. Von selbigem auf den Verlauf der heurigen Sommersaison angesprochen, die ja gerade im inneren Salzkammergut von einem, wie H.C. Strache sagen würde, Bevölkerungsaustausch geprägt war, womit Hazeh ausnahmsweise einmal recht hätte und sich womöglich sogar freuen würde, weil nämlich statt ganz viel chinesischer und koreanischer Gäste fast ebensoviele österreichische Gäste durch Anwesenheit glänzten – in Bezug auf diese Sommersaison also teilte obgedachte Gastwirtin Straches Begeisterung für den Inländer als solchen nicht, denn: „Österreicher ist immer ein Problem.“ Das dürfen wir uns ruhig zu Herzen nehmen und uns beim Wirten auch dann ordentlich und höflich aufführen, wenn es nicht der Wirt ums Eck, sondern achtunddreißig Dörfer weiter ist und wir so bald nicht wiederzukommen gedenken.

Das zweite Zitat hat Helga Rabl-Stadler geliefert. Sie rät Kulturveranstaltern in Covid-Zeiten: Man sollte möglichst wenig Buffetsituationen haben.

Words to live by, würde ich sagen. Und schönes Wochenende!